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Mit humoristisch ausgefeilter Wut und launig entgleisender Verzweiflung taucht Roland Spranger in das Leben zweier Schauspieler ein. Thorsten Danner, Theaterschauspieler, weiß, dass Applaus keine Rechnungen zahlt. Genervt von Regie-Ideen aus der Geisterbahn und dem Chili in der Theaterkantine schreitet er zur Selbstverteidigung gegen die künstlerische Selbstausbeutung in einer BWL-Welt. Andreas Leopold Schadt, Ex-Tatort-Kommissar, hinterfragt deutsche Krimis und das Trauma einer B-Promi-Karriere – von schlechten Frisuren bis zur Erfahrung, als Leiche im Wald zu liegen. Zwei, die auf dem Bauch landen und trotzdem weitermachen – ein scharfer Blick auf Theater, Film, Fernsehen und die schwierigste Kunst: das Leben. Der Autor Spranger diskutiert währenddessen mit einer KI über das Scheitern als das künstlerische Format unserer Zeit.
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Seitenzahl: 170
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Die Kunst
der
Bauchlandung
von
Roland Spranger
Impressum
1. Auflage: April 2025
© Edition Outbird, Gera
www.edition-outbird.de
Covergrafik: Ingo Franz
Lektorat: Vanessa-Marie Starker, Tristan Rosenkranz
eBook-Formatierung/-konvertierung: Hannah Rafalski
ISBN: 978-3-948887-85-8
Alle Rechte vorbehalten.
Die Edition Outbird ist Mitglied im Lese-Zeichen e. V., im Thüringer Literaturrat, im Schöne-Bücher-Netzwerk und im
Phantastik-Autoren-Netzwerk e. V.
Danner.
Der Schadt-Komplex
Scheitern
I love acting. It is so much more real than life.
Oscar Wilde
The play was a great success, but the audience was a disaster.
Oscar Wilde
Maße des Wohlbefindens
Selbstbehauptung
für 1 Schauspieler
Hallo.
Ich heiße Danner.
Schön, dass Sie da sind.
Ich bin quasi auf Sie angewiesen.
Als Schauspieler lebt man ja vom Applaus.
Verstehen Sie?
Vom Applaus.
Schon gut. Beruhigen Sie sich. Sie können aufhören zu klatschen. War nicht ernst gemeint. Vielleicht hätte ich Zwinkern sollen wie das Emoji bei Ironie im Internet, damit Sie gewarnt sind.
Natürlich lebe ich als Schauspieler nicht vom Applaus, sondern von dem, was es hier am Haus in der Kantine gibt. Heute Chili con Carne. Da weiß ich: Das sind die Essensreste von gestern.
Und natürlich lebe ich von meiner Gage. Deshalb bin ich tatsächlich auf Sie angewiesen. Immerhin waren Sie so dämlich, eine Eintrittskarte für den heutigen Abend zu kaufen. Dafür wollen sie gut unterhalten werden. Mich würde als Zuschauer ein Monolog niemals gut unterhalten. Da steht ein einzelner Typ auf der Bühne und quatscht. Oder noch schlimmer: Der Regisseur hat sich was einfallen lassen. Meistens wird das Ganze unnötig in die Länge gezogen. Zwei Stunden Monolog. Drei Stunden Monolog. Monolog-Marathon. Monolog-Iron-Man. Schlimmstenfalls bereichert um Video-Clips und andere coole Einfälle aus den 80er-Jahren. Immerhin: Heute Abend gibt es keine Video-Clips. Das verspreche ich Ihnen. Das Haus muss Geld sparen. Da sind nur Sie und ich. Das letzte Aufgebot. Die letzten Idioten, die noch ins Theater gehen und nicht bei Netflix sind. Und wirkt Theater neben Netflix nicht wie eine überkandidelte Kostümparty?
Wahrscheinlich wären sie lieber bei Netflix. Ich auch.
Und so sehr bin ich gar nicht darauf angewiesen, dass sie da sind. Das ist alles hochsubventioniert hier, um das Theater vor dem Aussterben zu retten, weil ein paar Kulturpolitiker die Idee haben, dass es etwas Besonderes ist, wenn sich Menschen in einem Raum treffen. Sich für eine bestimmte Zeit verabreden.
Talent gegen Aufmerksamkeit.
Text gegen Zuhören.
Theater gegen bequemen Sessel.
Virus gegen neuen Wirt.
Apropos „Virus“: Ich hoffe, Sie sitzen entspannt und mit dem nötigen Abstand in unserem Hygienekonzept. Bitte kein überflüssiges Husten. Bonbonpapier-Geraschel geht gar nicht. Oder Getuschel und Lachen an den falschen Stellen. Wenn ein Handy während der Vorstellung klingelt, dann pack ich meine Knarre aus und baller in die Zuschauerreihen. Keine Sorge: Natürlich in die Richtung aus der der Handy-Klingelton kam. Alle ohne Mobiltelefon sollten halt in Deckung gehen, damit sie nicht getroffen werden. Im Gegensatz zu den Religionsfaschisten im Bataclan (Paris) schieße ich nicht von hinten. Da sind Sie klar im Vorteil.
Jetzt denken Sie: Der Danner hat keine Knarre.An deutschen Theatern gibt es keine scharfen Waffen. Und sogar die Schreckschusswaffen müssen in einen von diesen lustigen tragbaren Tresoren. Die Regieassistentin läuft damit durch die Gegend, als wäre sie eine Aushilfe im Baumarkt. Privat haben erfolgreiche Schauspieler Bodyguards und fahren mit einer Stretch-Limousine. Ich natürlich nicht. Ich bin mit dem Fahrrad hergekommen. Dauernd nehmen einem SUVs die Vorfahrt. Absichtlich. SUVs sind der natürliche Feind des Radfahrers. Da draußen herrscht Krieg. Autofahrer gegen Radfahrer. E-Biker gegen Fußgänger. Hundekacke gegen Fußgänger. Es läuft darauf hinaus, dass Fußgänger die Opfer sind, und auf Entsolidarisierung.
Privatversicherte gegen Kassenpatienten.
Arbeitslose gegen Langzeitarbeitslose.
Versandhändler gegen Innenstädte.
Borkenkäfer gegen Waldbesitzer.
Klimaschützer gegen Windparkgegner.
Fairtrade gegen ‚Geiz ist geil‘.
Impfgegner gegen eine Allianz aus Masern und Covid 19.
Oder Russland gegen Ukraine. Das ist in Echt, mit Irren, die Atomraketen in der Garage haben.
Da draußen herrscht Krieg, und wir werden ihn leider nicht auf der Playstation entscheiden. Und auch nicht in der Schaubühne als moralische Anstalt.
Til Schweiger hat einen Bodyguard, weil er sonst ständig auf die Fresse kriegen und infolge noch mehr nuscheln würde. Es verbindet, wenn der Leib bewacht wird. Til Schweiger sagt über seinen Schutzengel: „Ich liebe diesen Menschen von ganzem Herzen. Ich würde mir für ihn die Hand abhacken lassen.“
Erst mit Handabhacken fangen für Til Schweiger überhaupt Beziehungen an. Und natürlich hat Til Schweiger das Grundprinzip des Personenschutzes nicht verstanden, denn der Bodyguard soll ja gerade verhindern, dass bei seinem Klienten Körperteile ohne Zustimmung entfernt werden.
Das Problem: Ich verdiene nicht annähernd so viel wie Til Schweiger. Und das ist eine Riesensauerei. Weil ich nämlich R-E-D-E-N kann. Weil ich meine Zähne auseinanderkriege.
Ich habe große Rechte, über die Natur ungehalten zu sein, und – bei meiner Ehre! – ich will sie geltend machen.
Schiller. Die Räuber – Akt 1, Szene 1.
Weil ich Schauspielern kann. In unterschiedlichste Rollen schlüpfe, während andere aus ihrer rollentechnischen Einseitigkeit ein Markenzeichen machen. Raten Sie mal, wer am Start ist, wenn es einen Macho mit Herz braucht?
Til Schweiger kann nur Til Schweiger.
Ich kann noch was anderes als nur Danner.
Trotzdem verdiene ich einen Bruchteil der Gage von diesem Schauspielplacebo. Nur einen sehr kleinen Bruchteil. Einen Nano-Euro. Eine Atom-Bruchteil-Gage.
Und warum?
Weil Sie sich diese unsagbar schlechten Filme anschauen. Diesen Rotz. Massenkompatibel ist das Gegenteil von Sachwarmintelligenz. Sie scheißen Til Schweiger mit Geld zu,
und dann kommen Sie hierher und wollen von mir gut unterhalten werden.
Na, schönen Dank!
Und Sie denken: Der Danner hat doch keine Knarre!
Da frage ich Sie: Was ist dann das? Na, wie schaut es aus?
Wie eine Pistole.
Wie eine echte Pistole.
Ich kann sie sogar entsichern.
Hab ich von einem Filmdreh. Geklaut, ich geb‘s gleich zu.
Ja, ich hab auch schon Filme gemacht. Sind Studentenfilme etwa weniger wert? Da steckt wenigstens noch unverbrauchte Kreativität drin. Da kann Konsum noch draußen bleiben. Einer der Studenten hat sich die von seinem Vater ausgeliehen. Sportschütze. Ich hab keine Ahnung, ob der Vater wirklich davon wusste. Und ich bin auch nicht der Meinung, dass Sportschützen so was zuhause haben müssen, um Trockenübungen zu machen. Irgendwann schnappt sich ein Irrer die Knarre und startet damit einen gepflegten kleinen Amoklauf.
Sie glauben nicht, dass es auf einem Filmset echte Feuerwaffen gibt? Ständig werden Schauspieler erschossen. Brandon Lee zum Beispiel bei den Dreharbeiten zu The Crow. Es gibt Filmsets, da sterben die Beteiligten wie die Fliegen. Alle haben echte Waffen außer Til Schweiger. Der hat nur Schreckschusspistolen.
Mein Autor legt an dieser Stelle Wert auf einen Hinweis: Tatsächlich hatte er die Feuerwaffen-auf-Filmsets-Sequenz schon geschrieben, bevor Alec Baldwin auf dem Set eines Westernfilms die Kamerafrau Halyna Hutchins mit einer echten, antiken, falsch geladenen Schusswaffe erschoss. Autoren sind eitler als Schauspieler. Ich kann in viele Rollen schlüpfen, ein Schriftsteller kann immer nur er selbst bleiben. Und nach Lesungen ständig die Frage, ob der Text autobiographische Bezüge hat. Ist ja auch blöd.
Diese Waffe ist jedenfalls echt und richtig geladen.
Ich warte jetzt einfach, bis der Erste hustet. Oder die Erste. Ein Handy klingelt. An der falschen Stelle gelacht wird. Und dann spritzen Blut … Gehirnmasse ... Knochensplitter … Haarreste.
Ich steh einfach mit meiner Knarre da und warte.
Weil ich es kann.
Jemand wird husten.
Oder hysterisch lachen.
Ein Handy wird klingeln.
So ist es immer.
Dann werde ich cool die Waffe dorthin richten, wo das Geräusch herkam.
Alle Unschuldigen gehen besser in Deckung.
Keine Sorge. Ich drück nicht ab. Wir wollen keine Sauerei hier. Wir wollen einen schönen Abend hier verbringen, und nicht den osteuropäischen Reinigungskräften beim Einsatz zusehen. Wir machen hier in Hochkultur, auch wenn es schwierig ist. Es gibt ja keine Hochkultur mehr. Die Übereinkunft zur gleichen Zeit am gleichen Ort gemeinsam Theater zu erleben, ist doch nur noch ein Artefakt aus der Kultur-Archäologie.
Ich hab ein paar befreundete Autoren um Texte gebeten, und das Problem ist: Sie haben mir Texte geschickt. PDF-Dateien aus denen dich das blanke Elend anstarrt. Literatur kurz vor der Selbstverachtung. Pop. Dokumentar- und Diskurstheater. Textflächen. Postdramatik. Wie sich Autoren Theater vorstellen, die noch nie in ihrem Leben einen Dialog geschrieben haben. Und jeder Satz aufgeladen mit Metaebene. Kennen sie Metaebene? Da turnen die alle darauf rum. Die Entstehung eines Werks oder die Produktion wird selbst zum Inhalt.
Wie bei Blair Witch Project.
Im Oktober 1994 verschwanden drei Studenten in den Wäldern von Burkittsville, Maryland, beim Dreh eines Dokumentarfilms. Ein Jahr später wurden ihre Filmaufnahmen gefunden.
Die ganze Zeit verwackelte, unscharfe 16mm- und Video-Aufnahmen von Amateurschauspielern im Wald. Low-Budget-Studentenfilm, aber der Film war super erfolgreich. Manche hielten das für eine echte Doku. Sie glauben, das würde heute keinem mehr passieren, aber es gibt immer noch Leute, die an die Fußball-Bundesliga glauben. Oder die sich für Augenzeugen halten, wenn sie eine Doku-Soap auf RTL 2 einschalten. Alles authentisch. Und Gottes geheime Überwachungskameras sind überall dabei. Zum Beispiel, wenn der Mann fremd geht. Oder die Frau. Irgendeiner geht immer fremd. Und manchmal werden die Kinder im Krankenhaus vertauscht und treffen sich nach Jahren zufällig im Nachhilfeunterricht. Blair Witch Project war jedenfalls ein beschissener Film. Er ist total langweilig.
Und die ganzen Theatertexte sind es auch. Was interessiert es mich, wie Theaterautoren drauf sind, während sie schreiben? Kein Schwein interessiert sich für die ganze Befindlichkeitsscheiße. Damit behelfen sich diese selbstbezogenen Narzissten, weil sie sich nicht in andere Menschen hineinversetzen können. Bitte nicht falsch verstehen: Ich hab nichts gegen Persönlichkeitsstörungen. Einige meiner besten Freunde sind Narzissten oder Autoren. Und trotzdem: Kriegt mal einen geraden Satz raus, ihr Autor*Innen mit Gendersternchen, möchte ich denen zurufen, aber ich bin ja viel zu nett. Und ständig die Zitate. Texte mit einem halb aufgeladenen Akku und in der Metaebene und nicht gerade raus. Wenn ich schon Pop zitiere, dann könnten es wenigstens die richtigen Momente sein:
Talking Heads statt Apache 207.
The Smiths statt Depeche Mode.
Lana Del Rey statt Taylor Swift.
Egal. Autor*Innen sind ja auch ein Auslaufmodell. Das performative Theater braucht keine Schauspieler und keine Dramen mehr. Beides gibt es künftig nur noch bei Netflix. Gefragt ist Authentizität. Keine Schauspieler, die in andere Rollen schlüpfen, sondern Performer, die ihre eigene Existenz zum Thema machen. Authentisch sind. Wir könnten zum Beispiel darüber reden, warum meine Ehe in die Brüche gegangen ist. Dazu gibt es allerdings zwei Perspektiven: meine eigene, und die meiner Ex-Frau. Selbst dazu, wie ich während unserer Beziehung meinen Abwasch erledigt habe, sind wir wahrscheinlich unterschiedlicher Meinung. Und damit fängt‘s ja erst an. Mit Analverkehr geht es weiter. Ich kann gar nicht allein über meine Geschichte verfügen. Behauptete Authentizität ist eine Illusion, manchmal sogar eine Lüge.
Wir, also ich und die anderen Mädchen und Jungs am Seminar, wir sind Schauspieler*Innen geworden, weil wir in andere Rollen schlüpfen wollten.
Romeo und Julia.
John Smith und Pocahontas.
Die Schöne und das Biest.
Salz und Pfeffer.
Batman und Robin.
Heutzutage stehen wir als künstlerische Geschöpfe auf der Bühne, und es ist verpönt, jemand anderes zu sein. Bestenfalls sind wir noch Splitter oder Fragment. Die Allermeisten werden doch Schauspieler, weil sie von sich wegwollen. Weil sie auf der Flucht sind.
Und als was stehe ich heute hier?
Danner.
Subjektiv.
Authentisch.
Gefühlsecht.
Ehrlich wie ein Selfie auf Instagram oder Facebook.
Oder gibt es andere Meinungen dazu? Ich hoffe nicht. Wenn wir uns auf Massenmord einigen sollten, muss ich Sie bitten, sich hintereinander aufzureihen. Um so viele wie möglich mit einem Schuss zu erwischen. Das Magazin fasst nur zwölf Kugeln. Das ist fast zu wenig für ein richtiges Gemetzel.
Was soll‘s? Ich bewege mich selbst immer mehr von der Schauspielerei fort. Ja, klar: Sie sehen mich hier stehen – und Sie dürfen nicht Husten, nicht Lachen, nicht Telefonieren. Das ist unangenehm für uns alle. Ich mach mich hier auf der Bühne zum Affen – und Sie sind die vierte Wand, die nicht husten darf. Sie müssen jetzt SEHR stark sein: Sie interessieren mich nicht wirklich. Eigentlich gar nicht. Und es ist ja auch nicht mein Berufsbild als Schauspieler, Sie im Softporno-Wellness-Bereich zu bedienen. In der Kultur-Sauna mit mentalem Aufguss und Brain-Peeling.
Für mich ist das hier ein prekäres Beschäftigungsverhältnis. Glauben Sie ernsthaft, dass der Eintrittspreis wirklich bei mir in der Höhe ankommt, die Sie sich vorstellen?
Weil ich den Liebhaber nicht spielen kann,
die Tage voll Geschwätz mir kürzend,
so hab ich beschlossen,
hier den Dreckskerl aufzuführen,
zu hassen all die Scherze dieser Zeit.
Um überleben zu können, habe ich mittlerweile Coachings als neue Einnahmequelle entdeckt. Ich bin ein begabter Trainer. In meiner Jugend habe ich Fußball gespielt. Das war gute alte Schule. Wir haben damals noch Kopfball-Training gemacht. Da hat sich keiner dafür interessiert, was mit dem Hirn eines Vierzehnjährigen beim Kopfball passiert. Wie es im Schädel hin und her schießt, und vorne und hinten gegen die Knochen klatscht.
Als Coach führe ich gestresste Manager auf die Metaebene.
Wir sollten alle ein Gefühl dafür bekommen, wohin sich unser Leben bewegt. Ich habe durch die Wehrpflicht zu mir gefunden. Nein, nicht durch Biertrinken in der Kaserne. Ich bin Kriegsdienstverweigerer. Als Kriegsdienstverweigerer gehört man natürlich nicht zu den Gewinnern, wenn gerade alle Pfirsichkonserven und Klopapier kaufen, um sich auf einen russischen Einmarsch vorzubereiten, und der Staat für 100 Milliarden die Rüstungsindustrie subventioniert. Zivildienst gibt’s auch keinen mehr. Hat uns nicht geschadet. Wir haben im Altenheim auf Nachtwache gekifft. Und gelesen. Gab ja noch keine Handyspiele oder YouPorn. Ich habe die richtigen Metaphern aus der Lektüre von kriegsstrategischen Büchern erlernt. Ja, der Mensch ist voller Widersprüche. Vor allem Sun Tzu war mein Lehrmeister.
Wenn du dich und den Feind kennst, brauchst du den Ausgang von hundert Schlachten nicht zu fürchten. Wenn du dich selbst kennst, doch nicht den Feind, wirst du für jeden Sieg, den du erringst, eine Niederlage erleiden. Wenn du weder den Feind noch dich selbst kennst, wirst du in jeder Schlacht unterliegen.
Dass es dauernd um Krieg geht, sorgt dafür, dass die Texte ein bisschen negativ zu lesen sind, andererseits kann man vieles daraus für sein eigenes Leben einsetzen.
Zuerst müssen wir unterscheiden: Es gibt Strategie und Taktik. Ich geb‘s zu – mir war der Unterschied früher auch nicht klar. Taktik ist das, was du im Moment machst.
Gehen wir durch die oder die Tür?
Wo ist die Sprengfalle?
Wo kriegen wir einen Headshot?
Das ist sehr in einem engen direkten, kleinen Rahmen. Da, wo es gleich weh tut.
Und Strategie ist das, bei dem Sie das ganze Geschehen - also zum Beispiel: Ihr Leben – aus der Vogelperspektive betrachten können. Ist es vielleicht besser, die Elefanten über die Alpen zu schicken, oder sie ins U-Boot zu laden? Sehr schlecht ist es, in der „Tactical Hell“ gefangen zu sein. Alles vom Schlachtfeld aus zu sehen, und den Überblick zu verlieren. Nur zu reagieren. Es ist immer doof, wenn man in sich drin ist. Und dann schaut man aus sich raus. Aus dem Basement.
Natürlich ist jeder mal im Keller, aber dann ist es halt verdammt cool, wenn du die innere Drohne starten kannst. Aus deinem Kopf. Wo du dann siehst, wo deine Elefanten gerade sind. Auf dem Gletscher oder im Mittelmeer.
Ich hoffe, ich habe das verständlich ausgedrückt. Gibt es Fragen dazu? Sie müssen keine Angst haben, nur weil ich eine Knarre habe.
Wie fanden Sie die Elefanten? Oder das mit der inneren Drohne? Das war doch gut. Ein Moment, in dem Sie selbst entscheiden, und nicht nur der Fernseher zu Ihnen spricht. Stellen Sie sich vor, wie die Schädeldecke wegklappt und die innere Drohne abhebt. Grenzen überwinden und das Unmögliche schaffen.
Wie Sie aufhören, sich selbst im Weg zu stehen.
Wie Sie Ihre Stärken erkennen, zielgerichtet einsetzen und maximieren.
Wie Sie den Traumprinz für‘s Leben finden, erobern und behalten.
Wie Sie sich selbst der Partner sind, den Sie sich wünschen.
Wie Sie ihre Hirnwichserei abstellen und das Leben genießen.
Ich mag Workshops in der Toskana. Man kann unrasiert in kurzen Hosen und Sandalen kommen. Das Essen ist mediterran, und die braven mitteleuropäischen Kursteilnehmerinnen werden in Italien plötzlich auch mediterraner und aufgeschlossener. Liegt vielleicht an den Auberginen im Essen. Italien ist ja das Sehnsuchtsland der Deutschen. Mein Top-Kurs: Was wir von grauen Schnauzen über das Leben lernen können. Alte Hunde können uns viel beibringen: Nimm jeden Tag als Geschenk. Kümmer dich um dein Rudel. Nimm hin, was nicht zu ändern ist. Vergib, solange du lebst. Du bist nie zu alt für neue Tricks. Das sind so Bestätigungs-Workshops, bei denen die Leutchen zu hören kriegen, was sie hören wollen. Hundebesitzer sind sehr leicht zu durchschauen. Genau wie Hunde. Die sind ja auch doof. Ich bin eher der Katzentyp. Katzen und Menschen lassen sich mehr oder weniger in Ruhe bis auf‘s Pflichtstreicheln und das Kühlschranköffnen. Wenn ich meinem Kater in die Augen schaue, weiß ich sofort, was er denkt: Wenn du kleiner wärst, würde ich dich fressen.Jedenfalls, wenn du kleiner wärst, und ich selbst den Kühlschrank öffnen könnte. Manchmal gehe ich nachts barfuß und in Unterhose zum Kühlschrank und hole mir ein Bier raus, nur um zu spüren, wie der Kater um meine Füße streift, seinen Kopf an meinen Knöcheln reibt und sehnsuchtsvoll nach oben schaut: zu mir. Das ist ein erhabener Moment. Single-Mann und kastrierter Kater ist mehr eine Zweck-Wohngemeinschaft. Hund und Mensch ist ja eher eine schlechte Ehe. Ich sah neulich eine sehr fette Frau, die drei Windhunde ausführte. Bei dem Anblick musste ich laut loslachen. Ich hab sofort auf die andere Straßenseite geschaut, damit mein Gelächter nicht verletzend ist. Ich hab eigentlich nichts gegen Dicke. Oder Windhunde. Immerhin weißt du mit einem Hund immer, wie spät es ist. Wenn es Zeit ist, Gassi zu gehen. Bei Wind und Wetter. Kacke aufsammeln am heißesten Tag des Jahres. Dein Schweiß tropft in die Scheiße. Kacke aufsammeln im Starkregen. Alles gut durchweicht. Kacke aufsammeln im Schnee. Kacke aufsammeln im Nebel. Kacke aufsammeln im Mondlicht. Und immer schön eintüten in die anthrazitgrauen Hunde-Kacke-Tüten.
Seit einiger Zeit hängen immer mehr davon an Bäumen. Aufgehobene und eingetütete Kackehaufen festgeknotet an Bäumen.
Ich weiß nicht, wogegen die Eintüter protestieren. Vielleicht für die Meinungsfreiheit. Oder die Freiheit, Kacke überall liegen zu lassen. Oder vielleicht erheben sie mit dem aufgehängten Plastikbeutel die Stimme, um auf ihr diffuses Gefühl allgemeiner Unzufriedenheit aufmerksam zu machen.
Ich will jedenfalls keinen Hund, weil er scheißen muss.
Ich will auch kein Wohnmobil, weil ich dann mit meiner eigenen Scheiße durch die Gegend fahren muss.
Ist das zu real für Sie?
Sind hier Hundebesitzer im Publikum?
Oder Wohnmobilreisende?
Ich hoffe nicht. Das soll ja ein politisch korrektes Programm sein. Über Hundehalter sollten nur Hunde reden. Und nur Wohnmobile sollten über Wohnmobileigentümer sprechen. Und die Schönheit von Wohnmobilstellplätzen. Und die Geselligkeit, wenn man sich nicht abseits stellt.
Also liebe Hundehalter und Wohnmobilbesitzer, es lag mir fern Sie mit meinen Ausführungen zu verletzen. Alles gut. Ich liebe ihren ferngesteuerten Kampfhund. Alles gut. Ich liebe ihr eingetütetes Wohnmobil. Ich kann den Impuls verstehen, mit seiner eigenen Einrichtung durch die Gegend zu fahren. Man will in Sicherheit sein.
Alles gut.
Manchmal geht es einfach mit mir durch. Das würde heute Fußball-Profis nicht mehr passieren, weil sie von Leuten wie mir gecoacht wurden. Deshalb sagen sie nur noch Floskeln, auf die sich alle einigen können, aber in Ultra-HD. Früher sagten Fußballer Sachen in VHS, sogar die Trainer:
Ich kann diesen Scheißdreck nicht mehr hören – das muss ich ganz ehrlich sagen. Ich kann diesen Käse nicht mehr hören. Und bei jedem Spiel, wo wir kein Tor geschossen haben, da ist noch ein tieferer Tiefpunkt, als wir schon hatten. So einen Scheiß, den kann ich nicht mehr hören. Das lasse ich mir nicht mehr lange gefallen. Das ist für mich das Allerletzte, muss ich ehrlich sagen. Du sitzt hier locker bequem auf deinem Stuhl und hast drei Weizenbier getrunken.1
Die Wahrheit sagt heute keiner mehr, dafür aber authentisch.
Überall sieht man diese kantenlose Professionalisierung. Ohne Anecken zur Selbstoptimierung. Verlogene Scheiße. Die älteren Kolleginnen und Kollegen erzählen von nächtelangen Gelagen mit dem Regisseur – und zwar nicht erst nach der Premiere, sondern schon nach der ersten Hauptprobe. Wir Nachgeborenen gehen brav früh ins Bett, und nach dem Aufstehen machen wir uns einen Smoothie. Spinat. Mango. Apfel. Banane. Dann Yoga. Sprechtermin beim Radio und Doppelvorstellung am Sonntag warten auf uns. Und schnell ein Selfie mittendrin. Alles gestylt, sauber, ohne wirkliche, persönliche Beziehung, weil alle eh das gleiche machen, da läuft man nur brav mit. Ein Hoch auf das Halbzeitbier der Schiedsrichter. Früher haben Schiedsrichter ja schon mal besoffen eine Partie gepfiffen – und sie waren nicht unbedingt schlechter als der Video-Beweis.
Falls Sie es noch nicht verstanden haben…
Oder soll ich Ihnen gleich das Hirn rausballern? Sie glotzen mich ja schon die ganze Zeit so dämlich an!
Also für alle, die es noch nicht verstanden haben:
