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Mord oder Unfall? Eine Leiche am Ufer des Sees und vorerst keine verwertbaren Spuren. Für die Polizei gibt es keinen Grund, von der üblichen Routine abzuweichen. Es beunruhigen weitere ominöse Todesfälle, die von den äußeren Umständen nicht unterschiedlicher sein könnten, wenn da nicht diese ungewöhnlichen "Lanzen des Siloschwanzes" wären. Es sind die Teile eines landwirtschaftlichen Gerätes, eines Siloschwanzes, die zu tödlichen Waffen werden, nutzt man sie als Mordwerkzeuge. Was bezweckt der Täter mit seinen Tathergängen? Wie schicksalhaft und berührend könnte der Zusammenhang zum Leben zweier Kinder sein?
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Seitenzahl: 310
Veröffentlichungsjahr: 2023
Inhalt
Impressum 3
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34 155
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36 166
37 173
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39 185
40 188
41 198
42 203
43 207
44 211
45 220
46 221
47 223
48 232
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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© 2023 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99131-789-0
ISBN e-book: 978-3-99131-790-6
Lektorat: Leon Haußmann
Umschlagfotos: Sanchai Rattakunchorn, Hugolacasse, Maraikehofer, Ermess | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
1
Er brauchte sich nicht abzukühlen. Durch das noch ausstehende Abendbrot war sein Magen leer und damit eine übermäßige Herzkreislaufbelastung nicht zu befürchten.
Rechts vom Bootssteg ging es erst einmal einige Meter flach in den See, der, ringsherum malerisch vom Laubwald eingebunden, Ruhe und Geborgenheit ausstrahlte. Einige schneeweiße Kumuluswolken am Himmel rundeten das Bild trefflich ab. Ein Saum von Schilf und Rohrkolben, mal schmal, mal bis zu 20 m breit, glänzte im Sonnenlicht. Nur der Bereich des Steges schien von der Natur ausgespart, damit Menschen ihrem Bedürfnis nach Sport und Ruhe hier nachgehen konnten.
Schon zu Hause hatte er sich unter die schwarze Jeans seine Badehose angezogen. Gerne durfte seinerseits auch früher mal nackt im See gebadet werden. Nachdem es einige missbilligende Blicke gegeben hatte, verbunden mit einem tadelnden Kopfschütteln einer älteren Dame, wurde freiwillig auf diese Art von Körperkultur verzichtet. Er genoss es jedes Mal, in Badelatschen nur den kurzen Weg von einigen hundert Metern zum See zurücklegen zu müssen. Der Haustürschlüssel verschwand in einem kleinen Versteck hinter der Dachrinne der Garage. So musste man am See nur aus den Latschen und der Hose herausschlüpfen, das Shirt abstreifen, um dann schlurfend die ersten Meter im Wasser zurückzulegen. Sobald das Wasser den Bauchnabel berührte, warf er sich ins kühlende Nass, um sofort mit kräftigen Zügen in Richtung Seemitte zu schwimmen. Nicht selten konnten kleine Jauchzer des Wohlbefindens vernommen werden. Es war immer, als würde sämtlicher Ballast von ihm fallen. An diesem Tag war er aber ein wenig aus dem Rhythmus, fiel ihm doch jäh ein, sein Handy nicht wie gewohnt zu Hause gelassen zu haben. Allerdings kam es nie vor, dass sich jemand seiner abgelegten Kleidung näherte. Es musste heute eben das eine oder andere Mal mehr ein prüfender Blick zurückgeworfen werden.
Ein Blässhuhn kreuzte schwimmend seine Bahn und verschwand kopfnickend in Richtung Schilf. Man kannte sich von den vielen Begegnungen in diesen Tagen.
Er verzichtete seit einiger Zeit auf das Aufsetzen einer Schwimmbrille, die eigentlich geboten war, da sein Kopf beim Durchzug der Arme immer weit unter die Wasserlinie tauchte. Ohne Brille war unter Wasser schlechter zu sehen – oft blieben die Augen ganz zu –, aber dafür konnte man oberhalb der Wasserlinie den traumschönen Blick über den See besser genießen. Oder wie in diesem Moment die beiden gaukelnden Kohlweißlinge.
Es fühlte sich an, wie der Einschlag einer feurigen Lanze: Ein unfassbarer, noch nie erlebter Schmerz schoss in seinen Bauchraum und drohte im gleichen Augenblick, sein Bewusstsein auszuschalten. Durch seine derzeitige Kondition und den durch die zurückgelegte Schwimmstrecke hochgefahrenen Kreislauf war es ihm möglich, sich über Wasser zu halten und nicht ohnmächtig zu werden. Verzweifelt versuchte er, sich im Wasser auf den Rücken zu drehen, was nicht gelang. Es war, als wenn seine Bauchmuskulatur komplett außer Kraft gesetzt wurde. So musste er versuchen, sich unter Wasser zu krümmen. Es glückte immerhin so weit, dass seine rechte Hand ertastete, was mit ihm Unglaubliches passierte. Unterhalb des rechten Rippenbogens schien ein riesiges Loch zu klaffen. Das Entsetzen, zusammen mit den unerträglichen Schmerzen, nahm ihm jetzt doch kurz die Besinnung, die er wiedererlangte, nachdem er anfing, Wasser zu schlucken. Verzweifelt erreichte er noch einmal die Wasseroberfläche, die begann, sich einzutrüben. Zerrissene Darmschlingen tauchten neben ihm auf, gaben blubbernd und stinkend ihren Inhalt an die Oberfläche ab.
Abrissartig schoss ihm ein Bild aus der Kindheit durch den Kopf: Der örtliche Hausschlachter vor einem mit Holz befeuerten Schlachtkessel stehend, damit beschäftigt, die Därme des Schweines mit Hilfe des letzten Waschens im heißen Wasser auf das Füllen mit Wurst vorzubereiten. Der Unterschied zu damals: Die Eingeweide vom Schwein waren weiß, schon fast sauber und nicht zerfetzt, so wie jetzt die seinen.
Dunkelrote Brocken, vermutlich Teile seiner Milz, die durch den Auftrieb der gasgefüllten Eingeweide mitgerissen wurden, tauchten an der Oberfläche auf. Er versuchte, Schreie auszustoßen, war ihm doch klar, unweigerlich sein Ende zu erleben. Wasser drang immer wieder in Mund und Nase und erstickte jeden Laut. Es war nur noch eine Frage von wenigen Sekunden, ob er eher verbluten oder ertrinken würde.
Das Schicksal war gnädig. Der Bauchraum füllte sich mit dem kühlen Seewasser und der brennende Schmerz wurde dadurch weniger. Als dieser Ballast ihn aber nach unten zog und er begann, Wasser einzuatmen, schwanden seine Sinne.
2
Eine schmale weiße Hand tastete sich durch die Thujenhecke und suchte den Spalt, den die Gartenbaufirma Sörens vor einiger Zeit im Holzpalisadenzaun gelassen hatte, um das Kabel der elektrischen Heckenschere hier widerstandslos hindurchzuziehen. Man hätte sich das sparen können, da sich Herr Sörens kurz danach mit einer motorgetriebenen Heckenschere eindeckte. Nun konnte Marlene, die zu dieser Kinderhand gehörte, ihren Nutzen aus dieser kleinen Lücke ziehen. Der Hand folgte ein von der zweiten Hand gesteuerter Besenstiel, der sicherlich mehrere Menschengenerationen in einem Kellerloch gefristet haben dürfte. Es bot sich ein eigenartiger Kontrast: Die Hand des Kindes, den Nagel des kleinen Fingers mit intensiv rotem Nagellack geschminkt, und das dunkle, schon in der anfänglichen Zersetzung befindliche Holzrelikt, was aber, wie es sich in den letzten Tagen herausgestellt hatte, für das Mädchen unentbehrlich geworden war.
Kurz- und mittelfristig würde sich zeigen, dass diese Vorgehensweise des Mädchens Missfallen unterschiedlicher Art erregen würde. So fing genau in diesem Augenblick ein Zaunkönig an zu zetern, den offensichtlich jetzt besonders störte, dass hinter der Palisade auch noch der nachbarliche Kirschlorbeer auseinandergedrückt wurde.
Dem Mädchen war es klar, dass sie diesen kleinen Vogel mit ihrem Vorgehen jedes Mal in Wallung brachte. Sie hatte aber mit ihrem ausgeprägten ornithologischen Grundwissen entschieden, dass seine Probleme zweitrangig waren. Wusste sie doch, dass er mit seiner Partnerin einige seiner höhlenförmigen Nester angelegt hatte, in die sie sich problemlos zurückziehen konnten, ohne dass er hier den dicken Max markieren musste. Außerdem hatte ihr Projekt für sie eine solche Bedeutung, dass der kleine „König“ in seinem Reich einmal zurückstehen musste.
Durch ihre bemerkenswerte Spionagetaktik war es Marlene möglich, das nachbarschaftliche Grundstück umfassend zu inspizieren. Heute lag dieses einsam und verlassen vor ihr, was sie nicht enttäuschte. Hatte sie einerseits in der letzten Zeit wichtige Erkenntnisse erlangt, wusste sie andererseits, dass die Zukunft ihr noch einiges bieten würde. Heute Abend beim Einschlafen würde sie nicht vom „König“ träumen, sondern von ihrem Prinzen, der ganz sicher nicht wusste, dass er ihr Prinz war.
3
„Polizei, Hinrich mein Name, Sie haben den Notruf gewählt, was können wir für Sie tun?“
„Ich wollte eine Leiche melden!“
„Haben Sie die Atmung und den Puls kontrolliert?“
„Ich weiß nicht, ob Sie mit einem halben Meter Loch im Bauch Sehnsucht nach einer Mund-zu-Mund-Beatmung haben!“
„Gut, nennen Sie mir Ihren Standort!“
„Unterer Seeweg, vielleicht 50 m ostwärts vom Bootssteg!“
„Danke, nennen Sie mir Ihren Namen!“
„Ihren Namen? Sie sind ja vielleicht ein Komiker, Herr Wachtmeister! Mann oder Frau hat sich mir nicht vorgestellt!“
„Nicht den Namen der verstorbenen Person, sondern Ihren eigenen Namen!“
„Meinen Namen? Wozu brauchen Sie meinen Namen, wenn hier eine stinkende Leiche rumliegt, an der die Krähen und Möwen schon ihre Wochenration gedeckt haben?“
„Gut, wir schicken sofort einen Streifenwagen, halten Sie sich bitte vor Ort zur Verfügung!“
„Nee, nee, nee, komm Else, wir verpfeifen uns hier. Die Bullerei ist das Letzte, was mir bei dem Gestank noch fehlt. Wie macht man diesen Schlitten denn aus? Scheiß drauf …!“
Platschen, Gluckern, Stille.
4
Marlene stürzte die Treppe hinunter, raus aus der Haustür, um vor der Thujenhecke abzustoppen. Aus dem offenen Fenster ihres Zimmers im Obergeschoß hatte sie das warnende „tuck, tuck, tuck, tuck“ der Amsel gehört, ein unweigerliches Zeichen, dass sich wieder mal eine Katze herumtrieb. Ihr routinierter Blick erfasste sofort, dass es keinen solchen Eindringling diesseits der Hecke geben dürfte. Also eilte sie zum „Durchguck“, nahm den hinter den Palisaden aufgehängt-versteckten Stiel, bog erst die Thuje, dann den Kirschlorbeer auseinander, und richtig, da saß das schwarze Mistvieh, schwanzzuckend, die vor ihr protestierende Amsel beobachtend. „Tsch, tsch!“ Nicht nur die Katze sauste, sondern auch die Amsel flog davon, letztere laut zeternd. Ihr war offenbar nicht klar, in dem Mädchen eine Verbündete zu haben.
Marlene erschrak bis ins Innere, als sie wahrnahm, dass der am Pool sitzende Nachbarjunge kurz zu ihr rüber schaute. Er konnte sie nicht sehen, das war sicher. Aber er dürfte mitbekommen haben, dass sich hier an der Grenze zum Nachbargrundstück ein kleiner Vorfall abspielte. Die Katze war jetzt zu ihm hingelaufen, schmiegte sich an seine nackten Beine, ließ sich streicheln und etwas von ihm in das rechte Ohr flüstern, während er bedeutsame Blicke in Richtung Hecke schickte.
Es blieb ihr nur der leise Rückzug übrig. So etwas durfte ihr nicht passieren! Hatte sie sich jetzt verraten, war ihr kleines Geheimnis aufgeflogen? Der Hass auf die schwarze Katze verstärkte sich.
Erst nach Tagen, als sie laute Geräusche von einem Motorrasenmäher hörte, wagte sie es wieder, vorsichtig einen Blick auf das Nachbargrundstück zu werfen. Sie wartete, bis Lärm und Gestank sich von der Hecke aus Richtung Nachbarhaus entfernten. Auch hier hatte die Firma Sörens die Gartenpflege übernommen.
Sohnemann saß mit seinen Bermudashorts auf einer gut gepolsterten Gartenliege, lutschte gelangweilt an einer Papaya, deren reifes Fruchtfleisch gelblich leuchtete. Vor ihm auf dem Tisch stand ein kleines Glas der Firma Weck, aus der er sich mittels eines kleinen Silberlöffels eine mit Ingwer und Zitronen aufgepeppte Zuckerlösung auf die Frucht träufelte.
Göttlich!
Es war nicht das Gourmetverhalten des jungen Mannes, sie meinte, trotz des Rasenmäherlärms sein genussvolles Schmatzen bis zur Hecke hören zu können, sondern die Gesamterscheinung dieses Adonis, die sie wieder einmal verzauberte. Das Gesicht, die Bewegungen, die Lässigkeit und dieser Körper begeisterten sie immer wieder. In den letzten Tagen hatte sie Glück, war doch das Wetter so, dass ihr Prinz in Badekleidung seinen Freuden nachgehen konnte.
Die Beine waren lang, die Waden sehnig, über den Knien, kurz unter den Rändern der Shorts, zeichnete sich im Sitzen bei beiden Beinen unter anderen der Musculus vastus lateralis gewölbeartig ab. Jene Erhebungen gaben Aufschluss darüber, dass der junge Mann etwa Fußball spielte und/oder vielleicht auch passionierter Fahrradfahrer war. Die besagte Shorts ließ zum Bedauern der Beobachterin keine Beurteilung dessen zu, was ihr, da sie keinen Bruder hatte, bisher bei Personen ihrer Altersgruppe weitestgehend verborgen geblieben war. Dafür stellte sich das Sixpack in überwältigender Perfektion dar, wie auch der ebenmäßige Brustkorb, der wie ein gemeißelter Sockel dem sehnigen Hals als Fundament diente. Und dann erst der Kopf, den Marlene eher würdevoll als Haupt deklarieren würde. Scharf geschnittene Gesichtszüge, blaue Augen unter kess gewölbten Brauen, halblange Koteletten, wirbelige schwarze Haare, die nur sehr schwer zu bändigen sein dürften. Marlene schwankte von Mal zu Mal, was die Altersbestimmung dieses offenbar überirdischen Wesens anbelangte. Er dürfte sicher fünf bis sechs Jahre älter als sie sein, also rund vierzehn, fünfzehn oder vielleicht auch schon sechzehn Jahre. Da sie ihm so gut wie nie auf der Straße begegnete, konnte sie das nur raten.
Er war immer allein am Pool, von dem Mitarbeiter der Firma Sörens auf dem Aufsitzmäher einmal abgesehen. Es schien, als wäre er nur für sie da, eben ihr Prinz.
Da gab es etwas, was sie noch nicht einordnen konnte: In unregelmäßigen Abständen fuhren vor dem Haus Limousinen vor, aus denen gut gekleidete Menschen ausstiegen, meistens Männer, Kinder an der Hand oder im Gefolge, deren Gesichtsausdruck so erschien, als ginge es zum ungeliebten Klavierunterricht. Tatsächlich kamen immer wieder Töne eines Pianos aus dem nachbarlichen Haus geweht. Sie wollte auch nicht ausschließen, dass der Nachbarjunge selbst das Instrument beherrschte, hatte er doch lange, feingliedrige Hände, die sie sich zu gerne auf schwarzen und weißen Tasten vorstellte.
„Marlene!“
Der Ruf der Mutter riss sie aus ihren Träumen. Nach der Tonlage musste sie schon einige Male gerufen haben, was Marlene offenbar aufgrund des Lärms auf dem Nebengrundstück entgangen war. Es galt, höllisch aufzupassen, hatte ihre Mutter sie doch schon vor ihrem Guckloch erwischt und klar zum Ausdruck gebracht, dass Bespitzelungen von Nachbarn der Vergangenheit angehörten. Auch schnappte sie aus Gesprächen der Erwachsenen auf, dass diese Nachbarn nicht den Vorstellungen gutbürgerlicher Siedlungsgewohnheiten entsprachen. Abfällig meinte man zu wissen, dass die Mutter des Jungen weltweit als Eventmanagerin unterwegs sei, weiß der Teufel, was sie da bewerkstelligte. Es war wohl auchnurder Stiefvater, der sich um den Jungen zu kümmern hatte. Da Letzterer zwischendurch immer wieder über viele Wochen verschwunden war, vermutete die übernächste Nachbarin, die gerne das Gras wachsen hörte, dass der Knabe in einem Internat untergebracht wurde.
5
Die Streifenwagenbesatzung hatte alles richtig gemacht: Absperren des Fundortes durch Spannen einer Absperrfolie, Zurückhalten der Gaffer und Warten auf die Kollegen von der Kripo. Die kleine Panne, dass es an Pfählen für die Befestigung der polizeiinternen Folie mangelte, wurde schnell behoben. Lagen doch genügend Stöckchen angeschwemmt am Ufer und warteten förmlich darauf, den uniformierten Staatsdienern zu Diensten zu sein.
Dann kamen schließlich die Herrschaften ohne Uniform, die von der Kripo, wie auch die Schutzpolizei im Doppelpack. Noch ein wenig später erschien auch das Team der Spurensicherung, handelte es sich schließlich bei der Leiche um eine Person, die durchaus gewaltsam zu Tode gekommen sein konnte, denn so ganz von allein öffnet sich schließlich eine Bauchhöhle nicht.
Neben einer gezielten Befragung der Umstehenden durch die Streifenpolizisten fand ein reger Austausch der vier Kollegen direkt am Tatort statt. Es fielen von den beiden Herren der Spurensicherung immer wieder mahnende Worte, dass auch ja nichts an Spuren zertrampelt werden sollte. Pflichtgemäß hatten sie alle ihre Schutzanzüge an, obwohl klar war, dass nach dieser langen Zeit wenig an verwertbaren Spuren gefunden werden konnte.
Es schien, als hätten sich Krähen und Möwen einheitlichLa Grande Bouffemit Marcello Mastroianni und Michel Piccoli und auchThe Birdsvon Alfred Hitchcock angesehen, um hier alles zu toppen, was diese Filme an Abscheulichem zu bieten haben. Arme, Beine und Gesicht waren durch kräftige Schnabelhiebe stichartig durchlöchert. Da, wo ehemals die Nase zu sehen war, klaffte ein Loch, welches zusammen mit den geisterhaft leeren Augenhöhlen ein schauderhaft anzusehendes Dreieck bildete. Besonders schmackhaft musste die Partie um die Achselhöhlen für die Geflügelten gewesen sein, öffnete sich doch hier in kleinen Abschnitten die Schulterpartie und gab damit den Blick auf die Schlüsselbeine frei. Als schien die Badehose, eng geschnitten, modisch gestreift, ganz sicher nicht aus dem Grabbelregal der Firma Kik, sich ihrer ursprünglichen Zweckbestimmung noch einmal bewusst geworden zu sein, verdeckte sie pflichtschuldig das nicht zu verleugnende Geschlecht des ansonsten stark malträtierten Herrn und hatte es damit vor dem Fraß-Vandalismus der sprichwörtlichen Aasgeier in Schutz genommen.
Selbst für Nicht-Fachleute war ohne Zweifel erkennbar, dass die weite Öffnung des Bauchraumes sich von den übrigen Zerstörungen deutlich abhob. Auch wenn diese Höhle sich ausgeräumt offenbarte, stach der gradlinige Umfang in Gänze doch deutlich hervor.
Das Fahrzeug eines herangerufenen Bestattungsunternehmens fuhr schließlich an den Fundort heran, um in einem Spezialsarg den vorher in einem Leichensack verstauten Körper in das gerichtsmedizinische Institut abzutransportieren. Schließlich löste sich die inzwischen stattliche Ansammlung von Neugierigen auf, nicht ohne dass sich einige ältere Herrschaften bekreuzigten.
Das obligatorische Blässhuhn zog wieder schwimmend seine Bahnen um den Steg herum, vermutlich froh, dass der Rummel sich auflöste, ist es doch für ein Blässhuhn nicht einfach, wenn das eigene Revier von marodierenden Vogelschwärmen heimgesucht wird. Allerdings war es durchaus auch von Vorteil gewesen, waren doch einige Brocken vom gedeckten Tisch für das Huhn übriggeblieben.
6
Die Mutter teilte ihr mit, dass Onkel Ludwig im Anmarsch sei und sie doch bitte eines ihrer hübschen Sommerkleider anziehen möge.
„Bitte ziehe …“, so ausgedrückt handelte es sich um eine unmissverständliche Anweisung der Frau Mama, liebte es doch ihr einziger Bruder, sein kleines Mädchen, wie er Marlene auch gerne nannte, im luftigen Tüll zu sehen. Als sie anfangs protestierte, hatte Mutter wenig Verständnis gezeigt: „Onkel Ludwig ist dein Patenonkel und er ist immer gut zu uns gewesen!“ Das „Gut sein“ bezog sich wohl im Wesentlichen darauf, dass ihr Bruder, einst im Westen ansässig, sie nach der Wende kräftig beim Häuslebauen finanziell unterstützt hatte.
Onkel Ludwig war ehemals der Geschäftsführer einer privaten westlichen Müllentsorgungsfirma mit eigenen Verbrennungsöfen. Menschliches Versagen – die als Fanggitter vorgesehene Absperrung wurde von einem Mitarbeiter nicht vorschriftsmäßig eingehängt – führte dazu, dass er bei einer Inspektion der Anlage in den Müllbunker fiel, ohne dass es gleich von jemandem bemerkt wurde. So hatte er dort einige Zeit bewusstlos, dann schreiend gelegen, bis der Kran in diesem Bereich der Anlage den Müll erfasste, um das Material der Verbrennung zuzuführen. Im letzten Moment bemerkte der Maschinenführer den zappelnden Onkel Ludwig. Das Ende vom Lied: Schwere Stauchungen im Hals- und Rückenwirbelsäulenbereich und ein gut nachvollziehbarer psychischer Knacks, hatte er doch, vom Kran innig umschlungen, auf kurze Entfernung den Eingang zur Hölle gesehen. Sechs Monate im Gipsbett, drei Monate Reha, alles auf Kosten der Berufsgenossenschaft, mit dem vernichtenden abschließenden Urteil, dass er für den Rest seines Lebens nicht mehr arbeitsfähig sein würde. Es gab eine satte Abfindung seiner schuldbewussten Firma und seitens der vorausschauend abgeschlossenen Unfallversicherung den Höchstbetrag bei Vollinvalidität. Zusammen mit der monatlichen Rente eines ehemaligen Geschäftsführers einer boomenden Firma brauchte er sich keine finanziellen Sorgen zu machen.
Nachdem er einigermaßen wieder auf den Beinen war, erkrankte seine Frau Mathilde an Brustkrebs, an dem sie schließlich nach wenigen Monaten schier unendlich anmutender Qualen verstarb. Er hatte sie kurz nach seiner Flucht in den Westen Anfang der Sechziger kennengelernt und danach geheiratet. Die Ehe verlief harmonisch, war aber kinderlos geblieben. Mathilde war ihrer Zeit emanzipatorisch weit voraus, so erklärte sie ihrem Ludwig gleich bei der schon sehnsüchtig erwarteten Antragsstellung, dass sie seinen Namen „Haufenmach“ nicht annehmen und ganz sicher ihren Mädchennamen behalten würde. Gleichbedeutend war Marlenes Mutter Bernadette froh, den Namen Brockstedt ihres zukünftigen Mannes verwenden zu dürfen.
Es schien erst so, als würde Onkel Ludwig sich nicht von dem neuerlichen Schicksalsschlag erholen wollen. Als dann die Schwester im Osten nach lang gehegtem Kinderwunsch, vermutlich durch die Grenzöffnung hormonell inspiriert, zu einer risikoreichen Spätgebärenden wurde und schließlich auch entband, kam ihm die erlösende Idee, in ihre Nähe zu ziehen. Er kaufte sich eine kleine Eigentumswohnung, vielleicht fünf Autominuten von der Wohnung der schwesterlichen Familie entfernt.
Marlene erblickte 1990 das Licht der Welt nach einer harmonischen Schwangerschaft und einer unkomplizierten Geburt. Sie verzauberte sofort ihr komplettes Umfeld, besonders aber, neben den Eltern, ihren Onkel Ludwig. Es stellte sich dank eines kompetenten Gynäkologen recht schnell heraus, dass es für eine zweite Schwangerschaft von Bernadette einer weiteren Grenzöffnung bedurft hätte, die aber nicht absehbar war. So konnte man, auf Basis einer soliden Finanzplanung, die Anschaffung einer Immobilie für die kleine Familie erwägen.
Der Beruf des Vaters schien krisensicher. Er war als Tischler in einer Fensterbaufirma beschäftigt, die Fenster auf den unterschiedlichsten Baustellen der neuen Republik montierte. Das Gehalt war eher brav zu nennen. Zusammen mit den Spesen, die vonseiten seiner Firma für die auswärtigen Einsätze gezahlt wurden, und den Einkünften Bernadettes aus ihrer Anstellung im Einwohnermeldeamt, würde es nicht reichen, ein solches Abenteuer einzugehen. Da kam Onkel Ludwig ins Spiel, der liebend gerne seine Taler in die Zu- und Unterkunft der bezaubernden Nichte investieren wollte. Es fand sich ein Baugrundstück an der Peripherie der Stadt und mit Hilfe der Kollegen des Vaters, Werner, war dann schließlich ein schmuckes Haus bezugsbereit. Die Siedlung wurde, obwohl weit und breit keine Erhöhung zu sehen war, seitens der Stadtverwaltung „Ruschenbrink“ getauft. Dem Antrag einiger verstaubter Veteranen, doch Ernst Thälmann, von 1925-1933 Vorsitzender der Kommunistischen Partei Deutschlands, die er im Reichstag als Vorsitzender vertrat, mit einer Benennung zu würdigen, wurde nicht stattgegeben, scheute man sich doch, abermals die Geister der Vergangenheit zu wecken.
Zwei „Wermutstropfen“ waren zu verdauen: Durch den Wechsel der Wohnstatt hatte sich der Abstand zum Domizil Onkel Ludwigs auf fünfundvierzig Autominuten vervielfacht und die häufige Abwesenheit von Werner war auf die Dauer schwer zu verkraften. Die Idee von Bernadette, Onkel Ludwig einzuquartieren, der das selbst allerdings nie ansprach, wurde von ihr ganz schnell verworfen, als Werner ihr in seiner Rage an den Kopf warf: „Dann kannste den auch gleich heiraten!“ Ohnehin war das Verhältnis der beiden Männer mehr sachlich kühl als leidenschaftlich warmherzig. So bezeichnete Werner nach dem vierten Feierabendbier die Beziehung seiner Frau zu ihrem Bruder gerne mal als Affenliebe, war es doch auch nicht so witzig für ihn, sich von dem finanziellen Anschub seines Schwagers abhängig gemacht zu haben. Der sponserte nicht zuletzt auch noch den Einsatz der Gartenfirma Sörens, weil Werner zum Garten aufgrund seiner tagelangen Abwesenheit „nicht auch noch Bock hatte“ und für Bernadette diese Arbeit allein zu schwer war. Auf den Gemüseanbau wurde von Anfang an verzichtet, konnte man doch alles viel besser im Supermarkt kaufen.
Onkel Ludwig hatte zwar massive Traumata erlitten, aber dank seiner familiären Bande zum Ruschenbrink Nr. 9 konnte er neue Energie laden. Er frönte leidenschaftlich seinem Hobby, der Ornithologie. So verbrachte er viele Wochen im Jahr u. a. in der polnischen Vogelwarte Rositten in Rybatschi, nahe Kaliningrad, ehemals Königsberg, auf der Kurischen Nehrung, direkt an der Ostsee. Diese Vogelwarte war einst die erste ornithologische Forschungsstation der Welt und erlangte durch ihre Pionierarbeit Weltruf. Hier half er, von den internationalen Forschern gern gesehen, beim Beringen und Katalogisieren. Die vielen Vögel wurden in Netzen gefangen und nach dieser Prozedur ausnahmslos wieder freigelassen.
Der Ornithologe Johannes Thienemann beschrieb 1896 den „Vogelzug so gewaltig, wie er bisher noch nie in Deutschland beobachtet worden war.“ An dem schmalen Landstrich verdichten sich flaschenhalsartig die Flugrouten der Vögel, die das offene Wasser meiden: In Spitzenzeiten waren es damals bis zu zwei Millionen Vögel am Tag. Das hat sich bis heute nur insofern geändert, dass es nicht mehr diese gewaltigen Mengen sind und auch das Artenspektrum in seiner Vielfalt rückgängig ist.
Anlässlich der Anreise war es immer ein kleiner Kick für Onkel Ludwig, daran zu denken, dass seine Vorfahren aus Königsberg stammten.
Bei einem seiner Besuche zog der Onkel seine damals gut dreijährige Nichte nach dem Mittagsmahl auf seine Knie und zeigte ihr ein Buch. Es war von Fritz Baumgarten, der 1966 in Leipzig verstarb, reich und märchenhaft mit Singvögeln bebildert, die allesamt einer Hochzeit beiwohnten. Er sang mit seiner tiefen Bassstimme das dazugehörige Lied, in dem die Gäste der abgebildeten Gesellschaft Strophe für Strophe einzeln vorkamen und zeigte zeitgleich auf die betreffenden Vögel. Marlene schaute gebannt auf seine Lippen und Finger. Sie konnte nach wenigen Minuten Anfänge des Liedes mitsingen, indem die Augen immer wieder hin- und herwanderten. Nach drei Besuchen von Onkel Ludwig brauchte er nur mit seiner gewaltigen Stimme eine Strophe anklingen zu lassen, die einem der Vögel zuzuordnen war, und Marlene zeigte aufgeregt mit ihrem kleinen Zeigefinger auf das betreffende Tierchen. Wenn es vom Onkel liebevoll als richtig anerkannte wurde, jauchzte sie jedes Mal hell auf.
Fidirallala, fidirallala, fidirallalalala.
Wenig später nahm der Onkel seine Nichte an die Hand und zeigte ihr im Garten die Amsel, die Braut aus dem Bilderband und auch die Stare, die in dem Lied der Vogelhochzeit der Braut die Haare machten. Sie hörte wissbegierig zu, als er ihr erklärte, dass die Amseln sich hüpfend und die Stare laufend ähnlich wie die Menschen, einen Fuß vor den anderen setzend, auf der Erde fortbewegten. Nach dem die beiden Hand in Hand diese Bewegungsabläufe lachend nachmachten, war sicher, dass Marlene so etwas nie vergessen würde.
Ihre Wissbegierde, mehr über die Vögel zu erfahren, explodierte förmlich. Nachdem sie das Lesen gelernt hatte, verschlang sie alle sich bietenden Bücher über Vögel, ob es Märchen, Kurzgeschichten, Lehr- oder auch Bestimmungsbücher waren. Onkel Ludwig fütterte sie mit dem Material und genoss es sichtlich, ein Teil seiner Gene auf diesem Wege entdeckt zu haben. Den Eltern war jenes Verhalten, ob nun von Onkel Ludwig oder auch ihrer Tochter, unheimlich, zeigten die beiden sich doch dadurch anderen gegenüber als verschworene Gemeinschaft.
Während die Mutter noch Schwalben am Himmel erkennen konnte, waren sie dem Vater vollkommen „wumpe“, wie er es nannte. Marlene konnte die zwei vorkommenden Arten und noch dazu die Mauersegler nicht nur am Flugbild, sondern mit ihren sechs Jahren auch an ihren Lauten in der Luft auseinanderhalten. Überhaupt war es Onkel Ludwig gelungen, ihr die unterschiedlichen Lieder und Rufe nicht nur beizubringen, sondern sie so zu schulen, dass sie häufig erst die Töne zuordnete, um dann mit ihren Augen nach den Vögeln zu suchen.
Es gab Augenblicke großen Entzückens, als es Onkel Ludwig gelang, ihr auf einem nahegelegenen Bauernhof nicht nur Mehlschwalben am Haus und Rauchschwalben im Stall, sondern auch noch Mauersegler, die am dörflichen Glockenturm nisteten, in der Luft jagend zeigen zu können.
Als junge Frau konnte sie später dank ihrer Kenntnisse einen Luftkampf der besonderen Art beobachten. Ein adulter Baumfalke, durch seine roten Hosen für sie gut vom Turmfalken zu unterscheiden, erjagte in der Luft einen Mauersegler. Es war ein ungleicher Kampf, weil diese pfeilschnelle Schwalbe es zu spät bemerkte, dass der Feind ihr im Nacken saß. Sie wurde in der Luft geschlagen und am Boden mit Hilfe des Falkenzahnes per Genickbiss getötet. Nur wenige Menschen haben das Glück, ein solches Schauspiel erleben zu können.
Eigentlich müsste sie Onkel Ludwig dankbar sein. Eigentlich …
Fidirallala, fidirallala, fidirallalalala.
7
Das Gebäude der städtischen Polizeistation war ein Projekt aus den neunzehnhundertzwanziger Jahren. Klare Außenlinien, ein inzwischen mit roten Pfannen gedecktes Spitzdach und Fenster, deren Kanten immer noch kaum wahrnehmbare Spuren alter Fensterläden verrieten, die ehemals zum Abdunkeln der Innenräume angebracht waren. Ursprünglich wurde es von einem Bauunternehmer geschaffen, der das Domizil für seine große Familie selbst nutzen wollte. In der Wirtschaftskrise erlag seine Firma einer Insolvenz und der damalig in solch einem Fall eingesetzte Staatsdiener hatte blitzschnell erkannt und schließlich entschieden, dass sich das Haus, bedingt durch den Zuschnitt, ideal für eine Behörde eignen würde.
Die wechselhafte Geschichte unseres Landes spiegelt sich auch in der Historie des Bauwerks wider. Diente es ab 1930 der Reichspolizei als Dienstgebäude, übernahm es die NSDAP 1937 im Handstreich, indem sie die Polizei in ein verwahrlostes, leerstehendes Schulgebäude entließ und damit auch zum Ausdruck brachte, welch geringe Wertschätzung man den „grünen Pickelhauben“ entgegenbrachte. 1943 gelang es der SS, in den gewölbeartigen Kellerräumen einen reichhaltigen Fundus erlesener Weine zu etablieren, den man aus den Häusern jüdischer Mitbürger räuberisch erbeutet hatte, nachdem die rechtmäßigen Besitzer in den Osten deportiert worden waren. Fast grotesk erschien es, dass neben den Vorratsräumen, sozusagen Wand an Wand, sogenannte Verhörräume angelegt wurden. Während der Weinkeller perfekt temperiert und belüftet wurde, gab es in den anderen Zimmern keine Fenster, es roch muffig-feucht und die Wolldecken auf den kargen Pritschen waren klamm und schimmelig-fleckig. Es mussten sich unvorstellbare Szenen abgespielt haben, von denen getrocknete Blutflecke noch über Jahre hinaus nach dem Fall des Dritten Reiches Zeugnis ablegten.
Kurz vor Ende des Krieges übernahmen die durchziehenden Russen das Gebäude, voller Freude, dass die weichenden Deutschen fein säuberlich auch die letzte Weinflasche mit einem Hammer zertrümmert hinterlassen hatten. Relikte davon hingen wie eine Trophäe an einem Bindfaden unter der Decke. Aus dem Gebäude strömte viele Monate, ja Jahre, ein Duft, der einer Weinkelterei größeren Ausmaßes zur Ehre gereicht hätte.
Das, was an Mobiliar nicht in den Öfen der unterschiedlichen Zimmer verheizt worden war, verschwand nach der Kapitulation in den Häusern der Nachbarn, nicht selten, um auch dort für wenige Stunden überlebenswichtige Wärme zu spenden. Nachdem sich aus der Not heraus die letzte Scheu vor dem offiziellen Gebäude gelegt hatte, gaben sich die unterschiedlichsten Bewohner die Klinke in die Hand. Flüchtlinge quartierten sich selbst ein oder wurden einquartiert und wieder ausquartiert, scheinbar ganz nach Lust und Laune der zuständigen Behörden. Bis man sich wieder bewusst wurde, dass das Bauwerk, etwas hübsch zurecht gemacht, durchaus das Format hatte, den Staat würdig zu präsentieren. Entweder war es Anfang der Fünfziger die Volkspolizei mit der Staatsicherheit im Kielwasser, oder die Staatssicherheit mit der Volkspolizei im Gefolge, so richtig wagte es keiner zu deuten, wer in dem Palast in den ersten Jahren das Hausrecht hatte. Später hatte keiner mehr Zweifel daran, wie sich die Machtverhältnisse hier und im ganzen Land entwickelten. Die Vergangenheit, die abhörsicheren Räume im Erdgeschoß, die Arrestzellen im Keller und das auch deutlich sich verändernde Verhalten der vorbeigehenden Bürger vor dem Haus gaben ihm eine besondere, bedrückende Note. Nicht nur die Stimme, sondern auch der Kopf wurde im Vorbeigehen gesenkt, besser aber, man sagte nichts.
Wuchernder Efeu, von der Sohle bis zum Scheitel, Heimstatt für nistende Sperlinge und Amseln, sowie abertausende Spinnen, Asseln und Ohrwürmer verstärkten den düsteren Charakter des Hauses. Auch wenn das „Dornröschen“ der Gebrüder Grimm „nur“ ein Märchen ist, konnte man doch anhand der Wuchsdynamik dieses rankenden Ungeheuers sich gut vorstellen, dass schließlich schier alles einmal einem auch mehr als hundertjährigen Schlaf zum Opfer fallen könnte. Hausmeister Krause müsste hier Tag und Nacht mit der Heckenschere unterwegs sein, um wenigstens Fenster und Türen, Fallrohre und Dachrinnen von den Tentakeln freizuhalten.
Nach der Wende beschloss die Treuhand, das geschichtsträchtige Gebäude weiterhin der öffentlichen Hand zu überlassen. Im Nachhinein schien das Entfernen des Efeus symbolisch für die Widerstände zu sein, die sich den Wessis entgegenstellen sollten. Der Efeu war nicht so einfach abzureißen, schienen doch die Saugnäpfe dieser Pflanze Pate stehen zu wollen für die Klebefähigkeit eines Sekundenklebers. Schließlich wurde den mehr als armdicken Verzweigungen mit Seilwinde und Motorsäge zu Leibe gerückt, mit der Folge, dass nicht nur der gesamte Putz sich löste, sondern auch ganze Mauerteile sich von den fallenden Ranken nicht trennen wollten und mit zu Boden sanken, war man doch eine jahrzehntelange Bindung eingegangen.
Eine Generalsanierung folgte, es sollte an nichts mangeln, wie man es eben aus dem Westen kannte. Allerdings tauchten weitere Probleme auf. Die Bemühungen, nicht nur außen eine vorzeigbare Verjüngung durchzusetzen, setzten sich im Innern fort. Auch die Innenräume wurden neu verputzt und sollten dann mit Raufasertapeten versehen werden. Der gute Wille war da, aber es scheiterte vorerst an der offensichtlich hemmungslosen Lebensweise der ehemaligen Hausbewohner. Sobald der nasse Putz an die Wand gebracht war, schlug eine braun-gelbe Suppe durch, die nicht nur durch ihre Farbe, sondern auch durch den Geruch mit dem noch im Garten vorgefundenen Donnerbalken, würdevoller „Plumpsklo“ genannt, etwas gemeinsam hatte.
Der Trick, das braune Elend an der Wand mit dem Mantel einer Raufasertapete zuzudecken, klappte nicht. Auch diese, die, wie bekannt, nur nass mit Kleister anzubringen ist, färbte sich unerwünscht ein. Also sollte das Auftragen von Farbe letztendlich die Lösung bringen. Da auch solches nur feucht vonstattengehen kann, verlor der Anstrich in kurzer Zeit seine jungfräulich-zweckbestimmte Frische, um sich fleckig braun zu präsentieren.
Ein hinzugezogener Malermeister aus der grauen Vorzeit der Goldenen Zwanziger zuckte nur mit den Schultern. „Die haben hier alle gequalmt wie die Blöden. Nikotin und Teer hat sich nicht nur in den Lungen der lebenden Schlote niedergeschlagen, sondern auch in den Wänden. Also: Alles abklopfen, Todesgrundierung, neu verputzen und Tapete drauf. Fertig! Tschüss!“ Weg war er, ohne den staunenden Anwesenden, Kollegen und Bauherren zu erläutern, was eine Todesgrundierung sein sollte.
Ein Typ von der alten Sorte, steckte er sich doch während seines kurzen, aber aufschlussreichen Statements eine Zigarette der Marke Juwel zwischen die schmalen Lippen und dann konsequenter Weise auch in Brand, nicht ohne den Filter vorher abzuknipsen. Die etwas sensibleren der umstehenden Ratsuchenden zuckten innerlich zusammen, als der Begriff „Todesgrundierung“ in den ehemaligen Räumen der SS und Stasi fiel. Als der kleine drahtige Rentner mit dem Terrier-Gesicht noch beim Rausgehen kurz den rechten Arm wie zum Gruß hochriss, begriffen zumindest die Vergangenheitsbewussten unter den Anwesenden, dass hier braune Farbe nicht nur Spuren in den Atmungsorganen, sondern auch in den Gehirnwindungen dieses offenbar Unbelehrbaren hinterlassen haben dürfte.
Eine neuzeitliche Grundierung lässt auch nach dem Aufbringen einen Luftaustausch durch das Mauerwerk zu. Eine „Todesgrundierung“ hat den Nachteil, eine Diffusion zu verhindern, dafür aber den Vorteil, die Moleküle von Teer und Nikotin für ewig in das Mauerwerk zu verdammen. Dann müsse man eben das eine oder andere Mal mehr lüften, war am Ende der Kommentar des Chefs der Malerfirma, der gar nicht so böse war, dass sich durch den Mehraufwand die Kosten für die Sanierung der Innenräume verdreifachen würden.
Seit Mitte der Achtziger des Zwanzigsten Jahrhunderts war das an allen Ecken und Kanten aufgehübschte Gemäuer Heimat der örtlichen bundesdeutschen Polizei. Immer wieder wurde daran herum gewerkelt, nicht zuletzt, um von 2012 bis dato den digitalen Herausforderungen gerecht zu werden.
So saßen denn auch heute in den oberen Räumen der Kripo zwei Kollegen genau dieser Spezies vor ihren Computern, um die neuesten Ergebnisse hinsichtlich des gestrigen Leichenfundes zusammenzutragen und auszuwerten.
Alle Beamten der Kriminologie aus den letzten Jahren schienen nicht traurig, im ersten Stock des Hauses angesiedelt zu sein. Bot sich ihnen doch ein immer wieder wechselnder Ausblick aus den Fenstern in Richtung Bürgersteig und nahegelegenem Park. Der Vorteil hier oben war, dass ihnen der Rummel im Erdgeschoss erspart blieb, der Nachteil, dass man die oberen Stockwerke insgesamt nur über Treppen erreichen konnte. Es gab allerdings einen kleinen Lastenaufzug, mehr war angeblich bautechnisch in dem Gebäude nicht hinzukriegen.
Immer wieder hatte man sich gemeinsam aus der Notrufzentrale den eingegangenen aufgezeichneten Anruf hinsichtlich des Leichenfundes angehört und war sich einig darüber, den Wunderknaben unverzüglich in die Polizeistelle zu beordern, vorausgesetzt, man wüsste, um wen es sich handelt.
Bedingt durch einen technischen Fehler bei der Telekom hatte es ein wenig gedauert festzustellen, dass der Anruf tatsächlich aus der Funkzelle kam, die dem Tatort zuzuordnen war. Benno Bender, Kriminaloberkommissar, von einem älteren, inzwischen pensionierten Kollegen freundschaftlich mit dem Spitznamen B.B. versehen, hatte sich mit der Technik auseinandergesetzt und schließlich auch ermittelt, von welchem Handy dieser Anruf erfolgte.
„Du glaubst es nicht!“ Die Worte stürzten nur so beim Eintreten in das gemeinsame Dienstzimmer heraus. „Das ist der Hammer! Der Typ hat uns vom Handy des Toten angerufen!“
Bender explodierte gerne mal, in die eine wie auch andere Richtung. Da sich sein „Entladen“ nur sehr selten gegen einen Kollegen richtete, nahm ihm das hier keiner übel. Im Gegenteil: Dadurch, dass er mit seinen Gefühlen oft übereilt herausplatzte, brachte er andere immer wieder ermittlungstechnisch auf die richtige Fährte. So ergänzte er sich ideal mit Lars Klemme, Kriminalhauptkommissar, PHK (A12), der mit seinen fünfundfünfzig Jahren fünfzehn Jahre älter und mit dem um zwei Stufen höheren Dienstgrad der führende Ermittlungsbeamte war. Spaßhaft hob Klemme gerne mal hervor, dass er fast der Vater von B.B. sein könne. Der Ältere hatte gegenüber dem Jüngeren eine schon fast stoische Abgeklärtheit. So auch in dem Moment, als Bender in den Raum stürzte.
„Dann dürfte wohl auch klar sein, wo die letzten Geräusche des Anrufes herkamen. Er hat das Gerät ins Wasser geschmissen! Schick mal gleich jemand los, der den Uferbereich absucht. Weit rein wird er es wohl nicht geworfen haben. Wenn nicht anders, brauchen wir die Taucher, oder ich mach das selber mit meinem Schnorchel nach Feierabend.“
So weit brauchte es nicht zu kommen. Dank einer Zeichnung der Spurensicherung über den Verlauf von Radspuren war das begehrte Objekt später in unmittelbarer Nähe des Fundortes, keine zwei Meter vom Ufer entfernt im klaren Seewasser auszumachen gewesen.
Die Leiche war schon vorher eindeutig zuzuordnen. Am Samstag hatte sich eine Dame, ursprünglich wohl polnischer Herkunft, gemeldet, die im oberen Seeweg Nr. 9 auf Zuruf, also in unregelmäßigen Abständen, immer mal „klar Schiff“ machte, wie sie sich in radebrechendem Deutsch ausdrückte. Da dieser Zuruf wohl länger ausgeblieben war, inspizierte sie am Donnerstag, früher mal vertrauensvoll mit einem Haustürschlüssel ausgestattet, die Wohnung. Nichts sah danach aus, dass Herr Walter Grotefendt, eigenständig arbeitender Versicherungsmakler, in gewohnter Manier abgereist war. Im Schrank hingen alle Hemden, die nicht gerade in der Wäsche waren, Koffer, Handbags und Kulturbeutel, inklusive der angeschlossenen elektrischen Zahnbürste, sprachen ihre eigene Sprache: Eigentlich war man zu Hause, wenn man denn im Hause war! Unruhig abwartend ging sie dann am Samstag noch einmal zur Wohnung, um sich zu der Entscheidung durchzuringen, die Polizei zu informieren.
Die brauchte schließlich nur noch nach dem Fund der Leiche eins plus eins plus eins zusammenzuzählen. Die letzte zu addierende eins war den Kollegen der Streifenpolizei zu verdanken, die durch ihre professionelle Befragung der Passanten am Fundort herausarbeiten konnten, dass der Herr vom oberen Seeweg hier am unteren Seeweg gerne mal baden gegangen war – sogar einmal nackt!
