Erbentod - Karl-Heinz Strohmeyer - E-Book

Erbentod E-Book

Karl-Heinz Strohmeyer

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Beschreibung

Der gewaltsame Tod einer älteren Dame jüdischer Konfession und der Mord an einem Motorradfahrer stehen zweifelsfrei in Zusammenhang, geben aber Rätsel auf. So auch der Mord auf einer Entbindungsstation und die Entführung eines Neugeborenen. Nachdem Kommissarin Fugger ein Findelkind bei sich aufnimmt, gerät sie unerwartet in Bedrängnis. Ein wegen Missbrauchs verurteilter Täter wird aus dem Gefängnis befreit und brutal zur Rechenschaft gezogen. Spuren scheinen zum lange verschwundenen "Lanzenmörder" zu führen. Unerwartete Verwandtschaftsverhältnisse treten zutage – und der Fall entwickelt sich zu einer nie dagewesenen Herausforderung für die deutsche Justiz.

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Seitenzahl: 384

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2025 novum publishing gmbh

Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt

[email protected]

ISBN Printausgabe: 978-3-7116-1350-9

ISBN e-book: 978-3-7116-1351-6

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

1

Es hatte ein paar Mal „plopp“, „plopp“ gemacht …

Ihm war klar: Er musste sich sortieren. Es war eine außergewöhnliche Situation, in der er sich befand. Er lag, das Gesicht leicht nach rechts geneigt, auf dem gepflasterten Bürgersteig. Sein Sweatshirt war geringfügig mit der Kapuze über seinen Hinterkopf geschoben, auf der Höhe seines Bauchnabels zwischen Shirt und Hosenbund lagerte ein circa fünfjähriger Zwerg-Teckelrüde, der sich in seinem Sixpack zwischen der rechtsseitigen zwölften Rippe und dem Hosenbund verbissen hatte. Der Druck des Körpergewichtes des ausgewachsenen Mannes über ihm hinderte den kleinen Gesellen nicht nur daran, den Griff seiner Kiefer zu lösen, sondern auch, seinen Körper über den Vorgang der ungestörten Atmung mit dem notwendigen Sauerstoff zu versorgen. Kurz: Er war dabei zu ersticken, ohne dass man davon sprechen konnte, dass er sein Leben aushauchte, denn selbst das Ausatmen der verbrauchten Luft aus seiner winzigen Hundelunge war in dieser Position nicht möglich.

Neben dem ungleichen Paar lag eine ältere Frau kleinerer Statur, deren Augenlider noch ein wenig flatterten, während sie ihrem männlichen Widerpart auf dem Bürgersteig einen letzten ungläubigen Blick zuwarf, bevor das vegetative Nervensystem pflichtbewusst dafür sorgte, dass sich die Lider dieser einst so lebensfrohen Dame für immer schlossen. Ihr Gesicht war wie das ihres Nachbarn blutüberströmt. Vor einem kurzen Moment hatte ihre Halsschlagader aufgehört, springbrunnenartig Blut aus einer aufgerissenen Halswunde emporspritzen zu lassen. Es war jetzt noch ein kleines Rinnsal, hatte doch das energiegeladene Herz die Zwecklosigkeit seines Pump-Auftrages eingesehen und angesichts des enormen Verlustes an Blut seine Tätigkeit eingestellt.

Gerne hätte er mit einer Wendung seines Kopfes den Blick von der Verstorbenen gelöst, spürte aber, dass ein solcher Vorgang für ihn tödlich enden könnte. Es galt jetzt, sich darauf zu konzentrieren, wie sich der Motorradfahrer verhalten würde, der sich soeben noch auf der benachbarten Fahrbahn gut vernehmbar entfernt hatte, jetzt aber wohl wendete, um abermals die Stelle des Unheils zu passieren.

Nach einer kurzen Herleitung der ungewöhnlichen Geschehnisse der letzten Minuten blieb ihm nichts anderes übrig als davon auszugehen, dass vom Motorrad aus mit einer schalldämpferbestückten Waffe geschossen worden war. Ziel dürfte dabei nicht die ältere Dame oder gar ihr Fliegenschiss von Hund gewesen sein, sondern zweifellos hatte der Anschlag ihm gegolten. Unklar im Moment: War der Schütze Sozius auf dem Krad gewesen und womöglich noch in der Nähe, um in wenigen Minuten vom zurückkehrenden Fahrzeug aufgesammelt zu werden oder gab es nur den Fahrer, der kurz gestoppt hatte, um die beiden Schüsse abzufeuern? Ganz gleich, es schien von elementarer Bedeutung liegen zu bleiben, um für sein mordendes Umfeld als getroffen und damit als getötet zu gelten. Der großzügige Blutfluss aus der Halsschlagader der neben ihm liegenden Dame sorgte dafür, dass es für Außenstehende so aussehen musste, als wären zwei Personen getötet worden. Es bestand für den Schützen insofern auch kein Anlass, nochmals zu feuern, zumal ein abermaliges Abstoppen des Motorrades erhebliche Risiken beinhalten dürfte. Die Aufmerksamkeit von Passanten und Anwohnern könnte geweckt, das Augenmerk auf ein langsamer werdendes Krad gerichtet und dann womöglich Bilder über die allgegenwärtigen Handys gemacht werden.

Es war ein Fehler gewesen, das sich nähernde und langsam werdende Motorrad anfangs nicht registriert zu haben. Jetzt durfte der Schütze nicht den Eindruck bekommen, dass sein Anschlag fehlgeschlagen war. Er entschloss sich, Millimeter für Millimeter den Kopf nach links zu drehen, weg vom Anblick der getöteten Dame, hin zur Fahrbahn, auf der sich das Motorrad näherte. Er glaubte, eine Suzuki GSX-R 750 mit Rennverkleidung erkennen zu können. Der Fahrer war in schwarzem Leder gekleidet und trug auf dem Kopf einen Shoei Neotec II Excursion TC-3 Integralhelm. Er hatte die Geschwindigkeit gedrosselt und bemühte sich angestrengt, im Schritttempo einen Überblick über die Situation auf dem Bürgersteig zu erlangen. Was er sah, schien ihn zufrieden zu stellen. Die Maschine jaulte auf und verschwand mit hoher Geschwindigkeit in Richtung Weststadt.

Schritte näherten sich aus Richtung City. Es waren seit Abgabe der Schüsse erst wenige Minuten vergangen. Passanten tauschten sich beim Nähern aufgeregt aus und begannen, sich gegenseitig Anweisungen zu geben. Aus seiner Bodenlage heraus konnte er wahrnehmen, dass offenbar Einvernehmen bestand, hier zwei getötete Menschen vorzufinden, denen nicht mehr zu helfen sei. Die großen Mengen Blut dürften großen Anteil an dieser Urteilsfindung gehabt haben. Das Feststellen von Puls und Atmung bei Verletzten und deren Fixierung in der stabilen Seitenlage schienen zudem aus der Mode gekommen zu sein.

„Guck mal, unter dem Typen liegt ein Hund. Komm, ich versuche den Körper zu drehen und du ziehst den Hund da raus.“ Der Stimme nach musste es eine junge Frau sein, der das Schicksal eines Zwergdackelrüden mehr am Herzen lag als das von zwei erwachsenen Menschen in einer Blutlache.

Er musste hier weg, und zwar so, dass möglichst später keine Angaben über ihn gemacht werden konnten. Auf keinen Fall durfte sein Gesicht später auf irgendeinem Handyfoto zu erkennen sein.

Ruckartig zog er die Hände Richtung Kopf, schlug die Kapuze hoch, stützte sich auf die Arme, zog die Beine unter seinen Körper und richtete sich auf, um sofort im Laufschritt dem makabren Geschehen zu entfliehen. Diese Abläufe gelangen fließend, da seine Glieder zwar durch die Bodenlage angefangen hatten auszukühlen, jedoch in der Kürze der Zeit noch nicht steif geworden waren. Der Teckelrüde hatte, bedingt durch sein Ableben, den Widerstand aufgegeben. Sein Kiefer löste sich aus dem Bauch des ehemaligen Opfers und der kleine Kerl fiel wie ein nasser Kartoffelsack zu Boden. Das Erstaunen der Umstehenden äußerte sich auf vielfältige Weise.

Später wurde berichtet, dass die zwei jungen Frauen sich des Hundeleichnams bemächtigt und ihn auf dem Boden liegend mit Herzdruckmassage bearbeitet hätten, um ihn letztlich nach jeweils 80 bis 100 Druckanwendungen auch noch zu beatmen. Dafür drückten sie den Oberkiefer gegen den Unterkiefer, peinlich bemüht, darauf zu achten, dass die Zunge, schlimmstenfalls dazwischenliegend, nicht perforiert wurde. Die stoßweise Beatmung erfolgte durch die beiden Löcher im Nasenschwamm des Hundes, Nasenlöcher genannt. Es schien wie ein Wunder: Da der Vorgang des Erstickens nur wenige Minuten zurücklag, gelang es den jungen Damen, den Rüden aus dem Jenseits zurückzuholen. Der quittierte diese Heldentat mit Knurren und einem herzhaften Biss in die rechte Wange seiner luftspendenden Retterin, wähnte er sich wohl noch im Kampfmodus. Dank seiner Schwächung dürfte der Kieferdruck bei mäßigen 20 statt der sonst möglichen 300 Kilopond gelegen haben, sodass das Gesicht der jungen Frau nicht maßgeblich verletzt wurde, sondern lediglich ein blauer Fleck verblieb. Eine Hundenothilfe-Organisation, die sich bundesweit für unsere vierfüßigen Mitgeschöpfe einsetzt, fühlte sich bemüßigt, den beiden Damen im Nachhinein die Ehrenmitgliedschaft anzutragen. In einer spätabendlichen Talkshow äußerte sich ein Tierarzt dahingehend, dass eine solche Wiederbelebung bei Hunden oder auch Katzen durchaus vielversprechend sei, aber eine gehörige Portion Zivilcourage abverlangen würde.

Bis zu seinem Hotel waren es bummelige zwei Kilometer. Mit einem Blick in eines der vielen Schaufenster stufte er sein Aussehen auf eine Mischung zwischen Dracula und Frankenstein Junior zur besten Halloweenzeit ein. Er würde Aufsehen erregen. Im Laufen entledigte er sich seines Sweatshirts und versuchte so gut es ging, sich damit das Gesicht zu säubern. Da heute in diesem Stadtteil die Entleerung der Mülltonnen auf dem Plan stand, konnte er das Shirt problemlos entsorgen, ohne zu befürchten, verfolgbare Spuren zu hinterlassen. Das wesentlich leichtere Hemd darunter hatte ebenfalls eine Kapuze. Es war eine seiner Vorsichtsmaßnahmen: Kapuzen gewährleisten, dass das Gesicht zumindest in Teilbereichen abgedeckt werden kann. So wie jetzt auch.

Gegenüber dem Menschen, der ihn seines Lebenslichtes berauben wollte, hatte er für einen Moment einen zeitlichen Vorsprung, den er nutzen wollte. Er konnte nicht ausschließen, dass sich der motorradbewehrte Killer angesichts seines scheinbaren Erfolges in seinem Hotelzimmer ungestört umsehen wollen würde.

Wenige hundert Meter vor seinem Hotel wurden seine Schritte langsamer und er verschwand schließlich in einem Hauseingang. Vorsichtig lugte er um die Ecke: Eine Person in schwarzer Lederkluft stellte auf dem Parkplatz eine 750er Suzuki ab und verschwand durch den hinteren Hoteleingang, ohne den Helm abgenommen zu haben. Jetzt galt es schnell zu sein. Mit einem kurzen Spurt gelangte auch er an diesen Eingang, dessen Tür am Tage nicht abgeschlossen war. Sein Zimmer mit der Nummer 222 befand sich im zweiten Stock und die Situation gab vor, es über die Treppe zu erreichen. Abermals war das Glück auf seiner Seite, konnte er doch, oben angekommen, im letzten Moment den Ledermenschen dabei beobachten, wie dieser nicht die Richtung zu den 220er Zimmern einschlug, sondern entgegengesetzt zu den 240ern abbog. Was für ein makabres Spiel des Schicksals, wohnte sein potenzieller Mörder nicht nur im selben Hotel, sondern auch noch im selben Stockwerk auf dem gleichen Gang, sozusagen fast Tür an Tür. Günstig für ihn, ungünstig für seinen Widersacher: Auf dem Flur befand sich ein kleiner Erker, der ein kurzes Verbergen ermöglichte, bis der Killer seine Tür zum Zimmer 246 hinter sich schloss. Wenige Sekunden später klopfte es an dieser Tür: „Zimmerservice!“

Die Tür wurde geöffnet, die Überraschung war gelungen. Wer kann schon behaupten erlebt zu haben, in Erwartung des hoteleigenen Personals einen vermeintlich von ihm ermordeten Menschen von Angesicht zu Angesicht vor sich stehen zu sehen? Mit einem knappen „Hallo“ betrat der Totgeglaubte, ohne eine Aufforderung abzuwarten, den Raum und begann, seine Arbeit zu verrichten.

2

Judith Goldenthal war am 9.3.1930 als Judith Fleischmann, dritte und letzte Tochter von Abraham und Sarah Fleischmann, bei Weißwasser in der Lausitz geboren worden. Ihr Vater war Prokurist der Firma „Oberlausitzer Glaswerke J. Schweig & Co“, die mit großem Erfolg in aller Welt geschätzte Medizin- und Bonbongläser herstellte und später auch Glasröhren und Glühlampen in das Sortiment aufnahm. Mit fünfzig Juden war der israelitische Anteil zu gering, um eine eigene jüdische Gemeinde zu repräsentieren, sodass die religiöse Zuständigkeit in der Gemeinde Görlitz angesiedelt war. Der Firmeninhaber, Joseph Schweig, hatte große unternehmerische Ambitionen, die zur Eröffnung weiterer Werke führten. Er fühlte sich aufgrund seiner geschäftlichen Erfolge gemüßigt, sich für die Allgemeinheit zu engagieren und wurde kommunalpolitisch aktiv. So gehörte er zu den Begründern der Deutschen Demokratischen Partei.

Abraham Fleischmann konnte sich als einer der vielen rechten Hände Schweigs bezeichnen. Im ersten Weltkrieg hatte er als Pionier gedient und war in der Schlacht von Verdun schwer verwundet worden, was den Verlust des linken Beines und des linken Augenlichtes mit sich brachte. Ausgezeichnet mit dem Ehrenzeichen für Schwerverletzte 1915 bis 1918, wurde er 1917 mit einundzwanzig Jahren aus dem Wehrdienst entlassen. Seine Frau Sarah lernte er bei einer Genesungskur in Bad Schlema, damals einer der fünf größten Kurorte Deutschlands, kennen. Aus der anfangs auf Mitleid beruhenden Verbindung wurde eine beiderseitige tiefe Liebe, erkannte Sarah doch in diesem Mann eine große charakterliche Festigkeit, die sich in einer überwältigenden Fürsorge gegenüber ihr und den späteren gemeinsamen Töchtern offenbarte. An allen Ecken und Kanten waren die Nachwehen des grausamen Krieges zu spüren. Das stattliche und auch beständige Einkommen des Familienoberhauptes sicherte nicht nur die Existenz dieser kleinen Gemeinschaft, sondern erlaubte auch, an den Turbulenzen der „Zwanziger“ teilzuhaben. Engagierte Kindermädchen umsorgten die Kleinen, sodass sich die Eltern regelmäßig in das Nachtleben stürzen konnten. Eine gutsitzende Prothese ließ es zu, dass Abraham und Sarah auf der Tanzfläche eine Runde nach der anderen drehen konnten. Abraham fühlte sich in guter Gesellschaft. Es war zu jener Zeit eine Vielzahl von Kriegsversehrten mit den unterschiedlichsten Beeinträchtigungen in der Öffentlichkeit präsent.

Zum Ende des Jahrzehnts machte sich in der kleinen jüdischen Gemeinschaft Weißwassers, so wie im ganzen Land, ein ungutes Gefühl breit. Offenbar waren einige Menschen in der großen weiten Welt nicht bereit, die jüdische Glaubensgemeinschaft in Ruhe zu lassen. In einer Ruhe, die allen friedlichen Gläubigen zusteht, egal wie sie ausgerichtet sind.

Kurzfristig in der Flasche verschwunden, stieg der Geist des Unheils wieder heraus, ohne dass das Gefäß zuvor gewissenhaft verschlossen wurde.

Für die kleine Judith war anfangs nicht erkennbar, dass die Stimmung im Land wieder einmal kippte. Die Sorgenfalten der Eltern wurden jedoch tiefer. Anfeindungen auf der Straße gehörten in den dreißiger Jahren zur Tagesordnung. Der reichsweit angeordnete Judenboykott führte sehr schnell zur gesellschaftlichen Isolation. Enge „Freunde“ wollten im Umgang mit Fleischmanns nicht „verbrennen“, Fensterscheiben wurden mit Steinen eingeschmissen, umhüllt von Papier, auf dem zu lesen war: „Judensau, verschwinde aus unserem Land!“, Passanten wechselten die Straßenseite, um den Fleischmanns nicht begegnen zu müssen. Im Alter von elf Jahren, der zweite Weltkrieg tobte bereits, musste auch Judith den Judenstern tragen. Die Familie hielt sich so lange wie möglich im Haus auf. Es gab noch eine nichtjüdische Familie, die die Fleischmanns mit Lebensmitteln versorgte. Dann passierte es: Denunzianten versahen ihren verräterischen Dienst, die SS trommelte unhöflich an die Tür, stürmte das Haus und riss die Familie auseinander. Mutter Fleischmann wurde mit ihren Töchtern nach Ausschwitz deportiert, Vater Fleischmann nach Görlitz. Sie sollten sich nicht wieder sehen. Mutter Sarah erkrankte im Lager an einer Lungenentzündung mit der Folge, dass sie zusammen mit zwei Töchtern vorzeitig in den Gaskammern „entsorgt“ wurde. Judith gehörte aufgrund ihrer Musikalität, sie spielte Klavier und Flöte, einer Lager-Musikgruppe an und hatte zudem den privilegierten Status, der Tochter des Lagerkommandanten Gesellschaft leisten zu dürfen. Als am 27.1.1945 die Rote Armee das Lager befreite, gehörte sie zu den 7.000 Insassen, die den Gräueltaten entkommen waren, nachdem über 1,1 Mill. ihr Leben auf teilweise grausame Weise verloren hatten. Während ausgewachsene Männer bis auf vierzig Kilogramm heruntergehungert waren, gehörte sie zu den wenigen, die nicht ausgemergelt oder krank waren. Vater Abraham verstarb 1945 im KZ-Außenlager Görlitz Biesnitzer Grund. Er war in den letzten Jahren des Krieges als Zwangsarbeiter in der Waggon- und Maschinenbau AG Görlitz (WUMAG) eingesetzt worden. Als der NSDAP-Kreisleiter Bruno Malitz aufgrund des Vorrückens der Roten Armee die Evakuierung des Lagers befahl, gehörte Abraham zu denjenigen Häftlingen, die als „gehunfähig“ erschossen wurden, was ihm die Qualen des Evakuierungsmarsches, auch Todesmarsch genannt, „ersparte“.

Judith schloss sich mit ihren fünfzehn Jahren einer Gruppe Erwachsener an, die sie in fürsorglicher Art beeinflussten, mit nach Palästina auszuwandern. „Nichts wie weg hier!“, war die Devise, war man sich doch im Klaren darüber, dass eine nicht geringe Anzahl von Nazi-Schergen Einfluss auf die politische und gesellschaftliche Entwicklung nach dem Krieg haben würde.

„Alija“, der Begriff für die historische Einwanderung der Juden nach Palästina bzw. seit 1948 nach Israel, stammt aus der Bibel. Die Übersetzung lautet „Aufsteigen“, bezieht sich auf das höher gelegene Bergland, das „Zion“. Was Judith betraf, war es einfach auf den Punkt zu bringen: Es wurde ihr, wie anderen Juden auch, der Weg nach Israel aufgezeigt, an dessen Ziel man sie willkommen hieß.

Judith konnte in ihrer neuen Heimat mit viel Fleiß ihr Abitur ablegen, studierte Musikwissenschaft, heiratete einen Verleger, dem sie eine Tochter gebar. Als ihr Mann früh verstarb, beschloss sie, siebzigjährig, ihrer Tochter nach Deutschland zu folgen. Sie war sich durchaus bewusst, dass es schon wieder, oder immer noch, antisemitische Tendenzen gab. Es waren die Enkelkinder, die ihre Ängste als zweitrangig erscheinen ließen. Besonders ihre Enkeltochter Mira hatte es ihr angetan.

Mira hatte als Vierzehnjährige beschlossen, später Geschichte zu studieren, um damit zu helfen, die Vergangenheit der Deutschen aufzuarbeiten. Ihre Geschichtslehrerin war begeistert und so kamen beide zusammen auf die Idee, Oma Judith in die Schule zu bitten, um vor den Schülern zu berichten, wie es ihrer Familie und den vielen jüdischen Mitbürgern zu Zeiten des Dritten Reiches ergangen war. Es wurde ein großer Erfolg. Die rüstige alte Dame hinterließ große Beklommenheit in den Klassenzimmern. Judith hatte für sich beschlossen, den Deutschen keine Erbschuld zu unterstellen. Es ging nicht darum zu verzeihen. Dazu war sie nicht bereit. Vielmehr war es wichtig, der neuen Generation nicht anzulasten, was ehemals an Verbrechen verübt worden war. Die Art ihres Vortragens sprach sich herum, sodass sie viele Tage im Jahr in den unterschiedlichsten Schulen des Landes unterwegs war, um den Geschichtsunterricht in ihrer unnachahmlichen Art zu bereichern.

Das Erlebnis der Schmähungen dummer Jungen auf den Schulfluren blieb ihr und den meisten Lehrern erspart. Nicht so die anonyme Briefpost und die darin enthaltenen Beleidigungen und Drohungen. Da waren sie wieder, die chaotischen Kaputtmacher, die wie blutsaugende Vampire den Gräbern zurückliegender Epochen entstiegen, meinend, dem Drachen der Intoleranz Menschenopfer schuldig zu sein.

Judith fühlte sich anfangs wie ins Mark getroffen. Sie begann mutlos zu werden, wurde dann aber von ihrer Familie und einer Vielzahl Schüler wieder aufgerichtet, um kämpferisch weiterzumachen.

Mira täuschte gerne vor, dass sie einmal keine Lust, das andere Mal keine Zeit hatte, um mit ihrem Zwerg-Teckelrüden namens Terminator spazieren zu gehen. Die Bitte, ob ihre liebe kleine Oma das nicht übernehmen könnte, wurde so gut wie nie ausgeschlagen. So tippelte die rüstige ältere Dame mehrmals in der Woche wohlgemut erst durch den Park, dann über den Bürgersteig, hin zum See und wieder zurück. Bis …

Die querenden Katzen fand sie ja noch ganz lustig. Zwei Stubentiger im Liebesrausch. Sie zielstrebig vorweg, er wie von Sinnen hinterher. Wie Männer eben mal so sind. Auch mit dem Gebaren des blutrünstigen Terminators, herausgefordert von diesem bescheuerten Kater, meinte sie fertig werden zu können. Als der aber anfing, sie mit der langen Ablaufleine paketartig einzuschnüren, war Schluss mit lustig. Erleichtert war sie über das Erscheinen des Herrn, der wie gerufen auf sie zu stürzte, um einzugreifen. Und stoppte nicht sogar ein Motorradfahrer mit der Absicht zu helfen? Dieser verflixte Dackel. Dann der stechende Schmerz am Hals, die einsetzende Schwäche und schließlich der Sturz, den sie so gerne vermieden hätte. Die sorgenvollen Gedanken um den Dackel, der sich anschickte, dem netten, ebenfalls gestürzten Herrn in den Bauch zu beißen und damit sein Leben zu riskieren, waren ihre letzten. Wie sollte sie das Mira erklären, wenn …

3

Ganz spurlos war der Tag nicht an ihm vorbeigegangen. Den Wechsel vom Hotel aus der Nordstadt zur kleinen Pension in der Südstadt konnte man durchaus als ungewöhnlich bezeichnen. Der Unterschied von „Vier Sterne“ zu einem „Zimmer mit dem Bad über den Gang“ sollte zu verkraften sein. Die Rückzugsmodalitäten wurden wie gewohnt routiniert abgespult. Der Seesack war geübt in unter vier Minuten gepackt. Von ihm hinterlassene Spuren konnten nur insofern beseitigt werden, als er alle möglichen Kontaktflächen von seinen Fingerabdrücken reinigte. Genetische Fingerabdrücke wie Haare und Schuppen wurden aus seinem „Gentresor“ vervielfältigt. Stets führte er in unterschiedlichen kleinen Plastiktüten Haare, Zigarettenstummel oder auch mal Fremdsperma mit sich. Hinsichtlich der Kopfhaare bediente er sich an Mülltonnen von Friseursalons. Mit Schamhaaren oder epilierten Damenhaaren war es weitaus schwieriger. Er musste warten, bis Gäste im Hotel auscheckten und hoffen, dass ihre Zimmer nicht abgeschlossen waren. Bevor die Reinigungstruppen anrückten, sammelte er in den Abläufen der Waschbecken und Duschen Haare jedweder Couleur ein. Männliche Schamhaare fanden sich gerne in der Bettwäsche, weibliche an Rasierklingen oder ganzen Einwegapparaten, die man in Mülleimern finden konnte. Gefüllte Kondome in den Abfalleimern, diskret in Toilettenpapier verpackt oder schamlos hineingeworfen, lieferten genetisch aufschlussreiches Material, was sich aufgrund der eiweißreichen Konsistenz allerdings nur kurzfristig aufbewahren ließ, fing es doch nach einigen Tagen an, erbarmungslos zu stinken. So konnte er auch heute ein breites Relief unterschiedlichster Genabdrücke hinterlassen. Eine möglicherweise später sondierende Spurensicherung musste davon ausgehen, dass im Zimmer 222 aneinandergereihte Betriebsfeiern ausschweifender Natur stattgefunden haben mussten.

Die von ihm getötete Person im Zimmer 246 dürfte genügend eigene Spuren geliefert haben. Er hatte diesen Typen nach seinem Eintreten in das Zimmer wie eine Katze angesprungen. Aus dem Täter wurde ein Opfer, besonders vor dem Hintergrund, dass dieser Knabe wie eine Larve im Kokon durch seinen Lederanzug in seinen Bewegungen massiv eingeschränkt war und so zu Fall kam. Der Aufprall geriet so heftig, dass einzig der Helm verhindert haben dürfte, sich am Sockel des Bettes das Genick zu brechen.

Ein zweiter, auch katzenähnlicher Sprung auf den am Boden liegenden Mann, entrang diesem ein lautes Stöhnen, erlaubte dem Angreifer aber, mit raschen Griffen die Lederjacke zu öffnen, um nach der darunter befindlichen Pistole, einer Glock 17 mit B&T Schalldämpfer im Kaliber 9 mm Para, zu greifen.

„Wer schickt dich?“ Während seiner Worte bemächtigte er sich der am Boden liegenden Lederhandschuhe, zog sie an, griff unter das Visier des Helmes und klappte es nach oben. Er blickte in ein junges Gesicht mit fragenden Augen. Offensichtlich war seine Aufforderung nicht verstanden worden. Er versuchte es mit mehreren Sprachen. Als er beim Russischen angekommen war, kam die prompte Antwort vom Überrumpelten: „Nошел на хуй!“ Auf Neu-Deutsch: „Fick dich!“

Er löste sich von seiner menschlichen Unterlage und richtete sich auf. Mit einer entsprechenden Bewegung der Pistole gab er zu verstehen, dass der Helm abzunehmen sei. Dieser Aufforderung wurde widerstandslos nachgekommen.

Tatsächlich dürfte die männliche Person vor ihm kaum älter als zwanzig Jahre sein. Das Gesicht war nicht nur sympathisch jung, sondern auch als hübsch zu bezeichnen. Ebenmäßige Züge mit leicht hervorstehenden Wangenknochen bei überdurchschnittlich tiefliegenden Augen. Die Haare, er griff sich unwillkürlich an den eigenen Schopf, wie bei ihm schwarz, lockig-widerspenstig. Der Ausdruck der Augen war selbstbewusst und trotzig.

Er wiederholte die bereits gestellte Frage, die mit derselben lapidaren Antwort quittiert wurde.

Nachdenklich blickte er auf den jungen Mann, ging dann, ohne sein liegendes Gegenüber aus den Augen zu lassen, zum Bett, holte das Kopfkissen, drückte es sekundenschnell auf das Gesicht des entsetzten Jünglings und schoss ihm mit der zuvor entsicherten Glock in das rechte Knie. Der begleitende Schrei verlor sich im Kissen. Der vormals trotzige Blick der Augen war jetzt schmerzverschleiert, todesängstlich.

„Опять же, кто ваш клиент?“ (Wer ist der Auftraggeber?)

„Хороший отец!“ (Guter Vater!)

Er wusste nicht, was er mit dieser Antwort anfangen sollte, nahm abermals das Kissen, drückte es auf das Gesicht und feuerte die nächste Kugel durch das linke Knie.

„Хороший отец, Хороший отец, Хороший отец!“

Die Aneinanderreihung dieser für ihn nicht einfach zu entschlüsselnden, verbalen Signale hörte sich an, als würde Gott angerufen, ohne die Bereitschaft zu zeigen, ihm nähere Auskünfte zu geben. Er kam zu dem Schluss, die Angelegenheit vor dem Hintergrund schon erlebter und noch zu erwartender Turbulenzen zu beenden.

Für den dritten Schuss setzte er die Waffe auf die Stirn des jungen Mannes, ohne jegliche Regung angesichts des flehenden Blickes seines Opfers. Er drückte ab.

Wer hatte heute nochmal versucht, wen zu töten?

Mit einem prüfenden Blick kam er zu dem Ergebnis, keine wesentlichen Spuren hinterlassen zu haben, da von ihm keine festen Materialien angefasst worden waren. Es widerstrebte ihm, die Pistole mitzunehmen, er steckte sie aber schließlich in seinen Hosenbund und zog das Shirt darüber. Es war nicht abzuschätzen, ob er so ein Wunderwerk der Technik mit möglichen dreißig Schuss nicht noch einmal brauchen würde. Die Handschuhe wanderten in die Schubtaschen des Shirts. Das Durchsuchen nach Dokumenten ersparte er sich. Täter mit diesem Profil trugen so etwas entweder nicht bei sich oder es würden Fälschungen sein. Er kannte sich damit aus. Dann entschloss er sich, auch im Zimmer 246 auf Nummer sicher zu gehen und versah es ebenfalls mit einer Spende aus seinem Gentresor. Das Risiko, das notwendige Material aus seinem Zimmer holen zu müssen, ging er bewusst ein, hatte dabei aber Glück, niemandem zu begegnen.

Bevor es zur Rezeption ging, um auszuchecken, brachte er den Seesack zum Hinterausgang. Geschäftsreisende mit Seesack könnten unglaubwürdig erscheinen. Er war sich sicher, dass die Gänge dieses Hotels nicht videoüberwacht wurden. Wenig fortschrittlich, jedoch im aktuellen Fall sehr segensreich. Dann ging es mit dem Bus der Linie 6 zum Bahnhof, nicht ohne die Lederhandschuhe in einer der abfuhrbereiten Mülltonnen am Straßenrand zu entsorgen. Im Bahnhof hatte er drei Schließfächer belegt. In das leere Schließfach Nummer 17 warf er den Seesack und bediente sich am Schließfach Nr. 476, drei Gänge weiter, an einem zweiten Seesack, um daraufhin in null Komma nichts zu verschwinden.

Jetzt lag er im Bett der kleinen Pension, ohne an sich den Anspruch zu stellen, einschlafen zu können. Die Sachen aus dem zweiten Seesack hatte er in die Schränke geräumt. Den deponierten Sack würde er in einigen Tagen aus dem Schließfach holen, die Wäsche sortieren und in einem Waschsalon waschen. Am Ende würde dieser Sack wieder im Depot verschwinden und damit für einen weiteren schnellen Wechsel von Kleidung, Pass und Führerschein zur Verfügung stehen. In dem von ihm belegten dritten Fach mit der Nummer 14 befanden sich exklusive Kleidungsstücke wie gebügelte Hosen, ein schwarzer Anzug und ein dunkelbraunes Kamelhaar-Jackett, schließlich ab heute auch die Glock. Die Schließfächer wollten immer wieder gefüttert werden. Dem gerecht zu werden, erwies sich immer wieder als schwierig, da er nicht selten länger auswärts unterwegs war.

Nach dem Verlassen des Bahnhofs hatte er zur Sicherheit den öffentlichen Nahverkehr genutzt. Rein in den Bus, raus aus dem Bus, rein in die Straßenbahn, raus aus der Straßenbahn, rein …, raus …, rein …, raus. Am Ende konnte er sicher sein, weder verfolgt noch beobachtet zu werden, und war jetzt in der Südstadt gelandet. Vor längerer Zeit hatte er in dem Haus schon einmal ein Zimmer gemietet. Heute war das Schild „Zimmer frei“ verschwunden. Trotzdem klingelte er. Die ältere Dame eröffnete ihm, nach dem Tod ihres Mannes nicht mehr vermieten zu wollen. Auf seine Anmerkung, schon einmal ihr Gast gewesen zu sein, wurden sie sich einig. Jetzt war er für sein unwillkommenes Umfeld in der sprichwörtlichen Versenkung verschwunden – in einer Bleibe, von der niemand wusste. Die Dame hatte noch ein paar Spiegeleier in die Pfanne geschlagen und ihren kleinen Biervorrat geteilt, selig, endlich mal wieder etwas Gesellschaft zu haben.

Er wälzte sich aus der Rückenlage auf die rechte Seite.

Ohne jeden Zweifel war er aufgeflogen, wobei einstweilen unklar blieb, wer ihm ans Leder wollte. Der jugendliche Killer dürfte sein Hotel als Stützpunkt gewählt haben, um seine Gewohnheiten zu studieren. Er pflegte täglich zur gleichen Zeit in Richtung Park unterwegs zu sein, um sich auf dem dort etablierten Trimm-Parcours auszupowern. Der Weg zurück wurde von ihm meistens im gleichen Zeitfenster angetreten. Der vom Motorrad ausgeübte Anschlag garantierte dem Täter Sicherheit. Der Bürgersteig war zu diesem frühen Nachmittag mäßig frequentiert. Bis auf ausgestoßene Hülsen und die womöglich auffindbaren Projektile dürfte es keine weiteren Spuren gegeben haben. Ein Mord im Hotel oder auf dem Parkplatz des Hotels hätte wesentlich mehr Aufmerksamkeit und Risiken beherbergt. Die 750er Suzuki hatte der Täter sehr wahrscheinlich gestohlen.

Er drehte sich mit leichtem Stöhnen auf die linke Seite.

Vermutlich hatte er einem Zwerg-Dackelrüden sein Leben zu verdanken. Die Dankbarkeit hielt sich insofern in Grenzen, als dass genau dieses vierbeinige Wesen seine Aufmerksamkeit über Gebühr in Anspruch genommen hatte. Nach Verlassen des Parks befand sich die ältere Dame ungefähr 150 m vor ihm. Sie war im Schlendergang unterwegs, immer wieder auf den kleinen Kerl eingehend, dem es zwar an Größe, nicht jedoch an Selbstbewusstsein mangelte. Energisch forderte der Rüde sein vermeintliches Recht ein, in Zeitungslesermanier jede Duftmarke gewissenhaft zu studieren. Geduldig gewährte die Dame ihm diese Demonstration von Bildungshunger, welchen er durch konsequentes Anheben des einen oder anderen Hinterbeines freudig unter Beweis stellte, was rein wissenschaftlich immer wieder die Frage aufwirft, wieviel die Blase eines Rüden, gleich welcher Rasse, eigentlich an Inhalt vorweisen kann. Eine ca. 10 m lange Ablaufleine, die sich auf Knopfdruck wieder in ein Gehäuse einrollen ließ, sorgte für großzügige Weite bei gleichzeitiger Kontrolle.

Die Situation änderte sich schlagartig, als zwei liebestolle Katzen aus einem der rechten Grundstücke heraussprangen und einen kurzen Bogen vor dem ungleichen Gespann schlugen. Die erste Katze, schwarz, weiblich und damit deutlich klüger, verschwand sofort wieder über die Mauer hinweg, während der ihr folgende Kater, bis auf einen schwarzen Kopf durchgehend weiß, stutzte. Einerseits schien die Dame Luft für ihn zu sein, andererseits wusste er das behaarte, mit vier Pfoten ausgestattete Wesen nicht einzuschätzen. Könnte es sich vielleicht um eine weitere Katze, bestenfalls weiblicher Natur, handeln? Den Gegenbeweis einer solchen folgenschweren Einschätzung brachte pflichtbewusst der Teckelrüde, indem er sich in der Manier eines Kampfhundes auf die Katze stürzen wollte, sei es aus reiner Rauflust oder aufgrund eines aufwallenden, kavalierartigen Schutzinstinktes gegenüber seinem temporären Frauchen.

Der Kater baute sich kurzfristig mit einem sprichwörtlichen Katzenbuckel vor seinem für ihn nicht ganz ernstzunehmenden Gegner auf, umkreiste schwanzzuckend Dame und Hund, was den Dackel bewog, dieser Bewegung zu folgen, nicht ohne ein ohrenbetäubendes Geschrei auszustoßen. Bedingt durch das konsequente, richtungsstarre Einhalten seiner Umlaufbahn sorgte der Dackel mit Hilfe der Ablaufleine dafür, dass die Beine der Dame, nicht zuletzt dank der hellen Nylonstrümpfe, wie ein geschnürtes Paket Leuchtstoffröhren aussahen. Sie bewahrte damenhafte Contenance, schwankte aber wie ein Rohr im Wind und drohte zu fallen.

Die Rettung nahte in Gestalt seiner Person, nachdem er, jetzt etwas schneller unterwegs, auf Höhe dieses Spektakels angekommen war.

„Helfen Sie mir bitte! Ich falle sonst!“

Dem Kater wurde es der Menschlichkeit zu viel. Er sprang beherzt auf die Mauer und auf der anderen Seite wieder herunter, sein ursprüngliches Ziel der biologischen Vermehrung wieder vor Augen habend.

Der Dackel war jetzt mit der Leine an den Beinen der Dame gefesselt. Den verbleibenden Spielraum von ungefähr zwei Metern nutzte er, um wie ein Berserker, der keine Schmerzen und Qualen scheut, mit fortdauernden Rückwärtssprüngen zu versuchen, die Freiheit zu erlangen, mit dem Ziel, die Verfolgung der Katze aufzunehmen, dabei nicht wissend, dass diese schon an der Mauer zu Ende sein würde, hatte die Natur es doch versäumt, Hunde dieser Größe mit außergewöhnlichem Sprungvermögen auszustatten.

Es galt jetzt, diese scharf gestellte, tierische Handgranate zu packen und damit der Dame den Sturz zu ersparen. Er bückte sich und dann …

„Plopp“, „plopp“.

Dieses Geräusch löste in ihm die alten Instinkte aus:

Die Oberfläche des eigenen Körpers verkleinern, Deckung suchen oder sich alternativ zu Boden werfen.

Da es an Deckung fehlte, machte er es der getroffenen Dame neben ihm gleich und sank zu Boden, den Zwergteckel unter sich begrabend, welcher sich dies nicht widerstandslos gefallen ließ und es mit einem Biss in seinen Bauch quittierte.

Die Aneinanderreihung nachvollziehbarer Bewegungen löste offenbar beim Täter eine optische Befriedigung aus, was für ihn als ausgesuchtes Opfer eine weitere glückliche Fügung bedeutete. Tragisch war ohne Frage, dass durch sein Abtauchen in Richtung Hund die Dame neben ihm mindestens eines der Projektile abbekommen haben dürfte. Natürlich, das Ableben des Dackels war ebenfalls markant, löste aber kein Mitleid bei ihm aus, hatte er doch für die nächsten Tage ein Tattoo-ähnliches, schmerzhaftes Andenken in seiner Bauchhaut.

Mit Schwung ging es auf seinem Bett in die Rückenlage.

Hatte er richtig gehandelt, den Täter so schnell zu töten? Die Frage, ob es notwendig war, den jungen Mann überhaupt final zur Rechenschaft zu ziehen, stellte er sich nicht. Wer als Auftragskiller unterwegs war, ging automatisch dieses Risiko ein. Aber: Es wären nach dem zweiten Schuss vielleicht angesichts ohnmächtiger Schmerzen noch weitere Informationen hervorzulocken gewesen. Allerdings kann man ein Hotelzimmer nicht ohne weiteres zur Folterkammer umfunktionieren. Zudem drängte die Zeit. Es hätte jederzeit jemand kommen können.

Es ging jetzt mit einer Drehung noch einmal auf die rechte Seite. Ein Klick auf den Lichtschalter sorgte für Dunkelheit und wenige Minuten später für gleichmäßige Atemzüge, die einen tiefen, traumlosen Schlaf bekundeten.

Er hatte schon andere Sachen erlebt …

4

„Flori, kommst du bitte, wir wollen gleich essen!“

Annegret Fugger stand am Herd und bereitete eine Speise aus Erbsenpüree und grober Bratwurst vom Harzer Höhenvieh. Dazu sollte es Süßkartoffeln geben, die noch eine kurze Zeit köcheln mussten. Das häusliche Kochen war nicht ihre große Leidenschaft, aber seitdem sie zu zweit waren, hatte sie sich notgedrungen damit auseinandersetzen müssen. Ziel war immer, dass es vorrangig Florian schmecken musste, der durchaus ein Leckermäulchen war.

Sie hatte die Ereignisse um die Siloschwanzmorde lange nicht richtig verdauen können. Das Erlebte war zu heftig gewesen. Es hatte nicht nur ihr ganzes berufliches Engagement gefordert, sondern war tief in ihre ohnehin verletzte Seele eingedrungen. Für eine kurze Zeit setzte sie sich noch bei der Sitte mit kinderpornografischen Angelegenheiten auseinander. Durch das Zusammensein mit Florian verlor sie ihre Kraft für derlei Arbeit. Vorgesetzten und Kollegen war das nicht fremd: Auch guten und souveränen Ermittlern war es nicht möglich, sich „unendlich“ mit diesem abscheulichen, menschenverachtenden Material auseinanderzusetzen. Doktor Louise Fuhrmann, Polizeipsychologin und vielleicht auch inzwischen gute „Freundin auf Distanz“, trat mit dem Vorschlag an sie heran, doch ein Jahr unbezahlten Urlaub zu nehmen, auch um die Zeit mit ihrem Florian zu genießen. Es ging dabei weniger darum, dass Florian sich an sie gewöhnte, als sie sich an Florian. Das Jahr war schnell vergangen. Nach dieser Zeit des Besinnens war sie nicht mehr bereit, 40 Stunden in der Woche Polizeidienst zu versehen und hatte darum gebeten, bei der „normalen“ Kripo Teilzeit arbeiten zu dürfen. Dieser Bitte wurde entsprochen, sodass sie heute einen 25-Stunden-Job in der Dienststelle wahrnahm, wo auch Klemme und Bender ihr „Unwesen“ trieben.

Das Schicksal spielte ihr mit einer wirklich unerwarteten Erbschaft in die Hände. Onkel Ludwig war verstorben und hatte sie als Alleinerbin eingesetzt. Könnte es das schlechte Gewissen gewesen sein oder hatte Annegrets Mutter zu dieser Entscheidung beigetragen? Ihre erste Reaktion war, das Erbe in seiner sehr stattlichen Höhe abzulehnen. Zuviel Unheil war mit den Gedanken an ihren Schänder aus der Kindheit verbunden. Am Ende stand ihr Entschluss fest: Erst einmal annehmen! So wurde sie Besitzerin von Häusern im Westen und Osten Deutschlands und hatte einige Konten mit stattlichen Summen und nicht minder kompakte Fonds übernehmen können. Sie war damit nicht bereit, den Verstorbenen zu entschulden. Nein, ganz sicher nicht. Er hatte mit seinen Taten verhindert, dass aus ihr eine unbefangene, lebensfrohe Frau geworden war. Mit seinem Geld aber hatte sie die Möglichkeit, sich in jeder Hinsicht weiter auszudehnen, aus dem kleinen Auto ein etwas Größeres und damit Sichereres werden zu lassen und im Urlaub an der Nord- oder Ostsee großzügiger bei der Auswahl des Hotels zu sein. So war es schlüssig, dass es sie aus der kleinen Wohnung heraus und in ein schmuckes kleines Häuschen am westlichen Stadtrand trieb. Hier gab es genug Platz für zwei, ein Garten gewährleistete hinsichtlich Obsts und Gemüses eine gewisse Selbstversorgung und würde irgendwann auch einem Hund stattlicher Größe genügend Auslauf bieten können.

Angesichts des pekuniären Segens gab sie sich einen kräftigen Ruck und suchte ihre Mutter auf, nicht zuletzt, um ihr von Florian zu erzählen. Eigentlich waren für sie die Gräben der Vergangenheit unüberwindbar. Als ihre Mutter die Tür öffnete, wurde ihr schlagartig bewusst, an diesem Tag den richtigen Weg gewählt zu haben. Obwohl gerade erst siebzig Jahre alt geworden, öffnete ihr eine uralt anmutende Dame, zittrig, faltig und ohne jeden Glanz in den Augen. Die Haare waren grau und wirkten fettig. Eine für alte Frauen der siebziger oder achtziger des vergangenen Jahrhunderts typische Kittelschürze, zwar pieksauber, aber ohne jede Form, hing lustlos am Körper ihrer Mutter herunter. Die Beine waren strumpflos und entließen die Füße in Latschen aus gewalkten Loden. Obwohl Annegret sich telefonisch angemeldet hatte, war da nur ein müdes „Ja?“ beim Öffnen der Tür.

Sie gab sich zu erkennen und wurde emotionslos eingelassen, als wäre sie nicht die Tochter, sondern der Schornsteinfeger.

„Nimm Platz!“ Immerhin. Sie standen im ehemaligen Wohnzimmer von Onkel Ludwig. Mutter Bernadette Brockstedt sank in den abgegriffenen Fernsehsessel, während die Tochter zwischen mehreren Kissen in dem durchgesessenen Sofa abtauchte.

Annegret hielt es anfangs für ausgeschlossen, es länger als zehn Minuten in diesen Räumen auszuhalten. Onkel Ludwig schien allgegenwärtig. Zudem dürfte es für sie unmöglich sein, sich mit einer Frau zu unterhalten, die vom Aussehen eher einer Mumie als einer Frau in den Siebzigern glich, Verwandtschaft hin oder her. Aber das Blatt sollte sich schlagartig wenden. Nachdem ihre Mutter minutenlang auf ihre eigenen Hände gestarrt hatte, hob sie den Kopf und blickte Annegret in die Augen.

„Dein Onkel Ludwig hat mir alles erzählt. Von Anfang bis Ende. Alles! Wirklich alles. Auch wenn ich nicht sicher weiß, was in Summe passiert ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass er mir etwas verschwiegen hat. Es war kurz vor seinem Tod. Er hatte wohl Angst, vor den Herrn zu treten, ohne diese Last auf Erden losgeworden zu sein. Er hätte dich gerne um Vergebung gebeten, aber dafür war er zu schwach. Das Pflegebett hatte bereits den Rollstuhl ersetzen müssen. Seine Stimme war nur noch für den zu verstehen, der sich täglich mit ihm abgab. Den Nachlass hatte er bereits seit ungefähr zwanzig Jahren geregelt. Danach sollte alles mir zufallen. Als er mich bat ihn anzuhören, habe ich erkannt, welche Schuld auch ich auf mich geladen hatte. Mir wurde bewusst, dass ich meine einzige Tochter im Stich gelassen hatte, indem ich in meinem Bruder nicht das Monster erkannte, das er zweifellos war. Besser gesagt: erkennen wollte. Signale von dir hat es damals genügend gegeben. Wir waren uns einig, dass nur du als Alleinerbin sämtlichen Vermögens in Frage kommst. Wir haben dann das Testament ändern lassen. Der Notar kam ins Haus und Onkel Ludwig musste alle Kraft zusammennehmen, um das Dokument zu unterschreiben. Am nächsten Tag deutete sich an, dass er mich für immer verlassen würde. Er hatte sich schon sehr früh entschlossen, in einem solchen Fall nicht noch einmal ärztliche Hilfe zu beanspruchen.“ Bernadette machte eine längere Pause. „Ich habe mich dann versündigt!“

„Du hast doch nicht …?“

„Oh, ich hatte vergessen, dass du Polizistin bist! Nein, ich habe nicht beim Sterben nachgeholfen. So etwas kann ich nicht. Ich habe ihn immer über alles geliebt. Leider über meine eigene Tochter hinaus. Ich habe ihn ein letztes Mal angelogen!“

„Womit hast du ihn angelogen?“

„Ich habe ihm ins Ohr geflüstert, dass du ihm verziehen hast! Er hat dann noch einmal glücklich gelächelt und ist dann eingeschlafen. Wenn du es möchtest, suche ich mir eine kleine Wohnung und ziehe hier aus!“

Typisch für ihre Mutter. Ging es um das Seelenheil ihres Bruders, wurde sogar am Sterbebett hemmungslos getrickst. Aber sie konnte diesem menschlichen Wrack, in dem sie Mühe hatte, ihre Mutter zu erkennen, nicht böse sein.

„Du kannst bleiben, auch mietfrei.“ Damit waren die wesentlichen Dinge geregelt. Es wollte sich kein längeres Gespräch entwickeln, sodass Annegret doch nicht bereit war, dieser ihr so fremden Frau von Florian zu erzählen. Die beiden Frauen verabschiedeten sich in dem Bewusstsein, vor dem Hintergrund der Wohnungsüberlassung erneut voneinander zu hören. Zurück ging es mit Bus und Bahn, genauso wie sie hergekommen war. Seit sie mit Florian zusammen wohnte, war sie deutlich umweltbewusster geworden. Der für normale Menschen unbestreitbare Klimawandel beunruhigte sie zunehmend. Sie hatte für sich noch nicht abschließend befunden, wie sie sich mit dieser Problematik auseinandersetzen sollte. Heute war es ein Minischritt, indem sie nicht das Auto zur Fortbewegung nutzte.

„Flori, es ist soweit!“ Sie hatte zwischenzeitlich den Küchentisch gedeckt. Dafür verwendete sie gerne eine helle Tischdecke aus hochwertigem Wachstuch. Frische Blumen und eine bunte schlanke Kerze luden zu einem stimmungsvollen Mittagsessen ein. Dampfende Schüsseln und schmucke Teller rundeten den Anblick ab.

„Gehst du bitte noch einmal ins Bad und wäschst dir danach die Hände?“

Zu spät! Florian stand schon in der Tür, hielt ein Stück Papier hoch, auf dem deutlich eine Zeichnung, vermutlich von einem Haus, zu sehen war.

„Da, Annedet, fü dich!“ Er hatte noch Schwierigkeiten, dass „R“ zu sprechen. Aber auch das würde er noch irgendwann schaffen!

Der Kleine war gerade zweieinhalb Jahre alt. In Anbetracht der bisher nur kurzen Verweildauer auf diesem Planeten war ihm schon wahrhaft Spektakuläres widerfahren, obwohl, Stand heute, niemand wirklich sagen konnte, was mit ihm wann, wo, weshalb und warum passiert war.

5

Für Klemme, Bender und die zwei Streifenpolizisten war es anfangs reine Routine gewesen: Ein Anruf, vom Handy getätigt, dem man entnehmen konnte, dass es sich um keinen Unfall, sondern um ein Tötungsdelikt handelte. Absperren des Tatortes, Einfangen von Zeugen, d. h. Umstehende ansprechen und fragen, ob sie relevante Aussagen machen konnten. Bloß niemanden verlieren, bevor der ohne Angabe seiner Kontaktdaten in der Menge verschwunden war. Dann die anrückende Spurensicherung, die wie immer fluchte, wie am Tatort herumgesaut worden war. Der letztlich tätige Gerichtsmediziner hatte es einfach wie selten zuvor. Todesursache: Ausbluten durch massive Verletzung des Halses respektive der linksseitigen Halsschlagader auf Höhe des Kehlkopfes. Man könnte geneigt sein, unfachmännisch von „Zerfetzen“ zu sprechen. Ursache unbekannt. Nicht ausgeschlossen werden konnte die Einwirkung eines Geschosses. Näheres nach Untersuchung in der KTU.

Dann platzte die Bombe. Nach kurzem einvernehmlichem Blickwechsel mit Klemme hatte Bender die unter der Dame liegende Handtasche an sich herangezogen und aufgehoben. Mit den Gummihandschuhen bewehrten Fingern der rechten Hand zog er einen Pass aus dem Innern, den er eingehend studierte. „Scheiße, es ist ein israelischer Pass!“

„Was soll das nun wieder heißen? Ich höre wohl nicht richtig?“ Susanne Klüver von der Spurensicherung hatte ihren Kopf hochgerissen und musterte Bender irritiert.

„Das soll heißen, dass wir es in letzter Zeit vermehrt mit Anfeindungen aus der rechten Szene gegen jüdische Mitbürger zu tun haben. Das ‚Scheiße‘ von Bender bezieht sich auf diese Problematik. Es könnte sich hier um einen Mord vor diesem Hintergrund handeln. Nicht mehr, aber vor allem auch nicht weniger. Wie heißt die Dame?“ Klemmes mehr als deutliche Stellungnahme ließ keine weitere Intervention seitens Susanne Klüvers zu. Er meinte es so, wie er es sagte. Bender war „sauber“, was solche Strömungen anbelangte. Es gab bei ihm keine Andeutung von Rassismus oder gar eine Voreingenommenheit gegenüber einer Konfession. Seine Sprüche, was Frauen anbelangte, waren allerdings manchmal gewöhnungsbedürftig, passten eher in eine Fußballmannschaft als ins Kommissariat. Klemme hatte immer wieder den Eindruck, dass Bender vor jüngeren Kollegen mit verbalen Kraftakten Eindruck schinden wollte. Das hatte er wirklich nicht nötig.

„Judith Goldenthal. Klingelt es da auch bei dir?“ Bender schaute Klemme fragend an.

„Und ob!“

„Genau, die Judith Goldenthal! Menschlicher ‚Hotspot‘ in Sachen Jugendlichen-Bildung. Sie war in den letzten Monaten in Schulen unterwegs, um als Zeitzeugin über den Holocaust zu berichten. Zusätzlich spektakuläre Medienauftritte! Sie kam glaubhaft rüber. Hatte aber auch ihre Kritiker: Teilweise gibt es Menschen, die dieses Thema zur Ruhe kommen lassen wollen, andere sind regelrechte Holocaust-Leugner. Letztere haben ihr wohl massiv gedroht. Allerdings bis jetzt ausschließlich anonym.“

Zwei Streifenpolizisten näherten sich mit zwei jungen Damen im Schlepptau, von denen eine einen Zwerg-Teckelrüden auf dem Arm hatte. Bevor die beiden Klemme vorgestellt werden konnten, verlautbarte Susanne Klüver, sie habe zwei Projektile an der Gartenmauer gefunden. Eines war in circa 1,50 m Höhe eingeschlagen und auf die Erde gefallen, ein weiteres steckte deutlich tiefer in Kniehöhe in einer Mauerfuge. Offenkundig beide Geschosse in 9 mm Para. Es gehe jetzt darum, die Patronenhülsen zu finden. Vorausgesetzt, bei der Tatwaffe habe es sich um eine hülsenauswerfende Pistole gehandelt und nicht um einen Revolver.