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Die Gesamtausgabe der beliebten Lavendelgang-Reihe! Die Lavendelgang (Eine Golden-Girls-WG in der Provence) Seniorenheim? Nein danke! Für die rüstige Rentnerin Marie steht eines fest: Auch mit 65 gibt es noch lange keinen Grund, alt zu werden. Gemeinsam mit der französischen Köchin Cécile, der eleganten Römerin Franca, der flotten Pariserin Julie und der scharfzüngigen Griechin Eleni startet sie ein aufregendes Projekt – die "Lavendelgang", eine Golden-Girls-WG zwischen Lavendelblüten und Wildkräutern. Die Reise in den gemeinsamen dritten Frühling ist turbulent, herzerfrischend und hält so manche Überraschung bereit, mit denen keine der Damen je gerechnet hätte ... Die Lavendelgang II (Die Golden-Girls-WG on Tour) Die Lavendelgang ist zurück! Ein französischer Kosmetikhersteller lädt die unterhaltsame Golden-Girls-WG um die 65-jährige Marie und ihre Freundinnen zu einer Rundreise durch die Provence ein – ein guter Grund, um endlich mal wieder etwas zu erleben und im für seine Lavendelfelder und Parfümproduktionen beliebten Grasse shoppen zu gehen. Jedoch wird ihnen unterwegs schnell klar, dass bei der Fahrt nicht alles mit rechten Dingen zu geht und die Teilnehmer nach allen Regeln der Kunst über den Tisch gezogen werden. Als dann auf einmal auch noch eine der Golden Girls verschwindet, ist der detektivische Spürsinn der Frauen gefordert ... Die Lavendelgang III (Die Golden Girls rocken die USA) "Go West!" ist nicht nur für junge Amerikaner ein Aufbruchsignal – auch die Golden Girls der Lavendelgang zieht es westwärts: Ihre Freundin Margritte hat durch ihren ehemaligen Studienfreund Antoine ihr Traumhaus in Beverly Hills gefunden, und nun sehnt sie sich nach ihren Freundinnen aus der Provence. Ein Besuch ist schnell verabredet. Und weil Antoine beruflich in seiner eigenen mondänen Schönheitsklinik tätig ist, planen die innerlich jung gebliebenen Damen, in den USA auch ihr Äußeres ein wenig auffrischen zu lassen. Doch während sie von gestraffter Gesichtshaut, korrigierten Nasen und runderneuerten Hinterteilen träumen, fährt das Leben mit ihnen Karussell. Vor allem, als Marie mitten in Kalifornien einen charmanten Herrn aus Berlin kennenlernt …
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Seitenzahl: 602
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Kurzbeschreibung:
Die Gesamtausgabe der beliebten Lavendelgang-Reihe!
Die Lavendelgang (Eine Golden-Girls-WG in der Provence)
Seniorenheim? Nein danke! Für die rüstige Rentnerin Marie steht eines fest: Auch mit 65 gibt es noch lange keinen Grund, alt zu werden. Gemeinsam mit der französischen Köchin Cécile, der eleganten Römerin Franca, der flotten Pariserin Julie und der scharfzüngigen Griechin Eleni startet sie ein aufregendes Projekt – die „Lavendelgang“, eine Golden-Girls-WG zwischen Lavendelblüten und Wildkräutern. Die Reise in den gemeinsamen dritten Frühling ist turbulent, herzerfrischend und hält so manche Überraschung bereit, mit denen keine der Damen je gerechnet hätte ...
Die Lavendelgang II (Die Golden-Girls-WG on Tour)
Die Lavendelgang ist zurück! Ein französischer Kosmetikhersteller lädt die unterhaltsame Golden-Girls-WG um die 65-jährige Marie und ihre Freundinnen zu einer Rundreise durch die Provence ein – ein guter Grund, um endlich mal wieder etwas zu erleben und im für seine Lavendelfelder und Parfümproduktionen beliebten Grasse shoppen zu gehen. Jedoch wird ihnen unterwegs schnell klar, dass bei der Fahrt nicht alles mit rechten Dingen zu geht und die Teilnehmer nach allen Regeln der Kunst über den Tisch gezogen werden. Als dann auf einmal auch noch eine der Golden Girls verschwindet, ist der detektivische Spürsinn der Frauen gefordert ...
Die Lavendelgang III (Die Golden Girls rocken die USA)
"Go West!" ist nicht nur für junge Amerikaner ein Aufbruchsignal – auch die Golden Girls der Lavendelgang zieht es westwärts: Ihre Freundin Margritte hat durch ihren ehemaligen Studienfreund Antoine ihr Traumhaus in Beverly Hills gefunden, und nun sehnt sie sich nach ihren Freundinnen aus der Provence. Ein Besuch ist schnell verabredet. Und weil Antoine beruflich in seiner eigenen mondänen Schönheitsklinik tätig ist, planen die innerlich jung gebliebenen Damen, in den USA auch ihr Äußeres ein wenig auffrischen zu lassen. Doch während sie von gestraffter Gesichtshaut, korrigierten Nasen und runderneuerten Hinterteilen träumen, fährt das Leben mit ihnen Karussell. Vor allem, als Marie mitten in Kalifornien einen charmanten Herrn aus Berlin kennenlernt …
Inge Helm
Die Lavendelgang Gesamtausgabe
Roman
Edel Elements
Edel Elements
Ein Verlag der Edel Germany GmbH
© 2020 Edel Germany GmbHNeumühlen 17, 22763 Hamburg
www.edel.com
Copyright © 2020 by Inge Helm
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München.
Covergestaltung: Anke Koopmann, Designomicon, München
Konvertierung: Datagrafix
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.
ISBN: 978-3-96215-363-2
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www.edelelements.de
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Auf ein paar Worte zum Schluss
Die Golden-Girls-WG on Tour
Kurzbeschreibung
Titelseite
Impressum
Prolog
1 Hitchcock lässt grüßen
2 Viel Lärm um ein kleines bisschen Nichts
3 Ein Steckbrief als Souvenir
4 Kosmetisches und Kulinarisches in Grasse
5 Das Kleingedruckte und ein Albtraum
6 Lavendelduft und Poesie
7 Ein Golden Girl verschwindet
8 Die Riviera de la fortune
9 Wieder vereint
10 Die Jagd beginnt
11 Blütenduft in Nizza
12 Ein zerbrochener Poseidon
13 Französisches Roulette in Cannes
Epilog
Dankeschön
Die Golden Girls rocken die USA
Kurzbeschreibung
Titelseite
Impressum
Vorweg: So etwas wie eine Einleitung
Kapitel 1: New York ruft
Kapitel 2: Vier Frauen im Nebel
Kapitel 3: Zwischenlandung auf dem JFK
Kapitel 4: Ein bisschen Heimat braucht jeder Mensch
Kapitel 5: Margritte und ihr Schönheitsdoc
Kapitel 6: Truthahn und Maissuppe
Kapitel 7: Literaten im Exil
Kapitel 8: Eleni und das originale Golden Girl
Kapitel 9: Mit Collagen und Hyaluron
Kapitel 10: Auf zur Straße der Sterne!
Kapitel 11: Die ferne Königin des Westens
Kapitel 12: Der Herr der Zufälle …
Kapitel 13: … ein muskulöser Mann
Kapitel 14: Präsidenten in Stein gemeißelt
Kapitel 15: Mehr als nur Freundschaft?
Kapitel 16: In der Stadt des schnellen Wassers
Kapitel 17: Ein Häuptling im Bau
Kapitel 18: Flammen über Kalifornien
Kapitel 19: Zwangspause in der Schönheitsklinik
Kapitel 20: Über den Aberglauben bei Hochzeiten
Kapitel 21: Tragisch, böse und endgültig
Kapitel 22: Adieu Margritte!
Kapitel 23: Zuwachs für die Lavendelgang
Kapitel 24: Über Töchter, Hunde und Gepäck
Kapitel 25: Yvette derrière der Welt
Kapitel 26: Von der Stadt der Liebe in die Prärie
Kapitel 27: Hochzeitsmahl im Schatten der Platane
Kapitel 28: Halb zog er sie, halb sank sie hin
Nachtrag: Von rollenden Kugeln und einarmigen Banditen
Epilog
Zum Schluss
Über Das Buch:
Seniorenheim? Nein danke! Für die rüstige Rentnerin Marie steht eines fest: Auch mit 65 gibt es noch lange keinen Grund, alt zu werden. Gemeinsam mit der französischen Köchin Cécile, der eleganten Römerin Franca, der flotten Pariserin Julie und der scharfzüngigen Griechin Eleni startet sie ein aufregendes Projekt – die „Lavendelgang“, eine Golden-Girls-WG zwischen Lavendelblüten und Wildkräutern. Die Reise in den gemeinsamen dritten Frühling ist turbulent, herzerfrischend und hält so manche Überraschung bereit, mit denen keine der Damen je gerechnet hätte ...
Edel Elements Ein Verlag der Edel Germany GmbH
© 2015 Edel Germany GmbH Neumühlen 17, 22763 Hamburg
www.edel.com
Copyright © 2015 by Inge Helm
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München.
Covergestaltung: Guter Punkt Lektorat: Anika Beer Korrektorat: Martha Wilhelm Konvertierung: Datagrafix
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.
ISBN: 978-3-95530-745-5
Das Alter spielt keine Rolle, es sei denn, man ist ein Rotwein.
In Erinnerung an Betty, mon amie d’enfance
„Bonjour, Marie. Was riecht hier so gut, backst du Kuchen?“
Marie, barfuß, in ausgewaschenen Jeans, schlabberigem T-Shirt und mit wirrem Haarschopf – zu ihrem Leidwesen total weiß, die Locken –, drehte sich überrascht herum. Da stand ihre Freundin schon in der Küche: schmales Gesicht, große braune Augen unter einem dunklen, kurz geschnittenen, mit feinen weißen Fäden durchzogenen Bubikopf – eine Pariserin, die allerdings seit knapp dreißig Jahren ein paar Häuser weiter unter Marie im Oberbergischen wohnte. Sie war schick, wie nur eine Französin es wagt sich zu kleiden, in schwarzem knöchellangen Flatterrock unter einem zipfelnden apfelgrünen Oberteil auf hochhackigen orangefarbenen Sandaletten.
„Grüß dich, meine Liebe, wie bist du denn hereingekommen?“
„Na, hintenherum, durchs Gartentörchen“, antwortete Julie und umarmte die Freundin herzlich.
„Und meine beiden Wachhunde haben keinen Mucks von sich gegeben?“, sagte Marie erstaunt.
„Security-Lieschen und Bodyguard-Felix habe ich mit einem Kauknochen bestochen.“ Julie lachte. „Wer hat den beiden denn die witzig bedruckten Halstücher verpasst?“
„Na, wer schon“, grinste Marie, „das war Sabrina, meine hundeverrückte Jüngste.“
„Hilft wohl nicht so recht.“
„Wie denn auch? Felix ist aus Altersgründen zu kurzsichtig, um das Wort Bodyguard zu lesen, und Lieschen besucht erst seit Kurzem die Vorstufe der hiesigen Hundeschule. Sie weiß noch gar nicht, was Security bedeutet. Aber keine Bange, das wird schon noch. Komm lieber mal her und probier meinen délice aux chocolat.“
„Du hast dich an Céciles köstlichen Schokoladenkuchen herangewagt?“ Julie setzte sich an den Küchentisch. Marie entfernte die Klarsichtfolie von ihrem Kuchen und schnitt ihn an. Dann legte sie je ein Stück auf zwei Teller ihres hübschen Bistrogeschirrs.
„Köstlich“, sagte die Freundin nach dem ersten Bissen, „schmeckt echt nach Provence. Erinnerst du dich noch an unseren ersten Kochkurs bei Cécile vor knapp dreißig Jahren?“
Marie und Julie waren in jener Zeit auf deren Annonce in einer großen Wochenzeitung gestoßen und für zwei Wochen in die Provence gefahren, um zu lernen, wie man gekonnt mit Olivenöl, Knoblauch, frischen Kräutern, Eselspfeffer und anderen Köstlichkeiten auch im kühlen Norden umgeht.
„Ja, sicher“, lächelte Marie in Erinnerung, „unsere begnadete chefin de cuisine und Malerin holte uns damals mit einem altersschwachen, total verbeulten Renault vom Bahnhof in Avignon ab. Ein kleines, zierliches Persönchen, braunäugig und mit einer langen blonden Mähne.“
„Ja ja“, lachte Julie, „und während wir, ängstlich in die Sitze verkrallt, knatternd und keuchend aus der Stadt rollten, machten wir unsere erste charmante Begegnung mit einem männlichen Citroën, der uns verkehrswidrig rechts überholte, kurz grüßte, sozusagen Kotflügel an Kotflügel …“
„… das kann man wohl sagen“, fuhr Marie heiter fort, „eine weitere Beule im Auto hinterlassend – was Cécile offenbar nicht störte –, und hupend in der Ferne verschwand. Das Tollste aber war, dass wir während unseres Kochkurses Mitköchinnen und -köche aus aller Herren Länder kennenlernten, wie zum Beispiel Mario aus Mexiko, Céline aus Kanada und Henry aus Nordamerika.“
„Doch Freundschaften auf ewig haben wir dann geschlossen mit unserer feurigen Franca aus Italien: tolle Figur, groß wie ein Model und schulterlange tiefschwarze Locken …“
„Und das auch noch heute, aber nun bestimmt vom Friseur“, konnte Marie sich nicht verkneifen. „Es gibt doch immer wieder Frauen, die haben Probleme, wenn sie ergrauen. Ich zum Beispiel habe meinen mittlerweile silberweißen Schopf einmal rot färben lassen. Das Einzige, was ich damit erreichte, war, dass ich meinen gesamten Kleiderschrank auf Giftgrün, Himmelblau und leuchtend Orange umstylen musste und dass mein Sohn spottete: ‚Jetzt, Mariechen, fehlt dir nur noch der Spruch auf den Lippen: Ham’se mal ’nen Euro, und das am besten bei uns am Hauptbahnhof.‘“
Julie lachte. „Na ja“, meinte sie, „graue Haare sind nicht gerade sehr förderlich beim Flirten mit dem anderen Geschlecht … und das ist nun mal Francas Passion. Und dann vergiss nicht unsere kleine, olivhäutige Spötterin Eleni aus Griechenland“, fügte sie hinzu. „Denkst du auch manchmal noch an unsere Ausflüge auf die herrlich bunten und nach allen Gerüchen des Südens duftenden marchés und unsere anschließenden Kocharien mit dem mitgebrachten frischen Gemüse, Lavendel, Thymian, Rosmarin und Co., Fischen, Kaninchen und mehr oder auch mit dem ein oder anderen Mitbringsel für daheim in Form von Geschirr …“
„Unübersehbar.“ Marie deutete auf ihren Küchentisch.
Doch Julie fuhr unbeirrt fort: „... mit Tischdecken, Sets, Tüchern und Taschen in den original provenzalischen Stoffen, Farben und Mustern?“ Sie schwelgte in vergangenen Zeiten, trotzdem sich die Freundinnen von da an regelmäßig alle zwei bis drei Jahre, je nachdem wie sie alle unter einen Hut zu bringen waren, bei Cécile trafen.
„Und ob.“ Marie lächelte. „Weißt du aber auch noch, wie viel Spaß wir hatten, als Franca beim ersten Mal anstatt eines Messers – auf Französisch couteau – eine couture, Naht auf Deutsch, neben die Teller legte?“
„Haha!“ Julie fiel fast die Kuchengabel aus der Hand. „Und Eleni einen poteau, nämlich einen Pfahl, statt der potage, der Suppe, auf den fourreau, das Futteral, und nicht auf den französischen Herd, den forneau, stellte!“
„Was waren wir damals doch noch jung und albern.“ Marie wurde richtig wehmütig.
„Aber du hast später wenigstens daraus ein wunderbares Kochbuch mit all den Rezepten und Geschichten über Land und Leute gemacht“, sagte Julie nicht ohne Bewunderung, „und das ist mindestens zehn Jahre prima gelaufen.“
„Ach, Schwamm drüber. Wie sagt man so nett bei euch: beaux mots – schöne Worte. Aber den erhofften Geldsegen hat es nicht eingebracht“, antwortete Marie, „und wirklich wichtig ist doch, dass wir seit damals eine eingeschworene Gemeinschaft bilden und albern sind wie eh und je. Wir fünf respektive sechs, wir dürfen meine älteste – äh – längste Freundin Biggi aus der Schweiz nicht vergessen, die wir damals auf der Rückfahrt besuchten, begeisterte Sportlerin, tough und immer gut gelaunt, die heute silbernen Haare zu einem flotten Pferdeschwanz gebunden. Aber ihr steht das, ich meine das Silberweiße“, sagte Marie bekümmert.
„Kein Wunder“, tröstete Julie, „dafür hat sie mehr Falten als wir anderen. Das ganze Jahr hindurch braun gebrannt von der Sonne in den Schweizer Bergen, das hinterlässt eben seine Spuren. Im Sommer ist sie vom Tennisplatz und im Winter von den Skipisten rund um Château-d’Oex nicht wegzudenken. Apropos langjährige Freundschaft: Was machst du eigentlich an deinem demnächst anstehenden Geburtstag?“
„Oh Gott, erinnere mich bloß nicht daran. Fünfundsechzig und Oma, was soll ich denn da noch groß feiern?“ Maries Begeisterung für Geburtstage hielt sich schon seit Langem in Grenzen. „Meine Großmutter hat immer gesagt: ‚Ignoriere diesen Tag und du fühlst dich kein bisschen älter.‘“
Julie verdrehte die Augen. „Das darf doch nicht wahr sein. Eine bessere Gelegenheit, uns alle wiederzusehen, gibt es doch gar nicht. Ich glaube, ich muss mal mit deinen Kindern reden.“
„Wie du meinst“, sagte Marie unbeeindruckt, „aber jetzt wenden wir uns erst einmal ausgiebig dem délice aux chocolat zu.“
„Soll ich frischen Kaffee aufsetzen?“ Julie erhob sich von ihrem Stuhl.
„Nee, warte mal ’ne Sekunde, ich glaube, ich habe noch eine halbe Flasche ‚Sauternes‘ im Kühlschrank, hol lieber die guten Weißweingläser aus der Wohnzimmervitrine, dieser Tropfen ist nämlich die absolute Spitze dazu.“
Am liebsten hätte Marie alle Spiegel im Haus mit Tüchern verhängt, na zumindest die beiden größten: den mit dem wunderbaren Mahagonirahmen aus der Gründerzeit in ihrem Schlafzimmer, den ihr ihr vor einigen Jahren verstorbener Mann Martin – nicht aus der Gründerzeit – zum Fünfzigsten geschenkt hatte. Dieser Spiegel warf ihr seit Längerem ganz unverfroren nach dem Duschen das eigene Bild entgegen, so wie Gott sie einmal erschaffen hatte, nur leider mit mehr Bügelfalten, als ihr lieb war. Noch frecher verhielt sich der goldverzierte Spiegel aus Venedig im Treppenaufgang; denn jedes Mal, wenn Marie wie ein junges Mädchen an ihm vorbei die Stufen hinuntersprang, hörte sie ihn vorlaut raunen: „Mach mal halblang, Alte. Du bist doch keine zwanzig mehr.“ Und nun durchbrach sie auch noch in zehn Tagen die Schallmauer zum Fünfundsechzigsten. Eigentlich wollte sie sich an diesem Tage klammheimlich ans Ende der Welt verdrücken, doch Stephen, ihr Sohn, sagte energisch: „Nix da, das kannst du deinen Kindern, Enkeln und dem Rest der Verwandtschaft nicht antun. Dein Ehrentag wird groß gefeiert, mit Schampus, rotem Teppich und so …“
Und seine Frau Sophie fügte lächelnd hinzu: „Du darfst auch alle deine Freundinnen, die sich im gesamten europäischen Ausland herumtreiben, einladen.“
Tja, so ein Angebot bekam man nicht alle Tage, und es würde ihr vielleicht ein wenig über das Damoklesschwert „Fünfundsechzig“ hinweghelfen, das über ihrem Haupte schwebte, schließlich waren sie und ihre Mädels alle ungefähr im gleichen Alter und in ähnlicher Situation. Biggi, Maries beste Freundin seit dem ersten Schultag, versuchte mittlerweile ihr Haushaltsgeld durch „Bed and Breakfast“, wie es auf Neudeutsch so schön heißt, aufzupeppen, Cécile hielt sich als Malerin über Wasser, denn Kochkurse waren schon lange nicht mehr en vogue, Eleni dachte dank der miserablen wirtschaftlichen Zustände in Griechenland ernsthaft über eine Frühpensionierung nach, Franca betrieb nach einem Jahr Azubidiensten bei Malerfreund Paolo mittlerweile in Rom eine kleine Galerie und Julie lebte seit ihrer Kündigung aus „Altersgründen“ von Hartz IV. Bis auf Julie und Marie sahen sich alle anderen nur sporadisch, manchmal lagen zwei oder drei Jahre zwischen den Treffen, und es kam ihnen dann immer häufiger ein „Mensch, sind wir alt geworden!“ über die Lippen. Das musste endlich aufhören, nur hatte zurzeit noch niemand eine Ahnung wie!
Alle waren gekommen. Sozusagen toute l’Europe. Vor dem eleganten französischen Restaurant in der Kölner Innenstadt war tatsächlich ein schmaler roter Teppich vor dem Eingang ausgerollt, davor eine große Schiefertafel auf Staffelei mit „Herzlichen Glückwunsch, Marie“ und rechts und links davon kleine, mit weißen Tüchern versehene Stehtischchen. Es gab Champagner Rosé und köstliche Häppchen, neudeutsch „Fingerfood“ genannt. Jeder lag jedem im Arm, und zur Abwechslung versicherten sich die Freundinnen diesmal einhellig, dass sie doch ganz passabel in den dritten Frühling schlitterten. Nur eine sieben Jahre ältere Cousine von Marie konnte es sich nicht verkneifen, schadenfroh zu sagen: „Willkommen im Klub der Alten!“
Der Chef des Hauses, ein Freund von Stephen, geleitete die kleine Gesellschaft persönlich in einen extra reservierten Raum. Die Gäste nahmen an der zauberhaft eingedeckten langen Tafel Platz. Gestecke von weißem Flieder und Ranunkelchen verströmten einen frühlingshaften Duft. Der Anblick des Vier-Gänge-Menüs auf den künstlerisch gestalteten Speisekarten schien dem Geburtstagskind einen fröhlichen Anschub für das neue Lebensjahr zu verheißen. André, chef de cuisine, der trotz seines beachtlichen Leibesumfanges die Kunst des Umherschwebens von Gast zu Gast perfekt beherrschte, sang mit vor Begeisterung zitternder Stimme das Lob seines Menüs, wobei er immer wieder seine Fingerspitzen küsste.
„Meine Güte“, sagte Eleni spöttisch, „wenn der so weitermacht, hat er bald Blasen an den Lippen.“
„Wir wissen alle, dass du gut zu Fuß bist mit deinem Mundwerk“, zischelte Franca, „aber vermassel bloß nicht Maries Feier damit.“
Eleni grinste und mit einem „Bon appétit!“ entschwebte der begnadete Koch dann Richtung Küche. Ein geselliges Schweigen ließ sich im Raum nieder, während sich alle mit gebührender Aufmerksamkeit den Köstlichkeiten vor ihnen widmeten. Dazu gab es je nach Gang einen vollmundigen Rotwein und einen sanften Weißen, und zum Espresso, Cappuccino und Co. wurde eine gute Auswahl an Digestifs der Grande Nation gereicht. An diesem Geburtstag aß und trank Marie für ihre Ehre und die Ehre einer zukünftigen Seniorin, die sich selbst noch für jung genug hielt, um das letzte Drittel ihres Lebens mit etwas Neuem zu beginnen, was immer das auch sein würde. Und während bald alle durcheinanderschwatzten, von Platz zu Platz wechselten, um nach vielen Jahren sich mit den alten Freunden auszutauschen, legte plötzlich Stephen seinen Arm um sie: „Alles Liebe für dich, Mariechen. War doch eine gute Idee mit dem Fest.“
„Ach“, antwortete diese beschwipst, „das war der schönste Fünfundsechzigste, den ich je gefeiert habe. Und dafür danke ich dir und Sophie ganz besonders herzlich, mein Sohn.“
Lange nach Mitternacht begann man daran zu denken, allmählich heimwärts aufzubrechen. Biggi, Cécile, Eleni, Franca und Julie nahmen gemeinsam ein Maxitaxi mit Marie, denn vier von ihnen würden noch ein bis zwei Tage bei ihr wohnen, bevor sie wieder in alle Himmelsrichtungen davonflogen – außer Julie, die vor ihrem eigenen Haus abgesetzt wurde, nachdem sie versprochen hatte, am nächsten Morgen pünktlich zum Frühstück bei den anderen wieder auf der Matte zu stehen.
Als Marie ihre zahlreichen Geschenke zusammenraffte und ihr immer wieder irgendetwas zu Boden fiel, rief sie in gespielter Verzweiflung: „Himmel, wo ist der Kavalier, der meine Sachen zum Taxi trägt?!“
Da sagte ihre bereits früher erwähnte, sieben Jahre ältere Cousine spitz: „Merke, ab fünfundsechzig trägt dir kein männliches Wesen mehr auch nur irgendetwas irgendwo hin, geschweige denn zum nur drei Schritt entfernten Taxi.“
Am nächsten Tag schlurfte eine nach der anderen mit verquollenen Augen und Kater im Magen – sie hatten noch bis zum Morgengrauen bei einem guten Tropfen zusammengesessen und ausgiebig geklönt – Richtung Esszimmer. Und siehe da, Kochkünstlerin Cécile empfing die Mädels mit einem echt französischen Frühstück: Kaffee, schwarz wie die Nacht, frisch gepresster Orangensaft, noch ofenwarme Croissants mit Nougat, mit Marzipan und mit nix.
„Wie hast du denn das alles hergezaubert?“, fragte Marie erstaunt.
„Mit deinem Auto unten aus dem Dorf“, antwortete Cécile fröhlich.
Die Freundinnen ließen sich auf den bereitstehenden Stühlen nieder und versuchten ihre Lebensgeister mit dem starkem Kaffee wieder zu erwecken. Und um ein wenig die Unterhaltung anzukurbeln, schlug Marie den „Bergischen Boten“ auf in der Hoffnung, die ein oder andere aufbauende oder heitere Nachricht verkünden zu können. „Hört mal zu, hier lässt der Bürgermeister eine Frau Lang mit ihren zahlreichen Nachkommen hochleben, die Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts geboren wurde. Was die wohl alles erlebt hat?“
„Na, auf jeden Fall zwei Weltkriege“, sagte Julie nachdenklich. „Und ob die Zeiten danach besser waren?“
„Im Gegenteil“, Marie ließ die Zeitung sinken, „selbst ich kann mich noch daran erinnern, wie wir nach 1945 gehungert haben, oft dachten meine Eltern, es geht nicht mehr weiter, und dann ging es doch.“
„Und außerdem“, fügte Franca hinzu, „hatte diese Frau, nach dem Artikel zu urteilen, zahlreiche Kinder, Enkel und Urenkel, die ihr sicher halfen, mehr als ein ganzes Jahrhundert auf den Beinen zu bleiben.“
Eleni schenkte Kaffee nach. „Würdest du denn gerne so alt werden wollen, Marie?“, wandte sie sich an die Freundin.
„Selbstverständlich“, grinste diese verschmitzt. „Was haltet ihr davon, wenn wir uns überlegen, wie wir den dritten Frühling in Zukunft alle gemeinsam genießen können? Ausschließlich Familie ist doch heute mehr als nur ein Auslaufmodell.“
„Genau“, sagte Franca, „und außerdem besteht zwischen den Großmüttern von damals und denen von heute ein gewaltiger Unterschied.“
„C’est vrai“, stimmte Cécile ihr zu, „vor knapp zwei Generationen gehörte nämlich zu deren ständiger Ausrüstung noch Schürze und Kochlöffel, und sie hatten unbegrenzt Zeit für ihre Ableger und deren Nachkommen.“
„Ja“, fügte Julie hinzu, „wir dagegen laufen meistens in Jeans herum, duften nach Dior oder Laura Biagiotti, sind irrsinnig anderweitig beschäftigt, und einige von uns jetten von einem Termin zum anderen.“
Marie lachte. „So ist es, und im Übrigen sind wir alle noch fit und lebensbejahend genug, um in einem biblischen Alter diese Erde zu verlassen, mit dem köstlichen Bewusstsein, dass uns möglichst wenig im Leben entgangen ist … Reich mir mal bitte noch ein Croissant“, bat sie Cécile, „die sind ja einfach himmlisch.“
„Und wie hast du dir die gemeinsame Zukunft so vorgestellt?“, wollte Franca wissen. „Wir leben zwar alle auf diesem Planeten, aber in fünf verschiedenen europäischen Ländern.“
„Eine Wohngemeinschaft …“, begann Cécile nachdenklich.
„Oh Gott, eine Alten-WG!“, stöhnte Eleni entsetzt dazwischen.
„Nun mach mal halblang“, erwiderte Marie ruhig, „das Wort ‚alt‘ wird ab sofort aus unserem Vokabular gestrichen. Aber das mit der WG hat was.“
„Genau“, sprang Franca den beiden zur Seite. „Bloß bei wem und in welchem Land?“
„Bei mir in der Provence!“, kam es wie aus der Pistole geschossen von Cécile. „Ich habe doch das große Haus. Es stehen … wartet mal … eins, zwei, drei, vier Doppelzimmer mit und ohne Bad sinnlos herum, da Kochlehrgänge und Malkurse nicht mehr ‚in‘ sind. Wenn ihr euch alle ein wenig finanziell beteiligt, könnten wir das ‚Mas‘ zu Appartements umbauen lassen, damit ein Teil eurer eigenen Möbel Platz findet. Ich trenne mich Zug um Zug von einigen meiner Dinge, und die große Küche mit Eichentisch und -bänken, Kochinsel, offenem Kamin und allem, was man sonst noch so braucht, wäre dann unser gemeinsamer Treffpunkt für Kocharien, gemütliches Beisammensein und Abende vor dem flackernden Feuer zum Parlieren.“
„Herrlich“, schwärmte Julie und rollte verzückt mit den Augen. „Provence, Land des Lichts, der Dichter und Maler, Heimat der Sonne, der Farben und der Düfte. Dort, wo der Sommer nach Lavendel riecht und der Himmel sich wie ein leuchtend blaues Tuch über weiße oder rote Felsformationen spannt, wäre das Leben einfach ein Traum, selbst für mich als Pariserin … Aber bevor wir das weiter vertiefen, lesen wir uns erst einmal gegenseitig unsere Horoskope für die weitere Zukunft vor, d’accord?!“
„Lass mal sehen.“ Eleni nahm die Zeitung an sich. „Na, wer sagt’s denn“, spottete sie, „ich werde im Beruf große Erfolge feiern … und das bei der unerträglichen griechischen Wirtschafts- und Finanzmisere! Haha!“
„Vielleicht darfst du dich ja auch mit unter den Milliarden-EU-Rettungsschirm stellen“, bot Franca an und drückte die Freundin herzlich im Vorbeigehen.
„Ich bin doch kein griechischer Politiker oder ein griechisches Geldinstitut“, empörte sich Eleni und biss energisch in ihr Croissant.
„Na, wie dem auch sei, ich dagegen werde der Liebe meines Lebens begegnen“, frohlockte die Römerin und schenkte sich Kaffee nach.
„Aber du bist doch verheiratet“, mahnte Julie mit erhobenem Zeigefinger.
„Den Noch-Ehemann sortiere ich dann aus, wir leben schon seit einiger Zeit getrennt.“ Franca machte eine vielsagende Handbewegung.
„Prost Mahlzeit“, mischte sich nun Biggi in die WG-Diskussion ein. „Und ich werde laut deinem Dorfblatt mein Leben völlig auf den Kopf stellen. Da wird sich mein Jean-Pierre aber freuen. Die Frühstückspension war ihm schon immer ein Dorn im Auge.“
„Wieso denn das?“, wollte Cécile wissen.
„Na wegen der Emanzipation meiner Person natürlich und weil zu prosaisch für die Frau eines begnadeten Künstlers.“
„Dann komm doch mit in die Provence“, initiierte Marie, „dir steht nämlich laut Horoskop außerdem ein Klimawechsel bevor.“
„Du bist herzlich willkommen“, pflichtete Cécile ihr bei. „Mir verspricht die Vorhersage keinerlei Veränderung, sprich, ich bleibe auf meinen leeren Appartements sitzen, wenn wir die Idee mit der WG nicht ins Leben rufen.“
„Mach dir mal keinen Kopf“, wandte sich Marie an ihre provenzalische Freundin, „ich bin nach wie vor dabei. Schließlich wird die Zeit mit fünfundsechzig langsam knapp, um etwas Verrücktes zu tun. Kommt, gehen wir auf die Terrasse, nehmt eure Kaffeetassen mit, und dann werden wir die ganze Geschichte mal ernsthaft durchdiskutieren.“
Es war ein wunderbarer, sonniger Maitag, ein Tag wie Milch und Honig, wie Samt und Seide, ein Tag, um eine neue Lebensplanung mit Schwung voranzutreiben. Als sie alle unter dem riesigen Sonnenschirm Platz genommen hatten, nahm Cécile das Gespräch wieder auf: „Das wäre richtig klasse, wenn wir die WG bei mir verwirklichen könnten.“
„Na ja“, gab Biggi zu bedenken, „Jean und ich gönnen uns zwar gerade eine Auszeit voneinander ...“
„Was heißt denn das?“, fragte Julie erstaunt.
„Nun, ich führe die Pension ‚Les Gaipinsons‘ – die schwulen Finken – hört auf zu lachen – und mein Mann braucht das Untergeschoss als Atelier, die Wohnräume nutzen wir natürlich gemeinsam weiter.“
„Das bedeutet?“, wollte Marie wissen.
„Na ja“, antwortete Biggi zögernd, „wir sind zurzeit sozusagen, gewissermaßen …“
„… ja?“ Die anderen waren ganz Ohr.
„… wir leben momentan und vorübergehend … Also, wir leben zurzeit getrennt von Tisch und Bett.“
„Ach du liebes bisschen.“ Für Marie kam diese Nachricht völlig überraschend. „Und wovon lebt ihr?“
„Meine Pension geht ganz gut“, erklärte Biggi, „und seit Jean von der ernsthaften Malerei auf Almabtriebe mit Kühen, Hirten, Sennenhunden und viel, viel Schweizer Bergen umgestiegen ist, gehen seine Bilder weg wie warme Semmeln.“
„Ach nee“, sagte Franca, „und an wen?“
„An Geschäfte, zum Beispiel für Schweizer Käse, Hotels im Ort und an amerikanische Touristen, die kaufen doch alles.“
Marie lachte: „Das erinnert mich an eure Anfänge in der Südsee.“
„Ihr wart in der Südsee? Das wussten wir ja gar nicht! Mensch, los, erzähl mal“, drängte der Rest der Freundinnen.
Ein Lächeln der Erinnerung huschte über Biggis Gesicht. „Also, kennengelernt haben Jean und ich uns in ganz jungen Jahren auf Bora Bora, wo wir als Animateure im ‚Club Méditerranée‘ arbeiteten. Wir verliebten uns ineinander, entschlossen uns, nach der Saison beim Club Med auszusteigen und auf der Südseeinsel zu bleiben. Dann mieteten wir eine kleine Hütte, Jean nahm Unterricht bei einem gestandenen Tauchlehrer, und um uns über Wasser zu halten, bis er seinen Tauchschein hatte, malte er hinter der Hütte sexy Hulamädchen auf Leinwand, während ich postwendend die noch feuchten Bilder vor der Hütte an amerikanische Touristen mit gutem Gewinn verkaufte. Als wir genug Geld zusammenhatten und Jean sein Tauchdiplom, erstanden wir ein kleines Boot, und der begnadete Maler machte dann mit diesem und ausländischen Gästen Tauchgänge in die blaue Lagune.“
„Und wann habt ihr dieses Paradies verlassen, um in der spießigen Schweiz zu leben?“, wollte Eleni wissen.
„Ganz simpel: Als unser Sohn schulpflichtig wurde, besannen wir uns darauf, dass wir als Eltern nicht nur Spaß, sondern auch Verantwortung haben, und voilà, kehrten wir in die Zivilisation zurück. Wenn ich ehrlich bin, liebe ich meinen Mann immer noch und er mich, und außerdem wirft man fast fünfunddreißig Jahre nicht so einfach über Bord. Also, das mit der WG und euch Mädels ist wirklich eine tolle Sache, aber ich glaube leider doch nichts für mich.“
„Tja“, Julie machte ein etwas unglückliches Gesicht, „so verlockend der Gedanke ist, zurzeit sehe ich auch für mich da keine Chance.“
„Warum denn nicht?“, fragte Marie enttäuscht. „Das ist doch die beste Gelegenheit, dich von Tom, deinem Lebensabschnittsgefährten, zu trennen, das wolltest du doch schon lange. Und dein Sohn ist alt genug, um auf eigenen Beinen zu stehen.“
„Das schon“, sagte die Freundin zögernd, „aber man geht doch nach zehn Jahren Lebensabschnitt nicht so einfach auseinander, auch wenn es hin und wieder knallt. Und Alain, mein Sohn, findet einfach kein Ende seines Studiums. Schließlich will er mal ein guter Arzt werden und ist auf meine Unterstützung weiter angewiesen.“
„Mit knapp zweiunddreißig?“ Eleni war entsetzt.
„Na ja, vielleicht könntet ihr mir ein Zimmer frei halten“, insistierte Julie, „und ich komme irgendwann nach, letztendlich sind da auch noch meine Französischschüler. Die kann ich auch nicht so von heute auf morgen hängen lassen.“
„Sicher“, beruhigte sie Cécile.
„O Dio, jetzt muss ich auch noch in die gleiche Kerbe hauen“, klinkte sich Franca in das Gespräch ein. „Auch wenn mein Mann eine zehn Jahre Jüngere liebt, so sind wir doch fast dreißig Jahre verheiratet. Aber ihn könnte ich trotzdem gut verlassen, und meinem Sohn und meiner Schwiegertochter täte ein wenig Abstand gut, sie missbrauchen mich ständig zum Einhüten der Enkel, trotzdem ich mit meiner Galerie völlig ausgelastet bin. Und das ist der casus belli, oder wie ihr so schön sagt: der Casus knacksus. Die Galerie läuft fantastisch. Alle namhaften italienischen Künstler stellen bei mir aus. Und ob ich das noch einmal in einem anderen Land, sprich Frankreich, hinkriege, da habe ich so meine Zweifel. Auch wenn ihr mich jetzt nicht mehr leiden mögt, ich brauche eine Menge Bedenkzeit.“
„Na hör mal“, sagten alle, und Eleni fügte lachend hinzu: „Du weißt doch: Eines der guten Dinge im Alter ist ohne Zweifel die Tatsache, dass man nicht mehr von jedem gemocht werden muss.“
„Eleni!!!“, erklang ein fünffacher Aufschrei.
„Ja, ja, beruhigt euch, ich wollte nur vorbeugen; denn auch ich bin nicht sofort frei.“
„Ach nee, du doch nicht!“, klagten Marie und Cécile im Gleichklang. „Was hält dich denn so Wichtiges davon ab, unsere Idee zu verwirklichen? Du hast doch weder Kind noch Kegel …äh … Mann!“
„Himmel, das fehlte mir noch, dass da jeden Abend ein Kerl in meiner Wohnung hockt, um den ich mich kümmern müsste. Mir reicht meine Liaison mit dem Institut zur Genüge“, erwiderte Eleni trocken. „Aber wenn ich jetzt schon in Rente gehe, verliere ich eine Menge Geld, und das kann ich mir bei der momentanen miesen finanziellen Situation in Griechenland wirklich nicht leisten. Außerdem ist mein Vater vor drei Monaten gestorben, der sich mit seinen zweiundneunzig Jahren noch rührend um meine alzheimerkranke Mutter gekümmert hat. Nun sind meine Schwester und ich erst einmal gefragt. Am liebsten würde ich sofort meine Zelte in Athen abbrechen. Aber wie ihr seht, ist das wahrscheinlich frühestens in einem Jahr so weit. Also lass den Kopf nicht hängen, Marie. Du und Cécile, ihr macht den Anfang, und wir anderen kommen vielleicht schneller nach, als euch lieb ist.“
„Ihr habt gut reden“, jammerte da Marie, „bei euch passiert wenigstens was. Ich dagegen sitze seit Martins Tod vor zehn Jahren jahrein, jahraus mit zwei Dackeln in diesem großen Haus im Bergischen fernab von jeder Kultur, schreibe meine Bücher so alleine vor mich hin – Lesungen fallen wegen meines zurzeit getrübten Blickes durch grauen Star aus und weil meine Augen ständig tränen. Mein Augenarzt behauptet, das sei ein altersbedingtes Sicca-Syndrom, was verdeutscht trockenes Auge bedeutet. Ich frage mich nur, wo da die Trockenheit sein soll. Offensichtlich gibt es doch so viel Wasser in meinen Augen, dass sie permanent überlaufen. Und der graue Star muss nur einfach operiert werden, den gibt es als Zugabe nur bei Sechzig-plus-Leuten. Und so hüte ich die Enkelkinder und warte auf ein Wunder, wie zum Beispiel die Aussicht, mit euch eine Wohngemeinschaft in der zauberhaften Provence zu gründen, und …“
„Aber warum hast du nie etwas gesagt, wir wären doch alle für dich dagewesen?!“, unterbrach sie Franca erstaunt.
„Wozu? Ich glaube nicht, dass Reden hilft. Im Gegenteil, dann bekommt die ganze Misere erst recht Gewicht.“
„Apropos Martin“, versuchte Cécile die Freundin aufzuheitern, „erinnerst du dich noch daran, als ihr gemeinsam ein paar Wochen bei mir verbracht habt?“
„Na klar.“ Marie lächelte ein wenig traurig.
„Aber weißt du auch noch, was er sagte, als wir ihn fragten, ob er zum Dessert eine Charlotte mit Pfirsichen oder eine eben solche Vanillecreme mit Birnen haben wollte?“
„Er hat gesagt, am liebsten wäre ihm eine Charlotte mit tollen Beinen!“ Nun kämpfte Marie doch mit einem Lachanfall, während die anderen losprusteten und damit die Gefahr bannten, ins Sentimentale abzurutschen.
„Los, chérie, und nun hol den Champagner, so jung und ausgelassen kommen wir so schnell nicht wieder zusammen!“, kicherte Cécile.
„Zum Wohl“, sagte Marie, nachdem die Gläser überschäumten, und ihre Stimme klang wehmütig, „ich habe mich so gefreut, dass ihr alle da wart. In unseren fortgeschrittenen Jahren sollte man sich einfach öfter sehen.“
„Jetzt hör bloß mit dem blöden Alter auf. Du tust ja gerade so, als wären wir bereits scheintot“, rügte Franca die Freundin. „Und zack, dauert es auch nicht mehr lange, bis wir uns alle wie Greisinnen fühlen … Prost!“
Eine halbe Stunde später fragte Julie: „Wie viel Uhr haben wir es eigentlich?“ und schaute auf ihr Handgelenk. „Himmel, schon fast drei! Ich muss los“, und sie erhob sich abrupt, „sonst bekommen meine Männer heute nichts mehr zu essen.“
„Wie kann man nur so tough aussehen“, spöttelte Eleni liebevoll, „und eine solche Unemanze sein?“
„Und wie kommt es, dass eine so intelligente Frau wie du nur so ein loses Mundwerk hat?“, nahm Franca die Freundin in Schutz.
„Och, das geht ganz gut.“ Eleni lachte.
„Lasst mal“, sagte Marie und umarmte die Pariser Freundin. „Julie braucht nur etwas Zeit. Auch ohne Horoskop sehe ich sie bald in unserer provenzalischen Mädels-WG eintrudeln.“
„Dein Wort in Gottes Ohr!“, erwiderten die anderen, und Biggi fügte hinzu: „Ich muss jetzt ebenfalls packen. Um siebzehn Uhr dreißig geht mein Zug nach Basel.“
Marie, Franca, Cécile und Eleni begleiteten Biggi zum Hauptbahnhof in Köln und winkten ihr nach, bis der ICE aus der Halle verschwand. Und dann mussten sie sich sputen, damit Franca und Eleni rechtzeitig zum Flughafen kamen. Ihre Flieger gingen, im Abstand von einer Viertelstunde, am späten Nachmittag nach Rom und Athen.
Beim Abschied seufzte Franca: „Schade, dass wir schon zurück müssen. Hoffentlich bekommen wir das mit dem gemeinsamen Wohnen doch in naher Zukunft irgendwie hin.“
„Bestimmt“, tröstete Cécile und Marie fügte hinzu: „Wir beide machen den Anfang und halten die Stellung. Und wie ich unseren Mädelsladen hier kenne … Darf man in unserem Alter eigentlich noch von Mädels sprechen ...?“
„Bleib locker, chérie, wir haben doch heute erst festgestellt, wie jung wir noch sind.“
„Na gut, dann also: ... werden wir fünf Mädels uns schneller als gedacht in der Provence wiederfinden … Übt euch schon mal fleißig in der französischen Sprache.“
„Ganz bestimmt!“, rief Eleni, bevor sie in Abfertigung zwei verschwand, und Franca vergaß, dass sie eine Dame war, und brüllte von Gate fünf: „Si, si, bloß ein wenig auf Eis gelegt; denn aufgeschoben ist nicht aufgehoben!“
Marie und Cécile winkten lachend hinter den beiden her. Dann hakten sie sich unter und gingen Arm in Arm zurück zum Ausgang.
„Wenigstens du bleibst mir noch ein paar Tage erhalten“, sagte Marie.
„Aber klar doch“, Cécile drückte sie, „wir müssen unser Projekt für die gemeinsame Zukunft doch noch weiter vertiefen und Nägel mit Köpfen machen, wie es so nett auf Deutsch heißt.“
Wieder in Maries Küche schaltete Cécile den Wasserkocher an und ging zum Küchenschrank.
„Was suchst du?“, fragte Marie neugierig.
„Tee“, war die lakonische Antwort. „Ich mache uns eine infusion, einen Kräutertrank aus verschiedenen Teesorten, damit wir heute Nacht gut schlafen, um morgen in der Früh die ganze Chose mit klarem Kopf in Angriff zu nehmen.“
„Du hast recht.“ Marie war einverstanden und stellte die angebrochene Champagnerflasche vom Nachmittag in den Kühlschrank zurück. „Es ist in den letzten Tagen genug Alkohol geflossen und hat unsere Wahrnehmung etwas vernebelt. Morgen geht es gestärkt und hellwach in die nächste Runde.“
Am nächsten Morgen streckte und reckte sich Cécile nach drei langen Gesprächsrunden und sah dabei auf ihre Uhr:
„So, genug geredet. Bevor du deine Nachkommen zum Rundumgespräch zwecks Zukunftsplanung einlädst, gehe ich jetzt nach oben packen, damit ich morgen früh zurück in die Provence verschwinden kann. Es gibt ja noch so viel vorzubereiten.“
Marie sah kurz auf, bevor sie weiter in ihren Unterlagen wühlte. „Du hast es gut. Ich finde diese blöde Bescheinigung von der Bank nicht, die mich vor einem halben Jahr aus den Hypothekenzahlungen entlassen und mir so das Haus zu Erb und Eigen überschrieben hat. Ich bin fix und fertig und urlaubsreif … Halt, da ist sie ja!“ Sie wedelte mit einer gebundenen Urkunde vor Céciles Gesicht herum. „In einem ordentlichen Haushalt findet sich eben alles wieder. Nun habe ich sämtliche Unterlagen zusammen für das wichtige Gespräch mit den Kindern. Ich wünsche mir, dass es gut ausgeht.“
„Wenn ja, dann komm doch morgen gleich mit, wenigstens für zwei Wochen“, schlug die Freundin vor. „So können wir schon mal überlegen, wie wir mein Haus gerecht für uns alle aufteilen.“
„Keine schlechte Idee“, stimmte Marie erfreut zu und griff zum Telefon. „Dann trommele ich mal meine Lieben zusammen. Hoffentlich haben heute Abend alle Zeit für unsere Neuigkeiten.“
Sie hatten!
Als es an der Haustüre läutete, band sich Cécile gerade die Küchenschürze ab. Sie hatte die Freundin dazu überredet, nach einem guten Essen mit passendem Wein ihre Pläne besser an den Mann beziehungsweise an die drei dazugehörenden Frauen bringen zu können. „Du kennst doch den Spruch: J’ai bien mangé, j’ai bien bu et …“
„Ich weiß, ich weiß.“ Marie lachte. „‚Ich habe gut gegessen, gut getrunken und bin nun in der Lage, gut zuzuhören.‘“ Sie ging, um die Tür zu öffnen.
„Was sind denn das für Neuigkeiten?“, fiel ihr Sohn gleich mit derselben ins Haus.
Schwiegertochter Sophie umarmte sie – „Toll siehst du aus!“ – und versuchte die Dackel zu übertönen, die vor lauter Freude, die komplette Familie zu sehen, alles niederkläfften.
„Mindestens zehn Jahre jünger“, schloss Sabrina sich an und Marie in die Arme.
„Wie hast du das gemacht? Du strahlst ja förmlich“, wollte auch Claudia wissen. „Hat das eventuell etwas mit dem zu tun, was du uns verklickern willst? Dann kann es sich ja nur um etwas Erfreuliches handeln.“
„Es könnte aber auch eine Hiobsbotschaft sein“, grinste Stephen, „unsere Mutter weiß genau, dass sich diese besser bei einem guten Essen und Spitzenwein verkaufen lässt. Was hast du denn Schönes gezaubert, Cécile?“ Er legte den Arm um deren Schulter und nahm sie mit ins Wohnzimmer.
„Ich will doch nicht hoffen, dass sich meine Zukunftspläne für euch als Hiobsbotschaft entpuppen“, sagte Marie leicht nervös, „aber es schadet ja nicht, wenn wir das Ganze mit etwas Köstlichem untermauern. Vorsicht ist besser als Nachsicht. Sophie, geh du schon mal ruhig zu Stephen und Cécile“, sie hakte sich bei ihren beiden Töchtern unter, „und ihr kommt bitte mit in die Küche und helft mir auftragen.“
Als sie dann alle so friedlich am Tisch saßen und Marie sah, wie es ihren Kindern schmeckte, hatte sie plötzlich ein kleines Déjà-vu: Sie sah Stephen, Claudia und Sabrina im Alter von drei, fünf und sieben Jahren, wie sie zu jeder Mahlzeit einen Wettlauf um die Plätze an ihrer Seite machten, da dem Schlusslicht dann nur noch ein Stuhl weiter unten neben den Geschwistern oder neben hin und wieder anwesenden Gästen blieb …
„… und das war nie einer von euch“, klagte Sabrina an Bruder und Schwester gewandt – als könne sie Gedanken lesen.
„Das ist ja gar nicht wahr“, antwortete Stephen, „ich habe dir manchmal auch den Vortritt gelassen, Claudia nie.“
Marie lachte: „Das stimmt, dein Bruder war hin und wieder ein richtiger kleiner Kavalier.“
„Siehste“, sagte der, „nur Claudia nicht. Die war zwar das schnellste, aber auch das frechste kleine Mädchen aus der ganzen Straße, das schrie, wenn es seinen Willen nicht bekam, das nie um etwas bat, sondern immer nur forderte.“
„Na danke, lieber Bruder. Nun weiß ich doch endlich, von wem meine Tochter erblich so belastet ist, das arme Ding.“ Claudia nahm es mit Humor. Dann wandte sie sich vorwurfsvoll an Marie. „Und ich erinnere mich noch genau an die drei bescheuerten Becher in Rosa, Hellblau und Lila, die du zu unserem Kummer in den Müll geschmissen hast.“
„Ja, ja“, kam Stephen Marie zu Hilfe, „aber nur weil sie wegen deines ständigen Gebrülls – ‚Ich kriege den lilanen!‘ – mit den Nerven völlig auf dem Hund war.“
„Auf dem Dackel“, lachte Sabrina. „Andere Rassen kamen uns ja nicht ins Haus, wo wir doch so gerne einen großen Beschützer gehabt hätten, einen, mit dem man Abenteuer bestehen konnte, einen so wie Lassie zum Beispiel.“
Cécile hatte sich bis da aus dem Gespräch herausgehalten, aber köstlich amüsiert. Nun erinnerte sie Marie daran, dass sie ja alle zusammengekommen waren, um die Kinder in ihre Zukunftspläne einzuweihen.
„Ja“, sagte Stephen und griff nach der Weinflasche, „es wird Zeit, dass du uns sagst, was du im Schilde führst. Will noch jemand etwas Wein?“ Alle hielten ihm ihr leeres Glas hin, und er schenkte nach. „Oder willst du uns jetzt in die Tonne kloppen?“ Er bemühte sich ängstlich auszuschauen.
„Natürlich nicht“, erwiderte Marie entrüstet, „aber vielleicht, wenn du es so nennen willst, etwas von meiner jetzigen Art zu leben.“ Und sie erklärte, wie sie ihre weitere Zukunft zu gestalten gedachte: „Nämlich in einer Wohngemeinschaft mit meinen vier besten Freundinnen, die da sind: Julie, Franca, Eleni und Cécile. Eigentlich sind es ja fünf. Doch meine allerbeste Freundin Biggi kneift leider.“
„Und das Ganze findet dann bei mir in der Provence statt“, vollendete Cécile.
„Ich möchte zeigen“, fuhr Marie fort, „dass mein Leben auch als sogenannte Seniorin für euch nicht zum Problem werden wird, sondern dass ich mich immer noch weiterentwickeln, Neues entdecken und zukunftsorientiert mein Alter gestalten kann. Nur nicht alleine, dazu brauche ich gleich gesinnte Mitstreiterinnen meiner Generation.“
„Chapeau“, Stephen nickte anerkennend, „bei dir ist man ja nie vor Überraschungen sicher. Aber das ist das Vernünftigste, das du jemals in Angriff genommen hast.“
Sabrina sprang auf und umarmte sie. „Mensch, toll, Marie, wir helfen dir natürlich bei der Verwirklichung deiner Träume. Was machst du mit deinem Haus? Soll Jan versuchen, es so günstig wie möglich zu verkaufen?“ Sabrinas Freund Jan war ein erfolgreicher Immobilienmakler.
„Keine schlechte Idee, aber lasst mir bitte noch etwas Zeit, darüber nachzudenken“, sagte Marie, und ihre Tochter antwortete: „Das versteht sich doch von selbst. Ich als Anwältin würde dir außerdem alle rechtlichen und notariellen Schritte abnehmen. Stephen, du als Banker könntest das Finanzelle für sie regeln.“ Sie sah ihren Bruder herausfordernd an.
„Das ist doch keine Frage“, antwortete dieser sofort, „an mir sollen Maries Lavendelträume auf keinen Fall scheitern. Was machst du denn mit den Hunden?“
„Die nehme ich natürlich mit, oder, Cécile?“
„Klar doch“, versprach diese. „Mascotte, meine Katze, wird mit den beiden schon fertig, wetten?“
„Ach nee“, mischte sich da Claudia ein, „die Hunde dürfen mit in den sonnigen Süden. Und was ist mit deinen Enkeln, wo die es doch in diesem feucht-kühlen Klima hier schon seit Kleinkindertagen so oft an den Bronchien haben? Wenn du unbedingt unser Erbe verschleudern willst, verkauf das Haus, leg das Geld für dich und deine Nachkommen vernünftig an und zieh in eine Seniorenresidenz auf Mallorca. Das ist doch heute in für ältere Leute. Kannste in allen Zeitschriften der Regenbogenpresse nachlesen.“
„Claudiiaa!!“, riefen die anderen entrüstet, und Stephen versuchte die Stimmung zu entschärfen, indem er amüsiert anmerkte: „Wer sagt’s denn, Mariechen am Ballermann!“
„Kann man denn nicht mal einen kleinen Scherz machen?“, reagierte Claudia da doch ein wenig beschämt.
Marie legte liebevoll die Hand auf den Arm ihrer Ältesten. „Schau mal, du führst doch seit Jahren dein eigenständiges Leben mit Arbeiten, Kindererziehen und Haushalt, und das alles ohne Mann und Vater. Und du erwartest, dass ich es respektiere. Also bitte ich dich, meine Wünsche ebenfalls zu achten, auch wenn du mich jetzt vielleicht für eine egozentrische Alte hältst.“
Claudia prustete los und gab Marie einen Kuss.
„Na endlich, liebe Schwägerin“, mischte Sophie sich aufatmend ein. „Stephen, wir müssen langsam heimwärts ziehen. Es ist schon fast Mitternacht.“
Die anderen erhoben sich ebenfalls.
„Wartet mal“, hielt Marie sie zurück, „da ist noch etwas.“
„Aha“, sagte Stephen und feixte, „jetzt kommt das dicke Ende. Sollen wir uns lieber wieder setzen?“
Seine Mutter sah zögernd von einem zum anderen. „Also, ich wollte euch außerdem noch mitteilen, dass ich übermorgen mit Cécile für zwei Wochen in die Provence fahre, erstens, um mich zu erholen, und zweitens, um gemeinsam mit ihr unseren Plan noch einmal an Ort und Stelle gründlich durchzugehen.“
Claudia drückte sie. „Dass du für immer fortgehen willst, an den Gedanken müssen wir uns erst einmal gewöhnen. Aber für zwei Wochen Urlaub brauchst du doch nicht unsere Erlaubnis.“
„Hört, hört“, warf Stephen ein.
„Ich denke schon“, antwortete Marie geknickt, „ich brauche nämlich jemanden von euch, der für diese Zeit die Hunde nimmt.“
„Das mache ich“, bot sich Sabrina sofort an. „Lieschen und Felix, deine beiden Dackeltiere, sind gut bei mir aufgehoben, auch tagsüber in der Kanzlei. Am besten, ich nehme sie gleich heute Abend mit.“
„Danke, da fällt mir aber ein Stein vom Herzen.“ Marie stand auf und holte aus der Diele die Leinen und das große Hundekörbchen. Dann umarmten sich alle herzlich.
„Gute Erholung und viel Freude euch beiden.“
„Euch auch, vor allen Dingen mit den Hunden!“
Marie und Cécile winkten der schwatzenden und kläffenden Gesellschaft fröhlich nach. Dann schlossen sie die Haustüre und Cécile sagte energisch: „Ich räume jetzt den Tisch ab und die Küche auf. Und du, ma chère, gehst nach oben und fängst an zu packen.“
Sie fuhren über Metz, Nancy, Dijon und Lyon die autoroute du solei Richtung Avignon. Es war fünf Uhr früh, der Rücksitz von Maries kleinem grünem Flitzer – „Eine Occasion aus dritter Hand, hoffentlich lässt er uns auf der langen Reise nicht im Stich!“ – war vollgepackt. Cécile saß auf dem Beifahrersitz und hielt die Straßenkarte auf ihren Knien. Über ein modernes Navigationsgerät verfügte der kleine Wagen nicht, trotz dringendem Appell ihrer Kinder: „Du fährst doch so schusselig und verwechselst ständig rechts und links“, mahnten diese.
Doch Cécile sagte zuversichtlich: „Das schaffen wir auch so“, starrte angestrengt auf ihren Schoß und kniff die Augen zusammen. „Mon dieu, ich glaube, ich brauche eine Brille!“
„Aber nicht doch. Wenn du die Karte umdrehen würdest, dann könntest du uns auch den Weg ohne Augengläser weisen“, amüsierte sich Marie.
Eigentlich hatten sie vorgehabt, bis ins Elsass zu fahren und sich dort ein hübsches Hotel für die Nacht zu suchen. Doch die Autobahnen waren wie leer gefegt.
„Da kann nur irgendwo ein wichtiges Fußballspiel stattfinden“, bemerkte Marie süffisant.
„Umso besser für uns“, pflichtete ihr Cécile bei. Und so hatten sie früher als gedacht das Rheinland durchquert, im Moseltal eine Pause eingelegt und gegen Mittag die Grenze nach Luxemburg passiert. Hinter Metz betankten sie den Wagen und Cécile übernahm das Steuer. Marie drehte das Radio voll auf, und sie sangen mit Daliah Lavi lauthals um die Wette: „C’est la vie …“
„Ich fühle mich so wohl wie schon lange nicht mehr.“ Marie lehnte sich auf dem Beifahrersitz zurück und schloss glücklich die Augen.
Als sie diese wieder öffnete, waren sie bereits kurz vor Lyon.
„Schau mal, Cécile, in fünf Kilometern gibt es eine Raststätte. Lass uns dort rausfahren. Wir trinken in Ruhe einen Kaffee, und danach übernehme ich wieder das Steuer. Aber vorher muss ich erst einmal ganz dringend zum Tö, also gib Gas.“
Kurz darauf bogen sie von der Autobahn auf den Rastplatz ab und Cécile ließ den Wagen in einer Parktasche direkt vor dem Eingang der Gaststätte ausrollen. „Ich flitze mal schnell“, sagte Marie und riss die Beifahrertüre auf, kaum dass sie hielten, „sonst gibt es ein Malheur!“ Sie sprang heraus, rannte los und war Sekunden später im Eingang verschwunden. Cécile nahm gelassen ihre beiden Handtaschen, stieg ruhig aus, reckte sich ordentlich und folgte der Freundin in den Gastraum.
Marie war inzwischen bei den Toiletten im Untergeschoss angekommen, merkte, dass sie ihre Handtasche vergessen hatte, kramte nervös in Jacken- und Hosentaschen nach einem Fünfzig-Cent-Stück, fand keines und versuchte hektisch das Drehkreuz ohne den Obolus zu öffnen. Sie zog und schob und kam ins Schwitzen, bis sie hinter sich ein ungeduldiges und, wie sie fand, chauvinistisches Räuspern hörte, das nur von einem Mann sein konnte. Sie drehte sich entnervt zu dem Kerl um und sagte: „Vielleicht hätten Sie die Güte, mir zu helfen, anstatt überheblich zu grinsen.“
Er zog spöttisch die Augenbrauen in die Höhe, griff an ihr vorbei, steckte die erforderliche Münze in den Schlitz und schob das Drehkreuz nach vorne. „Bitte sehr, Madame.“
„Danke“, sagte Marie kurz angebunden, dachte: „Was für ein arroganter Typ“ und sauste an ihm vorbei, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen. Danach kehrte sie erleichtert zu Cécile zurück, die an der Segafredo-Bar saß und einen Cappuccino trank.
„Bitte auch so einen“, sagte Marie zu der Bedienung hinter der Theke, schwang sich auf einen Barhocker neben die Freundin, zeigte auf deren Tasse und sagte zu Cécile: „Und außerdem würde ich auch gerne eine Kleinigkeit essen.“
„Dann nehmen wir unseren Kaffee, suchen uns etwas vom Büfett aus und setzen uns an den Tisch dort drüben am Fenster.“ Cécile rutschte vom Hocker herunter und Marie folgte ihr.
Nachdem sie sich gestärkt hatten, erklärte Cécile: „Jetzt muss ich mal wohin. Könntest du in der Zwischenzeit die Tabletts mit unserem schmutzigen Geschirr entsorgen?“ Sie stellte Tassen, Teller und Bestecke ineinander, hängte Marie beide Handtaschen über die Schulter und drückte ihr die wackelige Angelegenheit in die Hände. Dann eilte sie zur Treppe ins Erdgeschoss.
Marie balancierte den Geschirrturm vorsichtig zum Rollschrank und versuchte die ineinandergestellten Tabletts samt Teller und Tassen hineinzuschieben, wobei das Ganze bedrohlich anfing zu schwanken und sich zur Seite neigte.
„Darf isch Ihnen das abnehmen?“, sagte eine dunkle Stimme direkt vor ihr und fing die Katastrophe schnell und geschickt auf. Marie sah hoch und stöhnte. Es war der arrogante Typ aus dem sanitären Bereich im Untergeschoss. Er war groß und schlank und hatte einen gepflegten grauen Bart, volle graue Haare und war ungefähr in Maries Alter. Jetzt sah er gönnerhaft auf sie herab: „Ist wohl nischt ihr Tag ’eute, n’est-ce-pas, Madame?“ Er hatte einen entzückenden französischen Akzent.
Marie stieg die Röte ins Gesicht, und sie kam sich deshalb furchtbar blöd vor. Aber egal, sie marschierte hocherhobenen Hauptes an ihm vorbei nach draußen und spürte sein amüsiertes Grinsen im Rücken.
Cécile wartete bereits am Auto „Na, alles in Ordnung?“
„Warum denn nicht?“
„Du siehst aus, als hätte dir da drinnen jemand gehörig auf die Zehen getreten.“
„Vergiss es! Da war bloß so ein blöder französischer Heini, total arrogant und viel zu gut aussehend.“
„Aha.“ Cécile lächelte nachsichtig und kletterte auf den Beifahrersitz. Marie klemmte sich hinter das Steuer. Der kleine Wagen vibrierte, als sie den Motor anwarf. Dann brausten sie davon und erreichten am frühen Abend wohlbehalten Avignon.
Dreißig Minuten später rumpelten sie den seit eh und je unbefestigten Waldweg zu Céciles Grundstück hinauf. Ein großes schmiedeeisernes Tor war eingelassen in eine hochgezogene Bruchsteinmauer rund um das riesige Anwesen. Sie sollte im Herbst und Winter das Anwesen und seine Bewohner vor den eiskalten Mistralwinden schützen, die von den Bergen des Luberon herabfielen und, wie Cécile lachend bemerkte, „einem Esel die Ohren wegblasen können, wie man im Provenzalischen sagt“. Nun öffnete sich das Tor wie von Geisterhand. Mascotte, Céciles grau-weiß gestreiftes Kätzchen, lief ihnen entgegen und Madame Hélène, die Nachbarin und Hüterin von Haus, Hof und Stubentiger, winkte ihnen fröhlich zu.
Die Freundinnen stiegen aus. „Merci, mon amie, tout va bien?“ Cécile nahm den Schlüsselbund samt automatischem Toröffner entgegen.
„Naturelement!“ Die Nachbarin ging federnden Schrittes zu ihrem Haus zurück, nachdem sie auch Marie herzlich willkommen geheißen hatte.
Marie ging durch den kleinen Torbogen auf die Terrasse vor dem Haus. „Es hat sich ja überhaupt nichts verändert, seit ich vor zwei Jahren das letzte Mal hier war!“, rief sie erfreut.
Cécile folgte ihr und antwortete lachend: „Es hat sich ehrlich gesagt seit dreißig Jahren überhaupt nichts verändert, bis auf ein paar kleine Anstriche hier und da und neue Terrassenmöbel sowie bequeme Liegen für la piscine – du weißt ja, das liebe Geld!“
Marie war um den Pool herumgegangen, umschlang mit beiden Armen die mächtige alte Pinie auf der anderen Seite des Gartens und betrachtete liebevoll das typisch provenzalische Landhaus – das bald ihr endgültiges Zuhause sein sollte –, wie es schläfrig mit seinen halbgeschlossenen Fensterläden in der Abendsonne dalag, und den leuchtenden goldgelben Ginster rund um das „Mas“, der ihm den Namen „Les Genets“ gegeben hatte.
„Komm, chérie, wir räumen erst einmal den Wagen aus“, riss sie Céciles Stimme aus ihren Gedanken.
Beladen mit Koffern, Taschen und Tüten betraten sie dann die geräumige Küche.
„Willkommen daheim!“ Sie suchten Maries Sachen aus dem umfangreichen Gepäck heraus. „Du nimmst am besten erst einmal wie gewohnt das Appartement mit den zwei Zimmern und dem Bad en suite direkt oben am Anfang der Galerie, d’accord? Und während du dich frisch machst, bereite ich uns hier unten einen kleinen Imbiss vor.“
„Wunderbar!“ Marie umarmte ihre Gastgeberin, griff nach ihrem Gepäck und stieg die Treppe hinauf. Oben öffnete sie die knarrende Holztüre – echt antik vom marché aux puces, dem französischen Flohmarkt, wie alle Türen hier im „Mas“ – und sah sich in dem großen, hellen und fröhlichen Raum um, dem nur ein alter provenzalischer Schrank ernste Würde verlieh. Sie legte ihre Sachen auf dem bequemen französischen Bett ab, welches auf einer Empore im hinteren Teil unter dem Fenster stand, nahm ihre Tasche mit Seife, Zahnbürste und Kosmetik und machte sich in dem hübschen Tageslichtbad kurz frisch. Dann trat sie durch eine weitere Tür in das zweite, etwas kleinere Zimmer, sah sich um und malte sich bereits aus, wo sie ihren Schreibtisch, ihre umfangreichen Bücherregale und eine kleine Sitzgarnitur unterbringen würde. Sie öffnete die andere Tür zur Galerie und folgte dem Duft von gebackenem Baguette und frischem Ziegenkäse.
Nach dem Abendbrot saßen die Freundinnen noch lange in der gemütlichen und rustikalen Küche beisammen, tranken einen köstlichen Rotwein aus dem Luberon und diskutierten über gemeinsames Wohnen im Alter so allgemein, aber nun auch im Besonderen. Dann gähnte Cécile herzhaft. „Komm, wir müssen ins Bett.“ Sie sah sehr müde aus.
Marie schaute auf die alte Küchenuhr über der Spüle. „Ach herrje, schon fast zwei. Du hast recht, morgen ist auch noch ein Tag und danach noch mindestens vierzehn weitere zum Klönen. Bonne nuit, ma chère.“
Als sie im Bett lag, träumte sie sich noch ein wenig in ihre neue Lebenssituation in der Provence ein. Leider kam ihr dabei immer wieder das spöttische Grinsen des gut aussehenden, aber arroganten Typen vom Rastplatz in die Quere, und sie hatte aus diesem Grund eine sehr unruhige Nacht.
Das Sonnenlicht schimmerte durch die halbgeschlossenen Schlagläden. Marie drehte sich vom Fenster weg, um noch eine Mütze Schlaf zu nehmen, da erreichte sie der Ruf von unten: „Petit déjeuner!“ Sie nahm ihre Armbanduhr von der Konsole am Kopfende des Bettes. „Was, schon zehn?! Ich komme sofort!“ Sie lief ins Bad, duschte, zog frische Sachen über und sprang die Treppe hinunter.
„Bonjour, chérie, du hast ja schon Brot gebacken!“ Marie umarmte die Freundin vorsichtig; denn diese wollte gerade mit dem vollen Tablett nach draußen auf die kleine windgeschützte Terrasse gehen, mit Blick auf den berühmten Ort Roussillon in den Bergen gegenüber. „Da leuchtet doch alles so rot“, sagt Wladimir in Samuel Becketts „Warten auf Godot“.
„Und wie!“, antwortete Marie und war wie immer von dem Anblick der ocker- und rotfarbenen Felsen mit ihren kleinen gleichfarbigen Häusern begeistert. „Und dazu noch selbst gemachte Feigenmarmelade und Lavendelhonig!“
Und sie goss der Freundin und sich den mitgebrachten Kaffee ein.
Nach dem Frühstück reckte sich Marie wohlig in der Sonne, schloss die Augen und schnurrte zufrieden.
„Wie meine Mascotte“, lachte Cécile. „Es sieht so aus, als wärst du schon nach einer Nacht hier angekommen. Hast du gestern vor dem Einschlafen noch einmal darüber nachgedacht?“
„Wie?“ Marie öffnete die Augen, doch ihr Gesichtsausdruck ließ nicht darauf schließen, dass sie vor Jahrzehnten ein Hochschulstudium mit Bravour absolviert hatte.
„Sortier mal deine Gedanken, ma chère, du schaust momentan ausgesprochen debil aus der Wäsche.“
„Ehrlich? Dafür kann ich nichts. Mir läuft nämlich ständig der blöde französische Heini vom Lyoner Rastplatz durchs Gehirn. Natürlich fühle ich mich hier zu Hause. Und das nicht erst seit letzter Nacht. Ich bin überglücklich, dass es nun für immer sein soll! Das Appartement mit den zwei Zimmern und dem innen liegenden Bad ist genau das Richtige für mich.“
„Na, dann können wir ja bald mit dem Renovieren deiner Räumlichkeiten beginnen. Aber jetzt fahren wir erst einmal nach Goult. Dort ist heute Markt, und es gibt da die einzige boucherie der Gegend, wo man wirklich nur gutes Fleisch bekommt. Wir müssen unsere Vorräte auffüllen. Vorher rufe ich aber meinen Sohn André an, der einen Freund hat, der wiederum jemanden kennt, dessen Onkel Architekt ist …“
„Na, hoffentlich ist der nicht schon in Rente“, frotzelte Marie, „und will dann als Dank für seine Beratung zwecks Umbauarbeiten bei uns mit einziehen.“
Cécile grinste. „Komm, wir räumen schnell den Tisch ab und dann geht’s los.“
Der Laden des besten charcutiers der Provence entpuppte sich als so winzig, dass die beiden Freundinnen mit dem Fleischer und seiner Frau ein richtiges Gedränge bildeten. Doch auch wenn sie sich gegenseitig auf die Zehen traten, so war er ein Meister seines Faches, wetzte sein langes Messer und zerlegte das Kaninchen, welches Cécile erstand, sekundenschnell und kunstgerecht, füllte gehackte Kräuter in eine kleine Tüte – „Ein Präsent des Hauses“ –, empfahl ihnen einen passenden Weißwein dazu und entließ sie auf den marché provencale, mit dem Tipp, frische Auberginen von dort mitzunehmen und daraus ein geschmortes Gemüse zu dem gegrillten Kaninchen zu machen. Cécile und Marie schauten angemessen beeindruckt drein und verließen dann, mit kaum unterdrückter Heiterkeit, den kleinen Laden.
Wieder in „Les Genets“ erwartete sie das Läuten des Telefons. Es bimmelte sozusagen Sturm, während Cécile, beladen mit Einkaufstüten, einhändig versuchte, das Garagentor zu öffnen, und mit dem Schlüssel im Schloss herumstocherte.
„Merde!“
„Cécile!!“
„Mais c’est vrai – ist doch wahr. Hätte mein verstorbener Mann nicht auf echt antiken Türen im gesamten Haus bestanden, dann hätte ich heute nicht immer solche Probleme mit den alten Schlössern.“ Endlich ließ sich das Tor öffnen, sie setzten ihre Tüten in der Garage ab, die schon seit Jahren nur noch als Vorratskammer diente, da ohne Fenster und somit auch im Sommer schön kühl, und eilten in die Küche. Doch in diesem Moment verstummte das Telefon. Cécile nahm den Hörer ab und lauschte den Worten auf dem Anrufbeantworter. „Es war André“, teilte sie Marie mit. „Er soll uns ausrichten, dass der Architektenonkel seines Freundes bereit ist, uns bei unserer Planung zwecks Wohngemeinschaft mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.“
„Und wann? Du weißt, ich muss in ein paar Tagen wieder zu Hause sein.“
„Ab morgen Abend“, gab Cécile bereitwillig Auskunft. „Er soll sehr berühmt sein, ist allerdings, wie von dir vermutet, bereits in Rente. Aber er hilft guten Freunden hier und da noch beim Um- und Ausbau ihrer Häuser. Übrigens, er heißt Paul.“
„Hoffentlich können wir uns den großen Meister auch leisten“, unkte Marie.
„Davon wollen wir mal ausgehen“, schmunzelte Cécile. „Lass uns jetzt erst einmal die Lebensmittel auspacken und einräumen. Ein Glück, dass wir so gut und viel eingekauft haben. So können wir Paul dann mit einem fürstlichen dîner begrüßen.“
Während sie am nächsten Abend draußen auf der überdachten Terrasse den offenen Kamin mit eingesammelten riesigen Pinienzapfen einheizten, die Kaninchenteile marinierten und das Auberginengemüse vorbereiteten, wartete der Aperitif auf dem Tischchen direkt neben dem Pool mit Oliven, Kichererbsenmousse und einem von der Hausherrin selbst aufgesetzten Holunderlikör auf ihren Gast. Marie kam mit dem frischen Baguette im Körbchen aus der Küche. „Was, meinst du, macht der berühmte Architekt denn sonst noch so außer anderer Leute Häuser umbauen? Was wird das für ein Mann sein? Ob das ein guter Typ ist?“
„Aber sicher“, sagte eine tiefe Stimme hinter ihr. Sie fuhr herum und sah in ein ihr bekanntes braun gebranntes und zerfurchtes Gesicht mit strahlend blauen Augen, die nun spöttisch auf sie hinunterschauten. Ihr fiel vor Schreck der Brotkorb aus der Hand, und sie wäre am liebsten im Erdboden versunken.
„Was ist?“ Cécile stupste sie an.
Marie konnte nur heiser flüstern: „Der arrogante Heini von der Lyoner Raststätte.“
„Wer, Paul?“
„Jaha.“
Dieser bückte sich gerade nach dem Brot, hob es auf, legte es in den Korb zurück und stellte diesen auf das kleine Tischchen. „Na“, sagte er vergnügt, „die Geschickteste sind Sie aber auch nicht.“ Er begrüßte nun beide sehr herzlich – Küsschen links, Küsschen rechts – inklusive eines warmen und festen Händedrucks.
„Wir haben Ihr Auto gar nicht gehört!“, sagte Cécile erstaunt.
„Das steht unten auf dem großen Parkplatz, ich bin zu Fuß hochgekommen“, antwortete Paul und wandte sich wieder an Marie: „Fühlen Sie sich etwa durch mich verunsichert?“
Cécile lachte. „Das kann ich mir bei meiner emanzipierten Freundin überhaupt nicht vorstellen.“
Und die „Emanze“ fügte trotzig hinzu: „Eben, ich habe nur etwas gegen überhebliche männliche Besserwisser.“
