Die Lavendelgang - Inge Helm - E-Book
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Die Lavendelgang E-Book

Inge Helm

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Beschreibung

Seniorenheim? Nein danke! Für die rüstige Rentnerin Marie steht eines fest: Auch mit 65 gibt es noch lange keinen Grund, alt zu werden. Gemeinsam mit der französischen Köchin Cécile, der eleganten Römerin Franca, der flotten Pariserin Julie und der scharfzüngigen Griechin Eleni startet sie ein aufregendes Projekt – die "Lavendelgang", eine Golden-Girls-WG zwischen Lavendelblüten und Wildkräutern. Die Reise in den gemeinsamen dritten Frühling ist turbulent, herzerfrischend und hält so manche Überraschung bereit, mit denen keine der Damen je gerechnet hätte ...

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Seitenzahl: 213

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Über Das Buch:

Seniorenheim? Nein danke! Für die rüstige Rentnerin Marie steht eines fest: Auch mit 65 gibt es noch lange keinen Grund, alt zu werden. Gemeinsam mit der französischen Köchin Cécile, der eleganten Römerin Franca, der flotten Pariserin Julie und der scharfzüngigen Griechin Eleni startet sie ein aufregendes Projekt – die „Lavendelgang“, eine Golden-Girls-WG zwischen Lavendelblüten und Wildkräutern. Die Reise in den gemeinsamen dritten Frühling ist turbulent, herzerfrischend und hält so manche Überraschung bereit, mit denen keine der Damen je gerechnet hätte ... 

Edel Elements Ein Verlag der Edel Germany GmbH

© 2015 Edel Germany GmbH Neumühlen 17, 22763 Hamburg

www.edel.com

Copyright © 2015 by Inge Helm

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München.

Covergestaltung: Guter Punkt Lektorat: Anika Beer Korrektorat: Martha Wilhelm Konvertierung: Datagrafix

Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.

ISBN: 978-3-95530-745-5

Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Auf ein paar Worte zum Schluss

Das Alter spielt keine Rolle, es sei denn, man ist ein Rotwein.

In Erinnerung an Betty, mon amie d’enfance

Prolog

„Bonjour, Marie. Was riecht hier so gut, backst du Kuchen?“

Marie, barfuß, in ausgewaschenen Jeans, schlabberigem T-Shirt und mit wirrem Haarschopf – zu ihrem Leidwesen total weiß, die Locken –, drehte sich überrascht herum. Da stand ihre Freundin schon in der Küche: schmales Gesicht, große braune Augen unter einem dunklen, kurz geschnittenen, mit feinen weißen Fäden durchzogenen Bubikopf – eine Pariserin, die allerdings seit knapp dreißig Jahren ein paar Häuser weiter unter Marie im Oberbergischen wohnte. Sie war schick, wie nur eine Französin es wagt sich zu kleiden, in schwarzem knöchellangen Flatterrock unter einem zipfelnden apfelgrünen Oberteil auf hochhackigen orangefarbenen Sandaletten.

„Grüß dich, meine Liebe, wie bist du denn hereingekommen?“

„Na, hintenherum, durchs Gartentörchen“, antwortete Julie und umarmte die Freundin herzlich.

„Und meine beiden Wachhunde haben keinen Mucks von sich gegeben?“, sagte Marie erstaunt.

„Security-Lieschen und Bodyguard-Felix habe ich mit einem Kauknochen bestochen.“ Julie lachte. „Wer hat den beiden denn die witzig bedruckten Halstücher verpasst?“

„Na, wer schon“, grinste Marie, „das war Sabrina, meine hundeverrückte Jüngste.“

„Hilft wohl nicht so recht.“

„Wie denn auch? Felix ist aus Altersgründen zu kurzsichtig, um das Wort Bodyguard zu lesen, und Lieschen besucht erst seit Kurzem die Vorstufe der hiesigen Hundeschule. Sie weiß noch gar nicht, was Security bedeutet. Aber keine Bange, das wird schon noch. Komm lieber mal her und probier meinen délice aux chocolat.“

„Du hast dich an Céciles köstlichen Schokoladenkuchen herangewagt?“ Julie setzte sich an den Küchentisch. Marie entfernte die Klarsichtfolie von ihrem Kuchen und schnitt ihn an. Dann legte sie je ein Stück auf zwei Teller ihres hübschen Bistrogeschirrs.

„Köstlich“, sagte die Freundin nach dem ersten Bissen, „schmeckt echt nach Provence. Erinnerst du dich noch an unseren ersten Kochkurs bei Cécile vor knapp dreißig Jahren?“

Marie und Julie waren in jener Zeit auf deren Annonce in einer großen Wochenzeitung gestoßen und für zwei Wochen in die Provence gefahren, um zu lernen, wie man gekonnt mit Olivenöl, Knoblauch, frischen Kräutern, Eselspfeffer und anderen Köstlichkeiten auch im kühlen Norden umgeht.

„Ja, sicher“, lächelte Marie in Erinnerung, „unsere begnadete chefin de cuisine und Malerin holte uns damals mit einem altersschwachen, total verbeulten Renault vom Bahnhof in Avignon ab. Ein kleines, zierliches Persönchen, braunäugig und mit einer langen blonden Mähne.“

„Ja ja“, lachte Julie, „und während wir, ängstlich in die Sitze verkrallt, knatternd und keuchend aus der Stadt rollten, machten wir unsere erste charmante Begegnung mit einem männlichen Citroën, der uns verkehrswidrig rechts überholte, kurz grüßte, sozusagen Kotflügel an Kotflügel …“

„… das kann man wohl sagen“, fuhr Marie heiter fort, „eine weitere Beule im Auto hinterlassend – was Cécile offenbar nicht störte –, und hupend in der Ferne verschwand. Das Tollste aber war, dass wir während unseres Kochkurses Mitköchinnen und -köche aus aller Herren Länder kennenlernten, wie zum Beispiel Mario aus Mexiko, Céline aus Kanada und Henry aus Nordamerika.“

„Doch Freundschaften auf ewig haben wir dann geschlossen mit unserer feurigen Franca aus Italien: tolle Figur, groß wie ein Model und schulterlange tiefschwarze Locken …“

„Und das auch noch heute, aber nun bestimmt vom Friseur“, konnte Marie sich nicht verkneifen. „Es gibt doch immer wieder Frauen, die haben Probleme, wenn sie ergrauen. Ich zum Beispiel habe meinen mittlerweile silberweißen Schopf einmal rot färben lassen. Das Einzige, was ich damit erreichte, war, dass ich meinen gesamten Kleiderschrank auf Giftgrün, Himmelblau und leuchtend Orange umstylen musste und dass mein Sohn spottete: ‚Jetzt, Mariechen, fehlt dir nur noch der Spruch auf den Lippen: Ham’se mal ’nen Euro, und das am besten bei uns am Hauptbahnhof.‘“

Julie lachte. „Na ja“, meinte sie, „graue Haare sind nicht gerade sehr förderlich beim Flirten mit dem anderen Geschlecht … und das ist nun mal Francas Passion. Und dann vergiss nicht unsere kleine, olivhäutige Spötterin Eleni aus Griechenland“, fügte sie hinzu. „Denkst du auch manchmal noch an unsere Ausflüge auf die herrlich bunten und nach allen Gerüchen des Südens duftenden marchés und unsere anschließenden Kocharien mit dem mitgebrachten frischen Gemüse, Lavendel, Thymian, Rosmarin und Co., Fischen, Kaninchen und mehr oder auch mit dem ein oder anderen Mitbringsel für daheim in Form von Geschirr …“

„Unübersehbar.“ Marie deutete auf ihren Küchentisch.

Doch Julie fuhr unbeirrt fort: „... mit Tischdecken, Sets, Tüchern und Taschen in den original provenzalischen Stoffen, Farben und Mustern?“ Sie schwelgte in vergangenen Zeiten, trotzdem sich die Freundinnen von da an regelmäßig alle zwei bis drei Jahre, je nachdem wie sie alle unter einen Hut zu bringen waren, bei Cécile trafen.

„Und ob.“ Marie lächelte. „Weißt du aber auch noch, wie viel Spaß wir hatten, als Franca beim ersten Mal anstatt eines Messers – auf Französisch couteau – eine couture, Naht auf Deutsch, neben die Teller legte?“

„Haha!“ Julie fiel fast die Kuchengabel aus der Hand. „Und Eleni einen poteau, nämlich einen Pfahl, statt der potage, der Suppe, auf den fourreau, das Futteral, und nicht auf den französischen Herd, den forneau, stellte!“

„Was waren wir damals doch noch jung und albern.“ Marie wurde richtig wehmütig.

„Aber du hast später wenigstens daraus ein wunderbares Kochbuch mit all den Rezepten und Geschichten über Land und Leute gemacht“, sagte Julie nicht ohne Bewunderung, „und das ist mindestens zehn Jahre prima gelaufen.“

„Ach, Schwamm drüber. Wie sagt man so nett bei euch: beaux mots – schöne Worte. Aber den erhofften Geldsegen hat es nicht eingebracht“, antwortete Marie, „und wirklich wichtig ist doch, dass wir seit damals eine eingeschworene Gemeinschaft bilden und albern sind wie eh und je. Wir fünf respektive sechs, wir dürfen meine älteste – äh – längste Freundin Biggi aus der Schweiz nicht vergessen, die wir damals auf der Rückfahrt besuchten, begeisterte Sportlerin, tough und immer gut gelaunt, die heute silbernen Haare zu einem flotten Pferdeschwanz gebunden. Aber ihr steht das, ich meine das Silberweiße“, sagte Marie bekümmert.

„Kein Wunder“, tröstete Julie, „dafür hat sie mehr Falten als wir anderen. Das ganze Jahr hindurch braun gebrannt von der Sonne in den Schweizer Bergen, das hinterlässt eben seine Spuren. Im Sommer ist sie vom Tennisplatz und im Winter von den Skipisten rund um Château-d’Oex nicht wegzudenken. Apropos langjährige Freundschaft: Was machst du eigentlich an deinem demnächst anstehenden Geburtstag?“

„Oh Gott, erinnere mich bloß nicht daran. Fünfundsechzig und Oma, was soll ich denn da noch groß feiern?“ Maries Begeisterung für Geburtstage hielt sich schon seit Langem in Grenzen. „Meine Großmutter hat immer gesagt: ‚Ignoriere diesen Tag und du fühlst dich kein bisschen älter.‘“

Julie verdrehte die Augen. „Das darf doch nicht wahr sein. Eine bessere Gelegenheit, uns alle wiederzusehen, gibt es doch gar nicht. Ich glaube, ich muss mal mit deinen Kindern reden.“

„Wie du meinst“, sagte Marie unbeeindruckt, „aber jetzt wenden wir uns erst einmal ausgiebig dem délice aux chocolat zu.“

„Soll ich frischen Kaffee aufsetzen?“ Julie erhob sich von ihrem Stuhl.

„Nee, warte mal ’ne Sekunde, ich glaube, ich habe noch eine halbe Flasche ‚Sauternes‘ im Kühlschrank, hol lieber die guten Weißweingläser aus der Wohnzimmervitrine, dieser Tropfen ist nämlich die absolute Spitze dazu.“

Kapitel 1

Am liebsten hätte Marie alle Spiegel im Haus mit Tüchern verhängt, na zumindest die beiden größten: den mit dem wunderbaren Mahagonirahmen aus der Gründerzeit in ihrem Schlafzimmer, den ihr ihr vor einigen Jahren verstorbener Mann Martin – nicht aus der Gründerzeit – zum Fünfzigsten geschenkt hatte. Dieser Spiegel warf ihr seit Längerem ganz unverfroren nach dem Duschen das eigene Bild entgegen, so wie Gott sie einmal erschaffen hatte, nur leider mit mehr Bügelfalten, als ihr lieb war. Noch frecher verhielt sich der goldverzierte Spiegel aus Venedig im Treppenaufgang; denn jedes Mal, wenn Marie wie ein junges Mädchen an ihm vorbei die Stufen hinuntersprang, hörte sie ihn vorlaut raunen: „Mach mal halblang, Alte. Du bist doch keine zwanzig mehr.“ Und nun durchbrach sie auch noch in zehn Tagen die Schallmauer zum Fünfundsechzigsten. Eigentlich wollte sie sich an diesem Tage klammheimlich ans Ende der Welt verdrücken, doch Stephen, ihr Sohn, sagte energisch: „Nix da, das kannst du deinen Kindern, Enkeln und dem Rest der Verwandtschaft nicht antun. Dein Ehrentag wird groß gefeiert, mit Schampus, rotem Teppich und so …“

Und seine Frau Sophie fügte lächelnd hinzu: „Du darfst auch alle deine Freundinnen, die sich im gesamten europäischen Ausland herumtreiben, einladen.“

Tja, so ein Angebot bekam man nicht alle Tage, und es würde ihr vielleicht ein wenig über das Damoklesschwert „Fünfundsechzig“ hinweghelfen, das über ihrem Haupte schwebte, schließlich waren sie und ihre Mädels alle ungefähr im gleichen Alter und in ähnlicher Situation. Biggi, Maries beste Freundin seit dem ersten Schultag, versuchte mittlerweile ihr Haushaltsgeld durch „Bed and Breakfast“, wie es auf Neudeutsch so schön heißt, aufzupeppen, Cécile hielt sich als Malerin über Wasser, denn Kochkurse waren schon lange nicht mehr en vogue, Eleni dachte dank der miserablen wirtschaftlichen Zustände in Griechenland ernsthaft über eine Frühpensionierung nach, Franca betrieb nach einem Jahr Azubidiensten bei Malerfreund Paolo mittlerweile in Rom eine kleine Galerie und Julie lebte seit ihrer Kündigung aus „Altersgründen“ von Hartz IV. Bis auf Julie und Marie sahen sich alle anderen nur sporadisch, manchmal lagen zwei oder drei Jahre zwischen den Treffen, und es kam ihnen dann immer häufiger ein „Mensch, sind wir alt geworden!“ über die Lippen. Das musste endlich aufhören, nur hatte zurzeit noch niemand eine Ahnung wie!

Alle waren gekommen. Sozusagen toute l’Europe. Vor dem eleganten französischen Restaurant in der Kölner Innenstadt war tatsächlich ein schmaler roter Teppich vor dem Eingang ausgerollt, davor eine große Schiefertafel auf Staffelei mit „Herzlichen Glückwunsch, Marie“ und rechts und links davon kleine, mit weißen Tüchern versehene Stehtischchen. Es gab Champagner Rosé und köstliche Häppchen, neudeutsch „Fingerfood“ genannt. Jeder lag jedem im Arm, und zur Abwechslung versicherten sich die Freundinnen diesmal einhellig, dass sie doch ganz passabel in den dritten Frühling schlitterten. Nur eine sieben Jahre ältere Cousine von Marie konnte es sich nicht verkneifen, schadenfroh zu sagen: „Willkommen im Klub der Alten!“

Der Chef des Hauses, ein Freund von Stephen, geleitete die kleine Gesellschaft persönlich in einen extra reservierten Raum. Die Gäste nahmen an der zauberhaft eingedeckten langen Tafel Platz. Gestecke von weißem Flieder und Ranunkelchen verströmten einen frühlingshaften Duft. Der Anblick des Vier-Gänge-Menüs auf den künstlerisch gestalteten Speisekarten schien dem Geburtstagskind einen fröhlichen Anschub für das neue Lebensjahr zu verheißen. André, chef de cuisine, der trotz seines beachtlichen Leibesumfanges die Kunst des Umherschwebens von Gast zu Gast perfekt beherrschte, sang mit vor Begeisterung zitternder Stimme das Lob seines Menüs, wobei er immer wieder seine Fingerspitzen küsste.

„Meine Güte“, sagte Eleni spöttisch, „wenn der so weitermacht, hat er bald Blasen an den Lippen.“

„Wir wissen alle, dass du gut zu Fuß bist mit deinem Mundwerk“, zischelte Franca, „aber vermassel bloß nicht Maries Feier damit.“

Eleni grinste und mit einem „Bon appétit!“ entschwebte der begnadete Koch dann Richtung Küche. Ein geselliges Schweigen ließ sich im Raum nieder, während sich alle mit gebührender Aufmerksamkeit den Köstlichkeiten vor ihnen widmeten. Dazu gab es je nach Gang einen vollmundigen Rotwein und einen sanften Weißen, und zum Espresso, Cappuccino und Co. wurde eine gute Auswahl an Digestifs der Grande Nation gereicht. An diesem Geburtstag aß und trank Marie für ihre Ehre und die Ehre einer zukünftigen Seniorin, die sich selbst noch für jung genug hielt, um das letzte Drittel ihres Lebens mit etwas Neuem zu beginnen, was immer das auch sein würde. Und während bald alle durcheinanderschwatzten, von Platz zu Platz wechselten, um nach vielen Jahren sich mit den alten Freunden auszutauschen, legte plötzlich Stephen seinen Arm um sie: „Alles Liebe für dich, Mariechen. War doch eine gute Idee mit dem Fest.“

„Ach“, antwortete diese beschwipst, „das war der schönste Fünfundsechzigste, den ich je gefeiert habe. Und dafür danke ich dir und Sophie ganz besonders herzlich, mein Sohn.“

Lange nach Mitternacht begann man daran zu denken, allmählich heimwärts aufzubrechen. Biggi, Cécile, Eleni, Franca und Julie nahmen gemeinsam ein Maxitaxi mit Marie, denn vier von ihnen würden noch ein bis zwei Tage bei ihr wohnen, bevor sie wieder in alle Himmelsrichtungen davonflogen – außer Julie, die vor ihrem eigenen Haus abgesetzt wurde, nachdem sie versprochen hatte, am nächsten Morgen pünktlich zum Frühstück bei den anderen wieder auf der Matte zu stehen.

Als Marie ihre zahlreichen Geschenke zusammenraffte und ihr immer wieder irgendetwas zu Boden fiel, rief sie in gespielter Verzweiflung: „Himmel, wo ist der Kavalier, der meine Sachen zum Taxi trägt?!“

Da sagte ihre bereits früher erwähnte, sieben Jahre ältere Cousine spitz: „Merke, ab fünfundsechzig trägt dir kein männliches Wesen mehr auch nur irgendetwas irgendwo hin, geschweige denn zum nur drei Schritt entfernten Taxi.“

Kapitel 2

Am nächsten Tag schlurfte eine nach der anderen mit verquollenen Augen und Kater im Magen – sie hatten noch bis zum Morgengrauen bei einem guten Tropfen zusammengesessen und ausgiebig geklönt – Richtung Esszimmer. Und siehe da, Kochkünstlerin Cécile empfing die Mädels mit einem echt französischen Frühstück: Kaffee, schwarz wie die Nacht, frisch gepresster Orangensaft, noch ofenwarme Croissants mit Nougat, mit Marzipan und mit nix.

„Wie hast du denn das alles hergezaubert?“, fragte Marie erstaunt.

„Mit deinem Auto unten aus dem Dorf“, antwortete Cécile fröhlich.

Die Freundinnen ließen sich auf den bereitstehenden Stühlen nieder und versuchten ihre Lebensgeister mit dem starkem Kaffee wieder zu erwecken. Und um ein wenig die Unterhaltung anzukurbeln, schlug Marie den „Bergischen Boten“ auf in der Hoffnung, die ein oder andere aufbauende oder heitere Nachricht verkünden zu können. „Hört mal zu, hier lässt der Bürgermeister eine Frau Lang mit ihren zahlreichen Nachkommen hochleben, die Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts geboren wurde. Was die wohl alles erlebt hat?“

„Na, auf jeden Fall zwei Weltkriege“, sagte Julie nachdenklich. „Und ob die Zeiten danach besser waren?“

„Im Gegenteil“, Marie ließ die Zeitung sinken, „selbst ich kann mich noch daran erinnern, wie wir nach 1945 gehungert haben, oft dachten meine Eltern, es geht nicht mehr weiter, und dann ging es doch.“

„Und außerdem“, fügte Franca hinzu, „hatte diese Frau, nach dem Artikel zu urteilen, zahlreiche Kinder, Enkel und Urenkel, die ihr sicher halfen, mehr als ein ganzes Jahrhundert auf den Beinen zu bleiben.“

Eleni schenkte Kaffee nach. „Würdest du denn gerne so alt werden wollen, Marie?“, wandte sie sich an die Freundin.

„Selbstverständlich“, grinste diese verschmitzt. „Was haltet ihr davon, wenn wir uns überlegen, wie wir den dritten Frühling in Zukunft alle gemeinsam genießen können? Ausschließlich Familie ist doch heute mehr als nur ein Auslaufmodell.“

„Genau“, sagte Franca, „und außerdem besteht zwischen den Großmüttern von damals und denen von heute ein gewaltiger Unterschied.“

„C’est vrai“, stimmte Cécile ihr zu, „vor knapp zwei Generationen gehörte nämlich zu deren ständiger Ausrüstung noch Schürze und Kochlöffel, und sie hatten unbegrenzt Zeit für ihre Ableger und deren Nachkommen.“

„Ja“, fügte Julie hinzu, „wir dagegen laufen meistens in Jeans herum, duften nach Dior oder Laura Biagiotti, sind irrsinnig anderweitig beschäftigt, und einige von uns jetten von einem Termin zum anderen.“

Marie lachte. „So ist es, und im Übrigen sind wir alle noch fit und lebensbejahend genug, um in einem biblischen Alter diese Erde zu verlassen, mit dem köstlichen Bewusstsein, dass uns möglichst wenig im Leben entgangen ist … Reich mir mal bitte noch ein Croissant“, bat sie Cécile, „die sind ja einfach himmlisch.“

„Und wie hast du dir die gemeinsame Zukunft so vorgestellt?“, wollte Franca wissen. „Wir leben zwar alle auf diesem Planeten, aber in fünf verschiedenen europäischen Ländern.“

„Eine Wohngemeinschaft …“, begann Cécile nachdenklich.

„Oh Gott, eine Alten-WG!“, stöhnte Eleni entsetzt dazwischen.

„Nun mach mal halblang“, erwiderte Marie ruhig, „das Wort ‚alt‘ wird ab sofort aus unserem Vokabular gestrichen. Aber das mit der WG hat was.“

„Genau“, sprang Franca den beiden zur Seite. „Bloß bei wem und in welchem Land?“

„Bei mir in der Provence!“, kam es wie aus der Pistole geschossen von Cécile. „Ich habe doch das große Haus. Es stehen … wartet mal … eins, zwei, drei, vier Doppelzimmer mit und ohne Bad sinnlos herum, da Kochlehrgänge und Malkurse nicht mehr ‚in‘ sind. Wenn ihr euch alle ein wenig finanziell beteiligt, könnten wir das ‚Mas‘ zu Appartements umbauen lassen, damit ein Teil eurer eigenen Möbel Platz findet. Ich trenne mich Zug um Zug von einigen meiner Dinge, und die große Küche mit Eichentisch und -bänken, Kochinsel, offenem Kamin und allem, was man sonst noch so braucht, wäre dann unser gemeinsamer Treffpunkt für Kocharien, gemütliches Beisammensein und Abende vor dem flackernden Feuer zum Parlieren.“

„Herrlich“, schwärmte Julie und rollte verzückt mit den Augen. „Provence, Land des Lichts, der Dichter und Maler, Heimat der Sonne, der Farben und der Düfte. Dort, wo der Sommer nach Lavendel riecht und der Himmel sich wie ein leuchtend blaues Tuch über weiße oder rote Felsformationen spannt, wäre das Leben einfach ein Traum, selbst für mich als Pariserin … Aber bevor wir das weiter vertiefen, lesen wir uns erst einmal gegenseitig unsere Horoskope für die weitere Zukunft vor, d’accord?!“

„Lass mal sehen.“ Eleni nahm die Zeitung an sich. „Na, wer sagt’s denn“, spottete sie, „ich werde im Beruf große Erfolge feiern … und das bei der unerträglichen griechischen Wirtschafts- und Finanzmisere! Haha!“

„Vielleicht darfst du dich ja auch mit unter den Milliarden-EU-Rettungsschirm stellen“, bot Franca an und drückte die Freundin herzlich im Vorbeigehen.

„Ich bin doch kein griechischer Politiker oder ein griechisches Geldinstitut“, empörte sich Eleni und biss energisch in ihr Croissant.

„Na, wie dem auch sei, ich dagegen werde der Liebe meines Lebens begegnen“, frohlockte die Römerin und schenkte sich Kaffee nach.

„Aber du bist doch verheiratet“, mahnte Julie mit erhobenem Zeigefinger.

„Den Noch-Ehemann sortiere ich dann aus, wir leben schon seit einiger Zeit getrennt.“ Franca machte eine vielsagende Handbewegung.

„Prost Mahlzeit“, mischte sich nun Biggi in die WG-Diskussion ein. „Und ich werde laut deinem Dorfblatt mein Leben völlig auf den Kopf stellen. Da wird sich mein Jean-Pierre aber freuen. Die Frühstückspension war ihm schon immer ein Dorn im Auge.“

„Wieso denn das?“, wollte Cécile wissen.

„Na wegen der Emanzipation meiner Person natürlich und weil zu prosaisch für die Frau eines begnadeten Künstlers.“

„Dann komm doch mit in die Provence“, initiierte Marie, „dir steht nämlich laut Horoskop außerdem ein Klimawechsel bevor.“

„Du bist herzlich willkommen“, pflichtete Cécile ihr bei. „Mir verspricht die Vorhersage keinerlei Veränderung, sprich, ich bleibe auf meinen leeren Appartements sitzen, wenn wir die Idee mit der WG nicht ins Leben rufen.“

„Mach dir mal keinen Kopf“, wandte sich Marie an ihre provenzalische Freundin, „ich bin nach wie vor dabei. Schließlich wird die Zeit mit fünfundsechzig langsam knapp, um etwas Verrücktes zu tun. Kommt, gehen wir auf die Terrasse, nehmt eure Kaffeetassen mit, und dann werden wir die ganze Geschichte mal ernsthaft durchdiskutieren.“

Kapitel 3

Es war ein wunderbarer, sonniger Maitag, ein Tag wie Milch und Honig, wie Samt und Seide, ein Tag, um eine neue Lebensplanung mit Schwung voranzutreiben. Als sie alle unter dem riesigen Sonnenschirm Platz genommen hatten, nahm Cécile das Gespräch wieder auf: „Das wäre richtig klasse, wenn wir die WG bei mir verwirklichen könnten.“

„Na ja“, gab Biggi zu bedenken, „Jean und ich gönnen uns zwar gerade eine Auszeit voneinander ...“

„Was heißt denn das?“, fragte Julie erstaunt.

„Nun, ich führe die Pension ‚Les Gaipinsons‘ – die schwulen Finken – hört auf zu lachen – und mein Mann braucht das Untergeschoss als Atelier, die Wohnräume nutzen wir natürlich gemeinsam weiter.“

„Das bedeutet?“, wollte Marie wissen.

„Na ja“, antwortete Biggi zögernd, „wir sind zurzeit sozusagen, gewissermaßen …“

„… ja?“ Die anderen waren ganz Ohr.

„… wir leben momentan und vorübergehend … Also, wir leben zurzeit getrennt von Tisch und Bett.“

„Ach du liebes bisschen.“ Für Marie kam diese Nachricht völlig überraschend. „Und wovon lebt ihr?“

„Meine Pension geht ganz gut“, erklärte Biggi, „und seit Jean von der ernsthaften Malerei auf Almabtriebe mit Kühen, Hirten, Sennenhunden und viel, viel Schweizer Bergen umgestiegen ist, gehen seine Bilder weg wie warme Semmeln.“

„Ach nee“, sagte Franca, „und an wen?“

„An Geschäfte, zum Beispiel für Schweizer Käse, Hotels im Ort und an amerikanische Touristen, die kaufen doch alles.“

Marie lachte: „Das erinnert mich an eure Anfänge in der Südsee.“

„Ihr wart in der Südsee? Das wussten wir ja gar nicht! Mensch, los, erzähl mal“, drängte der Rest der Freundinnen.

Ein Lächeln der Erinnerung huschte über Biggis Gesicht. „Also, kennengelernt haben Jean und ich uns in ganz jungen Jahren auf Bora Bora, wo wir als Animateure im ‚Club Méditerranée‘ arbeiteten. Wir verliebten uns ineinander, entschlossen uns, nach der Saison beim Club Med auszusteigen und auf der Südseeinsel zu bleiben. Dann mieteten wir eine kleine Hütte, Jean nahm Unterricht bei einem gestandenen Tauchlehrer, und um uns über Wasser zu halten, bis er seinen Tauchschein hatte, malte er hinter der Hütte sexy Hulamädchen auf Leinwand, während ich postwendend die noch feuchten Bilder vor der Hütte an amerikanische Touristen mit gutem Gewinn verkaufte. Als wir genug Geld zusammenhatten und Jean sein Tauchdiplom, erstanden wir ein kleines Boot, und der begnadete Maler machte dann mit diesem und ausländischen Gästen Tauchgänge in die blaue Lagune.“

„Und wann habt ihr dieses Paradies verlassen, um in der spießigen Schweiz zu leben?“, wollte Eleni wissen.

„Ganz simpel: Als unser Sohn schulpflichtig wurde, besannen wir uns darauf, dass wir als Eltern nicht nur Spaß, sondern auch Verantwortung haben, und voilà, kehrten wir in die Zivilisation zurück. Wenn ich ehrlich bin, liebe ich meinen Mann immer noch und er mich, und außerdem wirft man fast fünfunddreißig Jahre nicht so einfach über Bord. Also, das mit der WG und euch Mädels ist wirklich eine tolle Sache, aber ich glaube leider doch nichts für mich.“

„Tja“, Julie machte ein etwas unglückliches Gesicht, „so verlockend der Gedanke ist, zurzeit sehe ich auch für mich da keine Chance.“

„Warum denn nicht?“, fragte Marie enttäuscht. „Das ist doch die beste Gelegenheit, dich von Tom, deinem Lebensabschnittsgefährten, zu trennen, das wolltest du doch schon lange. Und dein Sohn ist alt genug, um auf eigenen Beinen zu stehen.“

„Das schon“, sagte die Freundin zögernd, „aber man geht doch nach zehn Jahren Lebensabschnitt nicht so einfach auseinander, auch wenn es hin und wieder knallt. Und Alain, mein Sohn, findet einfach kein Ende seines Studiums. Schließlich will er mal ein guter Arzt werden und ist auf meine Unterstützung weiter angewiesen.“

„Mit knapp zweiunddreißig?“ Eleni war entsetzt.

„Na ja, vielleicht könntet ihr mir ein Zimmer frei halten“, insistierte Julie, „und ich komme irgendwann nach, letztendlich sind da auch noch meine Französischschüler. Die kann ich auch nicht so von heute auf morgen hängen lassen.“

„Sicher“, beruhigte sie Cécile.

„O Dio, jetzt muss ich auch noch in die gleiche Kerbe hauen“, klinkte sich Franca in das Gespräch ein. „Auch wenn mein Mann eine zehn Jahre Jüngere liebt, so sind wir doch fast dreißig Jahre verheiratet. Aber ihn könnte ich trotzdem gut verlassen, und meinem Sohn und meiner Schwiegertochter täte ein wenig Abstand gut, sie missbrauchen mich ständig zum Einhüten der Enkel, trotzdem ich mit meiner Galerie völlig ausgelastet bin. Und das ist der casus belli, oder wie ihr so schön sagt: der Casus knacksus. Die Galerie läuft fantastisch. Alle namhaften italienischen Künstler stellen bei mir aus. Und ob ich das noch einmal in einem anderen Land, sprich Frankreich, hinkriege, da habe ich so meine Zweifel. Auch wenn ihr mich jetzt nicht mehr leiden mögt, ich brauche eine Menge Bedenkzeit.“

„Na hör mal“, sagten alle, und Eleni fügte lachend hinzu: „Du weißt doch: Eines der guten Dinge im Alter ist ohne Zweifel die Tatsache, dass man nicht mehr von jedem gemocht werden muss.“

„Eleni!!!“, erklang ein fünffacher Aufschrei.

„Ja, ja, beruhigt euch, ich wollte nur vorbeugen; denn auch ich bin nicht sofort frei.“

„Ach nee, du doch nicht!“, klagten Marie und Cécile im Gleichklang. „Was hält dich denn so Wichtiges davon ab, unsere Idee zu verwirklichen? Du hast doch weder Kind noch Kegel …äh … Mann!“