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Späte Erdbeeren: Ina Brand muß über den Tod ihres Mannes hinwegkommen. Ihre Freundin lädt sie daher zu einem Klassentreffen nach dreißig Jahren ein, und bei einer Wanderung entdecken sie Erdbeeren im September. Und Volker, ihr neuer Partner, schwört, daß auch späte Erdbeeren verführerisch süß sein können ... Luftballons im Kopf: Unnachahmlich amüsant schildert Inge Helm so manche turbulenten Ereignisse aus dem Familienalltag. Im Mittelpunkt steht diesmal die reiselustige Witwe Marie, bei deren Erlebnissen daheim und unterwegs garantiert kein Auge trocken bleibt…
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Seitenzahl: 336
Veröffentlichungsjahr: 2016
Späte Erdbeeren:
Ina Brand muß über den Tod ihres Mannes hinwegkommen. Ihre Freundin lädt sie daher zu einem Klassentreffen nach dreißig Jahren ein, und bei einer Wanderung entdecken sie Erdbeeren im September. Und Volker, ihr neuer Partner, schwört, daß auch späte Erdbeeren verführerisch süß sein können ...
Luftballons im Kopf:
Unnachahmlich amüsant schildert Inge Helm so manche turbulenten Ereignisse aus dem Familienalltag. Im Mittelpunkt steht diesmal die reiselustige Witwe Marie, bei deren Erlebnissen daheim und unterwegs garantiert kein Auge trocken bleibt…
Edel Elements Ein Verlag der Edel Germany GmbH
© 2016 Edel Germany GmbH Neumühlen 17, 22763 Hamburg
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Späte Erdbeeren: Copyright © 1996 by Inge Helm Luftballons im Kopf: Copyright © 2002 by Inge Helm
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München.
Konzept-Design: Agentur bürosüd°, München. Entwurf: Designomicon
Konvertierung: Datagrafix
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.
ISBN: 978-3-95530-829-2
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Inge Helm
Späte Erdbeeren
Edel eBooks
Copyright dieser Ausgabe © 2012 by Edel:eBooks, einem Verlag der Edel Germany GmbH, Hamburg. www.edel.com Copyright der Originalausgabe © 1996 by Inge Helm
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ISBN: 978-3-95530-022-7
Meine Freundin Betty aus alten Kindertagen und ihr Mann Willy feierten ihr alljährliches Sommerfest im Garten des großen Schweizer Chalets.
Willy war nicht nur ein phantasievoller Maler, sondern auch stolzer französisch sprechender Eidgenosse, und so bestand sein Freundeskreis hauptsächlich aus Leuten, die nur jener Sprache mächtig waren. Gut sechzig Personen waren eingeladen.
Volker und mir bereitete die Sprachbarriere einige Schwierigkeiten, da unsere Schulzeit schon ein verflixtes Bißchen weit zurücklag – um ehrlich zu sein, so an die dreißig Jahre. Deshalb setzte sich unsere Konversation hauptsächlich aus den vielsagenden Worten oui und non und heftigem Wedeln mit Armen und Beinen zusammen.
Es war ein rauschendes Fest im Westernstil mit Indianerzelten auf der Wiese und lodernden Lagerfeuern, auf denen Mitgebrachtes gebraten wurde – es war eine sogenannte Mitbringparty, wie sie in den fünfziger Jahren üblich waren, und sie dauerte bis in den frühen Morgen.
Ich war diese Ausschweifungen nicht mehr gewöhnt und konnte mich auch nicht erinnern, wann ich das letzte Mal am nächsten Tag einen solchen Brummschädel hatte, ganz zu schweigen von dem Muskelkater in sämtlichen Gliedern dank der französischen Verständigung.
Himmel, was ging es mir schlecht! Aber das hatte ich nun davon. Warum war ich Volker auch nicht um ein Uhr nachts ins Haus und ins warme Bett gefolgt, sondern hatte bis vier Uhr als Westernheldin verkleidet im Garten, klamm bis auf die Knochen, durchgehalten?
»Einen wunderschönen guten Morgen!« Betty hüpfte die knarrende Holztreppe herunter und umarmte mich. Küßchen links, Küßchen rechts, Küßchen links. O Gott, diese forschfröhliche Stimme!
»Paß auf«, jammerte ich, »ich bin noch nicht einmal richtig rasiert.«
»Mach dir nichts draus, ich muß neuerdings auch immer Stoppeln zupfen. Und solange du keinen Dreitagebart trägst wie mein Mann, stört mich das überhaupt nicht.« Betty lachte, und nach einem Blick in die Runde, rief sie: »Wie ist euch das Fest bekommen?«
Ein doppeltes Stöhnen antwortete ihr. Willy ging es auch nicht ganz extra. Er saß wie ein Häufchen Elend auf einem Hocker an der Balkontür und litt still vor sich hin.
»Also«, sagte seine Frau energisch, »entweder verschwindet ihr beide umgehend nach oben und erscheint erst wieder auf der Bildfläche, wenn ihr ein einigermaßen fröhliches Lächeln zustande bringt, oder ihr reißt euch zusammen und kommt mit Volker und mir an den Frühstückstisch.«
Mühsam erhoben wir uns, der Maler und die Schriftstellerin.
»Wir Künstler sind eben ein sensibles Völkchen«, sagte Willy, ich nickte, »und wir brauchen Zeit, um eine durchsumpfte Nacht einigermaßen zu verarbeiten.«
Betty und Volker grinsten vielsagend, dann ließen wir uns gemeinsam am streublümchengedeckten, umfunktionierten Billardtisch nieder.
Betty hatte an alles gedacht: Obst, Joghurt, Milch, starker Kaffee, aufgebackenes Weißbrot vom Fest und selbstgemachte Marmelade lockten uns ebenso wie ihre herzerfrischende Art, unsere Leiden zu übersehen.
Ich schaute sie über den Tisch hinweg an. Ich glaube, wir beide empfanden es als besonderes Geschenk, zusammen jung gewesen zu sein. Unsere Bindung aneinander stellte jede später geschlossene Freundschaft in den Schatten. Die gemeinsame Schulzeit von der ersten Klasse an, diese übermütige Freude am Leben nach den Kriegsjahren, die Bomben für Betty bereithielten und für mich die Flucht vor den Russen, schweißte uns zusammen und danach hatten wir das erreicht, was wir uns in jungen Jahren gewünscht hatten: beruflichen Erfolg und eine glückliche Familie mit Kindern.
Betty war zu mir gekommen und hatte mir Mut gemacht, als mein Mann ganz plötzlich an einem Herzinfarkt starb. Das war mitten in den Vorbereitungen zu unserem Skiurlaub gewesen. Abends beim Packen unserer Sachen war Dietrich plötzlich zusammengebrochen und gestorben, ehe ich den Arzt rufen konnte.
Ich fiel in ein tiefes Loch und fand nur noch Halt an meinem Sohn und seiner Lebensgefährtin.
Plötzlich stand Betty vor der Tür und half mir mit ihrem unerschütterlichen Optimismus, ihrer Fürsorge und vor allen Dingen mit ihrer Bereitschaft, stundenlang über mein Leben und meine Zukunft zu reden, wieder auf die Beine. Jeden Morgen brachte Frau Laick, meine langjährige Perle, Brötchen und den Stadt-Anzeiger mit, und Betty und ich frühstückten gemeinsam, teilten uns dabei die Zeitung und amüsierten uns über die Liebesnachrichten im Anzeigenteil.
»Hör mal zu!« Meine Freundin kicherte. »›Bärchen aus Leverkusen liebt Hase aus Köln!‹ Oder hier: ›Lieber Kater, brauchst dir keine Sorgen zu machen, habe gelernt, die Nerven und die Krallen einzuziehen. Deine Schmusekatze.‹«
»Liest du immer diese Inserate?«
»Klar, ich muß doch wissen, wie man solche Botschaften formuliert, wenn ich mal mit Willy im Clinch liege. Wie wär’s mit: ›Hallo, Liebling, hier grüßt dein Stinktier‹?«
Endlich konnte ich wieder lachen.
Als sie zwei Wochen später abreiste, kam ich mir allerdings wieder schrecklich verlassen vor.
»Komm mich bald besuchen, Kleine«, sagte Betty und umarmte mich herzlich, kurz bevor der Zug einfuhr, »für dich haben wir immer ein Zimmer frei.«
»Das ist lieb von dir.« Ich ließ sie nur ungern los. »Aber ich bin schon froh und dankbar, wenn ich öfter mit dir telefonieren darf.«
»Das sowieso. Und wenn du bei mir bist, dann fahren wir nach Lausanne und machen einen ausgiebigen Einkaufsbummel, einverstanden?«
»Ich freue mich darauf. Bis bald, meine Liebe.«
»Bis bald. Und halt die Öhrchen steif.«
Ich stand auf dem Bahnsteig und winkte dem Zug nach, bis er aus der Halle verschwunden war.
Die Einsamkeit machte mir noch eine Weile sehr zu schaffen. Kaum jemand, außer Betty und Eva, eine ehemalige Kollegin und liebe Freundin, rief mich an, und Versuche von meiner Seite wurden mit schöner Regelmäßigkeit abgeblockt, weil alle Angst hatten, mit mir über meinen Verlust sprechen zu müssen und mich in Tränen aufgelöst zu erleben. Offenbar hatten bei der Beerdigung die meisten den Mund zu voll genommen, als sie mir Beistand und Hilfe angeboten hatten. Mir blieben wenigstens noch die Hunde: Barry, der Berner Sennenhund, und der Dackel Theo, Dietrichs Liebling. Was hatten wir mit den beiden in den zwölf gemeinsamen Jahren nicht alles erlebt.
Ich begann in der Vergangenheit zu kramen.
Nicht nur, daß ich die ganze Familie damals nach Westfalen verschleppt hatte, nein, ich hatte mich auch noch mit allen Konsequenzen in eine neue Ehe gestürzt. Dabei hatte ich mir bei der Scheidung vom Vater meiner Kinder geschworen: Nie wieder! Ein altes Sprichwort sagt: Gebranntes Kind scheut das Feuer, doch das Sprichwort lügt. Ich konnte mir meine Entscheidung nur so erklären, daß mich der Gedanke, in Unnas ältestem und zauberhaftesten Fachwerkhaus den Bund fürs Leben erneut zu schließen, einfach überwältigt hatte.
Dieses Haus aus dem 17. Jahrhundert war anläßlich der Vorbereitungen zur Siebenhundertjahrfeier der Stadt restauriert worden und beherbergte nun in seinen ehrwürdigen Mauern auch das Standesamt. Der Haupteingang wurde erneuert – sinnigerweise setzte man die ehemalige Tür einer Metzgerei ein, was mir das fatale Gefühl vermittelte, als Opferlamm vor den Schreibtisch des Standesbeamten zu treten. Früher hatten in dem Haus wandernde Handwerksburschen genächtigt, und man nannte es die »Herberge zur Heimat«. Doch als die Gesellen seßhaft wurden und immer mehr Pennbrüder ihre Stelle einnahmen, beschloß die Stadt, das Gebäude anderen Zwecken zuzuführen. Doch Herberge hin und Standesamt her… war ich denn von allen guten Geistern verlassen? Ich gab einen schönen, interessanten Schreibtischjob auf und zog in eine andere Stadt, nur um in so einem ollen Haus zu heiraten und wieder Hausfrau zu werden.
»Für solche Überlegungen«, sagte mein Sohn nach der Trauung, »ist es jetzt zu spät, aber deine Sprößlinge könnten trotzdem bei einem guten Tropfen über deine neue Situation diskutieren.« Ich wußte natürlich, daß er es nur auf den wohlsortierten Weinkeller meines frisch Angetrauten abgesehen hatte. Er war sehr einsichtig und gestattete meinem Sechzehnjährigen, sich ausnahmsweise eine Flasche auszusuchen. Christoph verzog sich mit dem Wein und seinen beiden Schwestern in den Garten, und erst als die Jüngste kam und sagte, ob sie das schöne Gemälde von Picasso von der Flasche behalten dürfe, wurde uns klar, daß sie einem Mouton Rothschild, der zweihundertfünfzig Mark kostete, den Garaus gemacht hatten. Es stellte sich heraus, daß dies der beste Wein war, den wir je im Hause hatten. Es wurde Zeit, daß ich wieder als Hausfrau und Mutter meines Amtes waltete.
Da ich mich nicht mehr an irgendwelche Redaktionstermine halten mußte und die Kinder aus dem Gröbsten heraus waren, schenkte uns mein Mann eine Hochzeitsreise nach Berlin, weil er mir die Stadt seiner Studienjahre zeigen wollte. Ich habe noch nie zum Jet-Set gehört, der alljährlich an seinen Urlaubsort zu fliegen pflegte, und das hatte seine Gründe.
Ständig überlegte ich, ob es klug war, wenn beide Elternteile ein und dasselbe Flugzeug bestiegen – man wußte doch nie, ob es der Vogel schafft oder nicht. Ich war mir nicht schlüssig, was mir lieber gewesen wäre: zusammen mit meinem Mann abzustürzen oder mich mit drei unmündigen Kindern und einer mageren Pension durchs Leben zu schlagen. Um ehrlich zu sein, ich hatte noch nie in meinem Leben in einem Flugzeug gesessen. Doch inzwischen war mein Nachwuchs einigermaßen selbständig, und der neue Mann in meinem Leben zerstreute meine Bedenken.
Offengestanden hielt ich diese Flugreise nach Berlin für eine Schnapsidee, aber ich fügte mich, legte mir eine federleichte Fluggarderobe zu und bereitete mich auf das Abenteuer der Lüfte vor.
Kurz bevor wir unser Gepäck einchecken konnten, teilte uns eine weibliche Lautsprecherstimme mit, daß die Elf-Uhr-Maschine nach Berlin ausfiele. Ich atmete auf.
Im Flughafenrestaurant füllte mich Dietrich mit zwei Kognak ab, um meine zähneklappernde Furcht zu zerstreuen, denn die nächste Maschine sollte nur eine Stunde später starten. Aufgemöbelt durch den Alkohol begann ich ein heftiges Zwiegespräch mit dem Ober über das kontinentale, verspätete und kostenlose Frühstück. Wir bekamen Plastikmesser, -gabel, -löffel, -tasse und -teller sowie eine Papierserviette, drei Scheiben altes Brot, Butter, Wurst und Marmelade, die garantiert haltbar bis zum Jahr 2000 war, vorgesetzt. Als sich die Diskussion auf die Nebentische erstreckte, beglich Dietrich rasch die Rechnung und zerrte mich aus dem Restaurant. Erstens wurde es langsam Zeit zu gehen, und zweitens sollte man das Feld rechtzeitig räumen, wenn man eine Frau hatte, deren Mundwerk leicht aus der Kontrolle geriet.
Im Flugzeug entriß mir eine Stewardeß meine fabelhafte neue Reiseausrüstung und stopfte sie unsanft in das Fach über unseren Köpfen. Bei der verspäteten Ankunft in Berlin nach einer knappen nervenzermürbenden Stunde schwor ich mir, die Rückreise nicht mehr per Flugzeug anzutreten. Lieber würde ich zu Fuß gehen, wenn es keine andere Möglichkeit gab.
Beinahe wäre mir auch nichts anderes übrig geblieben. Es war mir unmöglich, an den Souvenirläden achtlos vorbeizugehen, und so tauchte ich kurz vor unserem Rückflug in Preiswertem unter und erstand einen Plüschbären, einen Bärenbriefbeschwerer, einen Brieföffner mit Bärenkopf, eine Cocktailschürze mit dem Konterfei des Berliner Bären und einen Bärenanhänger aus Gold. Und erst als meine Kauflust nach Ramsch befriedigt war, fiel mir unser Flug wieder ein.
Dietrich bemerkte süffisant beim Anblick meiner Ausbeute: »Also, wenn die Kinder all diesen Plunder mit nach Hause brächten, würden sie garantiert von dir eins aufs Dach bekommen.«
Wir erreichten die Maschine in letzter Sekunde und wurden, da bereits alle Plätze in der zweiten Klasse besetzt waren, kurzerhand in die erste verfrachtet. Wir waren kaum in der Luft, als mir eine Stewardeß die Tüte mit den Souvenirs wegnahm und behutsam im Gepäckfach verstaute. Während des ganzen Fluges flatterte sie um uns herum wie ein aufgeregtes Huhn und kredenzte uns ein Glas Champagner nach dem anderen.
Leicht beschwingt und völlig angstfrei setzte ich zur Landung auf dem heimatlichen Flughafen an. Und dann plötzlich eine Durchsage: »Bitte schnallen Sie sich an, wegen eines technischen Defekts am linken Fahrgestell wird die Landung eventuell etwas unruhig.« Die Flugbegleiterinnen versicherten den Passagieren, daß kein Grund zur Beunruhigung bestünde, und eilten zu ihren Sitzen, um ebenfalls die Gurte anzulegen. Nun war es also soweit, ich griff mit eiskalter Hand nach Dietrichs Arm und hielt den Atem an, während die Räder rumpelnd über die Piste holperten.
Bei der Vollbremsung wurden wir in die Sitzlehnen gepreßt. Im selben Moment prasselten die Sauerstoffmasken aus den Fächern über unseren Köpfen, und ich war beschämenderweise die einzige, die beinahe damit wiederbelebt werden mußte.
Ich schwor mir, zweite Klasse hin und erster Klasse her, in Zukunft wieder nur das alte liebe Automobil zu benutzen. Später habe ich diesen Schwur allerdings doch ein paarmal gebrochen.
Es war an der Zeit, sich ein neues Auto anzuschaffen, schließlich hatte mein altes Schätzchen bereits das hohe Alter von zwölf Jahren erreicht.
Also hielt ich nach einem passenden Käufer Ausschau, der mir den Wagen noch für ein Taschengeld abnahm. Am liebsten hätte ich mir ein schickes Kabriolett zugelegt, aber mein Sohn riet mir davon ab. »Die werden doch nur ständig von Dieben aufgeschnitten und geklaut. Außerdem ist aus diesem Grund auch die Versicherung bedeutend höher als für eine Limousine«, fügte er warnend hinzu.
Doch ich hatte im Moment ganz andere Sorgen: Kaum hatte ich beschlossen, mein altes Auto abzustoßen, hielt ich plötzlich den Schalthebel in der Hand, die Heckscheibenheizung glühte mit einem vernehmlichen Puff durch, und ich schlitterte wie von Geisterhand geschoben mit meinem Sitz geradewegs vor die Windschutzscheibe, weil der Einstellgriff gebrochen war. »Der Wagen hat eine Seele«, sagte ich versonnen. »Ich kann nicht glauben, daß das alles nur Zufall ist.«
Mein Mann lachte nur und sagte nach der umfangreichen und kostspieligen Reparatur: »Jetzt sollten wir ihn schleunigst in Zahlung geben, bevor er seinen Geist ganz aufgibt.«
Schon soff der Motor bei der Heimfahrt ab. Und nachdem wir auch noch die gesamte Bremsanlage hatten erneuern lassen, beschlossen wir, das alte Vehikel in der Zeitung zu annoncieren.
Warum dann plötzlich das Kupplungsseil riß, konnten wir uns auch nicht erklären – es war unmöglich, daß ein Auto den zugeklappten Inseratenteil einer Zeitung lesen konnte, wenn dieser achtlos auf den Rücksitz geworfen wird.
»Jetzt reicht’s mir langsam.« Mein sonst so ruhiger Mann wurde allmählich ungehalten. »Nach der nächsten Reparatur bekommt deine jüngste Tochter das sensible Auto für die bestandene Fahrprüfung geschenkt. Wäre doch gelacht, wenn es dann nicht noch einige Jahre einwandfrei laufen würde.« Womit er zweifellos recht hatte. Und ich erstand schließlich doch das lang ersehnte Kabriolett, aber nur, weil Dietrich mir grinsend versprochen hatte, das Dach nach jedem Einbruch wieder fachgerecht zuzunähen.
Kurz bevor sich mein Mann seinem achtundfünfzigsten Lebensjahr näherte, erklärte er mir eines schönen Tages kurz und bündig, er wolle bald in den Vorruhestand treten, um nur noch das zu tun, was ihm Freude bereitete. Mir fiel fast der Kochlöffel aus der Hand.
»Wie kannst du mich so erschrecken?«
Ich war noch nicht so weit, mit einem Pensionär unter einem Dach zu leben, und hatte zudem viel über diesen Zustand gelesen – nicht gerade Vorteilhaftes für die Frau. Hatte ich bisher gedacht, meine besten Jahre mit der Fürsorge für meine Familie verbracht zu haben, und gehofft, wenn die Kinder aus dem Haus waren, einen geruhsamen Lebensabend genießen zu können, hatte ich weit gefehlt, denn jetzt ging es erst richtig los.
Als erstes übernahm Dietrich das Regiment über die Küche und organisierte sie gründlich durch. Er sortierte die Gewürze nach dem Alphabet, hängte alle Küchengegenstände auf die rechte Seite und wischte meinen zaghaften Einwand: »Aber ich bin doch Linkshänderin«, rechtshändig auf die Seite. Er stellte die Gläser von unten nach oben und die Teller und Tassen von hinten nach vorn mit der Bemerkung: »Wenn ich meinen Laden so geführt hätte wie du deinen Haushalt, dann hätte ich schon viel früher meinen Hut nehmen müssen.«
Nur die klemmende Schublade unter der Spüle, die hatte er übersehen, und er kam auch nicht mehr dazu, sie zu reparieren, denn bald hatte er sich ein neues Hobby zugelegt nach dem Motto: »Nur sie und ich.« Und damit war beileibe nicht ich oder meine Küche gemeint, sondern eine elektrische Eisenbahn. Den Anfang machten ein Trafo, eine Lokomotive, zwei Güterwagen und ein Gleisoval, eine sogenannte Startpackung, und das Unternehmen wuchs sich mit der Zeit in eine selbstgebastelte Drei-Etagen-Anlage mit fünfzehn Loks, unzähligen Waggons, einer komplizierten Schaltanlage mit vier Trafos, Häuschen, Bäumchen, Lämpchen und allem aus, was sonst noch so dazu gehörte. Dietrich bastelte, klebte und brachte mit der Pinzette mikrofeine Teilchen an.
»Mein Sohn ist doch schon längst erwachsen«, gab ich zu bedenken.
»Was hat dein Sohn damit zu tun?« fragte er. Und dann leuchteten seine Augen. »Wenn ich daran denke, wie die Lok das erste Mal lief! Allein dieser Duft, den sie verströmte und der immer betörender wurde, je mehr sie sich erhitzte. Und dann diese schlanke Form! Du mußt zugeben, daß es nicht viele Gestalten gibt, an die ein Mann sein Herz verliert.«
Ich verdrehte die Augen, ging nach oben und rief meine Freundin Eva an, um mich mit ihr in der Stadt zu verabreden. Wir wollten über unsere pensionierten Männer bei einem Glas Wein reden, während mein Göttergatte unverstanden und isoliert, aber äußerst fröhlich im Keller saß und spielte.
»Kennst du den Witz«, fragte mich Eva, als wir zusammen einen pichelten, »wie sich zwei Pfarrer nicht einigen können, wann das Leben beginnt?«
»Nee, los, erzähl mal.«
»Also, der eine sagte, bei der Zeugung, während der andere der Meinung war, das Leben fängt bei der Geburt an. Da kam ein altes Mütterchen vorbei. ›Aber meine Herren‹, warf es ein, ›das ist doch ganz einfach: wenn die Kinder unter der Haube sind, und der Mann ausschließlich im Keller sitzt und nur noch mit seiner elektrischen Eisenbahn spielt. ‹«
»Das hast du doch gerade erfunden, stimmt’s?« sagte ich lachend, und Eva schmunzelte vielsagend.
Dietrich hatte schon immer gern gebastelt, auch zu der Zeit, als die Kinder noch zu Hause waren.
Wenn die Tage länger wurden und die Sonne ihre ersten wärmenden Strahlen auf die Erde schickte, ging es los. Obwohl andere Knaben zu diesem Zeitpunkt von dem Wunsch beherrscht wurden, ein richtiges Mofa zu besitzen und dazu die passende Mofabraut, gelang es meinem Mann, Christoph auf den Gedanken zu bringen, daß der Bau eines Modellflugzeuges viel interessanter war – am liebsten eines, das ferngesteuert wurde mit mindestens vier Kanälen. Und bald hingen an den Wänden des Hobbyraumes nur noch Konstruktionspläne. Und dann überließ Dietrich den armen Jungen erst mal sich selbst, da er selbst ja noch einem Beruf nachgehen mußte. Leider reichten die Ersparnisse meines Sohnes bloß für den kleinen »Uhu«, der nur aus einem Stab und einem ein Meter breitem Flügel aus Balsaholz bestand, der mit Papier bespannt und mit Spannlack gestrichen wurde. Als verständnisvolle Mutter sagte ich mir: lieber einen bastelnden Jungen im Haus, der Möbel ansägte und Flecken auf den Teppichboden machte, als einer, der auf einem heißen Ofen in der Gegend herumraste. Doch das Hantieren mit dem Spannlack war des Guten zuviel. Der beißende Gestank trieb einem die Tränen in die Augen, stach in der Nase und legte die Lungen lahm.
Aber dann war der kleine »Uhu« endlich fertig, und mein Mann nahm sich extra früher frei, um mit Christoph auf einer nahegelegenen Wiese einen Testflug zu veranstalten. Nach zwei Stunden kamen sie ohne ihren Vogel zurück, schwärmten aber von richtiger Trimmung, hervorragender Flugleistung und tollen Landungen. Nur beim letzten Versuch, da hatte der Uhu vielleicht eine Thermik erwischt, Mann! Er war immer höher und höher gekreist und leider in einer zehn Meter hohen Buche als Wrack hängéngeblieben. Danach kamen Dietrich und Christoph auf ihren Traum vom Ferngesteuerten zurück. Es war Ehrensache, daß sich mein Sohn diesen Traum vom Selbstverdienten erfüllte, und so lehnte er Dietrichs großartiges Angebot ab, ihm finanziell unter die Arme zu greifen. Christoph nahm jede Arbeit an, die honoriert wurde. Bald hatte er den Betrag für den Baukasten Marke »Möwe« zusammen. Und als ihm auf dem monatlichen Flohmarkt in der Stadthalle noch eine gebrauchte Fernsteuerung mit sechs Kanälen »wahnsinnig billig« angeboten wurde, weil diese nur auf der alten Frequenz 27 Megahertz Kanal 4 lief, konnte er endlich unter Dietrichs Anleitung ein Modell mit allem Drum und Dran bauen. Und dann standen meine beiden Männer schließlich selig neben gleichgesinnten Bastelfreunden, hielten abwechselnd die Fernsteuerung und schauten mit verklärtem Blick zu, wie die kleine Maschine in die Höhe zog, sich unter die anderen Flieger mischte und tollkühn über ihre Köpfe hinwegsauste. Doch plötzlich reagierte sie nicht mehr, zischte über den Wald hinweg, bis sie nicht mehr zu sehen war. Betroffen mutmaßten sie, daß wohl der Akku vom Empfänger leer gewesen sein mußte, und sie kamen wie zwei begossene Pudel heim. Mein Sohn hatte die Nase voll – so viele Arbeitsstunden und seine Ersparnisse für einen einzigen Nachmittag, da stieg er doch lieber auf ein Mofa um und überließ in Zukunft die Bastelei unserem angeheirateten Hobbywerker.
Als ich später nach Hause kam, war mein erster Weg in die Küche, um für den Eisenbahner und mich das Abendbrot zuzubereiten. Da dazu auch Bestecke benötigt wurden, riß ich mit Macht an der klemmenden Schublade, sie flog auf und polterte durch den ganzen Raum, und ich landete unsanft im Hundekörbchen.
»Hast du dir weh getan?« Atemlos stürzte mein Mann in die Küche, gefolgt von den kläffenden Hunden, und hievte mich wieder auf die Beine.
»Och«, machte ich indigniert, »nur ein paar blaue Flecken am Allerwertesten und ein angeschlagenes Gewissen, weil ich gerade mit Eva über deine mangelnde Handwerkerei in meinem Haushalt gelästert habe. Hättest du mich denn nicht wenigstens vorwarnen können?«
Er grinste. »Es sollte eine Überraschung sein. Und wie ich sehe, ist mir die auch großartig gelungen.«
Ein Glück, daß er sich noch nicht an unseren Messern versucht hatte, obwohl ich ihn sicher schon hundertmal gebeten hatte, sie zu schleifen. In diesem Moment hätte ich mich glatt an ihm vergangen, wenn ich auch nur so ein scharfes Ding zur Hand gehabt hätte.
Wir sammelten gemeinsam alles wieder ein und schoben die leicht gängige Schublade in den Unterschrank zurück. Anschließend begab ich mich ins Eßzimmer, um den großen ovalen Kirschbaumtisch für uns zu decken. Es stimmte mich jedesmal ein wenig traurig, wenn ich nur für uns beide auflegen konnte. Gerade dies war immer Familientreffpunkt gewesen. Hier hatte die Fütterung der Raubtiere stattgefunden – unsere Kinder und ihre Freunde, die sie zum Essen mitbrachten, hatten an diesem Tisch gelacht, gestritten und ständig durcheinander geredet. Die Tischplatte war übersät mit Kratzern und Glasrändern – was habe ich mich immer geärgert, daß sie sich keine Untersetzer geholt haben. Aber ich wäre nicht auf die Idee gekommen, die Platte abziehen und lackieren zu lassen, wie Dietrich mir immer wieder anbot. Ich wollte meine Erinnerungen behalten. Und da waren ja auch noch die angeknabberten Tischbeine, die von den spitzen Zähnen unserer Hunde zeugten, besonders von denen eines Dackels namens Theo.
»Apropos Theo«, sagte mein Mann beim Abendbrot, »der kommt mir nicht mehr in den Keller. Sobald ich die elektrische Eisenbahn laufen lasse, setzt er sich auf eine der mittleren Stufen der Kellertreppe und wartet gespannt, bis der Zug die untere Platte erreicht hat. Dann macht er einen Satz, schnappt sich die Lok und flitzt mit seiner Beute nach oben ins Körbchen.«
»Ein echter Jagdhund.«
»Du hast gut lachen, das Schlimmste kommt nämlich noch: bis ich den Schlingel erwischt habe, hat er die Maschine fein säuberlich in ihre Einzelteile zerlegt. Das ganze Körbchen habe ich abgesucht, und es fehlt immer noch ein gelbes Lämpchen.«
»Sag bloß, ich muß jetzt auch noch Theos Häufchen inspizieren.«
»Vielleicht leuchtet es dir ja entgegen – es befindet sich nämlich ein kleines elektrisches Birnchen darin.«
Mein Mann grinste.
»Laß ihn doch einfach mitspielen und hin und wieder eine Weiche stellen oder so.« Ich lachte herzhaft.
»Alberne Pute«, maulte er und verschwand wieder im Keller.
»Du bist vielleicht eine Marke.« Ich sah den Dackel an. Der verzog keine Miene. Er hatte es sich in Barrys buschigem Schwanz bequem gemacht, aber ich hätte schwören können, daß er mir mit einem Auge verschmitzt zublinzelte.
Es klingelte an der Tür, und meine Nachbarin Andrea holte mich, um mit mir und den Hunden spazierenzugehen.
»Aber nur eine Runde um den Block«, sagte ich, »mit vollem Bauch läuft es sich so schlecht.«
Unsere Wanderlust reichte gerade mal bis zum kleinen Wäldchen hinter dem Haus. Hier ließen wir die Hunde von der Leine und sanken auf eine der unbequemen Holzbänke, die vereinzelt am Wegesrand standen. Vor uns ein großes, eingezäuntes Waldstück mit kleinen Tannenbäumchen.
»Alles bloß für Weihnachten«, sagte Andrea nachdenklich und setzte übergangslos hinzu: »Erinnerst du dich noch daran, wie Dietrich im letzten Jahr euren Baum nach dem Fest im Kamin verbrennen wollte?«
Ja, ich erinnerte mich: Wir hatten Anfang Januar ein paar Freunde eingeladen und wollten unseren Kamin, in dem man auch grillen konnte, einweihen. Mein Mann kam auf die Idee, den bereits stark nadelnden Weihnachtsbaum als Brennholz zu verwenden, und zersägte ihn fein säuberlich auf der winterlichen Terrasse. Dann zerknüllte er einen Haufen Zeitungen, legte ein paar trockene Zweiglein dazu, schichtete die Christbaumreste darüber und zündete das Ganze mit einem Riesenkaminholz an.
Auf die ersten kleinen Flammen warf er noch ein paar Hände Tannennadeln, und im Nu saßen wir in dichtem Qualm. Tränenblind und hustend eilte ich mit den Gästen in die Küche, wo wir die Kehlen mit einem ordentlichen Schluck Klaren gründlich durchspülten.
»Ihr könnt ruhig wieder reinkommen«, rief Dietrich, »ich weiß jetzt, worauf es ankommt. Ich brauche nur mehr Papier.«
Aber das erzeugte nur ein kümmerliches Flackern, während sich langsam schwarze Rußteilchen auf uns und den Möbeln niederließen.
»Ich hab’s gleich«, beschwichtigte er uns, weil unsere Mägen langsam anfingen zu knurren. »In ein paar Minuten ist es soweit. Dann lege ich nur noch die Holzkohle dazu, und das Fleisch kann vorbereitet werden, während sie durchglimmt.«
»Gott sei Dank.« Ich atmete erleichtert auf. »Unsere Freunde haben nämlich schon mächtig einen im Tee von den vielen Aperitifs, und sie sind einer Rauchvergiftung bedenklich nahe.«
Nach weiteren end- und erfolglosen Versuchen zog ich mich in die Küche zurück und warf den elektrischen Grill an, bereitete den Salat zu und schnitt das krosse Baguette auf. Und während wir uns endlich am Tisch niederließen, rannte mein Mann herbei und schrie schon von weitem: »Es brennt, es lodert, es erhellt den ganzen Raum. In einer Minute ist die Holzkohle durch, und das große Grillen kann beginnen!«
»Wahnsinn.« Ich zog ihn an den Tisch. »Komm, setz dich und iß ein paar Happen mit uns. Du mußt wieder zu Kräften kommen, denn nachher löschst du sofort das Feuer, kehrst den Kamin aus und trägst die Asche nach draußen. Dann saugst du das ganze Wohnzimmer, und wenn du Glück hast, bleibt dir vielleicht gerade noch Zeit, ein paar Worte mit unseren Gästen zu wechseln.«
Andrea schüttelte sich vor Lachen bei der Erinnerung an diesen Abend.
»Aber wenn du ehrlich bist«, japste sie, »mußt du zugeben, daß an dem Fiasko dieses Grillabends ganz allein ein altes Wespennest schuld war, das der Schornsteinfeger später im Kamin gefunden hat.«
Schmunzelnd erwiderte ich: »Ach, weißt du, ich denke oft, daß ich ohne diesen Mann und diese – verflixten Köter ein stinklangweiliges Leben führen würde.« Ich pfiff den Hunden, die sich zu weit entfernt hatten. Sie kamen langsam angetrabt, und Theo brachte einen Riesenstock mit, den er kaum tragen konnte und uns immer wieder in die Beine stieß.
Im Garten legte er den Stock in die Wiese und ließ sich zusammen mit Barry neben uns auf der Terrasse nieder, wo wir in Liegestühlen die letzten Sonnenstrahlen genossen.
»Darf ich dir etwas vorlesen?« fragte ich und erhob mich mühsam aus meiner bequemen Lage, »Keine Bange, es ist nicht lang. Aber Dietrich feiert doch bald seinen sechzigsten Geburtstag, und ich habe etwas Hübsches gefunden, das ich ihm aufschreiben möchte.«
Mit einem Block unter dem Arm trat ich wieder nach draußen. Andrea setzte sich auf, und ich hockte mich neben sie. »Also: ›Desiderata, Wünsche aus der alten St. Paul’s Cathedral in Baltimore aus dem Jahre 1692.‹«
»Ist das nicht ein bißchen überholt?«
»Das paßt heute noch genauso wie vor dreihundert Jahren. Hör gut zu: ›Gehe ruhig und gelassen durch Lärm und Hast und sei des Friedens eingedenk, den die Stille bergen kann. Stehe, soweit ohne Selbstaufgabe möglich, in freundlicher Beziehung zu allen Menschen …‹«
»Das dürfte mir äußerst schwer fallen«, warf Andrea ein.
»›Dann nimm dir folgendes besonders zu Herzen: Äußere deine Wahrheit ruhig und klar und höre anderen zu, auch den Geistlosen und Unwissenden; auch sie haben ihre Geschichte. Meide laute und aggressive Menschen, sie sind eine Qual für den Geist. Wenn du dich mit anderen vergleichst, könntest du bitter werden und dir nichtig vorkommen, denn immer wird es jemanden geben, größer und geringer als du. Freue dich deiner eigenen Leistungen wie auch deiner Pläne. Bleibe weiter an deinem eigenen Weg interessiert, wie bescheiden auch immer. Er ist ein echter Besitz im wechselnden Glück der Zeiten. In deinen geschäftlichen Angelegenheiten lasse Vorsicht walten, denn die Welt ist voller Betrug. Aber nichts soll dich blind machen gegen gleichermaßen vorhandene Rechtschaffenheit …‹«
»Wie wahr, wie wahr!« Andrea nickte. »Allein, wenn ich da an unseren Kaufmann denke, und daran, wie oft der mich schon beschummelt hat. Da fällt es mir allerdings sehr schwer, woanders noch Rechtschaffenheit zu sehen.« Sie kicherte.
»Red nicht solchen Stuß.« Ich schlug den Block um und las weiter: »›Viele Menschen ringen um hohe Ideale, und überall ist das Leben voll Heldentum. Sei du selbst, vor allen Dingen heuchle keine Zuneigung, noch sei zynisch, was die Liebe betrifft, denn im Augenblick aller Dürre und Enttäuschung ist sie doch immerwährend wie Gras. Ertrage freundlich und gelassen den Ratschlag der Jahre, gib die Dinge der Jugend und Grazie auf …‹«
»Das wäre ja noch schöner.« Jetzt richtete sich Andrea empört in ihrem Liegestuhl auf, und ich mußte ihr zustimmen, denn auch ich fühlte mich noch zu jung, um mich allein auf den Geist zu verlassen, wie es dann weiter hieß: »›Stärke die Kraft des Geistes, damit sie dich in plötzlich hereinbrechendem Unglück schütze. Erschöpfe dich nicht mit Phantasien. Viele Ängste kommen aus Ermüdung und Einsamkeit. Neben einer heilsamen Selbstdisziplin sei freundlich mit dir selbst. Du bist ein Kind Gottes, genauso wie die Bäume und die Sterne; du hast ein Recht, hier zu sein. Und ob es dir bewußt ist oder nicht, es besteht kein Zweifel: Das Universum entfaltet sich wie vorgesehen. Darum lebe in Frieden mit Gott, was für eine Vorstellung du immer von ihm hast. Was auch deine Arbeit und dein Sehnen ist, erhalte dir den Frieden in der lärmenden Wirrnis des Lebens. Mit all der Schande, der Plackerei und den zerbrochenen Träumen ist es dennoch eine schöne Welt. Strebe behutsam danach, glücklich zu sein.‹«
»Das gefällt mir«, sagte Andrea jetzt ganz andächtig, »sehr gut sogar. Aber an was man früher so alles geglaubt hat!«
»Und wie ist es heute?« wollte ich von ihr wissen. Wir sahen uns an und lächelten.
»Ob du dem Dietrich damit eine große Freude bereitest, wage ich allerdings zu bezweifeln, wo der doch erst kürzlich aus der Kirche ausgetreten ist, aber mir kannst du das Ganze mal fotokopieren. Vielleicht kapiere ich den rechten Wortlaut nach mehrmaligem Lesen doch noch in seiner ganzen Weisheit … sag mal, weinst du etwa?« Ein paar Tropfen fielen auf mein Papier.
»Quatsch.« Ich deutete nach oben in die dunklen Wolken. Wir hatten gar nicht bemerkt, daß sich der Himmel zugezogen hatte und es langsam zu tröpfeln begann. Dabei hätte ich mich gern noch ein wenig ausführlicher mit meiner Freundin über Glauben und Unglauben unterhalten. Aber in diesem Moment erschien Dietrich in der Terrassentür. »Jetzt wird es aber Zeit, daß ihr die Sachen reinräumt«, tadelte er und faßte tatkräftig mit an. Im selben Augenblick sprang Theo hoch, flitzte auf die Wiese und brachte sein Stöckchen zur Sicherheit ins trockene Wohnzimmer.
»Ich kann mir nicht helfen«, staunte Andrea, »aber ich glaube, der Kerl versteht jedes Wort, das ihr miteinander wechselt.«
Als Theo kurze Zeit später auch noch eine Kröte aus dem Garten ins Trockene brachte und diese nach dem ersten Schreck quakend durchs Wohnzimmer hüpfte, erhob sich meine Freundin abrupt aus ihrem Sessel.
»Ich würde ja gern noch etwas bleiben.« Sie schaute angeekelt auf den Boden. »Aber ich bekomme heute abend Besuch. Aus Berlin – äh – eine Nichte«, log sie unbekümmert.
Wie ich aus sicherer Quelle wußte, war sie ein Einzelkind, hatte also weder Geschwister noch sonst irgendwelche Verwandte. Bevor sie ging, umarmte sie mich und stakste vorsichtig zur Haustür, um dem warzigen Untier nicht zu begegnen.
»Komm bloß nicht auf die Idee, das Biest an die Wand zu schmeißen. Nachher hast du zwei Männer und weißt nicht, was du mit den beiden anfangen sollst«, bemerkte sie noch.
Ich grinste vielsagend. »Du bringst mich auf eine Idee. Vielleicht habe ich dann jemanden, der mit mir spielt statt mit der elektrischen Eisenbahn.«
Erst neulich hatte ich wieder nachgelesen, daß das Eheglück spätestens im verflixten siebenten Jahr hart auf die Probe gestellt wird. Und wir waren nun bereits zwölf Jahre verheiratet. Da durfte es mich eigentlich nicht wundern, daß die elektrische Eisenbahn mehr Anziehungskraft auf meinen Mann hatte als ich.
Ich hatte immer gehofft, uns würde diese Erfahrung erspart bleiben bis zu dem Tag, an dem der Briefträger den Kopf zur Tür der kleinen Diele hereinsteckte und hörbar die Luft anhielt. Ich fand das zwar übertrieben, mußte jedoch zugeben, daß es irgendwie bei uns im Korridor nach feuchten Schuhen oder verschwitzten Jacken roch. Das war mal wieder typisch mein Mann. Ich brachte also seine grünen Gummistiefel, die er immer anzog, wenn er mit den Hunden in den Wald spazierte, nach draußen und hängte seine Lederjacke auf die Terrasse.
Als er das zufällig sah, fragte er pikiert: »Was machst du mit meinen Sachen?«
Ich öffnete wortlos die Haustür, um ordentlich durchzulüften. Dann verzog ich mich in die Küche und bereitete das Frühstück zu. Ich vermißte die Rolle Harzer Käse, die ich am Tag vorher aus dem Dorf heimgebracht hatte. Ich suchte und fand sie doch tatsächlich in meiner Handtasche, die seit gestern am Garderobenständer hing.
»Naja«, sagte Dietrich grinsend, »dann kannst du ja meine Sachen wieder reinholen.«
Und während ich mit einer mittelschweren Nervenkrise den Käse beschämt im Kühlschrank verstaute, rief Christoph an und versuchte mich damit zu trösten, daß bei uns eben auch der Lack zu bröckeln begann.
Am Abend verschwand Dietrich zum ersten Mal auch zum Schlafen in den Keller. Er hatte am Nachmittag mit einem Nachbarn das schwere Gästebett nach unten gewuchtet mit der Bemerkung: »Du schläfst doch schlecht, seit ich so laut schnarche.«
Blöde Ausrede, er wollte bloß Tag und Nacht bei »ihr«, der Eisenbahn, sein. Aber wenn ich ehrlich war, hatte mich sein Schnarchen tatsächlich gewaltig gestört. Manchmal glaube ich fest, daß ein Mann nur schnarcht, um seine bessere Hälfte zu ärgern.
»He«, rief ich nachts und stieß ihn an, »du schnarchst, daß die Wände zittern.«
»Was tue ich?« fragte Dietrich schlaftrunken.
»Du sägst mal wieder einen ganzen Wald ab«, sagte ich vorwurfsvoll.
»Um mir solchen Blödsinn zu erzählen, reißt du mich aus meinen Träumen? Außerdem habe ich dir schon hundertmal gesagt, daß ich überhaupt nicht schnarche. Und wenn, dann müßte ich das wohl als erster hören.«
»Das würde doch bedeuten, daß du die ganze Nacht wach liegst«, konterte ich gereizt.
»Liege ich ja auch, weil du mich ständig anstößt oder auf die andere Seite rollst.«
Und so war ich eigentlich ganz froh, daß wir nun getrennte Schlafzimmer hatten. Das zweite Bett stand ab sofort den Kindern als Gästebett zur Verfügung.
»Nee«, sagten diese einstimmig, als sie das hörten, »da schlafen wir lieber im Wohnzimmer auf dem Fußboden.«
»Was, wieso denn das?« fragte ich gekränkt.
»Weil du uns die ganze Nacht mit deiner Schnarcherei zum Wahnsinn treibst«, war die einhellige Meinung.
Im Sommer trieb es meine jüngste Tochter dann doch trotz aller Schwüre auf die Lagerstatt direkt neben meine Wenigkeit.
Wenn es etwas gab, wovor Vio Angst hatte, dann waren es Gewitter. Warum sie allerdings vor dem Donner mehr Schiß hatte als vor den Blitzen, das blieb ihr Geheimnis.
Sie war bei uns im Oberbergischen zu Besuch, als sich der Himmel am Abend schwarz zuzog und die Hunde mit eingeklemmten Schwänzen unter die Betten krochen.
»Das sieht nicht gut aus«, sagte Vio kleinlaut und schlüpfte unter die Decke neben mich. Im selben Augenblick wurde es taghell, und dann krachte es auch schon.
Es folgte Blitz auf Blitz, und der Donner hörte gar nicht mehr auf und wurde obendrein noch als Echo von unseren bergischen Hügeln zurückgeworfen. Die ersten Regentropfen klatschten aufs Dach und die Terrasse, und ein Sturm fegte alles, was nicht niet- und nagelfest war, durch den Garten.
»Warum seid ihr nur so nah an den Wald gezogen?« jammerte Viola unter ihrer Bettdecke. »Da schlägt es doch immer zuerst ein.« Es krachte schon wieder.
»Na eben«, beruhigte ich sie, »die Bäume sind doch allesamt höher als unser Haus, und somit bleiben wir bestimmt von jedwedem Blitzschlag verschont.« Und dann setzte ein trommelndes Geräusch ein.
»Was ist denn das?« Meine Tochter lugte ängstlich aus ihren Kissen hervor.
»Das ist bloß Hagel.«
»Dem Krach nach zu urteilen, müssen die Dinger so groß wie Hühnereier sein.«
»Mach dich nicht lächerlich.« Ich griff nach dem kleinen Messingwecker. »Mal sehen, wie lange dieses Unwetter nun schon dauert.«
»Bist du wahnsinnig?« schrie Vio da entsetzt auf. »Du kannst doch jetzt kein Metall anfassen. Da schlägt es doch sofort ein, das haben wir schon in der Schule gelernt.«
Gehorsam zog ich meine Hand wieder zurück.
Irgendwann schliefen wir doch ein, und als wir am Morgen erwachten, schien eine warme Sonne vom strahlendblauen Himmel, der nur noch von einzelnen weißen Schäfchenwolken durchzogen wurde.
Was die Hagelkörner betraf, hatte meine Tochter doch nicht so schief gelegen, denn sie hatten mir sämtliche Geranien, Petunien und Fleißigen Lieschen in Töpfen und Kästen rund ums Haus erbarmungslos und ohne Ausnahme geköpft.
Im übrigen ließen sich die Kinder kaum noch blicken, dabei waren wir extra von Unna ins Bergische gezogen, um die Telefonkosten zu reduzieren und um dem in Köln studierenden Nachwuchs nahe zu sein. Da es uns im Bergischen aber nicht so gut gefiel, wie wir gedacht hatten, siedelten wir kurzerhand zehn Monate später ans Himmelchen ins Oberbergische über. Plötzlich überholten uns die Kosten für drei Häuser, und wir stellten erschrocken fest, daß wir davon gut und gern Jahrzehnte hätten telefonieren können.
»Naja«, sagten meine drei, »das hättet ihr euch doch denken können. Irgendwann werden aus Kindern auch mal selbständige Erwachsene, die ihr eigenes Leben führen.«
Ich erinnerte mich an die Zeit, als sie alle noch bei uns lebten, gleichzeitig in die Ferien fuhren und uns kaltblütig allein daheim zurückließen. Schon damals wurde mir klar, daß ich panische Angst vor jeder Veränderung in meinem Leben hatte und ganz besonders vor dem Tag, an dem uns die Kinder unwiderruflich verlassen würden.
Ich ging damals zu Dietrich und sagte: »Schau mich genau an. Was du vor dir siehst, ist eine sogenannte arbeitslose Frau.«
»Was soll denn das bedeuten?« fragte er überrascht.
»Naja«, klärte ich ihn auf, »das heißt, ab heute drei ganze Wochen keine schmutzigen Geschirrstapel in der Küche, keine Berge nasser Handtücher auf dem Badezimmerboden, keine ungemachten Betten und kein Warten darauf, daß man telefonieren kann, weil ständig der Apparat von ihnen belagert wird.«
»Ich weiß nicht, was du willst«, unterbrach mich Dietrich, »ich habe neulich einen Artikel gelesen, in dem namhafte Ärzte Frauen vor dem vielen Telefonieren gewarnt haben.«
»Wie soll ich denn das verstehen?«
»Aus medizinischer Sicht macht das ständige Ander-Strippe-Hängen dick, es sät Zwietracht zwischen Freundinnen dank des ausfuhrlichen Tratschens, fördert einen labilen Kreislauf durch das stundenlange Stillsitzen und setzt somit die ansonsten so hohe Lebenserwartung der Frauen enorm herab.«
