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Die Lavendelgang ist zurück! Ein französischer Kosmetikhersteller lädt die unterhaltsame Golden-Girls-WG um die 65-jährige Marie und ihre Freundinnen zu einer Rundreise durch die Provence ein – ein guter Grund, um endlich mal wieder etwas zu erleben und im für seine Lavendelfelder und Parfümproduktionen beliebten Grasse shoppen zu gehen. Jedoch wird ihnen unterwegs schnell klar, dass bei der Fahrt nicht alles mit rechten Dingen zu geht und die Teilnehmer nach allen Regeln der Kunst über den Tisch gezogen werden. Als dann auf einmal auch noch eine der Golden Girls verschwindet, ist der detektivische Spürsinn der Frauen gefordert ...
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Seitenzahl: 181
Veröffentlichungsjahr: 2017
Kurzbeschreibung:
Die Lavendelgang ist zurück! Ein französischer Kosmetikhersteller lädt die unterhaltsame Golden-Girls-WG um die 65-jährige Marie und ihre Freundinnen zu einer Rundreise durch die Provence ein – ein guter Grund, um endlich mal wieder etwas zu erleben und im für seine Lavendelfelder und Parfümproduktionen beliebten Grasse shoppen zu gehen. Jedoch wird ihnen unterwegs schnell klar, dass bei der Fahrt nicht alles mit rechten Dingen zu geht und die Teilnehmer nach allen Regeln der Kunst über den Tisch gezogen werden. Als dann auf einmal auch noch eine der Golden Girls verschwindet, ist der detektivische Spürsinn der Frauen gefordert ...
Edel ElementsEin Verlag der Edel Germany GmbH
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Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michal Meller Literaturagentur GmbH, München
Covergestaltung: Anke Koopmann
Konvertierung: Datagrafix
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.
ISBN: 978-3-95530-921-3
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Für Claudie, Sylvie,Sigrid, Agni und „Tante Ulla“
Wer lacht, überlebt (Mary Pettibone Poole)
„Sie-haben-Po-host“, leierte Franca wie die Stimme einer E-Mail-Benachrichtigung in den frühen Morgen, als sie in die Küche trat, in der Cécile, Marie, Julie und Eleni gerade mit der Zubereitung des petit déjeuner beschäftigt waren. Sie knallte Marie und Julie je einen verschlossenen Briefumschlag auf den Tisch.
„Schau an“, sagte Marie erstaunt, „seit wann bekommen wir denn im digitalen Zeitalter noch Briefe durch den Postboten?“, und ließ sich auf der Bank vor dem Esstisch nieder. „Ich wüsste nicht, wer mir noch mit Tinte auf Papier schreiben sollte. Meine Kinder mailen, skypen, faxen, und wenn es hochkommt, dann rufen sie auch mal an …“
„Das ist nun mal das digitale Zeitalter“, ließ Cécile sie wissen und setzte sich neben sie auf die Küchenbank. „Sieh doch erst mal nach, von wem der Brief ist.“
„Würde ich ja gerne, aber ich suche meine Brille schon seit dem Aufstehen.“
„Excuse-moi“, lachte Eleni, „die hatte ich mir ausgeliehen, weil ich mal kurz in die Zeitung gucken wollte.“ Sie fummelte Maries Lesegerät aus ihren Haaren und gab es der rechtmäßigen Eigentümerin zurück. „Mon Dieu“, atmete diese erleichtert auf, „ich hatte schon befürchtet, ich müsste mir eine neue zulegen. Danke, chérie, da bin ich aber froh …“
„Wer hat einen schönen Po?“, wollte Julie wissen und setzte sich Marie gegenüber an den Tisch. „Froh, nicht Po, meine Liebe. Hast du mal wieder dein Hörgerät auf dem Nachttisch liegen gelassen?“, fragte Franca leicht ungehalten.
„Non, non“, beeilte sich Julie zu widersprechen und zeigte auf die kleinen Stöpsel in ihren Ohren.
„Das verstehe ich nicht. Wieso hörst du dann immer noch so schlecht?“, meldete sich Marie. „Du kennst doch den Slogan von der Hörgerätefirma: ‚Ich habe einen Floh im Ohr‘, und zack, hört sogar ein bekannter Schauspieler wieder das Gras wachsen.“
„Sie ist einfach zu eitel, um diese Dinger zu tragen“, flüsterte Eleni Marie zu, „lieber versteht sie nur Bahnhof …“
„Ja“, ergänzte Cécile, „aber sie schenkt uns dadurch doch auch so manch heitere Stunde.“
Julie war gekränkt. „Das habe ich gehört“, worauf die Freundinnen versuchten, einen spontanen Lachanfall zu unterdrücken, „ihr braucht gar nicht so zu kichern. Man macht sich über die Gebrechen anderer einfach nicht lustig“, klagte sie weinerlich.
„Das ist kein Gebrechen, Schätzchen“, widersprach Marie energisch, „in unserem Alter lahmt doch bei jedem etwas: Ich zum Beispiel kann ohne Brille nichts mehr sehen, Eleni bekommt beim bloßen Anblick eines guten Weines Magenkrämpfe und Migräne, Franca hat es im Kreuz … ach, übrigens, was hast du eigentlich, Cécile?“
„Ich habe gute Gene“, sagte diese todernst und brach damit nun doch ein kollektives Gelächter vom Zaun. „So, Marie“, forderte sie dann aber energisch, als alle wieder bei Atem waren, „lass uns endlich wissen, von wem der ungewöhnliche Brief ist.“
Marie setzte sich ihre Brille auf die Nase, schaute auf den Absender und sah überrascht hoch.
„Na, nun sag schon was“, forderten die anderen neugierig.
„Ihr werdet es nicht glauben, der ist von Yvette Gallo, der französischen Kosmetikfirma, bei der ich auch in Deutschland schon seit Jahrzehnten meine Töpfchen, Tiegelchen, Tübchen und Wässerchen bestellt habe, um so auszusehen, wie ich jetzt aussehe, n’est-ce pas? Das Ergebnis ist doch nicht von der Hand zu weisen!“ Sie erhob sich und ging zu dem kleinen Spiegel, der über dem Telefontischchen hing, um sich gebührend zu bewundern.
„Jaja“, bestätigten die Freundinnen gemeinsam und lächelten nachsichtig, „du siehst mindestens zehn Jahre jünger aus als wir. Aber jetzt komm her und öffne endlich den vermaledeiten Umschlag.“
Wieder am Tisch, holte Marie einen dicht bedruckten Briefbogen heraus. Sie fuhr glättend mit der Hand darüber und begann langsam daraus vorzulesen.
Wir gratulieren! Sie haben gewonnen!
Sehr verehrte, gnädige Frau, wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass Sie heute einer kleinen, exklusiven Gruppe angehören, die nunmehr seit fünfundzwanzig Jahren zu unseren treuen Kundinnen zählt. Wir feiern sozusagen silberne Hochzeit miteinander. Aus diesem Grunde möchten wir Ihnen gerne ein großzügiges Geschenk machen: drei Wohlfühltage in der zauberhaften Hauptstadt der Düfte, nicht weit von Cannes, in Grasse! Sie dürfen dort am zweiten Tag in einer der Duftfabriken ihr eigenes Parfüm kreieren und bekommen gleich am ersten Tag eine Wellness-Behandlung mit allen Schikanen. Unsere Reiseleitung ist angewiesen, keinen ihrer Wünsche offen zu lassen.
Da dieses kostenlose Angebot nur einen kleinen Kreis betrifft, bitten wir Sie, den beigefügten Bogen auszufüllen und umgehend an uns zurückzusenden. Sie dürfen auch gerne ihre beste Freundin mitbringen, deren Daten wir dann natürlich ebenfalls benötigen.
Sie bekommen Bescheid, wenn alle Zuschriften eingegangen sind und es losgehen kann.
Und nun: Bonne chance!
wünscht Ihnen Yvette Gallo und verbleibt mit freundlichen Grüßen
gez. Dr. Dr. Eric Bruno
Geschäftsführer
„Woher haben die denn deine Adresse?“, fragte Franca erstaunt. „Du hast seit über einem Jahr deinen Wohnsitz hier in der Provence und seit der Zeit auch nichts mehr bestellt.“
„Nicht nur das“, antwortete Marie, „ich hatte auch langsam die Nase voll von den vielen ‚umsonstenen‘ Geschenken: Plastikkühltasche, Plastikkulturbeutel …“
„Wo war denn da die Kultur? Haha“, neckte Eleni.
Doch Marie ließ sich nicht beirren und fuhr fort: „… Plastikshopper, Plastikschüsseln, Tinnefschmuck und Plastikuhren, die man nur kurz anschauen musste und schon fielen sie einem in Einzelteilen vom Handgelenk! Mais pas de quoi, oder besser: Das ist mir momentan total wurscht!“ Marie konnte ihre Freude kaum verbergen. „Stellt euch vor: Grasse – Augen schließen und sich auf die Düfte konzentrieren. Frisches Baguette duftet aus der nahen Pâtisserie, aber es duftet auch betörend nach Lavendel, Verbene, Rosen, Zitronen, Rosmarin und Jasmin aus den Parfümfabriken …“
„Woher weißt du das?“, fragte Cécile erstaunt. „Warst du schon mal da?“
„Nö.“ Marie war nicht zu bremsen. „Das habe ich irgendwo gelesen, und stellt euch vor, von diesen Duftwerkstätten gibt es mindestens dreißig innerhalb der Stadtmauern, und die einzelne Nase eines Parfümeurs kann mindestens dreitausend Gerüche erkennen und auseinanderhalten … merveilleux! Alors, Grasse, ich komme!“ Marie strahlte in die Runde. „Und wer will mich begleiten?“
„Wir sind dabei!“, riefen Franca und Eleni unisono, angesteckt von so viel Enthusiasmus.
Doch Cécile bremste sofort. „Marie, hast du auch das Kleingedruckte gelesen, das auf der Rückseite steht?“
„Non, non“, sagte diese trotzig, „das ist doch wie bei den Rezepten für Medikamente: Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Das will ich gar nicht wissen.“
„Alors, da steht“, meldete sich plötzlich Julie, „dass das Angebot von Yvette Gallo nur zusammen mit dem einer Immobilienfirma namens Riviera de la fortune gilt, man am ersten Tag über Saint-Tropez und Fréjus für ein kurzes Amüsement nach Cannes gefahren wird und später, nach einem weiteren Wohlfühltag in Grasse, oberhalb der Steilküste in den Hügeln der Alpes-Maritimes Ferienappartements mit dem schönsten Blick auf die Côte d’Azur besichtigen soll, um dann sein brachliegendes Vermögen dort günstig und zinsbringend anlegen zu können.“
„Bei mir liegt nicht ein Euro brach“, konterte Marie erbost. „Woher weißt du das überhaupt, das mit der Reise?“
Julie schwenkte einen Briefbogen durch die Luft. „Ich habe als alte Kundin von Yvette Gallo ebenfalls ein solches Schreiben erhalten wie du.“
„Ich lach mich tot“, schrie Franca entzückt, „dann können wir doch alle mitfahren – ich mit Marie, Eleni mit Julie, und Cécile schmuggeln wir einfach in den Bus!“
„Mais certainement, non“, wehrte diese erschrocken ab. „Erstens würde ich nie so eine Kaffeefahrt mitmachen; denn nichts anderes ist die Einladung von Yvette Gallo: Nepp, Bauernfängerei und Betrug, genauso wie bei euch in Deutschland. Nur, dass hier bei uns keine überflüssigen und überteuerten Heizdecken angeboten werden, sondern irre teure Ferienappartements, für die man eine horrende Anzahlung leisten muss und die dann im schlimmsten Fall nie gebaut werden. Zweitens kenne ich Grasse wie meine Westentasche, und drittens muss auch irgendjemand Haus, Hunde und Katzen hüten in der Zeit, in der ihr so leichtsinnig seid, da mitzumachen!“
„Ach, du mit deiner Unkerei“, erwiderte Franca, und dann, an die beiden Gewinnerinnen gewandt: „Los, Marie, Julie, unterschreibt. Wir sind vier clevere Frauen in den besten Jahren, uns zieht so schnell keiner über den Tisch. Und wo bekommen wir schon mal ein kostenloses Wochenende an und oberhalb der französischen Riviera – die italienische kenne ich bereits aus dem Effeff – umsonst …?!“
„Niemand hat etwas zu verschenken“, gab Cécile zu bedenken.
„Na gut, du alte Pessimistin“, sagte Marie, „dann reisen wir eben undercover. Ich nehme Block und Bleistift mit und Franca ihre neue Kamera. Vielleicht wird es so interessant und spannend, dass wir später dann aus dem Stoff noch einmal ein glückliches Buch zaubern können, n’est-ce pas?“
„In uns selbst das Glück zu finden, ist schwierig“, zitierte Eleni da frei nach Agnes Repplier mit erhobenem Zeigefinger, „aber es anderswo zu finden, ist sehr wohl möglich.“
Cécile lachte. „Dann passt aber auf, dass euch la fortune nicht auf die Füße fällt und ihr mitten in einem Krimi wieder aufwacht!“
„Chacun est l’artisan de sa fortune“, konnte sich Cécile nicht verkneifen zu bemerken, als sie die Freundinnen im Hafen von Marseille absetzte, dort, wo die Reise losgehen sollte.
„Jaja“, konterte Marie und zog den Kopf ein, um aus dem alten Kastenwagen nach draußen zu klettern, „den Spruch kenne ich noch von meiner Großmutter: ‚Jeder ist seines Glückes Schmied.‘ Kommt, Mädels, damit kann sie uns das wundervolle Geschenk auch nicht vermiesen. Nehmt eure Koffer und folgt mir auf dem Fuße.“
„Dann also viel Vergnügen“, rief Cécile lachend, gab Gas und brauste wieder zurück Richtung Gordes nach Les Genets, wo Hunde und Katzen schon sehnsüchtig nach ihr Ausschau hielten. Marie, Julie, Franca und Eleni winkten dem alten Mädchen – womit sie natürlich den Kastenwagen meinten – fröhlich hinterher und marschierten dann im Gänsemarsch auf den Bus zu, der bereits auf einem Parkplatz an der Hafenkante auf sie wartete. An der Mole dümpelten Fischerboote, am Horizont lag das berüchtigte Inselgefängnis Château d’If, „in dem bereits der Marquis de Sade einsaß und das Alexandre Dumas im ‚Grafen von Monte Christo‘ verewigt hat“, erklärte die literatur- und filmfeste Marie, „ihr wisst schon, die irre spannende Serie mit dem damals ungeheuer attraktiven Gérard Depardieu.“ Eleni und Julie zogen sie lachend auf. „Nee, das wissen wir nicht, das war doch noch vor unserer Zeit“, und Franca fügte nur beiläufig hinzu: „An welcher Stelle war der denn jemals attraktiv? Und heute wäre er mir als Liebhaber viel zu fett. Da gefällt mir der da vorne doch um einiges besser“, und sie strebte zielsicher dem Bus entgegen oder, besser gesagt, dem männlichen Gegenstand ihres Interesses, der davorstand.
Er war so unerwartet sonnengebräunt und elegant und strahlte einen umwerfenden, jungenhaften Charme aus, wie sie es sich niemals von einem Reiseleiter erhofft hatte. Seine Wirkung kam der eines Lehramtsanwärters gleich, bei dessen Auftreten in der Klasse man von Stund an weniger aufs Handy schauen, aufmerksam zuhören und heimlich schwärmen würde.
Franca warf den Freundinnen einen vielsagenden Blick zu und dem Reiseleiter ihr strahlendstes Lächeln, während sie eine nach der anderen den Bus enterten.
Bevor Julie als Schlusslicht der Freundinnen den Bus bestieg, nahm ihr ein etwas unwillig wirkender Busfahrer den kleinen Rollkoffer ab und stopfte ihn unsanft in den übervollen Stauraum, der sich seitlich zwischen Vorder- und Hintertür befand. Beim Anblick des vielen Gepäcks fragte sie sich allerdings, ob sie vielleicht etwas überlesen hatte und die geschenkten Wohlfühltage mehr als so über den Daumen gepeilte sechzig Stunden dauern würden. Sie kletterte langsam die Stufen zum Wageninneren hinauf und gab sich Mühe, die anderen Teilnehmerinnen so unauffällig wie möglich zu mustern.
„Ach, du liebes bisschen“, stöhnte sie leise in Richtung Franca, Eleni und Marie, „schaut euch bloß mal unsere restlichen Mitfahrerinnen an! Lauter gestylte, gebotoxte, goldbehangene superschicke Französinnen! Wir wirken ja völlig deplatziert in unseren Jeans und T-Shirts. Jetzt wird mir auch klar, warum die so viel Gepäck mithaben. Das sind Frauen, die sich zu jedem Pups neu einkleiden …“
„Juliiiee! Du vergisst, dass du eine Dame bist!“
„Na und? Schaut doch bloß mal, wie die uns anstarren!“
„Mach dir nix draus.“ Marie schob die Freundin liebevoll weiter, die vor lauter Erschütterung stehen geblieben war und den ganzen Verkehr – respektive das Einsteigen der restlichen Frauschaft – behinderte. „Wir sind, wie wir sind …“
„Eben“, unterstützte sie Eleni, „natürlich, ohne Gesichtslifting und nur jung geblieben durch die kostbare Kosmetik von Yvette Gallo. Und deshalb dürfen auch wir diese Fahrt der Firma als Geschenk genießen.“ Sie ließ sich in der vorletzten Reihe – links Nummer neun und zehn und rechts, über den Gang, Nummer elf und zwölf – auf den freien Sitz am Fenster fallen und die anderen taten es ihr gleich.
„Was habt ihr denn erwartet?“, flüsterte Franca. „Lasst doch die blöden Weiber. Mich interessiert jedenfalls nur der Anblick des gut aussehenden Reiseleiters da vorne.“
„Du und deine Kerle“, lachte Marie, „du kannst das Flirten doch nicht lassen.“
„Außerdem“, fügte Julie spitz hinzu, „ist der doch mindestens fünfzehn Jahre jünger als du.“
Franca zuckte nachlässig mit den Schultern. „Ich weiß nicht, was ihr damit sagen wollt! Er ist doch im besten Frauenalter, n’est-ce pas?“
Die anderen zogen es vor, vielsagend zu schweigen.
Und während alle vier die Polstersitze auf ihre Bequemlichkeit hin ausprobierten, dachte der Reiseleiter momentan nicht an die schwarzhaarige, rassige Italienerin hinter ihm in der vorletzten Reihe, sondern hob die Augen gen Himmel und bat den lieben Gott stumm um Schutz vor Unfällen auf der kurvigen Küstenstraße, vor dem Verlorengehen ihm anbefohlener Schafe und in Grasse um die ausreichende Anzahl der vorbestellten Einzelzimmer. Dann nahm er seufzend das Mikrofon, hielt es vor den Mund, schluckte ein paar Mal und begann seine Antrittsrede:
„Meine sehr verehrten Damen, ich begrüße Sie im Namen von Yvette Gallo und in meinem eigenen – ich heiße Jean Robie und …“
„Ich werd verrückt“, rief Marie überrascht. „Sie heißen ja genauso wie Cary Grant in Hitchcocks frühem Klassiker. Der spielte ja auch sozusagen hier um die Ecke …“
„Ja, klar, ich erinnere mich“, fügte Eleni hinzu, erfreut darüber, dass sie auch mal einen Film kannte, „der hieß: ‚Die Katze auf dem heißen Blechdach‘ …“
„Das, chérie, war die Verfilmung von Tennessee Williams Theaterstück mit Elizabeth Taylor und Paul Newman“, antwortete Marie amüsiert, „und der Kassenschlager der Fünfzigerjahre schlechthin. Der Film, den ich meine, hatte zwar auch etwas mit einer Katze zu tun, aber die kletterte über die Dächer der Luxushotels an der Côte d’Azur und klaute den Schmuck der Schönen und Reichen. Der deutsche Titel lautete: ‚Über den Dächern von Nizza‘ …“
„… und“, ergänzte Julie, die hinter Marie und Eleni saß, „neben Cary Grant spielte Grace Kelly die weibliche Hauptrolle …“
„Grace Kelly, die hier während der Dreharbeiten ihren zukünftigen Mann kennenlernte und von der Schauspielerin zur Fürstin von Monaco mutierte“, beendete Franca die Diskussion. „Und nun lasst den armen Monsieur Robie mal wieder zu Wort kommen.“ Sie lächelte ihn auffordernd an.
Er lächelte erleichtert zurück und nahm das Mikrofon wieder hoch.
„Ich wollte Sie natürlich auch noch im Namen unseres Fahrers Maurice begrüßen, der uns sicher durch die herrliche Landschaft der Côte d’Azur und ihres wilden Hinterlandes chauffieren wird. Wir werden Ihnen während der drei Wohlfühltage viel bieten, und ich hoffe, es ist für jede von Ihnen etwas Schönes dabei: eine abwechslungsreiche Küstenstraße, felsiges Hinterland, Weinberge und romantische alte Villen, für die Belesenen unter Ihnen allen voran die Villa, in der der berühmte deutsche Dichter und Denker Lion Feuchtwanger während der Zeit des Nationalsozialismus Unterschlupf fand. Doch jetzt zu uns selbst. Noch schweigen wir – bis auf ein paar Ausnahmen …“ – und ein vielsagender Blick traf die vier Golden Girls in der vorletzten Reihe – „… vornehm in kühler Zurückhaltung vor uns hin …“ Fröhliches Gelächter von den Plätzen neun, zehn, elf und zwölf, worauf strafende Blicke von den anderen Mitreisenden nach hinten in ihre Richtung schossen. Doch der Reiseleiter lächelte milde und fuhr fort: „Aber ich hoffe, dass wir alle sehr bald zu einer herzlichen Familie zusammenfinden, ohne die sonst dazu gehörenden Unstimmigkeiten. Ich wünsche Ihnen nun vorerst eine gute Fahrt, die wir mit französischen Chansons begleiten werden, denn es tritt eine Redepause von ungefähr zwanzig Minuten ein. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.“ Und damit legte er das Mikrofon aus der Hand und ließ sich aufatmend in der vordersten Reihe neben Maurice, dem Fahrer, nieder.
Der Bus setzte sich in Bewegung, und während Maurice seine weibliche Fracht unter den Klängen von Michel-Sardou-Chansons (auf ausdrücklichen Wunsch zweier Reisegesellschaftsmitglieder von Platz zehn und elf aus der vorletzten Reihe) zwischen schluchtenreichen, eng ineinander geschobenen Kulissen und zerklüfteten purpurroten Felsformationen des Esterelmassivs – „wie aus dem wilden Westen“, konnte sich Eleni nicht verkneifen zu bemerken – über die kurvenreiche Küstenstraße steuerte, ergriff Monsieur Robie, wie angekündigt, nach etwa zwanzig Minuten das Mikrofon und richtete erneut das Wort an seinen Mitreisenden:
„Wir haben Saint-Raphaël erreicht. Bitte alle Blicke nach rechts. Hier, wo sich die bizarren Felsen ins indigoblaue Meer stürzen, viele kleine Buchten bilden und dem fotobegeisterten Betrachter eine Palette eindrucksvoller Farben liefern, kam vor einem guten Jahrhundert ein französischer Wanderklub auf die Idee, die Esterelküste mit ihren haarnadelscharfen Kurven ausbauen zu lassen. Zwischen Saint-Raphaël und La Napoule entstand so die ‚Corniche d’Or‘, und was einst den ein oder anderen Reiter begeisterte, ist längst zu einem beliebten Pfad des modernen Autotourismus geworden. Heute ist … wie bitte?“
„Es zieht von rechts, es zieht direkt in den Nacken!“
„Aha. Ich bitte die Damen auf der rechten Seite, die Fenster zu schließen …“ Der Reiseleiter wischte über sein Mikrofon und fuhr fort: „Also, heute ist die goldene Corniche eine der schönsten Steilstraßen des französischen Südens und das Esterelmassiv ein Paradies für Wanderer.“
„Wetten, dass sich keine unter uns traut, auszusteigen und unser Yvette-Gallo-Geschenk per pedes zu verplempern?“, unterbrach die umfangreiche Französin, deren Füße sich den Gang mit Maries Füßen teilten, überraschend fröhlich und spuckte damit genau auf Jean Robies zeitgeschichtliches Feuer.
Und Eleni brachte es dann vollends zum Erlöschen mit ihrer Bemerkung: „Ich habe vom lauter Hin- und Herschauen mittlerweile einen steifen Hals.“ Worauf alle Businsassinnen zustimmend nickten und ihre Köpfe erleichtert und Nacken reibend wieder in eine gerade Position brachten. Der Reiseleiter ließ sich ergeben zurück auf seinen Sitz fallen und dachte: Mon Dieu, les femmes! Das wird auch diesmal kein leichtes Unterfangen!
Doch im Verlauf der weiteren Fahrt über die kurvenreiche Strecke wehte plötzlich ein lauer Tauwind durch das Businnere, und langsam schmolz ein Teil der Fremdheit – zumindest bei den Damen hinter Eleni und Franca und vor Marie und Julie – dahin. Man reichte bereits Handys von Sitz zu Sitz, auf deren Displays Kinder, Enkelkinder, Vierbeiner und Piepmätze zu sehen waren, die man daheim für die Zeit der Reise in Obhut gegeben hatte. Erfreut kramte nun auch Eleni ihr neues Smartphone aus der Tasche, um ihr griechisches Promenadenpotpourri eines Chihuahua-Dackel-Pinscher-Terrier-Mixes vorzuführen.
„Ist er nicht goldig?“, trompetete sie durch den ganzen Bus. „Er heißt Diogenes, weil ich ihn aus einer alten Tonne auf der Straße von Athen aufgelesen und somit vor der unvermeidlichen Tötungsstation gerettet habe. Und stellen Sie sich vor: Er hat auch noch blinde Passagiere in die Provence mitgebracht, nämlich ein ganzes Bataillon griechischer Flöhe in seinem Fell.“ Sie wollte sich ausschütten vor Lachen. Und bevor eine der Freundinnen sie stoppen konnte, fuhr sie japsend fort: „Hahaha, und dann waren wir allesamt – Vierbeiner wie Zweibeiner – voller hüpfender schwarzer Punkte …“
Die Mitreisenden rückten entsetzt von den Golden Girls ab und hatten sofort den unüberwindlichen Drang, sich überall zu kratzen.
„Bist du verrückt?“, fauchte Franca wütend. „Steck bloß dein Handy wieder weg“, und zu den anderen Mitreisenden: „Keine Angst, Mesdames, das ist schon fast ein Jahr her, und ich kann Ihnen eidesstattlich versichern, wir sind alle uneingeschränkt ungezieferfrei.“
„Mercidanke“, atmete Marie erleichtert auf, „wie stehen wir sonst da? Denn schaut mal, in den vorderen Reihen sitzen die gebotoxten Gesichtsgestrafften und zeigen ihre Fotos nach dem Motto: mein Haus, mein begehbarer Kleiderschrank, meine wertvolle Schmucksammlung. Die kennen Flöhe doch nur vom Hörensagen.“
In diesem Moment erhob sich der Reiseleiter, nahm erneut das Mikrofon vor den Mund und verkündete: „Liebe Schafe … excusez-moi … natürlich Mitreisende“, er grinste jungenhaft, „in Kürze erreichen wir Saint-Tropez, das bis zum Ende der Fünfzigerjahre ein friedliches Fischerdorf war. Doch dann strandete Brigitte Bardot dort und stellte alles auf den Kopf …“
„Entschuldigen Sie, Monsieur Robie“, unterbrach Julie den eifrigen Yvette-Gallo-Hirten des Busses, „soviel ich weiß, strandete sie nicht erst in Saint-Tropez, als ihre Filmgagen in den Fünfzigern gigantische Höhen erreichten, sie wurde schlichtweg hier geboren und hält seitdem in Treue fest an diesem Ort.“
„Ja“, fügte Marie hinzu, „aber in noblerem Ambiente als einst ihre Eltern. Sie bevorzugt den legendären Capon der High Society und besitzt dort zwei Anwesen, ‚La Madrague‘ und ‚La Garrigue‘.“
„Brigitte Bardot hin, Brigitte Bardot her“, ließ sich da die füllige Dame jenseits des Ganges von Marie vernehmen, „man kann jedoch nicht in Saint-Tropez gewesen sein, ohne bei Kiwi reingeschaut zu haben …“
„Was gibt es denn da zu sehen?“, wollte Franca wissen.
