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Kobolde in Auerbachs Hof, Nixen in der Pleiße, Drachen auf Leipziger Dachböden … In dieser Sagensammlung sind spannende Erzählungen aus der langen Geschichte der Stadt nun erstmalig in einem Band zusammengefasst. Von der sagenumwobenen Gründung Leipzigs, Ereignissen während des Dreißigjährigen Krieges und den Wahrzeichen der Stadt ist zu lesen. Aber auch über Schatzsucher, Gespenster und böse Zauberer wurde in Leipzig immer wieder gemunkelt. Der Herausgeber Timo Wildt durchsuchte die klassischen Sammlungen des 19. Jahrhunderts nach Geschichten aus und um Leipzig. Mit 84 Sagen entstand so diese umfangreichste Kollektion ihrer Art. Die Sprache aus der Zeit der Gebrüder Grimm und Abbildungen der alten Stadt geben das Gefühl in diese Epoche einzutauchen und die Stadtgespräche aus erster Hand zu erfahren. Besuchen Sie die geschichtsträchtigen Orte und erleben Sie das sagenhafte Leipzig!
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Aus dem Interesse heraus, mehr über meine Stadt zu erfahren, kam es mir vor einiger Zeit in den Sinn, mich mit der Leipziger Sagenwelt zu beschäftigen. Was ich diesbezüglich in die Hände bekam, war jedoch nur sehr wenig und schon bald machte ich mich selbst daran, die Leipziger Sagen aus dem klassischen deutschen und sächsischen Sagenschatz herauszuarbeiten. Von der Vielzahl der Erzählungen verblüfft und vom Themenreichtum begeistert, beschloss ich diese Sammlung zu veröffentlichen und somit einer breiten interessierten Leserschaft zu eigen zu machen. So entstand die mit 84 Leipziger Sagen umfangreichste Kollektion dieser Art. Um den Charme der Erzählungen möglichst unverfälscht an den Leser zu bringen, wurde die Sprache des 19. und frühen 20. Jahrhunderts weitestgehend beibehalten. Nur wo es urheberrechtlich notwendig war, wurden einige wenige der Sagen umgeschrieben. Interpunktion und Orthografie wurden dabei auf den neuesten Stand gebracht. Eigennamen wurden im Allgemeinen in der heute gebräuchlichen Form wiedergegeben, mundartlich bedingte Eigentümlichkeiten wurden aber beibehalten.
Diese Sammlung soll dazu beitragen, in die Entwicklung und Geschichte der Stadt einzutauchen und diese aus einer ganz anderen Perspektive wahrzunehmen. Sie soll als kleiner Beitrag der Bereicherung unserer kulturellen Vielfalt dienen und interessierten Lesern helfen, etwas mehr über die überlieferten und doch fast in Vergessenheit geratenen landschaftlichen und kulturellen Eigentümlichkeiten verschiedener Epochen unserer Stadt zu erfahren.
Leipzig 2013
Timo Wildt
Die Stadt Leipzig soll nach Einigen ihren Namen daher haben, dass ein gewisser Lybonothes, ein Kriegsfürst jenes Arminius, der den Varus schlug, hier sein stetiges Hoflager gehalten und im Schlosse Aldenburg, nahe dem Ranstädtischen Tore gelegen, da wo die Pleiße und Parthe zusammenkommen, residiert habe. Nach diesem habe es erst den Namen Libonitz, aus dem dann durch Zusammenziehung Lyptz ward, geführt.
Weil aber dieses Wörtchen in wendischer Sprache einen Lindenbusch bedeutet, so haben Andere, wie der Pirnaische Mönch und Erasmus Stella berichtet, dass an dem Orte, wo jetzt die Stadt liege, ursprünglich ein Dorf gewesen und hier unter einem schönen Lindenbaum mit weit ausgebreiteten Ästen ein Abgott der Sorben-Wenden, Namens Flyns gestanden habe, so von schrecklicher Gestalt war, nämlich ein toter Körper mit einem langen Mantel behangen, in seiner Hand einen Stab mit einem brennenden Blasfeuer, auf der linken Schulter einen aufgerichteten Löwen haltend und auf einem hohen Steine stehend.
Der sei hochgeehrt worden, da sie meinten, der Löwe solle sie von den Toten auferwecken. Solchen Abgott hat der heilige Bonifatius im Jahre 728, als er unter den Sorben das Christentum gepredigt, abgeschafft und mit Hilfe frommer Herzen ein Klösterlein und einen Konvent von wenigen frommen Männern, die er von Mainz kommen lassen und in seiner Abwesenheit das Volk im christlichen Glauben erhalten sollten, errichtet. Dieses Kloster, so neben Rochlitz in diesem Lande das erste gewesen, war dem heilige Jacobus geweiht, und erzählt Stella, dass es an dem Zusammenfluss der Pleiße und Parthe gestanden habe und zu seiner Zeit noch einige Mauern davon zu sehen gewesen.
Ob nun wohl die Heiden, nachdem der heilige Bonifatius und seine Jünger Ludgerus, Rupertus und Gallus den Rücken gewendet, alles wieder zerstört haben, ist der Ort gleichwohl von Tage zu Tage gewachsen und von Markgraf Konrad mit Mauern umgeben worden. Seitdem ist der Brauch aufgekommen, dass, wo Kirchen aufgerichtet wurden, man auch gemeiniglich eine oder zwei Linden daneben pflanzte und aufzog, wie auf allen alten Kirchhöfen zu sehen und man selbigen Baum fast für heilig und es für eine Sünde hielt, wenn man solchen im Geringsten beschädigte. Von solchen Pflanzungen ist auch das Dorf Lindenau bei Leipzig entstanden. Überhaupt war die Linde das Zeichen der Freien und Edlen, die Eiche aber das der Knechte.
An erster Stelle der frommen Männer, welche sich dem Werke der Heidenbekehrung mit heiligem Eifer widmeten, stand der in dürftiger Armut lebende Eido. Als dritter Meißener Bischof lief er stets barfuß wie ein Apostel predigend durch sein Bistum. Er erbaute und weihte die Kirche zu Göda und starb zu Leipzig im Jahre 1016. Dem Zeitzer Bischof Hildeward, den man zur Besorgung des Begräbnisses nach Leipzig berief, kamen angenehme Düfte entgegen, als er das Haus betrat, in welchem der heilige Mann aufgebahrt war.
Als Dietrich der Bedrängte im heiligen Land weilte, starb sein älterer Bruder Albrecht zu Leipzig. Kaiser Heinrich, der die Mark Meißen als Reichslehen einziehen wollte, stellte dem Wettiner nach. So wagte es dieser nicht, öffentlich ein Schiff zu besteigen. Da ließ sich Dietrich von seinen Getreuen in ein Fass verspunden, in dem er sich verborgen hielt, bis das offene Meer erreicht ward. So kam er aus der Heidschaft heim in sein Land.
Als Landesherr lag Dietrich der Bedrängte in schweren Kämpfen mit Leipzigs trotziger Bürgerschaft. Als er mit Kaiser Friedrich II. vor den Toren der Stadt stand, ließen die Bürger ihren Herren nur mit wenigen Begleitern ein. Da half sich Dietrich mit alter List. Ruhig und unauffällig zogen einzelne Soldaten bald durch dieses, bald durch jenes Tor und verteilten sich in die Häuser der Stadt. In kriegerischen Zeiten hatten die Bürger aber einen Sammelplatz eingerichtet und dorthin eilten die Verteidiger, wenn die Glocke tönte. Die Glocke aber lies Markgraf Dietrich heimlich entfernen. Dann ließ er die Trompeten blasen, und bei diesem Zeichen stürzte sich jeder seiner Soldaten auf seinen Wirt, nahm ihn gefangen und bemächtigte sich seiner Güter. So ward Dietrich Herr der Stadt Leipzig, des rechten Auges seines Landes.
Der Name dieses Geschlechts kommt nicht vor dem Jahre 1294 vor und da hat dasselbe also seinen Anfang genommen. In der schweren Fehde zwischen Markgraf Albrecht dem Unartigen und seinen Söhnen Friedrich und Diezmann hat ein gewisser Heinrich von Leipzig, sonst auch der Schwarzbürger oder Sterner genannt, bei gedachtem Friedrich seiner sonderlichen Tapferkeit wegen in hohen Gnaden gestanden und ist ein Hauptmann über ein Fähnlein Fußvolk gewesen.
Dieser ist mit seinen Leuten, des Markgrafen ärgstem Feinde, dem Fürsten Eberhard von Anhalt, bei nächtlicher Weile ins Lager bei Dommitzsch gefallen und hat ihm den Schlaf aus den Augen gewischt, also dass fast Herr und Knecht hierüber daraufgegangen sind, hat auch dem andern Kriegsvolk Tor und Türe zur Schanze geöffnet, die denn obgedachtem Leipziger samt seinen Soldaten treulich und in Eile beigesprungen, nachgedrängt, den Fürsten aus der Schanze geschlagen und zur Schlacht gereizt, also dass damals über vier Tausend der Feinde auf der Wahlstatt geblieben, die andern aber nebst dem Fürsten in die Flucht getrieben worden sind, denen Heinrich von Leipzig also streng zugesetzt und sie herumgetrieben hat, dass er auch den Fürsten von Anhalt zur Haft gebracht und ihn dem Markgrafen überantwortet hat.
Wegen solcher mannhaften Tat hat der Fürst den Heinrich von Leipzig also begnadigt, dass er ihn zum Ritter geschlagen, und ihm ein neues Wappen, darin ein springender Fuchs auf dem Schwanz mit etlichen Hahnenfedern besteckt zu sehen ist, gegeben, ohne Zweifel darum, dass er als ein listiger Fuchs sich in die Schanze geschlichen und darauf als ein freudiger Hahn Leib und Leben gewagt, hat ihn auch mit einem Landgut nicht weit von Leipzig gelegen beschenkt.
Als die deutschen Könige Adolf und Albrecht den Wettinern ihre Lande zu entreißen strebten, verübte ihr Kriegsvolk, namentlich die Schwaben, furchtbare Gräuel und an jene Zeit erinnerte noch nach Jahrhunderten das Sprichwort:
„Schwaben und Schaben verderben Land und Gewand.“ Wie nun aber endlich im Jahre 1307 die Fürsten Friedrich und Diezmann die plündernden Scharen bei Lucka (nördlich von Altenburg), vornehmlich mit Hilfe der Bürger und Bauern, aufs Haupt schlugen, da kam im Lande das Wort auf:
„Es wird dir gehen wie den Schwaben vor Lucka“, oder wie es später lautete: „es wird dir gelucken, wie den Schwaben bei Lucken.“ Vor der Schlacht aber soll Friedrich der Freidige auf dem Marktplatze zu Leipzig eine ermutigende Ansprache an die Bürger gehalten und dann zu seinem Leibdiener, der ihm den Harnisch anschnallte, gesagt haben: „Binde heut drei Land auf oder gar keins!“
Ein alter Vers davon lautet also:
„Heute binde ich auf Meißen,
Düringen und Pleißen,
Und alles was meiner Eltern je gewart.
Gott helfe mir auf dieser Fahrth:
Als wir vor Gott recht haben,
Also reit ich wieder die Schwaben
Und will ich sie übern Haufen schlagn,
Und aus dem Lande Meißen jagn.“
Diezmann, Markgraf zu Thüringen und Sachsen, und Friedrich der Gebissene, sein älterer Bruder, wurden von Philipp von Nassau, Feldherrn des kaiserlichen Heeres in Thüringen, ins Geheim verfolgt, da dieser durch der Brüder ruhmreiche Waffentaten seine Hoffnung schwinden sah, einst in den Besitz ihrer vom Kaiser Albrecht ihm versprochenen Länder zu gelangen. Dem edlen Diezmann, der ihn mehrfach schimpflich aus dem Felde geschlagen, strebte er zunächst nach; indes stand diesem ein entschlossener krieggeübter Schildknappe, Namens Stephan, der dem geliebten Herrn schon in mehreren Schlachten das Leben gerettet, stets wachend zur Seite. Markgraf Diezmann hatte die Lande Lausitz an den Markgrafen von Brandenburg abgetreten und sich im Dezember des Jahres 1307 nach Leipzig auf die Pleißenburg begeben, um hier in frommer Betrachtung die Weihnachtszeit zu vollbringen. Die Feiertage naheten, da wurde ihm zur Büßung eines Fehltritts von seinem Beichtvater der Besuch dreier Messen auferlegt. Vergeblich war das Bedenken seiner Umgebung gegen diese Buße, wie die Warnung der markgräflichen Freunde in den mahnenden Worten des alten Spruches: „Eine zweite Messe gut zur Not, doch eine dritte bringt den Tod.“
Der edle Fürst furchtlos und keine Gefahr ahnend verfügte sich ohne alle Begleitung nach dem Gotteshause, der auferlegten Pflicht Genüge zu tun. Er hatte die Haintorkapelle, so wie die Pauliner Kirche bereits verlassen und den Weg nach der Thomaskirche eingeschlagen, als er im Morgengrauen einen vermummten Ritter hinter sich gewahrte. Ihm zu entgehen spornt er sein Ross mächtiger, so dass ein Hufeisen desselben weit bis zur Nicolaikirche fliegt, und gelangt so in die menschenerfüllte Kirche, wo er auf den Stufen des Altars niedersinkt. Der ihm zu Fuße nacheilende getreue Schildknappe konnte leider nicht mehr in seine Nähe kommen. Kaum hat nun der Lobgesang: „Benedictus, qui venit in nomine Domini!“ begonnen und die Kerzen sind ausgetan, als ein raschgeführter Dolchstich seines nächtlichen Verfolgers ihn zu Boden streckt. Diezmann starb einige Tage darauf, standhaft und fromm in seinem 37. Jahre und wurde in der Paulinerkirche fürstlich beigesetzt.
Von dem auf die Folter gelegten Mörder war indes weder zu erfahren, wer er sei, noch wer ihn gedungen. Man hielt ihn für den der kaiserlichen Partei ergebenen Abt von Pegau, dessen Kloster die Diezmannschen Truppen eingeäschert hatten. Er wurde mit glühenden Zangen zerrissen und gerädert.
Philipp den Nassauer, einen Sohn Adolfs von Nassau, traf die wütende Hand Markgraf Friedrichs, der ihn erschlug im Gefecht zu Borna, bei der schmählichen Niederlage der Bayern und Schwaben.
