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Immer wieder wird über den ›Kanon‹ gestritten, darüber, was in ein gut sortiertes Bücherregal gehört. Reclams »Leseliste« bietet hier eine pragmatische Hilfestellung: Der Band nennt auf aktuellstem Stand rund 600 Titel der deutschen und der Weltliteratur – vom »Hildebrandslied« bis zu Juli Zehs »Unterleuten«, vom »Gilgamesch-Epos« bis Saša Stanišićs »Herkunft« – und gibt mit Stichworten und Daten einen ersten Überblick über die jeweilige historische Bedeutung und Eigenart des Werks. Zusammengestellt von Sabine Griese, Hubert Kerscher, Albert Meier: Expertinnen und Experten für deutsche Literaturwissenschaft in den Bereichen Mediävistik, ältere deutsche Sprache und neuere deutsche Sprache.
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Seitenzahl: 141
Veröffentlichungsjahr: 2020
Sabine Griese / Hubert Kerscher / Albert Meier
Die Leseliste
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Reclam
2020 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2020
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961711-4
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-017692-4
www.reclam.de
Ein kultivierter Mensch muss nicht alle Bücher durchgelesen haben.
René Descartes
Die Zusammenstellung versteht sich nicht als Bestenliste, die das Gelungene vom Wertloseren scheidet. Der Auswahl liegt vielmehr die Frage zugrunde, von welchen Autoren und Werken her ein zuverlässiger, fachwissenschaftlich verantwortbarer Einstieg in den Entwicklungsgang namentlich der deutschen Literatur zu finden ist. Damit wird die Konsequenz aus dem zentralen Ergebnis des Dauerstreits um Berechtigung und Möglichkeit eines literarischen Kanons gezogen: dass das Kriterium des künstlerischen Rangs nicht brauchbar ist. Jeder Versuch nämlich, einen Katalog des ästhetisch Vorbildlichen zu präsentieren, wäre von vornherein zum Scheitern verurteilt, weil es der Selektion an konsensfähigen Normen fehlen müsste. Nicht um künstlerische Dignität kann es daher gehen, sondern allein um den Gebrauchswert. Im Rahmen einer insgesamt noch überschaubaren Zahl von Titeln werden diejenigen Epochen, Gattungen, Stilrichtungen, Motive und Autoren erfasst, die im literaturgeschichtlichen Rückblick als besonders zeittypisch bzw. folgenreich auffallen.
Diese Konzeption reagiert vor allem auf die Orientierungsbedürfnisse derer, die nicht ausschließlich zur Unterhaltung und zum poetischen Genuss, sondern mit fachlichem Interesse lesen wollen. Gedacht ist in erster Linie an Studierende der Germanistik und überhaupt an alle, die sich von Berufs wegen mit Literatur befassen. Diese pragmatische Ausrichtung erklärt des Weiteren auch das Festhalten an herkömmlichen Epochenbegriffen (etwa ›Barock‹), denen kraft Tradition eine gewisse Neutralität eignet. Ähnliches gilt für die Behandlung fremdsprachiger Autoren und Werke: Da die deutschsprachige Literatur im Mittelpunkt steht, können die anderen Literaturen nur in perspektivischer Verkürzung berücksichtigt werden; aus den gleichen Umfangsgründen war zugleich die rigorose Beschränkung auf wenige Nationalliteraturen nicht zu vermeiden (dass etwa Italien Berücksichtigung findet und die Niederlande nicht, rechtfertigt sich in erster Linie durch die wesentlich intensivere und dauerhaftere Einwirkung italienischer Dichtung auf die deutsche).
Die Werke sind in chronologischer Folge gereiht: nach dem Zeitpunkt ihrer Entstehung (abgekürzt: Entst.) bzw. des Erstdrucks (ED) oder der Uraufführung (UA); bei nichtdeutschen Titeln wird zusätzlich das Jahr der ersten (vollständigen oder teilweisen) Übersetzung ins Deutsche angegeben (EÜ). Ursprünglich nicht in lateinischer Schrift verfasste Literatur (Sanskrit, Griechisch, Arabisch, Kyrillisch) wird anhand der etablierten Eindeutschung verzeichnet.
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Gegenüber der Erstfassung dieser Leseliste von 1994 ist die Neubearbeitung einerseits spürbar gestrafft worden (dies gilt für Streichungen en détail ebenso wie für die Einteilung en gros); um die literarischen Entwicklungen seitdem abzubilden, hat sie jedoch zugleich erhebliche Erweiterungen erfahren (durchaus im Bewusstsein, dass die Entscheidungen umso fragwürdiger werden, je mehr man sich der Gegenwart nähert).
Entst.: um 840 – ED: Würzburg 1729
Unikal überliefertes Fragment eines Heldenliedes in 68 althochdeutschen Stabreimversen; schildert als einziger Zeuge der einst reichen Heldendichtung (mündlich tradiert), wie Hadubrand, der seinen heimgekehrten Vater Hildebrand nicht erkennt, diesem im Kampf begegnet (eine spätere nordische Parallelüberlieferung legt nahe, dass Hildebrand seinen Sohn tötet).
Entst.: zwischen 863 und 871 – ED: Königsberg 1831
Evangelienharmonie in fünf Büchern, die zum ersten Mal in der deutschen Sprache das Leben Jesu bis hin zum Jüngsten Gericht erzählt und theologisch auf hohem Niveau kommentiert.
Entst.: vor 1147 – ED: Wien 1849
Frühmittelhochdeutsche Reimchronik, die in der Parallelisierung von Papst- und Kaisergeschichte eine Chronikerzählung von Caesar bis Kaiser Konrad III. bietet; selbständige Verarbeitung unterschiedlicher Quellen (u. a. Legendenliteratur).
Entst.: um 1150/60 – ED: Wien 1849
Erste deutsche Alexander-Dichtung, die in Bearbeitung einer französischen Quelle die Lebensgeschichte des antiken Herrschers in welt- und heilsgeschichtlicher Dimension vorstellt; der Überlieferungszusammenhang (Vorauer Sammelhandschrift) präsentiert Geschichtsdichtung als Ergänzung des Bibelwissens.
Entst.: 1172 (?) – ED: Göttingen 1838
Deutsche chanson de geste-Dichtung in Reimpaaren nach französischer Vorlage; schildert die Auseinandersetzung Karls des Großen mit den heidnischen Sarazenen in Spanien, wobei Karls Neffe Roland den Märtyrertod erleidet (Bezug zur zeitgenössischen Kreuzzugsthematik, legendenhafte Elemente).
Entst.: um 1180 – ED: Berlin 1784
Religiöse Exempeldichtung, die nach dem Modell des biblischen Hiob den Weg des zunächst glücklichen Ritters Heinrich ins Unglück (Aussatz) schildert; erst nach dem Akzeptieren seines Leids als gottgewollte Prüfung und der Zurückweisung des Blutopfers eines nichtadeligen Mädchens wird er geheilt.
Entst.: vollendet 1184/86 – ED: Berlin 1783
Höfischer Versroman nach französischer Vorlage (um 1160); erzählt von dem aus Troja vertriebenen Eneas, der über Karthago (Dido-Episode) auf Geheiß der Götter nach Italien zieht, wo er Rom gründen soll, und interpretiert Vergils Aeneis unter Betonung von Minne und Landesherrschaft neu.
Entst.: um 1180/90 – ED: Leipzig 1839
Begründet die aus Frankreich übernommene Gattung des Artusromans in deutscher Sprache (freie Bearbeitung von Chrétiens Erec et Enide); erzählt wird der zweimalige Weg des Artusritters Erec von Unehre zu Anerkennung am Hof (Symbolstruktur des doppelten Kursus, Artushof als Wertezentrum).
Entst.: zwischen 1195 und 1230 – ED: Zürich 1758/59
Sangbare Dichtungen in drei Gattungen: Minnelyrik in unterschiedlichen Konzeptionen (Hohe Minne, Mädchenlieder); Sangspruchdichtung mit ethischer, religiöser und politischer Zielsetzung und Unterweisung (u. a. Reichston); geistliche Lieder (Elegie), darunter auch eine musikalisch-textliche Großkomposition zur Verherrlichung der göttlichen Dreieinigkeit und Marias (Leich).
Entst.: um 1200 – ED: Zürich 1757 (Auszug); Berlin 1782 (vollständig)
Strophisches Heldenepos, das vom heldenhaften Siegfried (Eroberung Brünhilds für Gunther, Heirat mit Kriemhild, Ermordung durch Hagen) sowie vom Untergang der Burgunden am Hofe Etzels erzählt; das Lied bildet eine feste Textgemeinschaft mit der Klage, wo es in Fortführung der Handlung zur christlichen Bewältigung der Trauer kommt.
Entst.: 1200–10 – ED: Straßburg 1477
Gral-Roman, der im Unterschied zu seiner französischen Hauptvorlage (Chrétien: Le conte du Graal) die religiöse Thematik betont (Sünde, Schuld und Erlösung); begründet in der Parallelführung des weltlich orientierten Ritters Gawan und des auf religiöses Gralkönigtum ausgerichteten Parzival eine neue Idee der Ritterschaft.
Entst.: um 1210 – ED: Berlin 1821
Unvollendeter Minneroman nach der französischen Vorlage des Thomas von Britannien, der den Konflikt zwischen dem individuellen Recht auf Liebeserfüllung und den Konventionen der Gesellschaft gestaltet; den Erzählschluss (der Tod vereint die Liebenden) bieten erst die beiden Fortsetzungen (um 1230–35 bzw. um 1280–90).
Entst.: zwischen 1204 und 1230 – ED: Berlin 1819
Französisch beeinflusster Artusroman; handelt von Gaweins Sohn Wigalois, der eine Reihe von Rettungs- und Erlösungsaventiuren besteht, und ergänzt den höfischen Verhaltenskodex um die religiöse Komponente.
Entst.: zwischen 1210 und 1240 – ED: Zürich 1758/59
Sommer- und Winterlieder (unterschieden nach ihrem Natureingang) situieren die Begegnung von Mann und Frau in landadelig-bäuerlicher, d. h. nichthöfischer Sphäre (Tanz und Spiel; Werben des Ritters um Minne und Konkurrenz der Bauernburschen, Weltabsage und Zeitkritik).
Entst.: zwischen 1220 und 1235 – ED: Basel 1474
Bedeutendstes Rechtsbuch des Mittelalters (mehrfach überarbeitet und ergänzt); aufgeteilt in Land- und Lehnrecht, werden sowohl bäuerliche als auch ritterliche Belange des Besitz- und Strafrechts geregelt.
Entst.: um 1230 – ED: Leipzig, um 1490
Sammlung von Reimpaarsprüchen mit typbildender Wirkung: Aussagen über Gott und Fragen der Dogmatik, Tugenden und Laster, menschliches Verhalten, Kirchenkritik.
Entst.: zwischen 1250 und 1282 – ED: Regensburg 1869
Offenbarungsschrift (Prosa vermischt mit Versrede und Dialogen) einer Mystikerin, auf Anregung ihres dominikanischen Beichtvaters Heinrich von Halle verfasst; Mechthild schildert in sieben Büchern Visionen, Erfahrungen und Gespräche mit Gott und thematisiert vor allem die brautmystisch geprägte Gottesliebe, Hölle und Fegefeuer.
Entst.: um 1260 – ED: Berlin 1784
Verserzählung; verarbeitet unter bewusster Anlehnung an Gottfried von Straßburg das verbreitete Motiv vom gegessenen Herzen des Geliebten zum Zweck höfisch-geselliger Erbauung.
Entst.: um 1280 – ED: Wien 1839
Verserzählung zum Thema ›Ordo‹; der junge Bauernsohn Helmbrecht will Ritter werden, verlässt seine Familie und seinen Stand, schließt sich Raubrittern an und wird zuletzt für sein hochmütiges Handeln mit dem Tode bestraft.
Entst.: 1290–1300 – ED: Frankfurt a. M. 1549
Umfangreichste mittelhochdeutsche Lehrdichtung; verbindet Sünden- und Zeitklage, ethische Unterweisung und Bußpredigt zu einem popularisierenden Wissenskompendium (Verarbeitung der Bibel, antiker und mittelalterlicher Autoritäten, von Fabeln, Schwänken und Sprichwörtern).
Entst.: 1308/1314 (?) – ED: Leipzig 1857
Geistliches Trostbuch in drei Teilen, das aus dominikanischer Perspektive darlegt, was den Menschen wahrhaft trösten kann; als wahrer Trost gilt die mystische Gotteserfahrung.
Entst.: um 1330 – ED: Zürich 1758/59
Bedeutendste Sammlung sangbarer Lyrik des Hoch- und Spätmittelalters (Leichs, Minnelieder, Sangsprüche, zusammen rund 6000 Strophen), die auch als ›Große Heidelberger Liederhandschrift‹ bekannt ist; enthält Werke von rund 140 Dichtern der Zeit zwischen 1150 und 1330.
Entst.: erste Hälfte 14. Jh. – ED: Quedlinburg 1841
Geistliches Schauspiel um das Ostergeschehen (lateinisches Szenengerüst und deutsche Reimpaare); ergänzt den Besuch der drei Frauen am Grab Jesu (visitatio sepulchri) durch Höllenfahrt, Seelenfang durch Teufel (mit Ständesatire) sowie ein derb-komisches Krämerspiel.
Entst.: 1401 – ED: Bamberg, um 1462/63
Streitgespräch in Prosa zwischen einem Witwer und dem Tod über das zu frühe Sterben der Ehefrau, das sich zur Erörterung über den Sinn von Leben und Tod allgemein ausweitet; im 33. Kapitel spricht Gott abschließend dem Tod zwar den Sieg, dem Ackermann aber Ehre zu.
Entst.: um 1408–10 – ED: Stuttgart/Tübingen 1851
Dreiteilige Lehrdichtung in Form einer komischen Bauernhandlung; führt an der Liebes- und Hochzeitsgeschichte des Bertschi Triefnas und der Mätzli Rüerenzumph der welte lauff vor (satirisch gebrochene Weltbeschreibung und lehrhaftes Kompendium).
Entst.: zwischen 1410 und 1430 – ED: Innsbruck 1847
Autobiographische Erzählungen und Reflexionen, geistliche, Reise- und Liebeslieder (ein- und mehrstimmig); darüber hinaus lehrhafte Genreszenen in facettenreicher, bildkräftiger, oft lautmalerischer Sprache.
Entst.: 1456 – ED: Augsburg 1474
Prosaroman nach einer französischen Versvorlage, die ein bekanntes Märchenmotiv verarbeitet: Der Bruch eines Versprechens lässt die merfaye Melusine wieder in das Feenreich zurückkehren; einer ihrer zehn Söhne ergründet schließlich das Geheimnis der Vorfahren.
Entst.: zwischen 1482 und 1493 – ED: Nürnberg, um 1520/21
Nürnberger Fastnachtspiel; verarbeitet den im ganzen Mittelalter deutsch wie lateinisch beliebten und in verschiedenen Gattungen behandelten Stoff um den weisen König Salomon und den listigen Bauern Markolf (versutia besiegt sapientia).
ED: Basel 1494
Moralsatire, die in einer Revue von 111 Narrengestalten menschliches Fehlverhalten vorführt, ohne einen Stand oder eine soziale Gruppe zu verschonen; wirkt im europäischen Bereich vor allem durch die lateinische Version Jakob Lochers (Stultifera navis) von 1497.
ED: Straßburg 1510/11 (unvollständig erhalten); Straßburg 1515
Schwankroman in etwa 100 ›Historien‹ des Schalks Eulenspiegel (Anordnung nach biographisch orientiertem Grundmuster); zeigt die Fragwürdigkeit der alltäglichen Lebenswirklichkeit auf.
ED: Wittenberg 1520
Reformatorischer Traktat; Rechtfertigung aus Gnade befreit den Glaubenden vom Zwang der Mitwirkung am Heil und ermöglicht selbstlosen Dienst am Nächsten.
ED: Straßburg 1521
Vier Prosadialoge nach dem Vorbild Lukians (120–180 n. Chr.), die in aggressiver Sprache die Missstände innerhalb der Geistlichkeit und die Unterdrückung der deutschen Nation anklagen; Hutten wird damit zum Mitstreiter Luthers.
ED: Straßburg 1522
Sammlung von 693 kurzen Prosaerzählungen in lockerer Reihung; gibt unter der Überschrift von schimpff (›Scherz‹) oder von ernst belehrende Beispiele zur Unterhaltung von Klosterfrauen bzw. zur Benutzung durch den Prediger (Vorrede).
UA: Nürnberg, 8. 10. 1550 – ED: Nürnberg 1561
Fastnachtspiel in 300 Knittelversen; infolge einer Wort-Verwechslung (›Paris‹/›Paradies‹) treibt ein fahrender Schüler seine Späße mit einer Bäuerin und ihrem Mann, wobei sich der Bauer als einfältig, geizig und feige erweist.
ED: Straßburg 1575
Moralsatirischer Roman (erweiternde Bearbeitung des ersten Buchs von Rabelais’ Gargantua) über Ausbildung und Leben des Riesen-Sohnes Gargantua; attackiert zeittypische Laster (Fress-, Trunksucht) in experimentellem Sprachstil (lautmalend, Reihung von Homonyma und Synonyma u. a.).
ED: Frankfurt a. M. 1587
Prosaroman in drei Teilen, der die Faust-Gestalt in die Literatur einführt; schildert Fausts Disputation mit dem Teufel, Weltreisen und eine Folge von Schwänken unter Einarbeitung von reformatorischer Theologie und populären reformatorischen Schriften.
ED: Magdeburg 1595
Didaktisches Tierepos in der Tradition des Reinke de Vos (1498), das die pseudohomerische Epenparodie Batrachomyomachia (›Der Froschmäusekrieg‹; 3. Jh. v. Chr.), Fabelstoffe aus dem Schulbetrieb, Luthers Tischreden sowie die Bibel verarbeitet; Parodie auf die humanistische Gelehrsamkeit am Ende des 16. Jh.
UA: Augsburg, 2. 7. 1602 – ED: München 1666 – EÜ: Cenodoxus, Der Doctor von Pariß, München 1635 (Ü: Joachim Meichel)
Neulateinisches Jesuitendrama, das die Legende des hl. Bruno zur gegenreformatorischen Glaubenspropaganda nutzt; die Darstellung des lasterhaften Lebens eines scheinfrommen Gelehrten will zur Absage an weltliches Treiben motivieren.
ED: Brieg/Breslau 1624
Bis ins frühe 18. Jh. maßgebende Regel-Poetik, die die deutschsprachige Dichtung in kulturpatriotischer Absicht auf die klassizistischen Konventionen der romanischen Literaturen verpflichtet (auch auf Deutsch soll Hochstil-Dichtung möglich sein).
ED: Rinteln 1631 – EÜ: Bremen 1647 (Ü: Johann Seifert)
Richtungweisende Schrift (›Rechtliches Bedenken‹) im Kampf gegen Aberglauben und Intoleranz (scharfe Verurteilung der gängigen Urteilspraxis in Hexenprozessen; Ablehnung der Folter).
ED: Lissa 1637
Weltanschauliche Lyrik in formaler Übereinstimmung mit Opitz’ Buch von der Deutschen Poeterey; bereits repräsentativ für Gryphius’ dominierende Thematik: Vanitas-Klage, verbunden mit dem Verweis auf jenseitige Erlösung (vgl. Vanitas, vanitatum et omnia vanitas; Menschliches Elende; Trawrklage des verwüsteten Deutschlands).
ED: Amsterdam 1645
Galanter Roman mit Schäferszenen; reflektiert gesellschaftliche Probleme des ›konfessionellen Zeitalters‹: Die Verbindung zwischen dem protestantischen schlesischen Dichter Markhold und der katholischen Venezianerin Rosemund scheitert am Gegensatz ihrer religiösen Bekenntnisse.
ED: Köln 1649
Sammlung geistlicher Lieder und Gedichte; verbindet die national-poetische Intention (Dichtung in deutscher Sprache) mit katholisch-gegenreformatorischen Glaubensinhalten (volkssprachliche Erbauungslyrik).
ED: Hamburg 1649–52
Sammlung von Kriminalerzählungen in novellistischer Tradition; schildert lasterhaftes Handeln anhand von meist historischen Ereignissen in moraldidaktischer Absicht (Abschreckung durch Darstellung der strafenden Vorsehung).
Erste bezeugte Aufführung: Köln 1651 – ED: Frankfurt a. M. 1650
Historisches Trauerspiel in klassizistischer Regelhaftigkeit, das Grundprinzipien des lutheranischen Weltbildes inszeniert (Antithese von vanitas und aeternitas): Der Sturz des byzantinischen Kaisers Leo V. durch Michael Balbus am Weihnachtsabend 820 macht das irdische Leben als beständigen Wechsel von Aufstieg und Fall bewusst und verweist zugleich auf jenseitiges Heil; in politischer Hinsicht plädiert das Stück für den strikten Absolutismus im Sinne Luthers.
ED: Wien 1657
Auf mystische Traditionen (von Meister Eckhart bis Jakob Böhme) rekurrierende Sammlung zwei- bis vierzeiliger Aphorismen, die den antithetisch-paradoxen Charakter barocker Weltanschauung zum Ausdruck bringen.
ED: Nürnberg/Bayreuth 1662
Sammlung religiöser Lyrik ›zu Gottseeligem Zeitvertreib‹; gestaltet die lutheranisch geprägte Gotteserfahrung in drastischer Bildlichkeit nach dem Muster der erotischen Barock-Dichtung als Liebeserlebnis der gläubigen Seele.
ED: [Berlin] 1666/67
Sammlung geistlicher Lyrik (mit Vertonung), herausgegeben von Johann Georg Ebeling; enthält 120 teilweise bereits 1648 veröffentlichte Kirchenlieder, die noch heute für den lutherischen, teils auch für den katholischen Kirchengesang von Bedeutung sind (z. B. O Haupt voll Blut und Wunden).
Erste bezeugte Aufführung: Breslau 1668 – ED: Breslau (?) 1657
Komödie in Anlehnung an das Zwischenspiel in Shakespeares A Midsummer Night’s Dream, das englische Wanderbühnen popularisiert hatten; Parodie auf das dilettierende Handwerkertheater und die Meistersinger-Praxis, um an deren satirischer Karikatur die Normen wahrer Poesie aufzuzeigen.
ED: Nürnberg 1669 (richtig: 1668)
Allegorisch überhöhter Schelmenroman; zeigt in der autobiographisch erzählten Lebensgeschichte des vermeintlichen Hirtenknaben Simplicissimus verschiedene Verhaltensmuster vor dem konkreten Hintergrund des 30-jährigen Krieges (Gegensatz zwischen ›Gott‹ und ›Welt‹); erzähltechnisch dem französischen ›roman comique‹ sowie dem spanischen Pikaro-Roman verpflichtet.
UA: Breslau 1669 – ED: Breslau 1680
Alexandrinertragödie in fünf ›Abhandlungen‹, die das individuelle Handeln im Bezug auf das ›Verhängnis‹ problematisiert (Abkehr von der auf Transzendenz ausgerichteten Märtyrerdramatik); erklärt das neustoizistische Ideal der Affektbeherrschung zur Voraussetzung politischen Erfolgs (Vernunft als handlungsleitendes Prinzip).
ED: Breslau 1679/80
