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Anno Domini 1125: Markgraf Leopold III. hat sich durch die Heirat mit der Kaisertochter Agnes das Wohlwollen der Kirche gesichert. Alle Völker des Reiches erkennen seine Herrschaft an, einzig die Menschen des südlichen Berglands widersetzen sich seinem Willen. Als Anna, die Kaufmannstochter, auf ihrem Hochzeitszug Leopolds Land durchquert, begibt sie sich arglos in die Hände eines awarischen Führers. Geblendet von der Anziehungskraft des Fremden tappt sie in einen Hinterhalt. Räuber überfallen die Reisenden und verschleppen Anna in die Wälder. Sie glaubt sich verloren, wird aber von einer unbekannten Frau gerettet. Gemeinsam durchqueren sie die Wildnis und erreichen das Land Bethenlan. Entsetzt erkennt Anna in seinen Bewohnern Heiden, die in ihrer Ankunft ein Zeichen der Muttergöttin sehen und sie zwingen, tiefer in das verwunschene Land vorzudringen. In seinem Zentrum erhebt sich der Muhmenberg, wo die Muhme als oberste Priesterin Anna erwartet. Gulda, die Muhme, führt die widerstrebende Anna in ihr geheimes Wissen ein. Die Zeit drängt: an den Grenzen Bethenlans versammeln sich Leopolds Söldner, um den Heiden, ihren Geistern und Göttinnen den Garaus zu machen.
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Seitenzahl: 623
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Manfred Goak wurde 1970 in Lilienfeld geboren und wuchs in Bethenlan auf. Seit geraumer Zeit lebt er in Salzburg und arbeitet als Chemieingenieur. 2011 hat er mit „Einkaufen mit Frau G" (erschienen im arovell Kulturverlag) seinen Erstlingsroman veröffentlicht. Seither ist er dem Schreiben verfallen. Zurzeit arbeitet er an einem historischen Roman, dessen Handlung in Salzburg angesiedelt ist.
Anno Domini 1125: Markgraf Leopold III. hat sich durch die Heirat mit der Kaisertochter Agnes das Wohlwollen der Kirche gesichert. Alle Völker des Reiches erkennen seine Herrschaft an, einzig die Menschen des südlichen Berglands widersetzen sich seinem Willen.
Als Anna, die Kaufmannstochter, auf ihrem Hochzeitszug Leopolds Land durchquert, begibt sie sich arglos in die Hände eines awarischen Führers. Geblendet von der Anziehungskraft des Fremden tappt sie in einen Hinterhalt. Räuber überfallen die Reisenden und verschleppen Anna in die Wälder. Sie glaubt sich verloren, wird aber von einer unbekannten Frau gerettet. Gemeinsam durchqueren sie die Wildnis und erreichen das Land Bethenlan. Entsetzt erkennt Anna in seinen Bewohnern Heiden, die in ihrer Ankunft ein Zeichen der Muttergöttin sehen und sie zwingen, tiefer in das verwunschene Land vorzudringen. In seinem Zentrum erhebt sich der Muhmenberg, wo die Muhme als oberste Priesterin Anna erwartet.
Gulda, die Muhme, führt die widerstrebende Anna in ihr geheimes Wissen ein. Die Zeit drängt: an den Grenzen Bethenlans versammeln sich Leopolds Söldner, um den Heiden, ihren Geistern und Göttinnen den Garaus zu machen.
Anno Domini 1125: Markgraf Leopold III. hat sich durch die Heirat mit der Kaisertochter Agnes das Wohlwollen der Kirche gesichert. Alle Völker des Reiches erkennen seine Herrschaft an, einzig die Menschen des südlichen Berglands widersetzen sich seinem Willen.
Als Anna, die Kaufmannstochter, auf ihrem Hochzeitszug Leopolds Land durchquert, begibt sie sich arglos in die Hände eines awarischen Führers. Geblendet von der Anziehungskraft des Fremden tappt sie in einen Hinterhalt. Räuber überfallen die Reisenden und verschleppen Anna in die Wälder. Sie glaubt sich verloren, wird aber von einer unbekannten Frau gerettet. Gemeinsam durchqueren sie die Wildnis und erreichen das Land Bethenlan. Entsetzt erkennt Anna in seinen Bewohnern Heiden, die in ihrer Ankunft ein Zeichen der Muttergöttin sehen und sie zwingen, tiefer in das verwunschene Land vorzudringen. In seinem Zentrum erhebt sich der Muhmenberg, wo die Muhme als oberste Priesterin Anna erwartet.
Gulda, die Muhme, führt die widerstrebende Anna in ihr geheimes Wissen ein. Die Zeit drängt: an den Grenzen Bethenlans versammeln sich Leopolds Söldner, um den Heiden, ihren Geistern und Göttinnen den Garaus zu machen.
Für meine Großmutter
... und all die Muhmen, die vor ihr waren und nach ihr kommen werden!
Bethenlan — das Land der Muhme
(Frejaland in der Sprache der Bajuwaren)
Flüsse und Seen in Bethenlan
Arlaffe — Erlauf
Danu — die Donau in der Sprache von Bethenlan
Gölsna — Gölsen
Muminlachan — Erlaufsee
Pielancha — Pielach
Tragisama — Traisen
Berge, Pässe und Täler in Bethenlan
Berg Gottawah — Göttweiger Berg, an der Donau gelegener Heiliger Berg, durch die Awaren und später die Christen entweiht
Eejtscha — Ötscher, höchster Berg Bethenlans und von mystischer Bedeutung
Goasseban — Geiseben, Höhenzug zwischen dem Traisen- und dem Pielachtal
Gschoranda — Gscheid, Pass vom Traisental in die Terz und ins Halltal
Hallaglan – Halltal
Mohri — Morigraben, Pass zwischen dem Traisental und Kirchberg
Mons Mukgna — Muckenkogel
Mons Muminalbe — Gemeindealpe, Heiliger Berg der Muhme
Terz — Talgrund zwischen dem Halltal und dem Gscheid
Wichtige Siedlungen in Bethenlan
Cella — Mariazell, zentrales Quellheiligtum in Bethenlan, entwickelte sich später zu einem bedeutenden christlichen Pilgerziel
Dürnitze — Türnitz
Hoher Berg — Hohenberg
Liliental — Lilienfeld
Tannberg — Annaberg
Trauch — Trauch
Weitere Begriffe in der Sprache von Bethenlan
Bel-tscha — Auerochsenkuh
Ginsert an der Urleiten — das Labyrinth, heute der Kraftplatz hinter Annabergs Kirche
Goass — Heiliger Ort mit einem Tabu belegt
Hindin — Hirschkuh
Kar-leu — Höhlenlöwe
Karrana — Wisent
Men-an-tol — die Grenzsteine, die das Reich der Muhme bewachen
Magyarok — Land der Ungarn, auch Magyaren genannt
Ur-tscha — Auerochse
Tarama — Wiesel
Das Land der Awaren
Awarna — Awaren in der Sprache Bethenlans, Reitervolk aus Asien
Chirichperg — Kirchberg, Winterlager der Awaren
Khagan — Khan, Herrscher der Awaren
Kurghan — Lager der Awaren in Chirichperg
Targil — Feuerstelle, übertragen Wohnzelt
Das Reich der Babenberger
Bajuwaren — Bayern
Städte und Siedlungen im Reich der Babenberger
Linze — Linz
Medilica — Melk
Neuburg — Klosterneuburg
Padun — Baden
Traisma — St. Pölten; in den Erzählungen der Muhme Cetium genannt
Willehalmsburg — Wilhelmsburg
Vindovona — das Vindobona der Römer — heute Wien genannt
Die handelnden Personen
Wilbeth, die Weiße
Ambeth, die Rote — die Namen der Dreigestaltigen Göttin Bethenlans
Borbeth, die Schwarze
Adalbert — Leopolds Bastard aus einer illegitimen Beziehung
Agnes von Waiblingen — Leopolds Gemahlin, Schwester des Kaisers
Almathea —Jägerin aus Bethenlan
Anna — Kaufmannstochter aus Linze
Änother — Titel des Kriegsherrn von Bethenlan
Arkan — der Aware, Sohn des Khagan
Balthasar — Ismars Gatte
Brigga — Heilerin vom Hohen Berg
Cailach — Guldas Vorgängerin
Erian — Ismars Dienerin
Erköd — ungarischer Söldner
Grisolde / Grisotta — Magd im Hause Adalberts
Gulda — die Muhme, Herrin über Bethenlan
Gullawen — die Muhme, die einst die Awaren aus Bethenlan vertrieb
Heinrich — erstgeborener Sohn von Markgraf Leopold und seiner Frau Agnes
Ismar — Herrin der Trauch
Kaileen — Herrin vom Liliental
Killan — Ismars Bruder
Kirpad — Awarenjunge
Leopold — zweitgeborener Sohn von Markgraf Leopold und seiner Frau Agnes
Leopold III. — später Leopold der Heilige genannt — Markgraf der Babenberger
Margali — Schamane der Awaren
Merac — Killans Partner
Muhme — Titel der Herrin von Bethenlan
Sivanor — Heilerin der Trauch
Tusnelda — Annas Gesellschafterin aus Linze
15. November, anno Domini 1136
Erstarrt liegen die Hügel im bleichen Morgenlicht. Der erste Raureif des Herbstes hat die Zweige der Bäume, die saftlosen Gräser und die ausgesamten Dolden der Engelwurz mit funkelnden Kristallen überzogen. Die Lichtungen sind mit Eisblumen und einem Gespinst aus erstarrtem Tau geschmückt, während in den Wäldern Feuchtigkeit zwischen den Wurzeln der Bäume an die Oberfläche gekrochen ist und den Boden mit Daunen aus Firn überzogen hat. Der Frost hat seine Klauen nach dem Land ausgestreckt, hat es gepackt, angehaucht und hält es in einem Panzer aus Kälte gefangen. Vor nichts hat er Halt gemacht, nichts hat er verschont oder vergessen. Nicht einmal die einsamen Blätter in den Kronen der allerhöchsten Bäume, die er mit Eis bemalt und mit gefrorenen Edelsteinen behängt hat. Nun wiegen sie sich im Nordwind, erzittern und brechen, um wie Schneeflocken zu Boden zu tanzen.
In Fetzen zerrissen treibt der Morgennebel über die Hügel, verdichtet sich und verfängt sich im Astwerk der kahlen Buchen und Eichen. Dann kommt ein Wind auf, zerrt an den Schwaden und befreit sie aus dem Gewirr der Äste. Sie werden vorwärts getrieben, kriechen über den farblosen Himmel, den sie die nächsten Monde über beherrschen werden. Die Strahlen der aufgehenden Sonne vermögen das Grau nur teilweise zu durchdringen, werden zerhackt und landen als glitzernde Scherben auf dem erstarrten Boden.
Eine Frau steht in einen braunen Schafwollmantel gewickelt im Windschatten der stämmigen Eiche, die auf der Kuppe eines Hügels wurzelt. Hinter ihr beginnt der wilde Wald, vor ihr breitet sich eine Lichtung bis hinunter zum gezähmten Gehölz der Bauern aus. Sie hat ihre Kapuze weit ins Gesicht gezogen und verharrt bewegungslos auf einen Stab gestützt. Kaum hörbar dringt ein Geräusch durch den Wald und veranlasst sie den Kopf zu heben. Eine Erschütterung geht durch den Boden, sie erahnt das Stampfen und Knirschen der Hufe, bis schließlich das Gebell der Hunde und die Rufe der Männer an ihre Ohren dringen.
Sie horcht. Wie sie es vorhergesehen hat, stürmt die morgendliche Jagdgesellschaft, bestehend aus zwei Dutzend Reitern und doppelt so vielen Hunden, durch den Wald und nähert sich dem bewaldeten Hügel.
„Mit dieser Hatz vergewissert er sich der Treue seiner Gefolgsmänner, bevor er seine Pläne über den Feldzug gegen mein Land darlegt", denkt sie, den Blick weiter auf den Waldrand gerichtet. Die Geräusche kommen näher und das Donnern der Hufe, die den gefrorenen Boden zertrampeln, ist nun deutlich zu vernehmen.
Sie zieht die Kapuze noch tiefer ins Gesicht und tritt aus dem Schatten der Eiche. Unten bei den Haseln, die die Lichtung begrenzen, geht ein Zittern durch die Zweige. Raureifkristalle prasseln auf den Boden und mit einem Knacken teilen sich die Äste. Ein Hirsch springt auf die Lichtung, schlägt einen Haken und hetzt mit gewaltigen Sätzen auf sie zu. Im letzten Moment nimmt er ihre Anwesenheit wahr, stoppt in vollem Lauf und bleibt vor ihr stehen. Heftig schnaubend, weißen Schaum vor dem Maul, starrt er sie an. Mit einer fließenden Bewegung streckt sie den Arm aus, berührt die schweißnasse Flanke und murmelt geheime Worte.
Der Hirsch wirft den Kopf mit dem ausladenden Geweih in den Nacken und verschwindet mit einem Sprung im Dickicht des Waldes. Ein Lächeln huscht über ihre Lippen. Sie tritt einen Schritt zurück und berührt mit der Hand, an der noch der Schweiß des Hirsches haftet, den Stamm der Eiche.
Sie senkt den Kopf und wartet.
Als das Rudel der Wolfshunde die Lichtung erreicht, verlangsamt der Leitrüde seinen Lauf und bleibt stehen. Angestrengt wittert er, läuft zurück und wieder vor. Der eingezogene Schwanz und das klägliche Winseln verraten, dass er die Fährte verloren hat. Das Rudel zerstreut sich und versucht mit den Nasen am Boden die Spur zu finden. Von der Frau, die am Stamm der Eiche lehnt, nehmen sie keine Notiz.
Als die hohen Herren mit ihren Dienern die Lichtung erreichen, fluchen sie und beugen sich aus ihren Sätteln. Zornig befehlen sie dem Hundeführer nach der Fährte zu suchen. Die schrillen Pfiffe des Mannes zerstreuen das Rudel in alle Himmelsrichtungen und mit ihm irrt die ganze Jagdgesellschaft über das Meer der gefrorenen Gräser.
„Der Hirsch führt uns im Kreis!" ruft einer der Männer. Da ertönt das Kläffen eines Hundes, das Rudel formiert sich und stürmt in die Richtung, aus der das Bellen kommt. Jauchzend reißen die Männer die Zügel herum und galoppieren den Hunden hinterher.
Die Reiter verschwinden hinter den Büschen und Stämmen der Bäume, nur einer von ihnen bleibt zurück. Er dreht sich um und starrt hinauf zu der Eiche. Bedächtig wendet er sein Pferd und lässt es die Hügelkuppe hinauf schreiten. Er beugt sich vor und seine Augen flackern unruhig, so, als würde er nach etwas Ausschau halten.
Gelassen hebt sie den Kopf und beobachtet den sich nähernden Reiter. „Er ist gebrechlich geworden", denkt sie.
Auf halbem Weg strafft er die Zügel und das Pferd bleibt stehen. Der Mann lauscht und hält das Ross ruhig. Nur die weißen Atemwolken aus seinem Mund und den Nüstern des Pferdes verraten, dass die beiden nicht zu Eis erstarrt sind. „Wer bist du?", ruft der Mann in Richtung der Eiche. „Gib dich zu erkennen!"
Die Frau tritt aus dem Schatten des Baumes. „Ich bin die Muhme! Erkennst du mich nicht?"
Der Mann fasst in seinen grauen Bart und streicht ihn glatt. Er mustert die Fremde und beginnt zu lachen. „Die Muhme ist tot", sagt er, als er sein Gelächter hinuntergeschluckt hat. „Ich selbst habe den Scheiterhaufen entzündet, auf dem sie mit den anderen ketzerischen Weibern verbrannt ist."
Die Fremde zieht die Kapuze vom Kopf und ihr Haar, weiß wie Schnee, ergießt sich über ihre Schultern. „Ich weiß", sagt sie.
Der Reiter lässt die Zügel locker, worauf das Pferd einige Schritte nach vorne macht. Er sinkt im Sattel zusammen, als sich eine Erinnerung seiner bemächtigt.
„Du bist jung. Die Muhme war alt, genauso alt wie ich", sagt er und sein Blick ist auf Geschehnisse geheftet, die tief in der Vergangenheit verborgen liegen. Ein Schaudern geht durch seinen gekrümmten Körper. Er richtet er sich im Sattel auf und kehrt mit seinen Gedanken in die Gegenwart zurück.
„Verschwinde aus meinem Wald, bevor ich es mir anders überlege und dich von den Hunden hetzen und von meinen Männern erlegen lasse", sagt er und zielt mit dem Speer auf die Fremde.
„Ich fürchte dich nicht", antwortet sie und lässt den Stab in ihre rechte Hand wandern.
„Willst du mir drohen?", ruft der Mann. Er gibt dem Pferd die Sporen, galoppiert auf sie zu, holt aus und wirft den Speer. Bewegungslos verharrt die Frau. Erst im letzten Augenblick wirft sie sich zu Boden. Der Speer fliegt ins Leere und bohrt sich am Fuß der Eiche in das gefrorene Erdreich. Wütend zieht der Mann das Kurzschwert und hält auf sie zu. Noch bevor er sie erreicht, springt sie auf und schleudert ihm den Stab entgegen. Er lacht, aber dann wird er an der Brust getroffen, verliert das Gleichgewicht und fällt aus dem Sattel. Er schlägt mit dem Rücken auf der gefrorenen Erde auf und bleibt benommen liegen. Nebelschwaden ziehen über ihn hinweg und er erkennt ein Stück blauen Himmels. Er will aufspringen, aber sein Körper gehorcht ihm nicht. Er fasst sich an die Brust.
Der Stab hat die lederne Weste durchdrungen und steckt tief in seinem Oberkörper. Er greift nach dem polierten Eibenholz und begreift, dass ihn das Weib mit einem Jagdspeer angegriffen hat. Blut breitet sich aus, färbt seine Weste und den Boden, auf dem er liegt, dunkelrot.
Erneut versucht er aufzustehen. Geschwächt durch den Blutverlust gelingt es ihm nur mühsam sich auf die Seite zu drehen. Auf sein Schwert gestützt schafft er es sich aufzusetzen. Sie geht auf ihn zu und fasst unter ihr Gewand. Erst als sie das Blut aus seiner Brust sprudeln sieht, steckt sie das Jagdmesser zurück in seine Scheide.
„Was hast du getan, Weib?", sagt der Verwundete. „Ich verfluche dich und deinesgleichen! In der Hölle sollt ihr schmoren, Teufelsanbeter, Heiden!"
Die Frau verzieht die Lippen, so als wolle sie lächeln. „Du irrst dich, Leopold! Nicht mich, sondern dich erwartet die Hölle für das, was du Gulda angetan hast. Fürchte dich, denn am Waldrand versammeln sich bereits die Schatten, die sich deiner bemächtigen werden."
„Ich fürchte deine Schatten nicht, denn sie können die Brut Frejalands nicht retten", keucht der Verwundete. „Nach meinem Tod wird mein Sohn den Kampf gegen euch fortsetzen!"
„Du irrst dich erneut", sagt sie und beugt sich zu ihm hinunter, um in seine erkaltenden Augen zu schauen. „Dein Sohn hat bei seinem Blut geschworen mein Land zu schützen!"
Eine Krähe fliegt von der Eiche auf, umkreist die zwei Gestalten am Boden, während die Wucht der Worte durch Leopolds Körper peitscht und seinen Lebenswillen zermalmt. „Mein Sohn ...", stammelt er, dann versagt ihm die Stimme.
Sie nickt, springt auf und läuft zum Waldrand. Ohne sich noch einmal nach dem Sterbenden umzusehen, verschwindet sie zwischen den Stämmen der Bäume.
Als die Jäger zurückkehren und ihren Herrn bewusstlos, mit einem Speer in der Brust auf der Lichtung entdecken, ist die Frau so tief im Wald verschwunden, dass weder die Hunde noch die Jäger ihre Spur aufnehmen können. Vergeblich versucht einer der Leibdiener die Blutung des Alten zu stillen. Noch bevor die Sonne die Nebel auflöst, tut Markgraf Leopold seinen letzten Atemzug und haucht sein Leben aus.
Buch: Anna
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Buch: Bethenlan
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Buch: Die Muhme
Kapitel
Kapitel
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Kapitel
Kapitel
Buch: Schlacht um Bethenlan
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
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Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
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Kapitel
Kapitel
Kapitel
Kapitel
Im oberen Traisental, kurz nachdem die Traisen eine Schleife beschreibt und die Ortschaft Hohenberg verlässt, thront ein Felsen über der Flanke des Tals, der von den Einheimischen Löwenschädel genannt wird. Oft wird erklärt, dass diese Bezeichnung von der Form des Gesteinsmassivs, die an den Schädel eines Löwen erinnert, herrührt, doch das stimmt nur zum Teil. Kaum ein Bewohner Hohenbergs erinnert sich an die Begebenheit, von welcher sich dieser Name tatsächlich herleitet.
Es war der Sommer des Jahres 1941, als eine Wandertour die ortsansässige Deutsche Jugend an den Fuß dieses Felsens führte. Bei Einbruch der Nacht befahl der Jungzugführer, selbst erst ein Bursche von vierzehn Jahren, einen Rastplatz für die Nacht zu errichten. So kam es, dass sich die Pimpfe im Wald verstreuten, um Holz für das Lagerfeuer zu sammeln. Einer von ihnen suchte den Fuß der Felswand ab, fand jedoch kein Holz. Stattdessen entdeckte er den Eingang zu einer Höhle. Der Jungzugführer hörte sich die aufgeregten Worte des Pimpfs an und war begeistert, seiner Truppe ein weiteres Abenteuer bieten zu können. Er entzündete eine Kerze und forderte die Mutigsten seiner Schar auf, ihm in die Höhle zu folgen. Sie krochen durch einen engen Durchlass, dann weitete sich der Gang zu einer doppelt mannshohen Halle. Die Enttäuschung war groß, als sich herausstellte, dass die Höhle nicht tief war, sondern dass dieser Hohlraum bereits das Ende ihres Abenteuers darstellte. Der junge Mann leuchtete die Höhle aus, in der Hoffnung einen verborgenen Durchschlupf zu finden, der sie tiefer ins Erdinnere führen sollte, wurde aber nicht fündig. Dafür entdeckte er etwas anderes.
Er tastete sich näher heran, schaufelte Erde und trockenen Fledermauskot zur Seite und hielt plötzlich den Schädel eines gewaltigen Tieres in die Höhe. Die Jungen schrien erschrocken auf und flüchteten, ihr Jungzugführer zeigte etwas mehr Mut und brachte den Schädelknochen ins Freie. Im Licht der untergehenden Sonne erkannte er an den dolchförmigen Eckzähnen, die ihm aus dem Maul entgegen grinsten, dass er den Schädel eines gewaltigen Raubtiers in Händen hielt.
Die Schar übernachtete am Fuß des Felsens und machte sich am nächsten Morgen auf, um ins Tal zurückzukehren. Der Fund wurde von den interessierten Dorfbewohnern begutachtet, einige meinten, der Schädel stamme von einem Bären, andere sagten, dass sie so gewaltige Zähne noch niemals gesehen hätten. Einzig der Lehrer der Schule schaute genauer, lief in seine Bibliothek und kehrte mit einem Buch über die Tierwelt Afrikas zurück. Er schlug eine Seite auf, verglich und sagte endlich, dass es sich bei dem Schädel zweifelsfrei um den eines Löwen handeln musste.
Der Löwenschädel wurde sorgfältig verpackt und mit der Post in das Naturhistorische Museum nach Wien geschickt. Der Felsblock, zu dessen Füßen er gefunden wurde, hieß seit diesem Tage Löwenschädel, zur Erinnerung an den Fund, den der Zugführer der Deutschen Jugend gemacht hatte.
Der Schädel verschwand in den endlosen Sälen und weitläufigen Hallen des Naturhistorischen Museums. Die Wirren des Krieges sorgten dafür, dass niemand sich seiner erinnerte, bis zu jenem Tag, an dem ihn die Biologiestudentin Brigitte Straubinger aus einer wurmstichigen Kiste ein zweites Mal ans Licht des Tages beförderte.
Es regnet. Seit dem Tag, an dem Tusnelda mit Anna, der Tochter des Kaufmanns, Linze verlassen hat, regnet es. Tusnelda atmet tief durch, um die Übelkeit zu vertreiben, die sie begleitet, seitdem sie in Traisma diesen Wagen bestiegen hat. Der Weg ist holprig und zudem vom ewigen Regen aufgeweicht. Der Wagen schaukelt zur Seite und sie spürt, wie sich ihr Magen zusammenzieht. Tusnelda drückt ihre Faust auf den Bauch und bemüht sich nicht daran zu denken.
„Wenigstens etwas Gutes haben die Strapazen der Reise. Mein Kleid, das in Linze spannte und zwickte, sitzt nun locker auf den Hüften. Ich habe wohl einiges an Gewicht verloren." Sie seufzt, um die aufwallende Übelkeit zu vertreiben. Keine vierzehn Tage ist es her, seit sie von Linze aufgebrochen ist, um die junge Frau auf ihrem Hochzeitszug in die Babenbergerstadt Padun zu begleiten. Annas Vater hatte sich nach dem Tod ihres Mannes großzügig gezeigt und sie in sein Haus aufgenommen. Wie hätte sie seiner Bitte, die einzige Tochter zu begleiten, nicht entsprechen können? „Warum habe ich mich überreden lassen Anna zu begleiten?", denkt Tusnelda. Sie rutscht nach vorne, zieht den Vorhang zur Seite und wirft einen Blick auf die grüne Wand wuchernder Stauden und regenschwerer Baumkronen.
„Unablässig regnet es", seufzt sie und rutscht zurück auf ihren Platz, ängstlich bedacht den vom Wagendach fallenden Wassertropfen auszuweichen.
„Hör auf zu jammern", sagt Anna, die neben ihr auf der Bank sitzt. „Niemand hat dich gezwungen, mich zu begleiten!" Sie wirft der Älteren einen strengen Blick zu und wendet sich ihrer Stickerei zu.
„Die Straßen sind schlecht im Land der Babenberger", sagt Tusnelda, während sie durch das kleine Guckloch auf die vorbeiziehenden Bäume schaut und dabei versucht, sich in die trockene Ecke zu drücken.
„Hier, südlich der Danu, ist das Land wild und ungezähmt. Euer Vater hätte niemals erlaubt das Schiff zu verlassen, um auf dem Landweg weiterzureisen!"
„Schweig, Tusnelda!", herrscht die junge Frau sie an. "Hast du vergessen, dass der Fährmann sich geweigert hat, die Fahrt durch die Strudel der Wahowa zu wagen? Der Danustrom hat sich in ein reißendes Ungetüm verwandelt und keiner der Bootsleute war bereit, uns seine Dienste anzubieten."
Beschämt durch die Worte der jungen Herrin senkt die Ältere den Kopf. „Nein, das habe ich nicht vergessen, aber wäre es nicht vernünftiger gewesen in Medilica oder Traisma auf euren Vater zu warten?"
In diesem Augenblick springt das linke Hinterrad über einen im Schlamm verborgenen Stein und lässt den Wagen zur Seite kippen. Tusnelda kann verhindern, von der Bank zu fallen, rutscht jedoch aus ihrer Ecke in die feuchte Mitte des Wagens. Anna wird an die Seitenwand gedrückt und sticht sich dabei in den Finger. Wütend wirft sie das Stickzeug zu Boden. Mit einem Ächzen hält der Wagen an.
„Hätte ich in Traisma warten sollen, bis der Tag meiner Hochzeit verstrichen ist? Hätte ich unverheiratet nach Linze zurückkehren und mich mit meinen siebzehn Jahren zu den alten Jungfern gesellen sollen? Du weißt, wie beschäftigt mein Vater in diesen Frühlingstagen ist. Es kann Wochen dauern, bis er seine Geschäfte in Passau erledigt hat!"
Langsam setzt sich der Wagen in Bewegung, schaukelt Radumdrehung für Radumdrehung weiter. Die beiden Frauen haben sich nichts mehr zu sagen. Tusnelda zieht sich in ihre Ecke zurück und hängt ihren Gedanken nach.
„Wahrscheinlich hat sie Recht", denkt Anna und bückt sich nach ihrer Stickerei. „Tusnelda ist das dümmste und langweiligste der Weiber, die Vater ins Haus kommen ließ, um mich mit ihrem Geschwätz und Tratsch zu unterhalten. Aber sie spricht aus, was sich die meisten unserer Begleiter denken. Es wäre klüger gewesen, an der Danu auf Vater zu warten. Einzig die Aussicht auf eine baldige Ankunft in Padun ließ mich alle Bedenken vergessen." Sie macht ein paar Stiche und lässt das Stickzeug zurück in den Schoß sinken. Wie sehr wünscht sie sich, ihrem zukünftigen Gemahl gegenüberzutreten, dessen Gesicht sie bislang nur von Zeichnungen auf Pergament kennt. Die Vorfreude auf die prächtige Hochzeit und das Leben im Haus ihres Gatten, umgeben von Dienstboten und freundlichen Menschen, hat sie überwältigt. Sie konnte nicht länger darauf warten, der Einsamkeit und Langeweile ihres Vaterhauses zu entkommen. Der Traum vom baldigen Leben als verheiratete Frau schien ausgeträumt, als sie in Traisma festsaßen. Aber dann kam ein Mann auf eine ihrer Wachen zu und erbot sich, sie den Fluss Traisma stromaufwärts nach Willehalmsburg und weiter den Fluss Gölsna entlang über die Hügel nach Padun zu führen. Ihn musste der Himmel geschickt haben. Als der Befehlshaber ihrer Wachen ihrem Drängen nachgab und sich den Vorschlag des Mannes anhörte, willigte er schließlich ein, dem Mann zu folgen.
Gedankenverloren beginnt Anna zu sticken und muss dabei ihre Augen zusammenkneifen, da es in der Kutsche immer düsterer wird. Sie seufzt und legt die Stickerei in den Schoß. Wenn sie gewusst hätte, in welch schlechtem Zustand die Straßen sind, hätte sie dem Vorschlag des dunkelhaarigen Fremden niemals zugestimmt. Bereits nach dem ersten Tag auf der holprigen Straße hat sie sich nach der Bequemlichkeit des Hauses ihres Vaters zurückgesehnt.
Sie rutscht zur Fensterluke und schiebt den Vorhang zur Seite. Es dämmert. Dunkle Schatten kriechen zwischen den Bäumen hervor und mischen sich mit den Nebeln und Dampfschwaden der feuchten Luft.
„Bald werden wir diese einsamen Wälder verlassen und auf Dörfer und Städte treffen", sagt sie mehr zu sich als zu der dicklichen Frau in der anderen Ecke des Wagens. „In Padun, im Haus meines zukünftigen Gemahls werden wir standesgemäße Räume beziehen, bis der Tag meiner Hochzeit gekommen ist."
Sie will sich eben ihrer Stickerei widmen, als eines der Räder in ein Schlagloch rollt. Der Wagen schaukelt und kippt gefährlich weit zur Seite. Die junge Frau stößt einen spitzen Schrei aus und krallt sich an das Schaffell der Bank. Da pendelt der Wagen zurück und kommt auf allen vier Rädern zum Stehen. Tusnelda sieht sich hilfesuchend um, als sich plötzlich die Fensterluke verdunkelt. Sie drückt sich tiefer in ihre Ecke und zieht den Schleier vor das Gesicht.
„Ist euch etwas geschehen, Herrin?", fragt der Reiter mit dem rabenschwarzen Haar, das er im Nacken zu zwei Zöpfen gebunden hat. Er hat sich nach vorne gebeugt und sich aus dem Sattel erhoben, um sich im Inneren des Wagens umsehen zu können.
Anna spürt, wie sie errötet und kann trotzdem nicht den Blick von ihm abwenden. Mit seinem fein geschnittenen Gesicht, den hohen Wangenknochen und der schmalen Nase gleicht er nicht den Bauernburschen, denen sie sonst begegnet ist. Dazu die mandelförmigen Augen, die schwarz und geheimnisvoll glänzen. Verwirrt reißt Anna ihren Blick von ihm los.
„Nein, Arkan", sagt sie und schüttelt den Kopf, "wir sind wohlauf."
Der Mann lächelt und verneigt sich. „Ich habe versprochen, euch wohlbehalten durch die Wälder zu geleiten und ich werde mein Versprechen halten", sagt er mit einem Seitenblick auf Tusnelda.
„Daran habe ich nicht gezweifelt", erwidert Anna. „Dennoch ist die Reise beschwerlicher, als ich dachte."
„Ja, ich weiß", antwortet Arkan. „Der Weg durch dieses Tal ist in schlechtem Zustand. Wollt ihr aussteigen und euch überzeugen, dass der Wagen mit eurer Mitgift unbeschädigt ist?"
Anna rafft den Teppich vor dem Eingang zur Seite. Ihr Blick fällt auf den aufgeweichten Boden und lässt sie zögern. Sie seufzt, lässt den Teppich los und setzt sich zurück auf die Bank.
„Nun, Herrin?", forscht Arkan weiter.
„Nein, ich will meine guten Schuhe nicht mit dem Schmutz und dem Schlamm des Weges beflecken. Ich denke, es ist besser, ihr seht nach."
„Wie ihr wollt", sagt der Mann und lächelt sie an. Er lässt sich in den Sattel sinken, um nach vorne zu traben.
„Warte, Arkan, ich möchte noch wissen, wann wir Padun erreichen werden!"
„Morgen! Wir werden bald in den Weiler kommen, der uns heute Nacht beherbergen wird. Die Unterkunft ist einfach, aber die Schenke bietet die letzte Übernachtungsmöglichkeit vor den menschenleeren Hügeln, die uns von Padun trennen." Er verneigt sich und reitet zurück an die Spitze des Zuges.
„Awarenhund", zischt Tusnelda hinter ihrem Schleier.
Anna will ihr etwas entgegnen und sie zurechtweisen, da setzt sich der Wagen in Bewegung und sie rollen weiter. „Hast du verstanden, was unser ehrenhafter Führer gesagt hat?", fragt sie so laut, dass Tusnelda es nicht ignorieren kann. „Wir werden Padun bald erreichen!"
„Er ist ein Aware", sagt Tusnelda und lüftet ihren Schleier. Die Güte und Milde sind aus ihrem Gesicht gewichen und ihre runden Augen haben sich in Schlitze verwandelt. „Ein Streuner aus dem fahrenden Volk, das sich einzig auf Diebstahl und Betrug versteht!"
„Die Awaren wurden vor langer Zeit besiegt und sind, so wie wir Bajuwaren, zu treuen Untertanen des Kaisers geworden", antwortet Anna.
Die ältere Frau murmelt Unverständliches und bedeckt ihr Gesicht wieder mit dem Schleier.
„Hoffentlich sind wir bald am Ziel", denkt Anna, als sie den Kopf bei der Luke hinausstreckt, um die vorbeiziehenden Baumriesen zu beobachten. Grün und braun in unendlichen Schattierungen und Variationen gleiten Bäume und Sträucher vorbei. Eine Mauer aus Blättern, Ästen und Stämmen. Kurz meint Anna, in den Augenwinkeln die Gestalt eines Menschen wahrzunehmen. Als sie den Kopf in die Richtung der Erscheinung dreht, ist dort nichts zu sehen. „Grünes Blattwerk und regennasses Holz, mehr nicht", denkt Anna. Nochmals blickt sie zurück und wird dabei das Gefühl nicht los, beobachtet zu werden. Sie fasst an das kleine Goldkreuz, ein Geschenk ihres Vaters, das sie seit jenem Tag um den Hals trägt. „Diese dunklen, ungezähmten Wälder sind unheimlich. Sie haben tausend Augen und Ohren. Zwar sollen unter der Herrschaft des Markgrafen Leopold Räuber und Strauchdiebe gefangen und gehängt worden sein, aber wer kann sagen, welches Gesindel und Getier sich im Dickicht verbirgt".
Mit einer Handbewegung verscheucht sie diese Gedanken und starrt auf das wilde Land, das am anderen Ufer der Gölsna beginnt. Der Regen hat nachgelassen und der Weg ist in einem besseren Zustand. Ruhig rollt die Kutsche über den wassergesättigten Waldboden dahin. Die Dämmerung hat eingesetzt, die beiden Männer an der Spitze ihres Zuges sind etwas vorausgeritten und haben sich im Dunst des Abends in verschwommene Schemen verwandelt.
Gerade, als sie den Kopf ins Innere des Wagens zurückziehen will, hört sie ein leises Zischen. Verwundert schaut sie nach vorne und sieht, wie einer der Männer seitlich vom Pferd rutscht und wie ein Mehlsack in den Schlamm klatscht. Sein Pferd steigt und nimmt Reißaus. Der andere Soldat gibt seinem Pferd die Sporen und reitet auf sie zu. Noch bevor er den Wagen erreicht, fasst er sich an die Brust und stürzt vornüber aus dem Sattel. Anna stößt einen heiseren Schrei aus, als sie den schwarzen Pfeil erkennt, der in seiner Brust steckt. Endlich bemerken die Wachen, dass einer der ihren mit einem Pfeil in der Brust am Boden liegt und stirbt. Tumult bricht aus, die Männer ziehen ihre Schwerter und treiben die Pferde an, um kein leichtes Ziel abzugeben. Die Kutsche hält an.
„Was geht da draußen vor?", fragt Tusnelda und rutscht in die Wagenmitte.
„Wir werden angegriffen", flüstert Anna und klammert sich an Tusneldas Arm. Die beiden Frauen verharren im Inneren des Wagens, während sich draußen die Schreie der Wachen mit dem Surren von Pfeilen und dem metallischen Klirren sich kreuzender Schwerter mischen.
Plötzlich wird die Wagentür aufgerissen. Entsetzt schreit Tusnelda auf, erst als sie den blonden Schopf des Wachmannes erkennt, verstummt sie.
„Kommt, Herrin, schnell, wir müssen fliehen!", sagt er und packt Anna am Handgelenk. Sie versucht sich ihm zu entwinden und krallt sich an Tusneldas Arm fest.
„Mein Kind", flüstert Tusnelda und blickt sie mit ihren großen blauen Augen an. Sanft löst sie Annas Griff und schiebt sie bei der Wagentür hinaus. Anna ist starr vor Angst, als sie die Pfeile zischen hört, und sieht, wie sich zwei neben ihr in die Holzwand des Wagens bohren. Mit seinem starken Arm umschlingt der Wachmann ihre Taille und hebt sie hinter sich aufs Pferd. Sie wirft einen Blick auf Tusnelda, wie sie aufrecht dasitzt, den Schleier übers Gesicht gezogen und die Hände auf dem Schoß gefaltet.
„Haltet euch fest, Herrin", ruft der Wachmann.
Mit aller Kraft klammert sie sich an ihn, das Pferd macht einen Satz nach vorne und galoppiert los. Die Angreifer stoßen in einer ihr unbekannten Sprache Verwünschungen aus. Mit Peitschenhieben treiben sie ihre schwarzen Rösser an und nehmen die Verfolgung auf.
Die braune Stute des Wachmanns ist ausgeruht und stark. Mit großer Geschwindigkeit entfernen sie sich vom Wagen und den kämpfenden Männern. Da bäumt sich der Jüngling plötzlich auf, lässt die Zügel aus seinen Händen gleiten und fasst sich an den Hals. Während das Blut zwischen seinen Fingern hervorquillt, dreht er sich zu Anna um. Sie sieht den Pfeil mit den schwarzen Federn und will danach greifen. Schwer atmend schüttelt der Junge den Kopf.
„Rettet euch, meine Herrin", röchelt er. Er lässt sich seitlich aus dem Sattel rutschen und fällt leblos zu Boden. Anna starrt hinunter, wo der Schlamm seinen reglosen Körper verschlingt. Seine Hand umklammert den Pfeil, Blut sprudelt aus der Wunde und mischt sich mit dem Wasser der modrigen Pfützen. Anna hört das Johlen der Räuber und ihr Gelächter. Angst kriecht in ihr hoch, dennoch kann sie nicht die Augen von dem Mann abwenden, der eben noch so voller Leben war. Schwere Tropfen prasseln auf ihr Haupt und sie muss regenschwere Haarsträhnen zur Seite schieben, um zu beobachten, wie sich das Leben in pulsierenden Wellen aus dem Körper des Jungen in den toten Schlamm ergießt.
Gedämpft, wie in weiter Ferne, hört sie das Schnauben der Pferde, die Rufe der Räuber und spürt ihr eigenes Herz, das in ihrer Brust tobt.
Dann ist alles vorbei. In ihrem Kopf breitet sich Leere aus. Die Furcht, die eben noch in ihrem Inneren gewütet hat, verschwindet und hinterlässt ein Gefühl der Weite und Stille. Ohne nachzudenken rutscht sie nach vorne, greift nach den Zügeln und drückt die Fersen in die Flanken der Stute.
Das Pferd steigt, Anna klammert sich an die Mähne und verlagert das Gewicht nach vorne. Mit einem Satz springt das Pferd in den Galopp und rast los. Die Stute, eines der Ponys des Berglandes, ist gedrungen aber trittsicher und klug. Sie hält auf den Wald zu, sucht geschickt den Weg zwischen den Bäumen, ohne dabei an Tempo zu verlieren. Die langbeinigen Rösser der Räuber, die in den offenen Steppen aufgewachsen sind, müssen ihren Lauf verlangsamen und fallen zurück. Anna treibt das Pferd an und mit jedem seiner Sprünge hat sie das Gefühl, als würde sie mit ihm verschmelzen. Sie spürt seine Muskeln, sein Herz und die Lungen, die wie Blasebälge arbeiten. Sie drückt sich an den Pferdehals und beginnt ein Lied zu summen, das ihr die Mutter einst vorgesungen hat.
Alles um sie herum ist ruhig, selbst der Lauf der Zeit verlangsamt sich. Sie blickt sich um, nimmt den Geruch der feuchten Erde wahr und sieht die Blattadern der frischen Eichenblätter. Sie hört die Rufe der Vögel in den Baumkronen und das Fiepen der Mäuse zwischen ihren Wurzeln.
„Es war immer da, alles war immer da, aber erst in diesem einen Moment erkenne ich es!", denkt sie und ahnt, dass dieses Wissen sie nicht mehr verlassen wird. Dann ist der Moment der Stille dahin.
Sie hört, wie Bogensehnen singen und ein Pfeil durch die Luft schwirrt. Die Stute schreit, ein schriller, schmerzvoller Laut. Sie bockt und Anna wird nach vorne geschleudert. Sie schlägt hart auf dem Waldboden auf und verliert das Bewusstsein.
Als sie zu sich kommt, liegt sie bäuchlings in ihrem Wagen mit dem Gesicht in den Schaffellen. Die Wolle hat sich mit der Feuchtigkeit der letzten Tage angesaugt und verströmt einen Geruch nach ranziger Schafmilch.
Annas Kehle schnürt sich zu und sie spürt, wie sich ihr Magen zusammenkrampft. Sie will sich aufrichten und bemerkt, dass ihre Hände am Rücken gefesselt sind. Sie hebt den Kopf, um dem Gestank nach Schaf zu entkommen und rutscht von der Bank. Beim zweiten Versuch gelingt es ihr sich hinzuknien. In ihrem Kopf pocht es und sie hat das Gefühl, als hätte jemand ihren Kopf gepackt und ihn bei den Schläfen zusammengepresst. Sie schluckt den Schmerz hinunter und rutscht zum Fenster. Durch den Vorhang sieht sie, dass draußen ein Feuer brennt, um das sich etwa zehn Räuber versammelt haben.
Sie hört die Stimmen der Männer, ihr Lachen und riecht das Fleisch, das sie am Feuer verkohlen lassen. Ein Schatten fällt auf den Wagen und nähert sich der Tür. Anna zerrt an den Fesseln. Die Lederstriemen schneiden sich in ihre Handgelenke, lassen sich aber nicht lockern. In Panik sieht Anna wie der Teppich zur Seite geschoben wird. Sie hebt den Blick und erkennt den Awaren, der sich ins Innere des Wagens beugt.
„Dem Herrn, unserem Gott, sei Dank, Arkan!", flüstert Anna. „Ich wusste, dass du ihnen entkommen und zurückkehren würdest, um mich zu retten."
Der Aware verzieht das Gesicht. Er blickt sich um und beginnt lauthals zu lachen. Einige der Räuber stecken ihre Köpfe ins Wageninnere, während der Aware auf Anna zeigt und nicht aufhört zu lachen. Da beginnen auch die Räuber zu lachen und klopfen ihm auf die Schulter.
„Meine ungarischen Freunde halten dich für amüsant", sagt er schließlich. „Sie wollen nicht glauben, dass du so dumm bist, wo sie dich doch bewundern, weil du wie der Teufel reiten kannst. Sie sagen, wenn dein Haar nicht so hell wäre, würden sie glauben, du seist eines ihrer wilden Weiber."
Anna wird blass, dann beginnen ihre Wangen wie Feuer zu glühen. Mit Tränen in den Augen lässt den Kopf sinken.
„Du hast mich verraten", flüstert sie. „Du hast mich in diese einsame Gegend gelockt, damit deine Spießgesellen meinen Hochzeitszug überfallen und all meine Habe rauben können."
Die Räuber beginnen zu lachen, während Arkan weiterhin den Zugang zum Wagen blockiert. „Die Ungarn werden sich an deiner Mitgift ergötzen und ein fettes Lösegeld von deinem Vater erpressen. Bis dahin bist du ihre Gefangene", sagt er und seine Stimme ist hart und ohne Mitleid.
Blitzschnell hebt Anna den Kopf und spuckt ihm ins Gesicht. „Hier hast du deinen Lohn, du Schwein", zischt sie.
Der Aware wischt sich ihren Speichel aus dem Gesicht, während die Ungarn in ein wölfisches Gelächter ausbrechen.
„Zähme deine Zunge, schöne Anna", sagt er leise und packt sie an der Schulter. „Wenn ich meine Hand nicht über dich halten würde, wären die Ungarn bereits über dich hergefallen. Sie begegnen nicht oft wohlriechenden Frauen mit feinem blondem Haar und weißer Haut."
Lachend klopfen ihm die Ungarn auf den Rücken und kehren zum Feuer zurück. Arkan bleibt als einziger beim Wagen. Er wartet, bis sich die Räuber um das Feuer geschart haben, dann springt er in den Wagen. Er packt Anna um die Taille, hebt sie hoch und setzt sie auf die Bank. Sie presst das Kinn an die Brust, damit ihr Haar das Gesicht bedeckt und ihre Tränen verbirgt.
„Anna", sagt er. Als sie nicht reagiert, schiebt er seine Hand unter ihr Kinn und zwingt sie zu ihm aufzusehen. „Nimm dich in Acht, Herrin Anna", sagt er. „Die Männer deiner Wache sind tot. Ich bin der Einzige, der dich beschützen kann. Verhalte dich ruhig und dir wird nichts geschehen." Er rückt näher an sie heran und blickt ihr in die Augen. Sein Gesicht ist ihr so nahe, dass sie seinen Atem auf ihren Wangen spüren kann.
„Die Ungarn haben Recht, deine Augen sind schwarz wie die Nacht. Sie haben mich gefragt, warum du nicht die blauen Augen der Bajuwaren hast, aber ich konnte ihnen keine Antwort geben. Sie glauben, du bist von einem Geist besessen, und haben sich das Zeichen ihrer alten Religion auf die Stirn gemalt, um sich vor deinen geheimnisvollen Blicken zu schützen." Er starrt sie noch einige Augenblicke an, so als wolle er in ihr Inneres schauen. Mit einem Kopfschütteln wendet er sich ab und springt aus dem Wagen.
Anna hört, wie er sich am Lagerfeuer seiner Taten brüstet und sich von den Räubern hochleben lässt. Ihr Kopf sinkt zurück auf die Brust und sie lässt ihren Tränen freien Lauf. „Wie konnte ich so dumm sein, einem Fremden zu vertrauen!"
Sie blickt hinunter zu ihren Füßen. Ihr Haar ist zerzaust und hängt in wilden Fransen über ihr Gesicht. Ihr Kleid ist zerrissen und voller Schmutz und bedeckt nur notdürftig ihre Blöße. Zudem hat sie einen ihrer Schuhe auf der Flucht verloren. Wie sehr hat sie die bestickten Seidenschuhe geliebt, die Vater von seinen Reisen mitgebracht hat. Jetzt liegt einer davon im Schlamm dieser Wildnis und der andere klebt schmutzverkrustet an ihrem Fuß. Erneut beginnen Tränen über ihre Wangen zu laufen.
„Warum habe ich dieses Schicksal verdient", schluchzt sie. Erneut dringen die Stimmen der Räuber zu ihr ins Wageninnere. Sie versucht die Tränen an ihrer Schulter zu trocknen und zieht an den Fesseln, die sich daraufhin noch tiefer in ihre Handgelenke schneiden. Das Lachen der Räuber und der Schmerz entfesseln einen Schauer der Wut in ihrem Inneren. „Sie lachen über meine Einfältigkeit", denkt Anna.
Auf einmal durchschneidet der Schrei einer Frau das Gewirr der Männerstimmen. Die Männer klopfen sich die Schenkel und johlen.
„Tusnelda!" Anna reißt die Augen auf. „Wo ist Tusnelda?" Erneut hört sie einen Schrei, gefolgt vom Grölen der Ungarn.
Anna drückt sich in die Ecke, wagt nicht den Kopf bei der Wagentür hinaus zu stecken, um zu erfahren, was draußen vorgeht. Ohne sich zu rühren, sitzt sie da, bis jemand an die Tür kommt und ein Schatten in den Wagen dringt. Anna wendet sich ab und erwartet, dass sie nach ihr greifen, doch nichts geschieht. Als sie endlich wagt sich umzudrehen, sieht sie eine Gestalt am Boden des Wagens kauern.
„Tusnelda", flüstert sie.
„Diese ungarischen Schweine sollen zur Hölle fahren", antwortet diese. Vergeblich versucht sie sich aufzurichten, denn auch ihre Hände sind am Rücken gefesselt. Bäuchlings rutscht sie auf Anna zu, müht sich ab, bis es ihr schließlich gelingt neben Anna auf die Bank zu kommen.
Anna beginnt zu weinen. „Was haben sie dir angetan", jammert sie.
Die Witwe antwortet nicht, sondern lehnt sich an Annas Schulter.
„Es tut mir so leid", schluchzt Anna, während Tusnelda hin und her rutscht, um den zerfetzten Rock über die geschundenen Oberschenkel zu breiten.
So sitzen sie da, eine auf die andere gestützt, und versuchen die Welt um sich herum zu vergessen. Draußen ist es ruhig geworden. Einige hart gebellte Worte, gefolgt vom Schnauben der Pferde und schließlich geht ein Ruck durch den Wagen.
„Wir fahren weiter", sagt Tusnelda. „Ich habe sie belauscht. Die Räuber und der Aware sprachen in unserer Sprache, weil sie auf mich vergessen hatten. Sie wollen vor Tagesanbruch die Straße verlassen, um in den weglosen Wäldern den Soldaten des Markgrafen aus dem Weg zu gehen. Der Awarenhund, der uns das alles eingebrockt hat, wird sie nach Süden führen. Sie verschleppen uns in ihr barbarisches Land, bis dein Vater Lösegeld bezahlt hat."
„Was werden sie uns antun?", fragt Anna. Statt einer Antwort dreht Tusnelda den Kopf zur Seite und schweigt.
Eine endlos lange Zeit rumpeln sie auf der holprigen Straße dahin. Trotz der Fesseln nickt Anna ein und erwacht erst, als der Wagen anhält. Die beiden Frauen werden gepackt, hinausgezerrt und auf die hinkende braune Stute gesetzt. Bis auf einen grauen Streifen am östlichen Horizont ist es stockdunkel. Die Räuber entladen die Wägen, verteilen Geschirr, Stoffe, Felle und das Silber auf die Pferde und ziehen die Fuhrwerke so weit in den Uferwald der Gölsna, dass sie von der Straße aus nicht zu sehen sind.
Arkan schlägt einen Weg steil bergan ein, und die Räuber mit den gefesselten Frauen in ihrer Mitte folgen ihm. Als die Sonne aufgeht, sind sie so weit in die Wälder eingetaucht, dass Anna nicht mehr weiß, in welche Richtung sie reiten müsste, um zu den Auen der Gölsna zu gelangen. Auf einer kleinen Lichtung hebt Arkan die Hand und bringt den Tross der Räuber zum Stehen.
„Hier werden wir rasten!", sagt er. „Wir haben uns weit genug von der Straße entfernt. Die Pferde sollen weiden und die Männer schlafen. Sobald die Sonne den Zenit überschritten hat, werden wir Weiterreisen."
Die Ungarn schwingen sich aus den Sätteln, suchen sich ein schattiges Plätzchen unter den Bäumen und lassen ihre Pferde laufen. Einer der Männer hebt die beiden Frauen vom Pferd und bindet sie, Rücken an Rücken sitzend, an einem jungen Eschenbaum fest. Anna, erschöpft vom langen Ritt, schläft bald darauf ein.
Sie träumt. Wie sie es in Linze tat, wenn ihr Vater auf Reisen war und sie dem Pfarrer und Tusnelda entwischen konnte, streift sie durch die Wälder. Ein Rabe beobachtet sie mit seinen funkelnden Augen. Als sie nach ihm greift, fliegt er krächzend auf. Sie dreht sich um und sieht einen gewaltigen Schatten, der sich langsam nähert. Ihre Beine versagen ihr den Dienst und sie sinkt in das kurze stachelige Gras. Sie will um sich schlagen, doch ihre Hände sind gefesselt und sie vermag sich nicht zu bewegen. Statt eines Schreis kommt ein gurgelndes Geräusch aus ihrem Mund, als eine Berührung an der Wange sie weckt.
Einer der Ungarn, ein großer bulliger Mann mit schwarzem Haar, das in fetten Strähnen über sein pockennarbiges Gesicht hängt, hat sich zu ihr hinuntergebeugt. Er streichelt ihr Gesicht und starrt sie mit seinen eng beieinanderstehenden Augen an. Erschrocken von der Nähe des Mannes will sie aufschreien. Der Ungar drückt ihr seine Hand auf den Mund und murmelt etwas in seiner unverständlichen Sprache. Behutsam löst er Annas Fesseln und hebt sie hoch. Zwischen seinen gelben Zähnen stößt er einen kaum hörbaren Pfiff aus, worauf einer der Rappen den Kopf hebt und angetrabt kommt. Ohne Annas Mund freizugeben, steigt er aufs Pferd und zieht sie zu sich hinauf. Sie versucht sich zu wehren, aber gegen die stählernen Muskeln des Mannes hat sie keine Chance. Den massigen Körper fest an den Rappen gedrückt reitet er mit ihr über die Lichtung, hinein in den Wald.
Da erwacht Tusnelda aus ihrem Schlaf. Sie richtet sich auf und sieht, wie der Räuber mit Anna im Wald verschwindet. „Nein, nimm mich", schreit sie, „lass sie los, sie ist noch ein Kind!"
Fluchend gibt der Ungar dem Pferd die Sporen und verschwindet zwischen den Bäumen. Arkan, durch Tusneldas Schreie auf das Geschehen aufmerksam geworden, springt auf und will zu seinem Pferd.
„Es ist das Recht des Anführers, sich eine der erbeuteten Frauen zu nehmen", sagt einer der Männer, die ihn daran hindern den beiden zu folgen. „Du als Aware solltest das wissen!"
„Aber das Lösegeld", versucht er die Männer umzustimmen, damit sie ihn gehen lassen.
„Bantei wird die Frau zurückbringen. Jungfrau oder nicht, spielt keine Rolle. Der bajuwarische Kaufmann wird bezahlen, um seine Tochter lebendig zurückzubekommen."
Arkan will etwas entgegnen, aber der Ungar schüttelt den Kopf und so kehrt er auf seinen Platz unter der Eiche zurück.
„Ich verfluche deinen Namen, du awarischer Hund!" jammert Tusnelda, bevor ihr Schreien in ein Schluchzen übergeht.
„Still jetzt", sagt der Ungar, als er tiefer in den Wald hineinreitet. „Keiner da, der dich hört, keiner da, der dir hilft", sagt er und nimmt seine schwielige Hand von Annas Mund.
Sie schreit, worauf ihr der Ungar so heftig ins Gesicht schlägt, dass sie die Besinnung verliert. Als sie zu sich kommt, liegt sie am Waldboden. Der Ungar beugt sich über sie, zieht das krumme Messer aus seinem Gurt und schneidet ihr Kleid von oben bis unten auf. Er beginnt sie zu befingern, drückt ihren Busen, fasst in ihre Scham, während er eine Melodie summt, so als wolle er ein ängstliches Kind in den Schlaf wiegen.
„Er wird mich schänden und umbringen und keiner wird meinen Leichnam begraben." Sie versucht nach dem Mann zu treten, aber er lacht und reißt ihr das Kleid vom Körper.
„Lass mich los, du stinkendes Schwein", schreit sie.
Er grinst und drückt seine wulstigen Lippen auf ihren Mund. Ihr wird übel, trotzdem versucht sie sich mit all ihrer Kraft freizukämpfen.
„Du dreckiges Schwein", schluchzt sie.
Er beachtet sie nicht, schiebt seinen kurzen Lederrock nach oben und zieht die Lederbeinlinge nach unten. Als sie sein steil aufgerichtetes Glied sieht und den Gestank wahrnimmt, der von seinem ungewaschenen Körper ausgeht, schreit sie, aber da ist er über ihr, drückt ihre Schenkel auseinander und stößt in sie hinein.
Der Schmerz, der durch sie peitscht, erstickt ihren Schrei und verwandelt ihn in ein lächerliches Gurgeln. Sie dreht den Kopf zur Seite, um ihn nicht sehen, nicht riechen zu müssen. Er schnauft und keucht, packt sie am Haar und dreht ihren Kopf so, dass sie ihm in die Augen schauen muss. Heftig bewegt er sich in ihr und bedeckt ihr Gesicht mit Küssen. Sie würgt und muss sich übergeben. Ungerührt drückt er ihren Kopf zur Seite, damit ihre Magensäfte in den Waldboden fließen können und fährt fort in sie zu stoßen.
Taub vor Schmerz, Ekel und Wut bemerkt sie nicht, dass er auf einmal innehält. Ein ächzender Laut dringt aus seiner Kehle, dann bricht er über ihr zusammen. Sie spürt, wie sein Körper sie zu zerdrücken droht, doch mit den gefesselten Händen am Rücken ist es ihr unmöglich sich zu befreien.
Als er endlich auf die Seite rollt, ringt sie nach Atem. Ihr Magen krampft sich zusammen und sie erbricht erneut. Finger streicheln ihr übers Gesicht, aber nicht die Pranke des Ungarn, sondern eine weiche schmale Hand, nur halb so groß wie die des Barbaren. „Ruhig, meine Kleine", sagt eine Frauenstimme, „er kann dir nichts mehr antun. Er ist tot. Es tut mir so leid, dass ich dich nicht davor bewahren konnte."
Anna öffnet die Augen und hinter einem Schleier aus Tränen sieht sie das Gesicht einer Frau, die kaum älter ist als sie selbst. Die Fremde müht sich den massigen Körper des Mannes zur Seite zu rollen, bis es ihr gelingt, Anna unter dem Toten hervorzuziehen.
„Alles wird gut", sagt sie und streichelt über ihre Wange. Ihre warmen braunen Augen schauen sie mitleidig an, während sich in ihrem sommersprossigen Gesicht Sorge und Kummer breitmachen.
„Komm, steh auf", sagt sie zu Anna, „wir müssen hier verschwinden. Die anderen werden bald kommen, um nach ihm zu suchen." Sie springt auf und dreht den Ungarn auf den Bauch. Ohne zu erschrecken sieht Anna den Speer, der zwischen den Schultern des Mannes steckt.
Mit einem Ruck zieht die Frau die Waffe aus dem Rücken des Toten und wischt das Blut an seiner Lederweste ab. Sie löst sein Schwert aus dem Gürtel und stößt es in die Wunde. Knochen knacken und ein Schwall Blut sprudelt aus dem toten Körper. Anna wird es schwarz vor Augen. Sie rollt zur Seite, übergibt sich und beginnt zu weinen. Die Fremde streicht ihr das Haar aus dem Gesicht und runzelt besorgt die Stirn. Sie nimmt Anna bei der Hand und zieht sie hoch.
„Komm jetzt, wir müssen fort von hier."
Anna will sich zurück auf den Waldboden sinken lassen, zusammenrollen und sich in ihrem Körper verkriechen.
„Nein, wir müssen fort! Ausruhen kannst du dich später. Sie werden uns bald aufstöbern. Arkan, der Aware, versteht es Spuren zu lesen."
Der Klang des Namens holt Annas Geist in den Wald zurück. „Du kennst Arkan?", fragt sie.
Die Frau antwortet nicht. Sie hebt das mitgebrachte Tannenreisig vom Boden und beginnt den Waldboden zu kehren und Laub und Äste rund um den Toten zu verteilen.
„Die Ungarn müssen glauben, dass du ihn allein getötet hast und in den Wald geflohen bist", sagt sie, als sie alle Spuren verwischt hat. Sie bindet das Reisig auf ihre Füße und zieht dem Ungarn die Stiefel von den Beinen.
„Ohne Schuhe wirst du nicht weit kommen." Sie hält Anna die Stiefel hin, nimmt sie bei der Hand und zieht sie weg von dem Toten und dem Ort der Vergewaltigung. Erst jetzt bemerkt Anna, dass sie nackt ist. Sie will sich losreißen und zurücklaufen, um ihr Kleid zu holen. Mit einem Kopfschütteln zieht die Fremde Anna weiter mit sich fort.
„Schnell, wir müssen weiter. Die Ungarn werden bald hier sein", sagt sie. Anna stolpert in den viel zu großen Stiefeln hinter der Fremden her durch den Wald, in den trotz der Mittagsstunde kaum Licht fällt.
„Komm weiter, wir haben die Grenze gleich überschritten", sagt die Frau, die mit den Tannenzweigen an ihren Füßen keine Spuren am Waldboden hinterlässt. Anna stolpert, wird hochgezogen und weitergetrieben. Plötzlich hält die Fremde an. „Wir sind da!" Sie überschreitet eine niedrige Mauer aus weißen Steinen und lässt Annas Arm los. Mit geschlossenen Augen streckt die Fremde ihre Arme in die Luft, die Handflächen nach oben, so als wolle sie in die Zweige der Bäume greifen. Sie schließt die Augen und murmelt Worte in einer fremden Sprache.
Anna erschauert. Vor ihnen erhebt sich ein unheimlicher Hügel. Brocken aus Kalkstein türmen sich mehr als mannshoch in den Himmel. Auf der Spitze der Pyramide thront der skelettierte Schädel eines gewaltigen Stiers. Weit ausladende Hörner zeigen nach vorne, während die leeren Augenhöhlen auf sie hinunter starren. Zu beiden Seiten des Steinhaufens hängt je ein Kadaver eines Pferdes in den Bäumen. Ihre bleichen Skelette werden unvollständig von den zerschlissenen Fellen bedeckt und blanke Knochenschädel mit gelben Zähnen grinsen ihr entgegen. Anna stolpert einen Schritt zurück und fasst an das Goldkreuz um ihren Hals.
„Willkommen im Land der Muhme", sagt die Fremde, als sie sich umdreht und hört, wie Anna ein Stoßgebet zum Himmel schickt. „Dein Kreuz wird dir hier nichts nützen, denn hier herrscht die Dreieinige und nicht euer Christengott."
Anna will etwas entgegnen, aber da hört sie das Wiehern von Pferden und die Rufe der Ungarn durch den Wald gellen.
„Schnell jetzt!", sagt die Fremde, schiebt Anna am Steinhaufen mit seinem unheimlichen Schmuck vorbei auf einen mächtigen Baum zu. „Siehst du dort oben das Seil, das zwischen den Bäumen gespannt ist? Steig auf meine Schultern und greife nach dem Ring, der oben verankert ist. Mach ihn los und halte dich gut fest. Am anderen Ende des Seils kappst du die Leine und versteckst dich im Stamm des hohlen Baumes. Hast du verstanden? Nimm mein Messer und beeil dich, sie werden gleich da sein."
Die Rufe der Ungarn werden lauter und kommen näher.
„Sie haben den Toten gefunden", sagt die Fremde.
Anna nickt, steigt zuerst auf den Oberschenkel, dann auf die Schultern der Frau. Sie fasst den eisernen Ring, stößt sich ab und gleitet mit Hilfe des Seils auf eine mächtige Eiche zu. Nackt wie sie ist, schrammt sie an der groben Borke und schürft sich die Schultern und Knie. Ohne die Schmerzen zu spüren kappt sie das Seil. An der Rückseite des Baumes kriecht sie in den hohlen Stamm, in dessen Innerem ein Brett befestigt ist. Sie setzt sich darauf und späht durch ein Astloch nach draußen. Mit klopfendem Herz beobachtet sie, wie die Fremde das Seil einholt und es um ihre Schultern legt. Geschickt springt sie nach oben, bekommt einen Ast zu fassen und verschwindet in der Krone des Baumes. Keinen Augenblick zu früh, denn hinter den Stämmen tauchen die ersten Berittenen auf.
„Sie ist hier entlanggelaufen", sagt der Aware, den Blick auf den Boden geheftet. „Sie hat sich ins Land der Heiden geflüchtet. Ihre Spuren enden wenige Schritte hinter diesem Grenzstein." Er hält sein Pferd vor dem Steinhaufen an, bedacht darauf, das Land dahinter nicht zu betreten.
„Weiter!", befiehlt der glatzköpfige Ungar an Arkans Seite. „Sie hat meinen Vater getötet. Wir müssen sie schnappen und seinen Tod rächen."
Er zögert, als er merkt, dass der Aware keine Anstalten macht weiterzureiten. „Was ist, Arkan, willst du uns nicht führen?", fragt er und seine schwarzen Augen funkeln mit den goldenen Ringen, die er in seinen Ohren trägt, um die Wette.
Der Aware schüttelt den Kopf. „Wir werden sie nicht mehr finden. Sie hat sich einer Macht ausgeliefert, die ich nicht heraufzubeschwören wage. Uns Awaren ist es verboten, dieses Land zu betreten. Viele unserer Krieger haben einst versucht einer mächtigen Zauberin zu folgen, die mit ihren Schätzen hierher floh. Keiner von ihnen kehrte jemals zurück. Später, als der große Kaiser mein Volk vernichtete, hat auch er die Grenzen nach Frejaland nicht überschritten."
Arkan wendet sein Pferd. Wutentbrannt fasst ihm der junge Ungar in den Zügel und hindert ihn am Wegreiten. „Diese bajuwarische Hure hat meinen Vater getötet. Wir werden sie nicht ungestraft entkommen lassen", ruft er seinen Männern zu. „Wir sind Ungarn und fürchten uns weder vor Hexen noch vor den Märchen der Awaren", sagt er, den Blick auf Arkan gerichtet. Mit einem verächtlichen Schnauben lässt er Arkans Zügel los und treibt sein Pferd an. Das Ross steigt und galoppiert an dem Grenzstein vorbei. Der Ungar schwenkt herum und streckt die Faust in den Himmel, um seine Männer aufzufordern ihm zu folgen. Plötzlich schwirrt ein Pfeil durch die Luft und trifft seine ausgestreckte Hand. Er schreit auf, als ein Pfeil seinen Oberschenkel und fast zeitgleich ein weiterer seinen Oberarm durchbohrt. Obwohl sein Pferd buckelt, gelingt es ihm, es zurück zu der Gruppe der Männer zu treiben.
Mit schmerzverzerrtem Gesicht fällt er vor Arkan auf den Waldboden. Gefiederte Eibenholzpfeile, aus deren Enden Rabenfedern ragen, haben seine Gliedmaßen durchbohrt. Mit seiner gesunden Hand bricht er die dünnen Schäfte und zieht einen Pfeil nach dem anderen aus seinem Fleisch.
„Ich habe dich gewarnt", sagt der Aware achselzuckend.
„Die Heiden bewachen ihre Grenzen und erlauben keinem ihr Land zu betreten. Vergesst die Bajuwarin", sagt er an die Ungarn gewandt. „Wir haben genug Schätze erbeutet und werden für die andere Frau Lösegeld fordern. Helft dem Heißsporn auf und verbindet seine Wunden. Wenn die Heiden gewollt hätten, würde ein Pfeil in seinem Herz stecken und er wäre seinem Vater ins Totenreich gefolgt. Machen wir uns auf den Weg nach Süden, bevor die Soldaten des Markgrafen unsere Spur finden."
Arkan wendet sein Pferd und galoppiert davon. Die Ungarn zögern. Das schmerzvolle Stöhnen ihres blutüberströmten Anführers überzeugt sie schließlich dem Awaren zu folgen. Mit eingezogenen Köpfen entfernen sie sich vom Grenzstein, ohne einen Blick zurück auf den gewaltigen Stierschädel zu werfen.
Während der ganzen Zeit ist Anna in dem hohlen Baumstamm gesessen und hat nicht gewagt sich zu bewegen. Keine zehn Schritte von ihrem Versteck entfernt hat der Ungar seine Männer aufgefordert sie aufzuspüren und zu töten. Starr vor Angst hat sie den Atem angehalten und dennoch den Blick nicht von ihm lassen können. Sie hat das entschlossene Funkeln in seinen Augen gesehen und hat den Hass und den Zorn gespürt, mit dem er den Tod seines Vaters rächen wollte. Sie hat die Schweißperlen auf seiner Stirn glänzen sehen und nicht bemerkt, dass auch ihre eigene Stirn nass vor Angstschweiß geworden war. Dann sind Pfeile durch die Luft gezischt und das Blut seiner Hand hat die Glatze und das zornverzerrte Gesicht mit einem Muster aus roten Punkten überzogen.
Erst nachdem die Stimmen der Männer und das Getrampel der Pferdehufe eine Weile nicht zu hören sind, findet Anna den Mut ihr Gewicht zu verlagern und sich zurückzulehnen. Sie wirft einen Blick hinauf zum verborgenen Ausstieg in der dicht belaubten Krone. Obwohl sie friert und ihre Glieder schmerzen, erscheint ihr der Gedanke das Versteck zu verlassen absurd und töricht.
„Ich warte, bis die Fremde kommt, um mich zu holen", denkt sie, aber die Zeit vergeht und die Frau bleibt verschwunden. Anna beginnt zu weinen. „Ich bin allein, allein in diesen wilden Wäldern und kann nirgends hin", denkt sie. „Vielleicht wäre es besser zu den Ungarn zurückzukehren!" Bei dem Gedanken an die johlenden Männer wird ihr übel. Sie muss beide Hände auf ihren Mund pressen, um ihren Magen daran zu hindern, den letzten Rest Galle herauszuwürgen.
Als der Brechreiz abgeklungen ist und sie sich die Tränen aus den Augen gewischt hat, sieht sie, dass auf das Astloch ein Schatten gefallen ist. Erschrocken drückt sie sich an den Stamm des Baumes. Erleichtert erkennt sie das sommersprossige Gesicht der Fremden mit den braunen Augen.
„Komm, wir können jetzt weiter", sagt sie. „Bis zu den Höfen in der Trauch ist es noch ein langer Weg. Die Grenzwälder sind kein sicherer Platz, wenn es dunkel wird!"
Anna erhebt sich von dem Hohlsitz und zwängt sich durch den Ausstieg ins Freie. Mit Hilfe der Fremden klettert sie vom Baum und hat zum ersten Mal seit ihrem Aufeinandertreffen Zeit die Fremde näher zu betrachten. Sie ist um einen Kopf kleiner als Anna, und obwohl sie reifer wirkt, verrät ihre glatte Haut, dass sie kaum älter sein kann, als sie selbst. Ihr rotbraunes Haar hat sie zu einem Zopf geflochten und auf dem Kopf trägt sie ein Tuch, das sie auf ungewöhnliche Art gebunden hat. Anstatt der weiten Gewänder, wie sie von den Frauen in Linze oder Traisma getragen werden, ist sie in braune Lederhosen und eine lederne Jacke gekleidet, die eng anliegt. Am seltsamsten an ihrer Aufmachung erscheint Anna aber, dass sie bewaffnet ist. Ein Langbogen um ihre Schultern, ein schlanker Speer in ihrer Rechten und ein kurzer Krummsäbel, der an ihrem Gürtel baumelt. Wären nicht ihre zierliche Gestalt und der dicke Haarzopf hielte Anna sie für einen Mann. Die Fremde bemerkt Annas Blick und ein Lächeln huscht über ihre Lippen.
„Ich heiße Almathea und ich bin Jägerin", sagt sie. „Ich war hinter einem Hirsch her, als ich..." Sie bricht ab und schaut betreten zur Seite.
