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Liebe macht die Welt heller. Sie ist eins der schönsten und faszinierendsten Gefühle. Tiefer als vieles andere greift sie in Leben ein und schenkt, wenn es gut geht, den Liebenden Glück, Gemeinsamkeit, Geborgenheit – vielleicht für Stunden, vielleicht für länger. Fünfzehn Erzählungen umkreisen dieses Geheimnis, das jeder Mensch auf ganz eigene Art erlebt.
»Die Nacht vergeht, als wäre die Erde noch im Zustand des Einverstandenseins mit sich«, heißt es in einer der fünfzehn Geschichten. Eine erwiderte Liebe lässt auf Wolken schweben. Aber wie nah Himmel und Hölle in entscheidenden Momenten beieinander liegen können, erleben die beiden Hauptpersonen in einer anderen Geschichte.
Für Menschen, die sich darauf einlassen, warten überall Überraschungen, freundliche Zufälle führen zu unerwarteten Begegnungen. Liebe kann Einsamkeit überwinden helfen, Lebensmut geben und neue Perspektiven eröffnen. Zum Lieben gehören schlaflose Nächte, Liebesnächte, aber auch Sorge, durchwachte Stunden oder zerstörerische Eifersucht.
Das Spektrum ist unerschöpflich: Sehnsucht, Erfüllung, Enttäuschung, Verzweiflung, Treue und Untreue, Glück und Trauer … Das sind seit jeher Themen im Kopftheater von Liebenden und ebenso in den Geschichten »Die Liebe der Anderen«.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Renate Schoof
Die Liebe der Anderen
Erzählungen
Copyright © by Authors/Bärenklau Exklusiv
Cover: © by Sofia Steinbeck mit einem Motiv der Autorin, 2024
Verlag: Bärenklau Exklusiv. Jörg Martin Munsonius (Verleger), Koalabärweg 2, 16727 Bärenklau (OT), Gemeinde Oberkrämer. Kerstin Peschel (Verlegerin), Am Wald 67, 14656 Brieselang
Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.
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Inhaltsverzeichnis
Impressum
Das Buch
Die Liebe der Anderen
Spuren von Sterblichkeit
Die Hochzeitsnacht
Fremdvertraut
Pfingsten
Das Horoskop
Tristan
Zwei Theaterkarten
Morgens früh in Paris
Ohne Stimme
Auf Bewährung
Schrecklich krank und furchtbar glücklich
Indem du wirst, die du bist, wirst du licht
Himmel und Erde
Wir sind Vorübergehende
Die Therapie
Über die Autorin
Liebe macht die Welt heller. Sie ist eins der schönsten und faszinierendsten Gefühle. Tiefer als vieles andere greift sie in Leben ein und schenkt, wenn es gut geht, den Liebenden Glück, Gemeinsamkeit, Geborgenheit – vielleicht für Stunden, vielleicht für länger. Fünfzehn Erzählungen umkreisen dieses Geheimnis, das jeder Mensch auf ganz eigene Art erlebt.
»Die Nacht vergeht, als wäre die Erde noch im Zustand des Einverstandenseins mit sich«, heißt es in einer der fünfzehn Geschichten. Eine erwiderte Liebe lässt auf Wolken schweben. Aber wie nah Himmel und Hölle in entscheidenden Momenten beieinander liegen können, erleben die beiden Hauptpersonen in einer anderen Geschichte.
Für Menschen, die sich darauf einlassen, warten überall Überraschungen, freundliche Zufälle führen zu unerwarteten Begegnungen. Liebe kann Einsamkeit überwinden helfen, Lebensmut geben und neue Perspektiven eröffnen. Zum Lieben gehören schlaflose Nächte, Liebesnächte, aber auch Sorge, durchwachte Stunden oder zerstörerische Eifersucht.
Das Spektrum ist unerschöpflich: Sehnsucht, Erfüllung, Enttäuschung, Verzweiflung, Treue und Untreue, Glück und Trauer … Das sind seit jeher Themen im Kopftheater von Liebenden und ebenso in den Geschichten »Die Liebe der Anderen«.
***
Dieser Band enthält folgende Geschichten:
Spuren von Sterblichkeit
Die Hochzeitsnacht
Fremdvertraut
Pfingsten
Das Horoskop
Tristan
Zwei Theaterkarten
Morgens früh in Paris
Ohne Stimme
Auf Bewährung
Schrecklich krank und furchtbar glücklich
Indem du wirst, die du bist, wirst du licht
Himmel und Erde
Wir sind Vorübergehende
Die Therapie
Jemanden lieben heißt,
ihn zu sehen,
wie er gemeint ist
(Fjodor M. Dostojewski)
Die Pappeln der Galopprennbahn werfen ein Spiel von Licht und Schatten auf den Weg hinter den Gärten. Manchmal, wenn sie frühmorgens mit dem Fahrrad zur Schule fährt, jagt ein Pferd mit seinem Reiter über die Bahn.
Nun, am Mittag liegt der weite Platz still unter der Sonne. In den Gärten leuchtet hellblauer Rittersporn. An anderen Tagen fühlt Sophia sich nach sechs Stunden Unterricht leer, verausgabt – heute sieht sie vor ihrem inneren Auge Oliver unten an der Treppe stehen und so lachen, wie außer ihm niemand lacht. Diesmal hat er sich angemeldet. Sonst kommt er überraschend und kurz, denn er will seine Frau nicht kränken, die so viel besser zu ihm passt als sie.
Die Pflichten dieses Nachmittags hat Sophia im Voraus erledigt, um die Vorfreude zu spüren, wie einen breiten Schwall Licht, der durch eine geöffnete Tür fällt. Das Fahrrad lässt sie gleich draußen vor dem Haus stehen, läuft die Treppe hinauf. Es ist heiß. Sie wird zum Schwimmen an den See fahren, wechselt das Sommerkleid, lässt den letzten Rest Berufstätigkeit abfallen.
Oft entkommt Sophia dem Alltag, fährt für ein paar Stunden an den See. Ihr Fahrrad kennt den Weg wie ein verlässliches Pferd, nimmt bald diese, bald jene Straße. Eine letzte Kreuzung und sie kommt an im Park, im grünen Licht, das durch die Blätter hoher Eichen und Kastanienbäume fällt. Mit weit geöffneten Sinnen saust sie durch die Einsamkeit breiter Wege, vollkommen frei entzieht sie sich für ein paar Minuten der Schwerkraft.
Später gelangt sie an den Rand des Parks, teilt mit anderen Radfahrern den Weg, muss auf den Gegenverkehr achten. Grasbewachsene Hügel umgeben den See. Sie legt ihre Bastmatte an einen stillen Platz, weit entfernt vom Wasserspiegel, über den bunte Surfsegel gleiten.
Das Ufer gehört den Kindern, die Häfen und Burgen bauen, Sand und Wasser durch Plastikmühlen laufen lassen, schreien, weinen und spritzen. Diese Zone durchquert sie nur, um hinauszuschwimmen, weit hinter die Abgrenzungslinie.
An der Oberfläche hat die Sonne das Wasser aufgeheizt, es ist warm. Sich auf dem Rücken liegend treiben lassen und in den wolkenlosen Himmel träumen, blau bis unendlich. Und sie: geborgen im warmen Fruchtwasser. Verspielt ermisst sie die Vorteile des Geborenseins, die Bewegungsfreiheit, das Sehenkönnen, das Sprechenkönnen. Freiheit in Verletzlichkeit und Kälte. Sie beginnt zu frieren und schwimmt in schnellen entschlossenen Zügen zum Ufer zurück. Ihre Liebe ist das Bedürfnis nach solcher Geborgenheit und kostet sie die Freiheit, fokussiert alle Lebendigkeit auf ihn, wie auf einen Erlöser. Das ist ihr schon lange klar.
Es dauert eine Weil, bis das Frieren aufhört und sie die Wärme der Sonne wieder spürt. Als ihre Haare trocken sind, entschließt sie sich nach Hause zu fahren, um sie mit Kamillenextrakt zu waschen und noch einmal in der Sonne zu trocknen, damit sie ganz hellblond werden.
Vorsichtig versucht sie die Kontaktlinsen, die sie vor dem Schwimmen herausgenommen hat, wieder einzusetzen. Ein unerwarteter Windstoß – und etwas ändert sich. Das runde Glasstückchen ist vom Zeigefinger ins Gras geweht. Fünf Minuten sucht sie fieberhaft und will es nicht glauben: Die Linse bleibt verschwunden. Ein hoffnungsloses Unterfangen, sie im hohen Gras wiederfinden zu wollen.
Ihr Sehvermögen reicht aus, um sicher zu fahren, aber es ist, als hätte der Tag einen Sprung bekommen. Der Glanz ist einem Verlustgefühl gewichen. Plötzlich weiß sie, wie sich die Wochen nach einer Liebesnacht anfühlen. Einige Tage wird die Wärme in Bauch und Seele vorhalten, und dann werden Entzugserscheinungen einsetzen. Dann gilt es Wochen ohne Oliver durchzustehen.
Die uralten, mächtigen Bäume filtern das gleißende Licht, machen es glitzern zwischen den Blätter. Doch das Fahren erscheint ihr jetzt wie ein Vorwärtsfallen. Sie spürt die Melancholie des alten Parks mit seinen geschwungenen Steinbänken, deren Stifterinnen und Stifter längst tot sind. Die Weisheit vergänglicher Lebendigkeit, die Bäume zu geben haben, ist ein Trost für den Sophia jetzt keine Verwendung hat; sie möchte unvernünftig glücklich sein.
Die verlorene Linse ist kein Problem. Nur wird ihr durch den Verlust bewusst, dass sie auf Windeis tanzt, dass es ganz anderes Glück gibt. Dass sie als Mädchen anders von Liebe geträumt hat. Einen Moment denkt sie, dass es nicht in Ordnung ist, mit einem Mann zu schlafen, der mit einer anderen verheiratet ist. Der Strom der Euphorie ist unterbrochen.
Beim Haaretrocknen auf dem Balkon schläft sie ein, in der prallen Sonne mit ihrem eingesunkenen Kindermut. Als sie aufwacht, fühlt sie sich schlapp, aber wieder froh – es wäre verrückt, nicht froh zu sein.
Dann macht sie sich schön. Ist braun und blond, nimmt nur wenig Lidschatten und Wimperntusche, fast keinen Lippenstift; zieht das blaue Kleid an, das zu ihrer gemeinsamen Geschichte gehört, die schon so alt ist. Irgendwann werden wir Silver-Lover-Day feiern, hat er einmal gesagt.
Und dann klingelt es, lange vor sechs. Er lacht all ihre Sorgen, Skrupel, Verlorenheitsgefühle weg. Beißt ihr zärtlich in die Lippen vor Glück, birgt sie in seinen Armen, an seinem Körper. Wie Verschworene entscheiden sie, nicht gleich und schnell ineinander zu fallen, sondern hinauszugehen in den warmen Abend, etwas zu trinken und zu bummeln.
Das Autoradio spielt: »We don’t need another hero, we need another way home.” Er scheint sie unverwandt anzuschauen. So erreichen sie den Park, schlendern zu dem Jugendstil-Pavillon mit dem Biergartengestühl, um den sie sonst einen Bogen macht, weil es niemanden gibt, mit dem sie dort sitzen könnte. Nun ist alles anders. Sie hat einen Liebsten und er ist bei ihr.
Oliver geht zwei Alsterwasser holen, und sie nutzt die Zeit, um zu atmen, um sich ihrer selbst ein wenig zu erinnern, bevor sie wieder im Wir verschwimmt.
Kein Zweifel, sie schweben einen halben Meter über dem Boden, und sie sagt sich: Das ist Glück, genauso fühlt es sich an und es ist zu ertragen und ich erleben es jetzt. Im Traum ist sie einmal geflogen, das war so.
Dann wandern sie zum kleinen Göttinnentempel, den sie ihm zeigen möchte. Wie ein griechisches Bauwerk ruht er einsam auf einem Hügel, umgeben von einer Sommerblumenwiese. Auf dem Rückweg schmerzt Olivers Knie und Sophia ist erschrocken und sonderbar berührt, Spuren von Sterblichkeit an ihm wahrzunehmen.
Dunkelheit breitet sich im Zimmer aus, als sie wieder zu sich kommen. Halbnackt schlüpft Sophia in die Küche und kommt mit einem Teller Käsebrötchen und Oliven zurück. Sie trinken Bier und betrachten den abnehmenden Mond, der wie ein angelecktes Eis über dem Dach des Nachbarhauses erscheint. Die Nacht vergeht, als wäre die Erde noch im Zustand des Einverstandenseins mit sich. In der Morgendämmerung küsst Oliver sie zum Abschied. Viele Kilometer entfernt wird er in seinem Hotelzimmer duschen und dann mit den Tagungsteilnehmern frühstücken, als sei nichts gewesen.
Sophia kann an diesem Tag auf dem Glück balancieren, ihre Schüler anlächeln, Leichtigkeit verschenken. Unterrichten ohne Kontaktlinsen birgt für sie die neue Erfahrung, das Mienenspiel der Kinder mehr erraten als sehen zu können. Ein Tasten durch den Tag. »Keep your soul under control« hat ihr ein Mann vor vielen Jahren geschrieben. Sie hat darüber gelacht. Wohl deshalb ist sie als Lehrerin nur bedingt geeignet: sie will nichts und niemanden unter Kontrolle halten.
Den Himmel bedeckt ein zartes Grau. Kein Tag, kein Wetter, ein leichtes Schweben. Sie selbst umschlossen von mattfroher Unberührbarkeit. So müssen sich Engel fühlen, als Gäste in unserem seltsamen Alltag, denkt sie, als sie nach der sechsten Stunde ihr Fahrrad aufschließt, um nach Hause zu fahren.
Hektisch pulsieren gelbe und rote Strahlen einer Lightshow im Rhythmus der Musik, spiegeln sich matt auf der silbrigen Tanzfläche, erfassen erhitzte Gesichter unter Festfrisuren, beleuchten nackte Schultern und Rücken, atemberaubende Dekolletés über pastellfarbenen Mädchenträumen. Mondscheinnächten nachempfundenes Geisterlicht färbt die Hemden der Herren, die ihre Jacken längst beiseite gehängt haben, bläulich-weiß, in der Strandhalle mit der Fensterfront zum nächtlichen Meer, auf dem am fernen Horizont Schiffe als Lichtpunkte vorüberziehen.
Inmitten der zuckenden, wogenden Menge ihrer Hochzeitsgäste tanzt Ivy so wild und ausgelassen wie es das lange weiße Brautkleid mit der ungewohnten Schleppe und der in ihrer kunstvollen Frisur festgesteckte Schleier zulassen. Sie versucht, sich tanzend zu befreien aus den Zwängen des langen Tages, aus all dem Gutgemeinten, dem angestaubten Getue, das zuletzt nur noch genervt hat, möchte ihre Gedanken abschalten, einfach glücklich sein, aufatmen nach wochenlangem Vorbereitungsstress, den sie sich und Sören zur Planung des Festes auferlegt hatte. Endlich ankommen bei sich. Und bei Sören.
An seiner Art sich zu der ohrenbetäubenden Musik zu bewegen, nimmt sie wahr, auch er möchte zu sich kommen, den Druck abschütteln. Gutmütig hat er mitgespielt: Vor dem Altar in der kleinen Insel-Kirche ebenso wie beim Zerschneiden eines Betttuchs. Mit stumpfer Kinderschere musste er ein herzförmiges Loch hineinschneiden, groß genug, damit sie beide hindurch schlüpfen konnten. Warum nur hat sie dabei an das Zerstören des Jungfernhäutchens denken müssen, und daran, für wen solche Belustigungen aus der Mottenkiste überhaupt noch passen. Den Baumstamm durften sie immerhin gemeinsam zersägen. Freundlich hatte ihr Liebster sich diesen und anderen Hochzeitsbräuchen unterworfen, wie ein Völkerkundler, der an den Riten einer ihm fremden Kultur teilnimmt. Während des Fototermins hatte er brav Haltungen eingenommen, die der darauf spezialisierte Fotograf wohl jedem Brautpaar nahelegte.
Alles hat er aus Liebe zu ihr über sich ergehen lassen. Weil er sie liebt, durfte sie genau die Hochzeit planen, von der sie seit ihrer Kindheit träumt. Inspirierend für sie waren überdies die Feste ihrer Freundinnen und Cousinen in den letzten Jahren gewesen. Und wenn sie ehrlich ist, muss sie zugeben, sie wollte auch die Träume ihrer Eltern für die Hochzeit der einzigen Tochter erfüllen. Mutters Traum von einer Feier mit allen Verwandten, Freunden und Nachbarn und Vaters Traum, seine Tochter durch die Kirche zum Altar zu führen, um sie dort dem Schwiegersohn zu übergeben.
Ihre Freundin Leonie hatte dringend von der Zeremonie abgeraten, sie entwürdigend genannt, frauenfeindlich, aus einer Zeit stammend, in der die weiblichen Mitglieder der Familie den Männlichen unterstellt waren und gefragt: »Soll Sören nun von Papas Gnaden auf Dich aufpassen?« Von der Kraft der Symbole hatte sie gesprochen und vorgeschlagen, wenn überhaupt, dann anders zu heiraten, sich angemessene Formen auszudenken. Über die teuren Einladungen auf Büttenpapier mit Gold und Schnörkel hatte sie gelacht, und den Passus, in dem um festliche Kleidung gebeten wurde, als Nötigung zurückgewiesen. »Wenn die Gäste schon auf eure Insel reisen müssen, dann lass sie wenigstens anziehen, was sie wollen.« Ein Wunder, dass sie zugestimmt hatte, Trauzeugin zu sein.
»Unsere Insel«. Hier haben sie und Sören sich kennengelernt. Von einem Gewitterschauer überrascht, war sie von der Promenade hin zu einem Strandkorb geflüchtet, der, den Rücken zur Regenseite, etwas abseits stand. Jemand hatte ihn nah an den Flutsaum geschoben mit Öffnung zum Meer. Den darin sitzenden Mann entdeckte sie zu spät, um den Rückzug antreten zu können.
Ein innerer Film, der wohl hundert Mal vor ihren inneren Augen abgelaufen ist, zeigt Sörens entspanntes, liebevolles Gesicht. Zum Abtrocknen von Gesicht und Haaren bot er ihr sein Badehandtuch an. Und weil sie in ihren regennassen Klamotten fror, nahm er sie spontan in die Arme. Später kommentierte er das mit den Worten: »Entweder wäre dir heiß geworden vor Wut – oder …«
Sie war nicht wütend geworden, hatte sich in seinen Arm gekuschelt und ihm schon bald von ihrem Liebeskummer erzählt, der sie auf die Insel getrieben hatte. Auch Sören verarbeitete gerade das Ende einer Partnerschaft. »Alltags in der Schule vertreiben die Schüler meine trüben Gedanken«, hatte er gesagt. Um in den Ferien unangenehmen Erinnerungen zu entgehen, hatte er sich vom Verkehrsbüro der Insel als Sportlehrer anwerben lassen, bot Tennisstunden, Fitness-Gymnastik, Joggen, Yoga- und Schwimmkurse an. Von morgens bis abends Programm. Ihr zu Ehren schwänzte er das Joggen an jenem Abend.
So konkret denkt sie das alles nicht, die Erinnerung gehört zu dem Gefühl von Wärme, das sie von Anfang an füreinander empfunden haben: Dem anderen beistehen wollen, ihm Geborgenheit geben, seiner Einsamkeit etwas entgegensetzen. Ganz selbstverständlich war sie mitgegangen in sein Quartier gleich neben den Tennisplätzen und nach einer heißen Dusche und einem Grog waren sie zusammen in seinem Bett gelandet, Kinder, die Angst haben, allein im Dunkeln zu schlafen.
Wie von ihren Gedanken beeinflusst, endet das Gewummer, ertönt Schmusemusik. Ivy schaut Sören an. Unser Tag, sagen seine hellbraunen Augen, in denen sich ihre Gestalt spiegelt. Dies ist unser Tag, meine Liebste. Auf einmal sind sie sich wieder nah. Aneinandergeschmiegt folgen sie einer Melodie, nach der sie schon oft getanzt haben, zum ersten Mal damals, kurz nachdem sie sich begegnet sind und dann immer wieder. Alles um sie herum ist vergessen. Mit geschlossenen Augen gleitet sie mit ihm langsam durch orangefarbenes Schummerlicht. Nichts anderes gibt es mehr, nur sie beide und ihre Liebe.
Unvermittelt drückt etwas leicht auf ihr Haar und noch etwas und noch mehr. Irritiert öffnet sie die Augen, blickt in triumphierende Gesichter am Rande der leeren Tanzfläche, rund um sich her. Von allen Seiten fliegen Wollknäule über ihre Köpfe hinweg, legen sich Wollfäden auf ihre verschwitzten Köpfe. Sie spürt kratzige Fäden auf den nackten Schultern, fühlt sich seltsam hilflos, umringt von durch Alkohol geröteten unangenehm animierten Gesichtern, fühlt sich ausgeliefert wie bei einem Überfall, schaut auf Sören, dem es ähnlich zu gehen scheint, eingekesselt von merkwürdig enthemmten Verwandten und Freunden. Aufhören! möchte sie rufen. Genug! Doch das Spektakel endet erst, als sie und Sören wie gefangen in der Mitte eines dichten Spinnennetzes stehen. »Es ist halb Eins«, ruft ihre Cousine Jessica, die sie eh nicht leiden kann. »Eure Ehe ist von Spinnweben bedeckt.«
Gemeinsam schälen sie sich aus dem Kokon, müssen einmal mehr gute Miene zum bösen Spiel machen. Als wäre sie von Wolke sieben herabgestürzt in einen Saal, in dem sogar die eigenen Eltern fremd aussehen, in ihrem seltsamen Enthusiasmus, ein altes Possenspiel nach dem anderen abzuspulen. Es reicht.
Wortlos verlässt sie den Raum. Nimmt in Kauf, dass die anderen ihre Verstimmung spüren. Sie kann nicht mehr, mag nicht mehr, hat sich ihre Hochzeitsfeier irgendwie anders vorgestellt, würde gern einfach so mit den anderen lustig sein, verliebt sein, tanzen, wild und auch nah. Und nicht mit dem Schrott von Jahrhunderten beladen werden.
Auf dem Weg zu den im Keller gelegenen Toiletten fällt ihr das laute Hupen durch die Städte rasender Hochzeitsgesellschaften ein. Schon als Dreizehnjährige klangen ihr diese unerträglich aggressiven Hupkonzerte wie ein Halali in den Ohren, das sie mit dem Erlegen von Jagdbeute in Verbindung brachte. In männerdominierten Gesellschaften wurde die Frau als Beute angesehen, die erobert, bezwungen, besiegt und auf den Rücken gelegt wurde, niedergeworfen in der Brautnacht oder schon davor. Zum Spaß des Mannes, um ihm zu gehören, ihm Söhne zu gebären …
Sie schaut in den Spiegel. Das alles hat doch nichts ihr und Sören zu tun. Am liebsten würde sie die Haarnadeln aus der kunstvollen Frisur ziehen, ihren Locken die übliche Bewegungsfreiheit zurückgeben. Der Kopf schmerzt, die Wollfäden haben ein unangenehmes Jucken erzeugt.
Zurück im Saal sucht sie mit den Augen nach ihrem Mann. Mein Mann. Wie sehr hat diese Formulierung sie den ganzen Tag über erfreut, ja entzückt. Ihr ganz eigenes Halali? Darüber mag sie nicht nachdenken, jedenfalls nicht jetzt. Sören kann sie weder am Tisch seiner Freunde, noch am Familientisch entdecken. Wahrscheinlich ist auch er sich frischmachen gegangen. Kein Wunder nach dem Wollknäul-Überfall.
Ich hätte nicht so wortlos verschwinden sollen, denkt sie. Er kann ja nichts dafür. Weder für die Übergriffe, noch für irgendeine der Nervereien. Ursprünglich wollte er nur eine Minihochzeit. Dazu auf die Insel zu fahren, das gefiel ihm – allerdings nur zu einer standesamtlichen Trauung und nur mit Leonie und seinem Freund Stephan. Mit den beiden haben sie schon oft etwas unternommen und jedes Mal Spaß dabei gehabt. Nach der Zeremonie lade ich euch zu einem Segeltörn ein, hatte Stephan gesagt. Leonie war begeistert gewesen von der Idee, das Jawort in kleinstem Kreise auf dem Meer zu feiern.
Ihren Bruder, den sie die Treppe von den Toiletten heraufkommt sieht, fragt sie, ob er Sören gesehen hat. »Nö, da unten war niemand«, antwortet er. »Bestimmt steht dein Liebster draußen bei den Rauchern.« Gut gelaunt geht er zurück an den Tisch zu seinen Kumpeln.
Vor der Tür steht Katrin, eine Freundin ihrer Mutter mit Onkel Frederik und bläst blaue Wölkchen in den sommernachthellen Himmel. Sie hat Sören gesehen, schon vor einer Weile. »Ich glaube, er ist Richtung Hotel gegangen«, sagt sie. »Wir dachten, ihr hättet das verabredet.«
Onkel Frederik fügt lächelnd hinzu: »Brautpaare schmücken sich doch meist irgendwann ab, wegen der Hochzeitsnacht und so.« Das klingt nicht anzüglich, sondern nett, verständnisvoll.
Mit einem: »Da haben wir uns wohl knapp verpasst«, lässt sie die beiden stehen, rafft die Schleppe ihres Brautkleides und läuft auf dem Holzsteg durch die Dünen. Zum Hotel ist es nicht weit.
*
Sören genießt es, den Wind in dem großen braunen Segel zu spüren, zu erleben wie die geballte Kraft das Boot aus dem Hafen treibt. Ein riskantes Manöver, das ist ihm bewusst. Stephan wirft in solchen Situationen den Motor an, um im engen Becken mit der schmalen Ausfahrt nicht an die Kaimauer zu geraten. Doch schon durchschneidet das Segelboot mit schäumender Bugwelle die schwarzgrüne Wasserfläche, gleitet ungebremst durch schweigende Unendlichkeit.
Der Sternenhimmel, hoch über ihm in der Dunkelheit strahlt Ruhe aus. Mit der Großschot in den Händen das Segel haltend, lehnt er sich zurück, versinkt in der Tiefe des Kosmos, denkt: Heilige Nacht. Wundert sich und wundert sich nicht, warum er das denkt. Heilige Nacht. Dann nimmt der Wind alle Gedanken mit sich fort, macht ihn seltsam schwerelos, leicht und zugehörig der Stille, der Klarheit, aber auch des Brausens ringsum. Gern würde er das Gefühl festhalten, so ganz da zu sein und gleichzeitig Teil der Ewigkeit.
Gischt spritzt hoch auf, rinnt spürbar über Gesicht und Hände. Seine Lippen schmecken salzig, wie in der Kindheit, wenn er Tränen, die ihm über die Wangen liefen, mit der Zunge auffing – bis seine Mutter das beobachtete und ihm sagte, Tränen seien giftig. Er muss lachen. Ist Meerwasser nicht ebenfalls giftig?
Seine allzu vernünftige Mutter. Ihm fällt ein, wie sie von Verantwortung spricht, von seiner Verantwortung als Ehemann. Und wie sehr sie Ivy schätzt, ja liebt, wie sehr sie Ivys Eltern mag und deren Verwandte, sogar die Freunde. Die ganze Mischpoke, würde seine Großmutter sagen. Seine unbeschreibliche Großmutter. Er vermisst sie, hätte ihr Ivy gern vorgestellt. Unkonventionell war sie gewesen, kompromisslos und kritisch. Hatten sie und der Großvater nicht in Motorradkluft geheiratet? Es gibt Bilder davon im Fotoalbum. Mit der Suzuki vor dem Standesamt.
Als Ivy an der Hand ihres Vaters zu den feierlichen Klängen der Orgel – absolut perfekt, trotz der ungewohnten High heels, ganz so als hätten es die beiden x-mal geprobt – auf ihn und den Pfarrer am Altar zugeschritten kam, musste er daran denken, wie es wäre, wenn seine Mutter ihn in ähnlicher Weise vorführen und übergeben würde. In seelischen Ausnahmezuständen liefen bei ihm oft solch absurde Filmchen vor den inneren Augen. Er kannte das, er konnte und wollte nichts dagegen tun. Übersprungserscheinungen. Wahrscheinlich machen sie ihn immun gegen Sentimentalität und falsches Pathos.
Vorsichtig nimmt er den Druck aus dem Segel, verlangsamt die Fahrt, schaut um sich. Noch immer bewegt sich das Meer in der freundlichen Sommernacht ganz ruhig, fast als atme es in der feierlichen Sternendunkelheit, umschlossen vom Himmelsgewölbe. Die hellerleuchteten Strandterrassen sind längst unter den Horizont gesunken und mit ihnen Ivy, ihr Vater, seine Mutter – und die Erfahrung, in einem Spinnennetz gefangen zu sein. Erst die Hochzeit, denkt er bitter, dann vielleicht gegen die Verabredung und gegen seinen ausdrücklichen Willen ein Kind, »endlich ein Enkelkind!« Es würde viele Möglichkeiten geben, seine Friedfertigkeit zu überfordern. Die wohlmeinenden Mütter immer dabei. Ihn schauert.
Losgelassen flappt das Segel, und das seines Antriebs beraubte Boot beginnt in der Dünung zu schaukeln. Einen Moment lässt er sich wiegen, dann wird ihm schwindlig. Unerwartet ruft jemand seinen Namen. Leonie. Neben dem Boot taucht das lachende Gesicht der Freundin auf. »Komm ins Wasser!«, ruft sie. »Es ist herrlich!« Um sie herum glitzert das Meer. Jede ihrer Bewegungen ist begleitet von überirdischem Gefunkel. Lumineszierendes Plankton, denkt er. Plankton, das Herumirrende.
Wie es Leonies Art ist, versucht sie nicht, ihn zu überreden, als er zögert. Quer zu den Wellen krault sie vom Boot weg. Ohne lange zu überlegen, steigt er auf den Bootsrand – und springt.
»Zappelst ja wie ein Aal an der Angel.« Leonies Stimme weckt ihn. Eine Hand auf seinem Arm sitzt sie unvermittelt bei ihm im Strandkorb, fragt: »Bist du betrunken?«
Er hat Mühe, sich zurechtzufinden, war grad noch in Stephans Boot auf dem Meer. »Ich hab wohl geträumt«, meint er verwirrt, und wie im Zeitraffer rast der gestrige Tag auf ihn zu. Das furchtbar anstrengende Hochzeitsfest. Stillgehalten hat er, als sei er ein ausgestopftes Kaninchen, als sei er Ivys Teddy aus Kindertagen, der mit dem fehlenden Ohr, den sie mit in die Ehe bringen wird wie ein Kind aus erster Ehe.
»Betrunken bin ich nicht«, sagt er. »Nur benommen.
