Die Liebe des Wanderchirurgen - Wolf Serno - E-Book

Die Liebe des Wanderchirurgen E-Book

Wolf Serno

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Beschreibung

Die lang erwartete Fortsetzung: Vitus, der Wanderchirurg, in neuer Mission! England, anno 1588. Vitus, der von Elisabeth I. zum Earl of Worthing ernannt wurde, ereilt der Ruf, die englische Flotte im Kampf gegen die spanische Armada zu unterstützen. Er gerät in einen fast aussichtslosen Konflikt, denn Nina, seine geliebte Frau, will ihn nicht ziehen lassen, und sein bester Freund, der Magister García, schlägt sich auf die Seite des Feindes. Doch die größte Gefahr geht von Isabella aus, einer bildschönen, verruchten Spanierin … Über 1,5 Millionen verkaufte Exemplare der Wanderchirurgen-Saga. Die Liebe des Wanderchirurgen von Wolf Serno: als eBook erhältlich!

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Wolf Serno

Die Liebe des Wanderchirurgen

Roman

Knaur e-books

Wie immer für mein Rudel:

Micky, Fiedler († 16), Sumo, Eddi.

 

 

 

Und diesmal besonders für Buschmann,

meinen Oberstabs-Ranger a.D.

Die religiösen Zitate des Romans stammen aus: DIEBIBEL. Die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments, siebenundzwanzigster Abdruck. Gedruckt und verlegt von B. G. Teubner in Leipzig, 1877

* * *

Die Operationen und Behandlungen in diesem Buch spiegeln den wissenschaftlichen Stand des 16. Jahrhunderts wider. Zwar gab es schon damals Eingriffe, die sich im Prinzip bis in unsere Tage nicht verändert haben, und auch die Kräuter wirken heute nicht anders als vor über vierhundert Jahren, doch sei der geneigte Leser dringend vor Nachahmung und Anwendung gewarnt.

* * *

Die Handlung spielt in den Jahren 1587 und 1588, also zu einer Zeit, als bereits der gregorianische Kalender eingeführt war. Dennoch wurden sämtliche Zeitangaben nach dem alten julianischen Kalender vorgenommen, da die Schauplätze des Romans überwiegend in England liegen und dort der julianische Kalender bis 1752 galt.

Ich ließ sie ein menschlich Joch ziehen,

und in Seilen der Liebe gehen,

und half ihnen, das Joch an ihrem Halse tragen,

und gab ihnen Futter.

Hosea 11, 4

[home]

Prolog

Du hast einen guten Tag gemacht, Herr«, sagte Pater Alfredo. Er stand im Eingang der Kathedrale Santa Cruz und blickte voller Dankbarkeit in den blauen Himmel über Cádiz. Man schrieb Samstag, den 19. April 1587, und es schien ein ganz normaler Wochentag zu sein, wenn man davon absah, dass die Luft verschwenderisch nach Frühling duftete und dass Pater Alfredo Geburtstag hatte.

Er faltete die Hände und fuhr leise fort: »Du meinst es gut mit mir, Herr, sechsundfünfzig Jahre lang hast Du mir ein reiches, erfülltes Leben geschenkt, und ich kann mich an keinen Geburtstag erinnern, an dem das Wetter nicht schön gewesen wäre. Aber ich will nicht hoffärtig sein, wahrscheinlich ist es purer Zufall, dass auch heute die Sonne wieder scheint, sicher hast Du Wichtigeres zu tun, als Dich um das Wetter am Geburtstag Deines geringsten Dieners zu kümmern.«

Er schaute auf das Treiben in den umliegenden Gassen. Das Lärmen der Händler und das Geschrei der Marktfrauen hatte nachgelassen, denn es war bereits Nachmittag, und die meisten Geschäfte waren getätigt. Auch Pater Alfredo hatte ein Gutteil seiner Arbeit erledigt: Er hatte den Tag darauf verwandt, sich auf die Predigt für die morgige Sonntagsmesse vorzubereiten, doch im Gegensatz zu sonst war er nicht recht vorangekommen. Selbstverständlich hielt er seine Predigten auf Latein, was kaum eines seiner Schafe verstand, dennoch sollten seine Worte Sinn machen und nach Möglichkeit auf die Sorgen, die Nöte und die Wünsche der ihm Anvertrauten eingehen.

Er senkte die Augen. »Ich werde zur Strafe für meine unnützen Gedanken nicht wie beabsichtigt ein Gläschen Rioja im Trocadero trinken, Herr, auch will ich nicht wie üblich eine halbe Chorizo und ein Stück Ziegenkäse dazu verspeisen, sondern umgehend in Dein Haus zurückgehen. Gewiss wird mir dann mit Deiner Hilfe eine zündende Idee einfallen.« Er hielt inne und sah aus dem Augenwinkel eine prächtige Kutsche vorfahren. Ein Lakai sprang vom rückwärtigen Trittbrett herab, riss die Tür auf und klappte ein Treppchen heraus. Wer da wohl kam?

Pater Alfredo haderte erneut mit sich, denn schließlich hielt er Zwiesprache mit dem Allmächtigen, und nichts auf der Welt durfte ihn davon abhalten. »Vielleicht, Herr, sollte ich Dich während der Predigt bitten, allen Verirrten wieder den wahren, den einzigen Weg zu Dir zu weisen, so wie es im einundachtzigsten Psalm steht: Weh’ ihnen, dass sie von mir weichen, sie müssen zerstöret werden, denn sie sind von mir abtrünnig geworden! Ich wollte sie wohl erlösen, wenn sie nicht wider mich Lügen lehrten.«

Ein zierlicher Schuh erschien in der Kutschentür und trat auf die oberste Stufe des Treppchens. Es folgte eine ausladende rubinrote Robe und eine bis zum Ellbogen behandschuhte Hand, die sich ungeduldig dem Lakaien entgegenstreckte. Der Lakai ergriff sie dienernd. Ein Kopf neigte sich heraus, und wenig später wurde ein Gesicht erkennbar. Es war von schwarzen, streng in die Höhe gekämmten Haaren umrahmt und zeigte jene vornehme Blässe, die nur bei Vertretern des Adels vorkam. Die Farbe der Augen war auf die Entfernung nicht festzustellen, doch die Nase wies einen leichten Haken auf, und die grell geschminkten Lippen waren schmal. Insgesamt war das Gesicht nicht schön zu nennen, aber doch apart. Pater Alfredo hatte es noch nie gesehen.

Er betete weiter: »Und die Verirrteste der Verirrten ist, wie Du weißt, Herr, die eitle, gottlose, prunksüchtige Elizabeth von England, die Jungfräuliche Königin, wie sie sich nennen lässt, deren Vater Heinrich schon den Pfad des rechten Glaubens verließ, indem er der allein seligmachenden katholischen Kirche den Rücken kehrte …«

Bei allen Heiligen, die hochherrschaftliche Dame kam auf ihn zu! Pater Alfredo wollte sein Gebet unterbrechen, doch dann besann er sich eines Besseren. Vor Gott waren alle Menschen gleich, und diese Dame musste ebenso wie jeder andere warten, bis er sein Amen gesprochen hatte. Er tat, als sehe er sie nicht, und sprach weiter: »Elizabeth, diese Häretikerin, die mit ihrer Jungfräulichkeit seit Jahren kokettiert, hätte längst dem Werben unseres gottesfürchtigen Philipp nachgeben und ihn heiraten sollen. Doch sie denkt nicht daran. Sie ist dünkelhaft wie ein Pfau und bockig wie ein Esel. Da ist es nur recht und billig, dass unsere Allerkatholischste Majestät eine Armada gegen England rüstet, die sie in die Knie zwingen wird, die sie willens machen wird, ihm als Eheweib fromm und züchtig zur Seite zu stehen. Oh, Herr, welch ein erhebender Gedanke! Welch ein Kreuzzug!« Pater Alfredo seufzte. Er war jetzt sicher, das Thema für seine morgige Predigt gefunden zu haben.

Doch was war das? Die hochherrschaftliche Dame beachtete ihn gar nicht. Sie ging einfach an ihm vorbei und betrat die Kathedrale. Nun gut, das war ihr nicht zu verwehren. Niemandem war es zu verwehren, ein Gotteshaus zu betreten, wenn er seinem Schöpfer nahe sein wollte. Pater Alfredo beendete sein Gebet, indem er Gott versicherte, dass die Zukunft und das Schicksal der dünkelhaften Elizabeth selbstverständlich in Seiner Hand lägen, und dass er, Alfredo, nur ein paar eigene Gedanken habe äußern wollen. Er sagte hastig »Amen« und betrat erneut die Kathedrale.

Drinnen umfing ihn Kühle, während seine Augen sich an das dunklere Licht gewöhnten. Er ging durch das Hauptschiff, vorbei an dem durch Jahrhunderte geschwärzten Kirchengestühl, machte im Angesicht der großen Christusfigur das Kreuzzeichen – und ertappte sich dabei, dass er insgeheim Ausschau nach der Fremden in der rubinroten Robe hielt. Sie war nicht da. Niemand war da, was ungewöhnlich schien zu dieser Stunde. Pater Alfredo schüttelte den Kopf. Er wollte einen Winkel der Sakristei ansteuern, in dem er sich zu sammeln pflegte und seinen Predigten den letzten Schliff gab, als ihn ein plötzlicher Ruf herumfahren ließ: »Pater!«

Er brauchte zwei oder drei Herzschläge, um zu begreifen, dass der Ruf aus dem Beichtstuhl gekommen war. Der Beichtstuhl stand an der linken Seite des Hauptschiffs zwischen der Genueser Kapelle und der Kapelle Jesus von Nazareth. Er war ein Meisterwerk der Möbeltischlerei, geschlossen und zweigeteilt, und sein schrankartiger Aufbau wurde überdeckt von üppigen, Rosen darstellenden Schnitzereien.

»Vater, ich möchte beichten, und zwar möglichst rasch!«

Die Stimme gehörte einer Frau; sie hörte sich energisch und ein wenig metallisch an – und befehlsgewohnt. Pater Alfredo zweifelte keinen Augenblick daran, dass sie der adeligen Dame gehörte, und ebenso zweifelsfrei war, dass der Ton der Dame sich nicht geziemte. In einem Gotteshaus hatte nur einer zu befehlen, und das war der Allmächtige selbst. Andererseits hatte jeder Gläubige das Recht und die Pflicht, zu beichten, mehrmals im Jahr, je nachdem, wie viel Schuld er auf sich geladen hatte. Wer krank oder auf Reisen war oder andere triftige Gründe anführen konnte, dem Bußsakrament fernzubleiben, sollte versuchen, wenigstens ein Mal pro Jahr die confessio abzulegen, und das möglichst am Osterfest. Der Auferstehungstag Christi lag in diesem Jahr zwar schon vier Wochen zurück, aber das musste nichts bedeuten. Vielleicht hatte Gott die Schritte der Fremden ganz bewusst nicht früher in Sein Haus gelenkt? Sein Ratschluss war unergründlich.

Pater Alfredo streckte sich und schritt auf den Beichtstuhl zu. »Wohlan, ich werde Euch die Beichte abnehmen«, sagte er, während er seinen Platz neben der Trennwand einnahm. Dann legte er sein Ohr an die Gitteröffnung und lauschte.

Eine Zeitlang geschah nichts. Es war so still, wie es nur in einer Kirche sein konnte. Plötzlich meldete sich die Stimme wieder: »Ich möchte, dass Gott mir meine Sünden vergibt.«

»Nun, nun, so einfach geht das nicht.«

»Weshalb nicht?«

Pater Alfredo räusperte sich. »Es ist wohl einige Zeit her, dass Ihr Eure Sünden vor Gott dem Herrn bekannt habt?«

»Warum sollte das so sein?«

»Weil Ihr, wie es scheint, die Anfangsformel der confessio vergessen habt. Schlagt das Kreuz, dann will ich sie für Euch sprechen.«

»Gut, ich habe es geschlagen.«

»In nomine patri et filii et spriritus sancti. Amen. Merkt Euch den Satz, er wäre Euer Part gewesen.«

»Wie Ihr meint, Vater.«

»Gott, der unser Herz erleuchtet, schenke dir wahre Erkenntnis deiner Sünden und Seiner Barmherzigkeit«, sprach Pater Alfredo den Anschlusstext, während er die Augen schloss, um sich besser konzentrieren zu können.

»Ich höre«, sagte er.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sir Hippolyte Taggart war eine Erscheinung, der man den Seemann schon von weitem ansah. Er hatte ein kantiges Äußeres, wasserhelle Augen und eine Haut, die von allen Meeren dieser Welt gegerbt worden war. Doch nicht nur Wind und Wetter hatten Spuren in seinem Gesicht hinterlassen, sondern auch die scharfe Schneide eines spanischen Schwerts. Anno 73 in der Karibik war es gewesen, als ihm bei der Eroberung einer Schatzgaleone die linke Gesichtshälfte gespalten wurde. Taggart war die Antwort nicht schuldig geblieben: Er hatte den Spanier mit einem Pistolenschuss getötet und wütend weitergekämpft, so lange, bis Doktor Hall, sein alter Schiffsarzt, ihn beschworen hatte, innezuhalten und die Verletzung unter Deck versorgen zu lassen.

Taggart hatte widerwillig zugestimmt und geknurrt, die Sache dürfe nicht länger als fünf Minuten dauern. Hall hatte die Blutung gestillt und die Verletzung mit ein paar groben Stichen genäht, hastig und bei schlechtem Licht, und vielleicht lag darin der Grund, warum die Wundränder später schief zusammengewachsen waren.

Fortan hing Taggart der linke Mundwinkel herunter, was ihm einen immerwährenden, grimmigen Ausdruck verlieh, ihn ansonsten aber nicht weiter anfocht. Er hatte festgestellt, dass ein Mann nicht nach seinem Aussehen zu beurteilen war, sondern einzig und allein nach seinem Charakter. Außerdem wog die Beute, die seine Männer aus der spanischen Schatzgaleone hervorholten, zehn solcher Schwertwunden auf.

Heimgekehrt nach England, sprachen die jubelnden Massen landauf, landab von der erfolgreichsten Kaperfahrt aller Zeiten, und die Lady of the Seas, wie die Jungfräuliche Elizabeth von allen Teerjacken liebevoll genannt wurde, jubelte ebenfalls, denn sie hatte einen hübschen Anteil der Beute für ihre Privatschatulle erhalten, weshalb sie Taggart wenig später zum Ritter schlug.

Seit dieser Zeit hatte Taggart einen Neider unter Englands Korsaren, wobei es sich weder um John Hawkins noch um Thomas Raunse handelte, sondern um keinen Geringeren als Francis Drake. Das Verhältnis zu ihm war mehr als angespannt, was sich auch nicht änderte, als Drake nach seiner Weltumsegelung an Bord der Golden Hinde ebenfalls die Ritterwürde erhalten hatte.

Doch irgendwann war es Taggart zu dumm geworden. Anlässlich eines Fests in Schloss Whitehall war er auf Drake zugegangen und hatte ihm ins Gesicht gesagt: »Hör mal, Drake, seit Jahren umschleichen wir uns wie die eifersüchtigen Kater, reden nicht miteinander und tun so, als wäre der andere Luft. Das ist eines Captains Ihrer Majestät nicht würdig. Das muss ein Ende haben. Ich als der Ältere breche mir keinen Zacken aus der Krone, wenn ich dir hiermit versichere, dass du der berüchtigste, verfluchteste und erfolgreichste Korsar aller Zeiten bist. Und wenn du willst, erzähle ich das jedem, der es hören will, auch unserer Lady.«

Eine Zeitlang hatten Drakes Augen ihn abschätzend gemustert, dann war ein breites Grinsen über sein Gesicht gewandert, und er hatte gerufen: »Da hast du ausnahmsweise mal recht, Taggart, aber auch ich will dir etwas sagen: Sollten mich wider Erwarten die Schiffswürmer vor dir zerfressen, fände ich in dir den besten Ersatz. Was trinkst du, Wein oder Brandy?«

»Rheinwein«, hatte Taggart geantwortet.

Und genau diese Antwort hatte er Drake auch eben gegeben. Nur dass beide nicht auf einem Hoffest weilten, sondern sich auf einer Kriegsgaleone befanden, genauer gesagt, in der Kajüte von Drakes Flaggschiff, der Elizabeth Bonaventure. Außer ihnen hatten weitere erfahrene Kapitäne am Tisch Platz genommen, sämtlich Kommandanten eines stattlichen Geschwaders.

Am Morgen des 2. April 1587 hatten sie in Plymouth die Leinen losgemacht und den frischen Nordost genutzt, der sie zügig in Richtung Ushant Island blies und weiter an den Scillys vorbei in den Atlantik hinaustrug. Einen Tag später hatten sie Kurs Süd abgesteckt und in sauberer Formation die tückische Biskaya umsegelt. Es schien eine schnelle Reise zu werden, doch am 5. April, auf der Höhe von Kap Finisterre, hatte es sie erwischt. Sie gerieten in einen kapitalen Sturm, der die Schiffe wie Nussschalen auseinandersprengte und dafür sorgte, dass die Flotte sich erst zehn Tage später westlich von Lissabon wieder vereinigen konnte.

Von da an war Drake, der Draufgänger, nicht mehr zu halten gewesen, das Jagdfieber hatte ihn endgültig erfasst, und er preschte mit seinem Geschwader unter Vollzeug an der Küste der Iberischen Halbinsel entlang, bis er vor etwa einer Stunde plötzlich beidrehen ließ und per Flaggensignal die Kapitäne seiner wichtigsten Schiffe zu sich an Bord befohlen hatte.

»Ich hoffe, jeder von Euch hat etwas Anständiges zu trinken vor sich«, sagte Drake und scheuchte die hin und her wieselnde Ordonnanz hinaus. Er erhob sich, richtete seine Gestalt zu voller Höhe auf und musterte jeden einzelnen seiner Kapitäne aus flinken, hellwachen Augen. Was er sah, gefiel ihm: Die versammelten Herren stellten eine Runde dar, in der seemännisch das Beste saß, was die Britannische Nation zu bieten hatte. Unter anderen waren vertreten: William Borough, ein kriegserfahrener, hochdekorierter Kommandant, der die Lion befehligte und den Titel eines Vizeadmirals trug, Henry Bellingham, der Schlachtenerprobte, der die Rainbow führte, und Thomas Fenner von der Dreadnought, der schon als Flaggkapitän unter Drake gedient hatte.

Drake selbst war ein Mann, dessen außergewöhnliche Fähigkeiten sich kaum in seiner Erscheinung widerspiegelten, denn bei Empfängen, Festen oder feierlichen Anlässen glich er äußerlich seinen vornehmen Landsleuten, die sich – Feind hin oder her – geschmacklich nach der spanischen Mode richteten: Dazu gehörten der obligatorische Knebelbart auf der Oberlippe und der Spitzbart am Kinn, zusammengenommen eine Zier, die durch den darunter getragenen, plissierten und getollten Kragen gut zur Geltung kam. Der Kragen wiederum bildete den oberen Abschluss eines vielknöpfigen, wattierten Wamses, das häufig aus golddurchwirktem Brokat gefertigt war. Abgerundet wurde die Staffage durch eine den Oberschenkel bedeckende Puffhose und eine die Waden eng umschließende Trikothose. Wer auf sich hielt, trug schwarz – und gab sich feierlich, würdevoll und steif.

Aber genau das tat Drake nicht. Manche Zeitgenossen behaupteten zwar, seine Erfolge seien ihm zu Kopf gestiegen, er umschwänzele ständig die Königin, sei zum Hofschranzen und zum Prahlhans geworden, doch sobald eine Sache ihn fesselte, war er noch immer der alte Drake, der wie kein Zweiter Lebhaftigkeit, Energie und Überzeugungskraft ausstrahlte. »Manch einer von Euch wird die zehn Tage verflucht haben, die der Sturm uns genommen hat, und auch ich hab’s getan«, rief er laut, »aber dann, am Kap Roca vor Lissabon, hab ich ihm auf Knien gedankt!«

Die Herren blickten fragend drein, was Drake natürlich beabsichtigt hatte.

»Unser Geschwader umfasst über dreißig Schiffe, da mag es dem einen oder anderen entgangen sein, dass meine ElizabethBonaventure vor Lissabon zwei fette Kauffahrer gestellt hat, die bis unters Schanzkleid wertvolle Ware geladen hatten. Es juckte mir in den Fingern, sie auszuweiden, aber es waren Holländer.«

Diejenigen Herren, die über den Vorfall nicht informiert waren, lachten verständnisvoll. Ein holländisches Schiff durfte selbstverständlich nicht als Prise genommen werden, denn die Niederlande kämpften schon seit langem gegen die spanische Besetzung und wurden in diesem Kampf von der Lady of the Seas unterstützt. Wer Spaniens Feind war, war Englands Freund.

Borough räusperte sich und fragte: »Und warum habt Ihr dem Sturm auf Knien gedankt?«

»Weil mir ohne ihn die Holländer nicht vor den Bug gelaufen wären. Ihre Handelsgüter waren für mich zwar unantastbar, aber dafür haben sie mich anderweitig mehr als entschädigt.«

»Wie das?«, fragte Fenner.

Drake hob sein Glas. »Erst einmal wollen wir auf unsere geliebte Königin trinken. Sie möge lange leben!«

»Und ebenso lange Jungfrau bleiben«, ergänzte Bellingham, der gern mal einen Scherz machte, in diesem Fall aber strafende Blicke erntete.

»Cheers!« Die Herren tranken.

»Nun zu Eurer Frage, Fenner«, fuhr Drake fort. »Ihr wisst wie wir alle, dass Philipp II., dieser düstere Dauerbeter, noch in diesem Jahr England überfallen will, um es sich einzuverleiben. Und Ihr wisst natürlich auch, dass wir mit unseren Schiffen nicht ausgelaufen sind, um eine Spazierfahrt zu unternehmen. Philipp ist alles andere als untätig. Wenn er nicht gerade betet, dann kauft oder beschlagnahmt er überall Kriegsschiffe, um seine Streitmacht zu verstärken, nicht nur in Portugal, auch in Genua, Venedig, Neapel, Sizilien und weiß der Henker, wo noch. Außerdem rüstet er für seine Soldaten jede Menge Versorgungsschiffe und Truppentransporter aus. Sein Ziel ist es, die größte Armada der Welt zusammenzustellen und sie gegen uns zu senden. Es kann jederzeit losgehen!«

Die Herren blickten beeindruckt.

Drake fuhr fort: »Das alles sind keine Hirngespinste, sondern Tatsachen. Ich habe sie vor kurzem persönlich von Walsingham, dem Staatssekretär und Geheimdienstchef Ihrer Majestät, erfahren, denn ich hatte das Vergnügen, einen Tag mit ihm in Barn Elms, seinem schönen Wohnsitz an der Themse, zu verbringen.«

»Und was ist nun mit den holländischen Kauffahrern?«, fragte Taggart, der es nicht mochte, wenn einer lange um den heißen Brei herumredete.

Drake überhörte den ungeduldigen Unterton. »Die Holländer kamen aus Cádiz und waren auf dem Weg nach Middelburg. Sie haben mir erzählt, dass es in Cádiz nur so von spanischen Schiffen wimmelt. Es sind so viele, dass kein Zweifel daran bestehen kann: Von Cádiz, und nicht von Lissabon, aus will Philipp seinen Seezug beginnen! Aber diese Suppe werden wir ihm versalzen!«

»An uns soll es nicht liegen«, meinte Bellingham. »Kann der Tanz wirklich jederzeit losgehen?«

»So ist es.«

»Dann sollten wir nicht warten, bis Philipp uns dazu auffordert, sondern ihm zuvorkommen«, knurrte Taggart, der sein Glas Rheinwein schon geleert hatte. »Wann schlagen wir los?«

Drake grinste. »Heute.«

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nachdem Pater Alfredo »Ich höre« gesagt und die Ohren gespitzt hatte, war er gespannt, was die Unbekannte vor Gott zu bekennen haben würde. Aber statt die confessio abzulegen, wie es sich gehörte, hatte sie ihn mit Fragen bedrängt, Fragen, die überflüssig waren und nicht in den Beichtstuhl gehörten. Welch seltsames Gebaren!

Gewiss, die vornehme Fremde hatte einiges über sich und ihre Ansichten preisgegeben, sie hatte erzählt, dass sie als Einzelkind aufgewachsen sei, aber daran sofort die Frage nach Pater Alfredos Kindheitstagen geknüpft. Sie hatte angedeutet, dass sie aus begütertem Hause stamme, und anschließend wissen wollen, wie hoch die Bezüge eines Priesters seien, sie hatte behauptet, die Erde sei eine Kugel, und ihn gefragt, warum die Kirche diese Meinung nicht teile, sie hatte auf den goldfunkelnden Hauptaltar sowie auf die mit Juwelen verzierten Reliquien und Monstranzen verwiesen und gefragt, ob die Zurschaustellung solcher Pracht zum Glauben erforderlich sei, sie hatte die heilige Inquisition verurteilt und ihn gefragt, warum er sich daran mitschuldig mache, sie hatte von Marias jungfräulicher Empfängnis gesprochen, diese bezweifelt und anschließend wissen wollen, wie schwer es einem Gottesmann fiele, sich der Fleischeslust zu enthalten.

Das alles und mehr hatte sie gefragt, und Pater Alfredo hatte ihr immer wieder klarzumachen versucht, dass die Beichte kein Frage-und-Antwort-Spiel war, sondern das Bekenntnis der eigenen Verfehlungen.

Ein paarmal hatte er aufstehen und das fruchtlose Gespräch abbrechen wollen, doch er war stets sitzengeblieben. Die Fremde war zweifellos eine ungewöhnliche Frau, intelligent und eloquent, aber auch unbeherrscht und angriffslustig. War sie auch gläubig? Das herauszufinden und ihr die Beichte abzunehmen, stellte eine Herausforderung dar, die Geduld und einen wachen Geist erforderte.

Er hatte sich selbst ermahnt, nicht die acedia, die siebte Todsünde, zu begehen, welche die Trägheit des Geistes anprangerte, dazu die Faulheit, die Feigheit, die Ignoranz. Alle diese Teufelseigenschaften wollte er sich nicht selbst vorwerfen müssen. Vielleicht hatte die Unbekannte nur Angst, sich zu offenbaren? Vielleicht wollte Gott ihn nur auf die Probe stellen? Seine Langmut? Sein Verständnis?

Er seufzte. Wie viel Zeit war mittlerweile vergangen? Eine Stunde, zwei Stunden? Im Dunkel des Beichtstuhls verlor sich das Gefühl für Zeit. Alle Sinne vereinigten sich zu einem einzigen – dem Gehör.

Er konzentrierte sich wieder auf seine Aufgabe und fragte in möglichst festem Ton: »Zum letzten Mal: Wollt Ihr nun beichten oder nicht?«

»Wie heißt Ihr eigentlich?«

»Ich bin Pater Alfredo, aber um das zu erfahren, seid Ihr nicht hier.« Pater Alfredo wurde immer unruhiger, er dachte an die Predigt, die er morgen halten wollte, und daran, dass er sie noch überarbeiten musste. Sie sollte brillant werden, denn es war eine Ehre, die Messe am Sonntag halten zu dürfen. Nicht jeder Pater durfte das, häufig taten es Höhergestellte, Berufenere und manchmal sogar der Erzbischof Antonio Zapata y Cisneros persönlich. »Wollt Ihr nun beichten oder nicht, meine Tochter?«

Ein spöttisches Lachen war die Antwort. »Ich bin nicht Eure Tochter, Pater. Wenn ich es wäre, hättet Ihr den Zölibat gebrochen, und das habt Ihr doch wohl nicht?«

Pater Alfredo erstarrte. Er war bemüht, Geduld zu üben, aber nicht gewillt, sich Unverschämtheiten anzuhören. »Ich glaube, es ist besser, Ihr verlasst jetzt das Haus Gottes«, sagte er zornig.

»Ich bin das letzte Mal als Kind zur Beichte gegangen, Pater. Und normalerweise wäre ich auch heute nicht gekommen.«

Pater Alfredo horchte auf. Es war ein anderer Ton, der da plötzlich durch die Trennwand klang. Sollte seine Langmut sich doch auszahlen? »Warum seid Ihr heute hier?«, fragte er.

»Weil meine Mutter es so wollte.«

»Eure Mutter wollte es?«

»Ja, sie sitzt draußen in der Kutsche und wartet dort auf mich, denn sie ist gebrechlich.«

Pater Alfredo überlegte. »Ich vermute, Eure Mutter wollte schon öfter, dass Ihr zur Beichte geht, warum habt Ihr erst heute auf sie gehört?«

»Darüber möchte ich nicht sprechen.«

»Darüber müsst Ihr sprechen.«

»Nun gut, seid Ihr sicher, dass kein Sterbenswort aus diesem Kasten an die Öffentlichkeit dringt?«

Pater Alfredo spürte erneut Unmut. »Alles, was Ihr sagt, sagt Ihr sub rosa, also unter der Rose. Die geschnitzte Rose schmückt diesen ›Kasten‹, wie Ihr ihn zu nennen beliebt, in üppiger Pracht und ist das Zeichen der Verschwiegenheit. Seid versichert, ich werde das Beichtgeheimnis in jedem Fall wahren.«

»Nun gut, ich glaube Euch. Ich will noch heute an Bord eines Schiffs gehen, das mich in die Spanischen Niederlande bringt.«

»Aha. Und weiter?«

»Ich bin Seiner Exzellenz Paolo Farnese, einem Neffen des Herzogs von Parma, versprochen. Ich werde ihn heiraten.«

»Und nehmt dies zum Anlass, Eure Seele zu reinigen, bevor Ihr die gefährliche Reise antretet. Das nenne ich gottgefällig«, ergänzte Pater Alfredo. Er war sehr zufrieden mit sich. Geduld zahlte sich am Ende doch aus.

»Ich höre«, sagte er.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Als Taggart durch die Fallreepspforte seine Falcon betrat, hatte er Mühe, ein gleichgültiges Gesicht zu ziehen, nicht, weil der ihm übertragene Einsatz ihn sonderlich beunruhigte, sondern weil es ihn erhebliche Mühe gekostet hatte, die Jakobsleiter hinaufzuklettern. Schuld daran war der Zahn der Zeit, der auch vor seinen Gelenken nicht haltmachte. Er zählte zweiundsechzig Jahre, und mit jedem Monat, den Gott werden ließ, fiel es ihm schwerer, die Beine zu biegen.

»Willkommen an Bord, Sir!« John Fox, der Erste Offizier, stand an Deck und grüßte.

»Danke, John.« Taggart unterdrückte ein Ächzen und richtete sich bolzengerade auf. »Irgendwelche Neuigkeiten?«

»Bei uns nicht, Sir.«

Taggart grinste schief, er hatte die unausgesprochene Frage verstanden. »Kommt mit in meine Kajüte.« Gemeinsam schritten sie über das Hauptdeck nach achtern und betraten den Raum des Kommandanten. Im Gegensatz zu Drake, der gerne zeigte, was er hatte, war Taggarts Reich eher spartanisch eingerichtet. Nur zwei oder drei schöne Mahagonimöbel standen darin sowie ein großer, seefest verschraubter Tisch, an dem zehn Männer bequem speisen konnten, ferner ein drehbarer Globus aus spanischem Besitz, ebenfalls fest mit dem Deck verbunden, weitere Stühle und ein Kartentisch, auf dem sich Seekarten und Navigationstabellen türmten, hier und da beschwert von nautischen Instrumenten wie Abgleichzirkel, Reißfeder und Winkelfasser. Unter dem großen Heckfenster, hinter einem Paravent, hatte Taggart den Nachtstuhl und eine Waschgelegenheit plazieren lassen.

Der insgesamt recht großzügige Eindruck wurde nur unterbrochen durch das massive Rund des Besanmasts, der mittig die Kajüte teilte.

Taggart setzte sich an den Kartentisch und forderte Fox auf, Platz zu nehmen. Tipperton, der Schiffsschreiber, der gleichzeitig für Getränke zu sorgen hatte, erschien in der Tür und fragte gähnend, was die Herren wünschten.

»Nichts«, blaffte Taggart, der Tipperton nicht sonderlich mochte, da dieser stets eine kaum hinnehmbare unmilitärische Art an den Tag legte. Dennoch gehörte Tipperton seit Jahren zum Inventar, vielleicht, weil er trotz seiner Pomadigkeit sämtlichen Papierkram zuverlässig erledigte.

Als der Schreiberling verschwunden war, seufzte Taggart und streckte seine schmerzenden Beine aus. »Ich sage immer: Ehe Tipperton sich bewegt, bleibt die Zeit stehen!«

John Fox lachte und strich sich über seinen Vollbart.

»Nun will ich Euch aber nicht länger auf die Folter spannen. Hört, was es Neues gibt.« Taggart erzählte ausführlich von dem Kapitänstreffen an Bord der Elizabeth Bonaventure und fügte am Schluss hinzu, dass es Aufgabe der Falcon sein würde, das Geschwader während des Überfalls nach hinten abzusichern.

John Fox schwieg eine Weile und sagte dann: »Das wird eine knifflige Aufgabe, Sir.«

»So ist es, aber wir werden sie lösen. Seid jetzt so gut, und bringt die Falcon wieder in Fahrt. Der Abstand zum Geschwader soll nicht mehr als drei Kabellängen betragen.«

»Aye, aye, Sir!« John Fox sprang auf und eilte fort.

Taggart erhob sich schnaufend, öffnete ein hölzernes Schapp auf der Backbordseite und holte eine Majolikadose mit der Aufschrift Castoreum anglicum hervor. Er hasste den Geruch von Bibergeil, aber Martin Frobisher, ein Freund und Seefahrer wie er, hatte geschworen, es gäbe nichts Besseres gegen Gelenkschmerzen. Die Indianer vom Stamm der Micmac, denen er während seiner Forschungsreisen auf dem nordamerikanischen Kontinent begegnet sei, hätten das Zeug mit großem Erfolg angewendet.

Taggart fiel es schwer, das zu glauben, dennoch wollte er nichts unversucht lassen. Er brüllte in Richtung Tür: »Tipperton, ich will jetzt nicht gestört werden!«, und ließ die Hose herunter. Dann griff er widerwillig in die Dose und nahm eine Portion der schwarzbraunen salbenartigen Masse heraus. Während er sich die Knie einrieb, dachte er an die längst vergangenen Tage, in denen er ohne jegliche Beschwerden die Wanten hinauf- und herunterturnen konnte. Nun ja, die Zeit war eine lautlose Feile, und was nicht zu ändern war, war nicht zu ändern. Langsam wurden ihm die Knie warm, das Blut kam in Wallung, was für kurze Zeit einige Linderung versprach. Er zog die Hose wieder hoch und schloss die Gürtelschnalle. Dann warf er sich seinen alten Wachstuchmantel über, der für diese Breiten eigentlich zu warm war, und ging steifbeinig nach draußen.

Auf dem Kommandantendeck machte John Fox Meldung: »Falcon wie befohlen in Fahrt, Sir. Dunc steht am Kolderstab, Geschwader läuft Kurs Südost.«

»Danke, John, haben die Spanier sich schon blicken lassen?«

»Bisher nicht, Sir, weit und breit nichts von den Dons zu sehen.«

»Schön, wir werden ihnen noch früh genug begegnen.« Taggart trat an die Querreling. Er legte die Hand auf das Holz und spürte sein Schiff. Es war ein gutes, seltsam lebendiges Gefühl. Die Falcon war alt, aber stark. Und voll funktionstüchtig. Einen Schönheitspreis allerdings konnte sie nicht mehr gewinnen, denn durch die vielen Reparaturen, die Mister Colby, der Zimmermann, über Jahre hinweg hatte durchführen müssen, sah sie aus wie eine bunte Kuh. Taggart betrachtete die Ausbesserungen mit gemischten Gefühlen. Wie gern hätte er Colby mit der Anfertigung neuer Kniegelenke beauftragt! Genug der unnützen Gedanken …

»Land in Sicht!« Der Ruf kam aus dem Krähennest des Hauptmasts.

»Wo?«, bellte Taggart.

»Steuerbord voraus!«

»Danke.« Taggart tat so, als würde er den grauen Umriss am Horizont sehen. Niemand brauchte zu wissen, dass sein Augenlicht nicht mehr das Beste war. »Wo ist Mister Pigett?«

»Vermutlich in seiner Kabine«, sagte John Fox.

»Und was macht er da? Däumchen drehen?« Taggart hatte zu Pigett, seinem Zweiten Offizier, kein so gutes Verhältnis wie zu seinem Ersten.

»Ich werde Pigett sofort holen lassen, Sir!«

Als Samuel Pigett kurze Zeit später auf dem Kommandantendeck erschien und grüßen wollte, winkte Taggart ab. »Keine Formalitäten. Wie Ihr vielleicht bemerkt habt, ist Land in Sicht. Wir werden Cádiz anlaufen und die Dons dort stellen. Habt Ihr eine Karte von der Reede und den Kaianlagen?«

»Potz Blitz!«, rief Pigett überrascht. »Heißt das, die Armada liegt in Cádiz, Sir?«

»Ihr habt es erraten. Habt Ihr nun eine Karte oder nicht?«

»Leider nein, Sir, nur eine von der Küste.«

»Aha.« Das hatte Taggart sich fast gedacht. Er selbst hatte auch keine Karte, doch er war in jungen Jahren einmal in Cádiz gewesen und erinnerte sich lebhaft an die feurigen Mädchen und die Sehenswürdigkeiten der Stadt. Nun ja, an Letztere vielleicht nicht ganz so lebhaft. »Wenn Ihr schon keine Karten habt, Mister Pigett, lasst wenigstens alle Mann an Deck antreten, auch unsere Musikusse.«

»Aye, aye, Sir!«

Taggart wandte sich ab und stakste zurück in seine Kajüte, wo er ein Buch mit der Aufschrift Articuli fidei aufschlug, ein Werk, in dem sämtliche neununddreißig Glaubensartikel der anglikanischen Kirche niedergelegt waren. Hastig blätterte er darin und suchte eine passende Stelle für die vor jeder Schlacht übliche Andacht. Er verfluchte im Stillen die Tatsache, dass er keinen Vikar oder wenigstens einen Prediger an Bord hatte, der ihm die Arbeit abnehmen konnte, aber es half nichts, wieder einmal musste er den Gottesmann spielen. Schließlich entschied er sich für eine verkürzte Fassung des siebzehnten Artikels, der die Vorherbestimmung und Erwählung behandelte.

Er klemmte das Buch unter den Arm und strebte wieder hinaus.

»Mannschaft vollständig angetreten, Sir«, meldete John Fox auf dem Kommandantendeck.

»Danke, John.« Taggart stellte sich zwischen John Fox und Pigett, umfasste mit der Linken die Reling und betrachtete seine Männer, die in einem sauberen Karree vor ihm standen. Sie waren ein bunt zusammengewürfelter Haufen, aber trotzdem ganze Kerle, jeder für sich und auf seine Art. Stolz nannten sie sich Falcons und trugen zum Zeichen ihrer Verbundenheit ein dunkelblaues Seemannshemd, dazu eine silberne Spange in Form eines Raubvogelschnabels. Die Spange war wie ein Ritterschlag: Nur wer sich besonders ausgezeichnet hatte, durfte sie tragen.

»Guten Tag, Falcons!«, brüllte Taggart.

»Guten Tag, Captain!«, kam es lautstark zurück.

Taggart nickte zufrieden. »Es ist mal wieder eine Andacht fällig, Männer, könnt ihr euch denken, warum?«

Die Reaktion war freudiges Gejohle.

Taggart hob die Hand, was zum sofortigen Ende des Freudenausbruchs führte. »Richtig, wir ziehen in den Krieg!« Dann verkündete er mit knappen Worten, worum es ging. Manch einer der Männer kannte das Ziel der Mission bereits, denn Neuigkeiten im Geschwader verbreiteten sich auf unerklärbare Weise so schnell wie die Blitze in einer Wetterwand, dennoch hingen alle wie gebannt bis zum Ende der Erklärung an seinen Lippen. »Noch Fragen, Männer?«

Nein, keine Fragen.

»Dann Mützen ab!«

Die Falcons gehorchten, und drei Musikanten traten vor. Es handelte sich um einen Trompeter, einen Dudelsackpfeifer und einen Trommler. Sie spielten ein altes englisches Kirchenlied, dessen Melodie sich dahinzog und schließlich mit einem klagenden Ton des Dudelsacks endete.

»Ich lese jetzt aus dem siebzehnten Glaubensartikel unserer gesegneten anglikanischen Kirche!«, rief Taggart.

»Daher werden diejenigen, welche mit einer so herrlichen Wohltat Gottes beschenkt sind, durch seinen Geist, der zur rechten Zeit wirkt, nach seinem Vorsatz berufen; sie gehorchen der Berufung durch die Gnade, sie werden dem Bilde Seines eingeborenen Sohnes Jesus Christus gleichgemacht, sie wandeln heilig in guten Werken und gelangen endlich durch Gottes Barmherzigkeit zur ewigen Seligkeit.«

Taggart sah auf. Da standen sie, seine Männer, blickten gottergeben und hatten den Text mit Sicherheit kaum verstanden, doch das war ihm egal. Wenn die Kerle lieber ihren Gebetsteppich ausrollten, einen indischen Tempeltanz aufführten, ihre Körper mit Götzen volltätowierten, vor Totemzeichen niederfielen, den Leviathan mit Weihwasser bespritzten oder den großen Manitu aller Indianer anriefen, dann war das ihre Sache und focht ihn nicht weiter an – solange sie es während ihrer Freiwache taten und dabei friedlich blieben. Aber Gottesdienst war im wahrsten Sinne des Wortes Dienst, und da hatte jeder zu erscheinen.

»Sollte das jemand nicht ganz verstanden haben, sage ich es noch einmal kürzer!«, rief Taggart. »Ihr seid von Gott auserwählt, und wenn ihr heute eure Sache gut macht, winkt euch die ewige Seligkeit.«

Erneutes Gejohle der Männer.

»Amen!«

»Amen«, brüllten die Falcons.

»Mister Fox!«

»Sir?«

»Klar Schiff zum Gefecht.«

»Aye, aye, Sir!«

Augenblicke später liefen die Männer auseinander, Pfiffe und Befehle gellten über die Decks, es herrschte eine Betriebsamkeit, als hätte jemand in einen Ameisenhaufen gestochen. Doch wer näher hinsah, erkannte Ordnung in dem Chaos: Scharfschützen kletterten in die Wanten, Seesoldaten verteilten sich über das Schiff, Kanoniere streuten Sand auf die Batteriedecks, Pulveräffchen schleppten Kugeln zu den Geschützen und bauten sie daneben pyramidenförmig auf, Läufer und Melder gingen auf ihre Posten, Matrosen füllten Löscheimer und legten Äxte bereit, um stehendes Gut kappen zu können.

Taggart stand oben auf dem Kommandantendeck und betrachtete mit dem üblichen grimmigen Gesichtsausdruck das Treiben, während das Geschwader sich langsam der Landzunge von Cádiz näherte. Die Elizabeth Bonaventure und die anderen Schiffe boten einen prachtvollen Anblick. Das Meer schimmerte wie grünes Glas, nur unterbrochen von lichteren Stellen, wo die gefährlichen Sandbänke lauerten. John Fox kam aufs Kommandantendeck geeilt. »Schiff gefechtsbereit, Sir.«

»Hm«, brummte Taggart und schaute auf den Knotenmesser, der ihm als Uhr diente, »das waren neun Minuten, nicht schlecht, aber auch nicht gut.«

John Fox erlaubte sich ein Grinsen. Er wusste, dass neun Minuten ein exzellenter Wert waren, und er wusste auch, dass Taggart das niemals zugeben würde. »Aye, Sir! Habt Ihr weitere Befehle?«

»Meine Empfehlung an die Stückmeister Scott und Dilling. Von ihren Crews hängt heute alles ab. Sie sollen den Männern Feuer unter dem Hintern machen. Geschützpforten werden aber erst auf meinen ausdrücklichen Befehl geöffnet. Bis dahin tun wir so, als machten wir eine Ruderpartie auf der Themse.«

»Aye, aye, Sir!« John Fox eilte persönlich hinunter ins Batteriedeck, wo die Culverines bereits fertig zum Ausrennen standen. Taggart beobachtete unterdessen die weitere Entwicklung. Steuerbord querab lag jetzt die Spitze der Landzunge, voraus grüßte eine Säule, auf der die Statue eines muskelbepackten Mannes stand. »Good afternoon, Mister Hercules«, knurrte Taggart. Er wusste, dass Herkules der Legende nach als Gründer der Stadt galt. Und er wusste auch, dass in unmittelbarer Nähe eine schwere Batterie postiert war. »Mister Pigett, meine Augen sind heute etwas entzündet, seht Ihr die Batterie dort?«

»Aye, Sir, ich erkenne sie.«

»Irgendwelche Aktivitäten?«

»Nein, Sir, kein Mensch zu sehen.«

Taggart grunzte: »Offenbar ist der Sohn des Zeus doch nicht so wehrhaft.«

»Wie meint Ihr, Sir?«

»Nichts, nichts.« Taggart musste sich konzentrieren, denn allmählich galt es, die Augen überall zu haben. Weiter voraus, auf einem Kliff, lagen die Altstadt von Cádiz und das Fort Matagorda, darunter, zum Hafen hin, eine weitere Batterie. So wie es aussah, befand sich das Fort außer Kernschussweite, die Batterie jedoch nicht. Sie konnte gefährlich werden. Drake schien das zu wissen, denn er ließ Backbordruder legen und vergrößerte die Entfernung. Auf diese Weise wurde die Sicht ins Innere der Bucht frei, und Taggart hatte Mühe, einen Ausruf des Erstaunens zu unterdrücken. Eine riesige Anzahl von Schiffen wurde erkennbar, ein Mastenwald von einem Ausmaß, wie er ihn nie zuvor erblickt hatte. Sechzig oder siebzig Schiffe lagen da auf Reede, Schiffe jeder Größe und Stärke. Kaum eines von ihnen trug Segel, was nichts anderes bedeutete, als dass sie wie der Fuchs in der Falle saßen. Die wenigen, die Segel trugen, darunter einige Kriegsbarken und Ausrüsterboote, machten sich eilig davon Sie strebten der Landenge zu, die in eine zweite Bucht führte.

Und Taggart sah noch mehr: Er sah, wie unter den ankernden Spaniern Panik ausbrach, ein Chaos, das von Minute zu Minute größer wurde, denn das gesamte englische Geschwader zeigte mittlerweile die Zähne. Breitseite auf Breitseite schlug in die Armada ein. Masten brachen, Rahen splitterten, Feuersäulen schossen in die Luft. Als ein riesiger Kauffahrer aus dem sizilianischen Ragusa in Stücke geschossen wurde und sank, fluchte Taggart gotteslästerlich. Zwar spürte er angesichts der Zerstörung eine gewisse Genugtuung, doch es tat ihm in der Seele weh, mit ansehen zu müssen, wie so viele gute Schiffe zum Teufel gingen. Er liebte Schiffe, gleich welcher Nation, denn jedes für sich war ein großartiger Organismus aus Holz, Segeltuch, Kupfer, Teer, Farbe und menschlichen Muskeln und Gehirnen. Schiffe bewegten sich wie empfindliche Kreaturen über das Wasser, sie wiegten sich im Takt der Wellen, sie preschten vor oder glitten langsam dahin, sie ächzten, knarrten, heulten und sangen, waren stolz oder unscheinbar, jung oder alt.

Und dennoch mussten diese hier vernichtet werden.

Was war das? Zehn Galeeren schossen plötzlich in Linie auf das Geschwader zu. Sie kamen aus dem Hafen von Cádiz, und sie waren schnell, ihr Ruderschlag war kraftvoll. Noch wollten die Dons sich nicht geschlagen geben!

Das hatte auch Drake erkannt, denn er ließ augenblicklich feuern. Sieben der Galeeren drehten schwer getroffen ab, passierten in großem Abstand die Falcon und suchten Schutz hinter den Untiefen von Puercas, zwei flüchteten tiefer in die Bucht, und die letzte trieb brennend und führerlos direkt auf sie zu. Taggart durchlief es wie ein Ruck. Zwar ging von dem schweren 24-Pfünder an ihrem Bug keine Bedrohung mehr aus, doch ein Übergreifen des Feuers war jederzeit möglich.

»John!«, brüllte er, doch John Fox war schon hinunter zu den Löschmannschaften geeilt.

Statt seiner trat Pigett vor. Seine Augen glitzerten, Jagdlust stand darin. »Ich erbitte Feuererlaubnis, damit wir den verdammten Dons den Fangschuss geben können.«

Einen Augenblick war Taggart versucht, der Bitte zu entsprechen, doch dann überlegte er es sich anders. Die Spanier hatten mit ihren schwach bestückten Galeeren den Kampf aufgenommen, obwohl es für sie nicht den Hauch einer Chance gab. Das war tollkühn, wenn nicht gar todesmutig, und verlangte Respekt. Bei einem Feind, der schon am Boden lag, trat man nicht nach.

»Erlaubnis verweigert! Ruder hart Backbord, holt das Schiff herum, verdammt noch mal, macht schon!« Folgsam wie ein Hund an der Leine, drehte die Falcon ab und entging mit knapper Not der Kollision. Taggart sah mit Erleichterung, wie der Feind nur fünfzig Fuß entfernt vorüberglitt. Die Galeere brannte wie eine Fackel. Schwarze Schwaden hüllten sie ein. Schmerzensschreie drangen herüber, qualvolles Husten, dazwischen Rufe nach der Mutter Gottes, aber auch Kommandos, die zu retten versuchten, was zu retten war.

Taggart straffte sich. »He, ihr da drüben!«, bellte er in leidlichem Spanisch. »Wer kommandiert euer Geschwader?«

»Wer will das wissen?«, kam es trotzig zurück.

»Taggart, der Korsar!«

»Dann hört, Taggart: Es ist Don Pedro de Acuña, kommandierender Admiral Seiner Majestät! Ich bin sicher, er wird Euch den Überfall gern heimzahlen.«

Taggart grinste schief. Hat Schneid, der Bursche, dachte er. Dann grüßte er militärisch knapp und brüllte: »Meine Empfehlung an ihn!«

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pater Alfredo hatte eine Zeitlang angestrengt gelauscht, aber von der anderen Seite des Beichtstuhls war nicht das leiseste Wort mehr gekommen. Was hatte das nun wieder zu bedeuten? Wieso schwieg die Fremde abermals? Sie hatte doch schon einiges von sich erzählt! Um das Gespräch erneut in Gang zu bringen, sagte er: »Ich habe Euch vorhin meinen Namen genannt, würdet Ihr mir auch den Euren verraten?«

»Nein.«

Da war sie wieder, diese Unnahbarkeit, diese Überheblichkeit! Pater Alfredo schluckte seinen Ärger hinunter. Er hätte nicht fragen sollen. Nirgendwo stand geschrieben, dass der Beichtende seinen Namen nennen musste. »Nun gut, jedenfalls seid Ihr die junge Dame, die Seine Exzellenz Paolo Farnese heiraten wird. Nun beichtet mir Eure Sünden, damit ich Euch eine geziemende Buße auferlegen kann.«

Wieder das spöttische Lachen. »Ich bin mir keiner Verfehlung bewusst, lieber Pater.«

Pater Alfredo wollte die Unbekannte zurechtweisen und ihr sagen, sie könne sich ihre herablassende Art sparen, doch er unterließ es. Er musste Gelassenheit ausstrahlen. »Wenn ich mich recht erinnere, sagtet Ihr eingangs, Ihr wolltet, dass Gott Euch Eure Sünden vergibt?«

»Das stimmt. Ich sagte es, weil man es so sagt. Aber ich wüsste nicht, was ich mir vorzuwerfen hätte.«

»Niemand von uns ist ohne Sünde. Wart Ihr nie schadenfroh, wenn einem Mitmenschen ein Missgeschick widerfuhr, habt Ihr nie falsch Zeugnis wider einen Nächsten abgelegt, hattet Ihr niemals unzüchtige Gedanken oder Wünsche im Beisein des anderen Geschlechts?«

»Nun gut, wenn Ihr unbedingt darauf besteht: Ich habe manchmal meinen Teller nicht leergegessen.«

»Äh, wie?« Pater Alfredo zweifelte, ob das eine Sünde war. Immerhin konnte die übrig gebliebene Speise noch zur Sättigung der Armen Verwendung gefunden haben. »Und weiter?«

»Ich habe manchmal zu viel getrunken, und ich habe manchmal bei Tisch gefurzt.«

Pater Alfredo merkte erst jetzt, dass die Fremde ihn verhöhnte. Warum tat sie das? Zorn wallte in ihm auf. Sie hatte ein Benehmen an den Tag gelegt, das unerhört und ketzerisch war. Einen geweihten Mann Gottes beleidigte man nicht, denn das war, als beleidigte man Gott selbst. Wahrlich, Gott war soeben in schändlichster Weise geschmäht worden, seine Antwort würde nicht lange auf sich warten lassen! Pater Alfredo zuckte zusammen, denn in diesem Moment entlud sich ein gewaltiger Donner über dem Hafen der Stadt. Da war es schon, das Zeichen! Ja, Gott war groß, ihm entging nichts. Wenn er sich recht besann, hatte der Allmächtige es bereits ein paarmal donnern lassen – kein Wunder angesichts der ketzerischen Reden dieser aufsässigen Fremden! Oder sollte es sich nur um ein ganz normales Gewitter handeln? Ein Gewitter, das der Herr mitten hinein in den wolkenlosen Himmel Andalusiens geschickt hatte, ausgerechnet an seinem Geburtstag?

Pater Alfredo merkte, dass er gedanklich abglitt, konzentrierte sich wieder auf das Gespräch und bemühte sich um eine scharfe Antwort: »Hütet Euch, denn Eure Rede ist gottlos! Schon im zweiten Buch Mose warnt der Allmächtige die Menschen mit himmlischem Donner.«

»Mir kam es eher wie Kanonendonner vor«, sagte die Unbekannte kühl. »Wahrscheinlich Salutschüsse für irgendwen.«

»Ihr solltet froh sein, dass es nicht die Posaunen des Jüngsten Gerichts waren, denn dann müsstet Ihr jetzt in Sünde vor Euren Schöpfer treten.«

Die Fremde schwieg. Es war ein hochmütiges Schweigen, wie Pater Alfredo zu spüren glaubte, doch er wollte nicht ungerecht sein, deshalb sagte er: »Wie dem auch sei: Gott straft nicht nur, Gott vergibt auch. Eure häretischen Äußerungen seien Euch verziehen, meine Tochter. Aber nun bekennt Euch endlich zu Euren Sünden. Ich höre.«

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pigett, der Navigator, sah der brennenden Galeere nach und sagte mit einem Schulterzucken: »Bei allem Respekt, Sir, eine solche Gelegenheit kommt vielleicht nicht wieder.«

»Und wenn schon«, knurrte Taggart. »Es gibt auf See einen Ehrenkodex, den Ihr anscheinend nicht kennt.« Er wusste jetzt, warum er Pigett trotz all seiner Qualitäten nicht mochte. Der Mann war feige. Hilflose Gegner konnte er abschlachten, bei wehrhaften machte er sich in die Hose. Schon in der Vergangenheit hatte der Mann stets dann am Kartentisch zu tun gehabt, wenn einem an Deck die Kugeln um die Ohren pfiffen.

Andererseits war vielleicht etwas dran an dem, was Pigett gesagt hatte. Der Kampf tobte nun schon länger als zwei Stunden, und die Falcon war bisher nicht mehr als ein stiller Beobachter gewesen. Die Arbeit hatten andere getan.

Was konnte er tun?

Ganz einfach: Drakes Befehl ausführen und die Flotte nach achtern absichern. Aber da war nichts abzusichern. Die sieben getroffenen Galeeren, die hinter die Untiefen von Puercas geflüchtet waren, ließen sich nicht blicken. Mehr tat sich dagegen voraus. Drake schien seine Elizabeth Bonaventure, die Lion und die Rainbow inmitten der zerstörten Armada ankern zu lassen, wahrscheinlich, um nicht von Attacken des Feindes überrascht zu werden. Vielleicht vermutete er auch einen Angriff weiterer Galeeren.

Die Batterie am Hafen stellte mittlerweile die einzige Gegenwehr der Dons dar. Aber sie war gefährlich. Und unangreifbar. Als Taggart mit seinen Überlegungen so weit gediehen war, kam ihm etwas in den Sinn, das sich bisher im Nebel seiner Erinnerungen verborgen hatte: Oberhalb der Batterie, ganz in der Nähe der Kathedrale, gab es ein steinernes Munitionsdepot. Wenn er sich recht entsann, barg es bis unters Dach tonnenweise Pulver und Kugeln …

»Mister Pigett!«

»Sir?«

»Die Stückmeister Scott und Dilling sofort zu mir!«

Kaum eine Minute später standen die beiden Genannten auf dem Kommandantendeck. »Zur Stelle, Sir!«

Taggart deutete ohne Umschweife nach steuerbord. »Dort auf dem Kliff seht Ihr Cádiz. Zwischen den weißgetünchten Häusern im Vordergrund und der sie überragenden Kathedrale im Hintergrund steht ein aus Felssteinen errichtetes großes Gebäude. Könnt Ihr es erkennen?«

Scott und Dilling spähten nach oben. »Aye, Sir.«

»Es ist ein Munitionsdepot. Ich möchte, dass Ihr es in die Luft jagt. Wenn es gelingt, dürfte die Explosion so groß sein, dass die Dons mit ihrer Batterie direkt in den Himmel fliegen.«

»Aye, aye, Sir!« Scott und Dilling strahlten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wieder wartete Pater Alfredo vergebens auf eine Antwort. Dies und die Tatsache, dass es draußen immer lauter krachte und donnerte, trugen nicht gerade zu seiner inneren Ruhe bei. Er musste der Posse ein Ende bereiten, und das gleich jetzt. Gleich jetzt? Schon einmal hatte sich seine Geduld ausgezahlt, und die Fremde hatte zu erzählen begonnen. Andererseits konnte das Geplänkel nicht ewig so weitergehen, zu viele unerledigte Arbeiten harrten seiner, allen voran die Predigt für den morgigen Sonntag.

Gemach, dachte er im Stillen, gemach! Die Frucht des Geistes ist Geduld, so steht es schon bei den Galatern. Ich will deshalb langsam bis zehn zählen, wenn sie dann nicht gesprochen hat, werde ich die Uneinsichtige nach Hause schicken. Doch will ich sie vorher segnen, damit sie des Eheglücks teilhaftig werde, auch wenn sie es nicht verdient hat.

Er blickte hinunter auf seine gefalteten Hände und begann lautlos zu zählen. Als er bei sechs angekommen war, spürte er eine sanfte Berührung im Nacken. Es war ein angenehmes Gefühl, und im ersten Moment dachte er, es handele sich um einen Windhauch, doch gleich darauf merkte er, dass es mehr war. Es war ein leichter Druck, ein Tasten zunächst, dann ein Streicheln, es war angenehm, es war warm, es war eine Hand!

Die Hand der Fremden.

Sie hatte sich durch das Trenngitter geschlängelt und streichelte ihn, als sei es die größte Selbstverständlichkeit der Welt. Heiliger Vater, vergib dieser Frau!

Ein Schauer lief Pater Alfredo über den Rücken, aber nicht vor Entrüstung, sondern vor Wonne. Er wollte sich aufrichten, dem Spuk ein Ende bereiten, doch er war nicht in der Lage dazu. »Und führe uns nicht in Versuchung …«, murmelte er hilflos, während die Hand der Fremden ihn unablässig weiterstreichelte, hin und her wanderte, sein Kinn umschmeichelte, seine Wangen liebkoste. Ein Finger löste sich aus der Hand und legte sich auf seine Lippen. »Pst«, schien der Finger zu flüstern. »Pst, Pater Alfredo, ich glaube, du bist ein Mann wie jeder andere auch, du führst den Namen Gottes nur im Mund, während du die ganze Zeit daran denkst, dass ein Finger zu einer Hand gehört, zu einem Arm, zu einer runden Schulter, zu vollen Brüsten und einem feuchten, lockenden Schoß … sag mir, dass es so ist.«

»Weiche von mir, Satan«, krächzte Pater Alfredo. »Weiche von mir …« Er kam sich vor wie das Kaninchen, das auf die Schlange starrt, die Schlange der Versuchung, die Schlange, die Adam und Eva dazu überredete, entgegen dem Verbot Gottes vom Baum der Erkenntnis zu essen. »Weiche von mir, bitte …«

Sag mir, was du willst, kleiner Pater, schien der Finger zu flüstern, du willst nicht mehr beten, du willst nicht mehr die Beichte abnehmen, du willst etwas ganz anderes, sag es mir, sag es mir.

In seine unsägliche Verwirrung hinein hörte Pater Alfredo plötzlich Rufe, sie waren laut, sehr laut, und sie waren wie eine Erlösung. Sie sprengten den Ring seiner Erstarrung und schwollen an, wurden zu Schreien, zu hilflosen, jammervollen Schreien, die sogar das Donnern übertönten.

Da musste etwas Furchtbares passiert sein!

Pater Alfredo sprang auf, öffnete die Tür des Beichtstuhls und eilte hinaus ins Kirchenschiff.

»Was geht hier vor?«, rief er. Doch er bekam keine Antwort. Stattdessen hasteten ihm Menschen entgegen, händeringend, gestikulierend, Verzweiflung, Angst und Entsetzen im Gesicht. Sie riefen durcheinander: »Mein Haus brennt!« – »Feuer überall!« – »Englische Galeonen!« – »Wir werden beschossen!« – »Helft uns, Pater, helft uns!«

Pater Alfredo brauchte mehrere Augenblicke, um die Situation zu begreifen. Sollte das, was er gehört hatte, wirklich kein Gotteszeichen, sondern Kanonendonner gewesen sein? Wie konnte er sich nur so geirrt haben? Doch langes Überlegen half nichts. Jetzt musste gehandelt werden. Er blieb vor den Menschen stehen und tat etwas, von dem er wusste, dass es die Leute stets beruhigte. Er schlug das Kreuz. »Kniet nieder und hört, was ich euch zu sagen habe: Gott ist groß, Sein Wille geschehe, in Seiner Hand sind wir geborgen.«

Er beobachtete, wie die Gläubigen, egal, wo sie standen, niedersanken, die Hände falteten und ruhiger wurden. Ja, Gott war groß! Er spürte, wie ihn ein erhebendes Gefühl durchströmte. Niemals wieder würden seine Worte so wichtig sein, niemals wieder würde die Gemeinde ihn so sehr brauchen.

Er breitete die Arme aus und wollte fortfahren, wollte von Gottes Ratschluss sprechen, von den Prüfungen, die er den Menschen auferlegte, von Hiob und seinen Schicksalsschlägen, doch zu alledem kam er nicht mehr: Jählings raste eine gewaltige Druckwelle durch das Kirchenschiff, gepaart mit einem apokalyptischen Donnerschlag. Die Druckwelle hatte ein nie gekanntes Ausmaß, sie durchschlug nicht nur die Trommelfelle der Betenden, sondern auch die bunten bleigefassten Glasfenster der Kathedrale. Lange, nadelspitze Splitter schossen wie Pfeile durch das Kirchenschiff. Einer von ihnen traf Pater Alfredo von hinten in den Hals. Die Wucht des Aufpralls war so stark, dass der Splitter am Kehlkopf wieder heraustrat.

Pater Alfredo taumelte und fiel vornüber auf den Boden, mit seinen ausgebreiteten Armen an den gekreuzigten Heiland erinnernd. Blutend und zuckend lag er vor seinen knienden Schafen. Die Sinne schwanden ihm, mit letzter Kraft formte er die Worte, die noch gesagt werden mussten:

»Fürchtet euch nicht«, röchelte er.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

»Das ging schneller, als ich dachte«, sagte Taggart zufrieden. »Dilling hat die Aufgabe gemeistert. Hat aus dem verdammten Depot einen speienden Vulkan gemacht. Die Dons von der Batterie dürften in diesem Moment an die Himmelstür klopfen.«

»Aye, Sir«, bestätigte John Fox. »Von denen geht keine Gefahr mehr aus.«

»Halleluja«, knurrte Taggart.

»Ich möchte die Schiffslaternen anzünden lassen, Sir, die Nacht bricht herein.«

»Warten wir damit noch ein wenig, John. Die Reede ist hell erleuchtet, Drake scheint noch den einen oder anderen Kauffahrer abzufackeln.«

»Sieht ganz so aus, Sir.«

Taggart machte eine ungeduldige Bewegung. »Bei allen Schiffsratten, ich wünschte, wir wären nicht so weit vom Schuss. Komme mir sehr überflüssig vor.«

»Aber die Vernichtung des Munitionsdepots ist doch ein beachtlicher Erfolg«, wandte John Fox ein.

»Ja, ja, Ihr habt ja recht.«

»Galeeren achteraus!«

»Was? Wo?«, bellte Taggart, fuhr herum und unterdrückte mit knapper Not einen Schmerzensschrei. Die verdammten Knie!

»Fünf oder sechs sind’s, Sir. Sie kommen hinter den Untiefen hervor.«

»Wie ist dein Name, Matrose?«

»Ted, Sir.«

»Lass dir beim Wachwechsel einen Becher Brandy geben.«

»Danke, Sir.«

»Schon gut, mein Sohn. He, Mister Pigett, jetzt habt Ihr gleich mehrere Galeeren, denen Ihr den Fangschuss geben könnt. Runter ins Batteriedeck mit Euch, das Feuer soll augenblicklich eröffnet werden!«

Während Pigett nach unten eilte, fluchte Taggart nochmals, denn wie immer ging ihm alles nicht schnell genug. Doch so wütend er war, so beeindruckt war er von dem Mut der Galeeren. Dieser Acuña ließ sich nicht kleinkriegen, obwohl seine Schiffe nur noch wenige Riemen für den Vortrieb hatten. Gott sei Dank waren sie deshalb nur halb so schnell. Donnerndes Krachen und beißender Pulverdampf verrieten ihm, dass Pigett der Geschützmannschaft Beine gemacht hatte. Endlich! Heraus mit dem Eisen! Er schirmte mit der Hand die Augen ab, um besser sehen zu können. Richtig, eine Galeere war schwer getroffen worden, halleluja! Aber was war mit den anderen? Sie drehten ab. Gerade so, als wollten sie ihn nur ein wenig foppen. Verdammte Dons!

Taggart holte tief Luft und nahm sich vor, den Männern an den Geschützen ebenfalls einen Brandy zu spendieren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sonntagvormittag. Das helle Kling-Kling der Schiffsglocke erklang dreimal – elf Uhr. Taggart stand auf der Backbordseite seines Kommandantendecks und beobachtete eine Pinasse, die sich der Falcon näherte. »John!«

»Sir?« John Fox eilte herbei. Er hatte gerade die Spleißarbeiten an einigen verschlissenen Tauen kontrolliert.

»Wir kriegen Besuch. Kommt in meine Kajüte. Pigett soll übernehmen.«

»Aye, aye, Sir.«

»Nun, Mister Cross, was verschafft mir die Ehre Eures Besuchs?«, fragte Taggart nur Minuten später. Cross, ein junger Schiffsführer mit Leutnantspatent, stand in strammer Haltung vor Taggart, während dieser und John Fox gemütlich am Kartentisch saßen.

»Ich habe den Auftrag, Euch über die Geschehnisse der vergangenen Nacht zu informieren, Sir.«

»Das wurde auch langsam Zeit«, knurrte Taggart.

Cross hüstelte verlegen.

»Setzt Euch, Cross. Hier ist eine Schale mit Biskuits. Greift nur zu. Die Dinger hat mein Weib persönlich gebacken, daheim auf der schönen Isle of Wight. Sehr zu empfehlen.«

»Ergebensten Dank, Sir.« Cross nahm eines und biss krachend hinein.

»Sind hart wie der Zahn des Narwals, salzwasserfest und halten hundert Jahre.«

Cross lachte höflich und lobte den Geschmack.

»Setzt Euch doch. Ein Gläschen Brandy dazu?«

»Sehr freundlich, Sir, aber es pressiert mir etwas. Wenn Ihr erlaubt, berichte ich Euch gleich jetzt.«

»Schießt los.«

»Um es kurz zu machen, Sir: Der Oberbefehlshaber hat an die dreißig Schiffe gekapert. Alles, was zu gebrauchen war, hat er den Dons abgenommen, vor allen Dingen Proviant, aber auch eine ganze Schiffsladung aus Hufeisen, Nägeln und eisernen Bändern für Wasserfässer. Anschließend wurden die Kähne verbrannt.«

»Das haben wir gesehen«, sagte John Fox. »Die Wracks trieben zu den Untiefen, sie fackelten ab wie die Brander.«

»Aye, Sir. Der Oberbefehlshaber nahm auch eine Reihe von Prisen, darunter drei Dreihunderttonner und eine Bark von zweihundertfünfzig Tonnen. Die Prisen sollen verteilt werden.«

»Gut so«, knurrte Taggart und dachte an seine Falcons. Und sonst?«

»Sonst gibt es nichts Erwähnenswertes, Sir. Alles läuft nach Plan.« Cross zögerte. »Wenn Ihr erlaubt, entferne ich mich jetzt; ich bin etwas in Sorge, der Wind scheint nachzulassen.«

Taggart grinste schief. »Ja, ja, der Wind, der Wind, das Sorgenkind.«

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am Nachmittag wollte das Geschwader die Stätte seines Triumphs verlassen und zurück nach England segeln, aber mittlerweile hatten es Drake und seine Flotte mit dem mächtigsten Feind aller Meere zu tun: dem Wind.

Er war fort. Nicht das leiseste Lüftchen regte sich.

Die Stunden zogen sich dahin. Bleierne Hitze lag über der Bucht. Die englischen Galeonen saßen wie Raubtiere im Käfig, während die Spanier versuchten, diesen Vorteil zu nutzen. Sie brachten ein neues schweres Geschütz in Position, was zur Folge hatte, dass die Flotte auf der Hut vor Treffern sein musste. Auch Don Pedro de Acuña, der Unermüdliche, war wieder präsent. Er mobilisierte alle zur Verfügung stehenden Kräfte, griff immer wieder an, aber gegen die weittragenden Geschütze der Engländer war er machtlos.

»Er ist wie ein Faustkämpfer, dem die Reichweite fehlt«, brummte Taggart. »Er kann um uns herumtänzeln, solange er will, er kommt nicht an uns heran.«

»Aye, Sir, aber auch wir können nichts machen, solange der Wind auf sich warten lässt«, wandte John Fox ein.

Taggart fuhr aus der Haut: »Bei den Arschbacken Poseidons, wann kommt er denn endlich? Lieber ein anständiger Orkan als diese Flaute. Wir schmoren hier wie in der Hölle.«

»Er wird schon kommen, Sir.«

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und er kam tatsächlich, obwohl er sich noch den ganzen Abend und den Großteil der Nacht Zeit ließ. Erst am Montagmorgen, zwei Stunden nach Mitternacht, regte er sich wieder. Das Geschwader sammelte sich, um zwischen den Untiefen Las Puercas und El Diaman nach Norden aus dem Hafen auszulaufen.

Die Falcon reihte sich nicht ein in die Formation, denn Drakes Befehl galt nach wie vor. Sie musste die Flotte nach hinten absichern. Taggart gefiel das ganz und gar nicht. Er hatte »diesen Präsentierteller, der von Geiern umgeben ist« satt und wollte nach Hause. Die Arbeit war getan, was sollte noch groß passieren.

Er hatte eine Position südlich von El Diaman gewählt und sah zähneknirschend zu, wie Schiff auf Schiff die Falcon passierte. Der Wind war noch immer schwach, aber stetig, und die Ebbe hatte mittlerweile eingesetzt, was dem Geschwader eine annehmbare Geschwindigkeit verlieh. Drakes Flotte hatte sich dank der Prisen um einiges vergrößert, so dass es jetzt an die vierzig Schiffe waren, die den Hafen verließen. »John!«

»Sir?«

»Wenn uns das letzte Schiff passiert hat, scheren wir ein, Abstand zunächst noch drei Kabellängen, wie gehabt.«

»Aye, aye, Sir.«

»Steht Dunc am Kolderstab?«

»Aye, aber wir haben gleich acht Glasen, dann wird er abgelöst.«

»Dann soll er zu mir kommen.«

»Aye, aye, Sir.«

Taggart stelzte in seine Kajüte, ging zum Schapp und holte das Bibergeil hervor. Er hatte stundenlang auf dem Kommandantendeck gestanden, und die Knie brannten ihm, als hätte jemand ein Kautereisen darangedrückt. Nach der Behandlung mit dem ekligen Zeug atmete er auf und setzte sich hinter den Kartentisch. Keine Minute zu früh, denn es klopfte. »Herein!«

»Ihr habt mich rufen lassen, Sir?« In der Tür stand Duncan Rider, die Mütze unter den Arm geklemmt. Er war ein guter Mann und zählte zu den Veteranen der Falcon. Aber nicht nur deshalb fühlte Taggart sich ihm besonders verbunden, sondern auch, weil Dunc einst eine schwere Operation überstanden hatte. Er war über ein aufgeschossenes Tau gestolpert und hatte sich eine Impressionsfraktur des Schädeldachs zugezogen, so jedenfalls war die Diagnose von Doktor Hall, dem Schiffsarzt, gewesen. Ein guter Freund von Taggart, der Cirurgicus Vitus von Campodios, der sich zu dem Zeitpunkt ebenfalls an Bord befunden hatte, war zum gleichen Ergebnis gekommen. Er hatte später auch die Trepanation durchgeführt.

Nach der Operation war die kreisrunde Öffnung im Schädeldach kunstvoll verschlossen worden, und zwar mit einer Golddublone aus Taggarts persönlicher Schatulle. Der Eingriff war so erfolgreich gewesen, dass Dunc schon wenige Wochen später wieder Dienst verrichten und sogar die Hornpipe tanzen konnte. Die Hornpipe, einen aus Schottland stammenden Volkstanz, hatte er bei der Gelegenheit gleich dem Cirurgicus beigebracht, der, trotz seines höheren Stands, lachend mitgemacht hatte.

Überhaupt war der Cirurgicus ein bemerkenswerter Mann. Aufgewachsen in einem spanischen Zisterzienserkloster namens Campodios, war er dort nicht nur in den Artes liberales unterrichtet, sondern auch zu einem kenntnisreichen Arzt und Kräuterheilkundigen ausgebildet worden. Danach hatte es ihn als Wanderchirurg hinaus in die Welt gezogen, denn er kannte seine Herkunft nicht. Nach vielen Schicksalsschlägen und Abenteuern stellte sich heraus, dass er der einzige überlebende Spross derer von Collincourt war, und Elizabeth I., die Jungfräuliche Königin, hatte ihn höchstpersönlich zum Earl of Worthing gemacht. Taggart erinnerte sich noch genau an das große Fest, das anlässlich der Hochzeit des frisch ernannten Earls mit der schönen Nina stattgefunden hatte, es war vor sechs Jahren auf Schloss Greenvale Castle gewesen, und seine Knie hatten beim Jig und bei der Gaillarde noch anstandslos mitgemacht …

Dieser Gedanke brachte ihn zurück in die Gegenwart. Dunc stand noch immer in tadelloser Haltung vor ihm. Seit Jahren trug er nun die Golddublone seines Kommandanten im Schädel, und seit Jahren ließ dieser es sich nicht nehmen, ihn nach dem Zustand seiner Münze zu fragen. »Nun, Dunc, wie geht es meinem Gold?«

Dunc grinste. »Weiß nicht, Sir, habe zu viel im Kopf.«

Taggart lachte. Der Dialog war ein altes Wortspiel zwischen ihnen. »Willst du ein Biskuit meiner Frau?«

»Lieber nicht, Sir, letztes Mal hat’s mich ’nen halben Zahn gekostet.« Auch das gehörte zum Wortspiel.

Taggart wurde ernst. »Wie ist die Stimmung in der Mannschaft?«

»So weit gut, Sir, aber die Männer fragen sich, ob Drake, äh, ich meine der Oberbefehlshaber, uns an den Prisen beteiligen wird.«

»Das wird er, Dunc, mein Wort darauf. Ich werde … Bei allen Schirmquallen, was ist denn nun schon wieder?« Draußen hatte es kräftig geklopft. Kräftiger, als Taggart es schätzte. »Herein, zum Teufel!«

»Ich bitte, die Störung zu entschuldigen, Sir.« Pigett grüßte. »Das letzte Schiff des Geschwaders, die Lion, ist gerade vorbei.«

»Ja, und? Mister Fox hat Befehl, danach einzuscheren, warum kommt Ihr noch einmal extra zu mir?«

Pigett gab sich Mühe, kein beleidigtes Gesicht zu ziehen. »Es treibt ein Boot im Kielwasser der Lion.«

»Ein Boot? Was für ein Boot? Ein Beiboot?«

»Nein, Sir, es ist kleiner, es ist eher eines, wie es zum Übersetzen von Personen Verwendung findet.«

»Aha. Meinetwegen. Dann hat es mit der Flotte nichts zu tun. Lasst es dahin treiben, wo der Pfeffer wächst.«

»Sicher, Sir, in dem Boot scheint allerdings eine Frau zu sitzen.«