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Als Lisa nach vielen Jahren etwas von ihrer ersten großen Liebe erfährt, ist es die Nachricht von seinem plötzlichen Tod. Wenige Monate nach seiner Beerdigung, steht er ihr lebend und körperlich unversehrt gegenüber. Gedanken von Zeugenschutzprogrammen und Spionen schwirren ihr im Kopf herum. Aber um Fragen zu stellen bleibt ihr keine Zeit, gemeinsam werden sie entführt. Von der Außenwelt abgeschottet kann sie niemandem vertrauen, selbst ihren eigenen Gefühlen nicht. Kann die Überwindung von Hilflosigkeit und der Mut außergewöhnliche Entscheidungen zu treffen, Lisa befreien?
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Seitenzahl: 537
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Für meinen Mann und unsere Kinder, für ihre Liebe, Geduld und ihre tatkräftige Unterstützung bei Technik und Layout.
Frieda Rosa Meer ist ein Pseudonym der Liebesroman-Autorin Sylvia Fuchs-Schiewe.
Sie wurde 1966 in Niedersachsen geboren, wo sie noch heute mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern lebt.
Nach ihrem Fachabitur 1986 arbeitet sie als Erzieherin in einer Kindertagesstätte sowie in einer Grundschule.
Nebenbei widmet sie sich ihrer Leidenschaft als Autorin, die schon in jungen Jahren begann.
Prolog
Friedhof
Lisa
Abschied
Der Besuch
Die Ankunft
Krankenzimmer
Prof. Dr. Garden
Wiedersehen
Zurück
Flur
Im Park I
Im Park II
Speisesaal
Warten
Chefarzt
Test 1
Büro
Abendessen
Zimmer-Arrest
Lisas Gedanken
Balkon
Lisas Zimmer
Test Nr. 2
Untersuchungszimmer
Keller
Untersuchungszimmer
Liebeserklärung
Erinnerungen
Besuch von Pete
Am Springbrunnen
Überwachungsraum
Petes Zimmer
Frühstück
Zurück am Springbrunnen
Überwachungsraum
Besenkammer
Der Verdacht
Regine und Lisa
Adam und Regine
Pete-Adam
Das Kind Adam
Date! Petes Enthüllung
Regine und Pete
Garden und Pete
Gedanken: Pete
Warten 2
Garden und Lisa
Max
Pete und Lisa
Garden und Pete
Gedanken-Pete
Lisas Abschied
Petes Entscheidung
Der erste Kunde
Geheimunterlagen
Autofahrt mit Garden
Der Stick
Lisas Rückkehr
Pete und Karl
Lisa und Pete bei Karl
Lisa bei Karl
Abschied
Regine und Lisa
Keller
Am Fahrstuhl
Feuer
Fahrstuhl
Adam in Gefahr
Schutt und Asche
Gardens Rückkehr
Adam und Max
Im Krankenhaus
Im Haus seiner Mutter
Die Zuckerdose
Nachruf
Ein von starken Winden gepeitschtes Wolkenmeer zog über Lisa hinweg, gefolgt von kreischenden Krähen und umherwirbelnden Blättern. Mit ihren Augen verfolgte Lisa die bunten Blätter, bis sie nach einem kreisenden Tanz auf der feuchten Erde unter der Hecke verschwanden und nicht wieder hervorkamen. Ihr Blick fiel auf die kupferfarbene Steinplatte wenige Meter vor ihren Füßen. Der grüne Rasen war frisch gemäht. Und obwohl es den Hinterbliebenen untersagt war, Blumenschalen und Sträuße neben die Grabsteine zu stellen – sie sollten bei einem einige Meter entfernt stehenden Holzkreuz niedergelegt werden –, standen an jedem Stein mehrere Blumengaben.
Seit ein paar Monaten lag er hier begraben. Er war schon vor so viel längerer Zeit aus ihrem Leben verschwunden, so dass sie oft Mühe hatte, sich sein Gesicht vorzustellen. Doch viel wichtiger als sein Aussehen waren ihre Gefühle für ihn, denen die Jahre nichts anhaben konnten. Auch nicht die Tatsache, dass diese schon lange nicht mehr erwidert wurden, vielleicht nie den ihren glichen. Aber es hatte immer noch die Hoffnung, das Schicksal, den Zufall und ihre Träume gegeben.
Nun war er tot, begraben, den Gesetzen des menschlichen Zerfalls ausgeliefert. Für immer! In dieser dunklen Erde unerreichbar, für immer! Und doch! Sie glaubte, dass es keine Träume gäbe, die gänzlich unerreichbar waren. Träume ließen sich verändern und in Bahnen lenken, die es der jeweiligen Person möglich machten, weiterzuträumen. Manch einer nannte dies verrückt, besessen oder einfach nur dumm.
Aber – was wäre, wenn?
Sie parkte ihren Kleinwagen auf dem großen, leeren Parkplatz gegenüber dem Friedhof. Ein ganzes Stück entfernt von den letzten Häusern des kleinen Dorfes mitten auf dem Lande. Es war noch recht früh am Vormittag, etwa halb zehn, ihr freier Tag. Sie sah sich, wie jedes Mal, wenn sie ihn besuchte, nach allen Seiten um. Es war weit und breit niemand auf dem Friedhof zu sehen. Bei ihren letzten Besuchen war es nicht viel anders gewesen.
Einmal kam ihr eine alte Frau auf einem noch älteren Fahrrad, mit einer Gießkanne auf dem Gepäckträger, entgegen. Ein kurzes Nicken als Gruß. Das Quietschen ihres Rades war noch von Weitem zu hören, als sie langsam ins Dorf zurückfuhr.
Oder ein andermal liefen zwei junge Frauen den Feldweg entlang, in Trainingsanzügen, modisch, farblich abgestimmt auf Turnschuhe und Stirnband. Als sie an ihr vorbeigelaufen waren und sie ihnen nachsah, konnte sie die beiden miteinander tuscheln sehen, während sie sich ebenfalls nach ihr umsahen, verstehen konnte sie nichts von dem, was sie sprachen. Aber sie glaubte auch so zu wissen, worüber sie sprachen. Sie selbst stammte aus einem kleinen Dorf und wusste, dass jeder Fremde beobachtet und über seine Absichten spekuliert wurde.
Lisa war froh heute niemanden zu sehen. Es war nicht einfach, dem Dorftratsch zu entgehen. Erst recht nicht, ihn zu verhindern; es sei denn, sie würde auf diese Besuche verzichten, doch das wollte sie auf gar keinen Fall. Sie ging das kurze Stück bis zu der alten Holzpforte. Mit etwas Kraftaufwand schob sie diese beiseite.
Jedes Mal, wenn sie dort stand, wo so viele Menschen ihren Platz gefunden hatten, den sie nie wieder verlassen würden, überfiel sie eine merkwürdige Stimmung. Sie konnte nicht anders, sah nach links, sah nach rechts, las die Namen, die Geburtstage, die Sterbetage. Sie fand alte und junge Menschen. Menschen, die ein so langes Leben hatten, dass sie sich danach sehnte, Geschichten aus ihrem Leben zu hören.
Kinder, die nur wenig Zeit hatten, ihr Leben mit Geschichten zu füllen, aber glücklich waren, wie Lisa hoffte. Ehepaare, Lebensgefährten, die einander nach nur wenigen Tagen gefolgt waren. Familiengräber, liebevoll gepflegt, bepflanzt, gegossen und geharkt. Die schon jetzt erzählten, wer hier einmal liegen würde. Der Mann würde seiner Frau folgen, die Frau ihrem Mann. Aber sie entdeckte auch Menschen, die alleine, ohne Familie dalagen, neben ihnen völlig fremde Menschen. So war es auch „ihm““ ergangen. Lisa war an seinem Grab angekommen.
Einige verwelkte Sträuße standen in Vasen und Töpfen auf seinem Grab. Sie mussten wunderschön ausgesehen haben, als die Sonnenblumen und Margeriten ihre volle Blütenpracht gezeigt hatten. Vereinzelt waren auch noch blaue Kornblumen und die bereits leeren Blütenstängel der einst purpurroten Mohnblume zu erkennen. Wer auch immer ihm diese Sträuße gebracht hatte, musste sehr naturverbunden sein. Ein flacher Stein lag mittlerweile am Kopfende des mit Rasen bewachsenen Grabes. Es war nichts weiter als sein Name und diese schrecklichen Zahlen auf ihm zu finden, die die Kürze seines Lebens aufzeigten. Lisa war nur wenige Jahre jünger als er.
Ein merkwürdiges Gefühl beschlich sie. Bis vor wenigen Monaten hatte sie den Tod als eine in der Ferne liegende Begebenheit betrachtet. Etwas, was sie nicht beachten brauchte. Jetzt stand sie hier und der Tod war so nahe. Sie hatte das Gefühl, er würde sie auslachen, wie naiv sie doch war.
Ihr fröstelte. Die Luft war feucht, und der Morgennebel wollte sich nicht so recht von den grünen Wiesen trennen. Eine blass-gelbe Scheibe hatte sich hinter ihm den Himmel hinaufgeschoben. Wie ein blinder Spiegel, in den man hineinsah und nur Nebel erkennen konnte, stieg sie höher und höher. Vielleicht würde heute Mittag die Sonne scheinen, überlegte sie.
Wieso dachte sie an heute Mittag? Sie hatte nichts vor.
Langsam löste sie ihre Blicke von seinem Stein und ließ sie umherschweifen.
Sein Grab lag am Rande des recht großen Friedhofes.
Rundherum von einem Jägerzaun aus Holz und verschiedenen Büschen und Sträuchern umsäumt. Der Zaun war grün mit Moos überzogen und an manchen Stellen hing eine Latte senkrecht zu Boden. Hinter ihm begann ein großes Feld, das nun abgemäht und brach dalag. Die noch aus der Erde ragenden Stoppeln erinnerten an das Korn, das noch vor wenigen Tagen dort gestanden war. Hinter dem Feld verlief eine wenig befahrene Landstraße.
Obwohl es schon Ende September war, versprach auch dieser Tag, angenehm warm zu werden. Sie trug nur eine leichte Häkeljacke über ihrem ärmellosen, aber knöchellangen Baumwollkleid, was allerdings alles andere als sommerlich aussah. Es war dunkelbraun und das Jäckchen schwarz.
Eigentlich standen ihr eher fröhliche Farben, denn sie hatte einen blassen, leicht rötlichen Teint und mittelbraunes Haar, das in der Sonne kastanienfarben schimmerte. In diesem Sommer trug sie nur dunkle Farben, allerdings tat sie dies nicht, um anderen zu zeigen, dass sie einen Verlust erlitten hatte, oder weil es auf dem Lande so üblich war. Nein, sie konnte einfach nicht anders. Er war nun schon ein halbes Jahr tot.
Wieder, wie bei jedem ihrer mittlerweile zahlreichen Besuche, liefen Tränen über ihre Wangen. Sie hatte sich doch fest vorgenommen, heute nicht zu weinen. Heute wollte sie ihm von ihrem Besuch bei seiner Mutter erzählen. Es tat ihnen beiden so gut, über Pete zu sprechen, sie würden ihn nie vergessen.
Aber all ihre guten Vorsätze waren dahin, als sie vor seinem Grab stand. Das Bild, sie sah es immer wieder vor sich. Wie sein Sarg hinabgelassen wurde. Der Sarg wirkte so viel kleiner, als sie Pete in Erinnerung gehabt hatte.
Er war so groß und stark gewesen, als könnte nichts und niemand ihm etwas anhaben. Seine Lebensfreude war höchstansteckend gewesen, als mitreißend empfand sie seine Freude an jeder Minute des Tages. Wie er den Gartenzaun, der um ihr Elternhaus verlief, mit einem leichten Satz übersprang, wobei seine dunkelbraunen Locken durch die Luft wirbelten, als genossen sie jede seiner Bewegungen. Oder wie risikobereit er sich auf dem Motorrad in die Kurve legte, so dass er eins wurde mit seiner Maschine.
Lisa schluckte. All diese kleinen Erinnerungen waren lange, sehr lange her, über zehn Jahre. Ein guter Freund fragte sie einmal, warum sie Pete so liebte. Sie konnte es nicht sagen, es gab keine Antwort auf diese Frage. Es gab tausend Antworten auf diese Frage. Er war die einzige und alles erklärende Antwort.
Sie hatte ihn nicht lebend wiedergesehen. Auch nicht tot. Und nun lag er da unten, in dieser feuchten, dunklen Erde. Ihr wurde beinahe übel bei dem Gedanken. Die Vorstellung, selbst einmal tief in der Erde begraben zu liegen, verursachte eine fast panische Angst in ihr. Er war erst Anfang dreißig gewesen, nur ein paar Jahre älter als sie. Nie im Leben hätte sie geahnt, keine Chance für ein Wiedersehen zu erhalten.
Gedankenverloren stand sie da. Während der Wind ihre Haare zerzauste und ihre Tränen trocknete. Plötzlich vernahm sie ein Geräusch, was sie aufhorchen ließ. Das Knacken eines Astes! Als wäre ein Ast unter der Last eines Schrittes gebrochen. Lisa lauschte. Weitere schwache Geräusch, welche sich vom leichten Rauschen des Windes und den fröhlichen Stimmen der Vögel abhoben, konnte sie erkennen. Sie hörten sich an wie Schritte, entlang auf den kleinen Kieselsteinen, die um einige Grabstätten verstreut lagen.
Wieso Schritte? Suchend sah sie sich um, konnte jedoch keine Menschenseele entdecken. Vielleicht war ein Vogel durchs Astwerk gehüpft oder eine Maus über die Steine gehuscht.
Unsanft wischte sie sich ihre Tränen mit den Handrücken ab und stellte das kleine Efeutöpfchen, das sie mitgebracht hatte, neben seinen Stein. Der Efeu sollte sich um ihn ranken, sich im Boden verankern, wachsen und ihn umarmen, wie sie selbst es nicht mehr tun konnte.
Es knackte! Dieses Mal hatte sie es noch deutlicher gehört.
Abrupt drehte sie sich um. Sie entdeckte eine Gestalt in einiger Entfernung hinter den Rhododendronbüschen unter den schattigen Bäumen, die den Hauptweg bis zur Pforte säumten.
Dort stand jemand und sah zu ihr herüber. Die Gestalt rührte sich nicht. Sie sah zu ihr herüber, ohne aus ihrem Versteck, dem Schatten, hervorzutreten.
Lisa sah wieder auf sein Grab hinab, sie hatte einen ziemlichen Schreck bekommen. Woher kam dieser Person so plötzlich?
Wurde sie von ihr beobachtet? Lisa war unfähig sich zu bewegen. Warum und wer war es, der sich dort im Schatten verborgen hielt? Sie war bis eben noch ganz alleine auf dem stillen Friedhof gewesen, was ihr eigentlich nichts ausmachte, doch nun kroch eine leichte Unruhe in ihr empor. Nervös wechselte sie von einem auf den anderen Fuß, doch sie wagte es nicht, erneut hinüberzusehen in Richtung Gebüsch.
So etwas Blödes, sie schalt sich selbst eine Hysterikerin und zwang sich, diese verrückten Fragen aus dem Kopf zu schlagen. Sie nahm die verwelkten Sträuße aus den Vasen und goss das verbliebene Wasser in die Hecke. Dann legte sie die Vasen hinter den Stein. Die verwelkten Sträuße noch in den Händen, stellte sie sich erneut vor sein Grab. Angestrengt lauschte sie. War er oder sie noch da? Sie konnte kein Geräusch vernehmen, das darauf schließen ließ. Nichts rührte sich, selbst der Wind schien zu lauschen. Wie lange sie so dastand? Sie wusste es nicht.
Dann hob sie unter großer Überwindung ihren Kopf und sah erneut zu der Stelle, wo die Rhododendronbüsche wuchsen, hinüber. Die Person war noch da. Es war ein Mann, seine große, kräftige Gestalt und der lange dunkle Mantel hoben sich nun von dem grünen Blätterwerk gut sichtbar hervor. Er trat einen Schritt zurück. Sein Gesicht lag immer noch im Schatten.
Er wartete. Er wartete auf sie. Es konnte nichts anderes bedeuten. Vielleicht wollte er mit ihr sprechen, sie allerdings nicht am Grab stören, und wartete nun darauf, dass sie an ihm vorbei den Hauptweg entlanggehen würde? Doch wer mochte es sein, wer konnte Interesse daran haben, sie hier zu beobachten, zu treffen? Niemand wusste, dass sie hierher fuhr, außer Petes Mutter.
Ihr fiel ein, dass sie schon mehrmals das Gefühl gehabt hatte, hier nicht alleine zu sein, selbst wenn sie keinen Menschen entdecken konnte. Sie hatte sich stets gesagt, das sei nur Einbildung. Schließlich ist ein Friedhof ein Friedhof! Da ist es ganz natürlich, ab und zu solche Empfindungen zu haben.
Solche Empfindungen! Wie konnte sie es nur so benennen?
Sie glaubte weder an Geister noch sonst welche Gestalten.
Aber sie träumte, sie träumte ihre eigenen Tagträume, und das taten gewiss nicht viele, schon gar nicht auf einem Friedhof.
Sie träumte einen Traum, der facettenreich war, immer wieder neu, doch auch immer wieder gleich. Er war ein Stück unrealistische Hoffnung, doch umso öfter sie ihn träumte, umso wahrscheinlicher wurde er.
Sie träumte, Pete wäre nicht tot. In Wahrheit, in echt, in der Realität, in ihrem Traum. Manchmal war er ein Spion, ein Geheimagent, der seinen Tod nur vortäuschen musste, um seinen Fängern zu entgehen. Ein anderes Mal ein Drogendealer oder ein Auftragsmörder – es war ihr gleich, er war geflohen, vor der Mafia, der Polizei, er hielt sich versteckt, alles war nur ein riesiger Schwindel, er lebte irgendwo, wenn er nur lebte!!
„Du spinnst echt!“, schallt sie sich danach selbst. Doch sie konnte nicht damit aufhören.
Und heute, jetzt in diesem Augenblick ging ihre Phantasie mit ihr durch, sie wagte zu hoffen. Wenn er dort stand, wenn er es nun wirklich war, wenn er sie sehen wollte?
Nichts passierte. Ihrer Unruhe mischte sich Angst bei. Was, wenn sie sich irrte, wenn dort ein Triebtäter auf sie lauern würde? Was wohl wahrscheinlicher war als ihre verrückten Tagträume von einem 007-Agenten oder Ähnlichem. Und wohl auch um einiges gefährlicher!
Es half nichts, sie konnte nicht länger untätig darauf warten, was als Nächstes passieren würde. Entschlossen wandte sie sich von Petes Grab ab und ging mit großen, mutigen Schritten, mit dem Gedanken, Angriff ist die beste Verteidigung, in seine Richtung, direkt auf ihn zu.
Doch in diesem Moment verließ der Fremde seinen Platz, er wandte sich ab, beschleunigte seine Schritte, ging um einige Gräber herum und übersprang mit Leichtigkeit eine hüfthohe Hecke, um so auf den Hauptweg zu gelangen, in Richtung Pforte. Lisa beschleunigte ebenfalls ihre Schritte. Er konnte kein Triebtäter sein, denn er floh vor ihr. Und seine Größe, seine Bewegungen, so vertraut … „Bitte warten Sie, warten Sie. Wer sind Sie?“
Doch die Gestalt wurde schneller, sie begann zu laufen, den Weg hinunter. Warum lief er fort? Auch Lisa lief nun und ließ ihn keinen Moment aus den Augen, die alten vertrockneten Sträuße noch immer in beiden Händen haltend. Sie bemerkte es nicht.
Das Sonnenlicht fiel nun direkt auf ihn hinab und glänzte auf seinen gelockten Haaren. Sie streiften seine Schultern und kräuselten sich dort auf einem braunen, knöchellangen Trenchcoat. Lisa konnte nur das untere Stück einer schwarzen engen Hose an langen Beinen erkennen, die in spitzen Cowboystiefeln zu stecken schienen.
Lisa blieb stehen. – Sie kannte diesen Mann. Dann drehte er sich im Laufen zu ihr um, wie in Zeitlupe sah sie sein Gesicht.
Die verwelkten Sonnen-, Mohn- und Kornblumen fielen auf den frisch geharkten Sandweg. Er war es – er war es wirklich!
Sie sah ihm nach, er rannte weiter, kam zur Pforte und stieß sie auf. Er drehte sich nicht mehr zu ihr um. Wenn er es wirklich war – er war es!! Warum blieb er nicht stehen, wieso lief er vor ihr davon? Warum konnte er laufen – leben? Es begann in ihrem Kopf zu rauschen. Wie war das nur möglich? Sie musste träumen, wie sonst auch. Es war ihr Traum, er würde plötzlich vor ihr stehen, am Leben sein, irgendwie erklärbar!
„Pete!“ Ihre Stimme schrie seinen Namen über die Stille des Friedhofes hinweg. Doch er rannte weiter. Sie musste ihn einholen, durfte jetzt nicht schlapp machen, sonst würde sie es sich selbst nicht mehr glauben, wen sie lebend sah! – Sie verfolgte ihn mit ihren Augen, wagte kaum zu blinzeln. Ihre Beine wurden schwer wie Blei.
„Ich muss ihn einholen!“, dröhnte es durch ihren Schädel. Er hatte bereits den Friedhof durch die Pforte verlassen, den Parkplatz überquert, er wollte ins Dorf. Plötzlich stoppte er, er drehte sich um und lief zurück, am Parkplatz vorbei, in Richtung Pforte! Lisa holte tief Luft, sie fühlte weder die kleinen Kieselsteine in ihren Sandaletten noch hörte sie das Quietschen von abgebremsten Reifen. Sie lief, so schnell sie konnte, ihm entgegen.
Erst jetzt erahnte sie den Grund für seinen Richtungswechsel.
Zwei schwarze Limousinen kamen in schneller Fahrt auf ihn zu. Er floh vor ihnen, er kam immer näher.
Fast gleichzeitig erreichten sie die Pforte. Noch ehe sie sie öffnen konnte, stand er bereits vor ihr und hielt sie zu. Ihr Herz klopfte bis zum Hals, sie konnte nicht sprechen. Es war sein Gesicht, seine hellblauen Augen, die in starkem Kontrast zu seinen fast schwarzen Haaren standen. Er war blass, und etwas eingefallen lagen seine Augen in einem früher so jugendlichen Gesicht. Er hatte sich verändert, doch er war es, es gab keinen Zweifel – noch nicht!
Er sah sie an, erschöpft, völlig außer Atem. Verzweifelt? Ein Gejagter, ein Verbrecher? Egal! Er lebte, sie träumte nicht, er lebte! Selbst wenn er ein Geist wäre oder ein Zombie, es war ihr völlig gleich. Sie wollte ihn umarmen und nie wieder loslassen – so wie im Film und alles würde wieder so sein wie früher. – Oh, wie hasste sie diese Happy Ends! Nie würde irgendetwas wieder so sein wie in der Vergangenheit!
„Verschwinden Sie von hier, laufen Sie, wenn Sie frei sein wollen – verstecken Sie sich! Jetzt sofort!“ Die zwei letzten Wörter schrie er heraus. Er war immer noch völlig außer Atem, doch er rannte wieder los, weiter, den Feldweg hinunter. Noch einmal drehte er sich zu ihr um und zeigte auf den Friedhof. Sie sollte umkehren, verschwinden, sein Gesichtsausdruck war ernst. Sein Blick, panisch vor Angst! – Er hatte Angst, und er hatte sie gewarnt, wovor?
In diesem Moment rasten die zwei Fahrzeuge an ihr vorbei, er konnte ihnen nicht entkommen, einfach unmöglich. Es gab dort kein Versteck und keine Straße, auf der ihm ein Auto als Rettung entgegenkommen konnte. Was wollten „die“ von ihm? Warum, wovor hatte er solche Angst?
Lisa hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Und dennoch tat sie es. Sie umklammerte den rostigen Knauf der Pforte. Sie sollte hier verschwinden, er wollte es so, aber gleichzeitig war er es, der sie zurückhielt. Ihre Augen konnten ihn nicht loslassen. Am liebsten wäre sie ihm gefolgt, doch das hätte keinen Sinn gemacht.
Sie sah, wie die Fahrzeuge ihn nach ungefähr fünfzig Metern überholten und in einer großen Staubwolke einkreisten. Vier Männer sprangen heraus, stürzten sich auf ihn, überwältigten ihn, zerrten ihn in eines der beiden Autos hinein. Um ihre Fahrt sofort wieder aufzunehmen. Alles ging so schnell, er hatte keinerlei Chance.
Wieso? Wer waren die? Warum nahmen sie ihn mit? Wohin brachten sie ihn? – Und warum hatte er sie, Lisa, gesiezt?
Hatte er sie nicht erkannt? Warum nicht? Ja, sie hatten sich vor seinem Tod, über zehn Jahre lang, nicht gesehen. Aber sie sah noch genauso aus wie früher, oder fast. – Das war alles so absurd! Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen.
Als die beiden Fahrzeuge sich erneut in ihre Richtung bewegten und nicht weit von ihr entfernt mitten auf der kleinen Straße hielten, geriet ihr Instinkt in Alarmbereitschaft.
War sie ebenfalls in Gefahr? Plötzlich wusste sie, dass es so war. Er hatte sie gewarnt, sie sollte sich beeilen. So schnell sie konnte, lief sie den Weg wieder zurück, in Richtung Kapelle.
Wo sollte sie sonst hin? Rundherum lagen nur Felder. Bis zum Dorf hätte sie es nie geschafft. Und verstecken, wo?
Sie rannte, bis sie die alte Kapelle erreicht hatte.
Glücklicherweise war die schwere Eichentür unverschlossen.
Mit letzter Kraft stieß sie die Tür auf, stürmte hinein, schlug sie krachend ins Schloss und wartete. Nur ihr schneller Atem war zu hören. Im Inneren war es düster, feucht und kalt. Von der Wärme der Sonne war hier nichts zu spüren.
Langsam gewöhnten sich ihre Augen an das Halbdunkel. Sie erkannte die Reihen von Holzbänken, einen Fußschemel gleich neben der Tür, ein Pult an der gegenüberliegenden Wand und daneben zwei Kerzenleuchter. Hier hatte er gestanden, sein Sarg. Dort am Fenster hatte sie gesessen. Mit von Tränen gefüllten Augen hatte sie durch das vergitterte, bunt verglaste Fenster auf den frisch ausgehobenen Hügel geblickt.
Sie wandte sich ab, öffnete die Tür nur einen Spalt und sah hindurch. Zwei große, dunkel gekleidete Männer liefen auf dem Kiesweg entlang genau auf sie zu. Sie knallte die Tür ins Schloss. Ein schmaler Schwenkriegel war alles, was die Tür geschlossen halten konnte. Es gab keinen Schlüssel. Sie sah sich um, immer noch schwer atmend.
Mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, zog sie eine schwere Holzbank vor die Tür, dann nahm sie den Schemel, stellte ihn auf die Bank und klemmte ihn unter die Türklinke. Ihre Hand hielt noch ein Bein des Hockers umfasst, als kräftig an der Klinke gerüttelt wurde. Ihr Turm wackelte, aber die Tür blieb geschlossen. Wie lange konnte sie so ihre Verfolger von ihr fernhalten? Wann würde irgendjemand zufällig vorbeikommen? Was war hier eigentlich los? Es gab keinen Zweifel mehr, sie wollten nicht nur Pete, sie wollten auch sie!
Erschöpft ließ sie sich auf der Bank nieder, die Türklinke fest mit beiden Händen umklammert. Wieder wurde kräftig an der Tür gerüttelt. Sie hörte Stimmen, leise Flüche. Sie würden nicht aufgeben. Oder? – Stille.
Dann krachte es gewaltig. Die Tür war einen Spalt aufgesprungen, der Schemel heruntergestürzt, doch der Riegel war noch heil, und noch bevor die Tür weiter aufgedrückt werden konnte, hatte Lisa ihre Festung erneuert und stemmte sich gegen den Schemel. Sie zitterte am ganzen Körper Dass sie weinte, hatte sie bis jetzt noch nicht bemerkt.
Wieder Stille. Wahrscheinlich suchten sie nach einer zweiten Tür oder einem anderen Weg hinein. Sie sah sich um. Eine zweite Tür gab es nicht. Sie sah, wie ein Mann durch eines der vier Fenster an der Seite hineinblickte. Ein großer, breitschultriger Mann mit finsterem Blick. Nur kurz betrachtete er die Vergitterung. Hier kam er nicht weiter, denn die gusseisernen Gitter würde er nicht so schnell beseitigen können.
Plötzlich flogen Glassplitter über sie hinweg, streiften ihr Haar. Ein Fenster war zersplittert, welches sie noch nicht bemerkt hatte, da es sich rechts über ihr im Giebel befand. Das Fenster war etwa zweieinhalb Meter hoch oben in der steinernen Mauer. Das einzige, das keine Gitter besaß. Wie lange würde es dauern, bis einer hinaufklettern und durch die schmale Öffnung steigen würde?
Sie brauchte Hilfe, sofort! Warum hatte sie ihr Handy nicht dabei? Das war typisch. Und nicht nur im Film. Es musste einen anderen Weg geben, um Hilfe zu holen. Sie sah sich erneut um.
Ihr Blick fiel auf einen Stapel Gesangbücher, die in der letzten Reihe lagen, und auf die Kerzen, und dann sah sie die Streichholzschachtel auf dem Pult liegen. Sie überlegte nicht, sie lief los, zündete so schnell sie konnte eine Kerze an, nahm sie aus dem Halter und lief zu der letzten Bank zurück. Sie berührte mit der Flamme das erste Buch, welches sofort Feuer fing. Sie hielt es einen Moment hoch, sah die Flammen auflodern und spürte die Hitze in ihrem Gesicht.
Als sie es auf den Schemel warf, flogen Funken. Von draußen war ein dumpfer Aufprall, dann ein Fluch zu hören, das schien das Ende eines misslungenen Kletterversuches zu sein.
Schnell nahm sie das nächste Buch und wieder das nächste, und das Feuer wuchs und wuchs. Die Tür war hinter den immer höher schlagenden Flammen verschwunden.
Sie musste Zeit gewinnen. Jemand würde den Rauch sehen, ganz bestimmt. Die Feuerwehr holen! Sie würden kommen und sie retten. Sie würde ihnen entkommen. Die Flammen schlugen hoch, züngelten an der Tür empor. Der Rauch kroch durch das zerbrochene Fenster. Das war sehr gut. Sie konnten nirgends herein.
Aber die Bücher würden sie nicht ewig aufhalten. „Ewig!“ – Was für ein Wort! Suchend sah sie sich um, entdeckte die Sitzkissen, die fast auf jeder Bank zu finden waren, und warf sie ins Feuer, sie brannten sofort. Das Feuer breitete sich aus, es war nun groß genug, um sie für weitere Minuten von der Tür fernzuhalten, sie konnten nicht herein, doch sie selbst konnte auch nicht heraus. Sie hatte sich ihre eigene Falle gebaut. Wenn sie nicht raus kam, brauchten sie sie nur dem Feuer zu überlassen.
Wieso hatte sie den Eindruck, die Männer wollten ihren Tod, wie kam sie zu dieser Annahme? Vielleicht hätte sie nicht davonlaufen, sondern einfach stehenbleiben und abwarten sollen? Absurd! In dieser Situation wäre jeder davongelaufen.
Doch warum? Sie hatte niemandem etwas getan!
Verflucht, der Rauch, sie hatte nicht an den Rauch gedacht. Er erreichte sie noch vor der Hitze des Feuers. Er brannte in ihrer Kehle, ihre Brust begann zu schmerzen. Ihre Augen tränten nun durch den beißenden Rauch. Sie hielt sich ihre gehäkelte Jacke vor ihr Gesicht. Panik überfiel sie. Sie lief ans Fenster, es war nicht zu öffnen. Sie holte den Kerzenhalter und schlug zwischen die Gitterstäbe, das Glas entzwei. Frische Luft, sie atmete.
Plötzlich, wie aus dem Nichts stand der Fremde direkt vor ihrem Fenster, er griff durch die Stäbe nach ihr. Erschrocken sprang sie zurück. Er verschwand. Draußen war es ruhig.
Warum kam denn niemand?
Das Feuer hatte einen langen Läufer erfasst und fraß sich durch den Raum. Es wurde immer heißer, sie bekam immer schlechter Luft, musste husten, jeder Atemzug schmerzte.
Tränen der Verzweiflung, aber auch Tränen der Wut rollten über ihre Wangen. Was geschah hier nur mit ihr? Was für ein Alptraum! „Wieso? – Wo warst du? – Wo bist du?“
In der hintersten Ecke kauerte sie sich an die kalte Steinmauer.
Diese roch nach feuchter Erde, und sie dachte an ihn, nur an ihn. Er war es! Wirklich? Vielleicht war dies wieder einer ihrer Träume, vielleicht gab es keine Männer da draußen, vielleicht wurde sie verrückt? Sein plötzlicher, sinnloser Tod. Die Gewissheit, ihn für immer verloren zu haben. Es gab keinen Zufall, kein Schicksal, das sie wieder zueinander führen würde. Ihr Wunsch, ihn wiederzusehen, war so groß, so stark.
Könnte es sein, dass sie einen Ausweg gesucht und gefunden hatte? Alles beenden wollte, um bei ihm zu sein? Wild schüttelte sie ihren Kopf hin und her. Ihre langen Haare blieben in ihrem tränennassen Gesicht kleben. So war es nicht, nein so nicht! Doch selbst wenn es so wäre, sie war sich in einem Punkt völlig sicher. Niemals, nein, niemals hätte sie das Feuer gewählt!
Langsam kam er wieder zu sich, rieb sich seinen Hinterkopf.
Max hatte ihm einen verdammt harten Schlag versetzt. Er sah sich um, versuchte sich zu bewegen. Sie hatten ihn ungefesselt, liegend auf der Rücksitzbank der Limousine zurückgelassen. Wie sicher mussten sie sich sein, von ihm keine Gegenwehr zu befürchten. Drei Tage hatte seine Flucht gedauert. Er wusste keine Erklärung dafür, wie sie ihn finden konnten. Ja, er war immer wieder am Grab, das war ein Fehler, aber sie hatten dort nicht auf ihn gewartet, und er war sich sicher, dass Lisa nicht verfolgt wurde.
Nahe dem Wald in einer Scheune hatte er gehaust. Wie ein Dieb war er nachts um die Häuser geschlichen. Sie konnten nicht die Polizei informieren, das wusste er genau. Fast die gesamte Strecke war er getrampt, hatte sich unterwegs mit dem Nötigsten versorgt und gewartet. Garden hatte ihm gesagte, sie besuchte sein Grab regelmäßig, was auch immer das hieß. Er wusste, sie würde kommen, also wartete er. Was blieb ihm auch anderes übrig?
Er hatte keine Ahnung, wo sie wohnte oder wie sie heute hieß, sicher hatte sie geheiratet und ihre Eltern lebten schon lange nicht mehr. Wo sollte er sie suchen? Selbst wenn er ihre Telefonnummer herausbekommen hätte, wäre das das Letzte gewesen, um mit ihr in Kontakt zu treten.
Außerdem hatte Garden sicherlich ihren Telefonanschluss verwanzt, ihr Haus oder ihre Wohnung überwachen lassen. In allem, was er tat, war er überaus gründlich. Und er gab nie auf.
Es war relativ einfach gewesen, hierher zu kommen, in sein altes Dorf, allerdings wesentlich schwieriger, von hier fort zu gelangen. Was, wenn ihn jemand wiedererkennen würde? Auf der Straße, beim Trampen. Auch sein Geld würde nicht mehr lange reichen. Und seine Kreditkarten hatte ... ach egal, er hätte sie eh nicht benutzen können.
Es gab nur eine Hoffnung, Lisa, er musste sie finden, er musste sie warnen, und wer weiß, vielleicht würde sie ihm weiterhelfen. Es war riskant, er wusste das, doch nun, wo er geflohen war, würde Garden sicherlich der Suche nach ihm den Vorrang geben und Lisa in Ruhe lassen, zumindest so lange, wie er in Freiheit war. Solange sie ihn nicht hatten, nicht wussten, wo er war, wären auch alle anderen außer Gefahr. Er hoffte, seine Theorie würde stimmen.
Seine Mutter würden sie bestimmt überwachen. Freunde hatte er schon lange keine mehr und die wenigen Verwandten lebten im Ausland. Seine Arbeitskollegen waren ihm völlig fremd.
Sie waren an keinen weiteren Kontakten zu ihm interessiert.
Das beruhte auf Gegenseitigkeit. Doch waren sie alle auch sicher? Sicherer als Lisa, so glaubte er. Und heute sah er sie – endlich.
Sie war alleine, sie wurde nicht überwacht, er hatte sie die ganze Zeit im Auge, kein Auto, kein Fremder war in ihrer Nähe. Er wollte mit ihr sprechen, doch wie konnte er ihr gegenübertreten? Nach all den Jahren? Und seinem Tod?
Plötzlich war ihm bewusst geworden, was das für sie bedeuten könnte. Er hatte gezögert – zu lange. Dann hatte er die Fahrzeuge erkannt, sie auf der Landstraße schnell näher kommen gesehen. Er musste fliehen. Warum sie ihn nun doch auf dem Friedhof erwischen konnten? Er fand keine Erklärung. Wahrscheinlich hatte er einfach Pech gehabt!
Sich immer noch den Kopf reibend, lauschte er und rappelte sich vorsichtig auf. Nur der Fahrer saß am Steuer und zündete sich eine Zigarette an. Dass sein Gast wach war, hatte er noch nicht bemerkt. Wo waren die anderen? Seine Blicke überflogen den Friedhof. Dann sah er Tom und Max um die kleine alte Kapelle laufen. Lisa! Sie waren hinter ihr her, wie er befürchtet hatte. Diese Gelegenheit konnten und durften sich die beiden nicht entgehen lassen.
Jetzt sah er den Rauch aus dem kleinen Fenster über der Tür strömen. Anscheinend kamen sie nicht zu ihr hinein. Egal was er tun würde, sie hatten sie in ihrer Gewalt, doch würden sie Lisa auch noch lebend daraus holen können? Das Fenster, welches den vorderen von dem hinteren Bereich der Limousine trennen konnte, hatte der Fahrer dummerweise unten gelassen. Ohne weiter zu überlegen, packte er ihn schnell von hinten und hielt ihn fest im Würgegriff. „Wo ist sie?“
Der Fahrer zeigte nach misslungenen Versuchen des Widerstandes mit einer Hand nach links, die er kurz löste, da er sich selbst mit beiden Händen nicht aus dem festen Griff seines Angreifers befreien konnte. Sie war also wirklich in der Kapelle.
Es rauchte gewaltig. Max und sein Kollege versuchten mit vereinten Kräften die Tür aufzustemmen. Es musste etwas geschehen, und zwar gleich.
Kurzentschlossen warf er sich von hinten auf den Fahrer, nahm seinen Kopf in beide Hände und schlug ihn auf das Lenkrad. Dann sprang er aus dem Auto, öffnete die Fahrertür, zerrte ihn heraus und startete den Wagen. Er setzte einige Meter zurück, gab Vollgas und durchbrach mit aufheulendem Motor die Pforte. Der Fahrer des zweiten Fahrzeuges hatte noch versucht sich ihm in den Weg zu stellen, als er im Rückspiegel seinen Kollegen in den Kies fallen sah, sprang dann aber im letzten Augenblick beiseite. Das Fahrzeug raste zwischen den Gräbern den schmalen Hauptweg entlang auf sein Ziel zu.
Plötzlich hörte Lisa ein Motorengeräusch, das immer lauter wurde, sich schnell näherte. Noch bevor sie sich vorstellen konnte, was dies zu bedeuten hatte, brach auch schon ein Fahrzeug durch die Tür. Es krachte gewaltig. Holz splitterte nach allen Seiten. Funken sprühten bis hoch zum Dach. Eine Lawine aus mehreren Bänken schob sich immer weiter bis vor Lisas Füße, stoppte in dem Moment, in dem auch das Fahrzeug in der Mitte der Kapelle zum Stehen kam.
Die Luft war so voller Rauch und Staub, so undurchdringlich, dass sie ihn erst erkannte, als er sich vor sie niederkniete.
Seine Augen musterten sie besorgt, aber es war ihnen nicht anzusehen, ob er sie erkannt hatte. „Bist – sind Sie verletzt?“
Seine Stimme zitterte, sie klang so fremd. Er war ihr so fremd.
Und doch. In diesem Augenblick erkannte sie in ihm ihre Jugendliebe wieder. Ein stechender Schmerz in ihrer Brust ließ sie leicht zusammenzucken. Er kam nicht aus ihrer Lunge und sie genoss ihn beinahe.
„Können Sie aufstehen?“
Sie konnte nicht antworten.
Er strich ihre zerzausten Haare aus ihrem vom Rauch verrußten Gesicht. „Es tut mir leid!“ Mehr sagte er nicht. Dann zog er sie zu sich hoch, hielt sie fest an ihren Schultern, so hatte sie nicht bemerkt, wie schwer es ihr fiel, sich auf ihren Beinen zu halten.
Als er seinen Griff lockerte, drohte sie vor ihm zusammenzusacken. Schnell hob er sie auf seine Arme und trug sie über die brennenden Reste der Tür und der Bänke hinweg – durch das große Loch in der Wand aus der Kapelle hinaus bis ins Sonnenlicht, welches sich endlich einen Weg durch den Nebel gebahnt hatte. Der Wind kühlte ihr Gesicht und erleichterte ihr das Atmen. Er trug sie immer noch auf seinen Armen, als er bereits auf dem Hauptweg zu dem noch verbleibenden Auto zurückging. Flankiert von mittlerweile vier völlig erstaunt dreinblickenden Männern in schwarzen Anzügen. Denen er keinerlei Beachtung schenkte. Einer sprach in sein Handy, hektisch gestikulierend.
Lisa verstand kein Wort. In ihrem Kopf rauschte es wieder.
Und ihre Augen durchforschten sein Gesicht. Sie suchte nach seinen Grübchen. Nach seinem Lächeln. Aber beides war nicht vorhanden. Wie er selbst auch nicht bei ihr war. Seine Abwesenheit hatte etwas Bedrückendes an sich, was sich auf Lisa übertrug. Erst jetzt kehrte die Bedeutung der fremden Männer zurück in ihr Gedächtnis. Eine spürbare Bedrohung, für die Lisa keine Erklärung kannte, ging von ihnen aus. Sie wusste nun, dass diese Bedrohung real war und auch sie betraf.
Ihre Arme, die sie um seinen Hals geschlungen hatte, zogen sie etwas höher an sein Gesicht heran. Mit ihren Haaren streifte sie seine Wange und sein Kinn. Unbeirrt ging er langsam weiter, auf die Pforte und das verlassene Auto zu.
Allerdings fühlte Lisa seine Hände stärker auf ihrem Körper.
Er drückte sie fest an sich, als wollte er ihr Mut machen, ihr zeigen, dass er auf sie aufpassen würde, sie beschützen würde, vor wem auch immer.
Endlich war auch die Sirene aus dem Dorf zu hören. Menschen liefen bereits herbei, doch bevor sie sie erreichen konnten, saßen Lisa und fünf Männer im Auto. Die getönten Scheiben ließen keine Blicke herein und die energische Fahrweise des Fahrers keine Möglichkeit eines Kontaktes zu.
Das Feuer hatte nun das Dach erreicht. Es gab nicht mehr viel, was in der Kapelle brennen konnte. Die Flammen suchten sich einen Weg ans Tageslicht. Dachziegel krachten auf das zurückgelassene Auto und fielen in einen Haufen aus Asche und Glut.
Das Krachen des Toasters beim Herausschleudern des Toastes aus dem Gitter schreckte sie auf. Bevor sie ihn mit Butter und Marmelade bestreichen konnte, musste sie ihn erst hinter dem Toaster suchen. Er war etwas zu dunkel geworden, doch das störte sie nicht weiter. Während sie ihn sich schmecken ließ, blickte sie auf die Fußgängerzone unter ihrem Fenster hinab.
Es war keine besonders schöne Aussicht, die sie aus dem zweiten Stock eines Geschäftshauses mitten in ihrer kleinen Heimatstadt hatte, aber ein interessanter. Besonders morgens, beim Frühstück, das sie so gegen acht Uhr einnahm, konnte sie Einiges beobachten.
Menschen und Fahrzeuge bahnten sich ihren Weg durch die von Blumenrabatten, Bänken und Schildern durchzogene Fußgängerzone. Irgendwie hatten sie es alle eilig. Die ersten Läden wurden bereits aufgeschlossen, und Lieferungen wurden in Form von Kisten und Paketen hineingetragen. Das Gewusel dauerte etwa eine halbe Stunde, dann begann das Warten, das Warten auf Kundschaft.
Auch für Lisa wurde es Zeit, zur Arbeit zu gehen. Allerdings hatte sie es nie eilig, wieso auch, ihr Arbeitsplatz lag nur eine Etage tiefer. Er befand sich in einem kleinen Blumenladen, in dem sie abwechselnd mit zwei weiteren Frauen Blumensträuße und Gestecke fertigte und verkaufte.
Eine von diesen Frauen war ihre Chefin und gleichzeitig ihre beste Freundin, Vera. Ihr gehörte auch das Haus, in dem sich der Blumenladen befand und in dem Lisa zur Miete wohnte.
Die meisten Leute beneideten sie um ihre Nähe zum Arbeitsplatz, doch es konnte auch ein Fluch sein, wenn man eine gute Freundin hatte, die gleichzeitig die eigene Chefin war und die regelmäßig irgendetwas oder irgendjemanden vergaß.
Was allerdings nicht weiter schlimm war, denn es gab ja Lisa, die eh nichts anderes zu tun hatte, als in ihrer Freizeit am Fenster zu sitzen, Zeitung zu lesen und auf einen Anruf – von Vera – zu warten. So kam sie wenigstens vor die Tür und unter Menschen, wenn noch ein Strauß für Familie Sowieso oder ein Grabgesteck für den Verblichenen Irgendwer auszuliefern war. Ansonsten konnte sie nachsehen, ob die Kaffeemaschine auch wirklich aus war und die letzte Rosenlieferung sicher im Kühlraum und nicht neben der Heizung lagerte.
Alles in Allem nichts weiter als ein paar Freundschaftsdienste, die Lisa mehr oder weniger auch gerne übernahm. Was tut man nicht alles für seine beste, immer gestresste Freundin, mit Familie und Laden am Hacken.
Bei Lisa sah es ganz anders aus. Lisa war, wie Vera sich auszudrücken pflegte, im Begriff, mit Riesenschritten auf die Vierzig zu rennen. Was so viel hieß wie, sie hatte die Dreißig gerade überrollt. Und dass Lisa diese Tatsache so überhaupt nicht nervös machte, konnte sie ganz und gar nicht begreifen.
Kein Mann weit und breit, weder Verlobter, Freund noch Geliebter in Sicht.
„Und dabei siehst du wirklich nicht schlecht aus, und eine gute Figur hast du außerdem, nicht gerade die Modellgrößen, aber doch sehr ansprechend, wenn ich ein Mann wäre …!“ Veras prüfende Blicke glitten dabei an Lisa herab. Bis jetzt hatte sie noch jede ihrer Freundinnen mehr oder weniger erfolgreich verkuppelt.
Aber Lisa war ein schwierigerer Fall, sie hatte ein Bild von einem Mann im Kopf, den gab es gar nicht, soweit Vera wusste, und sie wusste allerhand. Lisa amüsierte sich jedes Mal köstlich, wenn sie mal wieder von ihrer Lieblingsfreundin, und außerdem einzigen Freundin, zum Essen eingeladen wurde. In kleiner Runde natürlich, nur ein Arbeitskollege von ihrem unbezahlbaren Rainer wäre noch anwesend oder ein Nachbar oder der neue so sympathische Briefträger, der letztes Jahr seine Frau verloren hatte und nun mit zwei Kindern in unsere Stadt gezogen war, was für ein „Glück“! Sie war einfach unglaublich.
Als Lisa die Ladentür aufschloss und die Glöckchen beim Öffnen bimmelten, wusste sie, dass sie glücklich und zufrieden war mit ihrem ach so tristen Leben, wie jemand Bestimmtes es zu nennen pflegte. Ja, es hätte anders verlaufen können, ganz anders, wenn … ja, wenn was passierte wäre?
Oder besser, wenn was nicht passiert wäre? Wenn ihre große Liebe nicht fremdgegangen wäre? Wenn sie ihm eine letzte Chance gegeben hätte? Wenn sie nicht immer noch fast täglich an ihn denken würde. Wenn er sie so sehr geliebt hätte, wie sie ihn!
Ihre Gedanken waren mal wieder davongeschwommen, in eine Vergangenheit, die seit über zehn Jahren Vergangenheit war, und eigentlich viel zu kurz, um sie in so starker Erinnerung zu behalten. Allerdings wusste sie damals noch nicht, wie stark ihre Gefühle für ihn waren und wie stark sie ihr späteres Leben beeinflussen würden. Vielleicht hätte sie ihm dann verzeihen können. Vielleicht, wenn … Sie konnte es einfach nicht bleiben lassen, sich an diesen Worten festzubeißen, manchmal kam es ihr wie ein Fluch vor, aber dann wieder wie ein Funken Hoffnung. Ein Zeichen des Himmels – was für ein Blödsinn!
Mit mehr Kraft als nötig stieß sie die Tür, in der sie gedankenverloren verharrt hatte, bis zum Anschlag auf, als wollte sie symbolisch Platz machen für einen neuen Gedanken, einen neuen Tag, einen weiteren Tag ohne ihn. Den sie jedoch meistern würde wie alle anderen davor auch schon.
Die Zeitung und ein paar Rechnungen steckten im Briefkasten und das Schild musste aufgestellt werden. Es hatte zu regnen begonnen, und die Leute gingen noch etwas schneller als sonst mit ihren verschiedenfarbigen Regenschirmen, die Lisa bewundernd betrachtete, eilig an ihr vorüber. Was für ein wunderbarer Job, fuhr es ihr in den Sinn, Regenschirm-Designer, da konnte man seinen Ideen freien Lauf lassen. Aber sie hatte wirklich keinen Grund zur Eifersucht. Auch sie konnte ihren Ideen freien Lauf lassen und als Floristin nach Lust und Laune gestalten.
Der Regen nieselte bereits zur Tür herein, als sie wieder in den Laden trat. Keine Kundschaft in Sicht. Ihr Blick fiel auf die Sträuße, die sie gestern gebunden hatte. Nachdem sie die Stiele etlicher Bumenstängel nachgeschnitten, neues Wasser in die Vasen gefüllt und etwas aufgeräumt hatte, setzte sie sich hinter den Tresen gemütlich an einen kleinen Bistrotisch und schlug die Zeitung auf.
Es versprach ein ruhiger Tag zu werden, bei Regenwetter war nie viel los, was ihr ganz recht war. Sie würde sich nach dem Lesen der Zeitung ihrer Lieblingsbeschäftigung zuwenden.
Dem Entwerfen und Gestalten von Ikebana-Gestecken, eine aus Japan stammende Kunst, einzelne Blumen und Blüten leicht und zart in den unterschiedlichsten Schalen mit Moos und Zweigen, Steinen und ähnlichem zu arrangieren, einfach zauberhaft.
Vera belächelte Lisas Begeisterung für diese Art von Gestecken. Doch den Kunden gefielen sie, und so unterstützte sie Lisa mit den notwendigen Materialien und ließ ihr die Zeit, die sie benötigte, um sie zu gestalten. Lisa fühlte sich dabei jedes Mal in eine andere Welt versetzt. In die verschiedensten Landschaften. Zum Beispiel in dunkle Wälder, in denen die Sonnenstrahlen nur wenige Stellen erhellten.
Moosbewachsene Steine, über die Elfen tanzend hinwegflogen. Oder Moorlandschaften, in denen es Hexen gab. Ihnen würde es leicht fallen, jemanden herbei zu hexen und ihn zu verzaubern.
Dass dieser Tag alles andere als zauberhaft werden würde, konnte sie in diesem Moment noch nicht ahnen. Und dass dieser Tag ihr Leben radikal verändern würde, sie aus ihrem wohlbehüteten Alltag herausreißen und in tiefe Trauer stürzen würde, war kaum vorstellbar. Ebenso wenig, oder besser so unwahrscheinlich, wie Marsmännchen vor der Haustür, war die Vorstellung, in eine Geschichte zu geraten, die die ureigenen Wünsche und Hoffnungen der Menschheit betraf.
Noch unvorstellbarer war, dass dennoch, oder gerade deshalb, ihre eigenen Hoffnungen und Wünsche auf wundersame Weise in Erfüllung gehen würden. Und all das konnte durch ein paar Druckbuchstaben – die in einer bestimmten Reihenfolge gedruckt, in einem rechteckigen Kästchen stehend, schwarz umrandet und von ihr entdeckt und gelesen wurden – geschehen!
Lisa bog mit ihrem kleinen roten Mini von der Landstraße ab und fuhr auf direktem Wege Richtung Friedhof. Über alte, mehrmals geflickte Asphaltstraßen, durch ein Dorf, das sich in den letzten Jahrzehnten kaum verändert hatte. Sie kämpfte mit der Sicht. Nicht, dass es in Strömen regnete, nein – durch ihre sich ständig wieder neu mit Tränen füllenden Augen hatte sie Schwierigkeiten, sich auf der richtigen Fahrbahnseite zu halten. Alleine auf dem Weg zu einem „alten“ Freund. Ein Abschied für immer würde es sein, ein Abschied, mit dem sie nie gerechnet hätte, eher mit dem Gegenteil!
Dieser Freund war niemand aus ihrem Familien- oder Freundeskreis, der ohnehin sehr begrenzt war, nein, es war jemand … man könnte fast sagen ein „Mr. Unbekannt“, denn sie hatte ihn schon seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen.
Allerdings stand er ihr nahe, sehr nahe! Er stand ihr nahe, ihr wurde immer klarer, dass sich daran nichts mehr ändern würde, dass sie ihn nie mehr wiedersehen würde. Ihre Uhr zeigte halb eins, um ein Uhr sollte die Trauerfeier stattfinden.
Als sie ihr Auto auf dem noch recht leeren Parkplatz geparkt hatte, stieg sie aus. Sie wagte kaum zum Friedhof hinüberzusehen und zupfte unruhig an ihrem Trenchcoat herum. Ihre sonst eher etwas wild umherfliegenden Haare, die ihr bereits weit über die Schultern reichten, hatte sie heute streng zu einem Knoten zurückgebunden, was ihre schmale Gestalt etwas größer erscheinen ließ, als sie eigentlich war. Sie sah sehr blass aus, trotz Schminke, mit geröteten Augen und schmalen Lippen. In den letzten Nächten hatte sie so viel gegrübelt und immer wieder geweint.
An dem Morgen, als sie seine Todesanzeige in der Zeitung sah, konnte und wollte sie es einfach nicht glauben. Sein Name: Peter Stein, stand groß in diesem schwarz gerahmten Kasten. Immer wieder las sie seinen Namen, sein Geburtsdatum, seinen Sterbetag. Wo war sie, als er starb? Was tat sie, als er starb? Warum hatte sie denn nichts gespürt?
„Plötzlich und unerwartet!“ Er war nur zwei Jahre älter als sie selbst, was war passiert, warum starb er? „Pete!“ Lisa presste ihre Lippen zusammen, blinzelte erneut ihre Tränen zurück und versuchte sich etwas zu beruhigen, bevor sie auf die Holzpforte zuging.
Obwohl die Trauerfeier erst in einer halben Stunde beginnen sollte, waren schon einige Trauergäste auf dem Friedhof zu sehen. Der Friedhof lag umgeben von Feldern an einer geteerten schmalen Straße, die am Ende in einen Feldweg Richtung Wald führte. Über ihr strahlte die Mittagssonne vom hellblauen Himmel. Es war Frühling, um sie herum stand jeder Busch, jeder Baum in zartem frischem Grün. Überall blühten Narzissen und Tulpen in leuchtendem Gelb und Orange.
Schäfchenwolken zogen friedlich vorüber, als wäre nichts geschehen.
Ein total untypisches Wetter für eine Beerdigung, schoss es ihr durch den Kopf. Was war ein typisches Wetter für eine Beerdigung? Ein dunkelgrauer Himmel, wolkenverhangen, mit hinabstürzenden Regentropfen, die so groß waren, dass sie beim Aufprall Blasen hinterlassen? – Ja, und es sollte stürmisch sein. Donnergrollen sollte zu hören und am Himmel hellgelb zuckende Blitze zu sehen sein! Wie konnte sie in diesem Moment nur über das Wetter nachdenken?
Und doch, es war nicht gerecht, ihn an so einem Tag in die dunkle, fast schwarze Erde hinabzulassen. An so einem Tag hätte er sich auf sein Motorrad gesetzt und wäre über die Landstraßen hinweggeflogen, frei und glücklich! War das immer noch so gewesen? Sie wusste es nicht. Bewusst zielsicher griff sie nach der alten Türklinke des Tores. Sie war kalt und fühlte sich rostig an. Beim Öffnen des Tores quietschte es leise in seinen Angeln und hinterließ, als sie es zur Seite schob, eine Spur in der Form eines Halbkreises im Kies.
Lisa schritt unter großen Birken den Hauptweg entlang, an den unterschiedlichsten Grabstätten vorbei auf die Friedhofskapelle zu. Ihre Schritte knirschten auf dem feinen Kies. Sie sah hinab auf die vielen verschiedenen Schuhabdrücke, die andere Menschen schon vor ihr hier im Kies hinterlassen hatten.
Sie fühlte sich plötzlich zurückversetzt an einen Ort, der auch von Kieswegen durchzogen war. Der auch etwas mit der Vergangenheit, ihrer gemeinsamen Vergangenheit zu tun hatte. Sie sah ein wunderschönes altes Schloss inmitten eines romantischen Parks. In diesem Park hatte sie das erste Mal in ihrem Leben so viele Tränen vergossen wie nie zuvor. In den letzten Tagen erging es ihr das zweite Mal so wie damals.
Damals war Pete dafür verantwortlich, ebenso wie nun auch.
Damals, wie sich das anhörte! Doch die Zeit blieb nun mal nicht stehen. Und es war vor langer Zeit, als sie beide einen Kiesweg, ähnlich dem, auf dem sie gerade ging, stumm nebeneinander her schritten. Er ging langsam neben ihr. Er hielt weder ihre Hand noch hatte er seinen Arm um ihre Schultern gelegt. Es war im Spätsommer, recht warm, mit einem blauen Himmel und einer Sonne, deren Strahlen sie blendeten und deren Kraft auf der Haut zu spüren war.
„Es tut mir so leid, ich weiß nicht, was ich noch sagen soll?“
Petes verzweifelte Versuche, Lisa zu beruhigen, hatten wenig Erfolg. Sie weinte schon so lange, seitdem er ihr alles gebeichtet hatte, und konnte einfach nicht damit aufhören.
„Marion und ich standen uns einmal so nahe, und dann ist es einfach passiert!“
Einfach passiert! Lisa hätte laut aufschreien müssen vor Verachtung. Aber sie konnte es nicht. Es tat so weh. Noch nie in ihrem Leben hatte sie einen solchen Schmerz gefühlt. Ja, sie war noch jung, gerade mal neunzehn Jahre alt. Ein wohlbehütetes Mädchen, das sich in den letzten Monaten wie in einem nie zu erhoffenden Traum befunden hatte. Als Pete ihr gestand, dass er sich in sie verliebt hatte, glaubte sie, sie wäre Aschenputtel und Dornröschen in einer Person.
Nie hatte sie gewagt zu hoffen, dass dieser junge Mann, der fast allen Mädchen in seiner Umgebung den Kopf verdrehte, auch nur Notiz von ihr nehmen würde. Ein Traum von dem Prinzen auf dem weißen Pferd wurde wahr. Auch wenn das kitschig klingt, es gab keine passendere Beschreibung.
Und dann – dann wurde sie unsanft geweckt. Nein, das war untertrieben. Sie wurde aus ihrem Traum geprügelt, gestoßen und alleine zurückgelassen. „Ich kann sie nicht vergessen!“
Petes Worte schnürten ihr die Kehle zu.
Das Wort Liebe vermied er. Warum? Wollte er sie schonen?
Wie wäre dies noch möglich gewesen, nachdem er zu seiner Ex-Freundin zurückgekehrt war. Noch schlimmer als belogen und betrogen worden zu sein war, dass sie ihrer beider Liebe in Frage stellte. Sie war sich nicht mehr sicher, ob sie von seiner Seite je existiert hatte? Ihr Körper begann erneut zu beben, sie konnte es nicht unterdrücken. Warum nahm er sie nicht einmal in den Arm, um sie zu trösten. Wovor hatte er Angst? Hatte er Angst oder war er einfach nur kalt?
Sie hasste ihn, nein sie liebte ihn, und er tat ihr fast leid, weil er so hilflos neben ihr herlief und nicht wusste, was er mit dem weinenden Mädchen neben sich tun sollte. Sie weinte um ihn, um ihre erste große Liebe. Wie groß sie wirklich war, sollte sie erst in den kommenden Jahren spüren.
Und nun weinte sie erneut um ihn, um ein unerwartetes Wiedersehen, das nie stattgefunden hatte. Um eine Liebeserklärung, die er nie wiederholt hatte. Um sein Leben, das er nicht mit ihr teilen wollte und es nun mit niemandem mehr teilen konnte.
Obwohl draußen die Frühlingssonne schien, war es in der kleinen Backstein-Kapelle kalt und düster. Ein frischer Ostwind schien durch alle Ritzen zu pfeifen. Lisa saß wie erfroren auf einer alten Holzbank in der vorletzten Reihe. Es durchfuhr sie ein leichter Panikschauer. Bis hier hatte sie es gut geschafft, ihr waren nur fremde Gesichter begegnet, und niemand nahm Notiz von ihr. Doch was mochte passieren, falls sie nicht an sich halten und laut schluchzend die Aufmerksamkeit auf sich lenken würde?
Ihre Finger krallten sich ineinander, sie atmete lange aus und versuchte nicht daran zu denken, wer dort vorne aufgebahrt unter dem Kreuz in dem geschlossenen, schlichten Eichensarg lag, von Kerzen auf langem Halter beleuchtet. Mehrere Blumenkränze aus weißen Nelken und roten Rosen umrahmten ihn. Sie selbst hatte ein Bukett aus weißen Lilien und rosa Rosen niedergelegt.
Immer wieder sah sie aus dem Fenster, in Richtung Erdhügel.
Mit einem grünen Rasentuch abgedeckt – so hoch! Rings umher große weiße Birken, alte Grabsteine – neue! Es war so still. Ab und zu war ein Schniefen oder unterdrücktes Husten zu hören.
Dieses schwere, bleierne Gefühl der Trauer und Hilflosigkeit bedrückte Lisa so stark, dass sie kaum Luft bekam. Wieder schritten Menschen an ihr vorbei den Mittelgang entlang. Sie blieben einen Augenblick vor seinem Sarg stehen, wie auch sie es beim Eintreten getan hatte, dann nahmen sie in der ersten Reihe Platz. Es waren seine engsten Angehörigen. Denn seine Mutter war unter ihnen; Lisa erkannte sie sofort wieder, obwohl sie sie nur selten gesehen hatte. Sie war schon damals allein. Ihr Mann war früh an Krebs gestorben. Es gab nur diesen einen Sohn. Die ebenfalls älteren Frauen und Männer an ihrer Seite kannte Lisa nicht. Wahrscheinlich waren es seine Tanten und Onkel. Nur flüsternd unterhielten sich die Trauernden.
Lisa hielt Ausschau nach einer Frau. Einer Frau, der es so erging wie ihr selbst. Doch sie konnte keiner der Anwesenden diesen Part zuordnen.
Endlich begann der Pastor mit seiner Ansprache. Seine Stimme war tief und tröstend. Seine Erinnerungen an einen lebensfrohen jungen Mann waren auch die ihren. Aber er fand auch mahnende Worte. Jeder Mensch hätte die Pflicht, sich selbst und auch seinen Angehörigen gegenüber auf sich zu achten und nicht sorglos mit seinem Leben umzugehen. Erst später sollte sie erfahren, was er damit meinte. Bei der Beschreibung seiner guten Eigenschaften wurde das allgemeine Geschluchze fast unerträglich.
Lisa sah wieder aus dem Fenster und tupfte unruhig an ihren Augen herum, was irgendwie sinnlos war. Verdammt, verdammt noch mal, durchfuhr es sie. So gar nicht christlich, an diesem Ort.
Wie konntest du mir das antun. All die Jahre habe ich an dich gedacht, all die Jahre warst du mein stummer Begleiter, all die Jahre träumte ich von dir, all die Jahre hoffte ich. – Ich war mir so sicher, dass wir uns wiedersehen würden, irgendwann, plötzlich würdest du vor mir stehen. Erstaunt würdest du „Uff!“ sagen und mich dann stürmisch umarmen. Ich war weder deine Frau noch deine Geliebte, nicht einmal eine langjährige Freundin, aber ich war eine Frau, die dich immer geliebt hat, seit dem Tag, an dem sie dich das erste Mal sah.
Und diese Frau wird nie aufhören dich zu lieben, solange sie lebt!
Das Spielen der Orgel schreckte sie auf. Die lauten tiefen Töne, der Gesang der Anwesenden, so erdrückend. Es war vorbei, keine Chance, ihre Tränen aufzuhalten, zu kontrollieren. Also drehte sie sich erneut zum Fenster, sah wieder Richtung Hügel.
Der Gedanke, er solle dort tief unten, in der Erde …! Nein, sie durfte nicht darüber nachdenken. Schnell suchte sie in ihren Erinnerungen nach schönen Augenblicken mit ihm. Rief sich sein Gesicht in Erinnerung, wie er lachte, seine Grübchen, sein Erstaunen – seine Traurigkeit!
Dann wurde der Sarg vorübergetragen. Alle standen ihm zu Ehren von ihren Plätzen auf. Kaum Einer, dem keine Tränen über die Wangen flossen. Als er aus der Kapelle getragen wurde, sah sie ihm aus dem Fenster nach. Und wieder schweifte ihr Blick umher, von dem Hügel fort zu den großen Birken, zu den anderen Grabsteinen, suchend! Was? Wonach hielt sie Ausschau?
Eine merkwürdige Unruhe ergriff sie. Sie hatte das Gefühl, gehen zu müssen, sie gehörte hier nicht her. Einfach weggehen und alles hinter sich lassen, nicht mehr nachzudenken, zu grübeln. Es war all die Jahre so sinnlos gewesen und nun war die Sinnlosigkeit allgegenwärtig. Sie musste sie endlich akzeptieren. Wenn nicht jetzt, wann dann?
Aber sie tat es nicht. Sie konnte nicht sagen, was sie zurückhielt, denn den Weg zum Grab wäre sie am liebsten nicht gegangen. Sie wollte nicht, dass er in dieses Grab gelegt wurde. Draußen vor der Kapelle standen noch mehr Trauergäste. Sie standen Spalier für den Verstorbenen und die, die ihm zum Grab folgten, dann schlossen sie sich ihnen an.
Am Grab beobachtete sie seine Mutter, wie sie immer wieder langsam den Kopf schüttelte. Es kam ihr vor wie im Film, doch das hier war die Realität.
Als sie selbst vor diesem unheimlich tiefen Loch stand, in dem sich der Sag nun befand, hatte sie erneut Angst. Zu schwanken, zu stürzen, nicht mehr bei sich zu sein. Doch sie schaffte es irgendwie, auch den Angehörigen ihr Beileid auszudrücken und sich zu verabschieden. Mittlerweile war es ihr auch völlig egal, was sie über sie dachten, ob sich wohl jemand fragte, wer sie war, oder ob sie gar keine Notiz von ihr nahmen.
Nur seine Mutter hatte kurz so einen seltsamen Ausdruck in den Augen, als hätte sie Lisa erkannt. Und es war ihr, für einen Bruchteil einer Sekunde, als lächelte sie ihr zu. Lisa umarmte sie. Kein weiteres Wort ging über ihre Lippen. Doch in diesem Moment verbanden ihre Tränen sie miteinander.
Langsam suchte sie sich einen Weg zwischen den Umherstehenden hindurch zurück in Richtung Ausgang.
Plötzlich spürte sie, dass sie beobachtet wurde. Mit verschwommenem Blick sah sie drei Männer in schwarzen Anzügen. Was sicherlich an diesem Ort, zu diesem Anlass, nichts Besonderes war. Und doch!
Irgendetwas war auffällig. Ihre Anzüge waren auf keinen Fall von C+A oder Karstadt. Der ältere Mann in der Mitte sah noch eleganter aus. Armani, schätzte Lisa. Und als sie Lisas Aufmerksamkeit bemerkten, sahen sie in drei unterschiedliche Richtungen. Vielleicht handelte es sich um ehemalige Arbeitskollegen von Pete?
Mit jedem weiteren Schritt entfernten sich auch ihre Gedanken von den drei Männern. Die, was Lisa nicht sah, sie sehr genau im Auge behielten. Länger als sie jemals erahnen konnte.
Wenige Minuten später saß sie in ihrem Wagen. Erleichtert, nun endlich mit sich alleine zu sein und ohne Hemmungen laut schluchzen zu können, verging einige Zeit, bis sie so weit war, heimfahren zu können. Wesentlich mehr Zeit benötigte sie, um den Mut zu finden, Petes Mutter zu besuchen.
Der Weg zu ihr fiel Lisa ähnlich schwer wie der auf den Friedhof. Ihr Magen verkrampfte sich, sie konnte es noch immer nicht fassen, dass sie ihn nie wiedersehen sollte.
Langsam ging sie die breite gepflasterte Auffahrt hinauf Richtung Haus.
Es war ein altes Haus, ein Bauernhaus, so wie man es in den Dörfern der Umgebung gewohnt war zu sehen. Doch Vieh- und Landwirtschaft wurde hier schon lange nicht mehr betrieben. Die meisten jungen Leute ringsum waren in die nächste, größere Stadt gezogen. Die wenigen Bauern, die es hier noch gab, waren mit der Kornernte beschäftigt. Es hatte seit Tagen nicht mehr geregnet, die Sonne schien strahlend auf die goldgelben Felder hinab, der leichte Wind streichelte über sie, als wollte er fühlen, ob das Korn reif zur Ernte sei. Nur wer hier Arbeit fand, konnte sich auf dem Lande niederlassen, ein Häuschen bauen und eine Familie gründen. Und wenn alles gut ging glücklich werden.
Lisa stieg die drei steinernen Stufen hoch und klingelte.
Seine Mutter, Mitte sechzig, öffnete ihr die Tür, ein freundliches Lächeln umspielte ihre Lippen. Ihre Haare waren noch recht dunkel für ihr Alter, doch der Kummer hatte deutliche Spuren in ihr leicht gebräuntes Gesicht gezeichnet.
Sie war schwarz gekleidet, was Lisa auch nicht anders erwartet hatte.
„Oh wie schön, dich wiederzusehen!“, begrüßte sie Lisa mit einer Umarmung.
„Danke, dass ich kommen durfte!“ Lisa war sich immer noch nicht sicher, ob dies eine kluge Entscheidung war. Sie reichte ihr ein paar Blumen, die sie ihr mitgebracht hatte. Wie gerne wäre sie heute hierhergekommen, um ihn und seine Mutter zu besuchen. Doch diese Chance war für immer vorbei, und sie musste sich den Tatsachen fügen.
„Ich habe uns Kaffee gekocht und ein wenig Kuchen gekauft, zum Backen hatte ich leider keine Lust, und ich darf eigentlich auch keinen Kuchen!“
„Aber Sie sollten sich doch keine Umstände machen! Ich wollte mich Ihnen auch nicht aufdrängen. Es ist nur so … ich …“
„Aber, aber! Es war schön, dass du zu seiner Beerdigung gekommen bist, und deine Karte – ich habe mich so sehr über deine tröstenden Worte gefreut. Natürlich habe ich mich über all die Karten und Blumen sehr gefreut, aber deine war etwas ganz Besonderes!“ Sie tätschelte behutsam Lisas Hand. Sie war eine mitfühlende, starke Frau, versuchte sie doch andere zu trösten, wo eigentlich sie, die Mutter eines toten Kindes, die größten Schmerzen ertragen musste. Unwichtig, wie alt dieses Kind bereits war.
