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Menschliches Klonen war möglich! Heilung für Verzweifelte war möglich! Doch was empfindet ein Mensch, ein Klon, den es schon einmal gab? Der Tod beendet das Experiment, oder nicht? Was, wenn das Leben selbst beginnt zu experimentieren? Wenn unser Leben immer weitergehen könnte in unseren Klonen? Unsterblichkeit? Was empfindet ein Mensch, ein Spender, der in einem Klon weiterlebt? Und was ein Mensch, der ihn liebt? Lisa ist mittendrin in diesem Experiment. Ihre Liebe zu Pete, einem Spender, hält sie in dieser Geschichte fest gefangen. Und die Aufgabe, weiteren Klonkindern zu helfen, bringt sie in Gefahr. Was wäre, wenn ? Diese Frage ist näher, als Sie glauben. Das Experiment geht weiter! Die Geschichte Die Liebe eines Klons geht weiter: Die Rache eines Klons!
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Seitenzahl: 519
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Frieda Rosa Meer ist ein Pseudonym der Liebesroman-Autorin Sylvia Fuchs-Schiewe.
Sie wurde 1966 in Niedersachsen geboren, wo sie noch heute mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern lebt.
Nach ihrem Fachabitur 1986 arbeitet sie als Erzieherin in einer Kindertagesstätte sowie in einer Grundschule.
Nebenbei widmet sie sich ihrer Leidenschaft als Autorin, die schon in jungen Jahren begann.
Nach ihrem Debüt Roman „Die Liebe eines Klons“ folgt nun: „Die Rache eines Klons“
„Die Rache eines Klons“, möchte ich all denen widmen, die zu jeder Zeit an mich geglaubt haben und mich ermutigt haben, meine Romane zu veröffentlichen.
Meine Geschichten brauchen Zeit und Ruhe, um zu entstehen, zu wachsen und sich zu verändern. Dass ich diese Zeit hatte und immer wieder habe, um in meine Geschichten abtauchen zu können, verdanke ich ganz allein meinem Mann. Danke!
Prolog
Kapitel I
1: Erinnerungen
2: Déjà-vu
3: Das Phantom
4: Der zweite Klon
5: Besuch im Blumenladen
6: Pete
7: Der Neue
8: Pete/Adam
9: Spiegelbild
10: Niederlage
11: Aufbruch
12: Ängste
13: Katz und Maus
Kapitel II
1: Die Klinik
2: Das Serum
3: Zurück
4: Bedrohung
5: Gefangen
6: Verrat
7: Albert
8: Verdacht
9: Dr. Paul Peters
10: Heimkehr
11: Warten
12: Wald
13: Spion
14: Wiedersehen
15: Überraschung
16: Versteckspiel
17: Suche
18: Das Kellerverlies
19: Geheimnis
20: Informationen
21: Dieb
22: Geheimunterlagen
23: Lisa, Gedanken über das Serum
24: Erste Begegnung
25: Überwachungsraum
26: Lisas Zimmer
27: Rückzug
28: Erfolgsaussichten
29: Alberts persönliches Projekt
30: Kampfansage
Kapitel III
1: Offensive
2: Maries Zimmer
3: Wahrheit
4: Freundschaft
5: Ich sehe was, was du nicht siehst!
6: Veränderung
7: Neuanfang?
8: Fluch oder Segen
9: Verwandlung
10: Der erste Beweis?
11: Geister
12: Hilflos
13: Begegnung
14: Geständnis
15: Freund oder Feind
16: Vergebung
17: Krieg, Verschwörung
18: Totenwache
19: Hindernisse
20: Seitenwechsel
21: Der zweite Beweis?
22: Unerwarteter Besuch
Kapitel IV
1: Countdown
2: Verträge
3: Gefahr
4: Überfall!?
5: Unerwartete Hilfe
6: Weihnachtliche Vorfreude
7: Unfreiwillige Partner
8: Hoffnung
9: Eiskalt erwischt!
10: In der Höhle des Löwen
11: Pläne
12: Verwirrung
13: Vorbereitungen
14: Wissen oder Glauben?
15: Die Titanic
16: Chris
17: Überwachungsraum
18: Geheimnisse
19: Der geheime Raum
20: Erinnerungen
21: Letzte Vorbereitungen
22: Das rettende Medikament
23: Stunden der Wahrheit
24: Heiliger Abend
25: Heilige Nacht
26: Alberts Zweifel
27: Ein Neuanfang?
28: Geständnis
29: Erkenntnisse
30: Klarheit?
31: Vertrauen!
32: Grenzen
33: Schutz?
34: Der Ausweg aus dem Labyrinth!
35: Sekunden!
36: Abschied
37: Das Leben findet einen Weg
38: Irrwege
39: Endlich!
war die Geschichte der Protagonistin Lisa.
Eine Geschichte einer unerfüllten Liebe.
Eine Geschichte von unrealistischen Träumen.
Eine Wirklichkeit, die unwirklicher nicht hätte sein können.
Eine Realität, die nicht real sein konnte und es doch war.
Eine unglaubliche Geschichte!
Ein Mann starb. Er wurde beerdigt. Von Familie und Freunden betrauert.
Und eines Tages stand er lebendig vor Lisa. Von einem fanatischen Professor gerettet – durch seinen Klon!
Das Unglaubliche war geschehen. Menschliches Klonen war möglich, real!
Der Weg dorthin war lang gewesen, lang, schmerzlich und unmenschlich. Es gab nicht nur diesen einen Klon. Und nicht alle hatten überlebt.
Viele Menschen, die Gen-Spender, erlagen der Hoffnung auf Heilung, der Verlockung von Unsterblichkeit und der Versuchung, einer der Ersten zu sein, denen dies wiederfahren könnte.
Die Liebe ihres Lebens, Pete, war einer dieser Menschen! Um sich zu retten, hatte er zugestimmt sich klonen zu lassen.
Petes Klon Adam rettete Petes Leben!
Durch ein Serum, welches das Wachstum beschleunigen konnte, alterte Adam in zehn Jahren um das Dreifache.
Beide Männer waren sich nicht nur zum Verwechseln ähnlich, sie wurden sogar Freunde und hatten dasselbe Ziel.
Sie waren bereit alles zu tun, um anderen Klonen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Ihnen die Freiheit zu schenken, indem niemand erfahren sollte, dass es sie gab. Nur ihre Anonymität allein könnte sie vor dem Wissensdurst und der Profitgier der Menschheit schützen.
Sie hatten das Klonen beendet, die Menschheit aufgeschreckt und vor den Gefahren und Grausamkeiten des Klonens gewarnt, um weiteres Klonen zu verhindern. Unter Einsatz ihres Lebens, bis in den Tod!
Was sie noch miteinander verband, war eine Liebe. Die Liebe zu Lisa.
Auch Adam hatte Gefühle für sie entdeckt, obwohl er sie nie persönlich zu Gesicht bekommen hatte. Sie glichen sich nicht nur äußerlich.
So entstand der Titel ihrer Geschichte: „Die Liebe eines Klons“, denn das war Lisa; auch wenn sie Adam nicht mehr kennenlernen durfte, glaubte sie, ihn genauso gut zu kennen wie Pete.
Lisa fand ihn, ihre große Liebe, er lebte! Und er liebte sie! Ihre Träume wurden Wirklichkeit.
Sie lebten sie, jeden Tag aufs Neue. Sie waren sehr glücklich – die ersten Jahre.
Aber dann, dann veränderte sich Pete. Ihn ließ seine Vergangenheit nicht los. Sie verfolgte ihn. Es zog ihn immer wieder an Adams Grab. Etwas quälte ihn.
Seine Gewissensbisse wurden immer größer. Er redete sich ein, er hätte Schuld an Adams Tod. Vielleicht hätte er ihn retten können. – Wieso nach so langer Zeit?
Lisa konnte ihn nicht verstehen. Sie konnte ihm nicht helfen. Und sie konnte ihnen nicht helfen. Es stand etwas zwischen ihnen, was für Lisa nicht greifbar war, nicht erklärbar. Aber es war da und nicht zu ändern.
Wie eine Krankheit drang es in ihre Beziehung und zerstörte sie.
Schließlich fanden sie keinen anderen Ausweg, sie trennten sich – freundschaftlich!
Liebe überwand also doch nicht alle Hindernisse – unfassbar!
Langsam schritt Lisa über den breiten Kiesweg auf dem alten Dorffriedhof entlang. Es war der Hauptweg vom Tor bis zu der kleinen Kapelle.
So viele Male schon war sie diesen Weg gegangen. Jahre waren vergangen, aber um sie herum hatte sich nur wenig verändert.
Ihre Blicke wanderten von einem Grab zum nächsten. Die großen, schweren Familiengrabsteine standen fest in der Erde, umrahmt von Buchsbaumhecken und Efeuranken. Wie die alten Bäume und Sträucher rundherum, die zwar durch Stürme gezeichnet und von Menschen gestutzt worden waren, dennoch die Jahre überdauerten.
Die Bepflanzungen wechselten im Laufe der Jahreszeiten, aber die liebevolle Pflege der Gräber war geblieben. Vielleicht war das ein weiterer Grund dafür, weshalb sie sich zu diesem Ort so hingezogen fühlte.
Am Ende des Weges stand die kleine, rötliche Backsteinkapelle. Die Neue. Sie wurde nach den alten Bauplänen an derselben Stelle fast identisch wieder aufgebaut. Nachdem die ursprüngliche Kapelle von ihr, Lisa, in Schutt und Asche gelegt worden war. Bei diesem Gedanken wurde ihr immer noch ganz schlecht.
Es war einer dieser Tage, die sie nur zu gerne vergessen würde, wenn nicht am selben Tag etwas passiert wäre, das sie sich über alles gewünscht hatte. Sie hatte Pete, lebend, wiedergefunden. Und sie wurden sogar ein glückliches Paar. Aber der Weg dorthin war alles andere als erfreulich.
Heute, da sie wieder alleine war, fühlte sie sich genauso verlassen wie vor ihrer Begegnung mit Pete auf diesem Friedhof.
Und vor der Entführung durch Prof. Dr. Georg Garden in seine Klinik.
Nein, das stimmte nicht ganz!
Heute konnte sie in dem Bewusstsein leben, ihre Träume gelebt zu haben. Nun verlor sie sich nicht mehr stundenlang in ihren Tagträumen, sondern schwelgte in Erinnerungen.
Langsam ging sie auf die Friedhofskapelle zu. Sogar die bunten, in Blei eingefassten Glasscheiben sahen aus wie die alten. Die große Holztür, die Pete mit einem Fahrzeug durchbrochen hatte, um sie vor den Flammen zu retten, war geschlossen.
Lisa hielt kurz inne, als sie die Tür erreichte. Sie konnte wieder die Hitze in ihrem Gesicht spüren, als die Flammen sich ihr näherten.
Ein Gefühl, als schnürte ihr jemand die Kehle zu, kam zurück. So wie damals, als sie kaum noch Luft bekam, der Rauch ihr die Sicht nahm und plötzlich Pete vor ihr auftauchte und sie aus dem brennenden Gebäude trug.
Tränen rannen ihr die Wangen hinunter. Etwas unsanft wischte sie sie ab. Vielleicht würde sie später noch hineingehen. Zuerst wollte sie zu seinem Grab gehen, Adams Grab.
Viele neue Gräber waren dazugekommen. Einige von ihnen lagen unter dem grünen Rasen, dicht an dicht. Wie auch Adams Grab.
Es lag am Rande des kleinen Friedhofes, nahe der Buchenhecke, die eine natürliche Abgrenzung zu den umliegenden Feldern und Wiesen bildete. Als sie es erreichte, blieb sie vor ihm stehen und las in Gedanken seinen Namen. Seine Steinplatte, ein flacher bronzefarbener Stein aus Granit mit seinem Namen und dem Datum seines Sterbetages, lag vor ihr flach auf dem Boden.
Lisa legte eine weiße Rose auf den Stein und setzte sich auf die alte Holzbank hinter seinem Grab.
Ein sehr, sehr guter Freund lag hier begraben, ein Freund, den sie nicht kennenlernen durfte, und doch so gut kannte. Wann immer es ihr möglich war, kam sie hierher und verbrachte etwas Zeit mit ihm.
Zuerst war hier Petes Name zu lesen. Ein kalter Schauer durchlief ihren Körper bei den Gedanken an seine Beerdigung.
Sie wickelte ihren grauen Trenchcoat enger um ihre Taille, nahm die beiden Enden ihres Gürtels, knotete sie zusammen und zog sie fest zu.
Die Erinnerung an seinen Tod, die Todesanzeige, die sie zufällig in der Zeitung entdeckte. Seine Beerdigung. Diese Zeit war so schrecklich! Das war jetzt über drei Jahre her.
Sie kämpfte erneut mit den Tränen, die sie noch nie unter Kontrolle hatte.
Und dann, etwa ein halbes Jahr später, stellte sich heraus, dass er lebte und Adam hier beerdigt wurde. Adam war der Mann, der hier begraben wurde, ein Klon, Petes Klon, doch das stand hier nicht.
Lisa hatte sich nur wenig verändert. Ihre schulterlangen Haare bekamen hin und wieder ein bisschen Farbe und glänzten in der Herbstsonne kupferfarben, um die ersten grauen Haare zu verstecken. Sie war noch immer sportlich und sah gleichzeitig elegant aus.
Mit Mitte dreißig sollte Frau ja mindestens einen Partner fürs Leben gefunden haben. Besser noch einen Ehemann und zwei Kinder, wie ihre beste Freundin Vera immer wieder erwähnte. Doch bis heute hatte Lisa in dieser Hinsicht völlig versagt. Die wenigen Jahre mit Pete blieben leider kinderlos.
Ein Frösteln durchfuhr sie. Sie hätte sich wärmer anziehen sollen.
Durch ihren leichten Mantel blies der Wind hindurch. Die Pumps waren eh unpraktisch für einen Besuch auf dem Friedhof und ihre Jeans hatte nur eine Siebenachtel-Länge.
Ein neuer Herbst hatte begonnen. Es war bereits Oktober. Die Sonne strahlte von einem blauen Spätnachmittagshimmel auf sie herab.
Doch ihre Strahlen trafen nur noch schräg auf die Erde und ihre Kraft ließ täglich nach.
Die Jahreszeiten wechselten so schnell. Weihnachten war nicht mehr weit. Auch dieses Jahr würde bald zu Ende sein.
Suchend sah sich Lisa nach einer Gießkanne um. Als sie sie fand und auch noch Wasser enthalten war, ging sie um sein Grab herum.
Der kleine braune Tonblumenkasten neben dem Stein, voll mit wild rankenden Zwergrosen und Efeu, hatte Wasser dringend nötig. In Gedanken versunken, wässerte sie die Pflanzen.
Als sie plötzlich ein nicht fremdes, aber ein in den letzten Jahren selten gewordenes Gefühl überkam – beobachtet zu werden.
Sie sah sich um, aber außer einigen älteren Leuten, die an verschiedenen Gräbern weiter entfernt arbeiteten, konnte sie sonst niemanden entdecken.
Der Wind hatte nachgelassen, dennoch wurde ihr immer kälter.
Hatte sich eine Wolke vor die Sonne geschoben?
Ihre Augen verfolgten den plätschernden Wasserfall, der sich mittlerweile aus dem Blumenkasten ergoss. In kleinen Bächen floss er über den Grabstein ins Gras. Während sich ein dunkler Schatten in ihre Richtung über das Grab bewegte. Das war keine Wolke.
Dessen war sie sich sicher. Vorsichtig richtete sie sich auf, hob den Kopf und drehte sich um.
Die Silhouette eines großen, völlig dunkel erscheinenden Mannes stand nur wenige Meter von ihr entfernt auf dem Rasen.
Die tief stehende Sonne strahlte um ihn herum und blendete sie. So konnte sie weder sein Gesicht noch sonst etwas erkennen. Nur seine Größe, seine schlanke Gestalt und ihre Phantasie sagten ihr, wen sie vor sich hatte.
Stille herrschte um sie herum. Kein Rascheln der Blätter, kein Vogel war zu hören. Für einen Moment war sie überwältigt von der Vorfreude, Pete wiederzusehen, versuchte dies aber zu verbergen; er sollte nicht sehen, wie sehr sie ihn vermisst hatte.
Dann ging sie langsam auf ihn zu. Er bewegte sich nicht. Sie fühlte sich noch tiefer in die Vergangenheit zurückversetzt. Ihr Herz raste in ihrer Brust, ihr Magen zog sich zusammen und sie spürte ein leichtes Kribbeln in ihren feuchten Händen. Noch einen Schritt und sie würde in seinem Schatten stehen. Sie lächelte.
Dann war es so weit, sie konnte wieder sehen, ihn sehen.
Doch das, was sie sah, nahm ihr die Luft.
Es konnte nicht sein, es durfte nicht sein. Vielleicht träumte sie, so wie sie es früher oft getan hatte. Ihr wurde schlecht.
Die Gießkanne fiel ihr aus der Hand. Ihr rechter Fuß wurde eiskalt, als ihr das Wasser in die Pumps lief. Nein, kalte Füße hatte sie noch nie in einem Traum gefühlt.
Auch wenn er sich weder bewegte noch zu ihr sprach, dieser Mann lebte. Denn als sie die Augen schloss und in sich zusammensackte, war er es, der sie auffing und mit ihr im Arm sich langsam ins feuchte Gras kniete.
Als sie wieder zu sich kam, standen ein paar fremde Menschen um sie herum, die sie besorgt musterten. Sie lag auf einer Holzbank, etwas weiter entfernt. Benommen richtete sie sich auf. Ein alter Mann half ihr dabei. Er hielt sie an beiden Schultern fest.
„Sind Sie in Ordnung? Wie geht es Ihnen?“
„Danke, es geht schon wieder.“
Als sie sicher zu sitzen schien, ließ er sie los und nahm seinen Mantel von der Bank. Er hatte zusammengerollt unter ihrem Kopf gelegen.
„Wo ist er?“ Suchend sah sie sich um. Ihr war schwindlig.
„Ach, Sie meinen bestimmt den jungen Mann, der Sie hier auf die Bank gelegt hat. Na, das ist vielleicht ein Retter in der Not! Legt Sie hier hin und als wir helfen wollen, haut er einfach ab!“ Es gab ihn also wirklich!
„Hat er noch irgendetwas gesagt?“
„Nein, nicht ein Wort. Was war denn los? Er hat Sie doch nicht etwa bedroht oder gar verletzt?“
„Nein, nein, ganz im Gegenteil, ich würde mich gerne bei ihm bedanken. Schließlich hat er mich hierher gebracht, als ich diesen Schwächeanfall bekam!“ „Na, dann ist ja gut!“ Er zog sich langsam und etwas umständlich seinen Mantel über. Nachdem sich Lisa bei ihm und zwei älteren Frauen bedankt und ihnen versichert hatte, dass alles in bester Ordnung sei und es ihr wieder gutginge, saß sie wenig später alleine auf der mit Moos bewachsenen, alten Holzbank in der Nähe der Kapelle.
Ein Déjà-vu, ja das war es, sie hatte diese Szene schon einmal erlebt, oder wenigstens so ähnlich. Sie versuchte sich sein Gesicht vorzustellen. Oder besser, sich an das zu erinnern, was nicht in dieses Gesicht gehörte. Zum Beispiel der helle Drei-Tage-Bart.
Auch seine Augen waren blau, aber seltsam anders, sie konnte nicht sagen, wie, einfach nur anders. Aber wie war das nur möglich, zuerst glaubte sie, Pete wiederzusehen. Doch dann stand da ein Mann, den sie nicht kannte, mit seiner großen Statur, seinem Gesicht! Ja, vielleicht etwas schmaler. Seine Wangenknochen standen leicht hervor. Aber wie sahen seine Haare aus?
Sie konnte sich beim besten Willen nicht an seine Haare erinnern. Es ging alles so schnell. Es begann in ihrem Kopf zu rauschen und danach erwachte sie auf der Bank. Aber dieses Gesicht, dieser Blick.
Bis heute hatte es zwei Männer mit diesem Gesicht gegeben – einer von ihnen lag unter diesem Rasen – einen von ihnen durfte sie kennen und lieben lernen. Und nun wusste sie, es gab eindeutig drei!
Nach wenigen Minuten ging sie, immer noch etwas benommen, zu seinem Grab zurück. Die Gießkanne lag leer auf dem Rasen und sein Grabstein war nass.
„Sag, dass das nicht wahr ist! Sag, dass ich es mir nur eingebildet habe. Es darf einfach nicht wahr sein!“
Sie musste an Petes Augen denken, wie verzweifelt sie sie anstarrten, als er ihr erzählte, dass sich seine Vermutung bestätigt hätte. Es gäbe noch weitere Klone, so wie Adam. Aber niemand würde diese Beweise über ihre Existenz jemals finden. Dafür hatte er gesorgt. Er war sich ganz sicher.
Und nun? Hatte einer dieser Klone von seiner Existenz erfahren und Adams Grab gefunden?
Als sie endlich wieder zu Hause war, ließ sie sich in ihren weißen Korbsessel fallen, nahm ihr Handy in die Hand und rief Pete an.
Was wollte sie ihm eigentlich sagen? „Hey, Pete, grüß dich! Ich habe heute deinen zweiten Klon gesehen!“?
Völlig ausgeschlossen! Mailbox – verdammt!
Aber vielleicht war es besser so. Und doch, sie hätte so gerne seine Stimme gehört. „Ruf mich bitte zurück! Es ist wichtig! Gruß, Lisa!“
Das war alles, was sie sagen konnte.
Es war ihr auch völlig gleich, was er über sie denken mochte.
Mittlerweile waren sie seit fast einem Jahr getrennt und sie hatte nicht ein einziges Mal angerufen. Sie vermisste ihn so sehr, aber sie wollte, durfte ihm auf gar keinen Fall nachrennen. Das war schon damals, als sie das allererste Mal zusammen waren, ihr Problem.
Hatte sie denn überhaupt nichts dazugelernt?
Erst vorhin auf dem Friedhof hatte sie wieder gespürt, wie sehr sie es sich wünschte, es doch zu tun. Mehr als sie sich eingestehen wollte.
Vor ein paar Jahren hätte sie es nicht für möglich gehalten, ihn je wieder verlieren zu können. Und der Gedanke, dass sie ihn wieder an eine andere Frau verlieren könnte, war so absurd. Und doch, er hatte sie verlassen. Na ja, sie trennten sich, freundschaftlich!
Die ganze Geschichte mit den Gewissensbissen Adam gegenüber konnte doch nicht der einzige Grund sein? Da war noch etwas anderes, sie wusste es. Sie spürte es. Was war naheliegender als eine andere Frau?
Ja, es gab eine andere Frau in seinem Leben, da war sich Lisa ganz sicher. Ihr Bauchgefühl wurde von der Logik ihres Gehirns bestätigt. Wer hätte das gedacht, nach all dem, was sie gemeinsam durchgestanden hatten. War seine Liebe vielleicht nie so stark wie die ihre?
Immer noch erschöpft, erhob sie sich wieder aus dem runden Korbsessel. Vielleicht sollte sie sich etwas zu essen machen? Oder duschen, ein längeres Wechselduschen würde ihrem Kreislauf sicher guttun. Und vielleicht würde sich auch ihr Verstand wieder mehr Mühe geben.
Sie hatte einfach überreagiert, ihre Gefühle hatten ihr einen Streich gespielt. Dieser Friedhof verbarg mehr mysteriöse Erinnerungen als ihr guttaten. Dennoch zog er sie fast magisch an. Vielleicht auch aus diesem Grunde.
Unter der Dusche versuchte sie sich zu entspannen, was ihr nicht wirklich gelang. Danach kroch sie in ihr Bett, zog sich die Decke über den Kopf und wollte erst wieder vom Piepen ihres Weckers gestört werden.
Denn selbst als Ferienvertretung in dem Blumenladen unter ihrer Wohnung sollte sie pünktlich öffnen, sie hatte es ihrer Freundin Vera fest versprochen. Aber egal, was sie tat, woran sie dachte, was sie vorhatte, nichts, aber auch rein gar nichts konnte sein Gesicht aus ihrem Gedächtnis löschen.
Das Gesicht des zweiten Klons begleitete sie bis in ihre Träume.
Sie hatte nicht besonders gut geschlafen, ihre Träume waren wirr und beängstigend gewesen. Als sie erwachte, glaubte sie, immer noch in der Klinik zu sein – eine schreckliche Vorstellung!
Keine Nachricht auf ihrem Handy. Wieso sollte er auch zurückrufen, wenn sie ihn anrief? Sie könnte es ja noch mal versuchen. Nein, vergiss es!
Sie beschloss ihren Kaffee im Laden zu trinken. Es war höchste Zeit, ihn zu öffnen, und Hunger hatte sie auch keinen. Also schlüpfte sie in ihre hellblaue Jeans und das lachsfarbene Shirt. Im Flur angekommen, ihre Wohnung maß etwas weniger als fünfzig Quadratmeter, stolperte sie in ihre Pumps, dessen Farbe nicht recht zu definieren war, vielleicht eine Art Beige. Sie lief die wenigen Stufen hinunter, und als sie die Ladentür im Blumengeschäft unter ihrer Wohnung aufschloss – war es noch fast neun Uhr.
Seltsam. Es regnete. Was war an diesem Regen seltsam?
Nein, es war nicht der Regen. Eine weitere Erinnerung hatte sie eingeholt. Damals, vor über drei Jahren hatte sie diese Tür aufgeschlossen und den bunten Regenschirmen nachgesehen. So hatte der Tag begonnen, der ihr Leben völlig verändern sollte. Der Tag, an dem sie die Todesanzeige las, seine Todesanzeige.
Sie erinnerte sich noch gut, zu gut an alles, was dann folgte. Seine Beerdigung. Sie fröstelte. Alles, was danach passierte, war so unwirklich, so beängstigend, aber auch so fantastisch. Sie konnte nicht anders, sie musste es aufschreiben, und daraus wurde ein Roman. Ihre Geschichte wurde unsterblich. Unsterblichkeit – das war auch der Traum, den Prof. Dr. Georg Garden seinen Patienten versprochen hatte. Auch Pete träumte davon, allerdings wurde er durch Adam schnell von der Realität eingeholt. Von da an wollte er ihm zur Freiheit verhelfen.
Nun stand sie wieder in dieser Tür. Es regnete auf ihre Pumps, und sie hielt noch immer die Türklinke in der Hand. Sie suchte die bunten Regenschirme, und tatsächlich, nach und nach tauchten sie aus der rauschenden, grauen Gischt auf. Der Regen wurde immer stärker. Die Menschen eilten immer schneller an ihr vorbei, ohne sie zu bemerken. Erst als eine Windböe ihr den Regen entgegenschlug, wich sie erschrocken zurück.
Ihr war kalt, ihre Füße waren schon wieder nass, doch die Einzigen, über die sie sich Gedanken machen konnte, waren Pete und der junge Mann, der gestern plötzlich vor ihr stand.
Seine Ähnlichkeit war zu groß. Sie konnte kein Zufall sein.
Vielleicht sollte sie noch einmal versuchen Pete anzurufen. Nein, er hatte ihre Nummer auf seinem Handy, er wusste, dass sie versucht hatte ihn zu erreichen, sie hatte ihn um einen Rückruf gebeten.
Warum rief er nicht zurück?
Langsam schloss sie die Tür, ging durch den Laden, hinter den Tresen und füllte die Kaffeemaschine mit Wasser. Früher hatte sie hier täglich Kaffee gekocht, Sträuße gebunden, Pflanzen gewässert, Gestecke hergestellt und natürlich verkauft. Heute tat sie das nur noch gelegentlich, um ihrer Freundin Vera einen Gefallen zu tun, ansonsten nahm das Schreiben ihre Zeit voll und ganz in Anspruch.
Sie hatte ihr Buch geschrieben und danach kleinere Liebesromane.
Kleinere, das waren für sie unwichtige, einfach nur nette Romane.
Und jetzt? Die Vergangenheit überfiel sie, nebelte sie ein. Wie der süßliche Duft der verschiedensten Blumen, die den Raum füllten und anstatt Insekten nun Käufer anziehen sollten.
Nur, sie bemerkte ihn kaum noch. Sie bemerkte auch nicht, dass sie nicht mehr alleine im Laden war. Die Kaffeemaschine blubberte und als sie sich nach einer Tasse suchend umdrehte, sah sie ihn in der weit geöffneten Tür stehen.
„Guten Morgen! Man hatte mir gesagt, dass ich Sie hier finden werde, darf ich hereinkommen?“
„Selbstverständlich!“, hörte sie sich sagen, während ihre Hände den Tresen festhielten, als hätte sie Sorge, er könnte weglaufen und ihr den nötigen Halt verwehren. Denn den hatte sie, wie ihr klar wurde, bitter nötig.
Er schloss leise die Tür. Die Türklingel meldete sich nicht, verflixt, sie hatte vergessen sie einzuschalten! Als er sich wieder zu ihr umdrehte, war sie sich fast zu hundert Prozent sicher, vielleicht zu achtundneunzig.
Sie fühlte, wie ihre Hände feucht wurden und ihr Mund ein Wort bildete, welches jedoch nicht über ihre Lippen kam.
„Ich möchte mich für gestern entschuldigen!“ Er war bis zu einem Meter an den Ladentisch herangetreten. Dort blieb er stehen und betrachtete sie aufmerksam.
„Ich hätte nicht einfach so verschwinden sollen, nachdem Sie ohnmächtig geworden sind. Ich weiß auch nicht, was da in mich gefahren ist, ich wollte einfach nur weg. – Hoffentlich ging es ihnen schnell wieder besser, und hoffentlich geht es Ihnen heute auch wieder gut.“
Er verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Er war nervös, er war unsicher. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Hatte er Angst, sie würde wieder umkippen? Reiß dich jetzt zusammen!
sagte sie sich in Gedanken. Der arme Kerl hat Gewissensbisse und du musst dich hier am Tisch festhalten.
„Danke, es geht mir wieder gut. Und danke, dass Sie mich gestern zu der Bank getragen haben. Außerdem war ich bei den alten Leuten in sehr guten Händen, die hätten Sie eh nicht mehr an mich rangelassen. Oh! Ich meine – Sie wissen schon, was ich meine!“
„Ja, schon klar. Also sind Sie mir nicht böse?“ Seine Augen suchten die Ihren.
„Böse, nein, wie kommen Sie nur darauf?“ Sie lächelte ihn freundlich an, was ihr keineswegs schwerfiel.
Er stellte mit Schwung den Kragen seines Trenchcoats senkrecht auf, so dass die Regentropfen nur so durch die Luft flogen.
„Na ja, ich hatte das Gefühl, dass es meine Schuld war, dass Sie umgekippt sind. Ich meine, vorher waren Sie doch ganz O.K., und kaum sehen Sie mich, da fallen Sie in Ohnmacht. Also wirklich, das ist mir noch bei keiner anderen Frau passiert, das können Sie mir glauben.“
Sein Lächeln war einfach umwerfend, und sie glaubte ihm kein Wort, jedenfalls nicht, was seine Wirkung auf Frauen betraf.
„Manchmal geht so etwas ganz schnell, das Bücken, beim Gießen und Pflegen der Blumen und wenn man dann zu schnell den Kopf hebt, passiert es schon mal, dass der Kreislauf nicht mitkommt.“
Was redete sie da für einen Blödsinn, warum sagte sie nicht einfach, er hätte sie erschreckt? Das war wenigstens die Wahrheit, wenn auch nur die halbe.
„Möchten Sie vielleicht eine Tasse Kaffee, ich habe eben welchen gekocht? Und hängen Sie doch Ihren nassen Mantel dort hinten auf, es sieht nicht so aus, als ob der Regen jeden Moment nachlassen würde. Vielleicht erzählen Sie mir dann, warum Sie gestern auf dem Friedhof waren?“
Nervös drehte sie sich zur Kaffeemaschine um und biss sich auf die Unterlippe. Was um alles in der Welt war nur in sie gefahren? Wie konnte sie ihrer Neugier nur so plump freien Lauf lassen?
Als sie sich mit der Kanne in der Hand zu ihm zurückdrehte, stand er direkt vor ihr. Nur die Arbeitsplatte von einem halben Meter lag zwischen ihnen.
Sie stellte zwei Tassen auf ihr ab und schenkte den Kaffee ein, wobei sie sich große Mühe geben musste, ihn nicht zu verschütten, da ihre Hände zitterten. „Möchten Sie Milch oder Zucker?“
Wenigstens ihre Stimme ließ sie nicht im Stich!
„Nein, danke! Es ist sehr nett, mir einen Kaffee anzubieten und etwas Obdach, so dass ich nicht gleich wieder in den Regen hinaus muss.“ Er lächelte erneut und trank vorsichtig einen kleinen Schluck.
Seine Augen fixierten dabei die ihren und wenn sie diesen Blick nicht so gut kennen würde und ihm schon vor vielen Jahren verfallen wäre, würde sie sich jetzt sofort und auf der Stelle in ihn verlieben.
Ja, sie kannte diesen Blick, und sie wusste auch, dass er nicht nur bei ihr diese Wirkung hervorrief. Sie verbrannte sich an dem heißen Kaffee die Zunge. Sie hatte vergessen Milch hineinzugießen. Ihr kam es wie eine Warnung vor, ein Zeichen.
Woher wusste er dass es ihr vorher gutging? Er hatte sie beobachtet!
Warum?
„Haben Sie Verwandte auf dem Friedhof?“ Diese Frage stellte sie, weil ihr nichts anderes einfiel. Sie konnte ihn doch nicht fragen, ob er Petes Klon sei!
„Ja, ich denke schon!“ Er räusperte sich, stellte die Tasse ab und sah sie an. Verwundert über seine Antwort betrachtete sie ihn genauer.
Heute trug er keinen Drei-Tage-Bart. Sein Gesicht wirkte so noch schmaler, noch jünger. Wie alt er wohl war, vielleicht Anfang dreißig?
„Ich wollte zu Ihnen“, durchbrach er die Stille.
Das klang vielversprechend. Er wollte reden – mit ihr!
„Zu mir?“ Auch wenn er es ihr vielleicht nicht glaubte, sie war überrascht.
„Ja, Sie sind doch die Autorin des Buches: Die Liebe eines Klons, richtig?“
„Ja, das bin ich. Sind Sie Reporter, wollen Sie ein Interview? Die Termine vermittelt meine Agentur.“
Das war einfach lächerlich, sie hasste sich für ihre Feigheit.
„Nein, nein, ich bin kein Reporter! Ich habe sozusagen ein persönliches Interesse.“
Diesmal biss sie sich auf die Zunge. Die Antwort war so nah.
Sein Gesicht war plötzlich um Jahre gealtert. Ernst und etwas traurig sah er sie an. Als würde er immer noch mit der Entscheidung hadern, die er erst vor wenigen Tagen getroffen hatte, ihr davon erzählen zu wollen.
Am liebsten wäre sie davongelaufen. Sie glaubte zu wissen, was er ihr sagen würde. Sie wollte es nicht hören und doch konnte sie sich nicht von ihm abwenden, ihre Ohren nicht verschließen und ihre Augen nicht von ihm lösen.
„Bitte setzen Sie sich doch!“ Einen von zwei Barhockern schob sie um den Tresen herum, so dass er sich setzen konnte. Auf den zweiten, hinter ihr, ließ Lisa sich nieder und wartete gespannt auf seine Erklärung. Obwohl sie glaubte, die Erklärung für sein Hiersein bereits zu kennen.
Er suchte seinen Gen-Spender! Damals nach dem Brand in der Klinik und ihrer Rettung stand auch ihr Name in den Zeitungen.
Monate danach erschien Regines Dokumentation und später ihr eigenes Buch. Es gab keinen Fernsehsender, der nicht über das Schicksal des ersten Klons berichtete. Wenn er nicht völlig abgeschieden auf einer einsamen Insel gewohnt hatte, musste er über alles Bescheid wissen. Über fast alles … Er rückte seinen Stuhl zurecht, räusperte sich leicht und sah sie dann wieder an. Worauf wartete er nur?
„Es fällt mir nicht ganz leicht, darüber zu sprechen. Deshalb bin ich Ihnen gestern auch von zu Hause bis zum Friedhof gefolgt.“
„Gefolgt? Warum?“ Angestrengt überlegte sie, weshalb sie ihn nicht bemerkt hatte. Erst am Grab hatte sie etwas gespürt.
„Ich habe es einfach nicht gewagt, Sie anzusprechen, es ist etwas delikat, es geht um Ihr Buch?“
„Ja, und weiter?“
Mit einem Satz sprang er auf. So dass sie erst glaubte, eine Biene oder Wespe hätte ihn aufgeschreckt. Doch eher das Gegenteil war der Fall. Völlig ruhig, fast konzentriert fuhr er sich mit beiden Händen langsam von vorne nach hinten durch sein dunkelblondes, leicht gewelltes Haar. Es fiel ihm bis auf den Kragen seines Hemdes. Er trug es so ähnlich wie Pete es früher trug, nur waren Petes Haare dunkelbraun, manchmal fast schwarz und früher noch etwas länger als heute.
Lisa beobachtete ihn, wie er zwischen den Blumentischen herumging. Wie kleine, schmale Wege in einem Park führten sie ihn im Kreis herum bis zu seinem Ausgangspunkt zurück. Dann blieb er stehen, nahm eine rote Rose aus einer Vase mit mindestens zwanzig roten Rosen und hielt sie in ihre Richtung.
„Was geben Sie ihr, damit sie so wohlgeformt, so geradlinig gewachsen ist und so wundervoll duftet?“ Nun sah er sie fast angriffslustig an, um danach langsam weiter durch den Raum zu schreiten.
„Ich gebe ihr Wasser und halte es sauber, das ist alles. Die Züchter dieser Rose haben allerdings etwas mehr zu ihrem guten Aussehen beigetragen.“ Sie ahnte, worauf er hinauswollte. Warum spielte er dieses Spiel mit ihr?
Er blieb stehen und sah zu ihr herüber. „Zu ihrem schnellen Wachstum auch?“ Sein Blick wurde kalt, seine gesamte Gestalt hatte sich verändert. Sein Körper wirkte merkwürdig starr. Sein Blick etwas wild, fast feindlich. In diesem Moment konnte sie Pete nicht in ihm wiederfinden.
„Vielleicht?“ Ihr gesamter Körper war in Alarmbereitschaft, warum?
Er steckte die Rose zurück zu den anderen. Schon jetzt konnten sie nicht mehr erkennen, welche Rose er kurz zuvor in der Hand gehalten hatte, so sehr glichen sie einander.
Leicht schüttelte er seinen Kopf, dann wendete er sich ihr zu: „Wie alt glauben Sie bin ich?“
Sie betrachtete immer noch den Strauß roter Rosen, eine Blüte glich der anderen in Farbe, Größe und Form bis aufs Haar, wenn sie Haare hätten. Selbst ihr Duft, sollte sie an jeder einzelnen riechen, wäre sicherlich gleich.
„Lisa! Haben Sie meine Frage gehört?“
„Ja, natürlich?“
„Lisa! – Ich darf Sie doch so nennen, oder?“ Er wartete nicht auf ihre Antwort. „Lisa – besteht da vielleicht eine Verbindung?“
„Was meinen Sie?“
„Ich meine, dass Sie die Frau in ihrem Roman sind! Und dass Sie einen autobiografischen Roman geschrieben haben. Und dass es diesen Klon Adam wirklich gab und diesen Pete noch immer gibt!“
„Aber ja doch, diese, unsere Geschichte ging doch durch die Presse.“
„Und das Serum, das existierte in Wahrheit auch!“
„Ja, aber das können Sie doch überall nachlesen!“
„Ich weiß, ich weiß. In der Dokumentation über die Forschungsarbeiten des Prof. Dr. Georg Garden. Geschrieben von Frau Regine …? Und im Internet und so weiter!“ Er nickte ungeduldig.
„Aber eines ist dort nicht nachzulesen. Der Ort, wo das Serum entwickelt wurde. Wo finde ich diesen Ort?
„Wieso wollen Sie das wissen?“ Lisa spürte, dass mehr dahintersteckte, als sie zuerst vermutet hatte.
„Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet! Wie alt schätzen Sie mich?“ „Etwa dreißig Jahre alt“, entfuhr es Lisa. Diese Fragen machten sie unsicher, sie wollte, dass er damit aufhörte.
„Ich bin genau vierzehn Jahre alt!“
Lisa hielt die Luft an. Es war also wahr, ihre Vermutungen waren bestätigt worden, er war eines der bereits vorhandenen Klonbabys.
Er war Petes Klon!
„Warum sagen Sie denn gar nichts? Sind Sie schockiert? Sie wussten doch, dass so etwas möglich war, warum haben Sie es niemandem gesagt, dass die Möglichkeit besteht, dass noch mehr Klone existieren? Sie haben es sogar geleugnet!“
Mit großen Schritten kam er auf sie zu, blieb dann allerdings vor dem Tisch stehen und schüttelte erneut den Kopf. Er wirkte verzweifelt, irgendwie hilflos. „Ich will zu diesem Ort! Sie wissen doch, wo er ist. Bringen Sie mich zu dieser Klinik!“
Damit hatte Lisa am allerwenigsten gerechnet. „Aber warum? Der Professor ist tot, es gibt dort nichts, was für Sie von Bedeutung sein könnte.“
„Das, meine liebe Lisa, lassen Sie meine Sorge sein.“
Sein Tonfall hatte etwas Bedrohliches angenommen. Sie spürte es, aber sie konnte nicht beurteilen, ob er verärgert oder einfach seiner Situation müde und gequält war.
Nach den richtigen Worten suchend begann sie: „Aber...“ Doch in diesem Moment betrat eine junge Frau den Laden. Sie kämpfte kurz mit dem Schließmechanismus ihres Schirmes, und als sie ihn in den Schirmständer gesteckt hatte, kam sie lächelnd auf sie zu.
„Ich rufe Sie morgen an, dann können wir über die Einzelheiten sprechen!“ Mit diesem knappen Kommentar und einem Gesichtsausdruck, der keinen Widerspruch zuließ, nickte er ihr kurz zu, warf sich seinen Mantel im Gehen über und verschwand aus dem Laden, im Grau des Regens.
Lisa hatte Mühe, sich auf die Kundin zu konzentrieren.
Ihr Blick fiel immer wieder zur Tür. Obwohl sie schon so lange wusste, dass Klonen möglich war, war sie von dem Ergebnis mehr als nur fasziniert.
Es war und ist ein Wunder. Sie sah ihn vor sich, so wie sie ihn das allererste Mal gesehen hatte. Die Ähnlichkeit war mehr als nur verblüffend. Auch wenn er damals noch keine dreißig war, war der Neue – sie hatte nicht einmal nach seinem Namen gefragt – ihm nicht nur ähnlich.
Identisch waren seine Statur, seine Augen, dieses Blau! Sein Mund, die kleinen Grübchen um die Mundwinkel, die sie heute schon bei einem leichten Lächeln erkennen konnte. Auch seine Nase und und und, identisch! Selbst ihre Stimmen schienen gleich zu sein. Nur das Haar, es war dunkelblond, nicht dunkelbraun.
Äußerlich, das waren doch alles Äußerlichkeiten. Wie war er wirklich? Pete, Adam, der Neue, sie waren Individuen, sie hatten ein eigenes Herz, eine eigene Seele. Auch wenn Pete damals vieles von sich in seinem Klon, Adam, wiederentdecken konnte. Manches blieb für immer im Verborgenen und anderes war neu und fremd.
Sie hatten in wenigen Jahren viel erfahren.
Es gab keinen hundertprozentigen Klon. Und das war auch gut so, gut für ihn und auch gut für seinen Spender.
Morgen würde er sie anrufen. Was sollte sie ihm sagen? Dass sie gehofft hatte, dass niemand je entdecken würde, dass es ihn und viele andere seiner Art auf der ganzen Welt versteckt, unerkannt gab?
Nein, sie würde ihm nichts von den anderen Klonkindern sagen, und ja, sie wollte ihn wiedersehen, sie musste ihn wiedersehen.
Sie hatte keine Ahnung, wie sie die folgenden Stunden hinter sich bringen konnte. Sie dachte nur noch an Pete und Adam und den neuen Klon.
Sollte das ewig so weitergehen? Sie würde alt und grau im Laden stehen und plötzlich würde wieder ein „Neuer“ vor ihr stehen mit den gleichen Augen, die ihren Blick einfangen und sie wie immer vor Sehnsucht ein klein wenig sterben lassen würden?
Ob irgendwann irgendjemand dem ein Ende setzen würde, irgendwann?
Der Professor war tot, es war schon längst vorbei. Der Neue ist sein Vermächtnis. Die Beweise, die Unterlagen wurden verbrannt.
Es gab nur noch die Klonkinder, die hoffentlich nie erfahren würden, woher sie stammten und von wem sie abstammten. Und niemals künstlich altern würden. Sie waren sicher, solange sie unentdeckt blieben. Sicher – sicher war auch das nicht!
Der Tag im Laden zog sich zäh in die Länge. Jedes Geräusch war eine willkommene Ablenkung und wiederum eine unsagbare Enttäuschung, wenn es nicht in Verbindung mit Pete stand.
Er kam nicht vorbei und er rief nicht zurück, warum nicht?
Ja, sie hatten sich lange nicht gesehen, aber sie hatte ihm doch in ihrer Nachricht verdeutlicht, dass es dringend war. Wieso meldete er sich nicht?
Als sie sich trennten, sagte er, er würde immer für sie da sein, wenn sie ihn brauchen würde. Sie brauchte ihn – jetzt!
Langsam stieg sie die Stufen hinauf zu ihrem Apartment, schloss die Tür auf und sah als Erstes das blinkende, hellgrüne Licht leuchten.
Der Anrufbeantworter! Eine Nachricht! Mit zittrigem Zeigefinger tippte sie auf die Tasten, bis er ihr antwortete.
Seine Stimme klang besorgt, und ehrlich gesagt musste sie sich eingestehen, dass sie nach den ersten Worten nicht sicher war, ob sie von Pete oder dem Neuen aufs Band gesprochen worden waren. Erst als er ihre Nachricht erwähnte, war sie sich sicher.
Er sagte, dass er sie sehen möchte, noch heute Abend, auf dem Friedhof, am Grab. Er sei sehr beunruhigt und hoffe, es sei nichts Schlimmes geschehen.
Er müsse ihr auch etwas Wichtiges sagen, und natürlich freue er sich, sie wiederzusehen.
Dreimal ließ sie das Band abspielen. Danach hatte sie den Kasten schon in der Hand, um ihn durch den Flur zu schleudern.
Doch sie hielt ihn fest, drückte ihn kurz an sich und stellte ihn langsam ab. Auf das schmale Schränkchen mit dem großen rechteckigen Spiegel darüber. Warum hatte er sie nicht auf ihrem Handy zurückgerufen? Er machte sich Sorgen und sah nicht nach ihr?
Ihr Spiegelbild lächelte ihr entgegen. Ihre Wangen waren leicht gerötet.
Sie fuhr sich mit den Händen durch ihre Haare und hielt sie zu einer Hochsteckfrisur zusammen. Ihre Augen glänzten.
Wie konnte er sie in nur einem Augenblick so verändern?
Heute Abend auf dem Friedhof! Es war schon nach vier. Um fünf Uhr wollte er da sein. Sollte sie ihn anrufen, ihm die Meinung sagen und ihr Treffen absagen? Das sollte sie! Sie war kein Teenie mehr, der sich irgendwohin bestellen ließ! Oder doch?
So schnell sie konnte zog sie sich aus, warf ihre Kleidung aufs Bett, sprang unter die Dusche und war so aufgeregt wie damals vor ihrem ersten Date.
Als sie wenig später den Friedhof erreichte, kannte sie nur ein Ziel.
Mit wehendem knöchellangen Rock und schnellen Schritten ging sie in Richtung Adams Grab. Es war bewölkt, die Sonne ging bald unter, auch wenn sie sie nicht sehen konnte, es wurde langsam immer dunkler.
So war es nicht ungewöhnlich, dass sie keine lebende Menschenseele traf.
Ihr wurde etwas mulmig zumute, so ganz alleine auf dem Friedhof um diese Zeit. Ein eigenartiges Gefühl, welches sie so noch nicht kannte, breitete sich in ihr aus.
Sie setzte sich auf die Holzbank, nicht weit entfernt hinter seinem Grabstein und wartete. Erst gestern saß sie auf dieser Bank. Ihre nackten Füße wurden langsam kalt in den offenen Pumps, so zog sie die Beine zu sich heran auf die Bank und umfasste ihre Knie.
Wie oft hatte sie hier schon gesessen. Als würde hier die Antwort liegen, sie musste nur die richtige Frage stellen.
Ob es ihm auch so ging? Wieso suchte er sich sonst diesen Platz für ein Treffen aus? Langsam legte sie ihren Kopf auf ihre Knie, schloss die Augen und träumte von ihm.
Bis sie ein Geräusch aufschreckte. Er hatte sich leise neben sie auf die Bank gesetzt. Selbst in dem Dämmerlicht sah er so verdammt gut aus. Die letzten Jahre konnten seinem Alter und guten Aussehen nichts anhaben. Eher das Gegenteil war der Fall, er wurde immer attraktiver. Sein Mantel war neu.
Und sein Haar hatte er nach hinten zu einem Zopf zurückgebunden.
Für einen kurzen Moment sahen sie einander unsicher in die Augen.
Kein Wort kam über ihre Lippen. Dann trat Entschlossenheit in seinen Blick, er rückte näher, ergriff ihre Schultern, zog sie zu sich heran und als sie seinen Mund auf ihrem Mund spürte überkam sie dieselbe Leidenschaft, die auch ihn ergriffen hatte. In seinen Armen vergaß sie all die Fragen, all ihre Vorsätze – sogar, wo sie sich befanden.
Seine Küsse waren so leidenschaftlich, seine Hände warm und zärtlich. Doch während sie nur noch fühlen konnte, betrachtete er sie siegessicher, lächelnd.
Erst als sie sich beide, völlig außer Atem, langsam voneinander lösten, wandelte sich sein Blick. Er sprang auf und sah sie fast flehend, um Verzeihung bittend an. Verwirrt nahm sie seine Worte wahr: „Das war nicht ich! Das war nicht ich!“ Sie streckte ihre Hand nach ihm aus, aber er schüttelte nur mit dem Kopf.
„Es tut mir leid!“ Dann rannte er den Kiesweg entlang in Richtung Parkplatz.
Déjà-vu, dieses Wort verfolgte sie, seitdem sie ihn kannte. Aber dieses Mal lief sie ihm nicht hinterher. Nur ihre Augen folgten ihm bis zur Pforte.
Er hatte sich nicht einmal umgesehen, bis jetzt. Sie konnte seine Augen nicht auf diese Entfernung erkennen, und das war auch gut so. Denn sie waren kalt, starr und berechnend.
Noch vor wenigen Augenblicken waren sie von Liebe erfüllt, kurz!
Sie hatten ihre Leidenschaft erneut entfacht. Er wusste genau, was er tat.
Wie versteinert saß sie immer noch auf der Bank und sah ihm nach.
Er stoppte vor der Pforte. Aber er öffnete sie nicht. Er ging ein, zwei Meter an ihr vorbei zum hüfthohen Zaun. Seine linke Hand stützte sich auf die waagerechte Holzlatte, an der die senkrechten Latten zu einem Jägerzaun befestigt waren. Mit einem Satz aus dem Stand schwang er seine Beine nach vorn, sprang ohne Anstrengung über den Zaun und landete auf der anderen Seite.
Erst als er sich auf der Straße befand und langsam aufrichtete, schien er zu begreifen, wie er hierhergelangt war.
Seine Augen suchten die Pforte, dann suchten sie nach ihr.
Jetzt sah es so aus, als wollte er umkehren, wollte zurück zu ihr.
Doch er zögerte, öffnete die Pforte ein kleines Stück, um sie sofort wieder zu schließen und dann davonzulaufen.
Ihr fröstelte. Die Sonne war untergegangen.
Was hatte sie getan? Hier? Ihr Rock war völlig zerknittert, ihre Bluse offen. Wie konnte ihr das passieren? Vor wenigen Minuten existierten nur Liebe und Leidenschaft, keine Zweifel, und jetzt? Sie empfand nur Verzweiflung. Was war es nur, was hatte er an sich?
Wieso ließ es sie nicht los? Es konnten Jahre vergehen, sie war der Meinung, alles hinter sich gelassen zu haben, ein normales Leben zu führen. Doch das stimmte nicht. Sie lebte eine Illusion. Sie fühlte Glück und Zufriedenheit, weil sie es wollte. Nichts war so, wie es schien. Die Vergangenheit wurde nie zur Vergangenheit!
Schon gar nicht, seitdem sie wusste, dass er geklont wurde. Dass es ihn zweimal gab. Auch wenn Adam tot war, es gab ihn, seinen Klon, Adam.
Und sie verliebte sich in ihn, als sie glaubte, Pete sei tot. Sie liebte all das, was er von Pete gerettet hatte, so dachte sie jedenfalls. Pete hatte sich als Adam ausgegeben. Er hatte Adams Identität angenommen. Und sie hatte sich auch in ihn verliebt. Konnte es sein, dass sein Äußeres sie blind machte für sein wahres Ich? Sie würde nie aufhören Pete zu lieben. Pete wusste das.
Egal was er sagen oder tun würde, ihre Gefühle für ihn würden sich nie ändern. Diese Magie, die er in ihr auszulösen vermochte, war unsterblich. Sie war so stark wie damals, als sie glaubte, nicht ohne ihn leben zu können. Eine Liebe, die alles zu ertragen vermochte, alles? Ja, so schien es. Enttäuschungen, selbst der Tod konnten dieser Liebe nichts anhaben.
Und heute? Woher wusste er, dass sie ihn nicht abweisen würde?
War sie so berechenbar. So willenlos in seiner Nähe?
Wieso spielte er dieses Spiel mit ihr? Er rannte einfach davon! Und dann dieser Satz: „Das war nicht ich!“ Was hatte das zu bedeuten?
Stand er unter Alkoholeinfluss, Drogen? Nein, das hätte sie bemerkt!
Er hatte sie erneut verlassen. Wie konnte er ihre Gefühle nur so ausnutzen?
Tat er das? Immer wieder nahm sie ihn in Schutz. Wieso? Sie liebte ihn so sehr, dass es schmerzte; wenn sie an ihn dachte, tat es weh, immer. Ist das krank?
Niemals würde sie ihn vergessen können, es gab keine Heilung!
Und nun? Begann nun das Warten? Das Warten darauf, dass er wieder zu ihr kam? Sich ihr mitteilte, ihr seine Liebe gestand? Sagte, er wolle bei ihr bleiben, für immer!?
Begann nun wieder das Auf-und-Ablaufen, vor dem Fenster? – Das Aufspringen, wenn sie ein Motorrad vor dem Haus hörte? Sollte sie sich das erneut antun?
Sie konnte nicht anders, es gab keine Medizin dagegen.
Aber vielleicht konnte sie dem entfliehen? Sie könnte wegfahren, sie könnte dem jungen Klon helfen.
Könnte sie das? Er wollte die Klinik sehen! Warum nicht? Es ist dort niemand mehr, dem sein Besuch schaden könnte. Sie sollte ihm alles erzählen, alles, was er noch nicht wusste. Alles, was nicht in ihrem Roman stand. Denn ein Roman bleibt immer ein Roman, auch wenn er autobiographisches Material enthält.
Entschlossen erhob sie sich von der Bank. Ja, sie hatte sich entschieden. Sie würde mit ihm dorthin fahren, weg von hier, weg von Pete, zusammen mit seinem zweiten Klon!
„Lisa, was tust du nur???“
Als sie zu Hause ankam, war es schon stockdunkel. Langsam stieg sie die Treppen zu ihrer Wohnung empor. Es war ganz still im Treppenhaus.
Da der Blumenladen im Erdgeschoss bereits geschlossen war und es nur ihre Wohnung darüber gab, kannte sie diese leicht bedrückende Atmosphäre natürlich nur zu gut.
Sie hatte eine sehr lebhafte Fantasie und als dann auch noch das Licht ausging, stieß sie einen kurzen Schrei aus. Den Schalter an der Wand fand sie schnell, trotzdem überkam sie ein ungutes Gefühl, das zweite Mal an diesem Abend.
Sie kramte in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel und als sie ihn ins Schloss stecken wollte, fand sie den Zettel. Er klebte an ihrer Haustür.
So ein selbstklebender von einem Notizblock. Sie hatte ihn vorher nicht bemerkt, da er fast dieselbe hellbraune Farbe hatte wie ihre Tür.
Einen Augenblick lang starrte sie auf die etwas kricklige Schrift, ohne sie zu lesen. Dann nahm sie ihn ab, schloss endlich auf und ging hinein.
Als sie die Tür eben zudrücken wollte, meinte sie ein Geräusch im Treppenhaus zu hören, konnte es aber nicht zuordnen. War da jemand? Wurde sie schon wieder beobachtet? Von ihm? Dem Neuen? Eine Gänsehaut bildete sich auf ihren Armen. Schnell schloss sie die Tür und legte die Tür-Kette vor.
Dann las sie den Zettel, sie hatte ihn noch immer in der linken Hand.
Zweimal las sie die wenigen Worte: „Ich hole Sie morgen früh um zehn Uhr ab. Freue mich schon sehr auf unseren Ausflug!“
Keinerlei Anrede und keinen Gruß. Geschweige denn eine Unterschrift.
Natürlich wusste sie sofort, von wem dieser Zettel stammte. Nur zwei Männer aus ihrem Leben kamen in Frage. Und es gab nur einen, der sie siezen würde, der neue Klon!
Wie unverschämt seine Annahme, sie würde wie selbstverständlich zu diesem Ausflug einwilligen, auch war. Lisa wusste, dass sie sich bereits dazu entschlossen hatte, ihn zu begleiten.
Er gehörte zu Pete. Alles, was Pete betraf, war ihr wichtig.
Und nach ihrem gemeinsamen Treffen auf dem Friedhof fühlte sie eine Art von Verwirrung, die sich immer mehr wie eine Bedrohung anfühlte.
Sie wusste nicht, warum sie unter diesen Umständen mit einem Fremden den nächsten Tag verbringen wollte, aber ihr Gefühl sagte ihr, dass nicht er die Bedrohung war, sie nicht von dem Neuen ausging. Pete war es, der ihr fremd erschien, verändert. So etwas wie am heutigen Abend hatte es in ihrer Beziehung bis jetzt nicht gegeben. Er war nicht er selbst. Aber was noch viel verwirrender für sie war: dass auch sie nicht sie selbst war!
Um nicht in eine Endlosschleife von Grübeleien zu geraten, griff sie zum Handy und rief den vernünftigsten Menschen an, den sie kannte. Ihre beste Freundin, Vera. Sofort war ihre Welt wieder real, sie brauchte nur ihre Stimme zu hören. Wozu keinerlei Mühe oder Überredungskunst nötig war, denn Veras Mitteilungsbedürfnis war so riesig, dass Lisa sofort abgelenkt war und wieder etwas ruhiger atmen konnte.
„Es ist so schön, dass du dich meldest!“, platzte es sofort aus Vera heraus, als wenn sonst etwas passiert wäre, wenn Lisa nicht angerufen hätte. „Du glaubst gar nicht, wie wunderschön und inspirierend der heutige Tag für mich war! Und das alles habe ich nur dir zu verdanken. Wenn du nicht den Laden übernommen hättest, wofür ich mich nochmals herzlich bei dir bedanken möchte, wären mir die besten Kreationen für die Winter-Saison entgangen.
Du glaubst gar nicht, was dieses Jahr zu Weihnachten so in ist, also diese Messe war ein Augenschmaus, wenn ich dir erst zeige, was ich bestellt habe, du wirst begeistert sein! – Lisa?“
„Ja, ich bin noch dran!“
„Ist was passiert? Du bist so still? Gibt es einen bestimmten Grund, weshalb du mich angerufen hast?“
Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, Vera all das anzuvertrauen, was ihr seit ihrem Besuch auf dem Friedhof so alles widerfahren war.
Aber Lisa zögerte, und schon war der Punkt vorbei. „Ja, natürlich – ich habe dich angerufen, um dir zu sagen, dass ich am Wochenende in die Klinik fahre.“
„In die Klinik? Du meinst in die Klinik?“
„Genau! Ich möchte, dass du weißt, wo ich bin, falls mein Handy mal wieder spinnt – oder so.“
Vera holte laut Luft und atmete sie ebenso laut wieder aus. „Oder so! Was willst du denn da? Um Himmels Willen, Lisa, vergiss die ganze Geschichte endlich! Du fährst doch nicht etwa mit Pete hin?
Versteh mich nicht falsch, ich würde mich natürlich freuen, wenn ihr beide wieder zusammenkommen würdet, aber dieser Ort ist nicht gut für euch beide, für keinen von euch!“
„Nein, ich fahre nicht mit Pete …“ „Gott sei Dank! Ihr solltet euch wirklich woanders treffen, wenn überhaupt … Aber mit wem fährst du denn nun dorthin? Mit Regine, dieser Krankenschwester oder Sekretärin oder so, von dem Professor?“
„Genau!“ Dies war der Augenblick, in dem Lisa bereute, Vera überhaupt davon erzählt zu haben.
„Aber die hat doch schon ein Buch über alles geschrieben, was will die denn noch da? Und du? Und überhaupt! In dem Gebäude, ich meine, in dem, was der Brand damals nicht zerstört hatte, da ist doch jetzt eine ganz normale Privatklinik drin, oder?“
Jetzt wurde dieses Gespräch wirklich anstrengend. Lisa hätte es liebend gerne beendet, aber wie? „Ja, natürlich, eine ganz normale Klinik!“
„Aber dann verstehe ich euer Interesse für diesen Ort nicht.“
Das war auch kaum möglich. Vera stand mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Für sie gab es keine Tagträumereien, Grübeleien, von wegen: Was wäre wenn?!
Dass Lisa ihren Pete lebend wiederfinden konnte, unter welchen Umständen auch immer, das war außergewöhnlich. Normalerweise passierte so etwas nicht. In Veras Welt!
„Es ist nur ein Treffen! Wir sehen uns so selten, und dann setzen wir uns halt in das Kaffee dort in der Klinik und reden!“
„Reden! Ihr könnt auch zu Hause reden, also wirklich, Lisa, ich halte da gar nichts von!“
„Mach dir keine Sorgen. Es tut mir einfach gut, über alles, was damals passiert ist, zu reden.“
„Aber es ist doch schon so lange her!“
Sie konnte es nicht verstehen, niemals! Bei ihr ging einfach immer alles glatt. Und Lisa liebte es geradezu, in ihren Erinnerungen abzutauchen. Was blieb ihr sonst?
„Na ja, ich will nur, dass du dir keine Sorgen machst und weißt, wo ich bin.“
„Dann hättest du es mir nicht sagen dürfen, ich mache mir jetzt schon Sorgen!
Ich will einfach nicht, dass du wieder depressiv wirst, wie damals nach Petes vorgetäuschtem Tod! – Adams Tod! Und außerdem – na – jedenfalls schicke ich dir die Polizei hinterher, solltest du am Montag noch nicht wieder da sein, verstanden?“
„Danke, das ist lieb von dir! Bis dann, schönes Wochenende für dich und deine Familie!“
„Dir auch, pass auf dich auf!“
„Natürlich. Tschau!“
Das war es, was Lisa brauchte. Jemanden, der sich im Notfall kümmern würde.
Damals war alles so absurd, aber nach dieser Erfahrung würde Vera keine Minute zögern und die Welt auf den Kopf stellen, um Lisa zu finden. Veras Welt, sozusagen, und das war wirklich ein gutes Gefühl.
Nach einer fast schlaflosen Nacht, verwirrenden Träumen und endlosen Grübeleien kroch Lisa schon um sechs Uhr aus dem Bett und quälte sich unter die Dusche.
Wie oft sie ihr Handy die letzten Stunden in der Hand hatte, konnte sie nicht mehr zählen. Keine Nachricht! Wieso meldete er sich nicht? Eigentlich wollte er ihr doch etwas mitteilen! Aber nicht nur er, sie hatte ihm zuerst geschrieben. Spielte das denn gar keine Rolle?
Natürlich könnte sie sich genauso gut bei ihm melden, aber irgendetwas hielt sie zurück, was auch immer?
Sie wollte ihm nun nicht mehr von dem neuen Klon erzählen. Sie wollte alleine alles über ihn erfahren, ihn genauer kennenlernen, Vergleiche ziehen.
Plötzlich konnte sie sich nicht mehr vorstellen, wie Pete wohl reagieren würde, wenn er von ihm erfahren würde. Wäre er geschockt, erfreut oder einfach nur total überfordert?
Seine Zeit mit Adam war gewiss nicht einfach, um es mal vorsichtig auszudrücken. Doch der eigentlich Leidende war Adam. Erst sein Tod warf Pete völlig aus der Bahn. Er wollte Prof. Dr. Georg Garden stoppen. Es durfte kein Klon je wieder so leiden wie Adam.
Pete hatte alles ihm Mögliche getan, um das zu verhindern. So, wie auch Adam es gewollt hatte.
Aber war es ihm wirklich gelungen? Das wollte Lisa herausfinden, und der Neue würde ihr dabei helfen. Nachdem sie sich darüber im Klaren war, ging es ihr besser.
Heute war Samstag, sie würde mit „ihm“ in die Klinik fahren, zuerst mit ihm reden und danach, wieder zu Hause, mit Pete sprechen, so sah ihr Plan aus. Aber nur der ihre.
Es klopfte an der Tür. „Pete, bist du schon wach? Ich habe uns etwas zu Mittag gekocht, kommst du runter in die Küche?“
Seine Mutter meinte es immer nur gut, aber er hatte wirklich keinen Appetit. „Ich komme gleich!“, kam es ihm über die Lippen.
Seine Mutter! Es fühlte sich so richtig an. Ja, sie war seine Mutter, Petes leibliche Mutter und doch nicht seine! Aber er steckte nun in Adams Körper. Er war Pete, und er war Adam! Es war alles da. Die Gefühle, die Erinnerungen, er wusste alles, was er als Pete erfahren hatte. Und alles, was er als Adam erlebte.
Alles, was Pete betraf, übernahm er mit so einer Selbstverständlichkeit, als wäre er schon immer Pete gewesen. Er lebte, Pete lebte! Genauso wie Adam!
Es gab Tage, an denen er als Adam erwachte, und wenig später überkamen ihn Erinnerungen, die eindeutig nur Pete erlebt haben konnte. Er wechselte seine Identität manchmal stündlich und war doch immer der Eine!
Schon verrückt, was Georg da geleistet hatte. Unter anderen Umständen wäre er ein gefeierter Mann geworden, überall auf der Welt, da war sich Pete/Adam sicher.
Langsam richtete er sich auf. Sein Kopf schmerzte. Seine Kleidung lag überall im Zimmer verstreut. Er konnte sich nicht mehr erinnern, wie oder wann er nach Hause kam. Seine Träume waren verwirrend, sie handelten von Lisa. Doch er konnte sich nicht mehr an die Bilder erinnern.
Nachdem er sich angekleidet hatte, ging er in die Küche. „Hey, Mumm!“ Er gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange und setzte sich an den Tisch.
„Du siehst müde aus, hast du schlecht geschlafen?“ Ihr Lächeln war liebevoll besorgt.
„Ein bisschen zu wenig vielleicht, aber es geht mir gut, Mumm!“
Seit Lisa ausgezogen war, kümmerte sich seine Mutter noch intensiver um ihn. Was nicht unbedingt negativ war. Sie war einfach für ihn da. Keine Fragen, keine Vorwürfe, sie wartete darauf, dass er mit ihr über Lisa sprach, aber er tat es nicht. Den wahren Grund für ihre Trennung konnte er nicht einmal Lisa sagen, wie sollte er ihn seiner Mutter erklären? Unmöglich!
Sein Lächeln strengte ihn an. Es war nicht leicht für ihn, sich zu verstellen, und er zweifelte oft, ob er es überhaupt versuchen sollte, denn die Augen seiner Mutter sprachen Bände. Ja, er hasste es, ihr etwas vorzumachen, er wollte nicht lügen, aber er tat es doch!
Nach dem Essen schwang er sich auf sein neues Motorrad und fuhr einfach so durch die Gegend. Sein Motorrad war nach wie vor sein Ein und Alles, sein wahrer Freund. Wenn er über die Landstraßen sauste, fühlte er sich frei. Es hatte ihn, Pete, befreit. Von seiner schweren Krankheit, die wieder auszubrechen drohte, und den damit verbundenen Leiden.
Es war Samstag, er musste nicht in die Firma, wo er als Computerfachmann einen Job gefunden hatte, der ihm großen Spaß machte, wobei er selbst oft genug von seinem Wissen überrascht war. Eindeutig Adams Part.
Als er wieder in den Alltag zurückfinden musste, versuchte er es in seinem, Petes altem handwerklichen Beruf, aber es misslang. Seine handwerklichen Fähigkeiten waren nicht mehr die besten und Freude bereitete ihm das Arbeiten mit Holz und anderen Baustoffen auch nicht mehr. So ließ er es bleiben und versuchte was anderes.
Computer waren nun sein Ding.
Adam hatte sein Wissen Paul Peters zu verdanken, Prof. Dr. Georg Gardens rechter Hand, ein weiteres Genie. Peters hatte seine, Adams Ausbildung in seine Hände genommen, als er älter wurde. Er war fasziniert von Adams Fähigkeiten, die sich weitgehend von Petes unterschieden. Er war sich allerdings sicher, dass auch Pete sie hätte nutzen und weiterentwickeln können, wenn er die nötige Förderung erfahren hätte. Das Umfeld, Erfahrungen und die sozialen Kontakte bestimmen die Entwicklung der Fähigkeiten, davon war Paul Peters überzeugt. Genau wie Pete.
Unruhig lief Lisa in ihrer Wohnung auf und ab. Es war kurz vor zehn Uhr.
Sie sah zum hundertsten Mal in den Spiegel. Ihre langen, leicht gewellten Haare umspielten sanft ihr eher blasses Gesicht, das im Moment leicht gerötet war.
Mit ihren graublauen, manchmal auch grünen Augen betrachtete sie kritisch die kleinen Fältchen um ihre Augen herum und auf ihrer Stirn. Sie war nun mal keine zwanzig mehr.
Mitte dreißig, für ihr Alter sah sie, wie ihre Freundin Vera immer wieder betonte, sehr gut aus, jünger als manche andere, die sie kannte. Und sie kannte wirklich eine Menge Frauen in ihrem Alter, oder so.
Lisa zog den Gürtel von ihrem grauen Trenchcoat etwas fester. Sie trug eine enge hellblaue Jeans und hellbraune Stiefeletten, ein dunkelbraunes Top und eine leichte rosa Strickjacke unter dem Mantel. Es war Oktober und das Wetter war so unbeständig wie Petes Launen in den letzten Wochen, bevor sie ihn verließ. Nein – bevor sie sich trennten.
Sie sah erneut auf ihr Handy. Er meldete sich nicht! Was war bloß in ihn gefahren?
Entschlossen griff sie nach ihrem Haustürschlüssel, öffnete die Tür und stand „ihm“ gegenüber. Er war im Begriff zu klingeln und sichtlich erschrocken.
„Ihm“ – das war der Neue, der glücklicherweise blonde Haare hatte, so dass ihre Gehirnzellen nicht allzu lange brauchten, um ihr zu sagen: „Er ist es nicht!“
Nach dem ersten Schreck lächelte er dieses über alles bestechende Lächeln.
Auch wenn Lisa ihm noch immer übel nahm, wie unverschämt er glaubte, über sie bestimmen zu können, lächelte sie zurück und war einfach nur glücklich, gemeinsam mit ihm Zeit verbringen zu dürfen.
