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Romy und Silas wollen zusammen sterben. Vor langer Zeit hatten sie sich dieses Versprechen gegeben. Gemeinsam sitzen sie vor ihrem Haus in den Dünen, halten sich an den Händen, bereit zu gehen. Wenige Stunden später erwacht Silas. Neben ihm im Schaukelstuhl liegt der leblose Körper seiner großen Liebe. Wieso ist er nicht gestorben?
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Seitenzahl: 110
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Lu BonauerDie Liebenden bei den Dünen
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© 2020 Kommode Verlag, Zürich
Der Kommode Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einer Förderprämie für die Jahre 2019–2020 unterstützt.
Mit Unterstützung von
Pro Helvetia, Schweizer Kulturstiftung
1. Auflage
Alle Rechte vorbehalten.
Text: Lu Bonauer
Lektorat und Korrektorat: Patrick Schär, www.torat.ch
Cover, Satz und Layout: Anneka Beatty
Druck: Beltz Grafische Betriebe
ISBN 978-3-9525014-3-6
Kommode Verlag GmbH, Zürich
www.kommode-verlag.ch
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Novelle
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Für Helen
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Willst du schon gehen?
Der Tag ist ja noch fern.
Es war die Nachtigall und nicht die Lerche,die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang.
William Shakespeare, Romeo und Julia,3. Akt, 5. Szene
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Silas wusste, dass sich Geschehnisse in der Erinnerung verändern, dass die Erinnerung ihre eigenen Gesetze hat, dass er sich an ihre Geschichte auch hätte anders erinnern können – mit etwas weniger Pathos, weniger larmoyant, nicht so theatralisch, meldete sich Romys Stimme.
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Silas, der nicht schlafen konnte, betrachtete von der Veranda aus das Meer; es glitzerte im Dunkeln, eine Vielzahl von Punkten, und er hoffte, dieser nächtliche Schimmer dort draußen würde ewig bleiben und der Tag, der bald begann, wäre unerreichbar. Er stellte sich vor, auf einem Schiff zu sein und von dort aus, in sicherer Ferne, nach ihrem Haus Ausschau zu halten. Dieser Tag, der sich in seinem Kopf festgesetzt hatte. Dieser Tag, der so anders werden würde. Dieser Tag, der so normal begann.
Wie immer bereiteten Silas und Romy das Frühstück gemeinsam zu, Spiegeleier, Brötchen und starker Kaffee. Das Meer war von der Küche aus zu sehen und strahlte jetzt in einem herrlichen Indigoblau. Es war Dienstag, der 6. Mai – die Backofenuhr zeigte 08:33. Sie sprachen nicht viel. Hie und da strich Silas seiner Frau über den Rücken. Und Romy tat es ihrem Mann wenig später nach.
Hast du es dir wirklich gut überlegt? Romy hatte diese Frage beharrlich gestellt. Manchmal schon beim Aufstehen, beim Frühstück oder wenn sie zusammen auf dem Sofa saßen. Mit der Zeit wie beiläufig erwähnt, zwischen andere Sätze geschmuggelt. Schau, die niedrigen Wellen, schau, der Himmel, so wolkenlos – bleibst du wirklich bei deiner Entscheidung?
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Die letzten Wochen und Monate waren wie ein gemeinsamer schwebender Stillstand gewesen. Doch wenn Silas an ihren letzten Herbst zurückdachte, dann hörte er die Regentropfen, wie sie ans Fenster trommelten, rastlos und schwer. Während draußen über mehrere Tage das Unwetter tobte, hatten sie Listen erstellt, was sie unbedingt noch vor der Fahrt hierher erledigen wollten.
In der Zeit, die ihnen noch blieb, waren sie nach dem Frühstück am Strand entlangspaziert, ehe sie den Weg landeinwärts nahmen. Nach einem Fußmarsch von gut einer Viertelstunde kamen sie zum nächsten Anwesen, das einem einheimischen Ehepaar gehörte, ein kleiner Hof, nichts Großes, zwei Pferde, ein Hund. Der war so alt wie das Gebälk, das die Scheune zusammenhielt, sodass er meist in den Tag hineinschlief und nur aufbellte, wenn sich jemand dem Grundstück schon bis auf fünf Meter genähert hatte; was eigentlich nie vorkam, außer wenn Silas und Romy heranspazierten.
Auch an diesem Tag fand der Spaziergang zum Hof statt. Wie immer lief sie ein ganzes Stück vor ihm, und er hielt den Abstand ein, bis sie zu ihm herschaute und er mit seinem Stock winkte. Wie immer war sie vor ihm beim Hof. Dass sie dort schon eingetroffen war, wusste er, weil er im Wind das Bellen hörte.
Spaziergang. Hof. Hund. Ein, zwei Worte. Sie wollten alles so normal wie möglich bestreiten, das Page 13hatten sie vorher ausgemacht. Auch wenn heute Romys Geburtstag war, ließen sie diese Bedeutung unerwähnt. Romy hatte diesen Tag ausgewählt, mehr gab es dazu nicht zu sagen. Und niemand würde anrufen, um zu gratulieren. Auch dafür hatten sie gesorgt.
Später an diesem Tag, als das Meer in einem verwegenen Blau schimmerte, stellte Silas den Fernseher an, zappte herum, bis Romy vom Schwimmen zurückkam. Und noch etwas später saßen sie beieinander auf dem Sofa und sahen sich alte Fotos an, die meisten schon etwas verblichen. Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die Silas damals selbst entwickelt hatte, in der Dunkelkammer der Universität. Auf den Fotos war der Herbst zu erkennen, Blätter an den Ästen der Parkbäume und heruntergefallene Blätter im Gras; und natürlich sie beide, gerade mal ein halbes Jahr zusammen. Sie war so schön gewesen – sie war noch immer schön. Ihre Augen glitzerten, als sie merkte, dass Silas sie betrachtete. Sie versuchte zu lächeln. Die Falten um ihre Lippen zitterten – Ach, Silas, sagte sie, und nun sind wir hier.
Wir könnten nochmals spazieren gehen, sagte Silas, doch Romy sprach sich dagegen aus. Lass es gut sein. Sie sagte es leise, aber bestimmt. Obschon ihre Stimme an Kraft verloren hatte, hatte sie noch immer diese Eindringlichkeit, wenn sie sich gegen etwas zur Wehr setzte.
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Der stärker gewordene Wind trieb die Wellen ans Ufer. Romy stellte die Gläser bereit. Während sie in der Küche sorgfältig alles herrichtete, saß Silas auf der Veranda. Er war unruhig. Das flaue Gefühl in der Magengegend verschwand einfach nicht. Er hatte keine Angst vor dem, was ihnen bevorstand – und während er am Horizont einen dunklen Punkt ausmachte, der sich bloß als Möwe entpuppte, die aus der Sonne geflogen kam, erinnerte er sich. Dasselbe Gefühl hatte er schon einmal gehabt, während der ersten Wochen von Romys Schwangerschaft.
Das Sterbeli, sagte Romy plötzlich neben ihm, und Silas drehte sich halb zu ihr um – den Namen hatte sie vor wenigen Wochen dafür erfunden. Er wollte ihr noch so viel sagen, aber er schwieg, weil Romy jetzt seine Hand hielt, die Augen geschlossen.
Sie saßen die nächste halbe Stunde eng beieinander, still, redeten kaum mehr, zwischendurch schaute Silas auf die Backofenuhr. Alles stand bereit auf dem Tablett in der Küche, die beiden Gläser, in die Romy das Sterbeli getropft hatte.
Die letzte Stunde zogen sie sich noch einmal ins Schlafzimmer zurück, legten sich hin, halfen sich gegenseitig, einander zu berühren und zu liebkosen, dann lösten sie sich voneinander. Sie atmete mit schwerem Blick, weinte etwas; er nahm es kaum wahr, weil seine Hände viel fester zitterten Page 15als sonst. Er hatte Mühe, das Hemd anzuziehen, die für diesen Tag viel zu warme Hose, die Schuhe, die sie ihm vor ein paar Jahren gekauft hatte. Sie trug einen Baumwollrock, eine weiße Bluse und die Brosche, die er ihr zu ihrem sechzigsten Geburtstag geschenkt hatte und die ihn im Stillen daran erinnerte, dass auch heute ihr Geburtstag war.
Silas betrachtete sich prüfend im Spiegel, geduscht und rasiert hatte er sich schon am Morgen. Als Romy aus dem Bad trat, tat sie es mit einem Lächeln, das er nicht zu deuten vermochte und das auch nicht verschwand, als er sie über die paar Stufen bis zur versetzten unteren Wohnebene führte.
Während er die Schiebetür zur Veranda öffnete, ergriff sie das Tablett. Die Backofenuhr zeigte 18:11; sie hatten noch genau zehn Minuten.
Im Spätnachmittagslicht setzten sie sich auf die zwei bereitgestellten Schaukelstühle, dazwischen stand auf einem kleinen, runden Tisch das Tablett mit den zwei Gläsern, dazu hatte Romy den Brief gelegt, den sie schon vor zwei Wochen aufgesetzt hatte. Silas kontrollierte die Decke, die sich Romy über die Beine gelegt hatte, dann tat er dasselbe bei sich. Der Nachmittagswind hatte sich abgeschwächt.
Ich bin froh, sagte Romy, dass du bei mir bist. Sie gab Silas das Glas, seine Hände zitterten, so wie ihre, als sie ihr Glas nahm, dann schwiegen sie wieder, bis Romy ihm zuflüsterte: Ich habe nie aufgehört, Page 16dich zu lieben. Und er sagte dasselbe, beugte sich etwas auf ihre Seite und strich ihr noch einmal über die Wange, so wie er es immer getan hatte. Er wollte ihr sagen, dass es nun Zeit sei – da hatte sie schon den ersten Schluck mit dem Strohhalm zu sich genommen, sodass er sich beeilte. Sie stellten die leeren Gläser zurück, nahmen sich, wie abgemacht, an den Händen und schlossen die Augen. Die Luft war flirrend, sie fühlte sich an wie Seide; die angekommenen Wellen zogen sich zurück, und neue rollten ans Ufer.
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In die Stille hinein tröpfelte ein Rauschen. Silas wusste im ersten Moment nicht, von wo es kam, ob von draußen oder von drinnen, aus seinem alten Körper.
Er setzte sich im Schaukelstuhl auf und rieb sich ungläubig die Augen. Die Wellen rollten ans Ufer, zogen sich zurück, die wogende Masse drückte neue Wellen ans Land; weit in der Ferne, weit draußen auf dem Meer, ein Punkt, ein Schiff, vielleicht ein Frachter – und während er noch schaute, ließ ein schwacher Widerhall die Luft erbeben. Es war sein eigener Herzschlag.
Das Nächste, was er feststellte: dass Romys Hand nicht mehr in seiner war und neben ihm herunterhing – er erstarrte.
Er wusste nicht, wie lange er neben Romy gesessen hatte. Zwischen den vielen Fragen, die gleichzeitig an seine Schläfe hämmerten, verlangte sein ärztliches Gehirn nach Ordnung. Er sah sich in Gedanken aufspringen, die notwendigen Schritte einleiten, vielleicht den Magen auspumpen, reanimieren; aber er tat nichts, blieb einfach sitzen, saß wie betäubt auf der Veranda.
Als er erneut feststellte, dass Romy tot und daran nichts zu ändern war, ging ein Ruck durch seinen Oberkörper. Er starrte beim Aufstehen nur nach vorn, das Meer, der Punkt in der Ferne, als könnte Page 18er sich an ihm festhalten und sich zurück in das Leben ziehen. In was für eine närrische Situation war er da hineingeraten? Er wollte sich augenblicklich zu Romy begeben, mit ihr zusammen unterwegs sein, und nun ließ er sie im Stich.
Er hatte das Gefühl, die Stufen der kleinen Treppe zum Strand zu überfliegen, so wie früher in seiner Kindheit, wenn er in der Stille der Nachmittage die Böschung zu den Gütergleisen hinuntergesprungen war.
Was jetzt, Silas, was jetzt?
Er suchte in der Ferne nach dem Punkt, aber er konnte ihn nirgends sehen; das riss ihn aus seiner Lethargie. Er musste Herr werden über diese Situation, aber wie? Er war unvorbereitet. Unvorbereitet – was dachte er auch für einen Unsinn; das riss ihn nochmals aus der Versunkenheit, sodass er zurückzustapfen begann. Der Sand unter den Füßen kam ihm anders vor, wie ein sumpfiger Untergrund, der ihn nicht gehen lassen wollte, wohin er auch immer gehen wollte. Zurück natürlich, dachte er, zurück zu Romy. Ach, Romy, du meine Güte – er glaubte plötzlich, ihr Vorhaben würde erst morgen sein, natürlich, er hatte sich in der Zeit geirrt, es musste so sein; und er drehte sich wieder Richtung Horizont, fand es verrückt, nur nach diesem einen Punkt Ausschau zu halten, da es doch Tausende von Punkten gab, die unterwegs waren, und Tausende, die – noch unbeachtet – sich aneinanderreihten Page 19zu einer Geraden, einer Strecke, einem Weg, zu einer Verbindung, bedeutungsvoll und besonders auf ihre Weise, wie die Verbindung zwischen Romy und ihm.
Als sich ihre Wege das erste Mal kreuzten, war das Jahr 1960 schon sieben Monate alt. Bis zu diesem Augenblick waren sie sich noch nie begegnet, obschon sie beide mittlerweile in derselben Stadt wohnten – war es so gewesen?
Silas dachte darüber nach. Er sah Romy vor sich, kurzärmlig und vertieft in dieses Buch, das in ihr gemeinsames Leben nachhallen würde bis zu diesem Tag. Dieser Tag, an dem er hier stehen würde, verloren, verirrt in seiner Seele.
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Lange bevor sich ihre Wege das erste Mal kreuzten, verbrachten beide in ihrer Kindheit und Jugend viel Zeit mit Lesen, etwas, auf das in ihrer Erziehung Wert gelegt wurde. Geistige Werke waren konstante und selbstverständliche Begleiter. So verkopft sie sich während der gesamten Schulzeit nach außen gaben, insgeheim beschäftigten sie sich mit den Fragen der Liebe. Unabhängig voneinander schworen sie, sich der Liebe nur dann hinzugeben, wenn sie ihnen das Herz rasen ließ, wie sie es aus den Geschichten kannten, und sich zugleich beide Intellekte ineinanderfügten. Da waren zwar Page 20einige, die sich für sie interessierten. Doch nie trat eine solche Liebe in der Pubertät und im Gymnasium auf, und niemand von ihren Freunden wusste wirklich, was in ihnen vorging.
Silas war in seiner Kindheit oft vor Langeweile starr, ballte in seiner wütenden Monotonie die Fäuste in der Tasche. Dann saß er an der Böschung in der Nähe seines Elternhauses, das außerhalb der Stadt lag, und zählte die Waggons der vorbeifahrenden Güterzüge.
Als er alt genug war, selbst mit dem Zug in die Stadt zu fahren, sog er die Betriebsamkeit in sich auf, schaute wildfremden Menschen zu, was sie gerade taten oder nicht taten, und vergaß darüber die Zeit.
Obschon es in seiner Familie keine Mediziner gab, war es für ihn das einzig Richtige, sein Studium dem Interesse für den Menschen und seinen Körper zu widmen. Unter den Mitstudenten war er sehr beliebt. Er konnte seine Gedanken bei den hitzigen Debatten in den Cafés gut ausdrücken. Aber wenn es um Liebesdinge ging, hielt er dicht und ließ niemanden in sein Inneres blicken. Er galt als fleißiger Student, der immer einen Spruch auf den Lippen hatte, und einmal die Woche lief er über zwei Stunden am Ufer des Stadtflusses entlang, mehr um seinen Kopf für neue Gedanken zu leeren als der körperlichen Ertüchtigung wegen.
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