Die Liegnitz-Trilogie – 3. Der Junge aus Liegnitz - Siegfried Kobelt - E-Book

Die Liegnitz-Trilogie – 3. Der Junge aus Liegnitz E-Book

Siegfried Kobelt

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Beschreibung

Siegfried Kobelt wurde 1931 in Schlesien geboren. Seine gesamte Kindheit und den großen Teil der Jugend verlebte er in seiner Heimatstadt Liegnitz. Heute ist der Autor ein Leipziger, doch seine Gedanken kehren immer und immer wieder zurück in die schlesische Heimat. In verlorener Heimat geboren (1931-45) war der erste Teil einer Trilogie, die zur Erinnerung an Schlesien und vor allem an die Stadt Liegnitz beitragen soll. Es folgte der Band Flucht und Rückkehr (1944-50). Der Junge aus Liegnitz (1950-55) rundet das beachtliche Gesamtwerk ab. Nicht nur den Heimatvertriebenen wird gezeigt, welche Erinnerungen noch schwelen, welchen gewichtigen Inhalt das Wort Heimatvertriebene hat. Kobelts Trilogie wird die Erinnerung als Literatur bewahren, wenn es dann schon längst keine Heimatvertriebenen mehr gibt.

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Seitenzahl: 477

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Siegfried Kobelt

Der Junge aus Liegnitz

1950 - 1955

Vom schweren Anfang eines Spätaussiedlers

Der Autor erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit der Geschehen um seinen Helden herum. Vieles ist ihm noch widerfahren, was, alles geschildert, den Rahmen dieses Buches sprengen würde. Belassen wir es beim Angegebenen, nach der Devise: den einfachen Menschen auf den Weg geschaut! Eine richtige Erkenntnis darüber liegt allerdings erst vor, wenn man alle Werke der Trilogie des Autors kennt,

wobei vorliegendes den Reigen schließt.

Die Bezeichnung der Orte sind nach ihrer Zweckbestimmung oder ins Gegensätzliche gekehrt.

Die Namen der vorkommenden Personen wurden geändert.

Die Handlung trägt autobiographische Züge.

Impressum eBook:

eISBN: 978-3-86901-018-2

Copyright (2003) Engelsdorfer Verlag

Printusage:

ISBN 3-937290-44-3

Erste Auflage

Copyright (2003) Engelsdorfer Verlag

Alle Rechte beim Autor

Inhalt

Titelseite

Impressum

Der Junge aus Liegnitz

Prolog

1

2

3

4

5

6

7

8

9

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12

13

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15

Epilog

Der Junge aus Liegnitz

Mit neunzehn Jahren kommt Siegbert Ende 1950 aus den unter polnischer Verwaltung stehenden deutschen Ostgebieten. Im vorliegenden Fall aus dem ehemaligen Liegnitz in Schlesien. Wohin führt ihn sein Weg vom Anfang bis in die Mitte der fünfziger Jahre? Wie und unter welchen Umständen erfolgt seine berufliche und politische Entwicklung in dem für ihn noch fremden Teil des gespaltenen Deutschlands, nachdem er mit der „Kleinen Schlesischen Notgemeinschaft“ in einem von allen Verkehrsanbindungen weit abgelegenen Dorf in Thüringen angekommen war? Groß geworden im „Dritten Reich“ und danach fünf Jahre ohne Credo. Wie er sich tastend, erst zögernd, einmal begeistert, einmal abwartend der für ihn neuen Zeit stellt. Und wie das politische Umfeld einen jungen Menschen geformt hat, der allmählich dann doch glaubte, die Erziehung im Sinne des Kommunismus sei das Allheilmittel der Welt. Sein Eintritt in jungen, unbefangenen Jahren in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, der Organisation mit dem ovalen Abzeichen. Nach erfolgter Ernüchterung Austritt aus der Arbeiterpartei als noch junger Bürger der Deutschen Demokratischen Republik, des Vierzig-Jahre-Staates. Er blieb in diesem Staat. Er richtete sein Leben in ihm ohne ovales Abzeichen ein. Dadurch hielt er aus. Er wollte nicht ein zweites Mal seine deutsche Heimat weiter in Richtung Westen verlassen.

Rübezahls Brief an alle

Dar Rübezohl hot mir an Brief geschrieba.

A lässt Euch schien grissa und is noch drieba.

A will a su lange drieba bleiba,

weil no a por Schlesier durte sein.

Viel is zwor durte nimmer lus,

ma sitt lauter fremde Gesichter blus.

Und will ma amol mit dan Menscha sprecha,

do muss ma sich holb die Zunge brecha.

Ma fängt derbei ärschlich oan –

Un stots guten Tag, muss ma schendoppre soan.

Die Barge schreibt ar, die stiehn noch do,

wie ei aller Zeit, asu huch un bloo.

Schaut ma sich im, vo dar Kuppe aus,

do sitt olles no wie frieher aus.

Do liega die Felder, die Wiesa su frische,

die Derfer un Städtla un die Pische.

Do sitt ma no Derfla oan Windmiehlahiegel,

Bloe un rute Dächer oan weissa Giebeln,

Die Strossa sein no mit Kerschbäuma gesämt,

wie schien sitts aus, asu still un verträmt.

Un ob un zu, an weiße Fohne,

dos is der Rauch vo der Eisabohne.

Do is a Kerchhof mit Strächern un Rusa,

vo durte ruhn inse Tuta.

Die liege vergassa durt, die brauchta vo derheeme ne furt.

Jitz hot dar Rübezohl ane Froge druf möchte ar ana Antwort bale.

Wie giehts Euch ei da fremda Welt?

Hot ihr wieder Haus, Hof, Vieh und Feld?

Schun monchmol hoa ich bei merr geducht,

ob ihr olle seid gutt undergebrucht?

Hot ihr a Stiebla hiebsch un nette?

Hot ihr zum Schlofa a richtiges Bette?

Hot ihr wos urndliches oazuziehen,

oder misst ihr olle ei Lumpa giehn?

Ward ihr behandelt mit Freundlichkeit,

oder mit Mucka un Feindlichkeit?

Ich wills ne huffa, doch wenn’s asu wär

Un sie Euch nich gutt behandeln,

gläbt mirs; och, es fällt mer ne schwer,

mich als Teifel zu verwandeln un durt hie zu kumma,

die zu hulln, die Euch ne halfa un beistiehn wulln.

Un die dann beim Kripse nahma schnelle

un sie stussa nunder zur Helle.

Die Guda aber sulln unbehelligt blein

will ihr Freund sein, a recht guder,

will sie begrissa wie Schwaster un Bruder.

Will olla meine Patscha gahn, sull jeder meine Dankbarkeit sahn.

Ihr Lieba olle durt, verliert ne a Mutt,

bleibt ehrlich, standhoft, do giehts Euch o gutt.

Will Euch amol die Verzweiflung packa,

denns Schicksal hoot moncha gerne beim Nacka.

Die Arde dreht sich, die is eben rund,

na labt och schien sisse un bleibt gesund.

Es grisst Euch viel tausendmol der Harr der Barge,

dar R Ü B E Z O H L.

Verfasser dem Autor nicht bekannt!

PROLOG

Das Drama über den Kampf der schlesischen Weber gegen Armut, Hunger und Not schrieb unter anderen ein großer deutscher, in Schlesien lebender, Dichter.

Über die schweren Jahre eines Spätaussiedlers schreibt ein gebürtiger Schlesier als Gegenwartsautodidakt!

Ersterer ist ein großer deutscher Schriftsteller gewesen.

Der Gegenwartsautodidakt schöpft aus eigenen Erfahrungen und setzt sie literarisch um. Beide schrieben und schreiben als sozial fühlende Fachleute. Durchschlagend macht sie einzig die Echtheit des sozialen Gefühls der stofflichen Darstellung. Beide lieferten, beziehungsweise liefern aus Erfahrung und Anteilnahme heraus exemplarische Tendenzstücke.

Ein Erfolg von ungewöhnlichem Ausmaß – für Ersteren.

Für den Autodidakten? Soll sein Schaffen noch länger als wesenlose Schemen in der Luft schweben?

… und aus dem Chaos sprach eine Stimme zu mir:

Lächle und sei froh,

es könnte schlimmer kommen.

Und ich lächelte und war froh

und es kam schlimmer!

Winterstürme wichen

dem Wonnemondin

mildem Lichte

leuchtet der Lenz; -

(Richard Wagner / Die Walküre, 1. Aufzug, 3. Auftritt)

Der Jahreswechsel 1950/1951 war sehr ruhig verlaufen. Im Dorf am Ende der Welt. Es ist hier nicht nur seit der Ankunft der Kleinen Schlesischen Notgemeinschaft aus der Heimat, ihrem bis heute unvergessenen Liegnitz/Legnica still gewesen. Nein – hier im und um das Dorf herum herrschte eine nicht zu beschreibende Lautlosigkeit, bar jeglichen Treibens geschäftiger Art, das man gewohnt ist, überall dort zu finden, wo Menschen leben und wohnen. Und die Eltern mit Siegbert und Oma kamen alle vier aus einer Stadt. Sie dachten: Im Himmel kann es nicht stiller sein!

Gewöhnlich wünschten sich Mutter und Vater und Siegbert und Oma, Mutters Mutter, etwas für das „Neue Jahr“. Bei ihnen blieben alle Wünsche offen. Eine große Ungewissheit beschlich sie bei dem Gedanken an die Zukunft. Zu weit waren sie hier allem entrückt – entrückt worden. Wo und wie sollte es hier einen neuen Anfang, einen neuen Start in das Berufsleben für den Vater und eine Lehrstelle für Siegbert geben? Daß Mutter hier in dem kleinen, von aller Welt verlassenen Dorf nirgends eine lohnende Beschäftigung finden würde, um ihren ökonomischen Beitrag zum Neuanfang der Familie mit leisten zu können, lag auf der Hand. So waren eigentlich alle guten Wünsche für das Jahr 1951 eine Farce.

Man sagt den Schlesiern eine besonders stark ausgeprägte Heimatliebe nach. Erkennbar an ihrem ständigen Heimweh nach den Bergen und Tälern, den Flüssen und Seen, den Wäldern und weiten Ebenen, den Dörfern und Städten ihrer Heimat.

Ihre Heimat – und doch nicht mehr ihre Heimat! Was ihnen sicherer Besitz war, trägt jetzt fremde Züge, andere Menschen. Und es will ihnen manchmal selber wie ein böser Traum anmuten – und ist doch bittere, harte Wirklichkeit.

Es ist der Charakter der Deutschen, dass sie über allen schwer werden, dass alles über ihnen schwer wird!

Grund des gegenwärtigen, anfänglichen Daseins in der Fremde und weg von der Heimat war Siegbert. Fünf lange Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges hatte die Familie in Liegnitz ausgeharrt. Als danach immer noch keine Änderungen der Verhältnisse unter den jetzt dort regierenden, nicht deutsch sprechenden Administratoren in dem ehemaligen deutschen Ostgebiet abzusehen waren, entschloss sich die Mutter doch, die Ausreise aus Liegnitz für die Familie zu beantragen. Von dieser Entscheidung hielt Vater nicht viel und Oma gar nichts. Aber Mutter drückte ihren Entschluss wegen Siegbert gegenüber ihrem Mann und ihrer Mutter durch. Wie Mütter nun einmal sind, dachte sie an ihr Kind, das immer älter wurde, auch unter gegenwärtigen Verhältnissen. Selbst Jahre unter fremdsprachigen Administratoren zählen wie andere Jahre auch. Ihr Junge sollte die Möglichkeit haben, etwas zu lernen, etwas Eigenes aufzubauen und sich eine gesicherte Existenz zu schaffen. Dachte Mutter, zum Leidwesen von Siegbert, der mit seinen bereits neunzehn Jahren viel lieber für einen Sohn als noch für einen Jungen gehalten worden wäre. Aber viele Wünsche von Müttern auf die lang erhoffte Selbständigkeit ihrer Kinder gehen nicht auf! Das allerdings wusste Mutter bei all ihrem Hoffen noch nicht. Gerade die Selbständigkeit ihres Sohnes sollte sich spät, erst sehr spät sogar, einstellen.

Die angestammte Heimat zu einem selbst bestimmten Zeitpunkt zu verlassen, war schier unmöglich. Alles geschah auf Antrag bei den nun in Liegnitz regierenden Administratoren. Sie bestimmten, wann eine deutsche Familie ausreisen durfte – oder auch nicht.

Es ist wohl das größte und einzige Zugeständnis in ihrem Leben gewesen, bei den 1950 in Liegnitz Regierenden den schriftlichen Antrag auf Ausreise aus der Heimat zu stellen. Es kam einer Kapitulation gleich! Aber Ausreise mit Möbeln war möglich. So verließen sie Liegnitz. Zum dritten Mal – und nun endgültig – ohne ein nochmaliges Zurück ins Auge zu fassen. Die Heimat – sie war damit für immer nicht nur aufgegeben – nein – für sie ist sie dadurch für immer verloren.

Nun waren Siegbert und seine Angehörigen schon zweimal von Liegnitz fort gewesen. Am 9. Februar 1945 auf der Flucht vor den „Siegern“. Am 26. Mai 1945 kehrten sie aus dem ehemaligen, auch nur bis 8. Mai 1945 deutschgebliebenen Sudetenland, wieder zurück. Und da war plötzlich aus ihrem Liegnitz, für sie unfassbar – Lignica –, wobei man sich wenig später auf Legnica einigte, geworden.

Dann ist Johanni 1945 noch so ein schwarzer Tag für sie gewesen. Einer Invasion gleich kamen immer mehr Menschen aus dem Osten in die bisher rein deutsche Stadt Liegnitz. Menschen, deren Land die „Sieger“ nach dem zweiten Weltkrieg an sich gerissen und für das ihre erklärt hatten. Von den „Siegern“ wurden die Grenzen ihres eigenen Landes weit nach Westen verlegt und die dort ansässige Bevölkerung vor sich hergeschoben. So kamen sie bis Liegnitz. Was sie suchten, waren intakte Wohnungen für ihre Unterkunft und neue Daseinsberechtigung in einem auch für sie noch unbekannten Land, das erst ihre neue Heimat werden sollte.

Die noch verbliebenen und wieder zurückgekehrten Deutschen wichen aber nicht aus ihren wieder instandgesetzten Wohnungen. Aber mit den leeren Häusern, von den „Siegern“ völlig verwüstet, wollten sich die Neuankömmlinge aus dem Osten nicht zufrieden geben. Leere Häuser und Wohnungen waren genügend vorhanden. Abertausende deutsche Bürger der Stadt Liegnitz sind nach ihrer Flucht vor den „Siegern“ im Januar/Februar 1945 nicht wieder in die Stadt zurückgekehrt. Auch viele deutsche Einwohner hatten bis 1946 Liegnitz bereits wieder Richtung Westen, Richtung Restdeutschland, verlassen.

Also steckten sich die Neuankömmlinge hinter die „Sieger“. Sie sollten die Deutschen mit Gewalt aus ihren Häusern und Wohnungen vertreiben. Was die „Sieger“ dann auch mit vorgehaltener MPi taten und die Deutschen aus der Stadt hinaus trieben.

Auch Siegbert mit seinen Eltern war davon betroffen. Sie kamen aber, wie so viele Liegnitzer auch, nur bis Haynau, einer ungefähr zwanzig Kilometer westlich von Liegnitz gelegenen Kleinstadt. Um drei Tage später zum zweiten Mal in wieder arg verwüstete Häuser und ebensolche Wohnungen zurückzukehren.

Siegbert und seine Eltern, Oma ist da tragischerweise in Liegnitz geblieben, konnten ganz einfach nicht von ihrer alten, schlesischen Heimat, von ihrer aller Geburtsstadt Liegnitz (außer Vaters), lassen. Liegnitz war wie ein Magnet. Er zog nicht nur an, er hielt auch fest. Keiner von ihnen konnte sich fast ein Jahr nur nach dem zweiten Weltkrieg vorstellen, woanders zu leben. Wo auch nur? Sie hatten immer in Liegnitz gelebt! Dass das nun nicht mehr möglich sein sollte, begriffen Siegbert und seine Eltern nicht; und Oma gleich gar nicht.

In Unkenntnis der Sachlage und in Ermangelung von Massenmedien harrte Siegbert mit seinen Eltern und Oma fünf lange Jahre in ihrem Liegnitz, das nun wohl endgültig Legnica hieß, aus.

Am 20. September 1950 verließen sie mit Möbeln, das heißt, den allerwichtigsten und allernotwendigsten Hausrat mitführend; ihre Heimatstadt Liegnitz für immer Richtung Osten! Eigentlich lag Restdeutschland, die eben gegründete Bundesrepublik Deutschland und die kurz danach aus der Sowjetischen Besatzungszone Deutschland entstandene Deutsche Demokratische Republik, der Vierzig-Jahre-Staat, weit westwärts von Liegnitz! Aber das Auffanglager Breslau-Hundsfeld von den jetzt gegenwärtig regierenden Administratoren von Schlesien für „freiwillig die Heimat verlassen wollende“ Deutsche, das lag eben ostwärts.

Die undurchschaubaren Machenschaften, denen die deutsche Bevölkerung überall in den deutschen Ostgebieten seit Ende des zweiten Weltkrieges ausgeliefert war, setzten sich auch in Breslau-Hundsfeld fort.

Die Kleine Schlesische Notgemeinschaft wurde dort zurückgehalten. Warum? Niemand hatte ihnen gegenüber dafür auch nur die geringste plausible Erklärung.

Nach fast einem viertel Jahr Lager-Lotter-Leben kam wie ein Paukenschlag plötzlich der „Befehl“ zur Ausreise. Ungewissheit ist wohl der größte Störfaktor einer menschlichen Seele. Die Bitterkeit, die davon ausgeht, bleibt im Herzen zurück.

Als der zusammengestellte Sonderzug nachts und im Finstern endlich Richtung Westen fahrend die Oder-Lausitzer Neiße-Friedensgrenze überquerte und die ersten Räder der Lokomotive das nach dem zweiten Weltkrieg noch deutsch gebliebene Land berührten, bemerkten es Siegbert und seine Angehörigen nicht. Nun waren sie in Deutschland, im Vierzig-Jahre-Staat. Bis Eisenach/Thüringen ist der Zug durchgefahren. Weiter leider nicht! Die Grenze, die danach folgte, blieb ihnen verschlossen. Sie waren ja bereits in deutschen Landen!

Siegbert und seine Angehörigen nahmen alles hin, wie es gewesen ist. Sie waren sich alle vier beim Überqueren der Oder-Lausitzer Neiße-Friedensgrenze nicht mit Tränen in den Augen in die Arme gesunken und haben etwa geweint. Schmerz kann auch still erduldet werden. Man kann nicht die angestammte, alte, urwüchsige schlesische Heimat verlassen müssen, um dann in Jubel auszubrechen, wenn man gezwungenermaßen sächsischen Boden betritt. Sie nahmen es emotionslos zur Kenntnis, von den deutschen Ostgebieten nun in einer für sie neuen Gesellschaftsordnung eingetroffen zu sein.

Die ökonomische Umstellung begann. Die Hürde sollte hoch sein. Sie wurde nie richtig genommen. Sie fiel zwar um, aber keiner überwand sie, daher blieb das Ziel offen. Siegbert sollte es erreichen. Aber spät, sehr spät erst.

Lass dir die Heimat nie zur Fremde und die Fremde nie zur Heimat werden! So blieb Siegbert, den Eltern und der Oma nur ihre uneingeschränkte, urwüchsige, schlesische Kraft, irgendwie den Neuanfang unter erschwerten Bedingungen doch zu schaffen.

Vater war von kleiner, kräftiger Statur. Sein Gesicht trug strenge, ebenmäßige Züge. Um die Mundwinkel ist immer ein kleines Lächeln gewesen. Winkte ein Rock, verfolgten ihn Vaters Blicke. Er ist stets allem weiblichen nicht abgeneigt. Selbstverständlich zum Leidwesen von Mutter. Denn:

Wer sich vom goldnen Ringe

goldne Tage nur verspricht,

der kennt den Lauf der Dinge

und das (Herz) Leben der Männer nicht!

Im Leben setzt eben auch Gold oft ein wenig Patina an.

Und Siegbert, etwas hochgeschossen, die Männlichkeit sollte sich erst jetzt einstellen, zollte Vater hohen Respekt. Einen Kopf bereits überragte er den Vater. Und manchmal saß die Hand von Vater immer noch locker, selbst wenn er sich dabei hoch nach oben strecken musste um seinem Sohn „Streicheleinheiten“ zu verabreichen. Aber er war flügge, bald würde er sich abnabeln von der väterlichen, der elterlichen Erziehung. Machte er dann Fehler, musste er sie selbst verantworten. Jeder Mensch ist schließlich das Produkt seiner Erziehung. Und was er bereits in seinen jungen Lebensjahren erlebt, gesehen und erduldet hatte, formte ihn. Streng war Vater ihm gegenüber gewesen und das hatte ihn für sein späteres Leben den Stempel des Anstandes für seine Umwelt aufgedrückt. „Disziplin in jeder Situation wahren“ ist der eines wohlerzogenen Menschen.

Oma, eine biedere, alte Frau, klein, ein wenig rundlich, wie Omas zu sein pflegen, hatte seit Mitte ihrer vierziger Lebensjahre linksseitig eine Schüttellähmung. Trotz ihrer Behinderung war sie immer auf ein gutaussehendes Äußeres bedacht. Sie wäre nie ungekämmt oder in einer Schürze über ihrer Bekleidung auf die Straße gegangen. Ihr drittes Bein ist der Stock gewesen. Siegbert konnte sich nicht erinnern, Oma je ohne ihr wichtiges Utensil gesehen zu haben. Sie wurde nur ungeduldig, wenn Mutter sie morgens nicht gleich frisierte. Das heißt, sie kämmen und den Haarkranz stecken. So lange Siegbert noch zu Hause gewesen ist, musste er oft einspringen, Oma zu frisieren. Er maulte zwar und versuchte sich zu drücken. Aber Oma ließ nicht locker und er sich dann doch herab, Oma „oben herum“ schön zu machen.

Mutter war klein, dem Vater angepasst. Optisch sind die Eltern zusammen ein gut anzuschauendes Paar gewesen. Charakterlich wesentlich weniger. Sie hatte ein bisschen eine wuschelige Art, mit einem kleinen Hang zur Oberflächlichkeit. In der Kleidung natürlich nicht, sonst wäre Mutter wohl keine Frau. Von Natur aus permanent schlank und immer die Haare in Ordnung, machte sie eine gute Figur. Rundherum ein hübsches Frauchen.

Nun war Siegbert ihr „Ableger“, wie die Eltern ihren Sohn bezeichneten. Ihm selbst ist solch eine Darlegung seiner Person gar nicht recht gewesen. Freilich wurde er nicht nur in seiner Jugend oft genug gehänselt, da man Zweifel aufkommen ließ, ob die Eltern auch seine richtigen Eltern sind. Auf Grund des hohen, schlanken Wuchses von ihm für die Umwelt verständlich. Aber viele Kinder sind ihren Eltern über den Kopf gewachsen, so eben auch er. Und dazu war er von sympathischem, ästhetischem Äußerem – und das wusste er. Hat es aber nie in den Vordergrund seiner Person gestellt. Es ist halt so!

Auch ist er der Grund gewesen, weshalb geheiratet werden „musste“. Ein uneheliches Kind. Welch eine Schande! Und alleinerziehende Mütter kannte man im Jahr der Geburt von ihm noch nicht. Bereits im August, nun ja, ein wenig früh, erblickte an einem furchtbar schwülen späten Nachmittag laut schreiend Siegbert von rechtlich getrauten Eheleuten als Eltern das Licht der noch heilen Welt von Liegnitz.

Wie? Welchen Handel

hätt’ ich geschlossen?

In Tiefen und Höhen

treibt mich mein Hang;

Haus und Herd

Behagt mir nicht;

(Richard Wagner, Das Rheingold, 2. Auftritt)

Als die Kleine Schlesische Notgemeinschaft Ende November 1950 endlich im Zug Richtung Deutschland? saß, ließ ein bekannter junger Mann der mit fuhr, ebenfalls ein Liegnitzer, in Form von Kartenlesen das Orakel über sie ergehen. Sicher, es war nur eine willkommene Abwechslung bis zur „endlichen“ Abfahrt des Zuges gen Westen. Siegbert belächelte den Eifer, mit dem die Eltern und auch Oma den Deutungen des Kartenlesers folgten. Persönlich glaubte er an so etwas nicht. Er dachte im Stillen. So ein Scharlatan, der will uns nur die Zukunft vermiesen! Bei ihm kam er da nicht an, er ist zwar Romantiker gewesen, aber mit Illusionen hatte er nichts im Sinn. War’s Wahrheit, war’s Phantasterei, was die Karten aussagten? Es muss offen bleiben! Ein Lot Wahrheit steckte vielleicht doch dahinter? Er erinnert sich nicht mehr an Details. Aber eines ist in seinem Gedächtnis hängen geblieben, das Orakel ist durchaus negativ gewesen. Schlechter können Karten die Zukunft von Menschen gar nicht aussagen. Das Damoklesschwert hing über ihm und seinen Angehörigen – schwer und gewaltig – alles erdrückend und niederschmetternd.

Als der junge Kartenleger das Zugabteil wieder verlassen hatte, saßen die Eltern und Oma ob dieser völlig negativen Kartenprophezeiung in sich gekehrt auf ihren Plätzen. Hatten die Offenbarungen des Kartenlegers solchen nachträglichen Eindruck hinterlassen? Siegbert fand das Verhalten von den Eltern und Oma fast beängstigend. So rasch ließen sie sich doch sonst nicht beeinflussen? Wie heißt es doch in der Oper „Carmen“ von Georges Bizet: Wenn die Karten bitteres Unheil künden …!

Das bittere Unheil war nicht von ungefähr! Es sollte für alle vier, vielleicht für Oma nicht ganz so hart, für die ersten Jahre in der „neuen“ Heimat makabre Tatsache werden. Orakel hin – Orakel her, ein Körnchen Wahrheit steckte schon in den Karten. Und für Siegbert und seine Eltern sollte es nicht nur ein Körnchen sein, sondern ein gewaltiges großes Korn.

Die Aussagen der Karten betrafen nicht Liebe, Treue, Eifersucht, Krankheit oder sogar Tod – nein – sie waren ausschließlich auf wirtschaftliche Existenz ausgerichtet. Und gerade diese Aussage ist niederschmetternd gewesen. Da liebten die Karten sie alle vier gar nicht. Die Karten aber konnten es nicht wissen, wie recht sie behalten sollten. Es kam so, wie sie es vorausgesagt hatten. Die Scharlatanerie wurde zur unumstößlichen Wahrheit auf Jahre. Längst vergessen waren die Auslegungen des Kartenlegers, da hatten Siegbert und seine Eltern ihr „Wirtschaftswunder“ noch lange nicht erreicht.

Nun hier im Dorf war die momentane Trostlosigkeit durch die gegenwärtig herrschende Jahreszeit veranlasst. Es ist Winter und alle Felder ringsherum abgeerntet. Bis an den Horizont breitete sich eine weitreichende Ackerlandschaft vor den Blicken aus. Die Witterung war recht unbeständig. Alles grau in grau. Mal Schnee, der aber schnell wieder wegtaute und die nicht befestigten Dorfstraßen und Wege für Fußgänger fast unpassierbar machte. Blieb der Schnee eine Zeit liegen, sah die Landschaft wie überzuckert aus, und die Stille wich einer Grabesruhe ohnegleichen. War Frost und Raureif, sahen Bäume und Sträucher des Umfeldes ob ihres bizarren Anblickes wie im Märchen aus.

Aber Siegbert, die Eltern und Oma durften sich nichts vor machen, sie lebten nicht im Märchen – sie hatten die raue, harte Wirklichkeit, gegen die sie sich nicht verschließen konnten. Ob Schnee lag oder nicht, ob Raureif an den Zweigen hing oder nicht, ob sie die Felder leer anstarrten oder nicht – ihnen ist bang und schwer ums Herz.

Selbst Erholungssuchenden wäre diese majestätische Ruhe unheimlich vorgekommen. Das Dorf lag weit ab von jeglichem Verkehr, der auch nur im geringsten ruhestörenden Lärm hätte auslösen können. Wer einmal im Dorf war, war da, denn weiter ging es nicht. Bauer Meier, bei dem Siegbert mit seinen Angehörigen wohnte, besaß den vorletzten Bauernhof im Dorf. Der ausgefahrene Landweg, welcher am Bauernhof der Meiers vorbei führte, endete im Hof des letzten Bauern vom Dorf. Aus! Bis dahin – und nicht weiter!

Wo sollte da Verkehr herkommen? Wie sollte da Lärm entstehen? Alles Land war noch in privater Hand, wir schrieben schließlich erst das Jahr 1951. Jeder Bauer – und es gab im winzigen Dorf nur Bauern – hatte nach dem zweiten Weltkrieg Heimatvertriebene aufgenommen, aufnehmen müssen.

Die Aufnahme von Heimatvertriebenen in ihre Häuser war für die Bauern zur nichtverhinderbahren Tatsache geworden. Ob sie nun wollten oder nicht. Also mussten die Bauern diesen „freiwilligen“ Zwang auf sich nehmen, wenn sie es sich mit der gegenwärtige regierenden Obrigkeit nicht verderben wollten. In allen Amtsstuben saßen jetzt der neuen Gesellschaftsordnung angepasste Vertreter. So vollzog sich die Unterbringung der Kleinen Schlesischen Notgemeinschaft beim Bauer Meier aus dem Muss vertreten durch genannte Herren.

Dazu kam noch, dass man alle Neuankömmlinge im Dorf als Flüchtlinge, als Umsiedler, als Heimatvertriebene (aber das am wenigsten), als die aus dem Osten, titulierte. Keiner im Dorf kam einmal auf die Idee, das alle Neuankömmlinge genau so Deutsche sind, wie sie selbst. Allen blieb am Anfang jegliche Anerkennung zum Deutschtum durch die alteingesessene Dorfbevölkerung versagt. Und das tat weh. Nein, es schmerzte sogar.

Diese Auslegungen entbehrten für alle zwangsweise Zugereisten nicht eines bitteren Nachgeschmackes. Hohn kam bei solchen Worten durch. Alles, was aus dem Osten kam, galt hier in Mitteldeutschland vorläufig ans anrüchig, fast asylant. Für ganz grobschlächtige Bauern waren alle schlichtweg „Polacken“. Welch eine hanebüchene Auslegung über das Deutschtum im Osten des ehemaligen Deutschland, über die Herkunft der Neuankömmlinge. Was für eine Verquickung? Die Neuankömmlinge sprachen nach Anhörung der Bauern alle wohl rein zufällig deutsch? An der Tatsache des absoluten Deutschtum der Heimatvertriebenen kamen die Alteingesessenen nun einmal nicht vorbei. Der Dialekt war zwar unterschiedlich. Einmal städtisch, einmal ländlich, einmal schlesisch, einmal ostpreußisch, einmal sudetenländisch, aber in jedem Falle von Grund auf deutsch.

Natürlich brachten die unerwünschten und von den Bauern nicht eingeladenen und nicht gerufenen Neuankömmlinge unliebsame Unruhe in die still vor sich hindösenden Bauernhäuser. Zumal alle außerhalb der von der eigenen Bauernfamilie nicht benötigten Räumlichkeiten klein, eng, niedrig und grundsätzlich mit rohen Holzdielen versehen gewesen sind. Nichts, was zu einer anheimelnden Atmosphäre beitrug. Dazu waren die kleinen, von den Bauernfamilien nicht benötigten und daher von ihnen nicht bewohnten Stuben nur dürftig mit Mobiliar für die Neuankömmlinge ausgestattet.

Bauer Meier hatte mit der Familie aus Liegnitz Glück. Angekommen sind sie bei ihm nur mit ihrem Handgepäck. Erst zwischen Weihnachten und Neujahr kamen dann die eigenen Möbelstücke und das übrige Gepäck nach. Freilich, am Anfang glaubte das im Dorf niemand. Aber daran waren die Heimatvertriebenen selber schuld. Erzählten sie nicht überall herum, was sie zu Hause alles an Gütern, Land und Häusern besessen hatten? Wer sollte den Heimatvertriebenen glauben, wenn sie in ihrer sogenannten „Neuen Heimat“ mit ihrem zerschlissenen Köfferchen und einem, von langer Irrfahrt ramponierten, Pappkarton ankamen?

Die Schlesier sind da besonders gewitzte Menschen. Sie glauben, wenn sie erzählen, was sie zu Hause alles besessen hatten, würde sich das auf die Unterbringung in der „Neuen Heimat“ auswirken. Heimatvertriebene waren Heimatvertriebene! Die zuständigen Behörden haben betreffs Wohnraumzuweisung solche Argumente von angeblichem Besitztum aus dem Herkunftsland überhaupt nicht interessiert. Jeder Heimatvertriebene ist bei seiner Ankunft nur eine Nummer gewesen. Und die Herren mit dem ovalen Abzeichen am Revers sahen ihre Aufgabe nur darin, die neu angekommenen Heimatvertriebenen zahlenmäßig gleich auf die Dörfer zu verteilen. Es war wie beim Poker! Man konnte Glück haben mit der von der Behörde zugewiesenen Unterkunft oder auch nicht.

Die Bauernhäuser hatten alle nur einen Erdgeschosstrakt und darauf saß die „Erste Etage“. Das Erdgeschoss beherbergte links die Küche je nachdem mit Futterküche oder Waschhaus. Letztere Räume lagen getrennt vom großen Wohnraum, indem sich das Familienleben der Bauernfamilie am Tage abspielte. Rechts schlossen sich die Stallungen an.

In der „Ersten Etage“ lagen die Kammern. Das waren aber keine Kammern mit Holzlattenabsperrungen, wie die Städter sie aus ihren großen Mehrfamilienhäusern kennen. Kammern hießen diese Räumlichkeiten vielleicht nur, weil sie vom Quadratmeter her so klein gewesen sind.

Was an Kammern übrig blieb, waren die absolut kleinsten. Und in die kamen die der Bauernfamilie aufgezwungenen Heimatvertriebenen.

Diese „Gemächer“ befanden sich aber über den Stallungen. Es lag auf der Hand, dass die Bauernfamilie nicht danach trachtete, dort zu nächtigen. Ihre „Gemächer“ nämlich lagen über den Wohnräumen und daher ungestört von Stallgeräuschen. Die nächtlichen Stallgeräusche hatte Siegbert mit seinen Eltern und Oma in ihren „Gemächern“. Darunter rumorte nachts das Vieh und man hörte das Klirren der Ketten der angeschirrten Tiere bis nach oben durch die dünne Decke des Fachwerkbaues. Oft machte sich dumpfes Stampfen breit und eine übermütige Kuh gab ihre Laute preis. Die im Schlaf zu Siegbert und seinen Angehörigen dringenden Geräusche waren für sie ungewohnt. Zumal sie als Stadtmenschen dererlei Umfeld gar nicht kannten. Schlimm waren die störenden Geräusche aus den darunter liegenden Ställen in den ersten Nächten, als sie noch gezwungen gewesen sind, auf dem Holzdielenfußboden zu schlafen, weil die Betten noch nicht da waren. Die Wände dünn, die Holzdielen knarrten, die Stiege ächzte beim Betreten, und durch die einfachen, zum Glück relativ kleinen Fenster pfiff der Wind.

Bauern pflegen sich zeitig aufs Ohr zu legen, denn beim ersten Hahnenschrei ist für sie die Nacht zu Ende. Und an abendlicher Abwechslung, wie vielleicht Fernsehen, ist Anfang 1951 noch nicht zu denken gewesen.

Aber Siegbert und seine Angehörigen waren ausgeruht. Sie saßen herum, warteten, hofften und bangten. Mitunter gab es heftige, mehr oder minder anregende Dispute mit der einzigen Nachbarin, Frau Mettner. Man hörte durch die dünnen Wände hindurch die Stimmen. Dielen knarrten, Türen klappten! Und dann wurde Strom verbraucht, exakt ausgedrückt, Elektroenergie. Dem Bauern sein Stromzähler lief wie ein Brummkreisel. Er sagte eigentlich nie etwas dazu.

Siegbert und seine Angehörigen, na, kultiviert ausgedrückt, „bewohnten“ die ihnen zugewiesenen Kammern. Kam einmal jemand zu Besuch, konnte man nur noch seinen eigenen Schoß als Sitzplatz anbieten. Wenn Mutter mit dem Kochlöffel die Suppe auf dem mit festen Brennstoffen bestückten Herd umrührte, war es ratsam, das alle Anwesenden fluchtartig die Küche verließen, da Mutter sonst die erforderlichen Umdrehungen mit dem Kochlöffel ohne Behinderung gar nicht geschafft hätte.

Gekocht wurde nur auf dem Kohleherd. Im Sommer während des Heizens zum Kochen gab’s dazu kostenlos die reinste Sauna.

Erstaunlich – es kam mit dem Bauern und seiner Familie nie zum Eklat! Siegbert mit seinen Eltern und Oma war ihnen aufgezwungen worden. Die Bauernfamilie hatte sie nicht mit großer Begeisterung begrüßt. Sie sind nicht mit offenen Armen empfangen worden. Siegbert und seine Angehörigen lebten in dem Haus, weil sie es mussten. Man wünschte sich bei Begegnungen die jeweilige Tageszeit. Die Mitglieder der Bauernfamilie in einem Gemisch von sächsisch-thüringischen-bäuerischen Dialekt. Die Angehörigen der Kleinen Schlesischen Notgemeinschaft korrekt auf schlesisch. Etwas anderes war dieser damals noch nicht bekannt.

Denkt man dabei an Gerhard Hauptmann. Einige seiner Bühnenwerke sind in rein schlesischem Dialekt geschrieben. Gerhard Hauptmann erhob die Sprache Schlesiens vor der Welt ins Dichterische. Schlesisch als Dialekt ist nicht mehr gefragt. Denn nun liegt das Land des Ursprungs des schlesischen Dialektes außerhalb der Grenzen Deutschlands.

Überhaupt kann Dialekt zur Sperrzone der Verständigung werden. Dazu braucht man die Sprache wie zum Sprechen den Mund. Macht man den Mund auf und bewegt ihn, entweichen ihm Laute. Und diese Laute dringen ans Ohr eines Gesprächpartners. Die Grundlaute sind bei unserer Verständigung deutsch, die Nuancen der unterschiedlichen deutschen Landstriche die Mudart.

Siegbert sollte in Zukunft noch oft genug mit der Mundart der Region, in der er jetzt lebte, konfrontiert werden.

Nicht nur das Leben und das Umfeld eines Dorfes waren fremd, auch die Sprache, eben der Dialekt. Sollte Siegbert mit seinen Eltern und Oma länger hier leben, leben müssen, unter welchen Umständen auch immer, eine Anpassung war absolut von Nöten. Mutter und Oma sahen da nicht durch. Bei Siegbert und Vater kam schon eher die Erkenntnis sich anpassen zu müssen. Die Mundart von Siegbert, den Eltern und Oma ist nicht so stark schlesisch gefärbt gewesen, da sie aus der Stadt kamen. Freilich gab es innerhalb von ihnen ganz spezifische Redewendungen, die eben nur für sie Bedeutung hatten. Aber die ließen sich kurz oder lang in die hiesigen Redewendungen übertragen.

Nun – die Kleine Schlesische Notgemeinschaft war da – und horchte auf! Langsam, allmählich, auch anfangs noch mit ein wenig Unverständnis, versuchte sie ihre Umwelt zu verstehen. Ohne ihre ureigensten Heimatlaute je zu vergessen.

Siegbert flüchtete sich für die Zukunft ins Hochdeutsche. Es tat ihm gut, wenn man auch aufhorchte, rutschte ihm doch am Anfang ab und zu ein rein schlesisches Wort, ein rein schlesischer Begriff, in die Konversation. Da war er halt entdeckt. Siegbert gab sich zumindest Mühe, von seiner Umwelt verstanden zu werden.

Sie waren jetzt in Deutschland, das heißt, deutsch wurde hier zwar gesprochen, aber es ist die Deutsche Demokratische Republik gewesen, deren Existenz nur vierzig Jahre beschieden war. Die gesellschaftlichen Unterschiede sollten sie erst langsam begreifen. Sie wussten nur schon eins, denen in Westdeutschland, den Menschen in der kurz vor der Gründung des Vierzig-Jahre-Staates entstandenen Bundesrepublik Deutschland, ging es bereits gut, ihnen gegenwärtig …!

Und das Deutsch hier war eben nicht reines Deutsch, es ist ein thüringisch-sächsisch-bäuerisches Gemisch. Es sind die Urlaute der alteingesessenen Bauern dieser Region. Durch die Heimatvertriebenen traf hier das Deutschtum hart aufeinander. Aber war man da auch immer willkommen?

Dialekt hin – Dialekt her! Siegberts Mutter redete gern und viel, wie es Frauensitte ist. Sie war auch nicht zurückhaltend mit ihrer eigenen Meinung. Oft trug Mutter das Herz auf der Zunge. Aber da ist es manchmal gut gewesen, wenn sie nicht so recht verstanden wurde. Mutter verfiel nie in die Umgangssprache ihres Umfeldes. Ein Bäumchen biegt sich – ein Baum nimmermehr. Und Mutter war nun einmal so ein Baum mit vielen knorrigen Ästen. Da konnte bei einer Säge schon einmal ein Zahn stumpf werden, der dann später sogar ausfiel.

Oma versuchte in ihren schlesischen Dialekt ein wenig Noblesse einzubringen, um ihn, den Dialekt selbstredend, da, wo sie sich jetzt befand, salonfähig zu machen.

Na – und Vater erst, der protzte geradezu mit seiner Herkunftsmundart.

Das Dorf, welches Siegbert mit seinen Eltern und Oma aufgenommen hatte, lag im sogenannten Thüringenzipfel. Es gab noch die Ländereinteilung als Übernahme des vergangenen Reiches. Die Aufteilung der mitteldeutschen Regionen in dem ein Jahr vor der Ankunft von ihnen entstandenen Vierzig-Jahre-Staates in Bezirke sollte erst später erfolgen. Danach entstand dann der Bezirk, zu dem die Kreisstadt gehörte. Und das Dorf ist der letzte Ausläufer am absolut äußersten Rande dieser Kreisstadt gewesen. Also war das Dorf territorial zugehörig zum Bezirk, dem ausgesprochene sächsische Zugehörigkeit bescheinigt werden muss.

Heute haben wir wieder Länder. Und da gehört das Dorf und seine Kreisstadt ganz offiziell wieder zu Thüringen. Da kann man die Länder wechseln, selbst wenn man den Wohnsitz nicht ändert. Was bleibt, sind Dialekt, Sitten und Gebräuche.

Es war nicht nur der für die Kleine Schlesische Notgemeinschaft noch fremde Dialekt, der aus der Sprache ihres Umfeldes an sie drang. Nein, es ist die völlige Abgeschiedenheit gewesen, die wohl noch mehr auf Siegbert, den Eltern und Oma lastete. Wie lange sie im Dorf werden verweilen müssen, wusste niemand zu sagen. Aber wie von hier wegkommen? Und dann wohin? Sie wollten Ruhe, sie wollten endlich ein Zuhause. Aber würde es ihnen das Dorf geben? So eine Ruhe und von der Außenwelt eine völlig abgeschiedene Einsamkeit war nicht ganz nach ihrem Ermessen. Dazu sind sie viel zu sehr Stadtmenschen gewesen.

Wehmut schlich sich bei ihnen ein und sie dachten alle vier an Liegnitz. An die Turbulenzen der Stadt. Freilich, sie hatten sie verlassen müssen! Vergleiche betreffs des Umfeldes anstellen hieße Eulen nach Athen tragen. Aber das konnten eben nur sie allein. Hätten sie ihr Umfeld damit belasten sollen? Wir haben sie nicht gerufen – wäre wohl die denkbar mögliche Reaktion gewesen.

Einen Unterschied zwischen Stadt und Land hat es immer gegeben und wird es immer geben. Gut – aber muss es für Siegbert und seine Angehörigen ausgerechnet „das“ Dorf sein?

Was sollte hier wirtschaftlich mit ihnen geschehen? Vorerst gab es vom Vater Staat Fürsorge. Für Vater fünfzig Mark, für Mutter und Siegbert je fünfundzwanzig Mark im Monat. Oma erhielt endlich ihre kleine, bescheidene Rente. Ohne Nachzahlung natürlich! Die Jahre vom Ende des zweiten Weltkrieges bis Dezember 1950 waren finanziell für Oma verloren. Aber sie ist schon froh gewesen, sich pekuniär von ihrem Schwiegersohn und Siegbert abnabeln zu können und wieder ihr eigenes Geld zu besitzen. War doch Oma fünf lange Jahre in Liegnitz in allen Lebenslagen von ihrem Schwiegersohn, ihrer Tochter und später auch vom bereits verdienenden Siegbert abhängig. Aber die Eltern und Siegbert haben ihr das nie anmerken lassen. Oma hat Freud und viel, viel Leid mit ihnen gemeinsam getragen. Eine Last ist sie eigentlich nie gewesen. Sie hat sich immer nützlich gemacht, wo sie nur konnte und es ihre chronische Erkrankung zuließ. Nun war Oma plötzlich allen eine Nasenlänge voraus. Durch den Erhalt ihrer Rente hatte sie ihre festen Bezüge in permanenten Abständen. Und Vater, dass bis dato unumstrittene Familienoberhaupt, konnte zu Omas doch manchmal eingebrachten Wünschen und Traumvorstellungen nichts mehr einwenden. Oma, an sich immer lustig und fidel, legte die gespreizten fünf Finger der rechten Hand an die Nase in Richtung von Vater als wie: Jetzt bin ich endlich wieder unabhängig!

Oma, immer in bescheidenen Verhältnissen gelebt, fügte sich wohl als Erste in die neuen Lebensverhältnisse im Dorf ein. Sie hatte ihre Stübchenkammer, nahm wieder ihre altgewohnten und hochbewährten Handarbeiten auf und las viel. Dann waren da noch ihre Kinder! Denen ist sie jetzt ein Stück näher gekommen. Ein Wiedersehen durfte nicht ausgeschlossen sein. Seit fünf Jahren hatte sie keines ihrer Kinder und Enkel gesehen. Besuche sind nun möglich. Eher möglich, hätte das Dorf nicht gar so weit von aller Zivilisation gelegen. Für die ersten Treffen bahnten sich im übertriebenen Sinne gesehen Weltreisen an. Das Dorf lag eben weit ab vom Schuss! Zwölf ihrer Kinder hatte Oma in Liegnitz geboren. Sieben davon lebten noch bis 1945. Vier ihrer Kinder im Vierzig-Jahre-Staat. Also ohne weiteres erreichbar, da Oma jetzt auch Bürgerin dieses Staates war. Zwei Töchter lebten mit ihren Familien in der Bundesrepublik Deutschland. Weit und unerreichbar hinter dem Eisernen Vorhang. Oma wollte alle sehen, am liebsten gleich alle auf einmal. Aber gemach, gemach, auch Omas müssen Geduld aufbringen! Liegnitz war jetzt für die Kleine Schlesische Notgemeinschaft Legende und das Dorf reale Gegenwart. Und die Zukunft? Was wird sie für Siegbert, die Eltern und Oma bringen? Vielleicht sollten sie ihre Erinnerungen auf Kosten der Zukunft aus ihrem Gedächtnis verbannen und verdrängen, als das sie ihnen unablässig nachhingen? Erinnerungen sind wie Feuer und Wasser. Sie waren ohnehin trügerisch. Unangenehmes blieb schwarz/weiß im Gedächtnis, mit verschärften Konturen, während die angenehmen Dinge die Eigenschaft entwickeln, auszuwuchern und sich größer und imposanter einzuprägen, als sie der Wirklichkeit entsprachen. Siegbert unterlag als erster den Auswucherungen der gegenwärtigen Wirklichkeit.

Siegbert und seine Angehörigen waren bei Bauer Meier wie eine Ware ohne Wert abgegeben worden. Ware schon, aber ob ohne Wert, das wird die Zukunft weisen. Das alles ohne jegliche, staatliche Fürsorge geschah, hatten Siegbert, die Eltern und Oma bereits hingenommen. Ihre Ankunft als Deutsche im alten deutschsprachigen Raum Ende 1950 war der Zeit geschuldet. Bei ihrem Eintreffen war kein weißbezogenes Bett vorbereitet und kein gedeckter Tisch stand da, mit vier Stühlen herum. Gardinen hingen auch keine vor den Fenstern der Kammer. Warum auch? Von der einen Seite sah man auf den Misthaufen und von der anderen Seite auf die abgeernteten Felder. Es kam ihnen kein Betreuer entgegen und hieß sie willkommen und offerierte ihnen die Essenszeiten. Der sie abgebende Angestellte handelte im Auftrag der neuen Gesetze, als er fast mit brachialer Gewalt Siegbert und Mutter aus dem ankommenden Bus hinaus ins Ungewisse stieß, den Vater und Oma bereits zögerlich verlassen hatten. Der Angestellte mit dem ovalen Abzeichen der führenden Parteiorganisation am Revers schnaubte dabei, und ist letztendlich heilfroh, dass die Kleine Schlesische Notgemeinschaft keinen weiteren Widerstand leistete ob des Aussatz in die Einöde des verlassenen Dorfes.

Wer gab ihnen bei ihrer Ankunft im Dorf Geld?

Bist du Gottes Sohn, so hilf dir selber!

Den Unterschied zwischen einem Gott der regierenden Administratoren und einem deutschen Gott hatten Siegbert und seine Angehörigen in Liegnitz bereits zur Genüge kennen gelernt. Da kannten sie allerdings den Gott hier noch nicht. Dort schien es überhaupt keinen Gott zu geben. Jedenfalls nicht mehr im Jahr ihrer Ankunft! Erst ein Jahr Vierzig-Jahre-Staat, und alle Menschen sollten hier zur Weltanschauung, die die Existenz eines Gottes bestreitet, übergegangen sein? Welch maßloser Trugschluss. Damals – zur Zeit der Ankunft anno 1950. Die Seelen waren eingefroren – wie versteinert, sie waren hart.

Wo ist bei der Kleinen Schlesischen Notgemeinschaft die Vorsehung gewesen? Sie war weit, sie sah sie nicht! Siegbert, die Eltern und Oma halfen sich selber und rutschten dabei noch oft ins Abseits. Ungewollt vielleicht, aber eben bei dem Bestreben, sich selbst zu helfen. Sie verloren noch oft das Maß an den Dingen. Alles geschah sporadisch. Beim Handeln entglitt ihnen ganz einfach vielmals die Kontrolle über ihr Tun, da man jetzt hier den bestehenden Gesetzen untergeordnet ist. Von einer gerechten Handlungsweise sind sie in den letzten Jahren ein wenig abgekommen, da sie fünf Jahre ohne Recht und Gesetz gelebt hatten. Das preußische Denken musste erst wieder geweckt werden. Es war noch da, nur von jahrelanger Zuchtlosigkeit überwuchert. Der Nährboden ist gut gewesen. Bei Pflege entsprießen ihm brauchbare Menschen. Sie mussten lernen, in neuen Dimensionen zu denken. Selbsthilfe schließt den Konflikt mit dem Gesetz nicht aus. Oft waren sie nahe dran. Vieles ist ungewohnt gewesen. Es führte sie niemand und machte sie mit den neuen Umständen vertraut. Sie tasteten sich in eine neue, für sie bisher unbekannte, Lebensweise hinein.

Von der Stadt auf das Dorf!

Vom Geld in Liegnitz nach über fünf Jahren wieder zum deutschen Geld!

Vom Arbeitnehmer zum Sozialempfänger!

Von der altgewohnten Umgebung ins neue Umfeld!

Von der ökonomischen Kauffreiheit in die Markenwirtschaft!

Von der alten Heimat weg, eine neue Heimat aufzubauen!

Wie sie das schafften, blieb letzten Endes ihnen überlassen.

Ob sie das überhaupt schafften, blieb ebenfalls offen!

Für die Form einer Unterstützung der Heimatvertriebenen zum Beginn und Aufbau ihrer Existenz war die Zeit noch nicht reif genug. So kam alles, wie es kommen musste! Die Kleine Schlesische Notgemeinschaft blieb im Dorf – vorerst – auf Zeit. Im total verschlafenen Winkel am Ende der Welt. Eine Vermarktung des Umfeldes, die sich anbietet!

Weit gefehlt! Es war eine Illusion, anzunehmen, das die Bauern die territoriale Abgeschiedenheit ihres Dorfes materiellen Nutzen zuführten. Noch ist alles der Bauern ureigene Scholle gewesen, an dessen Erträgen sie äußerst stark interessiert waren. Das Dorf war eine Idylle und es war auch keine! Freilich, die ruhige Lage ist erquickend. Nur fehlte eben jegliche Verkehrsanbindung. Die einzelnen Bauernhöfe lagen willkürlich verstreut in dem ein wenig hügeligen Gelände. Die Ansiedlungen waren nicht kontinuierlich besetzt. Es war so, als nehme man einen Becher, fülle ihn mit zahlreichen Würfeln und schütte ihn aus. Und genau da, wo die Würfel hinrollten, sind die Bauernhöfe entstanden. Gänzlich ohne Linie.

Die Ruhe ist dem Menschen heilig. Hier war sie von Gott gegeben. An Grenzen ist wohl nie ein weites Feld gewesen? Und hinterm Dorf lag nun einmal die Grenze zwischen Thüringen und Sachsen.

Vielleicht macht Abgeschiedenheit ein wenig träge? Sicher wollten die Einheimischen gar keine zusätzliche, gewinnbringende Veränderung in ihrem Dorf? Das würde bedeuten, mit alten Gewohnheiten brechen. Die Bauern sollten ihr Dorf bald wieder für sich allein haben.

Die Heimatvertriebenen waren im Dorf nur eine vorübergehende Erscheinung. Eine Fata Morgana der ersten Jahre nach dem zweiten Weltkrieg für sie. Aber eben für sie eine recht unliebsame, die Bauern in ihren Gewohnheiten einengende. So unerwartet und schnell wie sie gekommen waren, verließen die Heimatvertriebenen, eine Familie nach der anderen, nun als Umzug deklariert, wieder das Dorf. Den Eltern und Oma und vielen Anderen hatte das Dorf nur als vorübergehender Wohnsitz gedient. Sie verließen den Ort, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Den Bauern war es angenehm, wieder unter sich zu sein. Auch wäre es unter jungen Menschen unterschiedlichen Geschlechts, denkt man dabei an die heiratsfähigen Bauern- und Heimatvertriebenenkinder, nie zu einer Verbindung gekommen.

DIE LIEBE HÖRET NIMMER AUF! Aber hier im Dorf ist die alteingesessene Tradition stärker gewesen. Sie schob dem einen Riegel vor. Die kurzen Freundschaften, die Siegbert im Dorf einging, waren ausnahmslos mit heimatvertriebenen Jugendlichen. Eine Heimführung einer Vertriebenen durch einen Bauern oder umgekehrt fand hier nie statt. Die Bauern des Dorfes setzten die Grenzen selbst fest. So ist die Tradition lupenrein. Ein Ort der absoluten territorialen Verschmelzung der eingeborenen Geschlechter.

Nicht nur national und aus Tradition. Nein, eine eheliche Konstellation kann auch ein Politikum werden. Im Kleinen angefangen könnte man da Parallelen im großen Weltgeschehen ziehen. Siegbert wusste das aus Erfahrung aus Liegnitz nach dem zweiten Weltkrieg. Dort lebten danach die unterschiedlichsten Völkerschaften. So gab es nie eine Freundschaft zwischen „Sieger-Jugendlichen“ und deutschen, jungen Menschen. Welten trennten die Geschlechter. Was sich danach im Vierzig-Jahre-Staat als DSF (Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische-Freundschaft) mit den „Siegern“ herauskristallisierte, war immer mit Abstand zu betrachten. Der rein menschliche Kontakt blieb aus. Da ist eine Schranke gewesen, die sich nie hob. Sie sperrte jegliche, persönliche Annäherung ab. Nun war Siegbert in Deutschland, im Vierzig-Jahre-Staat zwar nur, aber eben unter Deutschen. Und Siegbert musste feststellen, dass nicht nur internationalen, nein, auch nationalen Verbindungen Einschränkungen auferlegt sind. Welt – wie bist du wunderlich!

Pflegte man sich über althergebrachte, der Menschheit eigentlich untereinander verständliche Gepflogenheiten mit eigener Hartnäckigkeit hinwegzusetzen, gab und gibt es oft genug Querelen. Die Liebe ist die eine Seite – für den Anfang. Für den Rest des Lebens zweier Menschen muss dann Verständnis und Vernunft herhalten. Diese Eigenschaften werden bei erzwungenen, den Traditionen nicht entsprechenden Verbindungen, arg strapaziert und sich oft zum Scheitern verurteilt.

Was frommt der Schatz?

Ich habe weder Weib

noch Kind, und meine Heimat find’ ich nie!

All meinen Reichtum biet’ ich dir, wenn bei

den Deinen du mir neue Heimat gibst.

(Richard Wagner, Der fliegende Holländer, 1. Aufzug, 3. Auftritt)

Und anno 1951 kein Geschäft am Ort. Doch – halt! Da ist Frau Eichler gewesen. Ja, richtig! In des Dorfes tiefgelegenstem Punkt. Es war ein kleines einstöckiges Haus mit Gaststube, die eigentlich gar keine Gaststube mehr war und auch nicht mehr als solche betrieben wurde und dazu ein Laden, der zwar noch betrieben wurde, aber von der Küche aus. War nun der Laden die Küche oder die Küche der Laden? Genau konnte man das nicht feststellen. Wie dem auch sei, in der Ladenküche wurde verkauft. Nach Lebensmittelkarten der Bürger. Die alte Frau Eichler wusste da Bescheid. Gemauschelt wurde nie. Kaufen konnte man bei Frau Eichler nur Lebensmittel. Keine Waren des täglichen Bedarfs. Dieses Sortiment führte Frau Eichler nicht. Zugespitzt gesagt, nur Naturalien, solange es die monatlichen Lebensmittelkartenabschnitte der Käufer zuließen.

Eigentlich kam Frau Eichlers kleines Ladenküchenlädchen erst durch den Zuzug der Heimatvertriebenen wieder etwas zum Aufblühen. Denn den Bauern wuchs ja alles zu. Von dem allein, was die Bauern bei Frau Eichler kauften, konnte der Laden nicht bestehen. So retteten die Heimatvertriebenen praktisch ungewollt Frau Eichlers Existenz.

Die alte Frau Eichler hatte eine Tochter. Und die Tochter wiederum eine Tochter. Männer hatte Siegbert dort nie gesehen! Man konnte sich auch des Eindruckes nicht erwehren, dass jegliche Person männlichen Geschlechts bei der alten „Dame“ Eichler rücksichtslos ins Hintertreffen geraten wäre. Sie war klein von Wuchs, aber sonst recht couragiert. Bekanntlich haben kleine Menschen von jeher das außerordentliche Bedürfnis, sich besonders hervorzutun. Diese Eigenschaft trifft meistens bei Männern zu. Ihr Wille grenzte fast an Herrschsucht. Freilich – sie war eine gewesene und noch ein wenig existierende Geschäfts- und Gastwirtsfrau. Und Frau Eichler setzte sich durch – auch privat gegenüber ihrer Tochter und Enkelin. Letztere war das Verwöhnkind ihrer Großmutter.

Der alten Frau Eichler ihre Tochter war bloß mit, wie man oft zu sagen pflegt. Bediente die Tochter einmal die Kunden im Küchenladen allein, dauerte es gar nicht lange, und die Mutter erschien auf der Bildfläche. Sie ließ es sich nicht nehmen, ihre Tochter zu kontrollieren. Schließlich musste sie sich selbst davon überzeugen, ob das eben abgewickelte Geschäft mit dem jeweiligen Kunden ordnungsgemäß vonstatten gegangen ist. Teils war es auch nur weibliche Neugier. Denn jeder einzelne Kunde, beziehungsweise in der überwiegenden Mehrzahl Kundin, brachte Abwechslung in das „Dreimädelhaus“.

Siegbert kannte bisher nur „Kolonialwarengeschäfte“ in der Stadt. Das man auf dem Dorf aus einer Küche heraus verkauft, ist ihm neu gewesen. Auch hatte er den Eindruck, es hielt sich die Waage. Die Hälfte der Zeit wurde erzählt und Neuigkeiten ausgetauscht und die andere, dann noch verbleibende Zeit nur eingekauft. Manchmal schlug das Zünglein an der Waage zu erststarren.

Mit Argusaugen achtete die alte Frau Eichler darauf, dass verkaufte Lebensmittel mit den einbehaltenen Lebensmittelkartenabschnitten übereinstimmten. Fein säuberlich untereinander wurden auf einer gefüllten spitzen Zuckertüte die einzelnen Posten mit Bleistift geschrieben, im Kopf addiert und die Endsumme darunter gesetzt. Siegbert hatte immer seine Bedenken, ob nicht einmal die Bleistiftspitze an der Zuckertüte hängen bleibt und das Papier der Zuckertüte durchstach. Dann wäre der kostbare lose Markenzucker unweigerlich ungewollt in der Einkaufstasche gelandet. Aber geschickt waren die beiden Frauen, das musste ihnen Siegbert lassen.

Mit zarter Hand notierten sie die oft recht krummen Pfennigpreise auf den Papiertüten. Es kam nie zum Desaster. Freilich – stimmen musste jede Rechnung. Schließlich ist Geschäft ja Geschäft. Hätte auch nur ein Pfennig zu Buche gestanden, die alte Frau Eichler hätte ihn umgehend eingefordert. Schon aus Angst, ja keinen Fehler beim Addieren zu machen, rechnete die Tochter selbst kleine Posten dreimal durch, bis sie laut gegenüber der Kundschaft die stimmige Summe preisgab.

Eine Gastwirtschaft führen ist gut – verkaufen die andere Seite. Welche von den zwei Frauen nun was gelernt hatte, konnte Siegbert nicht erfahren. Sicher waren sie beide in beiden Gewerben Autodidakt. Das Dorf hätte sich gar keine hochqualifizierten Leute aus beiden Branchen leisten können. Es genügte, dass sie da gewesen sind. Wie Siegbert feststellte, ertrug die Tochter die Querelen ihrer Mutter mit stoischer Geduld. Die Tochter sagte fast nie etwas zu ihrer Rechtfertigung. Vielleicht war das auch das Beste für sie. Von der Sache her war sie ein hübsches Frauchen. Mittelgroß, gut und ebenmäßig gewachsen. Nur was die Mutter zu viel an Courage hatte, fehlte bei der Tochter nun gänzlich.

Die alte Frau Eichler war mit dem Dorf so stark verwachsen wie ein Baum, der zwar alt werden kann, aber dessen Wurzel ihn an jeglicher Standortveränderung hindert. Die Wurzeln hängen fest in der Erde. Genau so stark ist die alte Frau Eichler mit ihrem Heimatdorf verbunden gewesen.

Sie echauffierte sich fürchterlich, dass heutzutage, im Jahre 1951, Kinder und Jugendliche bereits nach der Hauptstadt des Vierzig-Jahre-Staates fahren. (Im August gleichen Jahres fanden dort die III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten statt.) Nun im doppelten Sinne verstand die alte Frau Eichler gar nichts mehr. Hatten doch der zweite Weltkrieg, Bomben und große Politik bisher um das Dorf einen weiten Bogen gemacht, musste Frau Eichler nur aus der Zeitung erfahren, wer alles im August in die Hauptstadt fahren kann. Sie ist das erste Mal nach ihrer Konfirmation in der Kreisstadt gewesen und in der ehemaligen Reichshauptstadt war sie auf ihre alten Tage noch nie. Die alte Frau Eichler verstand die Zeit nicht mehr! Freilich, allein bei dem Wort Politik hob sie die Arme. Aber ohne Politik geht nun einmal heute nichts mehr, denn das sollte auch Siegbert noch zu spüren bekommen. Und daran vorbei kommt niemand. Aber der Verstand der guten, alten Frau Eichler wollte da nicht so recht mithalten. Na ja, alle mussten noch viel lernen, wie eben Siegbert auch. Schließlich ist der neue Vierzig-Jahre-Staat gerade reichlich ein Jahr alt. Da sollte noch viel auf alle Bürger dieser Region zukommen. Ob das nun der betagten Frau Eichler passte oder nicht. Darüber zu befinden, war sie nun wirklich bereits zu senil.

Aus dem zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit sind für die alte Frau Eichler mit ihren Angehörigen keine Notwendigkeiten entstanden, das Dorf zu verlassen. Sie lebte in einer Region, die, wie bereits beschrieben, zwar auf dem Papier die Position gewechselt hatte, aber territorial unverändert geblieben ist. Viele hunderttausende Deutsche, die ebenfalls so fest mit ihrer Heimat verwurzelt gewesen sind, wie die alte Frau Eichler, wären für ihr Leben gern ihrer angestammten Heimat treu geblieben. Aber durch die Lage der Heimatstandorte im Osten des ehemaligen „Deutschen Reiches“ mussten viele, wollten die Menschen es oder wollten die Menschen es nicht, eine Reise ohne bekanntes Ziel antreten. So endete dann so ein Transport nicht nur in der nächsten Kreisstadt oder gar in der ehemaligen Reichshauptstadt. Das ungewisse Ziel lag oft noch weiter, viel weiter. Und es war eine unfreiwillige, aus der Not geborene und das eigene Leben erhaltende Entscheidung, diese aufgezwungene Ortsveränderung vorzunehmen. Aus der Reise wurde eine Fahrt, aus der Fahrt die Flucht nach vorn, ohne Zurück. Auf den Fahrkarten der Deutschen Reichsbahn (soweit es überhaupt Anfang 1945 Fahrkarten der Deutschen Reichsbahn noch gab) stand nur hin. Zurück blieb offen!

Wohl dem, dessen angestammte Heimat bis heute unverändert blieb. Außenstehende sind betreffs der ungewollten Heimatstandortveränderung voller Mitgefühl. Aber den Verlust der Heimat kann nur ermessen, dem gleiches widerfahren ist. Manchmal, an den Wochenenden, wollte Siegbert mit ein paar Gleichaltrigen in die Gastwirtsstube von Frau Eichler. Dort stand noch ein altes Grammophon. Schellackplatten lagen auch herum. Aber weit gefehlt! Die Jugendlichen waren nicht willkommen. Es kann wahrscheinlich auch kaum daran gelegen haben, dass die jungen Gäste nur Heimatvertrieben-Jugendliche gewesen sind. Letztendlich hatten sie die gleiche Währung in der Tasche für den käuflichen Erwerb von etwas Trinkbaren, die auch nur den Alteingesessenen zur Verfügung gestanden hat. Aber die alte Frau Eichler hatte absolut keine Einstellung mehr zur Gastwirtschaft.

Auch war die Gaststube wenig einladend. Sie ist ganz einfach völlig trostlos, öde und kalt gewesen. Alles anheimelnde fehlte. Nichts lud zum längeren Verweilen ein. Die jungen Gäste kauften sich jeder für einundzwanzig Pfennige ohne Pfand eine Limonade und tranken im Stehen den Inhalt ihrer Flaschen aus. So wurde ihr Begehr nach einem Frühschoppen in der einzigsten Gastwirtschaft im Ort gleich im Keime erstickt. Sie verließen die unwirtliche Stätte bald wieder und trollten durch die vom winterlichen Tauwetter fas unpassierbar gewordenen Trampelpfade entlang der Bauernhöfe von dannen. Sie traten hinaus ins Freie. Der Himmel war verhangen. Dunkle Wolken stoben am Firmament. Die Sonne war weit. Trüb wirkte der späte Morgen, der sich dem Mittag zuneigte. Links und rechts kam heller Rauch steil aus den Schornsteinen der verstreut liegenden Bauernhäuser. Kerzengerade stieg der helle Schein nach oben. Kein Lüftchen störte seine Richtung. Es war kein Verweilen auf der Dorfstraße. Ein wohltemperierter Raum war wünschenswert. Die Jugendlichen stapften heimwärts an Mutters Herd. Zur weiteren Verabredung betreffs der Gestaltung des Sonntages nach dem Mittagessen kam es nicht. Deshalb empfing sie wieder langweilige Einsamkeit, die keinen Platz zur geselligen Entfaltung ließ. Bald senkte sich am frühen Nachmittag die einbrechende Finsternis über den Ort und deckte ihn zu. Stille kam mit ihr, die alles einschloss. Grabesruhe unbeschreiblichen Ausmaßes. Alles das drückte auf die Psyche lebenslustiger, junger Menschen, die es anders kannten.

Es ist unfassbar! Der einzigste Kommunikationspunkt im Ort. Sonst weit und breit nichts. Und bei der alten Frau Eichler eben auch nichts. Frau Eichler war alt. Ihr sei verziehen. Von freier Marktwirtschaft konnte sie damals noch nichts ahnen, geschweige denn wissen. Und die Gemeinde sah tatenlos zu. Es gibt immer noch nichts Lokales im Dorf. Die absolute Abgeschiedenheit behält bis heute die Oberhand. In unmittelbarer Nachbarschaft des Anwesens der „Eichlers“ etwa im sogenannten Zentrum des Dorfes, lag der kleine Friedhof, in dessen Mitte ein Kirchlein stand. Der Friedhof war fein säuberlich von einer rohverputzten, einen Meter hohen, Mauer umgeben. Ein handgeschmiedetes, niedriges Eingangstor bildete die Pforte, in deren Verlängerung ein sauber gepflegter schmaler Kiesweg zum Eingang des Kirchleins führte. Alles entsprach der Größe des Ortes, alles war klein gehalten. Es genügte auch – flächenmäßig. Denn wo nicht viele Menschen leben, können auch nicht viele Menschen sterben. Alle Gräber waren in tadellosem Zustand. Alles Erdbestattung! Es ging nicht, einen Verstorbenen ins Krematorium der zwanzig Kilometer weit entfernten Kreisstadt zu bringen, um den ihn als Asche in einer Urne auf dem Friedhof des Dorfes beizusetzen. Das tat seinem Verstorbenen im Dorf niemand an. Also blieb es notgedrungenerweise bei der Erdbestattung. Und Platz dafür war zur Genüge vorhanden. Waren zwanzig Jahre um, wurde das Grab aufgehoben und so Platz für weitere Verstorbene des Dorfes geschaffen. Das alle Gräber in Ordnung waren, war der Nachbarschaft geschuldet, wo jeder jeden kennt. Keiner der Dorfbewohner wollte sich nachsagen lassen, er hätte das Grab eines seiner Angehörigen vernachlässigt. Das Gerede im Ort – es wäre nicht auszuhalten gewesen.

Das Kirchlein, evangelisch, versteht sich. Denn so sollten im Dorf die Katholiken herkommen? Höchstens durch die Heimatvertriebenen. Aber die blieben bekanntlich nicht lange. Und für die Zeit ihrer eigenen Übergangsperiode mussten eben die wenigen Katholiken am Ort einmal ohne geistlichen Beistand eines Pfarrers auskommen. Gott ist überall, man muss nur an ihn glauben, auch ohne Kirche – momentan! Der evangelische Pastor kam vom Nachbarort und betreute die Christen der Gemeinde des Dorfes und gab ihnen seinen kirchlichen Segen. Aber meist nur an Festtagen. Ostern, Pfingsten, Weihnachten, Jahreswechsel und was so noch an kirchlichen Feiertagen dazwischen liegt. Ab und an auch im vierzehntägigen Rhythmus. Selbstredend auch bei Beerdigungen, bei Hochzeiten oder Konfirmationen, na ja, da sah die damalige, regierende Obrigkeit nicht unbedingt gern Gottes Segen. Wurde ein Mensch zu Grabe getragen, sagten sich Partei und Regierung des Vierzig-Jahre-Staates, es war der letzte Wunsch der oder des Verstorbenen, kirchlich bestattet zu werden. Friede sei mit ihr oder ihm!

Anders sahen das aber die neuen Machthaber des Vierzig-Jahre-Staates bei jungen Leuten. Die Familie ist die kleinste Zelle der Nation. Also sollte gleich bei der standesamtlichen Eheschließung der Grundstein für eine sozialistische Gemeinschaft mit gleichartiger Lebensführung gelegt werden. Eben ohne Kirche! Ohne Kirche! Ohne Gottes Segen! Denn Sozialismus geht ohne den lieben Gott! Und an die Stelle der Konfirmation trat die Jugendweihe. Nichts Neues an sich, denn Kommunisten pflegten schon lange vor dem „Dritten Reich“ ihre Kinder so in das Erwachsenenalter zu schicken. Der Vierzig-Jahre-Staat nahm dieses Ritual nur wieder auf und machte es zum Dogma. Sehr zum Leidwesen echter Christen. Und die Jugendlichen hatten Schwierigkeiten, Lehrstelle oder Studienplatz zu bekommen. Es gab Fälle, da schickten die Eltern ihre Kinder zur Jungendweihe und ließen sie fast heimlich auch noch konfirmieren. Ohne Jugendweihe kamen viele Jugendliche nicht auf die Oberschule. Später haben sich dann die Eltern der neuen Zeit gebeugt, um ihren Kindern die weitere Entwicklung nicht zu erschweren.

Das führte bald zum Exitus des „Gast-Pastors“ der das Dorf zu betreuenden Gemeinde. Die Kirchgänger wurden immer weniger. Dieser Zustand sollte immerhin vier Jahrzehnte in dem Staat, in den die Kleine Schlesische Notgemeinschaft hinein katapultiert worden war, dauern. So wurden natürlich auch die Kirchgänger im Dorf immer weniger. Eine Dorfkirche, klein, karg ausgestattet und dazu nicht beheizbar. Und da finden wohl die christlichen Seelen oft nicht leicht in die Kirche.

In Siegberts Seele hatte sich ein gespaltenes Verhältnis zur Kirche breit gemacht. Siegbert war Christ. Er ist in Liegnitz in der Peter-Paul-Kirche getauft und in Liegnitz 1947 in der Liebfrauenkirche konfirmiert worden. Nur die Erlebnisse der jüngsten Vergangenheit hatten seine Seele verhärtet. Siegbert glaubte nur an das, was er sah und um ihn herum vorging. Und das war in letzter Zeit nicht von allzu barmherziger Güte. Um seine und der Angehörigen gegenwärtig vorherrschenden Lebensumstände in redliche Bahnen zu lenken, wären wohl zur Abhilfe kaum Gebete am Platz gewesen. Siegberts Beziehung zur Kirche bestand nur noch aus akustischen und optischen Interessen. Er hörte gern Glockengeläut und Orgelmusik. Auch konnte sich Siegbert an den Sakralbauten der Kirchen aller Art erfreuen. Aber sein Inneres blieb der Kirche vorerst verschlossen. Siegbert hatte zwölf Jahre das „Tausendjährige Reich“ erlebt und die letzten fünf Jahre in Liegnitz unter den jetzt dort regierenden Administratoren verbrach Und die Obersten des Vierzig-Jahre-Staates waren die Freunde der regierenden Administratoren und hießen es gut, dass alle Heimatvertriebenen ihre angestammte Heimat im Stich lassen mussten. Aber Gottes Wege sind unergründbar!

Kirche und Friedhof lagen etwas am Hang. Das Ensemble erinnerte, soweit man Phantasie hat, an erzgebirgisches Seiffener Spielzeug zu Weihnachten. Eben eine kleine göttliche Idylle in unberührter Natur.

Nun hört sich das alles verwunderlich an – wie das?

Nur Dorf ist eben nicht Dorf!