17,99 €
Im zweiten Teil, der Fortsetzung der LSD-KRIEGE, beginnt die Reise zuerst tief ins Innere. Es begegnen der kleinen Gruppe von Verschworenen "Aussteigern" all die alten Archetypen, die es seit Anbeginn der Menschen gibt. Sie nehmen in ihnen Form und Gestalt an. Das Unterbewusste und das Unbewusste geben einander die Hand am Weg hinauf ins Bewusstsein. Die Grenzen verschwinden. Alles wird möglich. Magie ist nicht nur ein Wort. Ein Kreis von Personen, die einander wohl nicht zufällig an jenem schicksalshaften Tag begegnet sind, werden in eine völlig unbekannte Welt geschleudert. Doch dann löst sich die Gruppe auf. Artus bricht auf, er geht. Mit seinem Körper. Das Innen wird das Außen. Die fremden Länder, die er sieht, sind die Abbilder seiner Seele.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 660
Veröffentlichungsjahr: 2022
Gerald Roman Radler
DIE LSD - HEXENMEISTER
ABSCHIED VOM SELBST
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
PROLOG – LEBENDIG BEGRABEN
DIE ACHTE REISE - DIE ZUSAMMENKUNFT
DIE NEUNTE REISE – KALIGOR
DIE ZEHNTE REISE – DAS BLUTIGE SCHWERT
DIE ELFTE REISE - DIE LICHTER DER ANDEREN WELT
DIE ZWÖLFTE REISE – DAS ANTIKE AUGE
DIE DREIZEHNTE REISE – DIE BEGEGNUNG DER ZAUBERER
DIE VIERZEHNTE REISE – DER WÄCHTER DER ANDEREN WELT
DIE FÜNFZEHNTE REISE – DER HUNDIANER UND DIE TOTENRUHE
DIE SECHZEHNTE REISE – DAS SCHÄUMENDE MEER DER AUFLÖSUNG
DIE SIEBZEHNTE REISE – DER KÖRPER BEWEGT SICH MIT
DIE ACHTZEHNTE REISE – BEWEGLICHE ZIELE
DIE NEUNZEHNTE REISE – ZURÜCK IM JAMMERTAL DER MENSCHEN
DIE ZWANZIGSTE REISE - DAS RÄTSEL DER EINBEERE
DIE EINUNDZWANZIGSTE REISE - MADELEINE
DIE ZWEIUNDZWANZIGSTE REISE – DIE EPIDEMIE
DIE DREIUNDZWANZIGSTE REISE - EIN ROTER STERN AM HIMMEL
DIE VIERUNDZWANZIGSTE REISE – MELODY UND DAS UNBEKANNTE
DIE FÜNFUNDZWANZIGSTE REISE OHNE WIEDERKEHR – UMKEHR UND KEINE REUE
Impressum neobooks
Die Angst, lebendig begraben zu werden, ist alt und sitzt tief im Menschen. Nicht jeder Mensch wird sie im Laufe seines Daseins auf Erden erfahren. Immer wieder wurde versucht, dem Erwachen in einem Grab mit Vorsorge zu begegnen.
Ein Glockenzug in Reichweite, Klappen, Türchen, die von Innen leicht zu öffnen waren und den Luftaustausch garantierten.
Diese Angst war nicht unbegründet. Die Methoden, den Tod festzustellen waren tatsächlich fragwürdig. Puls messen, ein Spieglein vor den Mund halten, Reflexe testen und die Starrheit der Pupille konstatieren.
Der Scheintote wurde begraben um folglich einen richtigen, furchtbaren Tod in seinem Grab zu finden.
Diese Ängste können sich heute während Computertomographien, oder im MR-Tunnel wiederholen. Sie können während einer Sitzung im Salzwassertank auftreten. Im Lift, in der Sauna, im Solarium.
Doch ein rasches Öffnen des Deckels, oder der Türe beendet meist das Gefühl des „Eingesperrtseins“, des drohenden Erstickens.
Ich aber fühlte mich während eines bestimmten Lebensabschnitts, der glücklicherweise Geschichte ist, in meinem Körper eingesperrt.
Nicht immer und zu jeder Zeit. Ich könnte weder den Zeitpunkt bestimmen, noch war es mir vergönnt, ihn vorhersagen. Meist begann es mit dem Gefühl, vergiftet worden zu sein, oder irgendetwas zu mir genommen zu haben, was den Zustand des Körpers und des Geistes stark beeinträchtigte.
An einem bestimmten Punkt, nachdem ich mir erfolglos einredete, dass alles in Ordnung wäre, schien mir das Leben völlig irre. Die Situation, in der ich lebte und die Situation der Menschen und der Welt im Allgemeinen waren für mich dann kaum erträglich.
Wenn ich auf der Straße unterwegs war, wurde meine Umgebung zu einer ungebührlichen Belastung, die Eindrücke begannen furchtbar unangenehm zu werden.
In der Natur könnte ich kaum die Pflanzen, die Bäume, den Himmel, den Boden, die Insekten, oder den Schnee, der überall herumlag, ertragen.
In einem Gebäude, einer Wohnung, musste ich rasch aufstehen und umhergehen, da ich die Einrichtungsgegenstände nicht ertragen konnte. Allein sie anzusehen, erzeugte bei mir ein Gefühl der Enge und der Panik.
Die Dinge verloren ihren praktischen Wert. Sie waren von einem Irren designed worden und drückten den Wahnsinn aus, in dem ich mich befand.
Menschen, waren mir ein Gräuel in dieser Situation. Ich konnte ihre Anwesenheit nicht ertragen. Ich empfand ihr Erscheinungsbild, ihre Gesten, ihre Stimmen und ihre Haltung als enorme Belastung.
Menschen, die ich gut kannte, waren mir fremd. Besonders ihre Ausstrahlung, zu mir zu gehören, beeinträchtigte mich schrecklich und verstärkte meine Angst. Ich nämlich konnte gar nichts mit ihnen zu tun haben.
Das ist der einzige Schutz. Ich möchte dann sagen, dass alles ein Irrtum war und sie schnell gehen sollen, da ich von ihnen nichts mehr wissen will. Ich will keine Verantwortung für sie. Sie erscheinen mir schwach und von mir abhängig, schon allein, da sie sich auf mich beziehen.
An einem bestimmten Punkt, ich reagiere dann meist ein wenig gereizt, was aber meinen inneren Zustand kaum widerspiegelt, fühle ich mich in meinem Körper, in meinem Leben eingesperrt. Ich weiß aber, dass ich nicht hinaus kann. Mir ist bewusst, dass es aus diesem umfangreichen Leben, dieser irre großen Welt kein entkommen für mich gibt.
Ich habe nicht etwa die Phantasie, dass ich aus der Haut fahre, oder mich aufschneide, dass ich entkommen kann. Genauso wenig steht mir der Sinn, nach einem Amoklauf, damit Ruhe ist. Ich ekle mich vor Gewalt und ich bin der Meinung, mein Leben gar nicht auslöschen zu können. Habe ich nicht alles getan, um es zu stärken? Habe ich nicht seit meinem 13. Lebensjahr Tag für Tag gekämpft, um zu überleben, um die Widrigkeiten auszuhalten und zu meinem eigenen Sinn, meiner eignen Bestimmung zu gelangen?
Mein Leben kommt mir dann wie ein Schnitzel vor, das Zerschneiden, jedes noch so scharfes Messer, einfach zu stumpf ist. Es besteht durch mein Training nur aus Muskeln, es ist zäh und voller Sehnen.
Die Bewusstheit, lebendig in meinem Körper, in meinem Leben, in der Welt der Menschen, im Universum, begraben zu sein, keine Luft zu bekommen, verschüttet und in all diesen Räumen zu sein, ließ mich immer sehr kurz in Panik geraten.
Doch auch diese seltsamen Zustände gehören, während ich an diesem Buch schreibe, einer längst vergangenen Epoche meines Lebens an.
Ich erinnere mich an sie mit Schauder und Trauer. Sie kostete mich den Menschen, mit dem ich einen geordneten Teil meines Lebens in Wohlstand verbrachte. Ich trudelte in die Leere, in der sich nichts mehr befindet. In diesem Zwischenreich, wo ich mich befinde, gibt es keine lohnenden Ziele, eine Vergangenheit, in die ich Reise, indem ich dieses Buch schreibe, um dadurch in die Zukunft zu gelangen. Denn für mich steht fest: nur über eine detaillierte Beschreibung und Erinnerung an mein Leben, gibt es für mich eine mögliche Zukunft. Alle Erlebnisse zur Zukunft und vielleicht auch zur Gegenwart, sind verschlüsselt und teilweise in einzelnen Stücken in meiner Jugend zu finden. Es fand alles schon statt.
Unpassend und zur falschen Zeit und dadurch sehr anstrengend. Es war wie der Schatten einer kommenden Wirklichkeit, wie ein Traum von noch nie Erlebtem, das in der richtigen Zeit erst Sinn und Substanz gewinnt. Auf den psychedelischen Reisen, die kein Ende und somit auch keinen richtigen Anfang gehabt hatten, geschah etwas wie Bühnenspiel, das nicht erlebbar schien in der vermeintlich übergebliebenen Realität, in die ich stets doch zurückkehrte. Halbherzig und doch beharrlich suche ich einen Ausweg, eine Lösung aus der Zwischenwelt, von der aus ich sowohl in die andere Welt, als auch in die Welt der Menschen blicken kann. Doch gehöre ich weder zur einen noch zur anderen Welt. Daher lebe ich auch nicht in der damaligen Aufbruchsstimmung, die mir Kraft und Mut gab.
Bevor ich in das Bewusstsein steuerte, in der ziellosen Leere zu sein, in der illusionslosen Abklärung, die auch ein Aufatmen war. Ein Fehlen von überflüssigen Hoffnungen und verschwinden von schwächenden Träumen, versuchte ich das lebendig begraben sein zu bewältigen. Daraus resultierte, dass ich dachte, an den Folgen einer vermeintlichen Vergiftung zu laborieren.
Ich überlege meist, wer Interesse haben könnte, mich zu vergiften, oder wie Gift versehentlich in meine Nahrungsmittel gelangt sein könnte.
Das Furchtbare an meinen Überlegungen ist, dass ich jedes Mal Motive finde und die allgemeine Nachlässigkeit und Skrupellosigkeit bei der Bereitung und Verpackung von Lebensmitteln verantwortlich machen kann. Der Gedanke an eine Vergiftung erscheint dadurch bei logischer Überlegung nicht mehr absonderlich. Menschen, die einem für immer bei sich haben wollen, Kontrolle ausüben wollen, neidisch sind, aus irgendeinem Anlass, den ich gar nicht so bemerkt habe, oder vergessen haben, Rache üben wollen.
Es gab eine Rückholaktion einer großen Lebensmittelkette, Mitte der 2000er, bei der die BIO-Hirse mit Stechapfelsamen verseucht war, weil die neben und in den Feldern gewachsen sind.
Die Überwachung der Felder war schleißig. Als ich diese Nachricht im Radio hörte, war ich gerade am Kochen. Ich wunderte mich über die vielen dunklen Hirsekörner, erklärte mir aber die Andersartigkeit der Körner, als „taube“ Samen, die irgendwann abgestorben sind. Ein Glück dass ich erst beim Anrichten war, ein Zufall, dass ich gerade die Meldung über die vergiftete Hirse hörte und lernte, dass Stechapfel Hirse liebt. So wie die Berberitze die das Mutterkorn am Roggen. Es gab so verhängnisvolle Symbiosen, die dem Menschen ordentlich zusetzen konnten.
Vielleicht sind meine auftretenden Zustände die Folge meiner Bemühungen, die Wahrheit zu finden, den Sinn meines Daseins. Ziele, die ich in meiner Jugend ernst nahm, ohne zu ahnen, dass die Konsequenzen, die sich unmittelbar einstellten, auch Langzeitfolgen nach sich ziehen könnten, falls ich es nicht schaffen würde, durchzubrechen.
Durchzubrechen in eine andere Sphäre, ein neues sinnvolles Leben.
Eine andere Welt….
Von diesem redlichen Bestreben und meinen daraus resultierenden Abenteuern berichtet der zweite Band, den mein Leben schrieb.
Ich war erst sechzehn Jahre alt und doch hatte ich das sichere Gefühl ein langes Leben hinter mir zu haben. Ein Leben, das erfolglos und unbefriedigend verlaufen war. Ich konnte mich dem einzigen wichtigen Menschen, nicht mehr nähern, da ich fürchtete ermordet zu werden. Silvias Vater war Drogenfahnder und er hatte mir gedroht, mich zu erschießen, oder ein Paket Heroin bei mir zu finden. Ich wusste aus der Vergangenheit, dass er nicht zu Späßen aufgelegt war. Es war zu spät, ihm erklären zu wollen, dass ich nichts mit Heroin zu tun hatte, geschweige denn, seine Tochter zum Fixen angehalten hatte.
Ich hatte keine Motivation mehr die höhere Schule weiter zu besuchen. Es lag mir nichts an meiner gesicherten Zukunft. Eine zu starke Anhäufung von unvorhersehbaren Ereignissen, zeigte mir, dass ich meine Karriere nicht so planen konnte, wie andere es taten.
Nach den Erlebnissen der letzten Jahre war es mir nicht mehr möglich, einfach so zu tun, als wäre nichts passiert. Ich wohnte zwar, gegen meine bessere Einsicht und das dringende Anraten Dr. Zippos, wieder zu Hause, doch ich wollte weg.
Weg von meinen Eltern, weg von Wien, weg von diesen verrückten Welt. Zu allem Überdruss stand auch noch die Abreise Richards bevor. Mein einziger Freund, Tripbruder und Eingeweihter meines irren Lebens, hatte die Musterung hinter und sollte in einigen Wochen nach Kärnten zu den Gebirgsjägern gehen.
Wie war er bloß auf so eine unglückselige Idee gekommen. Ich empfand es als Verrat. Er sah es eher als Entzug. Dort würde er kein LSD nehmen können, kein Haschisch rauchen. Nicht meinem Einfluss ausgesetzt zu sein. Denn unser Aufeinandertreffen erzeugte stets eskalierende, aber befruchtende Situationen. Wir kannten keine Grenze in der psychedelischen Wirklichkeit.
Ich hatte noch Aufschub, da ich zwei ganze Jahre jünger war, als er. Vielleicht hätte er die Einberufung irgendwie verhindern können, doch er erklärte mir, er suche einen erzwungenen Abstand zu den früheren Freunden, den Drogen, den schrecklichen Irrtümern der Hippies. Ich ließ mir nicht anmerken, wie gekränkt ich war. Doch ich fasste mich bald, denn es war sein Recht, sein Leben zu gestalten, wie er es für gut befand und wenn er eine Chance sah, sich zu verbessern, war es in Ordnung.
Selbst wenn er Zivildienst hätte antreten können, es wäre nicht in Wien gewesen. Ich würde ihn so, oder so eine Zeitlang nicht mehr sehen. Und ich war sicher, wir würden uns überhaupt nicht mehr sehen.
Der Wunsch, meinem Leben ein Ende zu setzen, verlor sich täglich weiter in der Ferne. Ich hatte weder Mut, noch eine Idee, wie ich mich ins Jenseits befördern konnte. Genauso gut konnte ich versuchen ein Leben weit weg von der Welt der Menschen zu führen. Ich konnte es versuchen, irgendwo hin zu gehen, mich dort mittels LSD vorzubereiten auf ein Leben im Einklang mit Gottes Natur und nach und nach würde ich den in Wien erduldeten Horror vergessen und verzeihen.
Innerlich fühlte ich eine große Schuld, die es galt zu begleichen. Eine Verpflichtung Silvia gegenüber, dem Leben die Stirne zu bieten. Die Geheimnisse der Magie zu ergründen. Unsere unfreiwillige Trennung sollte nicht umsonst sein. Das hätte ich nicht mehr ertragen können.
Mich hielt nur mehr der Gedanke, etwas Außergewöhnliches, was noch kein Mensch je geschafft hatte, zu tun, aufrecht. Ich wollte etwas Wunderbares erleben, das alle mystischen Erlebnisse aller Propheten, Apostel und Geheimnisträger in den Schatten stellte.
Ich verbrachte glücklose Tage in der Stolzenthalergasse, die sich unendlich zu dehnen schienen. Meine Freunde schienen sich von mir abwenden zu wollen. Überhaupt hatte der lange, unheimliche Trip in Mayerling aufgezeigt, dass wir zu weit gegangen waren. Ein Umbruch stand ins Haus. Mike wollte sich neu organisieren. Niemand durfte ihn mehr unangemeldet besuchen, angemeldet schon gar nicht. Da hatte er ständig Ausreden parat. Ich rief ihn an, weil ich es zu Hause nicht aushielt, doch er wimmelte mich ab. Ich müsse endlich für mich selbst verantwortlich werden und eventuell daran denken, etwas zu arbeiten. Er sei es leid, mich auszuhalten.
Das traf mich mehr, als ich zugeben wollte. Er hatte das Wort „aushalten“ benutzt. So hatte ich das noch nie gesehen. Denn Jimi hatte mir immer vermittelt, dass es kein Problem wäre, wenn er mich „einlud“, sofern ich über keine Barschaft verfügte und er es sich leisten konnte.
Es gab immerhin einen feinen Unterschied zwischen „einladen“ und „aushalten“.
Das eine tat ein Freund, das Andere ein Zuhälter, ein Aushälter. Gut, dass Mike das so ausgesprochen hatte. Nämlich so, wie er es empfand. Das änderte für mich Einiges. Überhaupt war das sicher früher nicht so gewesen, aber Mike war aufgestiegen.
Er hatte über eine Million Schilling geerbt, eher viel mehr und gedachte nicht, mit jemandem zu teilen.
Marko hatte sich zurückgezogen. Wohin war unklar. Ich denke, er arbeitet bei der Post und sammelte seine Überreste ein.
Bei Chris war ich auch nicht willkommen.
Seine Eltern hatten Angst, ich zöge irgendwann die Polizei an. Aus ihrer Warte war ich vollkommen ausgeklinkt.
Tommy lebte in seiner eigenen Welt.
Richard schien immer noch beleidigt, dass ich mit Mike eingeschnitten hatte, obwohl er sich weiterhin mit mir traf und gespannt meinen Schilderungen lauschte. Doch seine Analysen brachten nur unangenehme Dinge ans Tageslicht. In meiner Welt seien Risse, die bald Sprünge werden würden.
Er verurteilte zudem Mike aufs Schärfste, wo der doch auch einmal wie Tommy sein bester Freund gewesen war.
Enormes Interesse zeigte Richard an dem Werwolfmädchen. Er fing immer von Selbst über diese außergewöhnliche Begegnung an zu sprechen. Er rief mich auf, nach ihr zu suchen und zu klären, ob sie lebte und was wirklich passiert war.
„Ich weiß, was wirklich passiert war. Sie ist tot“, blockte ich seine Ansprüche auf Klärung ab.
Die Treffen mit ihm hinterließen Traurigkeit und Einsamkeit in mir. Es war wie ein endloser Abschied.
Immer wieder stellte er fröhlich fest, dass ihn das alles nichts mehr angehen würde, da er bald nach Kärnten gehen müsse. Er unterstützte meine Ideen, die Ferne anzusteuern. Und zwar alleine, wenn ich schon nicht nach Belinda suchen wollte. Ansonsten solle ich, so wie ich war, aufstehen und einfach gehen. Gehen wie Ahasverus. Wie der Ahasverus in unserem Buch, das uns so beindruckte.
Obwohl mir klar war, dass ich nicht verstanden wurde, suchte ich den Dialog mit meinem Vater, der seine Enttäuschung ausgiebig zur Schau stellte. Ich erklärte ihm immer wieder, dass wir etwas unternehmen mussten.
Silvia würde durch ihren Vater schuldlos in der Klinik festgehalten und sie würde früher oder später daran zerbrechen. Doch er wiederholte, ich solle die Finger von einer Junkiebraut lassen, die nur Drogen und Sex im Kopf hätte und es gäbe bessere Mädchen für mich, die weniger Probleme machen würden. Außerdem sei Silvias „schießwütiger“ Vater eine Gefahr für die ganze Familie.
Es war zum „Aus-Der-Haut-Fahren“, so missverstanden zu werden und Silvia so dermaßen falsch einzuschätzen. Musste ein hübsches Mädchen schlecht sein?
Es war so, als würde die Phantasie der Männer durch ihre Schönheit angeregt werden, in ihr Alles zu sehen, was verboten war.
Ich hatte mit Silvia nie Sex gehabt. Ich hatte überhaupt noch keinen Sex gehabt. Ich hatte Haschisch geraucht und ein paar Mal LSD genommen. Doch ich hatte keine Berührung mit Opiaten und deren Derivaten gehabt. Das schien ihn alles nicht sonderlich zu beeindrucken. Meine Mutter verhielt sich ähnlich. Sie zeigte ihre Verachtung aber deutlicher. Ich hätte die Psychiater der gesamten Universitätsklinik „eingekocht“ und ihnen vorgemacht „normal“ zu sein, während sie allein wisse, dass ich dem Irrsinn verfallen sei. Sie gebrauchte altertümlich Redewendungen, die mich zum Lachen brachten. Sie verwendete ungeniert Worte wie Jugendirresein, Schwachsinn, unwürdiges Leben, Größenwahnsinn, Persönlichkeitsspaltung und ähnliche Begriffe aus dem alten Psychiatriejargon.
Das sollten meine einzigen Heiterkeitsausbrüche sein. Und ich hatte sie nur, wenn ich mit meiner Mutter sprach, was sie in ihrer Annahme bestärkte, ich wäre ein armer Tropf, dem eine Zwangsbehandlung anstünde. Manchmal sogar eine Zwangsjacke.
Ich wusste nicht einmal, wo mein Bruder war, noch bekam ich eine erschöpfende Auskunft über seinen Verbleib. Es war mir auch egal. Meine Eltern hatten sich in ihr Leid eingegraben, nachdem die Idee mit der Psychiatrischen Heilung schiefgegangen war. Sie dachten allen Ernstes, ich hätte Dr. Zippo manipuliert, um ihn dazu bringen, mir ein positives Attest über meine geistige Gesundheit auszustellen.
Es stimmte, ich war beruhigt und wollte diese Diagnose unter keinen Umständen gefährden. Ich war gesund. Ich hatte es schriftlich.
Was meine Eltern hinter ihrer Fassade waren, ahnte ich nicht. Sie kamen im Leben zurecht, aber mir kam mein Aufenthalt in Altlerchenfeld zunehmend ungesund vor. Fort, ich wollte fort. Aber nicht ohne Silvia, nicht ohne meine Musik, nicht ohne mein Bett, meine Dusche. Das alles passte gar nicht zusammen. Ich musste mein Yoga intensivieren.
Etwas stimmte hier ganz und gar nicht. Ich wollte einen geeigneten Abschluss finden. Ein würdiges Ende. Ich redete mir ein, Silvia – wenn sie schon kein Junkie war – liebte Dr. Wygrots Nadel in ihrem Arm. Doch es gelang mir nicht. Es gefiel mir nicht, dass ich schon genauso das Verdorbene in sie injizierte. Das Unerledigte fraß mich auf und ich projizierte eine Menge Unsinn auf ihre gequälte Psyche. Doch ein wenig war leider wahr. Und ich sollte rasch etwas unternehmen, bevor sie noch mehr Elektroschocks bekam.
Ich war zu feige einzuschreiten. Ich träumte davon, sie in einer beispiellosen Aktion zu befreien. Doch ich hatte meine Chance gehabt. Die würde ich fürderhin nicht mehr erhalten. Dadurch, dass ich eigenmächtig die Medikation einiger Patienten, die mir nahestanden, abgesetzt hatte, bekam ich das Verbot, mich als Besucher in Zippos Klinik aufhalten zu dürfen.
Ich war nicht mehr in der Lage, mich Silvia zu nähern. So hatte Dr. Wygrot freie Hand. Ich konnte nicht einmal zu ihrer Großmutter gehen. Die würde sofort ihrem Sohn Bescheid geben. Ich war in einer schlimmen Lage. Es war verflixt und zugenäht, wie mein Vater zu sagen pflegte.
Feigheit wollte nicht zu meinen heldenhaften Idealen passen, doch ich hielt diese Art von Vernunft für ein Hindernis, das meine edlen Pläne vereitelte. Diese Vernunft sagte mir auch, ich müsse Silvia rasch vergessen. In meinem Inneren befand sich allerdings ein physikalischer Umwandler, der die Unmöglichkeit zu vergessen, in eine Tugend überführte. Wenn ich Fortschritte in der Magie machte, wenn ich Unsterblichkeit erlangte, wenn ich die Zauberkünste erlernte, oder wenn ich ein mächtiger Yogi wurde, dann konnte ich das Pferd von der anderen Seite aufzäumen.
Dann stünde zwischen ihr und mir nicht die ganze Welt mit ihren Menschen, dann wäre nur die imaginäre räumliche Distanz, die leicht zu überwinden war. Denn zeitlich und psychisch waren wir nie getrennt worden, so dachte ich.
Es war eine von mir kreierte Lösung, die in meinem Verständnis logisch schien.
Ging es nicht in dieser Welt, so musste ich eine Menge Welten durchschreiten, beim anderen Ende wieder auftauchen. Mächtig und Erbarmungslos mit den Bösen und Gemeinen.
