Die Magie der Begegnung - Margot Pölzl - E-Book

Die Magie der Begegnung E-Book

Margot Pölzl

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Beschreibung

Amara will nach einer langen Auszeit endlich ihr wahres Ich ausleben. Deshalb fasst sie den Entschluss, den Deckmantel der kleinen Frau abzulegen und sich auf eine Reise zu begeben. Diese führt Amara in ein kleines Zugabteil, das sich als geeigneter Rahmen für Begegnungen und Geschichten aller Art entpuppt. Heitere, berührende, traurige, faszinierende Erzählungen füllen den kleinen Raum. So verschieden die Menschen und ihre Geschichten auch sein mögen, in irgendeiner Weise berühren sie stets auch Amaras Welt. Die Erlebnisse in dem engen Zugabteil sind intensiv und entwickeln in Amaras magischen Träumen ihre volle Stärke. Am Zielort angekommen, hat Amara eine schicksalhafte Begegnung namens Vinzenz. Er weckt in ihr die Begeisterung fürs Wandern und nimmt sie mit auf einen Fußmarsch quer durch das Land. Und wie schon zuvor, sind es auch hier die Begegnungen mit den Menschen, die Amara helfen, sich selbst zu entdecken. Die Erfahrungen wirken sich sinnstiftend auf ihr Leben aus und Die Magie der Begegnung kann ihre Wirkung entfalten.

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Margot Pölzl

DIE MAGIE DER BEGEGNUNG

Geschichten, wie sie das Leben erzählt

Margot Pölzl

Die Magie der Begegnung

Geschichten, wie sie das Leben erzählt

Coverbild: © Adobe Stock

Copyright 2019 by Wolfgang Hager Verlag

A-8852 Stolzalpe 70

www.wolfgang-hager-verlag.at

ISBN 9783903111707

INHALTSVERZEICHNIS

Amara legt den Deckmantel der kleinen Frau ab

Ein Talent findet seine Bestimmung
Vom Loslassen und Freiwerden
Vom Genügen und Nichtgenügen
Das Lächeln des Geschichtenerzählers
Auf Wanderschaft
Die Gefühlsebene kommt ins Wanken
Aufrüttelnde Begegnungen
Die Erkenntnis
Die heile Welt
Herzenswünsche

Für alle, die mir ihre Geschichten geschenkt und mich auf meinem Weg begleitet haben

Amara legt den Deckmantel der kleinen Frau ab

Das Gefühl der Enge wurde beharrlich stärker, gerade so als wäre die kleine Frau in einem Kokon eingesponnen. Gleichzeitig verspürte sie ein eigenartiges Kribbeln in ihren Beinen, ein Sehnen in ihrem Herzen, eine Unruhe in ihrer Gedankenwelt. Ein Bild trat immer öfter an die Oberfläche, wurde unaufhörlich stärker, rückte mehr und mehr in ihr Bewusstsein: ein Schmetterling, der seine Flügel ausbreitet und über Wälder und Wiesen davonschwebt. 

In den Bergen abgeschieden von Hektik und Betriebsamkeit hatte sie viel Zeit gehabt, über sich und die Welt nachzudenken. Hier hatte sich ihr Lebensrhythmus verlangsamt, ihr Körper erholt, waren quälende Gedanken verstummt. Die Ruhe hatte ihr gutgetan. Die Möglichkeit, jederzeit hierher zurückkehren zu können, ermunterte sie, neue Pläne zu schmieden und erneut die Welt da draußen zu erforschen. 

„Ich verspüre das Bedürfnis, meinem Leben einen frischen, bunten Anstrich zu verleihen, neuen Menschen und Kulturen zu begegnen und vor allem mir selbst zu beweisen, mich vom Strudel der sogenannten Normalität nicht gleich wieder mitreißen zu lassen.“

Das Nichtstun war eine interessante Erfahrung gewesen. Sie hatte ihr gezeigt, wie wichtig es ist, auf ihren Körper zu hören, öfters einmal das überladene Gehirn zu entrümpeln und sich zuweilen in die eigene Seele zu vertiefen, um nachzuspüren, was guttat. Sie fühlte sich wohl. Die erholsamen Monate zeigten ihre Wirkung. Eine starke Energie, die Aufbruchsstimmung signalisierte, machte sich bemerkbar. Sie stand vor dem Spiegel im Flur und betrachtete sich lange. Das Spiegelbild zeigte eine zufriedene kleine Frau. Nein, das stimmte nicht. Äußerlich betrachtet war sie nach wie vor die kleine Frau, die sie kannte. Jedoch bei genauerer Betrachtung war jemand im Spiegel zu sehen, jemand, dem sie eine lange Zeit keine große Beachtung mehr geschenkt hatte. 

„Nun, ich bin froh, dass du mich nicht ganz vergessen hast. Es war ziemlich langweilig, mich ständig unter dem Deckmantel der kleinen Frau verborgen zu halten. 

Sieh mich an. Ich bin es leid, in der zweiten Reihe zu stehen und dort zu verkümmern. Ich übernehme auch die Verantwortung für mich, für mein Tun, wenn es das ist, das dich zurückhält. 

Warum versteckst du mich? Genüge ich nicht? Genüge ich dir nicht oder sind es die Anderen, vor denen du mich bemäntelst?“ 

„Ich weiß es nicht! Das ist nicht so einfach zu erklären und noch weniger zu verstehen. Ich verstehe mich zeitweilig ja selbst nicht. Um da draußen zu bestehen, brauchst du eine harte Schale. Du bist verletzlich. Du hast keine Ahnung, wie rau es auf dieser Welt manches Mal zugeht. Ich möchte dich schützen, Amara.“

„Ich bin stark, wenn du zu mir stehst. Lass es uns probieren. Worauf willst du noch warten?“

„Bis deine Zeit gekommen ist und ich mir sicher bin, dass wir das schaffen. Gib uns noch etwas Zeit, damit sich alles gut entwickeln kann.“ 

„Die Zeit entwickelt nichts. Die Zeit ist eine Erfindung der Menschen. Damit sie sich besser zurechtfinden, haben sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erschaffen. Du weißt, dass es außer dem Moment nichts gibt, und diese Momente möchte ich jetzt leben. Die Zeit macht nichts mit uns, das müssen wir selbst tun. Wir entwickeln und verändern uns in Bezug zueinander. Es sind die Beziehungen, die Begegnungen, das Miteinander der Menschen, das etwas mit uns macht. In der Begegnung erfahren wir, wer wir sind, auf diese Weise wird der eigene Wert erfahrbar. Deshalb muss ich, Amara, jetzt mit der Welt in Beziehung treten, gleichgültig wie viel mir das abverlangt. Ich möchte es und fühle mich dazu auch bereit.“

„Nun gut, dann liegt ab jetzt alles in deiner Verantwortung.“

Das Spiegelbild der kleinen Frau verblasste langsam. An ihre Stelle trat Amara, Amara Sander. Ja, sie war Amara, Ama, wie ihr Vater sie liebevoll genannt hatte. 

Das war für mich das Zeichen, den Mantel der kleinen Frau für immer abzulegen. In dem Moment hörte ich meinen Namen rufen. Er schallte von allen Richtungen auf mich ein. Amara, in allen Tonlagen und -stärken. Ganz ruhig antwortete ich: „Ja, ich bin da.“ 

Nun war ich, Amara, bereit, mein Paradies für eine Weile zu verlassen, mit der Option, jederzeit wieder zurückkehren zu können. Gleich machte ich mich daran, meine angestaubten Koffer in der kleinen Rumpelkammer auszugraben und eine Reiseroute festzulegen. Einige interessante Ziele standen auf meinem Wunschzettel. 

Und als wäre die Aufbruchsstimmung nicht Aufregung genug, nach all dem Innehalten und dem monatelangen Alleinsein, nein, da erschien auf meinem Display die Nachricht: „Wie geht es dir?“

Wider Erwarten brachten mich die vier Worte leicht ins Wanken. Diese Tür war doch schon seit Jahren fest verschlossen. Ich war überrascht, wie schnell meine Gefühle durcheinandergerieten, sobald jemand daran rüttelte. 

„Die Antwort wird warten müssen, bis ich festen Boden unter meinen Füßen spüre.“ 

Schnell tippte ich die Rückmeldung: „Bin gerade dabei, meine Koffer zu packen, um mich auf die Reise zu machen. Wie es mir geht, muss ich erst herausfinden.“ 

Mein Entschluss war gefasst, die Tickets gebucht, die Reise konnte beginnen. Vielleicht finde ich ja da draußen eine Antwort. 

Ein Talent findet seine Bestimmung

Am Bahnsteig half mir eine junge, aparte Frau, meinen Koffer in den Waggon zu heben. Freundlich bedankte ich mich und begab mich auf die Suche nach einem freien Sitzplatz. Wie es der Zufall wollte, stand kurze Zeit später die junge Frau in der Türöffnung meines Abteils und lächelte mir entgegen.

„Schön, dass wir uns hier erneut treffen.“ Die junge Mitreisende stellte sich als Katharina Wagner vor. Ihre topmodische Kleidung fiel auf positive Art auf. Die sandfarbene Seidenbluse mit Stehkragen und Trompetenärmel passte perfekt zu ihren bernsteinfarbenen Augen. Der feminine Schnitt unterstrich ihre makellose Figur. Dazu trug sie enganliegende Jeans. Ihr ganzes Aussehen strahlte schlichte Eleganz aus. 

„Außergewöhnlich mondän für ihr Alter“, dachte ich bei mir. 

Ich schätzte Katharina Wagner auf Mitte zwanzig und konnte sie mir gut in flippiger Jeans mit flottem T-Shirt vorstellen. Die Kleidung irritierte mich, denn ihre Ausstrahlung war vollkommen natürlich. Ihr Lächeln wirkte nicht aufgesetzt und ihre Augen strahlten. Ich konnte nicht herausfinden, was für mich nicht stimmig war. 

Der Zug setzte sich in Bewegung und Katharina Wagner machte es sich im Abteil bequem. „Ich habe eine lange Reise vor mir“, sagte sie mit einem Seufzer. „Darf ich Sie nach ihrem Reiseziel fragen?“

Es stellte sich heraus, dass wir beide dem Endbahnhof des Reisezuges hoch im Norden entgegenfuhren. Nachdem ich mich meinerseits vorgestellt hatte, entstand eine merkwürdige Stille. Obwohl die Eisenbahn rhythmisch und geräuschvoll ihrem Ziel entgegenratterte, wurden alle Geräusche von der Stille, in der ich mich befand, aufgesaugt. 

„Amara.“ Ich hörte, wie mein Name von Katharina ausgesprochen wurde. „Amara.“ Mehr konnte ich nicht hören. Langsam sickerte mein Name durch das Vakuum, durchdrang meine Haut, meine Muskeln, jede Faser meines Körpers, bis er sich tief in meinem Innersten verankert und mein Bewusstsein durchdrungen hatte. 

Seit langem hatte meinen Namen niemand mehr ausgesprochen, hatte mich niemand mehr so genannt. Immer wieder hatte ich mich unter dem Deckmantel der kleinen Frau verborgen gehalten. Warum? 

Dafür fand ich im Augenblick keine Erklärung. Vielleicht war dieser Schutzmantel notwendig gewesen, um mich nicht selbst zu verlieren. Ein Gefühl, als würde ich aus einem langen, tiefen Schlaf erwachen, durchströmte mich. 

„Amara.“ Jäh war ich wieder im Hier und hörte erneut Katharina meinen Namen aussprechen. „Ein schöner Name. Amara.“ 

Als hätte das Aussprechen meines Namens eine Wandlung in mir vollzogen, atmete ich befreit aus und wandte mich meiner Gesprächspartnerin zu. 

Schnell kamen wir ins Gespräch. Ich erzählte von der spontanen Entscheidung, meine Koffer zu packen und ans Meer zu reisen. 

„Da ich den Norden im Sommer bevorzuge, habe ich mich für die Nordsee entschieden. Vor ein paar Jahren war ich einmal für ein paar Tage dort und es hat mir ausnehmend gut gefallen. Die Menschen, das Klima, die Landschaft, alles ist noch in lebhafter Erinnerung. Leider war die Dauer des Aufenthaltes zu kurz, um die Stadt genauer kennen zu lernen. Das möchte ich dieses Mal nachholen.“

Die schöne Hafenstadt im Norden, unser gemeinsames Reise-ziel, war Katharinas Heimatstadt. Den günstigen Zufall nutzte ich, um mehr über Stadt und Leute zu erfahren. Katharina schwärmte von den schönen Plätzen und Gegenden, die ich unbedingt aufsuchen müsse. Sie gab mir auch eine Adresse von einer familiär geführten Frühstückspension ganz in der Nähe des Hafens. 

„Von dort aus können Sie bequem zu Fuß die Umgebung auskundschaften. Ich bin mir sicher, die Stadt wird Sie rocken. Für mich einer der coolsten Orte auf diesem Planeten.“

In kürzester Zeit entstand in dem kleinen Waggonabteil eine harmonische Atmosphäre, die sich angenehm und zwanglos anfühlte. Katharina begann, von ihrer Familie, ihrem Zuhause und ihrer Kindheit zu erzählen. 

„Ich war ein aufgewecktes Kind, das Eltern, Großeltern und Geschwister auf Trab hielt. Im Rampenlicht zu stehen, war ein Hobby von mir, das ich schon als kleines Kind cool fand. Ich liebte es, mit Freunden lustige Theatervorstellungen, fetzige Modeschauen und Tanzvorführungen zu inszenieren. Unsere genialen Einfälle brachten die Zuschauer oft zum Lachen und Staunen. Mein Vater hatte eigens für unsere Aufführungen einen Raum im Keller ausgebaut. Wir waren eine aufgeweckte Bande, für die Langeweile nie ein Thema war.“

Ausführlich schilderte sie ihr Aufwachsen und wie es sie nach Abschluss ihrer Ausbildung in die weite Welt hinausgezogen hatte, um dort eine größere Bühne für ihre ausgefallenen Ideen zu finden. 

Der Zug hielt planmäßig in einer über die Grenzen hinaus bekannten Universitätsstadt. Katharina und ich wandten uns kurz dem Treiben vor dem Zugfenster zu. 

Als die Lokomotive wieder Fahrt aufnahm, betrat ein Paar mittleren Alters das Abteil. Nach einem knappen, gemurmelten Gruß ließ sich der Mann geräuschvoll in den Sitz neben der Abteiltür plumpsen. Während sich seine Begleiterin mit der Reisetasche abmühte, die sie umständlich ins Gepäcknetz hievte. Nachdem sie dem Mann einen schroffen Blick zugeworfen hatte, setzte sie sich ihm gegenüber. Der schloss die Augen und summte eine kaum vernehmbare Melodie vor sich hin. 

„Wo sind meine Unterlagen?“ Die Frage ließ den Mann zusammenzucken. Er öffnete die Augen und antwortete ruhig: „Wahrscheinlich in der Aktentasche.“

Im Abteil verbreitete sich eine angespannte Stimmung. Mich fing es an zu frösteln. Ich zog mir die dünne Wolljacke enger um meinen Körper und drückte mich in das Eck am Fenster. Katharina saß mir gegenüber und starrte mit angestrengter Miene ins Freie. Im Abteil schien sich jede Nähe aufgelöst zu haben. Eine greifbare Distanz machte sich breit. 

Mir fielen meine Reisen als kleine Frau wieder ein und ich bemerkte, dass mir der wärmende Schutzmantel der kleinen Frau fehlte. Ich stellte überrascht fest, dass Amara wesentlich empfindsamer auf Stimmungen und Launen ihrer Mitmenschen reagierte. 

„Für dich ist es nur wichtig, einen Schuldigen für diese verfahrene Situation zu finden“, zischte die Frau. 

Der Mann öffnete wieder die Augen und schaute sich entschuldigend um: „Können wir später darüber reden?“ 

„Es ist beinahe zu spät. Du weißt, dass es an der Zeit ist, zu handeln. Jetzt können wir nicht mehr zuwarten“, erwiderte ihm die Frau mit einer Schärfe in der Stimme, die mich erschauern ließ. 

Die verhärteten Gesichtszüge der Frau nahmen einen gekränkten Ausdruck an. Sie konnte ihre Emotionen kaum mehr im Zaum halten. Hektisch durchsuchte sie die Aktentasche. Sie wirkte gereizt und bedrückt. 

Der Mann blieb unnatürlich ruhig, als er antwortete: „Du wusstest, dass mir die Angelegenheit seit langem am Herzen lag. Als ich handeln wollte, war nie der richtige Zeitpunkt. Alles hatte Vorrang, alles war wichtiger ………. Ich denke, dass sich jede Diskussion erübrigt.“ Damit erhob er sich und verließ ohne weitere Worte das Abteil. Die Mundwinkel der Frau fingen an zu zucken. Sie schoss unvermittelt in die Höhe, riss die Tasche aus der Gepäcksablage und verließ grußlos den Raum. 

Katharina hatte sich zuerst erholt und schüttelte ungläubig den Kopf. „Was immer das Problem dieses Paares ist, die Gemeinsamkeit scheint verloren gegangen zu sein. Die einzelnen Worte der kurzen Unterhaltung sind mir wie kleine Speerspitzen unter die Haut gegangen. Am liebsten hätte ich das Abteil verlassen, krass, wie unwohl ich mich gefühlt habe. Wut, Verzweiflung, Hass, was immer hier versprüht wurde, war fast greifbar. Ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, worum es in ihrem Fall geht, war das ganze Leid der beiden gegenständlich.“

Ich saß immer noch sprachlos da und konnte nur nicken. Wie schnell sich die Stimmung in dem kleinen Raum binnen kurzer Zeit geändert hatte, war erstaunlich. Langsam lockerte sich meine Anspannung. Ich lehnte mich zurück und atmete tief durch.

Um den letzten Rest der unliebsamen Unterhaltung aus meinen Gedanken zu verscheuchen, wandte ich mich Katharina zu und fragte, wie es ihr draußen in der Welt, die sie so gelockt hatte, ergangen war.

„Am Anfang lief alles super. Per Zufall wurde mir ein Job in der Modeindustrie angeboten und so sah ich zwei meiner Träume mit einem Schlag Realität werden. Die aufregende Welt der Mode kennen zu lernen und gleichzeitig den ganzen Erdball zu bereisen.“ Ein Lächeln brachte ihr ganzes Jung- und Schönsein noch mehr zur Geltung. 

„Zu Beginn hatte die Faszination dieses Gewerbes völlig von mir Besitz ergriffen“, fuhr sie mit ihrer Erzählung fort. „Wie hinlänglich bekannt, dreht sich das Modekarussell mit enormer Geschwindigkeit. Kaum ist man an einem Ort angekommen, schon steht das nächste Ziel vor Augen. Coole Lokalitäten, fetzige Mode, lässige Typen, alles, was einen jungen Menschen anzieht, wird geboten. Unaufhörlich tänzelt die Modewelt um den Globus. Eine berauschende Atmosphäre, die dich in ihren Bann zieht. Die Geschäftigkeit kennt keine Grenzen und ich wurde in den Strudel der Äußerlichkeit und Eitelkeit hineingezogen und mitgerissen.“ Stille.

„Bis ich eines Tages erwachte und mir alles fremd erschien. Ich konnte mit der Oberflächlichkeit, die in mein Leben, in meine Beziehungen und Begegnungen eingedrungen war, nicht mehr umgehen. Eine Leere und Einsamkeit machten sich in mir breit, wie ich dies zuvor noch nie erlebt hatte. Diese Erkenntnis rüttelte mich auf und ich fing an, über meine Situation nachzudenken. Ich fragte mich, wieso die Welt der Mode, des Glanzes und Luxus so stark Besitz von mir ergriffen hatte.“

Katharina hielt kurz inne, ihren leeren Blick in die Vergangenheit gerichtet. Ihre Haare standen ein wenig nach allen Seiten ab, rahmten ihr bezauberndes Gesicht vorteilhaft. Die einfallenden Sonnenstrahlen erhellten ihre ganze Erscheinung. Sie wirkte wie ein Kunstwerk. 

„Ich kann mir vorstellen, dass die schillernde Welt der Mode einen jungen Menschen begeistert und verzaubert“, sagte ich. „Schönsein hat in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Dazu Reisen nach Paris, Mailand, New York, das klingt verlockend. Sogar für einen Modemuffel wie mich.“

„Mein Interesse an Mode war von klein auf groß“, sagte Katharina. „So lange ich zurückdenken kann, habe ich versucht, auf irgendeine Art und Weise schön zu sein. Farbenfrohe Kleider, fantasievolle Schuhe, glitzernder Schmuck und Make-up übten bereits als Kind eine starke Anziehungskraft auf mich aus.“ 

Die Erinnerungen an ihre Kindheit zeichneten einen verträumten Ausdruck auf Katharinas Gesicht. 

„Ich hatte ein gutes Aufwachsen und besonders zur Mutter eine harmonische Beziehung. Sie ist eine liebe- und verständnisvolle Frau, die immer bemüht war, ihr Bestes zu geben. Meine Lebhaftigkeit hat sicherlich viel Unruhe in unsere Familie gebracht und mit Sicherheit meiner Mutter so manches graue Haar beschert. Dass sich meine Ecken und Kanten nicht verschärft haben, dafür haben meine Brüder gesorgt. Mein Vater war in vielem genau das Gegenteil meiner Mutter. Er war stark in alten Traditionen und Rollenbildern verhaftet. Das empfand ich damals als uncool. Heute habe ich das beste Verhältnis zu ihm. Dazu hat meine Mutter viel beigetragen. Sie bemühte sich unermüdlich, zu vermitteln. Ihre Taktik ist aufgegangen.“

„Es ist ein gutes Gefühl, in einem sicheren Familienverband eingebettet zu sein“, sagte ich. „Nicht jeder hat dieses Glück. Es ist schön, wenn der Zusammenhalt in der Familie stimmt. Er vermittelt Sicherheit und stärkt das Vertrauen.“ 

„Das klingt jetzt vielleicht ein wenig widersprüchlich, aber es gab ein Verhalten meiner Mutter, das ich nie wirklich verstehen konnte. Es verunsicherte mich, wie sehr meine Mutter auf ihr Äußeres bedacht war, wie kritisch sie mit ihrer Erscheinung umging. Meine Mutter war und ist auch heute noch eine schöne Frau, die überall Bewunderung erntet. Doch dies schien nie bis zu ihr durchzudringen, denn ihre Ansprüche an sich selbst waren extrem hoch. So versuchte sie, ihre natürliche Schönheit stets noch künstlich zu perfektionieren. Der strenge Blick, den meine Mutter jedem Spiegel, jeder reflektierenden Fläche zuwarf, ist fest in meinem Gedächtnis verankert. Für mich hat es sich immer so dargestellt, als hänge das Glück meiner Mutter von ihrem äußeren Erscheinungsbild ab. 

Ich habe meine Mutter stets bewundert und wollte immer so schön sein wie sie. Deshalb war Schönsein ein Spiel, das mich als kleines Mädchen sehr beschäftigte. Oftmals wurde mir gesagt, dass ich die natürliche Schönheit meiner Mutter geerbt hätte. Schon als kleines Mädchen träumte ich davon, einmal im Modegeschäft tätig zu sein, und malte mir dies in den schönsten Farben aus. Doch wie das manchmal so ist im Leben, hat sich die Realität nicht an die Traumvorstellung gehalten. Mit den Jahren kam die Ernüchterung und der Traum ist eines Tages wie eine Seifenblase zerplatzt.“

Katharina hatte erlebt, wie junge, attraktive Menschen mit ihrer Schönheit die Welt eroberten, sie hatte auch erlebt, wie etliche an diesem Leben zerbrochen sind. Wie sie verzweifelt versucht hatten, sich am Modekarussell festzuhalten. Doch nicht alle konnten dem enormen Druck standhalten und wurden, ohne anzuhalten, hinausgeschleudert. Aus den Erzählungen Katharinas konnte man deutlich heraushören, dass die Erfahrungen der vergangenen Jahre eine Veränderung in ihrer Einstellung zum Leben bewirkt hatten. 

„Schönsein hat für mich heute nicht mehr den Stellenwert, den ich ihm früher zugeschrieben habe. Der Preis ist einfach zu hoch. Diese befreiende Erkenntnis hat mich einen Schlussstrich ziehen lassen.“

Da saß nun eine in ihrer Natürlichkeit hübsche und bezaubernde junge Dame, auf der Suche nach einer neuen Herausforderung für ihre Zukunft. 

Ich hatte aufmerksam zugehört und nicht den leisesten Zweifel, dass Katharina ihren Weg gehen und das Richtige für sich finden würde. Die strahlenden Augen der jungen Frau, ihre Herzlichkeit und ihr ausgeglichenes Wesen ließen erahnen, dass hier Körper und Seele im Einklang standen. 

„Was für ein berührender Anblick. Wie schön, wenn Menschen so stimmig mit sich selbst sind. Die Erlebnisse der vergangenen Jahre haben keine Spuren in Katharinas Aussehen hinterlassen. Sie trägt sehr viel Liebe in sich, die besonders in rauen und anstrengenden Zeiten ihre schützende Wirkung gezeigt hat. Was für ein Glück für Katharina, in einem sicheren Hafen aufgewachsen und zuhause zu sein“, dachte ich bei mir. 

„Da liegen ja noch interessante Herausforderungen vor Ihnen. So ein Neuanfang ist ja meist mit wertvollen Erfahrungen verbunden, die reichlich Potential zum Wachsen und Entwickeln in sich bergen.“

„Ja, ich freue mich darauf. Danke, Amara. Darüber zu reden entspannt. Es nimmt mir viel von meiner immer wieder mal auftauchenden Unsicherheit.“

Bequem lehnte ich mich in meinem Sitz zurück und schaute auf die vorbeifließende Landschaft hinaus. Meine Hände suchten einen bestimmten Gegenstand in der Jackentasche. Die Finger streiften über das rundliche Etwas und als Katharina sich mir zuwandte, übergab ich ihr eine kleine, bunte Glaskugel. Dieses Geschenk sollte ihr bewusst machen, wie einzigartig und wertvoll sie auf dieser Welt war. 

Der Zug verlangsamte seine Geschwindigkeit und kam zum Stillstand. Der Aufenthalt dauerte einige Minuten. Ich kannte den Bahnhof und die Stadt von früheren Besuchen. Eine Großstadt mit Kleinstadtcharakter und Herz, wie sie gern von ihren Bewohnern beschrieben und beworben wurde. Eine intensive Betriebsamkeit wogte über den Bahnsteig. Menschen strömten eilig aus den Waggons, andere stiegen zu. Ein lebhaftes, quirliges Durcheinander spielte sich vor unserem Fenster ab. 

Kurz bevor sich die Lokomotive wieder in Bewegung setzte, näherte sich eine Frau mit schnellen Schritten. Sie zog hektisch ihren Koffer hinter sich her und blickte suchend den Bahnsteig auf und ab. Der Zugbegleiter rief ihr ein paar Worte zu und wuchtete ihr Gepäckstück in den Wagen. Sekunden danach setzte sich der Zug in Bewegung. 

Ein paar Minuten später näherte sich die Nachzüglerin unserem Abteil, blieb unschlüssig stehen und starrte durch die Glasscheibe ins Innere. Katharina öffnete die Tür.

„Kann ich Ihnen behilflich sein?“ Die Frau nickte und schob ihren Koffer durch die Türöffnung. Katharina hievte das Gepäckstück in die dafür vorgesehene Ablage und setzte sich der neuen Mitreisenden gegenüber. Für kurze Zeit war nur das Rattern der Eisenbahn hörbar. 

Mit leiser Stimme bedankte sie sich für die Unterstützung. „Johanna Maler. Verzeihen Sie, können Sie mir sagen, wohin dieser Zug fährt?“ 

Kaum darauf achtend, was Katharina ihr antwortete, legte sie die Hände über ihr Gesicht. Unverzüglich quollen Tränen da-runter hervor. Nach ein paar Minuten wandte sie sich uns entschuldigend zu.

„Es tut mir leid. Ich muss weg. Einfach einmal Abstand gewinnen. Nachdenken. Ich bitte um Verzeihung, dass ich hier so hereinplatze mit meiner ganzen Unschlüssigkeit, Unsicherheit, Unzufriedenheit.“ 

Erschöpft lehnte sich Johanna Maler in ihrem Sitz zurück. Ich bot ihr einen Schluck Tee an, den sie dankbar annahm. 

„Können wir irgendetwas für Sie tun?“, erkundigte ich mich nachdem sie sich etwas beruhigt hatte. 

„Ich bin ziemlich durcheinander. Mir ist nicht einmal möglich, genau zu erkennen, was meine Situation momentan derart dramatisch macht. Aber ich weiß, dass ich so nicht weitermachen kann oder will. Deshalb habe ich mir kurzentschlossen ein paar Tage Urlaub genommen. Vielleicht finde ich mit etwas Distanz heraus, woran es liegt, dass ich mich so unglücklich fühle.“

„Eine Auszeit zu nehmen und räumlichen Abstand zu schaffen, ist in einer verfahrenen Situation bestimmt nicht verkehrt“, sagte ich. „Vielleicht hilft die Distanz, den Blickwinkel zu verändern.“

Katharina gab unserer neuen Mitreisenden noch einige Informationen über die Zugstrecke und den Endbahnhof. 

Nun wusste Johanna Maler zwar, in welche Richtung der Zug fuhr, jedoch hatte sie noch keine Ahnung, wann sie aussteigen bzw. wo sie ihre Urlaubstage verbringen wollte. Da die Reise zum Endbahnhof bis in die Nacht hinein dauerte, ließ sie diese Frage noch offen. Etwas Dringenderes suchte nach Befreiung. Das kleine Abteil, die unerwartete Aufmerksamkeit und Zu-wendung öffneten ein Ventil. Aus Johanna Maler sprudelten die Worte, wie Wasser aus einem Springbrunnen. All die jahrelang geübte Zurückhaltung, die aufgestauten Zweifel und Unsicherheiten bahnten sich ihren Weg, wollten gehört und beachtet werden. 

Johanna Malers blasses Gesicht bekam beim Erzählen ein wenig Farbe. Ihre großen, graublauen Augen, zu groß für das zarte Gesicht, behielten den traurigen Blick, als sie anfing, aus ihrem Leben zu erzählen. 

„Vor ein paar Jahren habe ich mich als Schneiderin selbständig gemacht und seither hat sich nach und nach ein treuer Kundenstock angesammelt. Meistens fertige ich Maßarbeit nach den Wünschen meiner Kundinnen und Kunden an.“ Stille. 

„Angefangen hat alles im Modesalon meiner Tante. Sie hat mich schon in jungen Jahren an die Hand genommen und in die Wunderwelt der Stoffe und in die Kunst des Nähens eingeführt. Lange habe ich geglaubt, dass es mein eigener Wunsch ist, den gleichen Weg einzuschlagen wie sie.“

Johanna Maler wischte sich mit ihren zarten Fingern über das Gesicht. Ihr fahriger Blick suchte etwas, woran er sich festhalten konnte. Mit den Händen zerknüllte sie ein Taschentuch, bis es nur mehr eine kleine Kugel war. Sie starrte auf das Muster ihres Rockes und strich ihn behutsam glatt, bevor sie mit ihrer Geschichte fortfuhr.

„Mir selbst fehlte jede Vorstellung, was ich in meinem Leben machen wollte, so kam mir das Angebot meiner Tante damals sehr entgegen. Nun ist seither schon fast ein Jahrzehnt vergangen und ich fühle mich, als würde ich unentwegt auf der gleichen Stelle treten. Mir fehlt die notwendige Motivation, der Einsatz, die Kraft, um weiterzukommen. Ich habe das Gefühl, als wäre das nicht mein Leben, meine Bestimmung. Irgendetwas muss ich ändern. Während der Lehrjahre im Salon meiner Tante ist alles noch recht problemlos gelaufen. Viel Neues gab es zu lernen, viel Interessantes zu entdecken. In der Modebranche ist es niemals langweilig. Jede Saison brachte Neuheiten, neue Muster, neue Farben, neue Formen, neue Schnitte. Meine Tante ist eine weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannte Modeschöpferin. Sie kreiert ihre eigene Mode und setzt neue Trends. So eine Künstlerin wollte ich auch immer werden, aber dieser Traum hat sich bis jetzt nicht erfüllt.“ Stille.

„Die Unzufriedenheit mit meiner beruflichen Situation hat sich derart stark in mich hineingefressen, dass ich die Aus-wirkungen auf mein Privatleben übersah. Vor ein paar Tagen ist zudem die langjährige Beziehung mit meinem Freund zerbrochen. Was ich eigentlich hätte kommen sehen müssen, war der totale Schock. Wir sind im Streit auseinandergestürmt und mich hat vollends das Selbstmitleid übermannt. Im Moment liegt alles in Scherben.“

Johanna Maler beendete ihre Erzählung mit einem nervösen Lächeln. Der verzweifelte Blick ihrer Augen tat mir weh.

„Danke, dass sie mir zugehört haben. Es tut gut, alles einmal frei heraussagen zu können. Vielleicht hilft mir ein wenig Abstand, die Situation klarer zu sehen und besser zu verstehen. Weiter will ich jetzt noch nicht denken.“

Damit ließ es Johanna Maler gut sein. Schluckweise leerte sie die Tasse Tee und bedankte sich nochmals für die Anteilnahme. Ihre feingeschnittenen Gesichtszüge, der seidige Teint erinnerten mich an eine Porzellanpuppe, die ich einmal von Irland als Reiseandenken mitgebracht hatte. 

„So manches Mal möchte man einfach nur davonlaufen, das kann ich gut verstehen“, sagte Katharina. „Bin ja eigentlich auch sehr kurzfristig auf und davon, raus aus meinem beruflichen Umfeld. Mit dem Beruf und der Berufung ist das so eine Sache.“

„Die richtige Berufswahl ist keine einfache Angelegenheit. Da diese wichtige Entscheidung häufig in jungen Jahren getroffen werden soll, sind Komplikationen oft vorprogrammiert“, sagte ich. Wir fingen an, die damit verbundenen Schwierigkeiten der Thematik zu diskutieren. 

„Es ist und bleibt eine echte Herausforderung, die auch bei intensiver Auseinandersetzung im Vorfeld danebengehen kann“, meinte Katharina. „Ich bin das beste Beispiel dafür.“

Der interessante Gesprächsstoff schien die Zeit außer Kraft zu setzen. Einige Stunden waren während der spannenden Unterhaltung verronnen, ähnlich schnell, wie die Landschaft vor dem Zugfenster vorbeigezogen war. 

Meine mitgebrachte Jause wurde aufgeteilt und nachdem diese verzehrt war, spürte ich, wie sich Müdigkeit in meinem Körper ausbreitete. Ich lehnte mich bequem in meinem Sitz zurück und ließ mich vom rhythmischen Schaukeln des Waggons in den Schlaf wiegen.

Hektisch schiebt die junge Frau den vorbereiteten Stoff in die Nähmaschine. Aggressiv zieht sie den Loden unter der ratternden Nadel hindurch. Die Naht verrutscht Richtung Saum und kurz darauf reißt der Nähfaden. 

„So ein Pech. Bis morgen soll das Kleidungsstück zur Anprobe bereit sein. Heute ist mir so gut wie nichts gelungen.“ 

Missmutig dreht sich die Schneiderin um und versucht, für ihr Problem eine Lösung zu finden. Dabei entdeckt sie ein kleines Wesen, das graziös auf dem Steckkissen ihrer Nadeln sitzt. Erschrocken springt sie auf, um aus sicherer Entfernung die feenhafte Gestalt betrachten zu können. Diese lächelt ihr ruhig entgegen und macht eine verlegene Handbewegung. 

„Wer bist du?“ 

Das zauberhafte Wesen kommt ein Stückchen näher und setzt sich auf die Zwirnrolle, die neben der Nähmaschine liegt. 

„Eigenartig“, denkt die Näherin, als die überirdische Gestalt neben ihr Platz nimmt. „Warum sehen ihre Flügel so verkrüppelt aus?“ 

„Das hängt damit zusammen, dass ich noch nicht die Möglichkeit hatte, sie vollkommen zu entfalten. Solange meine speziellen Fähigkeiten brach liegen, wird sich an der Form meiner Flügel nichts ändern. Leider bin ich in diesem Zustand für deine Entwicklung vollkommen wert- und nutzlos. Im Übrigen kannst du deine Gedanken ruhig aussprechen. Es gibt zwischen dir und mir keine Geheimnisse.“ 

„Wie? Ich verstehe nicht. Was hast du mit mir zu tun? Wer bist du?“ 

„Ich kann dir nur sagen, dass dein berufliches Geschick untrennbar mit meinem verborgenen Talent verbunden ist und du die Einzige bist, die mich von meiner Untätigkeit erlösen kann. Ich bin für dich nur dann glücksbringend, wenn du deine Bestimmung gefunden hast. Da ich kein Talent zum Schneidern habe, ist es mir nicht möglich, dich in deinen Nähkünsten zu unterstützen. Erst wenn du deine wirkliche Berufung erkennst, kann ich dir hilfreich zur Seite stehen. So leid es mir tut, aber diese Aufgabe kannst nur du alleine lösen. Ich bin dir heute erschienen, weil ich denke, dass es an der Zeit ist, neue Wege zu beschreiten.“ 

„Ja, das denke ich auch. Eigentlich wollte ich schon vor Jahren Nadel und Faden an den Hut stecken. Oft habe ich über eine Veränderung nachgedacht. Ich könnte mir wunderbar vorstellen, mit Kindern zu arbeiten, weil ich mich in ihrer Gesellschaft immer besonders wohlfühle.“ 

Ein seltsames Knistern unterbrach das Gespräch. Die beiden schauten sich erstaunt an. Die Augen der feenhaften Gestalt fingen an zu funkeln. „Hast du das gehört? Meine Flügel beginnen, sich zu glätten. Ich denke, du bist auf der richtigen Spur. Dieser Weg scheint in eine für dich geeignete Richtung zu führen.“

Ein wenig steif erwachte ich aus meinem Traum und sah mich benommen um. Meine Mitreisenden waren beide in ihre mitgebrachten Bücher vertieft. Regungslos blieb ich eine Weile sitzen und dachte über den Traum nach.

„Wie wichtig sind Talent, Berufung, Begabung? Und wie erkenne ich meine Talente?“

Einige Zeit grübelte ich darüber nach, jedoch brachte keine meiner Überlegungen eine befriedigende Antwort. Als junge Frau war ich mit Begeisterung Mutter und Hausfrau gewesen. Dankbar darüber, dass es für mich möglich war, meine Kinder selbst zu betreuen und aufwachsen zu sehen. Für mich gab es nichts Schöneres, als Teil einer Familie zu sein und Kinder auf ihrem Lebensweg begleiten zu dürfen. Dies war ein Geschenk, das ich für nichts auf der Welt hätte eintauschen wollen.

„Das Wichtigste in meinem Leben ist mir passiert. Ich wurde jung und ungeplant Mutter. Das tiefe Gefühl, als ich von meiner Schwangerschaft erfahren habe, war Liebe. Liebe zu dem ungeborenen Kind und zum Leben, verbunden mit viel Hoffnung auf eine gute Zukunft und ein glückliches Familienleben. Die Begabung hat sozusagen mich gefunden. Zuweilen erkennt man im Tun, dass sich dahinter eine Leidenschaft versteckt“, dachte ich froh über die Erkenntnis, dass ich einen Teil meines Lebens im Muttersein meine Erfüllung gefunden hatte. 

Nun, die Kinder hatten das Nest schon vor geraumer Zeit verlassen, ein neuer Lebensabschnitt hatte begonnen. Gab es durch die neu gewonnene Freiheit nicht auch so etwas wie ein neues Glück, neue Talente zu entdecken?

Mein Spiegelbild im Glas des Zugfensters erinnerte mich an mein Zwiegespräch, das ich vor der Abreise mit mir geführt hatte. 

„Alles liegt in meiner Verantwortung. Ja, damit konnte ich, Amara, durchaus umgehen. Mein Leben läuft in geordneten Bahnen. Im Grunde gibt es nichts zu bemängeln. Mein Einkommen ist gesichert, wenn auch nicht weltbewegend. Für meine Bedürfnisse reicht es allemal. Ich fühle mich frei und unabhängig. 

Vielleicht bin ich etwas zu genügsam geworden, vor allem mit mir selbst. Keinen Verpflichtungen mehr nachkommen zu müssen, in den Tag hineinleben zu können, das sind wunderbare Voraussetzungen, ein gemütliches und zufriedenes Leben zu führen. 

Zufrieden, ja. Nur zu viel bzw. nur mehr gemütlich ist noch zu früh. Ab und zu, gewissermaßen als Abwechslung oder Belohnung, ist die Gemütlichkeit sicherlich ein guter Ausgleich. Ich liebe meine gemütlichen Stunden, aber nach keiner Herausforderung mehr Ausschau zu halten, tut mir nicht gut. Wie im Schlaraffenland zu leben, träge und gelangweilt zu sein, kann nicht mein Ziel sein. Was für Ziele habe ich noch? Der springende Punkt ist: Ich habe keine Pläne, keine Ziele mehr.“

Der leise Klingelton aus meinem Rucksack brachte mich zurück ins Zugabteil. Ich nahm mein Telefon heraus und sah eine neue Nachricht: 

„Bin unterwegs in den Süden und gespannt, ob ich finde, was ich suche.“ 

Ein Lächeln machte sich auf meinem Gesicht breit. 

Antwort: „Bin unterwegs in den Norden, vielleicht finde ich dort Antworten.“ 

Zwar fühlte sich der Boden unter meinen Füßen schon ein wenig stabiler an, aber wie es mir ging, konnte ich noch nicht sagen. Es tat gut, unter Menschen zu sein, ihre Geschichten zu hören, sich zu öffnen und auf sie einzulassen. Vielleicht konnte ich auf diese Weise herauszufinden, was mir fehlte, wonach ich suchte. Anscheinend war nicht nur ich auf der Suche.

„Gut geschlafen?“, fragte mich Katharina. Ich brauchte ein paar Sekunden, um mich wieder ganz im Zugabteil zu verankern. 

„Ja, die Macht der Gewohnheit hat mich auch hier kurz einschlummern lassen. Zuhause raste ich mich gern nach dem Mittagessen ein wenig aus, wenn mir dabei die Augen zufallen, wehre ich mich nicht. Es erfrischt mich und gibt mir neue Energie für den Rest des Tages.“ 

Ich erzählte ihnen von meinem Traum. Die beiden jungen Frauen hörten mir interessiert zu und bald begannen sie, von ihren eigenen Erfahrungen zu berichten.

Katharina hatte, bedingt durch ihre Erlebnisse in der Modebranche, für sich herausgefunden, dass sie gerne kreativ arbeiten würde. 

„Wie und in welche Richtung ich meine Kreativität ausleben kann, wird sich noch herausstellen. Ich habe darüber auch schon einige Überlegungen angestellt und diese gilt es jetzt auszuloten“, sagte sie. 

Bei Johanna hingegen lag noch alles in einem dichten Nebel. 

„Was mir immer wieder zu schaffen macht“, sagte sie, „ist das Alleinsein im beruflichen Alltag. Ich bin gerne in Gesellschaft und liebe die Begegnung mit Menschen. Leider waren die Zeiträume, die ich mit meinen Kunden verbrachte, stets sehr kurz. Da hat sich nie etwas entwickeln können, die Begegnungen waren zu flüchtig.“

Eine ganze Weile saß Johanna still in Gedanken versunken da. Plötzlich hob sie ihre Augen, blickte in die Runde und verkündete mit sicherer Stimme, dass sie an der nächsten Haltestelle den Zug verlassen werde. 

„Ich weiß zwar noch nicht, was mir die berufliche Zukunft bringen wird, aber ich bin überzeugt, dass ich das Richtige finden werde. Vielleicht noch nicht morgen, aber mein Wunsch, mich zu verändern, ist enorm. Allein die Vorstellung motiviert mich, gibt mir wieder Kraft, etwas Neues auszuprobieren. Ich will herausfinden, was mir gefällt, wohin ich gehen möchte. 

Wohin mich meine ersten Schritte führen werden, habe ich schon entschieden. Ich will herausfinden, ob der Streit mit meinem Freund wirklich das Ende unserer Beziehung bedeutet. Er ist mir einfach zu wichtig, um es so enden zu lassen. Vielleicht begegne ich ja auch meiner kleinen Fee“, sagte Johanna mit einem Augenzwinkern. „Heute ist der Tag, der Veränderung in mein Leben bringen wird. Nein, der Veränderung in mein Leben gebracht hat, und darauf baue ich auf.“

Als der nächste Halt angekündigt wurde, verabschiedete sie sich von uns und ging mit entschlossenen Schritten Richtung Ausgang.

Vom Loslassen und Freiwerden

Versunken ins Gespräch mit Katharina, bemerkte ich den nächsten planmäßigen Aufenthalt erst, als die Tür aufgeschoben wurde und eine rüstige, alte Dame das Abteil betrat. Quirlig zog sie ihren kleinen Koffer hinter sich her. Katharina sprang auf, nahm ihr das Gepäck ab und hob es auf die Ablage. Die Dame bedankte sich und schüttelte Katharina herzlich die Hand. 

„Barbara Thaler, darf ich mich zu Ihnen setzen?“ Sogleich drehte sie sich mir zu, um auch mich mit Handschlag zu begrüßen. 

„Bitte, nehmen Sie Platz. Würden Sie gerne am Fenster sitzen?“, wollte Katharina wissen. Frau Thaler hatte keinerlei Wünsche, was die Wahl des Sitzplatzes betraf. Mit einem pfiffigen Lächeln im Gesicht probierte sie die Polsterung, so dass ihr Körper leicht auf und ab federte. „Passt vorzüglich.“ 

Ich war ganz gefangen von der Ausdruckskraft ihres Auftretens, ihrer Agilität und besonders ihren leuchtenden Augen. Obwohl Frau Thalers Alter das einstige wohl hübsche Gesicht mit vielen Runzeln übersät hatte, tat das ihrer Ausstrahlung keinen Abbruch. Ihr Lächeln wirkte wie ein Sonnenstrahl, der durch eine dicke Regenwolke drang und die Landschaft überflutete. Ihre Augen funkelten und wenn sie sprach, wippte ihre weiße Lockenpracht im Takt dazu. Ich konnte Frau Thaler keinen Moment aus den Augen lassen. 

Mit winzigen, tänzelnden Schritten tippelte sie zum Gepäcksnetz, wo sie eine bunte Stofftasche abgelegt hatte, öffnete diese und entnahm eine kleine Dose. Fasziniert von ihrer Erscheinung bemerkte ich den intensiven Zimtgeruch, der sich rasch im Abteil ausbreitete, nicht gleich. 

„Möchten Sie einmal probieren?“ Barbara Thaler bot uns eine Süßigkeit an, die diesen intensiven Duft verströmte. Da Zimt eines meiner Lieblingsgewürze war, griff ich gleich zu. 

„Verzeihen Sie, aber ich kann nicht anders, als Ihnen eine meiner neuesten Konfektkreationen anzubieten. Ich möchte gerne herausfinden, ob dieses Naschwerk im Stande ist, nicht nur mich zu verführen.“ 

Frau Thaler erklärte uns, dass in der kleinen, appetitlich anzusehenden Süßigkeit viele Stunden an einfallsreicher Arbeit und Tüfteleien steckten. 

Katharina ließ die Praline in ihrem Mund zergehen und es war deutlich erkennbar, wie gut es ihr mundete. „Ausgefallene Komposition, schmeckt köstlich“, war ihr Fazit. 

Mit geschlossenen Augen spürte ich dem außergewöhnlichen Geschmack nach. Die kleine Kugel, mit Kokosette ummantelt, schmeckte süß, doch nicht zu süß, hatte eine fruchtige Note und schmolz wie Butter auf der Zunge. 

„Ich muss gestehen, dass süßes Naschwerk nicht unbedingt zu meinen Lieblingsspeisen zählt, aber diese fruchtige, nussige Kombination wirkt auch auf mich unwiderstehlich. Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie mit der Rezeptur Erfolge feiern werden. Das Backen ist wohl Ihre Leidenschaft“, sagte ich begeistert.

„Ich habe schon als Kind gerne mit allerlei Zutaten eigene Rezepte ausprobiert und mit der Zeit ist meine Begeisterung immer mehr gewachsen, so dass ich mich beständig verbessert habe. Daher wurde ich mit den Jahren von Eltern und Geschwistern einstimmig zur Haus- und Hofkonditorin erwählt. Was mich als Kind mächtig stolz machte.“ Frau Thaler stand der Stolz noch beim Erzählen ins Gesicht geschrieben. 

„Und diese Leidenschaft hat Sie bis heute nicht verlassen?“, fragte ich nach. „Nein, sie ist immer noch unvermindert da und macht mir nach wie vor große Freude. Im Laufe der Jahre haben sich noch ein paar Hobbys dazugesellt. Liebhabereien, die mein Leben bereichern.“ Bildhaft beschrieb sie uns ihre speziellen Interessensgebiete.