Die magischen Buchhändler von London - Garth Nix - E-Book

Die magischen Buchhändler von London E-Book

Nix Garth

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11,99 €

Beschreibung

Buchhändler retten die Welt! Ausgezeichnet mit dem Aurealis Award als der beste Fantasyroman des Jahres.

Schon immer waren Buchhändler Hüter und Verbreiter von Wissen. Besonders gilt dies für die Mitglieder des Geheimbunds der magischen Buchhändler. Sie wissen um die übernatürliche Welt und beschützen die normalen Menschen vor ihren Schrecken. Einer dieser Buchhändler ist der junge Merlin. Klug, charmant und hervorragend ausgebildet ist er vielleicht der beste Buchhändler Londons – allerdings von der kämpfenden Sorte. Doch als er eine junge Frau vor einer Bestie rettet, ahnt er noch nicht, dass die Suche nach ihrem Vater auch ihn seinem größten Ziel näher bringt: Rache an den Mördern seiner Mutter zu nehmen.

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Seitenzahl: 469

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Buch

Susan Arkshaw kommt nach London, um den Vater zu finden, der sie und ihre Mutter vor vielen Jahren verlassen hat. Ein Gangsterboss könnte ihr weiterhelfen, doch bevor er antworten kann, wird er von einem jungen Mann mit einer silbernen Hutnadel zu Staub verwandelt. Bevor sie sichs versieht, befindet sich Susan in einer Welt der Magie und Monster. Der junge Mann – sein Name ist Merlin – ist ein Buchhändler, und er beschützt die Menschheit vor den Kreaturen der sogenannten Alten Welt. Gemeinsam setzen sie die Suche nach Susans Vater fort. Dabei hat Merlin eigentlich ein eigenes Ziel: Rache an den Mördern seiner Mutter! Er ahnt noch nicht, dass Susans Vater und seine Mutter sich ebenfalls kannten …

Autor

Garth Nix wurde in Melbourne, Australien, geboren, doch als er ein Jahr alt war, zogen seine Eltern mit ihm und seinem Bruder nach Canberra. Er studierte an der University of Canberra und machte dort 1986 seinen Abschluss. Danach arbeitete er unter anderem als Buchhändler und Verleger. Seine Bücher wurden weltweit mehr als fünf Millionen Mal verkauft und in 42 Sprachen übersetzt. Garth Nix lebt heute mit seiner Frau Anna und seinen beiden Söhnen in einem Vorort von Sydney.

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GARTH NIX

DIE MAGISCHEN BUCHHÄNDLER VON LONDON

Roman

Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel »The Left-handed Bookseller of London« bei Allen & Unwin, Sydney.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright der Originalausgabe © 2020 by Garth Nix

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2022 by Penhaligon in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Alexander Groß

Covergestaltung: Anke Koopmann | Designomicon

Covermotive: Karte London: shutterstock/steve estvanik – 87669532

Buch mit Schlüssel: shutterstock/intueri – 1011603733

Auge & Rahmen: shutterstock/Nadezhda Shuparskaia – 1728796303

Ornamente: shutterstock/Nadezhda Shuparskaia – 1409106857

HK · Herstellung: mr

Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN978-3-641-26326-3V004

www.penhaligon.de

Für Anna, Thomas und Edward; meine Eltern Henry und Katharine Nix; für meine Brüder Simon und Jonathan und ihre Familien; und für meine ganze Familie und alle Freunde.

Prolog

Es war der erste Mai 1983, und im Westen Englands hatte sich die Sonne um fünf Uhr zweiundvierzig bereits ein wenig über den Bergrücken erhoben. Trotzdem war es noch kühl und dunkel im Tal, durch das ein klarer Bach verlief, der eine Meile stromabwärts vor dem Wehr eine scharfe Linkskurve vollzog.

In der Nähe eines Bauernhauses führte eine Brücke aus drei Holzbohlen auf die andere Seite des Baches, wo ein Wanderweg begann. Nicht, dass dieser Weg je häufig benutzt worden wäre. Irgendwie übersahen die Wanderer den Anfang dieses besonderen Pfades neben der Kreuzung beim Weiler, gleich unter der alten Eiche in der Nähe des Wehrs.

Eine junge Frau kam gähnend aus dem Bauernhaus, die Augen halb geschlossen, in Gedanken größtenteils noch in dem Traum verloren, der ihr so real erschienen war.

Susan Arkshaw, die vor zwei Minuten achtzehn Jahre alt geworden war, wirkte eher apart als auffallend attraktiv. Ihre tiefschwarzen Augenbrauen standen in starkem Kontrast zu ihren weißblond gefärbten Haarstoppeln. Sie trug ein T-Shirt der Jimi-Hendrix-Summer-Tour von 1968, das ein Roadie vor fünfzehn Jahren ihrer Mutter geschenkt hatte. Das T-Shirt war so weit, dass es ihr als Nachthemd diente, denn sie war nicht groß, dafür sehr drahtig und muskulös. Die Leute hielten Susan oft für eine professionelle Tänzerin oder Turnerin, doch war sie weder das eine noch das andere.

Ihre Mutter, die groß und schlank, aber nicht so muskulös war, sagte immer, Susan käme nach ihrem Vater, was möglicherweise stimmte. Susan hatte ihn nie kennengelernt, und abgesehen davon, dass sie ihm ähnlich sah, hatte ihre Mutter ihr kaum Details über ihn verraten.

Susan ging zum Bach, kniete sich hin und tauchte die Hand in das kühle, klare Wasser. Sie hatte wieder den Traum gehabt, der sie seit ihrer Kindheit verfolgte. Sie runzelte die Stirn und versuchte, sich an Details zu erinnern. Der Traum begann immer an derselben Stelle, hier am Bach. Sie sah die Szene fast vor sich …

Das sich kräuselnde Wasser deutete auf einen aufsteigenden Fisch hin, bis es so sehr ins Wallen geriet und spritzte, dass es nicht länger irgendein Fisch sein konnte. Langsam, wie von einem unsichtbaren Seil hochgezogen, erhob sich in der Mitte des Baches ein Wesen aus der Strömung. Seine Beine, Arme und sein Körper waren aus Tang und Wasser, Weidenstöcken und Schilf. Der Kopf glich einem Korb aus verflochtenen Erlenwurzeln. Es hatte klare Augen aus wirbelndem Wasser, und sein Maul bestand aus zwei ziemlich großen Krebsen, die sich mit den Scheren gegenseitig bei den Schwänzen hielten und mit ihren Körpern eine Ober- und Unterlippe bildeten.

Während klares, kaltes Wasser an der Kreatur herabtropfte, schritt sie ein Dutzend Meter über Gras und Steinpflaster bis zum Haus, holte mit dem langen Arm aus Weidenruten aus und schlug an die Fensterscheiben, einmal, zweimal, dreimal.

Das Krebsmaul öffnete sich, und eine Zunge aus Teichkraut artikulierte Worte, die feucht und zischend klangen.

»Ich beobachte und wache.«

Das Flusswesen drehte sich um und kehrte zum Bach zurück. Dabei verlor es an Größe, Umfang und Substanz, bis es auf den letzten Schritten kaum mehr als ein Bündel aus Treibgut war, wie es der Bach bei jeder Überschwemmung an Land spülte. Allein die Schlammspur auf dem gepflasterten Weg vor dem Haus verriet noch, dass es überhaupt da gewesen war.

Susan rieb sich die Schläfen und blickte sich um. Auf den Pflastersteinen war eine Schlammspur zu sehen. Sie führte vom Haus zum Bach. Bestimmt stammte sie von ihrer Mutter, die noch früher aufgestanden war als Susan und in ihren Gummistiefeln herumgeschlurft war.

Ein Rabe krächzte vom Dach. Susan winkte ihm zu. In ihrem Traum kamen auch Raben vor, aber größere. Viel größer als alle, die es in Wirklichkeit gab, und sie konnten sprechen. Allerdings entsann sich Susan nicht an ihre Worte. Am besten blieb ihr immer der Anfang des Traums in Erinnerung; nach dem Geschöpf aus dem Bach geriet er durcheinander.

Außer den Raben spielte auch der Hügel oberhalb des Bauernhauses eine Rolle. Dort tauchte eine Kreatur aus der Erde auf … ein Echsenwesen aus Stein, vielleicht sogar ein Drache.

Susan lächelte, als sie über die Bedeutung des Traums nachsann. Ihr Unterbewusstsein schürte fleißig ihre Fantasie, angeheizt durch zu viele Fantasy-Romane und die Lektüre ihrer Kindheit, die aus den Werken von Susan Cooper, Tolkien und C. S. Lewis bestand. Das Geschöpf aus dem Bach, die riesigen Raben und die Steinechse boten Stoff für einen Albtraum, doch fand sie den Traum nicht beängstigend. Ganz im Gegenteil. Susan empfand hinterher immer ein seltsames Gefühl von Trost.

Sie gähnte ausgiebig und kehrte ins Bett zurück. Als sie unter die Bettdecke kroch und der Schlaf wieder nach ihr griff, fiel ihr plötzlich ein, was einer der riesigen Raben im Traum gesagt hatte.

»Dein Vater überließ uns Geschenke, die wir Geschöpfe des Wassers, der Luft und der Erde bewachen und beschützen.«

»Mein Vater«, murmelte Susan schläfrig. »Mein Vater …«

Später, als ihre Mutter ihr um acht Uhr Tee und Toast ans Bett brachte, eine besondere Aufmerksamkeit zur Feier ihres Geburtstags, hatte Susan vergessen, dass sie schon wach gewesen war und wieder ihren Traum gehabt hatte. Sie wusste nur noch, dass sie geträumt hatte.

Sie sah ihre Mutter an, die am Fußende des Bettes saß. »Ich hatte letzte Nacht einen interessanten Traum. Glaube ich. Nur kann ich mich nicht mehr an ihn erinnern. Er schien wichtig zu sein …«

»Es ist gut zu träumen«, erwiderte ihre Mutter, die selbst wie in einem Traum lebte. Sie fuhr sich mit den Fingern durchs lange üppig schwarze Haar, das hier und da mit dem Weiß des Kummers, nicht des Alters, durchzogen war. Jassmine ließ sich nie die Haare schneiden; sie regte sich immer auf, wenn Susan vorschlug, sie solle nicht bloß die Spitzen kürzen. »Meistens sind Träume gut … aber es gibt auch schlechte.«

»In meinem Traum … ging es irgendwie um meinen Vater, glaub ich.«

»Ach ja? Noch Tee?«

»Bist du sicher, dass du mir nicht sagen kannst, wer mein Vater ist, Mum?«

»O nein. Das war eine andere Zeit. Ich war früher nicht die Person, die ich heute bin. Er … Willst du noch Tee?«

»Ja, Mum.«

Sie tranken mehr Tee, beide in Gedanken versunken.

Schließlich sagte Susan entschlossen: »Ich denke, ich fahre früher nach London als geplant. Ich will mich schon mal einleben. Bestimmt finde ich Arbeit in einem Pub. Und ich … ich will meinen Vater finden.«

»Wie bitte, Herzchen?«

»Ich fahre nach London. Bevor das Studium losgeht. Nur um Arbeit zu finden und so weiter.«

»Oh. Tja. Das ist nur normal, nehme ich an. Aber du musst vorsichtig sein. Er hat mir gesagt … nein, das war wegen etwas anderem …«

»Wer ist ›er‹? Weshalb soll ich vorsichtig sein?«

»Hm? Oh, ich vergaß. London. Ja, natürlich musst du hinfahren. Als ich achtzehn war, konnte ich mir nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben. Aber du musst mir Postkarten schreiben. Hörst du? Am Trafalgar Square …«

Susan wartete darauf, dass Jassmine weitersprach, doch ihre Mutter starrte nur die Wand an. Was auch immer sie gerade hatte sagen wollen, war irgendwo auf dem Weg verloren gegangen.

»Ich schreib dir, Mum.«

»Und ich weiß, du wirst vorsichtig sein. Achtzehn! Alles Gute zum Geburtstag, mein Schatz. Jetzt muss ich mein Bild weitermalen, ehe die Wolke herbeizieht und das Licht ruiniert. Geschenke gibt’s später, ja? Nach dem zweiten Frühstück.«

»Geschenke später. Nutz das Licht aus!«

»Ja, ja. Du auch, liebes Mädchen. Du erst recht. Achte darauf, immer im Licht zu bleiben. Das hätte er so gewollt.«

»Mum! Wer ist ›er‹? Komm zurück … Ach, was soll’s.«

Erstes Kapitel

Einst trug ein Buchhändler einen unheimlichen Handschuh

Er war kein Rechtshänder und liebte sein Schwert

Er führte es mit links, höchst versiert

Gleichermaßen bewandert mit Büchern und in Kampfkunst

Der schlanke junge Mann mit dem langen Haar trug einen gebrauchten senffarbenen Dreiteiler mit weiter Schlaghose und dazu Stiefel aus Krokodillederimitat mit zwei Zentimeter hohen Absätzen. Er stand vor einem viel älteren Mann, der auf einer Ledercouch saß. Letzterer trug nichts als einen seidenen Morgenmantel mit Monogramm. Der offene Mantel entblößte seinen Bauch, der stark an einen Kugelfisch erinnerte. Sein fleischiges Gesicht war rot vor Wut, die Wangen zitterten noch vor Schock, weil der junge Mann ihm soeben mit einer silbernen Hutnadel in die rosige Nase gestochen hatte.

»Dafür wirst du bezahlen, du kleiner W…«, fluchte der ältere Mann, zog unter einem bestickten Kissen ein Rasiermesser hervor und fuchtelte damit herum.

Doch mitten in der Bewegung erschlaffte sein Gesicht, das Gewebe schrumpelte zusammen wie eine Plastiktüte über einer Kerzenflamme. Der junge Mann – oder vielleicht war es auch eine junge Frau, die sich wie ein Mann kleidete – trat zurück und beobachtete, wie die rasante Zersetzung fortschritt. Das Fleisch unter dem blassblauen Morgenmantel zerfiel zu Staub, seltsam vergilbte Knochen kamen zum Vorschein und ragten aus Ärmeln und Kragen, Knochen, die ihrerseits zu feinstem Sand zerbröselten, als hätte der mächtige Ozean sie über Jahrtausende zermahlen.

Nur hatte es in diesem Fall weder einen Ozean noch Jahrtausende gebraucht. Lediglich den Stich einer Hutnadel und ein paar Sekunden. Zugegebenermaßen war es eine ganz besondere Nadel, obwohl sie aussah wie jede andere, die die Damen der georgianischen Ära getragen hatten. Diese jedoch bestand aus versilbertem Stahl, in den Salomons großer Zauber der Entfesselung unter die Prägemarke graviert war, in so kleinen Buchstaben, dass sie mit bloßem Auge nicht zu erkennen waren. Die Prägung verriet, dass die Nadel 1797 in Birmingham von Harshton und Hoole hergestellt worden war, zwei höchst obskuren Silberschmieden, bei denen man keine gewöhnliche Ware bekam, weder damals noch heute – obwohl sie hauptsächlich Hutnadeln und seltsam scharfe Papiermesser fertigten.

Der junge Mann – denn er war ein Mann oder neigte dazu, einer zu sein – hielt die silberne Hutnadel in der linken Hand. Sie steckte in einem blassbraunen Handschuh aus geschmeidigem Cabretta-Leder; die zierlichen Finger seiner rechten Hand hingegen waren unbedeckt. Am rechten Zeigefinger trug er einen Ring, ein dünnes Goldband mit einer Inschrift, die nur bei genauem Hinsehen lesbar war.

Seine behandschuhte Linke zitterte nicht, als er die Hutnadel zurück in die Speziallasche im rechten Anzugärmel schob. Ihr Kopf schmiegte sich an die goldenen Manschettenknöpfe seines Turnbull-&-Asser-Hemdes. Bei den Knöpfen handelte es sich um Half-Sovereign-Münzen (1897, Königin Victoria; das Jubiläumsjahr, nicht irgendeine alte Half-Sovereign-Münze). Seine rechte Hand hingegen zitterte ein wenig, aber nicht so sehr, dass sich die Hutnadel in einem Faden verfangen hätte.

Er zitterte nicht etwa, weil er den Verbrecherboss Frank Thringley aus dem Verkehr gezogen hatte. Vielmehr lag es daran, dass er gar nicht hier sein dürfte und sich fragte, wie er das erklären …

»Nimm die … nimm die Hände hoch!«

Ebenso wenig hätte er sich von der jungen Frau überraschen lassen dürfen, die soeben in den Raum geplatzt war, ein Schablonenmesser in den zitternden Händen. Sie war weder groß noch klein und bewegte sich mit der Anmut einer muskulösen Kampfsportlerin oder Tänzerin. Ihr Clash-T-Shirt unter der dunkelblauen Latzhose, die ochsenblutroten Doc Martens und ihr kurz geschorenes, blond gefärbtes Haar deuteten eher auf eine Punkmusikerin hin.

Der Mann hob die Hände auf Kopfhöhe. Die Frau mit dem Messer war:

1. Jung, vielleicht neunzehn Jahre alt, genau wie er;

2. mit ziemlicher Sicherheit kein Schlürfer wie Frank Thringley; und

3. nicht die Art von junger Frau, die man im Haus von Verbrecherbossen antraf.

»Was … was hast du mit Onkel Frank gemacht?«

»Er ist nicht dein Onkel.«

Er setzte zu einem Schritt an, verharrte jedoch, als die junge Frau mit dem Messer gestikulierte.

»Hm, nein, aber … Stehen bleiben! Rühr dich nicht vom Fleck! Ich rufe jetzt die Polizei.«

»Die Polizei? Nicht Charlie Norton, Ben Krummnase oder einen anderen von Franks charmanten Mitarbeitern?«

»Die Polizei«, erwiderte die junge Frau entschlossen. Sie näherte sich dem Telefon auf der Kommode. Seltsam, dass Frank Thringley ein solches Telefon hatte, dachte Merlin. Antik, Art déco aus den 1930er-Jahren. Ein kleines weißes Elfenbeinding mit Goldeinlage und einer geraden Schnur.

»Wer bist du? Ich meine, klar, ruf ruhig die Polizei. Aber uns bleiben wahrscheinlich nur etwa fünf Minuten … eigentlich eher weniger.«

Er verstummte, griff mit der behandschuhten Linken in die gefärbte Umhängetasche aus Yakhaar, die er auf der rechten Seite trug, und zog blitzschnell einen großen Revolver hervor. Zugleich hörte die Frau hinter sich ein Geräusch. Etwas kam die Treppe hoch, aber nicht mit normalen Schritten. Als sie sich umdrehte, platzte ein Käfer von der Größe eines kleinen Pferdes in den Raum. Der junge Mann trat an ihr vorbei und schoss der Kreatur dreimal in die Brust – Bumm! Bumm! Bumm! Schwarzes Blut und Chitinsplitter spritzten auf den weißen Aubusson-Teppich. Dennoch lief das Geschöpf weiter, und mit den hakenförmigen Vorderbeinen wollte es die Beine des Mannes packen, der erneut feuerte. Drei weitere Schüsse, und die riesige, hässliche Wanze kippte auf den Rücken und begann, in einem wilden Todeskampf zu zappeln.

Als das ohrenbetäubende Echo der Schüsse verklungen war, merkte die Frau, dass sie schrie. Sie verstummte, da Geschrei nicht hilfreich war.

»Was … war das denn?«

»Pediculus humanus capitis. Eine Laus.« Der junge Mann lupfte seine Weste, zog Patronen aus einem Gürtel aus Segeltuch und lud den Revolver nach. »Sie wurde natürlich vergrößert. Wir müssen wirklich hier weg. Ich heiße übrigens Merlin.«

»Wie Merlin der Magier?«

»Wie Merlin der Zauberer. Und du bist?«

»Susan«, erwiderte sie automatisch. Sie starrte auf die immer noch zuckende Riesenlaus auf dem Teppich, dann auf den Haufen rötlichen Staubs auf dem Sofa, den der blassblaue Morgenmantel umhüllte. Allein das Monogramm »FT« wies noch darauf hin, wer der Staub einmal gewesen war.

»Was zum Teufel geht hier vor?«

»Das kann ich hier nicht erklären.« Merlin trat ans Fenster und schob es hoch.

»Warum nicht?«

»Weil wir beide sterben werden, wenn wir hierbleiben. Komm.« Er stieg aus dem Fenster.

Susan schaute zum Telefon und erwog, die Polizei zu rufen. Doch nach einer weiteren Sekunde umsichtigen, aber blitzschnellen Nachdenkens eilte sie Merlin nach.

Zweites Kapitel

Ich sah einen linkshändigen Buchhändler

Eines dunklen Tages im Wald

Ich wagte nicht zu fragen, was er dort tat

Es war wohl besser, es nicht zu wissen

Das Fenster auf der Rückseite des Konservatoriums führte aufs Dach, das bis zum Zaun reichte. Dahinter lag der dunkle Highgate Wood. Merlin balancierte auf dem stählernen First des Wintergartens entlang, obwohl er Stiefel mit Blockabsätzen trug. Der flache First war nicht breiter als seine Hand und zu beiden Seiten von langen Glasscheiben gesäumt. Dennoch sorgte er sich nicht darum, hindurchzufallen und dabei in Stücke geschnitten zu werden.

Am Fenster schaute Susan zaudernd zurück. Der monströse Käfer wand sich nach wie vor, doch das war nicht alles. Ein dunkler Nebel strömte die Treppe empor. Er sah aus wie dicker schwarzer Rauch, gleichwohl bewegte er sich sehr langsam, und sie nahm keinen Brandgeruch wahr. Was auch immer das war: Instinktiv wusste sie, er war unheilvoll. Unvermittelt erschauerte sie, stieg durchs Fenster und kroch zum Dachfirst des Wintergartens, dem sie flink auf Händen und Knien folgte.

»Da kommt ein seltsamer schwarzer Nebel die Treppe rauf«, sagte sie schnaufend, als sie das Ende erreichte.

Merlin stand vor ihr, doch als sie ihn ansprach, sprang er zum Ast einer uralten Eiche, die den Gartenzaun überragte.

»Wie schaffst du das nur mit diesen Absätzen?«, keuchte Susan.

»Übung.« Merlin hielt sich mit der rechten Hand an einem höheren Ast fest und streckte die linke nach ihr aus. »Spring.«

Susan blickte zurück. Der ungewöhnlich dichte, dunkle Nebel wallte bereits aus dem Fenster. Er bewegte sich nicht im Mindesten wie normaler Nebel. Ein dicker Schwall schlängelte sich wie ein Tentakel genau auf sie zu. Griff nach ihr …

Sie sprang. Merlin reckte sich ihr entgegen, doch Susan brauchte keine Hilfe. Sie landete auf dem Ast und schlang sofort die Arme um den Baumstamm.

»Runter!« Merlin kletterte zügig hinab. »Schnell!«

Susan folgte ihm und ließ sich die letzten anderthalb Meter fallen. Ihre Docs kamen platschend in Schlamm und Laubmulch auf. Es hatte fast den ganzen Tag geregnet, erst bei Einbruch der Dunkelheit hatten die Schauer nachgelassen. Jetzt, nach Mitternacht, war es bloß noch feuchtkalt.

Im Wald war es sehr finster. Nur hinter ihnen brannte Licht. Es kam von den Häusern und Straßenlaternen auf der Lanchester Road.

Der schwarze Nebel wogte über den Wintergarten und strömte zu beiden Seiten des Dachfirsts an den Scheiben entlang. Er breitete sich aus und verschmolz mit den Schatten der Nacht.

»Was ist das?«

»Erklär ich dir später«, antwortete Merlin. »Folge mir. Wir müssen zum alten Handelspfad.«

Im Zickzack eilte er zwischen den Bäumen hindurch. Susan folgte ihm mit erhobenen Händen, um zurückschnappende Äste und Schösslinge abzuwehren. Sie sah kaum etwas und nahm Merlin nur als dunkle Gestalt vor sich wahr; sie musste darauf vertrauen, dass er den Weg kannte, und versuchte, dicht hinter ihm zu bleiben.

Ein paar Minuten später wäre sie fast mit ihm zusammengeprallt, als sie einen Weg erreichten. Er zögerte kurz, schaute nach rechts und links und blickte dann zum bewölkten Himmel, an dem nur wenige Sterne glitzerten.

»Hier lang! Komm schon!« Er rannte los.

Susan folgte ihm bestmöglich. Sie befürchtete, sie beide würden gegen ein Hindernis prallen und sich verletzen. Andererseits hatte sie das Gefühl, dass etwas viel Schlimmeres geschehen würde, wenn sie dem schwarzen Nebel nicht entkämen, der sie gewiss noch verfolgte. In der Dunkelheit bewegte er sich schneller und tastete mit tentakelartigen Schwaden in alle Richtungen nach ihr.

Merlin hielt an. »Wir sind auf dem Pfad«, sagte er. »Jetzt müssen wir nicht mehr rennen. Bleib bei mir, verlass den Weg nicht.«

»Ich kann den Weg nicht mal sehen!«, keuchte Susan.

»Bleib direkt hinter mir.« Merlin ging in gemächlichem Tempo. Der Himmel war hier heller, weil die Bäume sich nicht so dicht um den Pfad drängten.

Mit weit aufgerissenen Augen versuchte Susan, etwas zu erkennen. Die Dunkelheit wies verschiedene Töne und Schattierungen auf. »Der Nebel«, flüsterte sie. »Ich glaube, er ist uns gefolgt.«

»Ja«, erwiderte Merlin. »Aber er kann nicht auf den Pfad.«

»Warum nicht?«

»Er ist sehr alt und folgt einem alten Brauch. Wie auch immer, wir müssen uns momentan weniger Sorgen um den Nebel selbst machen, sondern über den Muff.«

»Der Muff?«

»Man könnte den Nebel als Begleiterscheinung bezeichnen«, erklärte Merlin. »Wenn er dicht genug ist, lenkt er uns ab, macht uns orientierungslos, und das Ding, das sich im Nebel bewegt, braucht ihn. Das ist der Muff. Obwohl es auch andere Namen hat.«

Er wurde langsamer und studierte den Boden vor sich. Der Weg bog nach rechts ab, und geradeaus befand sich ein Wäldchen mit jungen Buchen. »Der neue Pfad folgt nicht dem Verlauf des alten Handelspfads. Wir müssen umkehren und zurückgehen.«

»Zurück?«

»Ja. In gerader Linie, notfalls bis zum Morgengrauen.«

»Aber dieser … dieser Muff …«

»Auf dem wahren Pfad kann er uns nichts anhaben«, sagte Merlin. »Kehr um. Nicht den Weg verlassen!«

Susan machte auf dem Absatz kehrt und ging langsam den Weg zurück, den sie gekommen waren. Sie folgte dem Pfad, so gut sie konnte.

»Ich kann nichts sehen«, flüsterte sie schon nach wenigen Schritten. Sie hörte den Schotter des Pfads unter ihren Füßen knirschen. Doch obwohl es anders klang, wenn sie auf Lauberde und Schlamm trat, war die Gefahr nur allzu groß, in der Dunkelheit vom Weg abzukommen.

»Wenn du erlaubst, lege ich meine Hände auf deine Schultern und leite dich«, sagte Merlin. »Geh langsam. Das wird schon klappen.«

Sie spürte, wie er seine Hände auf ihre Schultern legte, eine sanfte Berührung. Dennoch fühlte sich seine linke Hand seltsam an. Susan spürte, dass eine merkwürdige Wärme seinen Handschuh, ihre Latzhose und ihr T-Shirt durchdrang, als hätte er eine Art Heizung in der Hand. Er drückte sie sanft auf den Weg zurück.

»Es hat auch etwas Gutes, dass der Muff entfesselt wurde«, sagte Merlin, nachdem sie dreißig oder vierzig Meter zurückgelegt hatten. »Denn jetzt wagt niemand mehr, uns zu verfolgen.«

»Nicht?«

»Die Kreatur ist nicht besonders wählerisch«, sagte Merlin. »Hoffentlich hat der Regen vorhin dafür gesorgt, dass heute Nacht niemand mehr im Wald ist. Geh schön langsam. Verdammt!«

»Was ist?«

»Hier führt der Weg auch nicht weiter. Wir müssten diese Bäume umgehen. Warum konnten sie nicht entlang des alten Pfads wachsen? Anhalten! Wir kehren wieder um.«

Sie wandten sich um. Zum ersten Mal wurde Susan bewusst, dass noch etwas sie beunruhigte. Außer den offensichtlich beunruhigenden Dingen wie »Onkel« Frank, der zu Staub zerfallen war, dem riesigen Käfer und dem schwarzen Nebel.

»Ich höre keine Autos. Keine Züge. Gar nichts außer uns. Warum ist es so still?«

»Es ist zwei Uhr nachts.«

»Ach, komm schon. Ich bin zwar vom Land, aber ich war schon mal in London.«

»Ah. Von wo kommst du genau?«

»Aus West Country. Zwischen Bath und Chippenham. Wechsle nicht das Thema.«

»Ich fürchte, die Stille bedeutet, wir sind jetzt vollständig vom Nebel umgeben, den der Muff durchstreift. Wo wir gerade von ihm sprechen: Er wird wahrscheinlich versuchen, uns vom Weg zu scheuchen, also sei bereit. Halt dich an meinen Schultern fest und bleib dicht bei mir.«

Sie gingen weiter. Es war vollkommen still – bis auf den knirschenden Kies und die knackenden Zweige unter den Blockabsätzen und Doc-Martens-Luftsohlen und Susans Atem, der sich noch immer nicht beruhigt hatte.

»Der Mond kommt hinter den Wolken hervor«, sagte Merlin.

»Ist das gut?«

»Nicht immer. Für uns heute Nacht schon. Ein Neumond ist freundlicher zum jungen Volk, also den Menschen, jedenfalls meistens. Und er erleichtert es uns, den Weg zu sehen.«

Das stimmte allerdings. Kies, Laub und Schlamm leuchteten regelrecht, der Boden reflektierte das weiche, fahle Mondlicht nicht nur, sondern wurde anscheinend von ihm förmlich entfacht.

Im Licht des Mondes sah man auch den schwarzen Nebel deutlicher. Er umwallte sie auf allen Seiten, schirmte sie ab, machte den Weg zu einer engen, gefährlichen Gasse. Hin und wieder drängten sich Schwaden und Nebelfetzen heran, die am Wegesrand wieder zurückwichen und in der Nebelmasse verschwanden.

Ein paar Schritte weiter rümpfte Susan plötzlich die Nase und spürte, wie ihr die Galle im Hals aufstieg. »Ich rieche etwas echt Widerliches«, flüsterte sie. »Wie verrottendes Fleisch und … fauliges Wasser.«

»Das ist der Muff.« Merlin senkte seine helle, wohlklingende Stimme nicht. »Wahrscheinlich hat ihn der Teil der Flotte herbeigerufen, der früher die Innereien und das Blut vom Smithfield-Markt schaffte. Der Muff hasst die Sterblichen umso mehr, weil sie sein Wasser verschmutzen. Sieh nicht hin. Es kommt auf uns zu, von rechts hinten.«

Der Geruch wurde stärker. Susans Nackenhaare stellten sich auf, und sie erschauerte, als spürte sie zwischen den Schulterblättern einen spitzen Zahn, der sich ihr jeden Moment ins Fleisch bohren würde.

»Lass uns ›Zwanzig Fragen‹ spielen«, schlug Merlin leichthin vor. »Das lenkt dich von … äh … Dingen ab.«

»Diese Ja-Nein-Fragen treiben mich immer in den Wahnsinn.« Es kostete Susan einige Mühe, normal zu sprechen. Sie war sich bewusst, dass etwas hinter ihr stand, etwas Großes und Schreckliches, dessen Atem nach Aas stank. »Wie wäre es, wenn wir uns Fragen stellen, die wir ganz normal beantworten?«

»In Ordnung«, erwiderte Merlin. »Wir kommen jetzt an die Stelle, an der wir wieder umkehren müssen. Blick immer zu Boden. Wenn du den Muff siehst, schau ihn nicht direkt an.«

»Okay. Äh, wenn du meine Fragen beantwortest … laufe ich doch nicht etwa Gefahr, dass du mich umbringen musst, weil ich zu viel weiß, oder?«

»Du weißt jetzt schon zu viel«, antwortete Merlin. »Aber ich bin für dich keine Gefahr. Und du keine für mich. Allerdings fürchte ich, dein Leben wird nie wieder dasselbe sein.«

»Oh.«

»Zum Teil wird es vielleicht sogar besser«, sagte Merlin vorsichtig. »Hängt ganz davon ab, in welcher Beziehung du wirklich zu deinem ›Onkel‹ Frank standest. Schau zu Boden, dreh dich um.«

Susan versuchte, den Boden zu fixieren, trotzdem erhaschte sie einen flüchtigen Blick auf etwas Schreckliches im Nebel, ein massiges, missgestaltetes Ding mit Augen, die offenen Wunden glichen, und einem riesigen, ständig tropfenden Schlund.

»Zu Boden sehen! Weitergehen!«

»Mach ich ja.« Susan erschauerte.

»Er lässt sich zurückfallen. Und auf dem Pfad kommt er wirklich nicht an uns heran«, sagte Merlin. »Stell dir vor, wir … äh … würden uns irgendwo anders unterhalten. Also, was hast du in diesem Haus gemacht?«

»Frank war ein alter Freund meiner Mutter.« Susan öffnete die Augen einen Spaltbreit. »Ich dachte, sie wären mal zusammen gewesen … Er hat mir zu Weihnachten immer Geschenke geschickt, unterschrieben mit ›Onkel Frank‹. Ich habe ihn nie kennengelernt, bis ich heute in London ankam. Ich meine gestern. Ich wusste sofort, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Ihn zu besuchen, meine ich. Ich wollte mich gerade rausschleichen, als ich dich reinkommen hörte … Was hast du überhaupt mit ihm gemacht? Und warum?«

»Um es auf den Punkt zu bringen, habe ich ihn mit einem silbernen Gegenstand berührt, in den Salomons Zauberspruch eingraviert ist. Harmlos für Sterbliche … Menschen … aber Leute wie Frank bezeichnen wir als Schlürfer. Er war ein Bluttrinker.«

»Ein Vampir!«

»Nein, die gibt es nicht, obwohl die Legende ziemlich sicher auf Schlürfer zurückgeht. Sie beißen zwar, aber fast immer nur am Handgelenk oder Knöchel, nicht am Hals, weil sie niemanden töten wollen. Und die Bisswunden sind sehr klein. Sie bringen ihr Opfer zum Bluten und schlürfen dann alles auf. Nicht dieser Schwachsinn mit den großen, hohlen Zähnen; sie schlecken es auf wie eine Katze. Mit ihren dreieckigen Zungen. Das ist eins der Merkmale, die sie verraten.«

»Und du jagst und tötest sie?«

Merlin seufzte. »Nein. Normalerweise lassen wir sie in Ruhe, sofern sie sich benehmen. Bei uns arbeitet sogar ein Schlürfer in der Buchhaltung und … äh … einer auf der Krankenstation. Schlürfer-Speichel hat eine starke Heilkraft.«

»Und warum hast du Frank mit deiner Hutnadel erstochen?«

»Du hast erkannt, dass es eine Hutnadel ist?«

»Ich bin Kunststudentin. Mit Schmuck kenne ich mich aus, auch wenn ich mich hauptsächlich mit Grafik befasse. Zumindest bin ich bald Kunststudentin, sobald das Semester anfängt. Momentan suche ich nach meinem Vater. Ich habe etwa drei Monate Zeit, ehe ich mich ins Zeug legen muss, wie Mrs. Lawrence sagt.«

»Wer ist Mrs. Lawrence?«

»Meine Kunstlehrerin in der Oberstufe. Sie hat mir geholfen, den Studienplatz zu bekommen, und sagt, ich soll die Chance nicht vergeuden.«

»An welcher Kunstschule? Gleich musst du wieder anhalten und umkehren.«

»An der Slade.«

»Dann musst du gut sein.«

»Meine Radierungen können sich angeblich sehen lassen. Und ich kann zeichnen. Obwohl das im Moment nicht gerade der letzte Schrei ist. Zeichnen zu können, meine ich.«

»Es muss befriedigend sein, etwas zu erschaffen. Umdrehen.«

Sie kehrten um.

Susan nahm einen starken Aasgeruch wahr und hätte fast gewürgt, doch ihr war klar, dass das Reden sie ablenkte. Schnell stellte sie die erstbeste Frage, die ihr in den Sinn kam. »Wenn wir auf dem Weg sicher sind, können wir uns dann nicht hinsetzen?«

»Nein«, antwortete Merlin. »Der alte Handelspfad gewährt uns nur dann seine Vorzüge, wenn wir auf ihm laufen. Sobald wir stehen bleiben, ist er nur ein Fleck Erde, und sowohl der Nebel als auch der Muff können uns erwischen.«

»Bist du wirklich ein Zauberer?«

»Hauptsächlich bin ich Buchhändler.«

»Was?«

»Ehrlich. Ein Buchhändler. Ich kümmere mich größtenteils um eingehende Lieferungen, ums Auspacken und Regaleeinräumen. Nicht so sehr um den eigentlichen Verkauf. Das machen eher die Rechtshänder.«

»Die Rechtshänder?«

»Ich bin in einer Art von Familienunternehmen. Vielleicht wäre das Wort ›Clan‹ zutreffender. Wir sind entweder Rechts- oder Linkshänder. Obwohl sich das auch ändern kann. ›Einer für die Bücher, einer für die Haken‹, wie wir gern sagen.« Er hielt die behandschuhte linke Hand hoch, die im Mondlicht unscheinbar wirkte. »Wie du siehst, gehöre ich zur linkshändigen Fraktion.«

»Und was bedeutet das genau? Was soll das mit den Haken?«

»Das ist ein wenig obskur, um ehrlich zu sein. Ich meine, wir haben nie wirklich Haken benutzt. Schwerter, Dolche, Hutnadeln … aber der linkshändige St. Jacques …«

»Sojack?«

»Spricht sich ›Sso Schagg‹. Ein Familienname. Französisch. Obwohl wir keine Franzosen sind und es nicht unser richtiger Name ist, hat die erste Elizabeth ihn uns aufgedrückt. Sie war verwirrt, und der Name blieb irgendwie hängen. Wie auch immer, wir Linkshänder sind meist unterwegs, rennen herum, kämpfen und so weiter. Die Sache mit dem Haken könnte ein bitterer Bezug darauf sein, dass einige von uns im siebzehnten Jahrhundert von religiösen Gruppen an Haken aufgehängt wurden.«

»Aber was … Ich meine, diese Schlürfer-Sache, der Muff und der Nebel … Was ist hier los?« Susan stieß die Frage fast wie einen Schrei aus. Sie hatte es geschafft, die bizarre Mischung aus Panik und Verwirrung im Zaum zu halten, aber nun drohte sie die Beherrschung zu verlieren.

»Mir ist klar, dass dich das schockiert. Aber wenn du ruhig bleibst – und in meiner Nähe –, hast du die besten Überlebenschancen. Wie soll ich es ausdrücken? Die Welt, die du kennst, die ›normale‹ Welt der Menschen, ist die oberste Schicht eines Palimpsests – das ist ein mehrfach überschriebenes Pergament.«

»Ich weiß, was ein Palimpest … Palimset … Ich weiß, was das ist, auch wenn ich es nicht aussprechen kann.«

»Nun, es gibt eine andere Welt unter der alltäglichen, und unter bestimmten Bedingungen oder zu gewissen Zeiten tritt die Alte Welt hervor. Dann werden einige ihrer Elemente sozusagen zur primären Welt. Es gibt Orte, Kreaturen und Individuen, die auf mehreren Ebenen zugleich existieren, entweder aufgrund ihrer Natur oder weil sie beeinflusst wurden – ich schätze, man nennt das Magie. Wir Buchhändler fallen in letztere Kategorie, sowohl die Links- als auch Rechtshänder. Aus verschiedenen Gründen überwachen wir die Interaktion zwischen den Ebenen: der eher mythischen, die gemeinhin als Alte Welt bekannt ist, und der Neuen Welt, der fantasielosen Menschenwelt, die du wohl liebevoll ›Realität‹ nennst.«

»Aber was hat der Buchhandel mit all dem zu tun?«

»Von irgendwas müssen wir ja leben.«

»Was?«

»Die alten mythischen Ebenen existieren größtenteils abgesondert. Die meisten Wesen der Alten Welt unterliegen einem Bann, und die Ungebundenen benehmen sich sowieso. Wir müssen selten eingreifen. In der Zwischenzeit verkaufen wir Bücher. Auch aus anderen Gründen. Das ist ziemlich kompliziert … Bist du bereit, wieder umzukehren?«

»Äh, ja, ich denke schon.«

Sie drehten sich erneut um. Diesmal machte sich Susan nicht die Mühe, die Augen zu schließen, doch sie hielt den Blick gesenkt. Der ekelerregende Geruch nach Moder verriet ihr, dass der Muff in der Nähe war, doch das störte sie inzwischen weniger. Merlins ruhiger Plauderton hatte ihre Angst irgendwie verdrängt, ebenso das rhythmische Auf-und-ab-Gehen auf dem Pfad.

»Äh, ich hab noch eine Frage«, sagte Susan. »Die ist aber ein bisschen aufdringlich …«

»Ich bin ein Mensch«, kam Merlin ihr zuvor. »Momentan ein Mann, wie es der Zufall will.«

»Momentan?«

»Wir können … unsere Gestalt ein wenig wandeln, kann man wohl sagen. Ich wurde als Mann geboren, denke aber darüber nach, das zu ändern.«

Das musste Susan erst einmal verdauen. »Kannst du deine Gestalt einfach so ändern?«

»Oh, leicht ist das nicht«, antwortete Merlin. »Aber es fällt uns viel leichter als …«

Plötzlich ertönte in der Nähe im Wald ein Horn. Nicht etwa ein Martinshorn, sondern das tiefe, langgezogene Dröhnen eines mittelalterlichen Instruments.

»Was ist das?«

»Der Muff wird zurückgerufen. Wieder an seinen Ursprungsort geschickt.« An Merlins Schultern spürte Susan, wie angespannt er war. »Auch der Nebel wird sich auflösen. Ein seltsames Vorgehen. Es sind noch Stunden bis zum Morgengrauen. Wenn ich nur wüsste, wer ihn beschworen hat. Es kann nicht Thringley gewesen sein.«

»Was sollen wir tun?«

»Geh weiter und mach dich bereit loszurennen, auf den neuen Pfad. Hörst du das? Der Nebel lichtet sich.«

Die Geräusche der Stadt kehrten zurück. Verkehrslärm, das tiefe, ferne Rumpeln eines Zuges, undeutliche Stimmen im Wind. Außerdem wurde es heller, besonders aus Richtung Lanchester Road, und vereinzelt blitzte blaues Licht durch die Bäume.

»Die Polizei!«

»Sie ist im Haus deines ›Onkels‹ Frank. Zumindest haben sie auf die Schüsse reagiert.« Merlin musterte die Umgebung und die Baumkronen. »Ich hoffe, nicht zu schnell – um ihretwillen. Gut, der Muff ist weg. Mach dich bereit …«

Unvermittelt stieß er Susan zu Boden. Als sie sich aufrichtete, zischte etwas über ihren Kopf hinweg, Merlin schlug es aus der Luft und drückte sie mit der rechten Hand erneut nieder. Sie rollte sich weg und wollte sich aufsetzen, ging aber gleich wieder in Deckung, als ein Pfeil mit rotem Schaft und weißen Federn vorbeisauste und sich tief in den Baum hinter ihr bohrte.

Merlin schlug einen weiteren Pfeil aus der Luft. Seine linke Hand bewegte sich so schnell, dass Susan sie kaum sah. Elegant tänzelte er zur Seite, um dem nächsten Pfeil auszuweichen. Doch war er zu langsam, um dem vierten zu entgehen. Das Geschoss traf ihn in die rechte Schulter, mit einem Geräusch, das Susan am liebsten nicht gehört hätte. Er wirbelte herum und sackte auf ein Knie, wobei ihm seine Yakhaartasche mit dem Revolver von der Schulter rutschte. Ohne nachzudenken, kroch Susan hin, um die Waffe an sich zu nehmen und in die Richtung zurückzuschießen, aus der die Pfeile kamen.

Doch Merlin war nicht auf ein Knie gesackt. Vielmehr hatte er sich absichtlich hingekniet und das Hosenbein hochgezogen, um eine kleine Automatikpistole aus einem Knöchelholster zu ziehen. Er feuerte sie mit der rechten Hand ab, während er mit der linken weiterhin Pfeile ablenkte, die ihn oder Susan treffen könnten.

Die kleine Pistole war viel leiser als der große Revolver, den Susan noch immer aus der Tasche zu ziehen versuchte. Die Schüsse klangen fast wie hohes Hundegebell. Das Mündungsfeuer blitzte hell auf, als Merlin achtmal in rascher Folge feuerte. Nach dem fünften Schuss sausten keine Pfeile mehr heran.

Susan zog den Revolver aus der Tasche und umfasste den Griff mit beiden Händen. Sie hatte schon mit Schrotflinten geschossen und war ironischerweise eine gute Bogenschützin, eine Handfeuerwaffe hingegen hatte sie noch nie benutzt. Aber was sollte schon dabei sein?

»Nein, nein … leg den hin.« Merlin lehnte sich mit dem Rücken an einen Baumstamm und packte mit der linken Hand den Schaft des Pfeils. »Die Polizei wird jede Sekunde hier auftauchen … von Franks Haus.«

»Wer hat die Pfeile abgefeuert?«

»Ein Raud-Alfar-Wächter … Ich schätze, der Muff hat ihn geweckt. Er betrachtet uns als Eindringlinge. Deshalb haben sie den Muff … zurückgerufen … Ich hätte an die Raud Alfar denken müssen … sie mit Geschenken besänftigen sollen.«

»Hast du diesen Wächter getötet?«

»Nein … Schüsse vertreiben ihn. Manchmal. Maschinengeräusche.«

Susan legte den Revolver griffbereit auf die Tasche und kroch zu Merlin hinüber. Im Mondlicht sah sie, dass der Pfeil unterhalb seines Schulterknochens steckte. Sein Hemd und der senffarbene Mantel waren blutdurchtränkt. Sie sah Merlin erstmals von nahem, doch ihr blieb keine Zeit, sein gutes Aussehen zu bewundern, denn er war fürchterlich blass und schnappte mit kurzen kontrollierten Atemzügen nach Luft.

»Ich brauche … deine Hilfe. Eine silberne Ampulle in meiner … linken Westentasche. Nimm sie. Gut! Öffne sie … Kipp dir den Inhalt in den Mund, aber nicht schlucken … Ja, ich weiß … und spülen … Ich breche den Pfeil ab und drücke das Stück, das in mir steckt, durch. Sobald ich ihn raushabe, spuckst du … in die Wunde.«

Was auch immer in dem Fläschchen war, es schmeckte ekelhaft. Trotzdem behielt Susan die Flüssigkeit im Mund und spülte sie von Wange zu Wange. Merlin brach den Schaft mühelos mit der linken Hand ab und stöhnte leise auf. Sein Gesicht verzog sich vor Schmerz. Er keuchte erneut, als er den restlichen Schaft durch die Wunde drückte. Tränen traten ihm in die Augen.

»Zieh … zieh ihn raus … und spuck das Zeug …«, flüsterte er, dann kippte er ohnmächtig nach vorn. Die blutige Pfeilspitze ragte aus seinem Rücken hervor.

Susan presste die Lippen zusammen und erstickte ihr Schluchzen. Sie behielt die kostbare Flüssigkeit im Mund und zog das Pfeilstück aus Merlins Wunde. Sie warf es weg, beugte sich vor und spuckte in die Wunde. Blasses blaugrünes Licht strömte aus ihrem Mund, bläuliche Flammen wie von flambiertem Schnaps, jedoch waren sie nicht heiß. Sie erfassten das Loch im Mantel und verschwanden in der Wunde.

Susan lehnte sich zurück und wischte sich den Mund ab. Ihr Speichel leuchtete jetzt nicht mehr. Was auch immer die seltsame Flüssigkeit bewirkt hatte, sie hatte Merlin nicht aus der Besinnungslosigkeit geweckt. Äußerst behutsam legte sie ihn hin und zog ihm den Mantel aus. Sie nahm das Einstecktuch heraus, faltete es und drückte es auf die Austrittswunde in seinem Rücken, während sie mit der anderen Hand Druck auf das Loch in seiner Brust ausübte.

Es war schwer zu erkennen, aber er schien noch immer Blut zu verlieren, und Susan spürte nicht, ob sich sein Brustkorb hob und senkte.

Sie beugte sich näher zu ihm, in der Hoffnung, seinen Atem zu spüren, doch stattdessen hörte sie schwere Schritte hinter sich, und plötzlich leuchtete jemand sie mit dem weißen Strahl einer Taschenlampe an, sodass ihr Schatten auf Merlins Körper fiel.

»Halt! Polizei! Ich will Ihre Hände sehen!«

Drittes Kapitel

Kein Zauberer kannte je

Die seltsame, seltene Magie

die die behandschuhten Buchhändler hüten

Doch ihre Geheimnisse teilen sie nicht

Eine halbe Stunde später saß Susan unter grellem Neonlicht in einem Verhörraum der Highgate-Polizeistation. Ein ziemlich aufgeregter, bewaffneter Constable hatte sie wegen Mordverdachts verhaftet, und fünf Minuten später hatte ein passiv-aggressiver Sergeant sie darüber aufgeklärt, dass die Verhaftung vielleicht nicht rechtens war. Doch da es nun einmal geschehen sei, müssten sie zumindest die Formalitäten erledigen, was offenbar auch Susans Schuld sei. Wenigstens hatten die Polizisten ihr die Handschellen abgenommen, bevor sie den kurzen Weg zur Wache angetreten hatten. Dort angekommen, hatte Susan sich das Blut von den Händen waschen dürfen und Tee und Kekse bekommen.

Soweit sie dem Gemurmel entnahm, das sie belauschte, hing ihr ungewisser Status allein von Merlins Verfassung ab. Der Sergeant hatte dem eleganten jungen Mann ein schwarzes Lederetui aus der Anzugtasche gezogen, einen Blick auf den Ausweis darin geworfen und gleich über Funk seine Vorgesetzten kontaktiert. Merlin wurde zu diesem Zeitpunkt von zwei Sanitätern behandelt. Mit Erleichterung hörte Susan, dass er noch lebte und erstaunlicherweise nicht allzu schwer verletzt war.

Der Constable, der sie verhaftet hatte, steckte seinen Kopf durch die Tür. »Hallo, geht es Ihnen gut? Möchten Sie noch einen Tee? Einen Keks?« Er war ein großer schwarzhaariger junger Mann Mitte zwanzig mit einem überraschend hellen Schnurrbart. Er wirkte viel entspannter als zuvor, als er mit der Smith & Wesson auf sie gezielt und befohlen hatte, Susan solle ihm ihre Hände zeigen. Sie hatte vor Merlin auf die Knie gehen und die Hände auf den Rücken legen müssen, woraufhin der Partner des Constables ihr Handschellen angelegt hatte und sich alle ein wenig entspannt hatten.

»Ja, es geht mir gut«, antwortete Susan. »Aber was ist hier los? Bin ich immer noch verhaftet, oder was?«

Der Constable errötete. »Nein, tut mir leid, das war mein Fehler. Wir warten jetzt auf Inspector Greene, der schafft Sie hier raus.«

»Inspector Greene?«

»Staatspolizei. Sie gehören zum MI5, richtig? Arbeiten Sie normalerweise mit einem anderen Partner?«

»Ich weiß nicht …« Susan stockte, als ihr müder und ziemlich verwirrter Verstand sie einholte. Rausgeschafft zu werden klang viel besser, als wegen Mordes verhaftet zu sein. »Ähm, kann ich meinen Rucksack aus Frank Thringleys Haus holen?«

»Oh, ich frage mal die hiesigen Chefs. Das hier ist nicht meine Dienststelle. Ich bin bei D11«, sagte er voller Stolz, als ob es etwas Wichtiges wäre. Später begriff Susan, dass er sie hatte beeindrucken wollen; eine seltsame Art von Flirt.

»Apropos Schusswaffen, dieser 357er Smython!« Er stieß einen Pfiff aus. »Ich hab die Waffe erst gar nicht erkannt; Sergeant Bowen aber schon. Sehr elegant. Nichts gegen Ihre kleine Beretta, Miss – leicht zu verbergen, das muss ich Ihnen lassen.«

»Ja, stimmt.« Susan fühlte sich plötzlich sehr, sehr müde. Sie schaute auf ihre Uhr, eine jener neumodischen Swatch-Plastikuhren, die sie von ihrer Mutter zum Abschied bekommen hatte. Es war kurz vor sechs, also wahrscheinlich gerade erst hell draußen.

»Wenn Sie etwas brauchen, klopfen Sie an die Tür«, sagte der Constable. »Tut mir leid, dass wir Sie einsperren müssen, aber aus den Augen, aus dem Sinn, stimmt’s?«

»Stimmt.« Susan legte den Kopf auf ihre Arme und schlief ein.

Inspector Greene war eine Frau. Das überraschte Susan ein wenig, obwohl das im Jahr 1983 eigentlich hätte normal sein sollen. Doch die Metropolitan Police hielt von der Gleichberechtigung der Geschlechter noch weniger als die regionalen Polizeibehörden, eine Haltung, die bis zu den Nachkriegsreformen der radikalen Premierministerin Clementina Attlee zurückreichte. Paradoxerweise bekleidete bereits die zweite Frau das Amt des englischen Premierministers. Margaret Thatcher war eine Tory der alten Schule und konzentrierte sich darauf, viele Änderungen rückgängig zu machen, die Attlee und spätere Labour-Regierungen eingeführt hatten. Die Gesetzgebung zur Chancengleichheit stand auf ihrer Abschussliste.

Susan mochte Thatcher und ihre Regierung nicht, wie fast jeder unter dreißig, der kein Banker oder Erbprinz war. Der Krieg um die Falklandinseln im vergangenen Jahr hatte diese Abneigung fast schon in Hass verwandelt und gleichzeitig Thatchers Popularität bei zu vielen älteren Menschen gesteigert. Wie all ihre Freunde hatte Susan permanent ein mulmiges Gefühl, was den Ausgang der Wahl betraf, die in ein paar Wochen bevorstand, der ersten, an der sie teilnehmen durfte. Sie hatte bereits per Briefwahl für den Kandidaten der Sozialdemokraten gestimmt, doch im Wahlkreis Bath würde fast sicher der Konservative Chris Patten gewinnen.

Laut Susans Swatch hatte sie eine Stunde lang geschlafen, als Inspector Greene ihr nicht gerade sanft auf die Schulter klopfte. Die Polizistin war um die dreißig, sah zäh aus und war mit Hemd, Jeans und Lederjacke gekleidet wie Sergeant Carter in der Fernsehserie Die Füchse – nicht wie ein Mitglied der echten Sondereinheit. Sie sah sogar ein bisschen aus wie Denise Waterman – zumindest wie eine subkontinentale Version von ihr.

»Miss Arkshaw. Wir brechen jetzt auf.«

»Wohin?«, fragte Susan verwirrt. »Wer sind Sie?«

»Mira Greene, Inspector bei der Staatspolizei. Ich bin die Kontaktperson Ihrer Buchhändler-Freunde.«

»Äh, das sind nicht … ähm … Geht es Merlin gut?«

»Ich glaube schon. Er wurde vor einer halben Stunde aus dem Whittington-Hospital abgeholt. Ich würde mir keine Sorgen machen. Diese Linkshänder sind wirklich zäh. Aber ich schätze, das wissen Sie ja.«

»Äh, nein«, sagte Susan. »Ich habe Merlin erst gestern Abend kennengelernt. Das Ganze war ein Zufall. Ich weiß von nichts.«

»Sie wissen wahrscheinlich mehr, als gut für Sie ist«, erwiderte Greene. »Glücklicherweise verfolgen wir bei allem, was mit diesen Buchhändlern zu tun hat, unsere inoffizielle Politik: Je weniger alle wissen – oder, Gott bewahre, aufschreiben –, desto besser. Wir tun so, als gehörten sie zu den Sicherheitsbehörden, und kehren alles unter den Teppich.« Sie ließ ihre Autoschlüssel am Schlüsselring um den Finger kreisen. »Wo wollen Sie hin?«

»Wo ich hinwill? Äh, ich muss meinen Rucksack holen. Er ist …«

»Schon im Auto. Wie wär’s mit Paddington? Ein Zug zurück nach Bath? Wir kaufen Ihnen ein Ticket. Tauchen Sie zu Hause bei Ihrer Mum unter.«

Susan war einen Moment lang in Versuchung. Sie hatte noch drei Monate, bis das Herbstsemester begann. Ihre Studentenunterkunft war erst ein paar Tage vor Semesterbeginn verfügbar, sie konnte also nirgendwo anders hin und hatte nur wenig Geld für eine Wohnung.

Aber sie war aus einem bestimmten Grund vorzeitig nach London gekommen, und obwohl sie einen schlechten Start gehabt hatte und dann alles sehr seltsam geworden war, wollte sie nicht aufgeben.

»Nein, danke«, sagte sie. »Ich such mir eine Unterkunft. Ich kann für den Anfang in eine Jugendherberge ziehen, denke ich. Oder in ein billiges … sehr billiges … Hotel. Bis ich einen Job habe. In einem Pub oder so. Ich bin achtzehn.«

Greene starrte sie an. Ihre Augen wirkten grimmig und durchdringend. Sie sah nicht nur aus wie Sergeant Carter, sondern würde vermutlich auch seine rabiate Verhörmethode bevorzugen. Susan wollte sich definitiv nicht mit ihr anlegen.

»Ernsthaft, Sie wären außerhalb Londons besser aufgehoben. Nicht, dass Sie zu Hause völlig sicher wären. Aber ein wenig sicherer.«

»Wie meinen Sie das?«

Greene schloss die Tür hinter sich und setzte sich auf die Schreibtischkante. »Sie waren in der Alten Welt. Wesen der Alten Welt haben Sie gesehen und markiert«, sagte sie mit Nachdruck. »Der Übergang in diese Welt fällt Ihnen jetzt leichter – oder sie kommt sogar zu Ihnen. Geografisch betrachtet, sprechen sich Neuigkeiten in der Alten Welt nur langsam herum; es gibt viele Barrieren zwischen Highgate Wood und dem Wesen, das in den Thermalquellen von Bath lebt, oder einem der anderen … Geschöpfe. Das behaupten zumindest die Buchhändler, denn ehrlich gesagt weiß ich selbst einen Scheiß darüber. Wenn Sie nach Hause fahren, könnte es Jahre dauern, bis etwas Seltsames passiert, wenn überhaupt. Falls Sie jedoch hierbleiben, sind Sie viel näher an dem, was Sie schon kennengelernt haben.«

»Ich möchte bleiben«, sagte Susan. »Ich habe noch was zu erledigen.«

Greene sah sie einen Moment lang an, stand dann vom Schreibtisch auf und schritt im Raum umher. Schließlich musterte sie Susan erneut. »Schön. Hören Sie gut zu. Nichts von dem, was Sie gestern Abend erlebt zu haben glauben, ist passiert. Wenn Sie irgendwo irgendwem davon erzählen, besonders der Presse, weist man Sie bestenfalls in eine Irrenanstalt ein und wirft den Schlüssel weg.«

»Sie drohen mir«, sagte Susan langsam. Sie war mit ihrer Mutter zweimal bei Anti-Atomkraft-Demos verhaftet worden – wurde letztlich jedoch nicht angeklagt. Sie wusste, was Greene versuchte. »Aber ich kenne meine Rechte …«

»Nein, offensichtlich nicht«, widersprach Greene. »Das hier ist keine Polizeiangelegenheit und hat nichts mit britischem Recht zu tun. Der ganze uralte kranke Scheiß, die lebenden Mythen, wandelnden Legenden und so weiter, das alles wird ausgegrenzt, im Zaum gehalten, ist gebunden an Vereinbarungen, Eide, Rituale und Bräuche. Und einige dieser Schutzmaßnahmen können gebrochen oder enträtselt werden, sobald die Leute sich ihrer bewusst werden und auf die Idee kommen, ihre harmlose alte Folklore wiederaufleben zu lassen. Daher wollen wir so etwas im Keim ersticken, damit niemand auf den Gedanken kommt, dass dieses Zeug echt sein könnte. In glimpflichen Fällen stecken wir die Leute in eine psychiatrische Klinik, reden ihnen ein, sie wären vorübergehend durchgedreht, und alles wird wieder gut. Aber Sie sind ein besonderer Fall. Sie stecken schon zu tief drin. Wir müssten Sie direkt an die Buchhändler übergeben.«

»Das hört sich nicht sehr …«

»Die Todesstrafe wurde im Vereinigten Königreich abgeschafft, aber nicht bei den Buchhändlern«, sagte Greene düster. »Erwischen sie jemanden, der zu tief drinsteckt, sieht man ihn nie wieder. Und sie behaupten, das sei eine bessere Lösung als das, was manchen Leuten droht, die zu tief in die Materie eindringen.«

Es war still im Raum bis auf das nervige Brummen der Leuchtstoffröhren an der Decke.

»Okay, ich kann halbwegs folgen … Es gibt offenbar Dinge, die ich nicht verstehe«, sagte Susan müde. »Ich kann mich wohl glücklich schätzen, die letzte Nacht überlebt zu haben. Ich habe nicht vor, mit jemandem darüber zu reden.«

»In Ordnung. Sie sind vernünftig. Kooperativ. Also werde ich Ihnen auch helfen. Wenn Sie unbedingt in der Stadt bleiben wollen, wüsste ich eine Pension. Nicht gerade ein sicheres Haus, sondern einfach ein Ort, den wir ein wenig im Auge behalten. Wir bringen Sie da unter – auf Regierungskosten –, bis Sie in Ihr Studentenwohnheim wechseln. Das Haus ist in Islington, also ziemlich gut angeschlossen.«

»Sie wissen von meinem Studienplatz an der Slade?«

»Ich würde gerne glauben, dass wir alles über Sie wissen«, erwiderte Greene. »Schließlich haben fünf Beamte für mich alle möglichen Akten durchforstet, seit ich den Anruf bekam, dass ›einige MI5-Agenten‹ in den Gebüschen Nordlondons herumtollen. Aber wir haben sicher etwas übersehen. Das liegt in der Natur der Sache und ist einer der Gründe, warum ich Sie lieber bei Mrs. London in Islington unterbringe. Für den Fall, dass wir noch etwas Wichtiges herausfinden.«

»Mrs. London?«

»Ja. Das ist ihr richtiger Name, obwohl sie ursprünglich aus Glasgow stammt. Gott weiß, warum sie hergezogen ist. Sind Sie einverstanden?«

»Wie ist die Unterkunft so?«

»Ein Wohnschlafzimmer, aber ziemlich groß. Gasherd, falls Sie kochen wollen, obwohl Frau L. Mahlzeiten anbietet. Badezimmer auf jeder Etage, man teilt es nur mit zwei anderen. Die Pension ist sowieso fast nie voll belegt, also könnten Sie mit dem Bad Glück haben. Besser als alles, was Sie sich leisten können.«

»Sie kennen meinen Kontostand?«

»Wie ich schon sagte. Fünf Beamte. Zweihundertzweiundsechzig Pfund und fünfundfünfzig Pence. Bei Bankenschluss gestern, und Ihr Bankdirektor war stinksauer, weil wir ihn so früh geweckt haben, bis ich sagte, der Deputy Commissioner würde ihm ein Belobigungsschreiben zukommen lassen. Wie auch immer, zweihundertfünfzig Pfund sind nicht viel, um bis zum Semesterbeginn durchzuhalten. Sagte ich schon, dass das Frühstück bei Mrs. London inklusive ist? Und sie knausert nicht, das ist besser als Ihre halbe Tasse Cornflakes in aufgelöstem Milchpulver. Sie macht morgens warmes Essen und so.«

Susan hatte plötzlich einen Bärenhunger. Ihr wurde bewusst, dass sie seit gestern Mittag nur zwei trockene Kekse gegessen hatte. »Onkel« Frank hatte sie zum Abendessen eingeladen, aber sie hatte behauptet, sich nicht wohlzufühlen, und sich bei der ersten Gelegenheit davonschleichen wollen. Obwohl er nett zu ihr gewesen war, hatte sie lieber mit abgeschlossener Tür in ihrem Zimmer bleiben wollen.

»In was war Frank Thringley verwickelt?«, fragte sie.

»Was hat Ihnen der Buchhändler gesagt?«, konterte Greene.

»Ich meine nicht, dass er ein … wie nannte er es … ein Schlürfer war. Was hat er verbrochen? Ich habe einige seiner Handlanger gesehen, glaube ich. Einer von denen hatte eine abgesägte Schrotflinte in einer Sainsbury’s-Tüte. Ich meine, das war nicht zu übersehen. Sie ragte heraus.«

»Warum sind Sie dann nicht gegangen? Abgehauen?«, fragte Greene. »Warum waren Sie gestern Abend noch da?«

»Ich wollte Frank über seine Beziehung zu meiner Mutter ausfragen. Und über ihre damaligen Freunde«, murmelte Susan. »Frank wollte es mir am Morgen erzählen und bot mir das Gästezimmer für die Nacht an; es hatte ein Schloss und alles. Ich konnte nirgendwohin, und der Typ mit der Schrotflinte ging weg. Frank selbst wirkte nicht bedrohlich, jedenfalls nicht auf mich. Aber dann habe ich es mir anders überlegt. Ich wollte gerade gehen, als ich oben den Tumult hörte und … nachsah.«

»Das müssen ziemlich wichtige Fragen sein«, sagte Greene. »Sie suchen nach Ihrem Vater, richtig?«

»Ist das so offensichtlich? Nicht, dass es Sie etwas anginge.«

»Mag sein«, antwortete Greene. »Aber ich schätze, Sie wussten sofort, dass Frank nicht als Kandidat infrage kam.«

»Ich habe gespürt, dass er es nicht sein kann.« Susan runzelte die Stirn. »Ich weiß nicht, warum …«

»Weil er ein Schlürfer war. Die Menschen spüren instinktiv, dass mit mythischen Gestalten wie einem Schlürfer etwas nicht stimmt. Das ist praktisch für Gangsterbosse. Dadurch können sie Leuten leichter Angst einjagen.«

»Ich dachte, dass Frank meinen Vater gekannt haben könnte; er hatte vielleicht nützliche Informationen. Was für ein Krimineller war Frank?«

Greene zuckte die Achseln. »Das Übliche. Schutzgeld, Drogen, Diebesgut. Alles Mögliche. Er hat ein großes Gebiet kontrolliert, nördlich der Seven Sisters Road bis zum North Circular.«

»Warum hat Merlin ihn in Staub verwandelt?«

»Äh, gute Frage«, sagte Greene. »Ich wünschte, ich wüsste es. Die Buchhändler sagen uns normalerweise, wenn jemand … etwas … aus der Alten Welt den normalen Menschen Probleme macht. Sie kümmern sich dann darum. Vor allem wenn es eine Überschneidung mit gewöhnlicher Kriminalität gibt.«

»Aber diesmal haben sie nicht Bescheid gesagt.«

»Nein. Bereit zum Aufbruch?«

»Ja«, antwortete Susan.

»Vergessen Sie alles, was geschehen ist«, ermahnte Greene sie. »Lassen Sie es hinter sich. Schauen Sie nach vorn.«

»Ich versuch’s«, erwiderte Susan, als sie zur Tür gingen.

»Und falls irgendeine merkwürdige Scheiße passiert, rufen Sie uns an«, fügte Greene hinzu und reichte ihr eine Visitenkarte. »Unser diensthabender Beamter ist unter der ersten Nummer zu erreichen, vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Die handgeschriebene Nummer ist meine Privatnummer. Sobald ich Sie bei Mrs. London abgesetzt habe, können Sie hoffentlich ein schönes, normales Leben führen. Aber nur für den Fall …«

»Okay«, sagte Susan. »Was genau meinen Sie mit ›merkwürdiger Scheiße‹?«

Der Constable mit dem seltsam hellen Schnauzbart lungerte draußen im Korridor herum und schien etwas sagen zu wollen. Doch noch ehe er den Mund öffnen konnte, bemerkte er Greenes Gesichtsausdruck – die ihn ansah, als hätte sie im Flur einen Hundehaufen entdeckt. Er drehte sich um und floh.

»Sie werden es wissen«, sagte Greene leise. »Glauben Sie mir, es wird Ihnen nicht entgehen. Meine Kollegen von der Abteilung für Schwerverbrechen halten es eher für unwahrscheinlich, dass die menschlichen Komplizen Ihres ›Onkels‹ Frank Sie kontaktieren. Einige von ihnen dürften nämlich wissen, dass Sie in der Nacht seines … ›Todes‹ bei ihm waren. Solange Sie sich von schäbigen Pubs und Wettbüros nördlich von Holloway fernhalten, müssten Sie in Sicherheit sein. Die meisten normalen Kriminellen wollen mit dem übernatürlichen Zeug nichts zu tun haben. Es gibt zwar Todeskulte, aber … ich glaube, die werden Ihnen nicht in die Quere kommen.«

Susan nickte langsam. Sie wollte in nichts von dem verwickelt werden, was Greene erwähnt hatte. »Was ist mit den Buchhändlern?«

»Die sollten Sie ebenfalls in Ruhe lassen. Aber halten Sie sich von ihren Läden fern.«

»Die haben tatsächlich Läden?«, fragte Susan ungläubig.

»Zwei in London. Ein großer in der Charing Cross Road für neue Bücher und ein kleinerer in Mayfair für die Sammler.« Greene öffnete eine Seitentür zum Parkplatz und trat vor Susan hinaus. Sie hielt inne, blickte sich sorgfältig um und winkte dann. »Passen Sie auf die Stufen auf.«

Viertes Kapitel

Die seltsamsten Träume hatte ich

Und beim Erwachen blieben sie

Träume von sagenhaften Geschöpfen, guten und bösen

Unter der rechten Hand des Buchhändlers

Mrs. Londons Pension war weitaus besser als alles, was Susan sich selbst hätte leisten können. Das Gebäude war ein vierstöckiges frühviktorianisches Stadthaus am Milner Square. Es war sauber, tadellos gepflegt, und alles funktionierte. Susan durfte sich sogar ein Zimmer aussuchen und entschied sich für eins im obersten Stockwerk, das – auch wenn sie es nicht zugab – wesentlich größer war als ihr Schlafzimmer im verwinkelten Bauernhaus ihrer Mutter. Es war auf jeden Fall sauberer und ordentlicher und zudem vollständig möbliert. Sogar das Bett war bequemer.

Dass die Staatspolizei die Kosten übernahm, bedeutete nicht nur, dass Susan beobachtet wurde, sondern dass sie der Polizei jetzt auch verpflichtet war. Inspector Greene hatte gesagt, sie würden die Pension »ein bisschen im Auge behalten«, und Susan glaubte zu wissen, was das in Wahrheit bedeutete. Die Situation war ihr mehr als unangenehm, und sie wollte sich das keinesfalls für längere Zeit gefallen lassen.

Sie beschloss auszuziehen, sobald sie einen Job gefunden hatte – und eine zweifellos weitaus schlechtere Unterkunft, die nicht an Bedingungen geknüpft war.