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Eine verhängnisvolle Vernissage
Als nach einer Ausstellung in Palma die junge Künstlerin Juna tot aufgefunden wird, beginnt Kommissarin Thea Molt zu ermitteln. Zunächst wirkt alles wie ein tragischer Unfall, doch schon bald stößt Thea auf rätselhafte Hinweise: ein verborgenes Kürzel in einem Gemälde, seltsame Ungereimtheiten in Junas Umfeld und ein Streit, den Thea zufällig mitgehört hat.
Gemeinsam mit Sargento David Martinez und dem charismatischen Kunstkenner Luca folgt sie den Spuren quer durch Mallorcas Kunstszene. Bald gerät sie zwischen dubiose Galeristen, skrupellose Händler und geltungsbedürftige Kunstliebhaber. Je näher Thea der Wahrheit kommt, desto größer wird die Gefahr - bis sie selbst ins Visier der Täter gerät.
Der vierte Fall für Kommissarin Thea Molt und Sargento David Martinez auf Mallorca. Denn auch auf der Lieblingsinsel der Deutschen schläft das Verbrechen nie. Die perfekte Urlaubs- und Strandlektüre für alle Krimifans.
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Seitenzahl: 347
Veröffentlichungsjahr: 2026
Cover
Inhalt
Grußwort des Verlags
Über dieses Buch
Titel
Prolog
1.
2.
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Nachwort
Über die Autorin
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Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Inhaltsbeginn
Impressum
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Eine verhängnisvolle Vernissage
Als nach einer Ausstellung in Palma die junge Künstlerin Juna tot aufgefunden wird, beginnt Kommissarin Thea Molt zu ermitteln. Zunächst wirkt alles wie ein tragischer Unfall, doch schon bald stößt Thea auf rätselhafte Hinweise: ein verborgenes Kürzel in einem Gemälde, seltsame Ungereimtheiten in Junas Umfeld und ein Streit, den Thea zufällig mitgehört hat.
Gemeinsam mit Sargento David Martinez und dem charismatischen Kunstkenner Luca folgt sie den Spuren quer durch Mallorcas Kunstszene. Bald gerät sie zwischen dubiose Galeristen, skrupellose Händler und geltungsbedürftige Kunstliebhaber. Je näher Thea der Wahrheit kommt, desto größer wird die Gefahr - bis sie selbst ins Visier der Täter gerät.
Der vierte Fall für Kommissarin Thea Molt und Sargento David Martinez auf Mallorca. Denn auch auf der Lieblingsinsel der Deutschen schläft das Verbrechen nie. Die perfekte Urlaubs- und Strandlektüre für alle Krimifans.
Cara Maria Cardenes
Die Mallorca-Kommissarin
Schatten über Calvià
Nie zuvor hatte sie ihn so erlebt. Nie war er so ... ja, was? Sie konnte in seiner fast schon starren Miene nicht lesen. Verärgert? ... zornig? ... erschüttert gewesen?
»Leg das Telefon hin!« Seine Stimme war leise, kultiviert wie sein Äußeres, doch jedes Wort so scharf, dass Juna unwillkürlich einen Schritt zurückwich. In seinem Blick lag ein Ausdruck, den sie nicht kannte – keine aufschäumende Wut, eher eine berechnende Kälte.
»Ich wollte doch nur ...« Sie brach ab, als er den Abstand zwischen ihnen verringerte. Weiter zurückweichen konnte sie nicht, sie spürte schon die Wand an ihrem Rücken.
Er war nun so nah, dass sie den herben Duft seines Parfüms roch.
»Manche Dinge sind nicht für andere Augen bestimmt.« Mit einer schnellen Bewegung drückte er sie hart gegen die Mauer und riss ihr das Telefon aus der Hand.
»Was soll das?« Allmählich bekam sie es mit der Angst zu tun. Hätte sie doch nur nichts gesagt! Sie war sich ja nicht einmal sicher gewesen! Er war nicht nur einer der bedeutendsten Kunsthändler Europas. Aus ihrer bisherigen Zusammenarbeit wusste Juna, dass er darüber hinaus über eine bemerkenswerte Fachkenntnis verfügte. Er würde sich das Werk vor dem An- und Weiterverkauf genauestens angesehen haben. Warum hatte sie nicht einfach die Klappe halten können?
Ihr Job war es, mit geübter Hand Farbe auf ihrer Palette zu vermischen, den erzielten Farbton mit dem Gemälde vor sich zu vergleichen, um das Gemisch später in eben jenem Verhältnis wie der Alte Meister vor über zweihundert Jahren auf die Leinwand aufzutragen. Das war ihr Ding. Damit kannte sie sich aus. Sie hätte diese Stelle nicht weiter beachten sollen. Wütend starrte sie auf das Vergrößerungsglas, das sie in diese Situation gebracht hatte. Unschuldig lag es auf dem edlen Schreibtisch.
Ihr Gegenüber antwortete nicht, hob nur die Hand.
Juna zog den Kopf ein. Was um alles in der Welt hatte sie Schlimmes getan?
Doch er wollte sie nicht schlagen, sondern deutete nur stumm in Richtung Tür. Feuerte er sie etwa gerade? Sie war gut. Und diskret. Unverzichtbar. Was an ihrer Entdeckung war so furchtbar, dass er ihr dafür den Auftrag entziehen wollte? »Ich wollte doch nur fragen, ob ich überhaupt weitermachen soll.« Es war armselig, wie kleinlaut sie klang. Aber sie brauchte das verflixte Geld. Ob aus der anderen Sache etwas werden würde, war ungewiss. Sie reckte das Kinn vor. »Ich kann es mir nicht leisten, umsonst zu arbeiten. Damit der Auftraggeber sich nicht später weigert das Werk abzunehmen, muss ich ihm sagen, dass es – aua.« Er hatte sie grob am Arm gepackt und drehte sie zur Tür.
»Du solltest dir deine nächsten Schritte genau überlegen, wenn du weißt, was gut für dich ist.« Energisch schob er sie von sich weg in Richtung Treppe. »Und nun geh. Du hast Feierabend.«
Juna blickte den Kunsthändler sprachlos an. Was war nur in den sonst so gewandt auftretenden Mann gefahren? Sie rieb sich über die von seinem Griff schmerzende Stelle. »Aber ...«
»Raus hier!« Er wirkte durchaus bereit, sie eigenhändig die Stufen hinunterzustoßen, wenn sie sich nicht beeilte.
Nie zuvor hatte Juna ihren Arbeitsplatz so überhastet verlassen. Am Tor drehte sie sich noch einmal um. Das Haus erhob sich hell im Sonnenschein vor dem tiefblauen Himmel. Jasmin, Bougainvillea und Hibiskus setzten leuchtende weiße, violette und rote Akzente in sattes Grün. Sie war wegen der Farben nach Mallorca gekommen. Nirgendwo strahlten sie so kräftig wie auf dieser Insel. Eine Einladung für jede Künstlerin. Aber jetzt hatte sie den Eindruck, als legte sich ein grauer Schleier über den Tag. Was sie gesehen hatte, wäre besser ungesehen geblieben.
»Super, dass du mitkommst. Ohne Begleitung können solche Veranstaltungen furchtbar langweilig werden.« Rebecca warf lächelnd einen raschen Blick zu Thea hinüber, die neben ihr im Corsa saß. Einmal mehr war Thea nach Mallorca geflogen und bei ihrer Freundin untergekommen. Längst schon war der schmale Raum in dem gemütlichen Bungalow in Paguera vom Gäste- zu Theas Zimmer mutiert. Becca hatte eine Einladung zu einer Vernissage in der Tasche und Thea war als Beccas »+1« dabei.
Wie immer am frühen Abend schien die gesamte Insel nur ein Ziel zu kennen: Palma. Und so schoben sich die Fahrzeuge dicht gedrängt über die MA-20 und verstopften hoffnungslos jede Ausfahrt in Richtung Innenstadt. Für gewöhnlich waren diese Wochen kurz nach den Osterferien eine Art Verschnaufpause für Mallorca. Noch einmal Luft holen und die Ruhe der Nebensaison genießen, bis der touristische Ansturm der Sommermonate einsetzte. Auf der Autobahn sah es allerdings nicht danach aus.
Entnervt stöhnte Thea, als sich ein Motorradfahrer zwischen den Fahrzeugen durchschlängelte, den Kleinwagen vor ihnen schnitt, und nicht nur diesen, sondern auch Becca zu einer aberwitzigen Bremsaktion zwang. »Sollten wir die Galerie jemals mit heiler Haut erreichen, bin ich sehr gespannt darauf, wie deine Freundin wirklich malt. Bisher kenne ich ja nur das, was sie bei dir im Laden verkauft.«
»Der Verkehr ist doch nicht schlimmer als sonst.« Becca lachte. »Was Juna als Künstlerin erschafft, wenn sie nicht für Touristen malt, weiß ich selbst nicht. Sie ist eher eine Bekannte, keine enge Freundin. Irgendwann stand sie bei mir im Coco, hat mir Bilder für Touristen in Kommission angeboten und seitdem arbeiten wir zusammen. Die laufen gar nicht schlecht, aber ich denke, normalerweise bringt sie andere Motive auf die Leinwand als Pinien an Steilküsten über dem Meer.«
»Wenigstens springen keine Delphine im Sonnenuntergang aus den Wellen.« Thea grinste.
»Bewahre! So etwas könnte ich schon deshalb nicht verkaufen, weil ich die Bilder selbst im Laden ansehen müsste.«
Lachend steuerte Becca den kleinen Corsa am Ende der Autobahn auf die breite Avenida in Richtung Innenstadt.
»Immer wieder schön.« Thea sog die Details in sich auf: den goldgelben Sand von Can Pere Antoni, das türkisfarbene Wasser, das Spalier der Palmen und kurz darauf rechter Hand die Stadtmauer. »Egal, wie oft ich hier bin. Ich kann mich nicht sattsehen. Ich liebe diese Stadt.«
»Und ihre Bewohner.« Becca schmunzelte und reihte sich in die Schlange ein, die auf die Einfahrt in das Parkhaus unterhalb des Parc de la mar wartete. »Oder zumindest einen. Apropos: Kommt David später nach?«
Thea musste lachen. Becca war begeistert von der Idee, dass Thea und David ein festes Paar wurden. Tatsächlich war ihre Beziehung mit dem attraktiven Sargento der Guardia Civil nach dem gemeinsamen Kurzurlaub in der Tramuntana nicht mehr ganz so unverbindlich wie noch einige Wochen zuvor, doch das große Problem blieb bestehen und ließ sich auf rund anderthalbtausend Kilometer beziffern – die Distanz zwischen Theas und Davids Heimat.
Das Zimmer bei Becca fühlte sich zwar inzwischen wie ein zweites Zuhause an, dennoch hatte sie ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland. So sehr sie Mallorca und David mochte – ihren Beruf als Kriminalkommissarin würde sie nicht leichtfertig aufgeben. Deshalb hatte sie keine Idee, wie es am Ende ihres Sabbaticals weitergehen konnte.
»David ist mit Kollegen zum Sport verabredet«, antwortete sie ihrer Freundin, während sie in die Tiefen des Parkhauses eintauchten. Wie eine bunt gewandete Glühwürmchen-Polonaise wiesen grüne und rote Lämpchen an der Decke den Weg zu freien Stellplätzen. »Er wollte unseren Mädelsabend nicht stören, wie er sagte. Aber sofern kein dringender Fall dazwischen kommt, werden wir uns morgen treffen.«
»Dann drücke ich mal die Daumen, dass niemand sein Leben verliert.« Becca lenkte den Wagen schwungvoll in eine Parklücke, und das Glühwürmchen über ihnen sprang von Grün auf Rot.
»Das werden die betroffenen Menschen sicher alle so unterschreiben«, erwiderte Thea mit einem Schmunzeln und stieg aus.
Wenig später tauchten Becca und Thea in das Gewirr der kleinen Gässchen zwischen der Kathedrale und dem Museum Es Baluard ein. Der jahrhundertealte Stadtteil La Lonja hatte sich vom Seehandelsviertel zum Kunst- und Ausgehbezirk entwickelt. Versteckt in den historischen Gebäuden mit ihrer besonderen Atmosphäre, versammelten sich viele Galerien. Aus einer davon drang lebhaftes Stimmengewirr.
»Dass es so voll werden würde, hatte ich nicht erwartet.« Becca zückte ihre Einladungskarte. »Vielleicht startet Juna als Künstlerin jetzt richtig durch?«
»Dann werden die ›Steilküsten mit Pinien‹ in deinem Laden am Ende noch wertvoll.« Thea zwängte sich hinter Becca durch eine Gruppe Gäste, die den Eingang versperrte.
»Zum Glück habe ich noch eine Lieferung in Aussicht«, erwiderte Becca über ihre Schulter und hielt auf eine elegante Dame mit einem asymmetrischen Bob zu. »Das ist Gaby, die Galeriebesitzerin«, erklärte sie Thea leise. Gekleidet in ein dunkelgraues Kostüm, wirkte die Gastgeberin des heutigen Abends nur deshalb nicht konservativ, weil das Oberteil am Revers über ein schrilles geometrisches Muster verfügte, das sich am Rocksaum wiederholte.
»Willkommen, benvingudes!«, flötete die Dame, nachdem sie Becca begrüßt und sich mit Thea bekannt gemacht hatte.
»Eine wundervolle Galerie haben Sie hier«, übte sich Thea nach der Begrüßung in Small Talk. »So viele Leute wie gekommen sind, sieht es nach einem vollen Erfolg aus. Juna muss überglücklich sein.«
»Juna ist entzückt über all das Interesse«, bestätigte die Galeristin. »Sie hat es aber auch wirklich verdient. Wie Sie sich gleich selbst überzeugen können, ist sie überaus talentiert und obendrein eine sympathische junge Frau. Noch ist sie hinten, wird aber in wenigen Minuten mit mir gemeinsam die offizielle Begrüßung übernehmen und ihre Kunstwerke ausführlich präsentieren. Bis es so weit ist, nehmt doch schon mal ein Glas Sekt und seht euch um.«
»Bevor es losgeht, müsste ich noch einmal ...« Thea sah Gaby fragend an.
»Am Ende des Ausstellungsraums durch die Tür, den kleinen Flur entlang, links.« Gaby lächelte kurz und wandte sich den nächsten Gästen zu.
»Ich verschwinde dann rasch.«
»Alles klar. Irgendwo im Gedränge finden wir uns schon wieder.«
Thea fand die beschriebene Tür problemlos, stand dann allerdings im dunklen Flur, ohne einen Lichtschalter zu entdecken. Am Ende des Ganges sickerte ein Streifen Helligkeit aus der nur angelehnten Tür. Stimmengemurmel erklang von dort. Vermutlich das Hinterzimmer mit der Künstlerin. Links erahnte Thea im Zwielicht eine weitere Tür, schlüpfte hindurch und befand sich tatsächlich in einem kleinen Raum mit einem Waschbecken und zwei winzigen Kabinen. Sie quetschte sich gerade in eine hinein, als es auf dem Flur laut wurde. So laut sogar, dass Thea einige der spanischen Sätze verstand, die sich die offenbar Streitenden an den Kopf warfen.
»Das wagst du nicht!« Eine männliche Stimme. »Sei bloß vorsichtig, sonst ...« Das Satzende verklang wieder leise.
»Ich? Ich wage es nicht?« Die schrille Antwort einer aufgeregten Frau. »Du solltest vorsichtig sein mit dem, was du tust!« Sie schnaubte und es wirkte verdammt zornig. »Mir was von Liebe zu erzählen. Ins Bett bekommen wolltest du mich. Schäm dich!«
Eine gefluchte Erwiderung, dann war im Hintergrund lauteres Stimmengewirr zu hören, danach erneut Stille. Die Kontrahenten hatten die Tür zum Ausstellungsraum geöffnet und wieder geschlossen. Vermutlich hatten sie sich unter die Gäste gemischt.
Oder auch nicht, denn in diesem Moment wurde die Tür zu den Toiletten aufgestoßen und wütend zugeschlagen. Rasche Schritte. Die Frau flüchtete in die Nachbarkabine, Stiefelspitzen wurden sichtbar. Ein Schluchzen erklang und ging in leises Weinen über.
Ein Streit unter Liebenden, dachte Thea mitleidig. Sie erledigte den Toilettengang und war froh, diese unschöne Szenerie kurz darauf verlassen zu können. Streitereien mochte sie nicht. Keine eigenen und schon gar nicht die anderer Leute. Vor allem nicht, wenn dabei Herzen brachen.
Als Thea in den gewölbeähnlich ausgebauten Ausstellungsraum der Galerie zurückkehrte, war es dort noch voller geworden. Sie nahm sich ein Glas Sekt und ließ den Blick über die Gästeschar schweifen. Es war das Publikum, das sie auf einer Vernissage erwartete. Eine illustre Mischung von elegant bis flippig. Perfekt gestylte Damen, distinguiert wirkende Männer und klar erkennbare Künstlerpersönlichkeiten, die entweder etwas zerzaust oder exzentrisch in ihren Outfits wirkten.
Eine Bewegung im hinteren Teil des Raums erregte ihre Aufmerksamkeit. Die Tür zum rückwärtigen Gang öffnete sich und eine auffallende Frau trat heraus. Sie mochte Anfang oder Mitte zwanzig sein, hatte ihre lockigen, kastanienfarbenen Haare wild hochgesteckt und trug ein buntes Wickelkleid und Stiefel. Mit erhobenem Kopf und geradem Rücken schob sie sich durch die Menge, grüßte mit freundlicher Miene mal hier, mal dort. Auf ihrem Weg kam sie dicht an Thea vorbei, deren Blick auf das Schuhwerk fiel. Es war die Frau mit dem Liebeskummer.
Jetzt bemerkte Thea auch die leicht geschwollenen Augen, die nicht von dem Lächeln erreicht wurden. Trotzdem würde niemand vermuten, dass die Frau gerade einen heftigen Streit hinter sich hatte. Als jemand sie heranwinkte, strahlte sie sogar und drängte sich durch den Raum zu der Person, die sich als Gaby entpuppte.
Die Galeristin zog die Frau in dem bunten Kleid zu sich und griff nach einem bereitliegenden Mikrofon. Thea hätte beinahe mit offenem Mund gestarrt. Die Frau mit dem Liebeskummer konnte niemand anderes sein als Juna Heincke, die Hauptperson des heutigen Abends. Ein Mann klopfte mit einem Löffel gegen sein Sektglas und die Gespräche erstarben.
»Ich heiße sie alle zu diesem besonderen Event willkommen«, begann die Gastgeberin, betonte dann in ihrer Rede, um welch talentierte Künstlerin es sich bei Juna handelte und wie stolz sie sei, diese Ausstellung in ihren Räumlichkeiten zu haben. Beiläufig wies sie darauf hin, dass Juna kurz vor ihrem großen Durchbruch stand – vermutlich ein subtiler Hinweis an diejenigen, die Kunst als Geldanlage betrachteten. Einige der Anwesenden sahen tatsächlich nach dicken Bankkonten aus.
»Hier schwirren ein paar Millionen um dich herum«, flüsterte plötzlich Becca hinter ihr, deren Gedanken offenbar in eine ähnliche Richtung wanderten. »Man sollte nicht meinen, wie viele bedeutende Kunstwerke in diesen vermeintlich kleinen Galerien den Eigentümer wechseln.«
Thea beobachtete Juna, die nun das Wort ergriff und unterstrich, wie wichtig ihr die Kunst war. Mit ihren unordentlich hochgesteckten Locken schien sie nicht recht in die Welt dieser Reichen und Schönen zu passen, um deren Gunst sie gerade buhlte, doch mit ihrem Charisma fing sie ihre Zuhörer ein. Nicht wenige der Umstehenden nickten wohlwollend, während die Künstlerin zur Einführung einen groben Überblick über die Werke gab.
Voller Elan beschrieb sie Farbkompositionen, Motive und Materialien. Ihre Augen blitzten vor Energie. Hier sprach für jeden erkennbar jemand, der – oder in diesem Fall die – für die Kunst brannte. Niemand sah ihr den Kummer an, der sie noch vor wenigen Minuten zum Weinen gebracht hatte. Selbstbewusst stand sie im Rampenlicht, wie der Star, der sie eines Tages sein wollte. Am Ende der allgemein gehaltenen Einleitung deutete sie auf die Gemälde, die ihr am nächsten hingen, und begann begleitet von ausholenden Bewegungen mit detaillierten Erklärungen. Sogar Thea, die sich wahrlich nicht für eine Kunstkennerin hielt, wurde von den lebhaften Ausführungen und Junas Begeisterung für die Materie mitgerissen. Plötzlich waren es nicht einfach nur Bilder, sondern sie konnte sowohl die Energie als auch die Emotionen nachfühlen, die in diese Werke eingeflossen waren. Sie verstand, was Juna meinte: Weiche Linien im Diskurs mit kraftvollen Farben formten Landschaften oder Gesichter, die an einer Stelle brachen und sich aufzulösen schienen. Zerbrechlichkeit und Wandlung lagen in der Darstellung.
Nach der mit viel Applaus bedachten Rede lebten die Gespräche allmählich wieder auf, es bildeten sich Grüppchen, einige Besucher wanderten umher und betrachteten die Kunstwerke, andere interessierten sich mehr für die Kanapees.
Becca hatte Bekannte entdeckt, die sie begrüßen wollte. Thea gesellte sich zu ihnen, mischte sich nach einigen Minuten jedoch unter die Menschen, die von Bild zu Bild zogen, um die Kunstwerke zu betrachten.
Zwei Frauen betrachtete neben Thea das Bildnis einer Frau. »Selbst im Wandel« lautete der Titel und tatsächlich sah die linke Hälfte des nahezu fotorealistisch gezeichneten Gesichts Juna Heincke auffallend ähnlich – mit ernster Miene und aufrechter Haltung im Stil eines Porträts aus einer früheren Zeit. Zur Mitte hin begannen die Konturen zu fließen, kräftige Rottöne und schrilles Orange ersetzten die zarte Haut- und Haarfarbe. Nach rechts zerbrach das Bild in kantige Fragmente.
»Sehr treffend«, bemerkte die eine der beiden Frauen, eine schlanke Person mit dünnen Haaren und einer runden Brille auf einer spitzen Nase. »Wenn ich bedenke, wie zurückhaltend sie anfangs war. Die Förderung an der ADEMA hat ihr wirklich gutgetan. Sie hat sich als Künstlerin neu erfunden.«
»Nicht nur als Künstlerin«, erwiderte ihre Begleiterin, eine Mittvierzigerin mit kurzen, wasserstoffblonden Haaren. »Sie hat sich verändert und ich weiß nicht, ob unbedingt zum Besseren. Als sie auf die Insel kam, sprühte sie vor Begeisterung. Ich kenne sie seit dieser Zeit, wir haben damals im gleichen Lokal gejobbt. Sie war von allem begeistert. Von den Farben, den Menschen, dem kulturellen Angebot. Und hast du sie in letzter Zeit mal gesehen? Sie wirkt irgendwie bedrückt. Gehetzt sogar.«
»Vielleicht hat sie mal wieder Geldsorgen.« Die Spitznasige zuckte mit den Schultern. »Jedenfalls habe ich von einer Freundin gehört, dass sie als außergewöhnliches Talent gilt und ich muss sagen, ich bin ziemlich beeindruckt.« Sie lachte.
»Lieb, dass du das sagst.« Eine weiche Stimme erklang. Thea erkannte sie als die der Rednerin.
Sie drehte sich zu der jungen Frau und tatsächlich – die Hauptperson des heutigen Abends stand neben ihr und prostete den beiden Besucherinnen zu. »Schön, dass ihr gekommen seid. Ich freue mich.«
Die beiden hoben ebenfalls eilig ihre Gläser. »Danke für die Einladung. Es sind wirklich schöne Bilder.« Ein recht verkrampftes Lächeln folgte.
Thea unterdrückte ein Grinsen. Sie sah förmlich, wie es in den Köpfen der Frauen arbeitete. Vermutlich fragten sie sich, wie viel des vorherigen Gesprächs Juna mitgehört hatte. Die ließ sich jedoch nichts anmerken und schien darüber hinaus kein Interesse an einer weiteren Unterhaltung zu haben, sondern wandte sich stattdessen Thea zu.
»Sie wirken interessiert. Ich beantworte gern Ihre Fragen, sollten Sie welche haben.« Ihre Stimme klang wärmer und entspannter als während der Rede.
»Fragen habe ich keine. Ich bewundere nur.« Das war keine Schmeichelei aus Höflichkeit. Thea fand Juna Heinckes Arbeiten tatsächlich überraschend faszinierend.
»Das ist mir ja fast noch lieber.« Die Künstlerin lachte leise. Aus der Nähe waren die Zeugnisse ihrer Tränen deutlicher zu sehen. Die Augen waren geschwollen und leicht gerötet. Sie hatte sich offenbar nachgeschminkt, doch an einer Stelle sah man einen Schatten verschmierter Wimperntusche. »Juna Heincke. Juna.« Sie streckte die Hand aus. »Aber das wissen Sie natürlich schon. Ich freue mich, dass Sie gekommen sind.«
»Thea. Thea Molt. Ich helfe manchmal im Coco aus.« Ihr fiel ein, dass Juna das mallorquinische Spezialitätengeschäft vielleicht nicht unter der inoffiziellen Abkürzung kannte. »Ich meine das Cocinar con Corazón von Becca. Mit ihr bin ich heute hier.«
»Ah, da ist sie ja auch«, sagte Juna an Theas Schulter vorbei. »Becca, schön, dass du gekommen bist. Mit Thea habe ich mich gerade bekannt gemacht.«
»Juna. Danke für die Einladung. Eine gelungene Vernissage. Ich höre nur bewundernde Worte!« Becca trug zwei Gläser. Das mit Sekt gefüllte reichte sie Thea, das mit Wasser behielt sie selbst. »Da wir gerade sprechen: Ich wollte dich fragen, wann ich morgen wegen der neuen Bilder fürs Coco bei dir sein soll.«
»Ach ja, die wolltest du ja bei mir abholen. Wie wäre es –« Sie wurde abgelenkt, weil zwei Männer in ein Gespräch vertieft dicht an ihr vorbeiliefen. Kurz wirkte es, als wollte die Künstlerin sie ansprechen, doch dann hatten sich die beiden vorbeigedrängt und Juna sah wieder zu Becca. »Wie wäre es morgen gegen zehn? Das wird hier heute keine lange Party, bis dahin bin ich wach.«
Nachdem Becca zugestimmt hatte, verabschiedete sich Juna, um mit weiteren Gästen zu plaudern.
»Sie ist sympathisch. Und ihre Bilder sprechen nicht nur mich an. Alle scheinen begeistert zu sein.« Theas Blick folgte der Künstlerin, die sich zu einem Grüppchen stellte und sofort in das Gespräch integriert wurde. Noch immer wirkte Junas Lächeln mechanisch. Auf Thea machte sie einen erschöpften, fast schon niedergeschlagenen Eindruck. Wie traurig, dass dieser Streit einen Schatten ausgerechnet über den Tag warf, der so besonders für Juna sein sollte. Hoffentlich würde sie noch weitere solcher Abende erleben – und dann auch genießen dürfen.
Ein Blütenmeer begleitete am nächsten Morgen ihre Fahrt nach Calvià. Am Wegesrand wetteiferte das leuchtende Gelb der Vinagrella, des auf Mallorca im Frühjahr omnipräsenten Nickenden Sauerklees, mit dem frischen Grün an den Bäumen. Im Hintergrund erhoben sich die Gebirgszüge der Tramuntana und darüber wölbte sich der tiefblaue Himmel Mallorcas. Ein Bilderbuchtag. Als hätte der Frühling beschlossen, ein letztes Mal seine gesamte Farbenpracht zu zeigen, bevor die Sommersonne alles verbrennen würde.
Obgleich Paguera zum Gemeindegebiet von Calvià gehörte, war Thea noch nie in dem Ort gewesen – und als sie die ersten Häuser erreichten, gewann sie rasch den Eindruck, nicht allzu viel verpasst zu haben. Dafür, dass dies der Verwaltungssitz einer der reichsten Gemeinden Spaniens war, hatte sie mehr erwartet als den schlichten Bau am Ortseingang, dem eine Ansammlung eher nichtssagender Häuser folgte. Nur die Kirche, die auf einer Anhöhe über die Bewohner wachte, stach heraus.
Nach wenigen Minuten Fahrt durch enge Gassen bog Becca am Ortsrand in ein weiteres schmales Sträßchen. Von hier zweigte die etwa fünfzig Meter lange, unebene Zufahrt zu Junas Haus ab.
Den Weg durchzogen Schlaglöcher gefüllt mit rissigem Schlamm – die vertrockneten Überbleibsel von vergangenen Regenfällen. Trockenes Gras wuchs aus den Ritzen zwischen alten Steinen. Staub wirbelte hinter ihnen auf, während sie langsam auf einen kleinen Hof rollten, der von zwei Häusern gesäumt wurde. Zur Rechten stand das größere mit geschlossenen Fensterläden und einem leeren Carport an der Seite. Es wirkte gepflegter als das andere Gebäude, obwohl auch hier die Bougainvillea an der beigefarbenen Fassade ein wenig mitleiderregend aussah.
Vor dem zweiten Haus brachte Becca den Corsa zum Stehen. Es duckte sich an der Kopfseite des Hofs, als schämte es sich für seinen Zustand. Der in einem verwitternden Lehmton gehaltene Putz war an einigen Stellen aufgeplatzt, Haustür und Fensterläden matt und rissig. Eine Ansammlung halb verwilderter Kräuter in Tontöpfen kämpfte vom Winter zerzaust vor dem Haus ums Überleben. Das Anwesen wirkte nicht komplett heruntergekommen, aber längst nicht so anheimelnd wie eine ehemalige Finca sein könnte. Eher ein wenig vergessen. Über allem lag ein Hauch von Einsamkeit. »Sicher, dass Juna uns erwartet? Es regt sich nichts.« Thea ließ ihren Blick über das Grundstück gleiten. »Ich sehe auch kein Auto.«
»Wir haben die Zeit doch gestern ausgemacht. Zehn Uhr. Jetzt ist es neun Uhr achtundfünfzig. Sofern Juna ihren Erfolg nicht zu ausgiebig gefeiert hat, sollte sie uns also erwarten.«
Thea erinnerte sich an die angestrengte Miene der Künstlerin. Nach Feierlaune hatte die eigentlich nicht ausgesehen. »Na gut, dann schauen wir mal.«
Beide stiegen aus, gingen zur Haustür, Becca klopfte an. Sie warteten. Niemand öffnete.
»Juna?« Becca klopfte erneut, erst zögerlich, dann energischer. »Juna, wir sind’s, Thea und Rebecca!«
Wieder nichts.
Thea trat einen Schritt zurück und sah zu den Fenstern hinauf. Die Fensterläden standen offen, das Morgenlicht fiel schräg in die Räume, aber nichts rührte sich.
»Vielleicht schläft sie doch noch?« Rebecca klang nicht ganz überzeugt.
»Oder sie ist auf der Terrasse oder im Garten?« Thea entfernte sich einige Meter von dem Haus und sah sich um. Ein Weg führte an der rechten Seite nach hinten. »Lass uns nachsehen.«
»Was Besseres fällt mir auch nicht ein.« Becca zuckte mit den Schultern und zog ihr Handy aus der Tasche, während sie Thea zur Rückseite folgte. »Bisher hat sich Juna eigentlich immer an Verabredungen gehalten. Ich schreibe ihr mal.«
Junas Garten empfing sie als lehmige, teils von Sauerklee durchbrochene Fläche, von einer Natursteinmauer begrenzt, die an einigen Stellen schon vom Zahn der Zeit angenagt war. Ein verfallenes Nebengebäude – ebenfalls ursprünglich in Trockenbauweise aus unbehauenen Natursteinen errichtet – lag nun als besserer Geröllhaufen in der linken Ecke. Jenseits der Mauer erstreckten sich Reihen von Mandelbäumen, in denen zwischen frischem Grün das Braun abgestorbener Äste hervorblitzte. Offenbar waren sie in jüngster Zeit nicht ordentlich beschnitten worden. Auf der rissigen Beton-Terrasse komplettierte ein Ensemble aus ergrauten Kunststoff-Gartenmöbeln das Bild. Junge Künstler verfügten selten über Geld – dieses Klischee bewahrheitete sich hier für jeden sichtbar.
Als Theas Blick auf die rückwärtige Fensterfront fiel, verstand sie allerdings sofort, warum Juna hier wohnte. Nicht nur, dass die Aussicht aus dem Wohnzimmer über die Wiesen bis in die Tramuntana atemberaubend sein musste – vor allem aber war der Raum dank der großen Terrassentüren lichtdurchflutet. Durch die Spiegelung des Glases war im Inneren nicht viel zu erkennen, doch glaubte Thea, die Umrisse einer Staffelei auszumachen. Von Juna fehlte allerdings jede Spur.
»Hier ist sie auch nicht«, stellte Becca das Offensichtliche fest und klang zunehmend ratlos. »Was nun?« Sie wedelte mit ihrem Handy. »Keine Reaktion auf meine Nachricht bislang.«
Thea überquerte die Terrasse, legte ihre Stirn an die Scheibe und schirmte ihr Gesicht seitlich mit den Händen ab. »Vielleicht kann ich etwas sehen.« Sie verschwieg, dass sie inzwischen eine innere Unruhe erfasst hatte. Hoffentlich lag das nur an dem leicht morbiden Charme des trostlosen Anwesens.
»Siehst du was?« Beccas drängende Stimme verriet, dass auch ihr nicht mehr wohl war.
»Hm.« Thea ließ den Blick durch den Raum gleiten. Im ersten Moment wirkte alles so, wie sie sich das Zimmer einer Künstlerin vorstellte – da stand die Staffelei, deren Umrisse sie schon ausgemacht hatte, Leinwände, ein chaotisches Durcheinander von Farben und Pinseln. Aber dann ... Thea erstarrte. »Oh Gott.«
»Was?« Rebecca war sofort bei ihr.
»Da liegt jemand.« Theas Stimme wurde heiser. »Ich glaube, es ist Juna.« Durch die Scheibe konnte sie eine Person auf dem Boden sehen, halb auf die Seite gerollt, den Arm von sich gestreckt, das Gesicht von Locken bedeckt. Locken, die eindeutig wie Junas aussahen. Eine eisige Pranke umfasste ihr Herz. Niemand, der nur schlief, hatte die Haare so vor Mund und Nase liegen. Einmal abgesehen davon, dass man schon ausgesprochen betrunken gewesen sein musste, um so auf dem Fußboden einzunicken. »Da ist etwas passiert.«
»Wir müssen rein!« Beccas Stimme schrammte knapp an einer Panik vorbei.
Thea zögerte keinen Moment. »Zur Seite!« Die Terrassentür war eine der alten Bauart, keine moderne Schiebetür. Zwei Flügeltüren, ein einfacher Schließmechanismus. Obendrein wirkte das Holz recht betagt.
Mit einem kräftigen Tritt traf Thea das Schloss, das dem ersten Versuch knirschend standhielt. Doch bereits beim zweiten Mal gab es nach und sprang krachend auf.
Ein scharfer Geruch von Farbe schlug ihnen entgegen, gemischt mit etwas anderem. Etwas, das metallisch roch. Thea stürzte ins Haus.
Juna lag reglos mitten im Raum, das blasse Gesicht halb im Schatten. Strähnen ihrer kastanienfarbenen Locken klebten feucht an der Stirn, und an der Schläfe zog sich ein dunkler Blutfleck bis in die Haare.
Thea beugte sich hinab. »Juna?« Im Grunde war ihr klar, dass keine Antwort kommen würde. Die Augen, die gestern noch voller Ausdruck gewesen waren, blickten leblos ins Nichts. Automatisch tastete Thea nach einem Puls, aber schon, bevor sie die kühle Haut berührte, wusste sie, dass hier jede Hilfe zu spät kam. Sie schluckte und drehte sich zu Becca um.
Ihre Freundin war an der Tür stehen geblieben, die Hände vor den Mund geschlagen, Tränen in den Augen.
»Bleib draußen. Wir dürfen keine Spuren zerstören.« Sie erhob sich aus der Hocke, zog ihr Handy aus der Jackentasche und wählte. »Ich informiere David.«
»Thea! Bitte sag mir, dass du gerade in Palma bist!«, meldete sich David hörbar erfreut über ihren Anruf. Das würde sich in wenigen Sätzen ändern. »Ich sitze hier seit Stunden an irgendwelchen Statistiken und warte auf einen guten Grund, verschwinden zu können! Wollen wir essen gehen?«
»Ich fürchte, das Mittagessen muss warten. Vermutlich wirst du die Statistiken trotzdem gleich liegen lassen.«
»Was ist passiert?« David schaltete auf Sargento um. Er musste ihrer Stimme den Ernst angehört haben. Thea sah es förmlich vor sich, wie er sich aufrichtete.
»Ich bin gerade in Calvià bei einer deutschen Residentin. Juna Heincke. Sie liegt mit einer Kopfverletzung tot in ihrem Wohnzimmer.«
Ein Seufzen erklang. »Wo?«
»Ich sende dir meinen Standort.«
»Vale. Ich schicke die Kollegen los und mache mich auch auf den Weg. Rühr dich nicht vom Fleck und fass nichts an. Und beginne um Gottes willen nicht mit eigenen Untersuchungen – du kennst die Regeln!«
David legte auf, bevor Thea etwas erwidern konnte. Was hätte sie dazu auch sagen sollen?
Jetzt begannen die langen Minuten des Wartens. Becca war auf einem der Terrassenstühle zusammengesunken und Thea überlegte, sich zu ihr zu setzen. Doch dies war ihre letzte Möglichkeit, sich im Raum umzusehen. Wenn David und seine Kollegen erst einmal loslegten, wäre sie nur die Zeugin und zum Abwarten in ausreichender Distanz verdammt.
»Bist du okay?«, fragte sie nach draußen, und Becca schenkte ihr ein schwaches Lächeln.
»Geht schon. Mach du dein Ding und hilf, denjenigen zu finden, der Juna das angetan hat. Oder glaubst du, das war ein Unfall?«
Thea sah sich um. Juna hatte eine schwere Kopfverletzung. Tatsächlich lag ein umgestürzter Stuhl neben der Tür. War sie gestolpert und hatte sich gestoßen? Die Kriminalistin in ihr schüttelte fast sofort den Kopf. Die Forensiker würden den Ablauf später nachstellen, aber sie hätte jetzt schon schwören können, dass ein Sturz und der Aufprall auf die Kante der Lehne ein anderes Bild erzeugt hätten. Junas Körper lag falsch. Außerdem sah Thea zu wenig Blut. Die Wunde hätte eine größere Lache verursachen müssen. Wie auch immer Juna tot auf diesen Fußboden gelangt war – sie hatte sich nicht einfach nur den Kopf am Stuhl angeschlagen.
»Nein, ich glaube, das war kein Unfall«, teilte sie Becca mit, die aussah, als hätte sie die Antwort schon befürchtet. »Falsche Lage, zu wenig Blut. Ohne forensische Auswertung kann man das natürlich nicht sicher sagen, aber ich denke, es wollte jemand so aussehen lassen, als sei sie gegen einen Stuhl gestolpert und dann unglücklich gefallen.«
Wohl wissend – und ignorierend – was David davon halten würde, öffnete sie die Kamera-App ihres Telefons und schoss aus ihrer Position Fotos. Unter aberwitzigen Verrenkungen versuchte sie, die Gegenstände im Raum auf ihrem Handyspeicher festzuhalten.
Immerhin bewegte sie sich dabei nicht durchs Zimmer. Über ihre Neugier konnte David sich trefflich aufregen, doch auf ihre Professionalität durfte er sich verlassen. Niemals würde sie etwas tun, das Spuren verfälschte und seine Ermittlungen gefährdete.
Abgesehen von dem umgestürzten Möbelstück wirkte alles normal. Die gewisse Unordnung führte Thea auf das fast sprichwörtliche geordnete Chaos einer Künstlerin zurück, denn es handelte sich durchweg um herumliegende Malutensilien. Auf der großen Staffelei wartete ein Gemälde auf seine Vollendung. Es zeigte das Porträt eines Kindes. Ein Junge in altertümlicher Kleidung sah sie aus ernsten Augen an. Dunkle Farben dominierten und verliehen dem Bildnis etwas Düsteres. Thea schauderte. Das finstere Bild neben der Toten war fast mehr, als ihre strapazierten Nerven ertrugen. Sie fotografierte das Werk, knipste rasch die Arbeitsumgebung und ein Poster an der anderen Wand, das ebenfalls dieses Porträt zeigte.
Eine weitere Leinwand lehnte mit dem Rücken zu ihr an einem niedrigen Tisch, der mit Farbtuben, Lappen und Pinseln übersät war. Mehr gab es wahrhaftig nicht zu entdecken und im Grunde ihres Herzens war sie dankbar dafür. Alles zog sie hinaus in den Sonnenschein und an die frische Luft. Einen Moment später ließ sie sich auf den zweiten Gartenstuhl fallen und atmete tief durch.
Als Becca ein Seufzen ausstieß, das nicht weit von einem Schluchzen entfernt war, stand Thea allerdings wieder auf, ging zu Becca und nahm ihre Freundin in den Arm. Vor ihrem Sabbatical hatte Thea als Todesermittlerin gearbeitet und war dennoch jedes einzelne Mal betroffen, wenn ein Mensch durch Gewalteinwirkung starb. Wie musste es da erst Becca ergehen, die weit weniger an diesen Anblick gewöhnt war? Obendrein war Juna eine Bekannte.
Beruhigend strich sie ihrer Freundin über den Rücken und blieb bei ihr, bis sie die Polizeifahrzeuge hörten. Als das charakteristische Heulen der Signale auf dem Hof erstarb, löste sich Thea.
»Ich mache das schon.« Thea drückte noch einmal Beccas Arm.
Ihre Freundin nickte tapfer und blinzelte die Feuchtigkeit aus ihren Augen.
Thea nahm den schmalen Pfad ums Haus und trat auf den Beamten der Guardia Civil zu, der soeben die Hand erhoben hatte, um an die Haustür zu klopfen.
»Hinten kann man rein.«
Der Mann drehte sich mit wachsamer Miene zu ihr um. Thea achtete darauf, dass er ihre Hände sehen konnte.
»Thea Molt. Ich habe die Tote zusammen mit einer Freundin gefunden. Wir haben durch das Fenster eine Person am Boden gesehen und haben die Terrassentür geöffnet, um zu helfen. Die Frau war schon tot. Es handelt sich um Juna Heincke, die hier wohnt.«
Der Mann nickte. »Warten Sie bitte hier. Die Einsatzleitung kommt gleich und wird Sie befragen wollen.«
Die Einsatzleitung würde noch ganz anderen Dinge von ihr wollen. Das Versprechen, sich aus den Ermittlungen herauszuhalten beispielsweise.
»Wo ist Ihre Freundin?« Ein Kollege des Uniformierten trat näher. Er hatte Theas knappen Bericht verfolgt.
»Sie sitzt hinten. Der Leichenfund hat ihr ziemlich zugesetzt.«
»Ihnen nicht?« Ein kritischer Blick folgte.
Thea überlegte, ob sie sich als Kollegin aus Deutschland zu erkennen geben sollte. Die Frage erübrigte sich, als sich in diesem Augenblick ein lockiger Schopf aus einem der immer zahlreicher anrückenden Fahrzeuge schob und ein großer Mann mit fast schwarzen Augen auf sie zutrat. Mateu, Davids Kollege.
Er nickte den Uniformierten zu und wandte sich dann mit einem leichten Schmunzeln an Thea. »David hat schon angekündigt, dass ich dich hier treffen werde. Er kommt auch gleich.« Den Subtext ließ er unerwähnt. David hatte ihre Anwesenheit sicherlich etwas ausführlicher kommentiert. Dann wurde er ernst. »Was haben wir hier?«
Thea wiederholte ihre Aussage für Mateu, während es um sie herum betriebsam wurde. Ein Krankenwagen traf ein und immer mehr Menschen verteilten sich auf dem Grundstück. Becca kam ums Haus, begleitet von einem Beamten, der sie gestisch anwies, sich in die Nähe von Thea zu stellen. Offenbar sollte auch sie hier vorn auf die Einsatzleitung warten, die kurz darauf in Form eines Thea wohlbekannten Seat Leon auf den schon übervollen Platz vor dem Haus rollte. David sprang heraus und eilte auf Thea und Mateu zu. Er trug seine Sargento-Miene zur Schau, sodass Thea erst gar nicht in Versuchung kam, ihn irgendwie anders als mit einem raschen Lächeln zu begrüßen, das ebenso kurz erwidert wurde.
Während Thea ihre Aussage ein drittes Mal vortrug, verabschiedete sich Mateu mit einer knappen Geste nach hinten und David winkte Becca heran.
»Wie geht es dir?«, erkundigte er sich. »Kannst du ein paar Fragen beantworten?«
»Geht schon wieder.« Beccas Versuch, die Mundwinkel nach oben zu biegen, geriet zwar gezwungen, aber immerhin klang sie gefasst.
»Was kannst du mir über Juna Heincke sagen? Woher kennt ihr euch?« David öffnete sein Notizbuch und sah Becca auffordernd an.
»Sie ist Deutsche. Künstlerin, wohl hauptsächlich Malerin. Privat kenne ich sie kaum. Sie kam vor einigen Monaten – falls du es genau brauchst, müsste ich in die Bücher gucken – zu mir in den Laden und seitdem verkaufe ich Bilder von ihr im Coco. Manchmal bringt sie sie vorbei, manchmal hole ich sie ab. Gestern habe ich mit ihr verabredet, dass ich heute welche abhole. Um zehn Uhr. Deshalb sind Thea und ich hergefahren. Aber niemand hat geöffnet. Und dann ... und dann ist Thea ... wir haben durch die Scheibe ... auf dem Boden lag Juna. Tot. Thea ist rein, ich habe draußen gewartet. Wir haben dann sofort ... also Thea hat sofort dich angerufen.«
David nickte und lächelte mitfühlend. »Weißt du etwas über einen Partner oder eine Partnerin? Lebte sie mit jemandem zusammen?«
»Über ihr Privatleben weiß ich gar nichts.« Becca hob bedauernd die Hände. »So eng war unser Kontakt nicht.«
»Doch«, mischte sich Thea ein. »Ich glaube, da gab es jemanden.«
Becca und David sahen sie überrascht an.
»Wir waren gestern auf der Vernissage«, fuhr Thea fort. »Von Juna. Becca hatte eine Einladung und ich habe sie begleitet. Vor der Eröffnung war ich auf der Toilette im rückwärtigen Bereich der Galerie. Im Hinterzimmer und danach auf dem Flur stritten ein Mann und eine Frau. Ich hatte im Gang kein Licht gemacht, deshalb haben sie vielleicht nicht bemerkt, dass ich da war. Oder es war ihnen egal. Jedenfalls waren sie zornig, haben sich gegenseitig mit ›Das wagst du nicht‹ gedroht. Die Frau war Juna. Wer der Mann war, weiß ich nicht.«
»Und es war sicher ein Streit unter Liebenden?« David kritzelte in seinem Notizbuch herum.
»Ziemlich sicher. Juna sagte so etwas, dass er nicht von Liebe sprechen soll.« Thea legte die Stirn in Falten. »Den genauen Wortlaut weiß ich nicht mehr.« Sie sah David entschuldigend an. »Ich wusste ja nicht, dass es wichtig wird. Zu dem Zeitpunkt wusste ich ja nicht einmal, dass es sich um Juna handelt. Das habe ich erst hinterher begriffen, als sie aus der hinteren Tür kam und ich ihre Stiefel erkannte. Der Mann hatte den Flur vor der Toilette schon vorher verlassen.«
»Hm.« David klappte das Büchlein zu. »Mal sehen, ob wir im Haus etwas finden. Ich glaube, ihr könnt erstmal fahren. Ich weiß ja, wie ich euch erreichen kann.« Für einen Moment kam der private David zum Vorschein, als er Thea bedauernd anlächelte. »Ob ich es heute zu unserer Verabredung schaffe, kann ich noch nicht sagen.« Er streichelte kurz über ihren Arm. »Ich hätte dich sehr gern gesehen.«
»Du fehlst mir auch.« Sie tauschte einen Blick mit ihm. »Aber ich verstehe es natürlich.« Sie las in seinen Augen, dass es ihm wirklich leidtat. Sie hatten sich nun einige Tage nicht getroffen und sie hatten sich beide darauf gefreut, dass sie heute endlich Zeit füreinander haben würden. Aber sie wusste, dass ein neuer Fall Vorrang hatte. Es war wichtig, zu ermitteln, solange die Spuren frisch waren.
David bedankte sich, indem er noch einmal über ihren Arm strich, dann nickte er Becca zu und folgte dem Strom der Beamten, die zum hinteren Teil des Gebäudes strebten. Natürlich wäre es einfacher gewesen, die Haustür zu öffnen, aber bevor die Spurensicherung mit ihrer Arbeit nicht fertig war, gab es nur einen eng begrenzten Korridor, innerhalb dessen sich die Ermittler bewegen durften.
»Dann verschwinden wir wohl mal besser, bevor uns jemand verjagt.« Widerstrebend drehte sich Thea zu Becca um. »Wie geht es dir? Kannst du fahren?«
»Ich bin wieder okay. Aber ...« Becca grinste leicht und deutete über den Hof. »Dass ich fahren könnte, bedeutet nicht, dass ich fahren kann.«
Thea folgte ihrem Fingerzeig und verzog das Gesicht. Der kleine Corsa war hoffnungslos zugeparkt. Bevor irgendjemand das Gelände mit diesem Wagen verließ, mussten erst einmal einige Fahrzeuge wie bei einem Schieberätsel bewegt werden. »Hm, ich verstehe, was du meinst. Und nun?«
»Warten wir einfach noch etwas. Irgendwann muss sich dieses Chaos doch auflösen.«
»Ich fürchte, das kann dauern.«
Unschlüssig stellten sich Thea und Becca vor das Haupthaus, dort, wo die zerzausten Kräuter in den angeschlagenen Kübeln wuchsen. Der ein oder andere Blick eines Uniformierten streifte sie, aber niemand schickte sie weg. Vermutlich wäre das Aufgabe der Einsatzleitung gewesen, die sich allerdings nicht mehr sehen ließ. Ebenso wenig wie jemand, der auch nur ein einziges Fahrzeug wegbewegte. Lediglich der Krankenwagen war schon wieder auf dem Rückweg. Leer, denn es hatte keine Möglichkeit der Rettung bestanden. Junas Abtransport würde später ein Leichenwagen übernehmen.
Thea seufzte. »Ich fürchte, wir werden entweder zur Straße laufen und uns ein Taxi nehmen müssen, oder ich suche den Herrn Einsatzleiter und bitte ihn, hier etwas für Ordnung zu sorgen.«
»Versuch mal dein Glück bei David. Ich möchte mein Auto eigentlich nicht hier lassen.«
Damit niemand auf die Idee kam, sie aufzuhalten, setzte Thea eine wichtige Miene auf und schaffte es tatsächlich, ungehindert über den schmalen Pfad die Terrasse zu erreichen. Die Flügeltüren standen auf und im Inneren des Hauses sah es wie auf einer Dresscode-White-Veranstaltung aus. Überall hantierten in weiße Schutzanzüge gekleidete Personen. Vor der Tür bildeten die dunklen Uniformen der Guardia Civil-Beamten einen Kontrast. Über allem lag eine Mischung aus Betriebsamkeit und Ernst. In einer Ecke am Rand zum Garten standen David und Mateu, die Köpfe über ein Tablet gebeugt.
»Sieht so aus, als wüssten wir, wer der Freund ist«, sagte Mateu gerade. »Allerdings ist das Vögelchen ausgeflogen.«
»Mach eine Abfrage bei –« David hielt inne, als er Thea erblickte, die sich zu den beiden Männern durchdrängte. »Was machst du denn noch hier?«
»Auf die Lösung eines Schieberätsels warten. Beccas Auto ist zugeparkt. Und es sieht nicht so aus, als würde sich diese Situation in absehbarer Zeit ändern. Da Becca den Wagen mitnehmen möchte, wollte ich dich bitten, ob du veranlassen kannst ...«
