19,99 €
Die Märchen-Apotheke ist eine Schatzkiste der besonderen Art. Für jeden Kummer hält sie das heilende Märchen bereit. Ein ängstliches Kind, Geschwisterstreit oder Mobbing in der Schule: Mit dieser Hausapotheke können Eltern großen und kleinen Kummer im Leben mit Kindern behandeln – ganz ohne Risiken und Nebenwirkungen. Ein hilfreicher»Beipackzettel« zu jedem Märchen gibt ihnen zudem wichtige Tipps mit an die Hand.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 302
Veröffentlichungsjahr: 2011
»Stellen Sie sich vor, es gäbe ein Zaubermittel, das Ihr Kind still sitzen und aufmerksam zuhören lässt, das gleichzeitig seine Fantasie beflügelt und seinen Sprachschatz erweitert, das es darüber hinaus befähigt, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und deren Gefühle zu teilen, das gleichzeitig auch noch sein Vertrauen stärkt und es mit Mut und Zuversicht in die Zukunft schauen lässt. Dieses Superdoping für Kindergehirne gibt es. Es kostet nichts, im Gegenteil, wer es seinen Kindern schenkt, bekommt dafür sogar noch etwas zurück: Nähe, Vertrauen und ein Strahlen in den Augen des Kindes. Dieses unbezahlbare Zaubermittel sind die Märchen, die wir unseren Kindern erzählen oder vorlesen.«
Prof. Dr. Gerald Hüther »Weshalb wir Märchen brauchen – Neurobiologische Argumente für den Erhalt einer Märchenerzählkultur« im Jahresband der Europäischen Märchengesellschaft 2006
»Zaubermittel … Superdoping.« Das Zitat beschreibt bereits sehr genau, was in unserer Märchen-Apotheke zu finden ist: kein Hustensaft, keine Tabletten, nicht das kleinste Eckchen eines Pflasters – sondern pure Medizin für Lebensmut, Vertrauen und ein liebevolles Miteinander. Und es ist höchste Zeit für diese erste Märchen-Apotheke der Welt!
Eine Märchen-Apotheke mag für einige Familien heute bizarr, ja anachronistisch wirken. Ich halte sie indes für unentbehrlich. Doch um sie wirksam anzuwenden, müssen einige Voraussetzungen geschaffen werden. Glücklicherweise dürfte jeder in der Lage sein, das benötigte Rüstzeug zu erwerben oder abzurufen. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob man viel oder wenig Geld hat. Man braucht keinerlei technische Hilfsmittel, weder den neuesten Flachbildschirm noch den letzten Schrei vom Computermarkt. Allerdings muss man sich das wertvollste Gut, das es derzeit gibt, beschaffen: ZEIT.
Das Bedürfnis nach gemeinsam mit den Eltern verbrachter Zeit ist bei Kindern heute wie einst stark ausgeprägt. Frühstücken, dem kommenden Tag entgegensehen, in die Schule und ins Büro aufbrechen – all dies kann im »Miteinander« geschehen. Gleiches gilt, zumindest teilweise, für andere Abschnitte eines Kindertages: nach Hause kommen, Hausaufgaben machen, vielleicht zusammen kochen und essen, das Kind ins Bett bringen, dort die Probleme des Tages besprechen und als Gute-Nacht-Geschichte schließlich ein Märchen lesen. Ist es zu viel verlangt, wenigstens einige Momente gemeinsam und kreativ zu gestalten?
So kenne ich es auch aus meiner eigenen Kindheit. Ich hatte das Glück, behütet aufzuwachsen, und Märchen und Geschichten gehören bis heute zu meinem Leben. Da meine Mutter Schwedin ist, wurden bei uns viele nordische Märchen und Geschichten vorgelesen und erzählt. Besonders geliebt habe ich natürlich die fantasievollen Erzählungen von Astrid Lindgren, Die Wichtelkinder von Elsa Beskow und neben Nils Holgerssons wunderbaren Abenteuern von Selma Lagerlöf natürlich die Märchen von Hans Christian Andersen. Märchen sind für viele Kinder die erste Berührung mit Literatur und man vergisst sie das ganze Leben lang nicht mehr.
In meiner Erinnerung ist das Märchenvorlesen bis heute mit vielen positiven Empfindungen verbunden. Das gemütliche Zusammensitzen, die warme Stimme meiner Mutter, die bis heute unentdeckte schauspielerische Ader meines Vaters oder meiner Großmutter, die die geliebten und immer wieder gelesenen Geschichten mal mit einem Lächeln, mal mit einem vielsagenden Seufzer zu versehen wussten. So waren die Geschichten einerseits verlässlich immer dieselben und andererseits doch jedes Mal neu.
Während unserer Märchenstunden konnte ich meinen kindlichen Alltag Revue passieren lassen, mich in die eine oder andere Märchenfigur einspinnen und somit eigene Probleme mithilfe von Zauberwesen und übernatürlichen Mächten überdenken. Meine Eltern merkten schnell, welche der Geschichten mich bewegten, und suchten das Gespräch mit mir. Mit den Märchenfiguren verwoben, konnte man ihnen leichter von Problemen erzählen und entspannt einschlafen.
Genauso halten es mein Mann und ich mit unseren Töchtern. Wir nehmen uns Zeit für sie. Kindern fällt es leicht, sich mit Märchenfiguren zu identifizieren. Schwerer fällt es ihnen, konkrete Alltagsprobleme anzusprechen. Die Fantasie kann dabei helfen, zum Kern eines Unwohlseins vorzudringen, ohne die Realität zu überlagern.
Weshalb sollten Eltern diese bemerkenswerte Gegebenheit nicht nutzen, um Kindern auch auf diesem Wege Erfahrungswerte für das Leben mitzugeben? Das Vorlesen von Märchen kann eine Option sein, bestimmte Lebensmaximen zu verstehen. Beispielsweise, dass jedes Handeln gewisse Folgen hat, dass gute Freunde wichtig sind und dass man mit deren Hilfe vieles schaffen kann, was man sich vorgenommen hat, egal wie ungünstig die jeweilige Ausgangssituation ist. Märchenhelden sind selten passiv. Sie nehmen ihr Leben beherzt in die Hand und ergeben sich nicht klaglos ihrem Schicksal.
Gegner der Märchen berufen sich an dieser Stelle meist auf die vermeintlichen Grausamkeiten. Doch spätestens seit Bruno Bettelheims Buch Kinder brauchen Märchen ist belegt, dass Märchen in der Regel von der glücklichen Überwindung von Widerständen erzählen und die harten Strafen für die Bösewichte lediglich als Sinnbild für Gerechtigkeit dienen sollen. Zudem dürfte kein Erwachsener überfordert sein, manche Märchenstrafe zeitgerecht zu relativieren. In den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm fließt übrigens außer im Märchen Aschenputtel nirgendwo ernsthaft Blut, sieht man von wenigen Blutstropfen in einigen anderen Märchen ab.
Zudem lieben es viele Kinder, sich zu gruseln, besonders wenn sie wissen, dass es am Schluss immer gut ausgeht. Außerdem sind Sie ja da, um ihnen mögliche Ängste zu nehmen. Beim Vorlesen lassen Sie Ihre Kinder nicht mit ihren Gefühlen alleine. Diese gemeinsam erlebte Situation schafft Nähe und Vertrauen, im Gegensatz zu Filmen und/oder Hör-CDs, die sich nicht auf die Reaktionen oder Äußerungen der Kinder einstellen.
So wie viele Eltern über den Weg der Märchen zu den Kinderkümmernissen vordringen konnten, halte ich es auch mit meinen Töchtern, und Sie können das auch! In den Märchen werden bereits zahlreiche Probleme dieser Welt thematisiert. In dieser Hinsicht sind Märchen komprimierte Menschheitsgeschichte. Die Märchen-Apotheke hilft Ihnen dabei, die Probleme Ihrer Kinder zu erkennen und Lösungen zu finden.
Ihr Kind sieht nicht ein, dass es mit Internet-Kontakten äußerst vorsichtig sein muss? Im Märchen Der Wolf und die sieben jungen Geißlein wird genau dieses Thema behandelt. Obwohl die Mutter klare Anweisungen gibt, woran der böse Wolf zu erkennen ist, trickst dieser die Geißlein aus und dringt ins Kinderzimmer ein. Dieses Gleichnis versteht jedes Kind.
Patchwork-Familien sind heute allgegenwärtig, aber sind Sie sicher, dass sich Ihr Kind in der neuen Familie wirklich wohlfühlt? Durch das gemeinsame Lesen und Besprechen des Märchens Aschenputtel können Sie es herausfinden und helfen.
Wird Ihr Kind in der Schule gemobbt und ist verzweifelt? Dann lesen Sie mit ihm das Märchen Der Hase und der Igel, und geben Sie ihm dadurch wieder Mut und Selbstvertrauen.
Bei meiner Arbeit in der internationalen Organisation Innocence in Danger, die sich dem Kampf gegen sexuellen Kindesmissbrauch verschrieben hat, lerne ich Kinder kennen, die oftmals nicht wussten, wie sie sich ihren Eltern oder jemand anderem hätten anvertrauen können, oder denen niemand Glauben schenken wollte, weil die Taten selbst Erwachsenen oft unvorstellbar erscheinen. Nach wie vor ist es in Deutschland so, dass ein Kind in solchen Fällen durchschnittlich achtmal einen Erwachsenen anspricht, bis ihm geglaubt wird. Dies muss sich zwingend ändern, denn solche schrecklichen Erlebnisse legen sich auf Kinderseelen, brennen sich lebenslänglich ein und hinterlassen, bleiben sie unbehandelt, unheilbar schwere Narben. So sollten Sie grundsätzlich alles ernst nehmen, was Ihnen Ihr Kind erzählt. Das zeugt von dem Respekt, der den Kleinsten in unserer Gesellschaft ebenso zuteil werden sollte wie den Großen. Dazu gehört auch, das Verhalten des Kindes bzw. eventuelle Veränderungen wahrzunehmen und ihnen Bedeutung beizumessen.
Nehmen Sie sich Zeit und vielleicht auch die Märchen-Apotheke zur Hand, um über den Pfad der Märchen Probleme spielerisch und einfühlsam aufzudecken.
Durch meine Arbeit bei Innocence in Danger lernte ich auch Silke Fischer von Märchenland – Deutsches Zentrum für Märchenkultur kennen. Das Zentrum würdigte zu meiner Überraschung mein Ehrenamt durch die Verleihung der Goldenen Erbse. Ein Preis, den ich mit großer Freude entgegennahm, wird er doch an Menschen verliehen, die wie »Die Prinzessin auf der Erbse« die kleinen, aber wesentlichen Dinge des Lebens noch spüren und anderen in Not helfen.
Seitdem stehen wir in regem Austausch, denn unsere beiden höchst unterschiedlichen Engagements sind verbunden durch die Arbeit mit Kindern. Wir waren uns von Anfang einig, dass man alle Kinder besser stärken und schützen kann, wenn man ihnen genug Aufmerksamkeit, Liebe und Zeit schenkt. Märchen sind dabei ein ideales Medium, davon hat mich die Arbeit von Märchenland und dessen »Märchen-Manifest« überzeugt. Dieses Manifest fasst prägnant zusammen, warum Märchen Gemeinschaft und Kreativität fördern, präventiv wirken und letztlich Erfolge zeitigen.
Rasch war die Idee der Märchen-Apotheke geboren. Wir wollten einen Ratgeber schaffen, der nicht nur von Erwachsenen genutzt werden kann, sondern für die ganze Familie geeignet ist. Die Märchen-Apotheke soll auch nicht nur so sachlich wie dieses Geleitwort sein, da dies dem Thema Märchen völlig widerspräche. Sie soll die Weisheit der Märchen vermitteln, aber die Gegenwart miteinbeziehen. Die Märchen-Apotheke soll Nachschlagewerk, Märchen- und Bilderbuch zugleich sein.
Für die Umsetzung unserer so komplexen wie einfachen Vision konnten wir den Berliner Autor Bernd Philipp gewinnen, der ebenfalls ein Ritter im Kampf für das Märchen ist und begeistert die zeitbezogenen Geschichten für die Märchen-Apotheke beisteuerte. Mit der englischen Illustratorin Janice Brownlees-Kaysen fanden wir zudem eine exzellente Künstlerin für wahrlich märchenhafte Bilder.
Die ganze Welt der Märchen stand uns zur Verfügung und stellte uns vor das Problem der Auswahl. Wie sollten wir den gesamten Märchenschatz der Völker in die Schubladen einer einzigen Märchen-Apotheke quetschen? Doch warum in die Ferne schweifen, sieh, das Gute liegt so nah – wir entschieden uns für die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Diese Sammlung feiert 2012 ihr 200-jähriges Jubiläum. Die Kinder- und Hausmärchen sind zudem das meistübersetzte Buch nach der Bibel, und weltweit stellt sich (fast) jeder den Märchenwald als einen deutschen Wald vor.
Viele Großeltern und Eltern sind noch mit den Grimmschen Märchen aufgewachsen und haben somit einen »Heimvorteil«. Manche Erinnerung an das, was man selbst als Kind beim Vorlesen des einen oder anderen Märchens empfunden hat, mag zurückkommen. Vielleicht erinnert man sich an die geliebte Person, die damals die Märchenstunde schenkte, hört wieder deren Stimme, riecht das zarte Parfüm der Großmutter und sitzt plötzlich gemeinsam mit ihr auf dem Sofa der Erinnerung. Man weiß wieder ganz genau, an welcher Stelle des Märchens sie die Stimme hob und senkte, und ähnlich erzählt man die Märchen den eigenen Kindern. Auf diese Art und Weise werden Familienbande gestärkt und Traditionen weitergegeben.
So sollten die Märchen auch uns Erwachsene wieder fröhlicher und stärker machen, und diese Stärke dürfen wir für unsere Kinder ausstrahlen. Nur wer seine eigenen Realitäten erkennt, kann die Flügel der Fantasie entfalten. Das kommentierte schon Albert Einstein lakonisch mit: »Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.«
Liebe Kinder, Eltern und Großeltern, wir wünschen uns, dass Sie in unserer Märchen-Apotheke immer das passende Märchen für alle Probleme finden. Doch nutzen Sie die Märchen-Apotheke nicht nur in akuten Fällen, sondern wenden Sie sie bereits präventiv an.
In allen Volksmärchen bleibt der Held nie lange allein mit seinem Kummer. Sobald er nicht mehr weiterweiß und weint, kommt garantiert Hilfe. Warten Sie nicht erst, bis Tränen fließen, sondern nutzen Sie dieses Buch regelmäßig.
Die eindringlichste Empfehlung, die ich Ihnen gerne mit auf den Weg geben möchte, lautet: Nehmen Sie täglich die Märchen-Apotheke aus dem Regal und damit die wichtigste Medizin heraus – Zeit für Ihre Kinder! Mischen Sie diese mit Liebe, Glück und Vertrauen, geben Sie einen Schuss Lachen dazu, und verrühren Sie alles mit Mut und Zuversicht. Märchen sind Nahrung für die Seele.
Für Kinder bedeuten Märchen die erste Berührung mit Literatur. Erwachsene erinnern sich zeitlebens an sie. Märchen gehören zu den tiefsten und nachhaltigsten Eindrücken, die ein Mensch je erfährt. Sie zeigen in unserer heutigen Welt, in der der Einzelne meist nur noch als isolierter Leistungsträger wahrgenommen wird, Wege auf, um Gemeinschaft zu konstituieren und Zusammengehörigkeit zu schaffen.
Märchen vermitteln ethische Koordinaten. Kinder und Jugendliche, die mit Märchen aufwachsen, lernen Gut und Böse auf sehr emotionale und damit nachhaltige Weise zu unterscheiden. Sie lernen, dass jedes Handeln Folgen hat. Somit befördern Märchen Gerechtigkeitsempfinden und Verantwortungsbewusstsein, ohne die eine Demokratie nicht bestehen kann.
»Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!« Fantasie ist die Grundlage jeder Kreativität. Von ihr hängt unsere Zukunft ab. Märchen werden ausschließlich durch Fantasie lebendig. Zugleich sind Märchen die Wurzeln eines jeden Volkes. Wer seine Wurzeln kennt, kann die Flügel der Fantasie entfalten. Hier liegt die Chance, unseren Kindern eine Welt zurückzugeben, die ihnen zunehmend durch Globalisierung, finanzielle Nöte und übermäßigen Medienkonsum genommen wird.
Märchen erzählen von der glücklichen Überwindung von Widerständen. Ihre zentralen Botschaften sind positives Denken in Verbindung mit Unternehmergeist und Bodenständigkeit. Diese sind identisch mit den Werten und Erfolgsfaktoren jedes freien Wirtschaftssystems. Anstand, Zielstrebigkeit und Mut zeichnen den prototypischen Helden aller Märchen aus. Nichts eignet sich daher besser, unseren Kindern den Weg in die Zukunft zu weisen.
Um eine nachhaltige Wirkung der Medikation zu erreichen, empfiehlt die Deutsche Märchen-Apotheker-Vereinigung das folgende Vier-Punkte-Programm:
1.
Informieren Sie sich im vorangestellten Inhaltsverzeichnis, welches Kapitel für Ihre Problemstellung das richtige ist.
2.
Lesen Sie die von Bernd Philipp in die heutige Zeit übertragene Konfliktsituation. Dies ist keine Wiedergabe des jeweils folgenden Original-Märchens. Der Text vermittelt allein die Thematik.
3.
Lesen Sie das von Silke Fischer ausgewählte und bearbeitete Märchen der Brüder Grimm.
4.
Lesen Sie den von Silke Fischer verfassten »Beipackzettel«, wie Sie es auch bei jedem anderen Medikament aus der Apotheke tun.
Ihrem Kind und Ihnen wünschen wir eine erfolgreiche Anwendung.
Eigentlich hieß er ja Ferdinand, aber seine Klassenkameraden machten aus der ersten Silbe seines Namens ein Pferd, und der arrogante Schnösel Kevin verspottete ihn und nannte ihn »dickes Pferd«. Mal auch »fette Sau«, »Moppel« oder »Schwabbel«.
Zugegeben: Ferdinand war etwas dicker als die anderen, aber er war ein feiner Kerl. Jeden Freitag fühlte er sich besonders unbehaglich. In der 3. und 4. Stunde hatten sie Sport. Schon in der Umkleidekabine zog Kevin über Ferdinand her. »Guckt mal«, sagte Kevin zu den anderen und zeigte höhnisch auf Ferdinand, »dickes Pferd hat wieder zugelegt. Mal sehen, wie er heute galoppiert …« Da lachten die Mitschüler, und Ferdinand schämte sich. Der Sportunterricht war für ihn ein Albtraum, Woche für Woche.
Wenn die Klasse dann zum »Warmlaufen« zehn Hallenrunden absolvieren musste, war Kevin immer ganz vorn dabei, während Ferdinand schon nach fünf Runden auf der Strecke blieb, weil er einfach keine Luft mehr bekam. Später sollte sich herausstellen, dass er auch noch unter Asthma litt, aber das hatten seine Eltern überhaupt nicht bemerkt.
Für das Schulfest organisierte die Klassenlehrerin eine kleine Weihnachtsfeier. »Diesmal machen wir es folgendermaßen«, sagte die Lehrerin ein paar Tage zuvor. »Jeder, der möchte, führt etwas vor, was er gut kann. Ein paar von euch spielen doch ein Instrument, vielleicht mag ja jemand etwas vorspielen. «
Was keiner wusste: Ferdinand hatte mal Gitarrenunterricht genommen und konnte ganz gut spielen. Seine Mutter überredete ihn, ein oder zwei Stücke zu üben und dann in der Klasse vorzutragen. »Ach«, sagte er, »die lachen doch alle nur immer über mich…«
Aber letztlich überwand er all seine Bedenken. Als er anfing zu spielen, tuschelten und lästerten einige noch, aber dann wurde es plötzlich ganz ruhig. Staunende Gesichter!
Ferdinand spielte This Land is My Land und als er fertig war, klatschten alle (außer Kevin) und riefen »Zu-ga-be! Zu-ga-be!« Das machte ihn richtig glücklich. Er war jetzt ganz locker und gab natürlich die gewünschte Zugabe: Country Road von John Denver. Da sangen alle mit, selbst die Lehrerin wurde zum Country-Girl. Pure Begeisterung.
»Und was führst du uns jetzt vor?«, fragte die Lehrerin Kevin. Dieser wurde plötzlich ganz kleinlaut, strich sich durch sein gegeltes Haar und sagte betont arrogant: »Das ist nichts für mich. Ich mache mich doch nicht zum Affen …« Da buhten vor allem die Mädchen Kevin aus. Sie setzten sich Ferdinand zu Füßen und baten ihn, noch etwas für sie zu spielen. Der hielt richtig Hof! Und Laura himmelte ihn sogar regelrecht an. Das tat so gut!
Bald waren Laura und Ferdinand »dicke Freunde«, wenn man das mal so sagen darf. Von Kevin aber wollte keine was wissen.
Diese Geschichte ist eigentlich gelogen, Kinder, aber wahr ist sie doch, denn mein Großvater, von dem ich sie habe, pflegte immer, wenn er sie erzählte, zu sagen: »Wahr muss sie sein, mein Sohn, sonst könnte man sie ja nicht erzählen.« Die Geschichte aber hat sich so zugetragen:
Es war an einem Sonntagmorgen im Herbst, gerade als der Buchweizen blühte; die Sonne war am Himmel aufgegangen, und der Wind strich warm über die Stoppeln, die Lerchen sangen hoch in der Luft, und die Bienen summten im Kornfeld. Die Leute gingen in ihrem Sonntagsstaat zur Kirche, und alle Geschöpfe waren vergnügt, auch der Igel.
Er stand vor seiner Tür, hatte die Arme verschränkt, guckte in den Morgenwind hinaus und trällerte ein kleines Liedchen vor sich hin, so gut und so schlecht, wie am Sonntagmorgen ein Igel eben zu singen pflegt. Während er nun so vor sich hinsang, fiel ihm plötzlich ein, dass er doch, während seine Frau die Kinder wusch und ankleidete, ein bisschen im Feld spazieren gehen und nachsehen könnte, wie die Steckrüben standen. Die Steckrüben waren ganz nah bei seinem Haus, und er pflegte sie mit seiner Familie zu essen, darum sah er sie auch als die seinigen an.
Gedacht, getan. Er schloss die Haustür hinter sich und schlug den Weg zum Feld ein. Er war noch nicht sehr weit gegangen und wollte gerade um den Schlehenbusch herum, der vor dem Feld stand, als er den Hasen erblickte, der in ähnlichen Geschäften unterwegs war, nämlich um seinen Kohl zu besehen.
Als der Igel den Hasen sah, wünschte er ihm freundlich einen guten Morgen. Der Hase aber, der auf seine Weise ein vornehmer Herr war und grausam arrogant noch dazu, antwortete gar nicht auf des Igels Gruß, sondern sagte mit höhnischer Miene: »Wie kommt es, dass du hier schon so am frühen Morgen im Feld herumläufst?«
»Ich gehe spazieren«, sagte der Igel.
»Spazieren?«, lachte der Hase. »Du könntest deine Beine schon zu besseren Dingen gebrauchen.«
Diese Antwort verdross den Igel sehr. Alles kann er vertragen, aber auf seine Beine ließ er nichts kommen, gerade weil sie von Natur aus krumm sind.
»Du bildest dir wohl ein, du könntest mit deinen Beinen mehr ausrichten als ich?«, sagte er.
»Das will ich meinen«, antwortete der Hase.
»Nun, das kommt auf einen Versuch an«, meinte der Igel. »Ich wette, wenn wir um die Wette laufen, lauf ich schneller als du.«
»Du – mit deinen krummen Beinen!«, rief der Hase. »Das ist ja zum Lachen. Aber wenn du so große Lust hast – was gilt die Wette?«
»Einen Golddukaten und eine Flasche Branntwein«, sagte der Igel.
»Angenommen!«, sagte der Hase. »Schlag ein, und dann kann es gleich losgehen.«
»Nein, so große Eile hat es nicht«, meinte der Igel, »ich hab’ noch gar nichts gegessen; erst will ich nach Hause gehen und ein bisschen was frühstücken. In einer Stunde bin ich wieder hier.«
Damit ging er, und der Hase war zufrieden. Unterwegs aber dachte der Igel bei sich: »Der Hase verlässt sich auf seine langen Beine, aber ich will ihn schon kriegen. Er ist zwar ein vornehmer Herr, aber doch ein dummer Kerl, und das soll er bezahlen.«
Als er nun nach Hause kam, sagte er zu seiner Frau: »Frau, zieh dich rasch an, du musst mit mir ins Feld hinaus.«
»Was gibt es denn?«, fragte die Frau.
»Ich habe mit dem Hasen um einen Golddukaten und eine Flasche Branntwein gewettet, dass ich mit ihm um die Wette laufen will. Und da sollst du dabei sein.«
»O mein Gott, Mann«, begann die Frau loszuschreien, »hast du denn ganz den Verstand verloren? Wie willst du mit dem Hasen um die Wette laufen?«
»Sei ruhig, Weib«, sagte der Igel, »das ist meine Sache. Misch dich nicht in Männergeschäfte! Marsch, zieh dich an und komm mit!« Was sollte also die Frau des Igels tun? Sie musste gehorchen, ob sie wollte oder nicht.
Copyright © 2011 Kösel-Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Umschlag: Weiss Werkstatt, München Umschlagmotiv und Illustrationen: Janice Brownlees-Kaysen Bild S. 230: © akg-images Bild S. 232: © akg-images/North Wind Picture Archives
eISBN 978-3-641-06364-1
Weitere Informationen zu diesem Buch und unserem gesamten lieferbaren Programm finden Sie unter www.koesel.de
www.randomhouse.de
Leseprobe
