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Mit »Die Marsianerin« hat Florian Scherzer einen Roman geschaffen, der uns wie eine neue Netflix-Lieblingsserie in Bann schlägt. Das Buch ist ein spannender historischer Roman mit aktuellem Bezug. Es handelt von Menschen, die anders sind als die Mehrheitsgesellschaft. Von ihren Schicksalen, von ihrem Kampf um Akzeptanz und der Unfähigkeit ihrer Mitmenschen, mit ihnen auf normale und gleichberechtigte Weise umzugehen. Ende des 19. Jh. ist das Leben für Menschen, die anders aussehen, hart. Auch für Magdalena, die mit ihrer außergewöhnlichen Physiognomie schließlich als Kirmesattraktion bei einem Schausteller landet, der sie als »Marsianerin« vermarktet – und er gibt ihr freie Hand, ihre Show zu gestalten. Magdalena entwickelt ein Aufsehen erregendes ›Marsianisches Cabinett‹ und erfindet sogar eine Marssprache. Die Menschen stehen Schlange und Magdalena ist das erste Mal in ihrem Leben nicht mehr unglücklich … »Die Marsianerin« ist eine aufregende, fesselnde, merkwürdige und berührende Geschichte mit einer sehr überraschenden Wendung.
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Seitenzahl: 415
Veröffentlichungsjahr: 2025
Von Florian Scherzer
Erster Teil: August
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Zweiter Teil: Konstantinescu
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Dritter Teil: Gurdana
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XX
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Vierter Teil: Magdalena
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Fünfter Teil: Althea
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Sechster Teil: Elara
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Siebter Teil: Sternenschwester
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Achter Teil: Jeanne
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Neunter Teil: Magdalena Kohlgruber
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Mit ersten Erinnerungen ist das so eine Sache. Eigentlich weiß man doch nie, ob es sich dabei um eine echte Erinnerung handelt. Oder nur um etwas selbst zusammenfantasiertes, eine Geschichte aus einem Buch, die man sich aus Angeberei oder Vergesslichkeit, selbst zuschreibt oder um das Echo einer späteren Erzählung von Tante Roswitha? Ist etwas wirklich passiert oder glaubt man nur, sich daran zu erinnern, weil es eine entfernte Großcousine zweiten Grades auf Omas Neunzigstem erzählt hat?
Wie kann es sonst sein, dass man zum Beispiel, wenn die erste Erinnerung der Biss eines Hundes ist, bereits in dem Moment, in dem es passiert, weiß, dass das Ding, das einen anfällt, ein Hund ist und kein Schrank oder ein Teller Suppe? Und warum weiß, man, dass das, was man im Bein fühlt, Schmerzen sind und kein Hunger. Und woher nimmt man die Sicherheit, dass man es spürt und nicht riecht. Wenn man das alles eigentlich nur durch Erinnerungen an die Zeit vor der Erinnerung hat wissen können.
In Wirklichkeit sagt uns das alles doch nur, dass die erste Erinnerung nie die erste ist, sondern dass die Erinnerungen davor einfach gerade nicht greifbar sind. Weil sie zu langweilig oder zu unbedeutend sind, um sich an sie zu erinnern. Wahrscheinlich ist das eh zu philosophisch und es liegt am Hirnwachstum, der Kinderpsyche an sich, einem Trauma oder irgendetwas, für das wir nicht klug genug sind.
Augusts allererste Erinnerung war zufällig genau jener Teller Suppe. Der Geruch nach Rindfleisch, Knochen, Sellerie, Karotten, Lauch, Petersilie, Wacholder, Lorbeer, Salz. Aber woher er wusste, was er da roch, wusste er natürlich nicht.
Dann hielt in seiner ersten Erinnerung eine haarige Hand seinen Kopf fest, eine zweite zog eine riesige, silberne Münze aus seinem Ohr und reichte sie mit einer ausholenden Geste einer Gestalt ohne Gesicht.
August erinnerte sich daran, dass die Suppengerüche aus dem weit geöffneten, lachenden Mund der ersten Person kamen. Die brüllte: »Jetzt schaust recht dumm, du Vogel!« und so stark spuckte, dass Augusts Gesicht nass wurde und er die Augen zusammenkneifen musste. Er war damals vielleicht sieben oder acht. Natürlich kann man sich beim Alter nie ganz sicher sein. Vielleicht war es später gewesen oder früher oder gar nicht und der Junge hatte sich das alles zusammengereimt oder irgendwo aufgeschnappt. Weil das halt so ist mit ersten Erinnerungen. Eventuell war es auch die Geschichte eines anderen Kindes, die August sich nach der hundertsten Erzählung in den Wintern im Stadel in Böhmen zu eigen gemacht hatte.
Augusts zweite Erinnerung war, dass ihm jemand etwas zuwarf. Erst dachte er, es wäre ein schwarzer, kleiner Ball. Er wusste es so genau, weil er stolz auf sich war: Er hatte gut reagiert und den Ball gleich erwischt. Doch dann merkte er, dass das Ding Haare hatte und ein Gesicht. Ein verkniffenes, schwarzes Ledergesicht. Der Junge erinnere sich auch noch, dass der Suppenmann, der ihm zuvor die Münze aus dem Ohr gezogen hatte, dröhnend lachte und ihm den Kopf tätschelte. Zum Glück wusste August damals nicht, was ihm da zugeworfen worden war. Aber Betty erzählte ihm Jahre später, sie habe an ihrem ersten Tag beim Hunnen dasselbe Spiel durchlaufen, und der kleine Kopf sei ihr seitdem immer wieder in ihren Alpträumen erschienen. Zeitweise sei es so schlimm gewesen, dass sie sich jedes Mal, wenn sie nur an der Kiste mit den Schrumpfköpfen vorbeilaufen musste, in die Hose gemacht habe.
August hatte keine Erinnerung an seine Eltern, keine an seine Geschwister. Auch keine Erinnerungen vor den echten Erinnerungen. Also keine bewussten. Da war einfach nichts. Der Junge wusste nicht, wo er geboren worden war, und auch nicht, wo er die ersten Jahre seines Lebens verbracht hatte. Und das mit sieben! Die meisten Kinder erinnern sich an Dinge, die sie mit drei oder vier erlebt haben. Warum das bei August so spät war, ob er traumatisiert, dumm oder einfach besonders vergesslich war, lässt sich nicht sagen.
Erst mit Konstantinescu, dem Hunnen, als der ihm die Münze aus seinem Ohr zauberte, begann Augusts Gedächtnis. Warum er bei Konstantinescus Südsee-Schau gelandet war, ob seine Eltern ihn dort abgegeben hatten, wusste der Junge nicht. »Mach dir nicht zu viele Gedanken über deine Familie. Du bist eh aus dem Heim. Wie wir alle«, hatte Betty, eines der beiden anderen Kinder, einmal gesagt. Trotzdem war sich August sicher, dass die Gestalt ohne Gesicht, an die er sich zu erinnern glaube, sein Vater gewesen sein musste.
Konstantinescu erzählte nie etwas darüber, wo er seine drei Arbeitskinder herholte. Er sprach sehr selten mehr als das Nötigste mit den ihnen. »Bloß nicht dran gewöhnen«, sagte er sich immer. »Sind eh bald wieder weg.« Weder August, noch Georg, noch Betty – keines der drei Kinder, die mit dem Hunnen mitreisten – wusste irgendetwas über ihre Herkunft. Aber das mit dem Heim war gar nicht so unwahrscheinlich.
Der Hunne benutzte für die Kinder Tiernamen. Betty war der Mops. Obwohl sie dünn war und ihre Backen eher eingefallen als mopsig waren. Georg war der Ochse und musste alle schweren Arbeiten übernehmen. August war der Vogel. Warum das seine Bezeichnung war, wusste niemand.
Die drei Kinder nutzten die Tiernamen auch untereinander und empfanden sie als Auszeichnung. Es war einer der wenigen persönlichen Momente, die es zwischen dem Hunnen und den dreien gab. Das blieb so, bis den Kindern eines Tages auf irgendeinem Jahrmarkt ein anderer Schausteller erzählte, dass die, die beim Hunnen arbeiteten, immer dieselben Bezeichnungen trugen. Seit Jahren. Es gab immer einen Vogel, immer einen Ochsen und immer einen Mops. Es gab immer ein Mädchen und zwei Jungen. Immer holte der Hunne sie mit sieben und vermittelte sie weiter, wenn sie zwölf wurden. »Ihr Kinder seid für ihn ein Durchlaufgeschäft«, sagte der Mann. »Er zahlt für jedes von euch einen Zwanziger und gibt euch für einen Fuchziger weiter. Dreißig Mark Gewinn in vier Jahren und gratis Arbeitskräfte – gar nicht so schlecht. Und beliebt seid ihr Hunnenkinder auch. Gut ausgebildet und folgsam. Wenn ich das Geld hätte, würde ich mir auch einen von euch holen.«
Seitdem sie das wussten, nannten sich die drei Kinder wieder bei ihren richtigen Namen. Wobei natürlich auch nicht sicher war, dass sie ihre echten Vornamen überhaupt kannten.
Es gab noch eine vierte Person, die der Hunne mit einem Tiernamen rief: die Eidechse. Eine etwa dreißigjährige Frau, die schon ein paar Kindergenerationen überdauert hatte. Die Eidechse war Südsee-Prinzessin und Tänzerin. Sie war eine der Hauptattraktionen in Konstantinescus Südsee-Schau. Der Hunne achtete sehr darauf, dass die Kinder und die Eidechse so wenig Kontakt wie möglich hatten. Er brauchte keinen Mutterersatz für seine Arbeiter. Das verweichlichte sie nur. Auch wollte er nicht, dass die Eidechse Muttergefühle entwickelte. Das war aus verschiedenen Gründen schlecht fürs Geschäft.
Augusts dritte Erinnerung war länger, ausführlicher, deutlicher und nicht nur bruchstückhaft. Er erinnerte sich, dass er den ganzen Morgen weinend und verunsichert in der Ecke des Wohnwagens gekauert hatte. Genau wie die beiden anderen Kinder, die er erst später als Betty und Georg kennenlernte. Ängstlich, frierend, hungrig und durstig.
Irgendwann betrat eine Frau, von der August damals noch nicht wusste, dass es die Eidechse war, den Wagen. Sie kniete sich vor die drei Kinder und begann, etwas zu summen. Der Junge beruhigte sich. Das Lied weckte irgendetwas in ihm, das ihm ein sicheres Gefühl gab, obwohl er weder den Text verstand noch die Melodie erkannte. Vielleicht doch eine verschüttete Vorerinnerung?
Die Frau kam August riesig und schön vor. Sie hatte braunrötliche Haut, war geschminkt, und ihre schwarzen Haare waren zu einem Turm hochgesteckt. Sie trug eine Art Badeanzug. Natürlich wusste der Junge damals nicht, was ein Badeanzug war. Für ihn war es ein eng anliegendes, blau-weiß gestreiftes Kleidungsstück, das ganz anders war als alle Frauenkleider, die er je gesehen hatte. Hinter ihrem Rücken zog die Frau drei Stücke Schokolade hervor. Sie gab jedem der drei Kinder eines und machte ein Zeichen, dass sie ihr folgen sollten. Dabei summte sie weiter.
August stand auf und ging der Frau hinterher, die sich langsam rückwärts aus dem Wohnwagen bewegte. Auch die beiden anderen Kinder standen auf. Die Frau lockte die drei wie Esel mit einer Karotte oder Katzen mit einem Schälchen Rahm. Sie führte sie über eine schlammige Wiese zu einem riesigen Zelt, das bunt mit Blättern, Blüten und Tieren bemalt war. August sah einen Wald wilder Pflanzen auf sich zukommen, bunte Vögel, wilde Augen wilder Menschen, Speere, Masken, Tiger, ein feuerspeiender Berg. Er hatte das Gefühl, dass ihn dieser Wald und diese Szene verschlingen wollten. Es war nicht gruselig oder angsteinflößend nur verwirrend und neu.
Im Inneren des Zeltes war es noch opulenter als außen. Die Frau führte die drei Kinder durch ein Sammelsurium an Dingen, die keiner der drei je zuvor gesehen hatte. Glaskästen mit ausgestopften Tieren, Speere, grinsende Masken, große Tafeln mit gemalten nackten Menschen. August wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass darunter auch Frauen waren und dass einige der Posen erotisch sein sollten. Hier gruselte sich der Junge. Natürlich wusste er nicht warum aber die Atmosphäre empfand er intuitiv als angsteinflößend.
Die drei Kinder eilten durch die Sammlung, warfen nur kurze Blicke nach links und rechts auf die Gegenstände. Trotzdem überwältigte den Jungen die Menge an Sachen, die er nicht kannte und nicht zuordnen konnte.
Plötzlich schrie Betty, die hinter August ging, laut auf und sank zitternd nieder. Vor ihr ein Kasten mit den ledrigen Köpfen, die ihnen vom Hunnen zugeworfen worden waren. Die Frau ging zu ihr und zog sie grob weiter.
Am Ende des Sammelsuriums öffnete sich das Zelt zu einem größeren Raum. Darin befanden sich einige Reihen Holzbänke und eine Bühne. Darauf standen üppige Pflanzen aus Papier, wie sie auch außen auf das Zelt gemalt waren, und im Bühnenhintergrund war eine Urwald-Szene auf eine Plane gemalt. Wilde Tiere, die ihre Zähne zeigten, miteinander rauften und sich bissen.
In der ersten Reihe saß ein kleiner, runder, kahler, fast ganz nackter Mann. August erkannte sofort seine haarigen Hände als die vom Suppenmann mit der Münze wieder. Als er die drei Kinder sah, stand er auf und kam auf sie zu. Er war komplett braunrot angemalt und trug eine Art Kuhhorn über seinen Penis gestülpt. Als einziges Kleidungsstück. Er sagte etwas in einer fremden Sprache zur Frau. Dann drehte er sich zu den Kindern und sprach auf Deutsch mit einem seltsamen Akzent weiter. Seine As klangen wie Os und die Wörter betonte er immer so falsch, dass die Kinder sie kaum verstanden.
»Jetzat démonstriere ich aych, wos wir hier werden máchen und wómit ihr aych in die nexte por Johr béschäftigen wérdet.« (So ungefähr klang es, wenn er Deutsch sprach. Der Einfachheit und Lesbarkeit halber soll sein Gesagtes aber in Zukunft orthogtafisch korrekt geschrieben werden.)
August biss die Zähne zusammen und schaute auf den Boden vor sich. Er erinnerte sich noch genau an das runtergetretene Gras und den matschigen Boden darunter.
»Verstanden?«, brüllte der Mann. August zuckte zusammen, schluckte seine Tränen hinunter und nickte. Die anderen beiden Kinder ebenso.
»Das ist die Eidechse«, sagte er und zeigte auf die Frau. »Und ich bin der Hunne. Aber für euch der Herr Direktor. Das hier ist Konstantinescus Südsee-Schau. Hier stellen wir Sachen aus der exotischen Welt irgendwo weit weg im Meer aus. Und wir zeigen den Besuchern auf der Bühne hier, wie man da tanzt und, isst und lebt. Das wollen die Menschen gerne sehen und geben mir Geld dafür. Mir und nicht euch.« Der Mann schaute drohend in die Runde. »Konstantinescu ist mein eigentlicher Name. Klingt kompliziert, aber wenn ihr bei Herr Direktor bleibt, ist es einfach. Ihr arbeitet ab jetzt hier.«
Der Hunne ging in Richtung des Sammelsuriums zurück und bedeutete den Kindern, ihm zu folgen. Die Frau, die Eidechse, verschwand hinter der Bühne.
In der nächsten halben Stunde zeigte Konstantinescu den Kindern den »Museumsteil« seiner Südsee-Schau. Die Glaskästen mit den beiden ausgestopften Tigern, den Pappmaché-Pflanzen, dem Panther, den beiden Affenmenschen, dem Ast mit den bunten Papageien und einem Vogel, der einen aufgeblasenen roten Sack unter seinem Schnabel hatte. Vom Zelthimmel, der August damals weit weg und hoch oben erschien, hingen riesige Fische mit scharfen, spitzen Zähnen. Die Kinder staunten und gruselten sich. Der Hunne sagte: »Merkt euch, wo die Schaukästen stehen. Prägt euch ein, wo die Fische hängen. Ganz genau. Ihr müsst das beim nächsten Mal, wenn ihr das alles aufbaut, selber wissen.«
Dann zeigte er den Kindern, wie man die Dinge anpacken musste, um sie zum Wagen zu tragen, auf dem das zusammengelegte Zelt und die ganze Schau transportiert wurden. »Wenn was kaputt geht, setzt es was«, sagte der Hunne und deutete bei Georg, dem Ochsen, einen Schlag in den Nacken an.
Er zeigte den Kindern die Schautafeln mit den Nackten und die Gestelle mit den Speeren und Schilden. Zum Schluss führte er sie zu einem letzten Glaskasten mit den »Schrumpfköpfen«, wie er sie nannte. Betty zitterte am ganzen Körper. Der Hunne gab ihr eine Kopfnuss.
August hatte große Schwierigkeiten, dem Hunnen zuzuhören. Einerseits lenkte ihn das Kuhhorn zwischen seinen Beinen ab, das bei jedem Schritt hin und her wackelte, andererseits tat er sich einfach generell schwer damit, zuzuhören. Konstantinescus Akzent machte es nicht gerade leichter. Der Junge hatte große Angst vor den Folgen, wenn er es nicht schaffte, sich das alles zu merken.
»Beim nächsten Aufbau dürft ihr meinetwegen noch ein paar Fehler machen. Aber danach gilt's«, sagte der Hunne. Er klang nicht mehr ganz so streng und kalt.
Er schob die drei Kinder zurück vor die Bühne. Dort wartete die Eidechse. Jetzt war auch sie nackt und nur mit einem Ledertuch um die Hüfte bekleidet. Ihr Körper glänzte ölig, und die Haut wirkte noch rötlicher als zuvor. August und die anderen beiden hatte noch nie jemanden unbekleidet gesehen. Aber da sie Kinder waren, kam ihnen das am wenigsten seltsam vor. Vor dem Gesicht trug die Frau eine geschnitzte Maske, in die spitze, weiße Zähne eingearbeitet waren. »So sehen wir auf der Bühne aus. Was wir da machen, geht euch einen Scheißdreck an. Aber dass die Kostüme und die anderen Sachen immer da sind, wo wir sie gerade brauchen, ist eure Aufgabe.«
Der Hunne zeigte auf eine Kiste, in der Speere und Federbäusche lagen. »Wer was macht, ist ja klar.« Er nickte in Richtung Georg. »Der Ochse trägt alles, was er alleine tragen kann. Wenn es nicht geht, hilft ihm der Vogel.« Der Hunne richtete seinen Finger auf August. »Sonst räumt der Vogel alles auf und schaut, dass die Kisten gut gepackt und organisiert sind. Außerdem füttert und kümmert er sich um die Pferde. Der Mops«, Konstantinescu zeigte auf Betty, »macht sauber und pflegt die Schaustücke. Wie, das kriegt ihr dann schon mit. Alle drei zusammen helft ihr den Tagelöhnern, die das Zelt auf der jeweiligen Festwiese auf- und abbauen. Ich schaff denen an, was zu tun ist, die euch. Ihr seid dann die Hilfskräfte der Hilfskräfte.«
August schaute den Hunnen mit großen ängstlichen Augen an. Dann blickte er zu den anderen beiden Kindern. Denen ging es offenbar nicht anders.
Konstantinescu wandte sich an die Eidechse und sagte etwas in der fremden Sprache. Sie nickte. Dann nahm sie eine Decke, legte sie sich über die Schultern, um ihre Nacktheit zu bedecken, und machte den Kindern ein Zeichen, ihr zu folgen. Sie führte sie zum Wohnwagen, schob sie hinein und zeigte stumm auf eine Ecke, in der Strohsäcke lagen. Dann deutete sie auf ein Holzbrett, das auf dem Boden stand. Darauf lagen ein Brot, drei Äpfel und ein sehr großes Stück Käse. Daneben standen zwei Krüge, einer mit Milch und einer mit Wasser. Die Eidechse machte eine Geste, dass die Kinder essen und trinken sollten. Anschließend verließ sie den Wohnwagen und überließ die drei sich selbst. In der ganzen Zeit, in all den Jahren, die die Kinder zu dritt beim Hunnen waren, sprach die Eidechse vielleicht insgesamt zehn Sätze mit ihnen.
August hatte zwar keine Erinnerung an die Zeit vor dem Hunnen, aber er wusste trotzdem, dass es das köstlichste Essen war, das er bis dahin gegessen hatte.
Die Eidechse kam zurück, sammelte das Geschirr ein und bedeutete den Kindern, dass sie sich in ihre Ecke mit den Strohsäcken schlafen legen sollten. Es war noch Tag, und die drei waren hellwach. Trotzdem rollten sie sich zusammen und schlossen die Augen. Sie waren satt, aber zu ängstlich, um miteinander zu sprechen.
August lag auf seinem Eckchen vom Strohsack, starrte aus dem Fenster und wartete. Irgendwann schlief er ein. Er wurde kurz wach, als Konstantinescu und die Eidechse in den vorderen Teil des Wohnwagens krochen.
Am nächsten Tag, im Morgengrauen, riss ihn eine Kopfnuss des Hunnen aus dem Schlaf. Der reichte den drei Kindern jeweils eine Schüssel mit saurer Milch und Brot und scheuchte sie damit vor den Wohnwagen. Als sie mit dem Essen fertig waren, ließ er Betty das Geschirr in einem Bottich waschen, dann musste sie sich an einen Haufen Wäsche machen. Offensichtlich hatte sie das vor dem Hunnen schon mal gemacht, denn sie wirkte routiniert und geübt.
Georg und August wurden zu den Pferden geschickt und sollten sie füttern. Danach fetteten sie das Geschirr der Tiere ein und nagelten ein paar Bretter über ein Loch auf dem Anhänger, mit dem das Zelt und die Schaustücke transportiert wurden.
Der Hunne schien zufrieden zu sein, denn er sagte nichts. »Nicht geschimpft ist gelobt«, meinte Georg, der Ochse.
Am frühen Nachmittag sagte Konstantinescu zu August: »Vogel, zu deinen Aufgabe gehört auch das Essenholen. Du gehst jetzt zum Bierzelt auf der anderen Seite der Festwiese. Zum Hintereingang. Fragst nach der Vera und sagst, dass du der Vogel vom Hunnen bist. Die gibt dir einen Korb mit Sachen. Den bringst du hierher. Dann gehst du zur Vorderseite vom Zelt und fragst nach dem Wimmer. Dem sagst du, dass du alles wie immer holen sollst. Der gibt dir dann vier Krüge. Die bringst du her, und wehe aus einem fehlt was. Also vorsichtig gehen und nichts abtrinken. Hast du das verstanden?«
August nickte.
»Anschreiben lassen, nicht vergessen! Weil Geld geb ich dir keines in die Hand«, sagte Konstantinescu.
Der Hunne gab dem Jungen einen Klaps auf den Kopf, und er lief los. Weg vom Wohnwagen, vorbei am Südsee-Schau-Zelt, auf den matschigen Weg zwischen den Buden und Fahrgeschäften des Jahrmarkts in dem Ort, von dem ich nicht einmal den Namen wusste.
Es war zwar erst Mittag, aber das Volksfest war voll. Menschen schoben sich dichtgedrängt an den Attraktionen vorbei. Angetrunkene, Aufgebrezelte, Aufgekratzte.
August zögerte. Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals so viele Menschen auf einem Haufen gesehen zu haben. Aber das hieß nichts, denn es war immer noch erst seine dritte Erinnerung überhaupt. Er fühlte sich gleichzeitig abgestoßen und angezogen. Angst und Neugierde. Doch Zögern nutzte nichts. Der Junge musste den Auftrag des Hunnen erfüllen. Er fürchtete, was geschehen würde, wenn er sich nicht an dessen Anweisungen hielt.
August holte Luft und tauchte in den Jahrmarkt ein. Die engen Gassen, die Buden, die Karussells, die Besoffenen, die Musik, das Geschrei und die Enge. Er ließ sich instinktiv mittreiben.
Erst glaubte August, in der Menge, zwischen den Leibern, den Körpergerüchen und dem Lärm zu ersticken. Er musste sich durch das Wildwasser des Jahrmarkts kämpfen. Durch die Strudel und Untiefen vorbei an den plötzlich auftauchenden Felsen und den giftigen Wasserschlangen. Durch die Grimassen der Menschen, den Gestank nach Pisse, den Speichel, die Lichter, die fliegende Kotze, das Geschrei, das irre Gelächter, das Geschubse, die Brüste, die sich gierig gegenseitig ableckenden Paare, die blinkenden Lichter, das schwappende Bier, die Knochen von Hühnern und Schweinen, Wurstzipfel, Menschenzipfel, dich tstehende Menschengruppen, durch die es keinen Weg gab, Ochsenfetzen, Menschenschreie vom Karussell, riesige Gesichter, Zahnlücken, Mundgeruch…
August traute sich nicht, das fremde Element, in dem er sich befand, in sich aufzunehmen. Angst und Überforderung. Doch dann, als er nicht mehr konnte, zu ersticken drohte, öffnete er Mund und Nase und konnte atmen. Es fühlte sich gut an. Es war, als sei der Junge in seinem Element. Luft für die Menschen, Wasser für die Fische, Menschenströme auf Jahrmärkten für ihn. Obwohl er all das zum ersten Mal sah, hörte und roch, kam es ihm vor, als sei er zu Hause angekommen.
August schwamm mit der Masse der Vergnügungssüchtigen den Hauptgang des Volksfestes entlang. Durch Schlamm und Pfützen. Ihnen entgegen floss nur der Strom von Wankenden, Torkelnden, Stinkenden. Wie eine warme Wasserader in einem kalten, wilden Bach. Dort, wo die sie herkamen, musste das Bierzelt sein. August musste sich in diese Richtung bewegen, um seinen Auftrag zu erfüllen.
Vor einer Bude zum Dosenwerfen kam der Fluss der Besucher ins Stocken, und der Junge konnte sich den Stand genauer anschauen. Alles war farbig und wild bemalt. Ähnlich dem Südsee-Zelt und doch ganz anders. Lachende Gesichter, bunte Tiere. Zeichnungen von Menschen, die wie Tiere aussahen. Grimassen, riesige Augen, irres Lachen, lange und dicke Nasen, groteske Hüte und schreiende Kleidung. August versuchte, den Namen der Bude zu lesen, aber er konnte die Buchstaben nicht entziffern. Sie tanzten und waren anders als die, die er davor gesehen hatte. Im Lesen war er nicht besonders gut. Er erinnerte sich nicht daran, ob er jemals in einer Schule gewesen war.
Der Dosenstand hing voller Preise, die man gewinnen konnte. Es gab Hüte mit großen Federn, Tüten voller Süßigkeiten, Waffelbruch, bunte Papierdrachen, Bonbonketten, riesige Wurstringe, Lebkuchenherzen, Tüten voller Magenbrot und als Hauptpreis eine echte Dampfmaschine. So viele Dinge.
August sah den Menschen beim Dosenwerfen zu. Torkelnde Männer, die mit ihrer Kraft und ihrer Zielsicherheit beim Werfen angeben wollten. Aber wenn sie trafen, fiel nie die ganze Dosenpyramide um, und sie bekamen gerade mal einen Lutscher oder eine Papierrose als Trostpreis. Wenn sie dann anfingen zu schreien und zu fordern, trat der riesige, fleischige Besitzer der Bude drohend einen Schritt nach vorne, und die Männer beruhigten sich wieder.
Neben der Wurfbude war ein Glockenspiel. Ein buntes Ding mit vielen Schnörkeln und Figuren, die sich bewegten. In der Mitte war ein Kasperl, der mit einem Knüppel auf einem Xylophon spielte. Um ihn herum alle Figuren aus dem Kasperltheater: Schandi, Räuber, Krokodil. Alle bewegten sich ununterbrochen und ruckelnd. Erst erschrak August, weil er die Figuren nicht kannte und für lebendige Zwerge hielt. Aber dann sah er die Mechanik hinter den Puppen und beruhigte sich.
Die Musik war zu laut und schrill für ihn. Vermengt mit dem Geschrei der Jahrmarktsbesucher war der Lärm für den Jungen schwer auszuhalten. Er hielt sich die Ohren zu, tauchte zurück in den inzwischen vertrauten Strom und ließ sich weiter treiben.
Auf der anderen Seite, gegenüber vom Glockenspiel, wurde auf kleine Tonhasen geschossen. Daneben war eine Schiffschaukel, die von einem Mann mit grünem Hut und Schnurrbart angepriesen wurde. Er machte Witze und dumme Sprüche über die Vorbeigehenden, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen: »Der Herr sieht so aus, als könnte er ein paar Maß vertragen, aber verträgt er auch die Schaukel?« Oder: »Hören Sie nur zu, wie die Menschen hier jauchzen und schreien. Wann hat denn ihr werter Gatte Sie das letzte Mal so zum Jauchzen gebracht, gnä' Frau?« Die Vorbeigehenden lachten, und der Mann der so angesprochenen Frau rannte auf den Anpreiser der Schiffschaukel zu und schlug ihm den Hut vom Kopf.
Weiter die Jahrmarktstraße hinauf sah August eine Bude, auf deren Dach eine riesige Wurst war. Sie wirkte so echt, dass ihm das Wasser im Mund zusammenlief. Wie viele Schweine mussten wohl für so eine Wurst geschlachtet werden?
An einer Stelle ballten sich die Besucher wieder, und der Strom stockte. August drängte sich durch die Wand aus Körpern und stand vor einem Karussell. Ein enormes Rad aus unendlich vielen kompliziert angeordneten Holzstreben stand senkrecht auf der Wiese. Außen am Rad hingen kleine Schiffchen, in denen Menschen saßen. Alles war bunt angemalt. Alles wirkte wertvoll und war mit goldenen Schnörkeln und Kringeln verziert.
Im Karussell selbst turnten zwei Männer herum. Sie kletterten schnell und geschickt an die oberste Stelle des Rades und ließen sich dann wieder zur Nabe fallen. Dann kletterten sie erneut nach oben. Dabei gaben sie so viel Schwung an das Karussell weiter, dass es sich drehte. Die Männer turnten immer schneller und gaben so dem Rad immer mehr Schwung. Je wilder sich alles drehte, desto mehr kreischten die Menschen, die in den Schiffchen saßen. August war fasziniert. Das wollte er auch unbedingt machen. Er nahm es mir fest vor. In Wirklichkeit würde er in seinem Leben kein einziges Mal in einem Fahrgeschäft fahren.
Zum Karussell gehörte ein kleines Podest, in dem eine Kapelle saß und laut und blechern musizierte. August wusste nicht, ob diese Musik oder das Glockenspiel schrecklicher klang.
Er riss sich los und lief auf das Bierzelt am Ende der Jahrmarktstraße zu. Der Junge ließ den Haupteingang links liegen und ging, wie angewiesen, direkt zur Rückseite des Zeltes. Vorbei an Männern, die aneinander gelehnt schliefen, sich übergaben oder Frauen gierig gegen die Zeltwände drängten. Es stank noch mehr nach Urin und Bier. August musste sich die Nase zuhalten.
Auf der Rückseite des Zeltes war eine Art Durchreiche in der Zeltwand. Auf der Innenseite stand eine große, üppige Frau. Sie sah den Jungen und lächelte. »Du bist der Vogel? Das seh ich gleich«, sagte sie. »Dann komm mal her, damit ich dir euer Essen geben kann. Nicht schüchtern sein.« Sie griff hinter sich, holte einen großen Korb hervor und reichte ihn ihm. Der Korb war schwer und duftete nach Fleisch und Brezen. August musste schlucken.
»Da läuft einem aber das Wasser im Mund zusammen. Der Hunne und seine Hungerhaken. Warte…«, sagte sie und reichte dem Jungen eine Wurst. Sie kam ihm so groß wie die auf der Bude vor. »Zur Stärkung. Hast es ja noch ein Stück zurück bis zum Hunnen zurück«, lachte sie.
August biss in die Wurst und musste feststellen, dass sie das Essen vom ersten Abend beim Hunnen noch übertraf. Jetzt war sie das beste Essen, das er je gegessen hatte.
Die Frau, Vera, zeigte dem Jungen einen Weg zurück zum Hunnen, der hinten an den Buden vorbei führte. Das sei kürzer und weniger trubelig, sagte sie. August lieferte den Korb bei der Südseeschau ab und rannte gleich wieder los zum Bier.
Der Mann am Ausschank war ebenfalls freundlich und gab dem Jungen, während er auf die Krüge wartete, eine Flasche, die er oben am Flaschenhals drückte und die dann ein angenehmes ploppendes Geräusch von sich gab. Der Mann machte August ein Zeichen, schnell zu trinken. Der setzte die Flasche an seine Lippen, und eine süße und gleichzeitig saure, prickelnde Flüssigkeit ergoss sich in seinen Mund. Es schmeckte so gut nach Himbeere, dass der Junge die ganze Flasche in einem Zug austrank.
Danach wurde ihm sofort schlecht. Er hatte das Gefühl, dass die Flüssigkeit wieder aus seinem Magen nach oben drängte. Doch er traute sich nicht, dem nachzugeben. Was sollte der Mann am Ausschank von ihm denken? Die Flüssigkeit drängte so sehr, dass August nicht mehr anders konnte. Er öffnete seine Kehle, doch es kam nicht das Getränk oder die Wurst aus seinem Magen heraus, nur ein sehr lauter und langer Rülpser. Der Mann am Ausschank und ein paar andere Männer hatten scheinbar darauf gewartet und lachten. August schämte sich, musste trotzdem mitlachen.
Er bekam vier große Bierkrüge in die Hände gedrückt, und der Mann vom Ausschank zeigte ihm, wie er sie tragen musste, damit er nichts verschüttete. Und er verriet dem Jungen noch die Stelle, an der er im Notfall die Krüge mit Wasser wieder randvoll bekam.
August kam angetrunken am Zelt an. Der Hunne lachte. Er und die Eidechse tranken ihre Krüge und der Hunne noch einen zweiten. Den vierten Krug durften die drei Kinder sich teilen.
Konstantinescu, der Hunne stammte ursprünglich aus Temeschwar in Österreich-Ungarn. Nach seiner unehrenhaften Entlassung aus dem Militär, aus Verzweiflung, weil er sonst keine Arbeit fand, hatte er bei einem deutschen Forscher angeheuert und ihn auf dessen Expeditionen in die Südsee als Assistent und Mann für die groben Aufgaben, begleitet. Wegen seines rumänischen Namens bekam er an Bord des Forschungsschiffs seinen Spitznamen: Hunne.
Er war ständig seekrank oder betrunken, ging seinen Kameraden auf die Nerven, vermied Arbeit, verschwand in den Häfen lange in den Bordellen und wurde einmal sogar verdächtigt, eine Südesee-Ureinwohnerin vergewaltigt und getötet zu haben.
Er wurde kurz vor Ende der Expedition in Shanghai entlassen und vom Forschungsschiff geworfen. Konstantinescu fühlte sich ungerecht behandelt und stahl in seiner Wut - Geld fand er keines an Bord - eine Kiste mit Objekten, die der Forscher auf seiner Expedition zu den polynesischen Inseln gesammelt hatte. Masken, Waffen, Kleidung, und Lendenschurze der Südeseebewohner. Dazu klaute er eine Mappe mit Zeichnungen, die der Forscher von den Menschen, die ihm auf seiner Reise begegnet waren angefertigt hatte. Nackte Wilde in kriegerischen Posen. Irgendwer würde in Europa schon Geld dafür bezahlen.
Konstantinescu heuerte für seine Rückkehr nach Europa auf einem französischen Frachter an. In La Rochelle griff er in die Schiffskasse, die mit der Heuer der ganzen Mannschaft gut gefüllt war, und machte sich mit der Kiste voller Südsee-Kuriositäten, den Zeichnungen und einem kleinen Vermögen von vierzehntausendfünfhundert Francs auf den Weg nach Osten. Eigentlich mit dem Ziel: Zuhause. Siebenbürgen.
Auf der Reise landete er jedoch zuerst in irgendeinem Dorf in Ostfrankreich auf einem Jahrmarkt. Dort sah er zum ersten Mal eine Völkerschau. Sehr improvisiert, einfach und ärmlich. Doch die Menschen strömten in das Zelt um die Wilden mit ihren vernarbten Körpern, den Tellerlippen und den irren Augen beim Menschenfleischessen zuzusehen. In Wirklichkeit saßen ein mit schwarzer Farbe angemalter Belgier und eine dicke Italienerin mit Bastrock auf einer Bühne in einem windigen Zelt, aßen rohes Rindfleisch, nagten an einem Pappmaché-Schädel und führten anschließend einen unkoordinierten Nackttanz auf. In Echt wollten die meisten der Dorfmänner die Frau mit den dicken wackelnden Brüsten beim Tanzen sehen. Die exotischen Gegenstände, die im Vorraum des Zeltes ausgestellt wurden, waren ihnen egal. Die Schau war gut besucht und der Hunne rechnete sich aus, dass, wenn jeder zwölf Sous Eintritt bezahlte, pro Aufführung etwa dreißig Zuschauer im Zelt saßen und jeden Tag fünf davon stattfanden, am Abend neunzig Francs in der Kasse waren. Bei neun Tagen Jahrmarkt und zehn Jahrmärkten pro Jahr waren das über achttausend Francs. Leicht verdientes Geld.
Der Hunne war nicht dumm und erkannte sofort, welchen Schatz er da in seiner Kiste mit sich trug. Damit konnte er dieses armselige Exoten-Spektakel leicht übertrumpfen. Seine Idee von der Südsee-Schau war geboren. Natürlich wollte er nicht auf Dorffesten und Provinzjahrmärkten damit auftreten. Ihm schwebte der Prater in Wien vor. So würden aus den achttausend Francs leicht über zwanzigtausend Gulden werden können.
Auf dem Weg Richtung Wien, blieb Konstantinescu in München hängen. Der Stadt mit dem Oktoberfest und einem eigenen Industriezweig rund um Jahrmärkte. Bleiben wollte er nicht, denn ihm als Österreich-Ungarn war die Stadt zu mickrig und provinziell. Wie das ganze traurige Königreich Bayern.
Er ließ sich von einem auf Jahrmarktbuden und Zelte spezialisierten Handwerker ein Ausstellungszelt, das an die Hütten der Südseeinsulaner erinnern sollte, herstellen. Es sollte aus zwei Teilen bestehen. Einen für eine Ausstellung und einen für ein Spektakel. Der Zelthersteller empfahl dem Hunnen für den Entwurf der Ausstellung und die Gestaltung des Zeltes junge Künstler an der Kunstakademie anzusprechen. Die seien billig und machten das meistens recht gut.
Über einen Aushang an der Akademie kam der Hunne mit dem jungen Kunststudenten Franz Stuck in Kontakt. Von ihm ließ er sich das Zelt von Innen und von Außen bemalen. Wilde Farben, Bäume, Blüten, Tiere, Lianen, Äste und der Schriftzug »Konstantinescus Südsee-Schau«. Ein Glücksgriff. Denn für hundert Mark Gage gestaltete der Maler ein Ausstellungszelt, das perfekt in eine Weltstadt wie Wien oder Paris passte. Und das obwohl es in der deutschen Provinz entstanden war. Außerdem malte Stuck zehn große Tableaus basierend auf den Zeichnungen des Südseeforschers. Konstantinescu wünschte sich »mehr Busen«. Stuck musste mehrmals nacharbeiten. Der Hunne wusste bereits aus dem französischen Dorf, womit er sein Publikum bekommen würde.
Er schaltete Annoncen in allen Münchner Tageszeitungen. Diesmal suchte er eine Südseeinsulanerin. Am Liebsten eine Schwarze. Und wenn das nicht ging eine sehr Dunkelhäutige. Schlank und exotisch. Eine, die mehr als die dicken wabbeligen Brüste der angemalten Italienerin in Frankreich zu bieten hatte. Eine, die nur durch ihre Gegenwart in den Köpfen der Besucher ein erotisches Südsee-Theaterstück aufführte. Eine, die gar nicht viel mehr als ein paar schlangenhafte Bewegungen machen musste, um die Fantasie der Besucher zum Kochen zu bringen. Anders als die teigige Italienerin in Frankreich. Doch es meldeten sich nur zwei Bayerisch sprechende Brünette aus Rosenheim und eine Jüdin aus Giesing, die auch nicht besonders dunkelhäutig war.
Konstantinescu machte einen Aushang an der Kunstakademie und an den Schauspielschulen »Tänzerin gesucht.« Auch da meldete sich niemand brauchbares. Also entschloss er sich, ein paar Wochen in seine Heimat nach Siebenbürgen zu fahren. Dort gab es schließlich genug von diesen dunklen Frauen. Alle arm, alle Analphabeten, alle hoffnungslos. Da müsste doch eine für ein paar Pfennige mitgehen.
Tatsächlich fand er im Banat ein Mädchen, das bereit war für ihn zu arbeiten. Eine junge Schwarzhaarige. Das neunte Kind einer halb sesshaften Romafamilie. Er wollte sie in München kostümieren lassen und ausbilden und dann mit der ganzen Südsee-Schau nach Wien.
Die junge Frau, der er aus Verachtung für ihren rotwelschen Namen Gurdana den ähnlich klingenden rumänischen »Guster« Eidechse gab, lernte schnell wie eine Südseeinsulanerin zu tanzen. Zumindest so, wie sich der Hunne solche Tänze vorstellte. Dazu trommelte er unbeholfen auf einem Gurkenfass. Konstantinescu zwang die Eidechse, Unmengen an Karotten zu essen und strich ihre Haut regelmäßig mit einer Tinktur aus Schmalz und roter Beete ein. So wurde aus der Banater Roma eine dunkelhäutige Südseeschönheit.
Als das Zelt fertig war, stellte der Hunne die Dinge aus der gestohlenen Kiste und die Tableaus, die Stuck ihm gemalt hatte, darin auf und war erschrocken, wie wenig es war und wie leer sein Zelt wirkte. Zu wenig für eine Südsee-Schau. Konstantinescu wollte ein volles, überbordendes Ausstellungszeltelt. So bunt und üppig wie der Urwald, den er auf der Expedition gesehen hatte.
In seiner Ratlosigkeit, wandte sich der Hunne wieder an Stuck. Der überlegte nicht lange, sondern organisierte ein paar Bildhauer-Schüler von der Akademie und gestaltete mit ihnen die Ausstattung für das Südsee-Schau-Zelt. Pflanzen aus Pappmaché, üppige exotische Blüten, einen riesigen Hai mit echten Zähnen und verschiedene erfundene, bunte Südseefische. Von einem Tierpräparator ließen sie Tiere nachbauen, von denen sie nicht einmal wussten, ob es sie in der Südsee überhaupt gab, wie Tiger oder Panther. Aus bunt gefärbten Federn bastelten die Bildhauer Papageien und andere exotische Vögel.
Das Glanzstück jedoch waren die Affenmenschen aus Pappmaché und Fellresten. Bis ins kleinste Detail ausgearbeitet. Bis hin zu den Falten auf den Nasen und den Brüsten beim Weibchen. Dazu organisierten die Studenten ein paar alte Schaukästen aus dem Fundus der Akademie. Stuck bemalte und beschriftete alles. Jetzt war das Zelt voll und wirkte wie man sich einen überbordenden, faszinierenden Urwald vorstellte.
Eigentlich fühlte sich Konstantinescu perfekt vorbereitet, um mit seiner Schau zu starten. Doch blieb das Gefühl, dass ihm für den großen Erfolg noch irgendetwas Gruseliges fehlte. Etwas, das den männlichen Besuchern Schauer über den Rücken laufen lies und die Damen zum Kreischen brachte. So etwas wie siamesische Zwillinge oder ein Mann ohne Unterleib. Konstantinescu lief unruhig durch die Stadt. Er hatte das unbestimmte Gefühl, dass ihm die Zeit davonlief. Je länger er darüber nachdachte, desto sicherer war er, dass er noch so ein Element brauchte.
Er besuchte Tierpräparatoren, durchstöberte alle Trödelläden Münchens und ging in alle Museen. Schließlich, in der Königlich Ethnographischen Sammlung, stieß er auf das perfekte Objekt. In der Südamerika-Abteilung fand er einen Schaukasten mit Schrumpfköpfen. Köpfe von Toten, aus denen man den Schädelknochen entfernt hatte und sie hat austrocknen lassen. Ledrige, schwarze, verkniffene Puppenköpfe mit echten Haaren und Falten. Selbst ihm, dem abgebrühten Kriegsveteranen und Südseereisenden, lief es kalt den Rücken hinunter. Wen interessierte es, dass diese Präparate gar nicht aus der Südsee stammten? Er musste ein paar davon für seine Ausstellung haben. Schließlich ging es bei ihm nicht um die ethnologische, geografische, historische, zoologische und botanische Richtigkeit, sondern um eine effektvolle Schau.
Zuerst versuchte er es bei den Taxidermisten, die er schon kannte, wurde aber hinausgeworfen und es wurde sogar mit Anzeige bei der Polizei gedroht.
Erst als er beim zwielichtigsten der Trödler eine Flasche Siebenbürger Pflaumenschnaps vorbeibrachte und ein weiteres Mal nachfragte, gab der ihm die Adresse eines Portugiesen in Pasing, der ihm angeblich würde weiterhelfen können.
Und tatsächlich lieferte der dem Hunnen nur wenige Tage später für zweiundsechzig Mark pro Stück vier Schrumpfköpfe. Konstantinescu spießte sie auf Speere und nahm sie in seine Ausstellung auf. Jetzt, wenn er durch das wilde Sammelsurium ging, war er zufrieden und sicher, dass seine Südsee-Schau ein Publikumsmagnet sein würde. Er holte sich am Münchner Bahnhof einige Wiener Tageszeitungen und durchsuchte die Annoncen nach passenden Wohnungen. Erst noch ein paar Mark in Bayern verdienen und dann sollte es zurück in die echte Metropole gehen.
Die Premiere der Schau fand auf der Jakobidult im Stadtteil Au in München statt. Konstantinescu hatte den Tipp bekommen, dass er gegen ein Bestechungsgeld noch einen Platz dort bekommen würde. Er gab dem Vermittler seinen vorletzten Hunderter und baute im Juli 1881, auf den letzten Drücker, neben dem Bierausschank auf der Auer Dult sein Zelt auf. Die Tagelöhner, die ihm dabei halfen, bekamen Konstantinescus letzten Geldschein.
Während der neun Tage des Marktes gaben der Hunne und die Eidechse fünfundvierzig Vorstellungen. Fünf jeden Tag. Erst kamen nur wenige Zuschauer. Doch als sich herumsprach, dass es eine fast nackte Tänzerin gab, wurden es von Tag zu Tag mehr. Fünfzig Pfennig für Ausstellung und Vorstellung.
Am ersten Tag nahmen sie zwölf Mark fünfzig ein. Am fünften bereits hundertachtundvierzig. Das Zelt musste mehrmals wegen Überfüllung geschlossen werden.
Am neunten Tag war der letzte Südseetanz der Eidechse so aufreizend, dass es einen Tumult unter den fast nur noch männlichen Zuschauern gab und die Polizei einschreiten musste. Das Kostüm der Eidechse, der Lendenschurz und das Rote-Beete-Öl, wurde beschlagnahmt, man erteilte dem Hunnen einen Platzverweis und untersagte ihm, jemals wieder mit seinem unzüchtigen Programm auf der Auer Dult aufzutreten.
Doch Konstantinescu war das egal. Ein anderer Schausteller hatte ihm bereits gesteckt, dass auf dem Land, in der tiefen Provinz deutlich mehr zu holen war als in München, da die Bauern noch leichtgläubiger und noch schneller durch die Halbnacktheit zu beeindrucken waren. Außerdem sei es ein Leichtes die Behörden in den Käffern zu bestechen und so keine Probleme mehr mit dem Südsee-Tanz zu haben.
Aber Konstantinescu war nicht davon überzeugt, dass der erotische Teil seiner Südsee-Schau ausreichen würde, um genug Geld zu verdienen. Für abends war die frivole Komponente genau richtig. Die Dorfmänner würden besoffen und notgeil, die Frauen bereits zu Hause und das Portemonnaie geöffnet sein. Sie würden ihm das Zelt einrennen. Aber der Hunne wollte auch die Fuchzgerl der Frauen und Kinder tagsüber und am frühen Abend. Deshalb musste er der Vorstellung eine weitere, interessante Komponente geben. Aus dem einfachen Tanz der Eidechse musste ein faszinierendes Bühnenstück werden. Eines, bei dem den Zuschauern der Mund offen stehen blieb. Besser als jedes Bauerntheater. Exotisch und unterhaltsam. Spannend und romantisch.
Der Hunne selbst war natürlich nicht in der Lage, so etwas zu schreiben. Aber warum sollte das, was mit Stuck so wunderbar funktioniert hatte nicht auch hier funktionieren? Konstantinescu begann sich nach jungen aufstrebenden aber armen Schriftstellern zu erkundigen. Stuck empfahl ihm Ludwig Ganghofer, einen Journalisten der Münchner Neusten Nachrichten. Der sei nicht nur Zeitungsschreiber sondern schreibe auch Geschichten. Zwar aus den bayerischen Bergen. Aber wer das könne, könne auch Geschichten aus der Südsee erfinden.
Der Hunne begann sich vor dem Redaktionsgebäude herumzudrücken, um Ganghofer aufzulauern und anzusprechen. Stuck hatte ihm den etwa fünfundzwanzigjährigen Mann mit der kleinen runden Brille genau beschrieben. Tatsächlich glaubte Konstantinescu eines Morgens auch den Journalisten beim Verlassen der Redaktion zu erkennen, lief auf ihn zu, packte ihn am Arm und zog ihn in ein Wirtshaus in der Kaufingerstraße. Dort bedrängte er den jungen Mann so lange, bis der einwilligte, dem Hunnen die gewünschten Geschichten zu liefern.
Ein paar Tage später, brachte der vermeintliche Ludwig Ganghofer einen Stapel handbeschriebene Blätter in Konstantinescus Pension. Der überflog alles und war sowohl mit dem Inhalt, als auch der Menge zufrieden. Es war genug Material, um nicht in jeder Vorstellung das Gleiche vorlesen zu müssen. Die Geschichten waren einfach, dramatisch und exotisch. Es kamen wilde Tänze, unglaubliche Rituale und beängstigende Märchen darin vor. Es gab eine Sammlung von Sagen über Kämpfe mit anderen Stämmen oder wilden Tieren. Sogar eine Liebesgeschichte zwischen der holden Lalu und dem Krieger Peli war dabei.
So begann die Erfolgsgeschichte von Konstantinescus Südsee-Schau. Er zog von Jahrmarkt zu Kirta zu Dorffest zu Dult, baute sein Zelt auf den schlammigen, ausgetrockneten, gefrorenen, sonnigen oder verregneten Wiesen der Jahrmärkte und Kerwas auf und zog sein Programm bei brütender Hitze oder im strömenden Regen durch. Den Traum vom Prater begrub er unter einem Berg von provinziellen Fünfzig-Pfennig-Stücken.
Die Ausstellung machte, den Hauptteil der Einnahmen der Südsee-Schau aus. Sie zog das Publikum von mittags bis abends in das Zelt. Wie vom Hunnen von Anfang an vermutet, wollten sich die Frauen, Männer und Kinder vor den Wilden und ihren Riten gruseln. Sie wollten die befremdliche Welt der Südsee kennenlernen und empört über die Primitivheit der Südseeinsulaner die Köpfe schütteln. Die Kinder wollten die Masken und die wilden Tiere sehen, die Frauen die Baströcke und den Federschmuck und die Männer die Waffen, Schilde, Kriegsmasken und die Schrumpfköpfe.
Die Aufführung war nachmittags der wichtigere Bestandteil des Erlebnisses. Aber hier waren, im Gegensatz zu abends, die Geschichten, die der Hunne mit seiner verstellten Stimme und seinem exotischen Akzent zu den Bewegungen und Tänzen der Eidechse vorlas, wichtiger als ihre Darbietungen selbst. Die von Ganghofer erfundenen religiösen Riten, die Berichte vom beschwerlichen und befremdlichen Alltag der Wilden, die Sagen und Legenden, die Erzählungen über Kriege und Kämpfe, die Beschreibungen des Kannibalismus und die Vorführung des Kauderwelschs, den die Südseebewohner sprachen, funktionierten und ließen die Dörfler mit offenen Mündern und wohligem Grausen im Publikum sitzen und am Ende wild applaudieren.
Die beiden Vorstellungen abends wiederum waren anders. Hier war die Erotik der Darbietung der Eidechse das Wichtigste. Die Männer, die sich ab neun Uhr in die Südsee-Schau wagten, huschten schnell durch die Ausstellung, um sich dann einen guten Platz im Theater-Teil des Zeltes zu sichern.
Die Eidechse bewegte sich langsamer, kreiste aufreizend mit dem Becken, sprang auf und ab, damit ihre Brüste hüpften, ölte sich den Körper mit der Mischung aus Schmalz und Roter Beete ein und zeigte mehr von sich, als ihr eigentlich lieb war. Aber noch hielt sich das gute Gefühl, die Männer im Publikum in der Hand zu haben und mit ihnen zu spielen. Noch machte es ihr halbwegs Spaß, über die gierigen Männer zu bestimmen und ihren Geifer und ihre Gier zu kontrollieren. Denn wenn einer der Männer aufstand, sich der Bühne näherte und die Eidechse berühren wollte, hieb ihm der Hunne mit seinem Trommelstock auf die Finger. Anfangs warf der Hunne Männer aus dem Zelt, die onanierten. Aber irgendwann bemerkte er, dass mehr Besucher kamen, je weniger er darauf achtete. Er stellte einen Paravent auf und hoffte darauf, dass sich die Männer dahinter zurückzogen.
Im Herbst auf dem Dingolfinger Kirta verkaufte der Hunne die Liebesdienste der Eidechse zum ersten Mal. Ein Großbauer aus dem Publikum machte ihm nach der letzten Vorstellung ein so hohes Angebot für die Jungfräulichkeit der jungen Frau, dass der Hunne vor lauter Gier nicht mehr nein sagen wollte. Konstantinescu selbst hatte nie darüber nachgedacht, sich der jungen Frau zu nähern. Sein Sex war das Geld. Manchmal, alleine abends auf seinem Strohsack legte er sich solange Geldscheine auf seinen erigierten Penis, bis er kam.
Die Eidechse weigerte sich zuerst, mit dem Bauern zu schlafen, der Hunne schlug und zwang sie. Dann wartete er vor der Wohnwagentür bis der Bauer mit der Siebenbürgerin fertig war. Die Eidechse saß zitternd auf dem Lager im Wohnwagen und der Hunne rieb sich die Hände. Dafür, mit dem erotischen Star des Volksfests ins Bett zu dürfen, würden die Bauerndeppen viel Geld zahlen. Er machte daraus einen regelmäßigen Zusatzverdienst. Die Eidechse schrie und wehrte sich. Der Hunne verprügelte sie aber mit einem in ein Tuch gewickelten Stock damit keine sichtbaren Blessuren blieben.
Konstantinescu fing an, den Männern die Eidechse in der Ansage vor der letzten Vorstellung sehr offen anzubieten. Er zahlte den Amtsleuten in den Rathäusern entsprechend höhere Bestechungsgelder, um nicht wegen Kuppelei verklagt zu werden oder legte den Behördenvertretern gleich die Eidechse selbst als Bestechung ins Bett.
Die junge Frau hörte irgendwann auf, sich zu wehren. Ob aus Abstumpfung oder dem Gefühl, dass das was die Männer mit ihr taten weniger weh tat, als die Schläge des Hunnen oder wegen seines Versprechens für jedes Mal »Extra-Dienst« eine Mark an ihre Familie im Banat zu schicken. Natürlich schickte der Hunne nichts. Das Geschäft mit den durch die Vorstellung aufgeheizten Dörflern lief hervorragend.
1882 nahm Konstantinescu zum ersten Mal drei Kinder aus einem Waisenhaus bei sich auf und ließ sie die Handlangerdienste verrichten. Als Haushaltshilfe, Reinigungskräfte, Essensholer und als Träger der zerbrechlichen Ausstellungsstücke, für die die Tagelöhner, die vor jeder Festwiese auf Gelegenheitsarbeiten warteten und vom Hunnen für den Zeltaufbau engagiert wurden, zu grob waren. Fürs Selberarbeiten war er viel zu faul.
Drei Achtjährige, die er nach ihrem Aussehen und ihren Tätigkeitsfeldern Ochse, Mops und Vogel nannte. Ob Aufnehmen das richtige Wort war oder ob man besser gekauft sagen sollte, wusste niemand ganz genau.
Als die drei in die Pubertät kamen und nicht mehr so leicht mit Ohrfeigen zu bändigen waren, vermittelte der Hunne sie weiter an andere Schausteller. Auch hier lässt sich nicht besonders schwer beurteilen, ob nicht verkaufen das bessere Wort gewesen wäre.
Bis 1894 durchliefen drei Generationen Ochse, Mops und Vogel die Südsee-Schau. 1894 war das Jahr der letzten Generation Kinder beim Hunnen.
Die Eidechse war, als sie zum Hunnen kam, neunzehn. Als die letzte Generation Kinder ankam, war sie zweiunddreißig. Sie war wunderschön, unverbraucht und frisch in München angekommen. Mit zweiunddreißig sah sie zwar älter aus als andere mit Anfang dreißig. Aber trotz Jahrmarktleben, Alkohol, acht Abtreibungen, Kälte, Hitze, Regen, Sonne und vor allem Prostitution, wirkte sie immer noch faszinierend und exotisch. Unter ihrer öligen Rotebeete-Schicht, im trüben Petroleumlicht des Zeltes mit ihren gelernten erotischen Bewegungen hatte sie nach wie vor eine enorme Ausstrahlung auf die Männer im Publikum. Natürlich hatte auch die Seele der Eidechse gelitten, war abgestumpft, wieder verletzt worden, noch mehr abgestumpft und noch mehr verletzt worden. Aber sie schaffte es irgendwie ihre Ängste und ihren Hass auf den Hunnen und die ungewaschenen Dorfmänner zu ignorieren. Wie viel Trauma, wieviel Angst, wieviel Schaden all das bei Gurdana hinterlassen hatte, mag man sich nicht vorstellen.
Im Gegensatz zur Eidechse hatten es die drei Kinder gar nicht so schlecht beim Hunnen. Zumindest, wenn man ihr Leben mit dem der Arbeiter auf den Karussells oder den Tagelöhnern auf den großen Zelten verglich. Deren Arbeit war schwer und gefährlich. Auf den Gestellen herumturnen und die riesigen Balken hochhieven. Dann die Verantwortung, dass alles gut verbunden und sicher war. Gut, da arbeiteten auch keine Kinder, sondern erwachsene Tiroler oder Italiener. Männer, die einen riesigen Balken alleine tragen konnten.
Beim Hunnen mussten die Kinder nur beim Zelt auf- und abbauen mithelfen, die Schau herrichten und wieder verstauen, abstauben, Kleinigkeiten reparieren, das Zelt flicken, Kisten schleppen, dem Hunnen und der Eidechse Essen und Bier holen, die Pferde sauber halten und füttern, den Wagen putzen, die Kostüme säubern. Es gab immer genug zu essen, die Kinder hatten Schuhe und warme Sachen zum Anziehen. Eigentlich nicht so schlimm.
Während der abendlichen Aufführungen hatten die Kinder Zeit für sich. Obwohl der Hunne abgebrüht war und sich nicht darum scherte, wie es der Eidechse ging, hatte er doch Respekt davor, die Kinder in den erotischen Teil der Schau als Helfer und Handlanger oder Anreicher von Accessoires zu integrieren oder uns überhaupt dabei zusehen zu lassen. Wahrscheinlich hatte er einfach nur Angst davor, mit den Behörden Schwierigkeiten zu bekommen und noch höhere Bestechungsgelder zahlen zu müssen.
Sobald nur noch Männer in die Vorstellungen kamen, schickte Konstantinescu die Kinder weg. Die Bühne aufräumen und die Accessoires zusammenlegen und pflegen mussten sie erst am nächsten Morgen.
Georg saß abends im Wohnwagen und schnitzte kleine Tierfiguren, Betty las bei funzeligem Kerzenlicht in Illustrierten, die sie irgendwo abstaubte. August trieb sich meist auf den Festwiesen herum. Wenn es regnete oder er keine Lust dazu hatte, saß er am Fenster und starrte in den Himmel. Er war der einzige der drei, der Kontakt zu anderen Schaustellern auf den Jahrmärkten suchte. In den Gesprächen mit den Jahrmarkterern und durch seine Beobachtungen lernte August, wie es auf den Volksfesten zuging, wo Geld zu verdienen war und mit wem man sich gut stellen musste, um erfolgreich zu sein und respektiert zu werden. Es war für ihn wie eine Ausbildung zum Jahrmarkterer-Gesellen.
Im Laufe der Jahre bekam der Junge ein Gespür für den Rhythmus, mit dem die einzelnen Schausteller auf die Märkte kamen. Dem Dosenwurf-Toni begegneten sie ungefähr drei Mal pro Saison. Das grüne Glockenspiel war wie die Südsee-Schau in Egling, Wurmholding und Kauzing. In einem Jahr trafen sie es noch auf einer weiteren Kerwa in Franken. Das rote Glockenspiel war auf fast allen Festen im Tirolerischen. Kohls Wellenflug trafen sie auf den Böhmischen Jahrmärkten und in Salzburg. In Niederbayern standen sie immer neben dem Teufelsrad der Brüder Kagerer. August wusste immer genau, wen er wo traf und wer ihm was zeigen konnte.
