Blaualgen-Smoothie - Bernd Brucklachner - E-Book

Blaualgen-Smoothie E-Book

Bernd Brucklachner

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Beschreibung

Ein Goldschmiedemeister erhält von seinem Schwager im Jahre 2025 ein goldenes Tau-Kreuz zur Aufbewahrung. Bei eingehender Betrachtung hegt er die Vermutung, dass sich im Inneren des Kreuzes ein Hohlraum befindet. Als er versucht, das Kreuz zu öffnen, wird er von Auftragsdieben überfallen. Dabei verschwindet er auf mysteriöse Weise. Nach zwanzig Jahren wacht er in einem Krankenhaus wieder auf. Ohne Erinnerung findet er, mit Nachlassen der Medikamente, in die neue Epoche hinein. Bei seinen täglichen Spaziergängen am Strand begegnet er einem jungen asiatischen Fräulein, in das er sich verliebt. Ihr Onkel, bei dem sie wohnt, ist mit seinem Clan in kriminelle Machenschaften verwickelt. Sie verüben einen Mord, um in den Besitz des Kreuzes zu gelangen. Wie sich herausstellt, befindet sich im Inneren ein brisanter Datenchip. Ein Clan-Mitglied beschreitet einen Sonderweg, indem es das Fräulein entführt, um die Herausgabe des Chips vom Goldschmied zu erzwingen.

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Seitenzahl: 197

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhaltsverzeichnis

Blaualgen-Smoothie

PROLOG

WIEDERGÄNGER

DER STÖRENFRIED

LAND UNTER

GROTESK

DIE ERMITTLERIN

DER EINDRINGLING

ERSTE ERGEBNISSE

DAS ABENDESSEN

DIE VERTRETUNG

DIE ENTDECKUNG

GOLDGRÄBER

MARODES HOLZ

WAHRHEIT

PROLOG

Gedrungen die Gestalt, grauschwarz sein Tweed, die Hand gestreckt zur Ladentür. Der Arm erschlafft, schwingt, wie das Pendel eines Regulators. Zögernd wendet sich der Mantel dem erleuchteten Schaufenster zu mit seinen goldenen Accessoires. Trotz des regnerischen Morgens weht beißender Fischgeruch von den einlaufenden Kuttern zu der gehetzt wirkenden Gestalt. Vom Pulsieren eines nahenden Blaulichts aufgeschreckt, spitzeln seine Augen hinter dem hochgeschlagenen Mantelkragen hervor.

Der Bildschirm über dem Arbeitsplatz des Goldschmiedes verrät jede Bewegung vor dem Ladengeschäft. Man sieht, wie die Gestalt von einem Windstoß getrieben in das Juweliergeschäft am alten Hafen hineinstolpert. Eine raue Stimme brüllt durch den Verkaufsraum: „Moin, Meister!“

Behutsam schließt der Meister die Wandvitrine, rückt seine Seidenfliege zurecht und wendet sich dem Kunden zu. Er begrüßt ihn mit einem „Moin, Moin“ und ist verwundert, wie früh am Morgen seine Kundschaft auf den Beinen ist. „Was wünscht der Herr denn heute?“

„Kamerad, ich störe ungern, hilf mir, ich bitte dich!“ Hektisch zieht er am Reißverschluss seiner Umhängetasche, der sich beim Öffnen mehrmals verkantet.

Ferdinand schaut aufmerksam über die Verkaufstheke und lächelt süffisant. „Warum derart aufgeregt, was ist passiert?“, sein Gegenüber gibt ihm keine Antwort, und so fährt er fort: „Worauf hast du dich wieder eingelassen, Torsten?“

Die tropfnasse Gestalt erklärt, dass sein Konzept uralt sei und sich bewährt habe. „Den Menschen fehlt in diesen fraglichen Zeiten das Geld zum Leben, da bleibt ihnen einzig die Veräußerung ihres Tafelsilbers, solange es nicht gepfändet ist. Oft sind es Kleinigkeiten, die zu Hause in den Schränken verstauben. Der von mir neu gegründete An- und Verkauf von Antiquitäten hat sich inzwischen herumgesprochen. Ohne zu übertreiben, funktioniert das Geschäft einwandfrei.“ Aufgewühlt dreht sein Blick über die Schulter zur Eingangstür und er sagt: „Ich glaube, mein Freund, ich bin da in eine verhängnisvolle Geschichte hineingeraten.“

„Nichts für ungut, Torsten, ich vermute, dass du wieder höher furzt, als dein Arsch hängt?“, sagt es und lächelt dabei. Der Goldschmied erklärt ihm: „Einer, der mehr vom Fußball Kenntnis hat, als von Antiquitäten, ist für derartige Geschäfte nicht geeignet.“ Mit abfälliger Mimik untermauert er seine Worte und versucht dem Verdutzten einzureden, dass es ihm an fundiertem Fachwissen plus den nötigen Beziehungen fehle. Des Weiteren sei es kein Wunder, dass sie einen wie ihn über den Tisch zögen.

Torsten übergeht achselzuckend die Anspielung und zieht ein handgroßes, verschlissenes Juteknäuel aus seiner Ledertasche, das er augenzwinkernd auf den Tresen legt, und sagt: „Du wirst sehen, ich bin nicht, wie du denkst.“ Mehrmals dreht er sich prüfend zur Ladentür. „Dieses Stück hier, Meister, lehrt dich eines Besseren.“

„Torsten, was ist dein Problem?“

Mit einem geräuschvollen Seufzer berichtet er vom gestrigen Tag. Ein Diamantenhändler aus Indien habe ihm diese Kostbarkeit übergeben. Sein Problem ist, dass heute die Polizei nach dessen Mörder sucht. Die Schandtat ist, wie die Presse behauptet, kurz nach der Übergabe geschehen. Klebt ein Fluch auf diesem goldenen „T“ und man behält es, liegt am Ende der Körper des neuen Besitzers neben dem Inder in der Pathologie? Seine Bitte ist, ihm aus dieser beschissenen Lage herauszuhelfen, und unter all dem Schmuck des Ladengeschäftes sei es am besten aufgehoben.

Ferdinand löst die umwickelte Schnur und entfaltet den Jutesack. Behutsam lässt er den Inhalt auf eine samtene blaue Unterlage gleiten. Dabei erwachen seine Augen, seine Stimme verliert den sarkastischen Unterton und seine Hände schlüpfen in blütenweiße Trikothandschuhe.

Mit Begeisterung spricht er über dieses goldene Kreuz und bezeichnet es als ein solides, massives Stück. Wenn er seinem Schwager die Geschichte abkauft, entstehen instinktiv Bedenken: Welche Garantie gibt es? Stammt dieses Teil von einer kriminellen Handlung? Besteht Gefahr, und man beschuldigt ihn der Hehlerei?

Mit gefalteten Händen beteuert Torsten, dass der Kauf ordentlich abgelaufen sei. Die Übergabe verlief im Café am Rathausplatz, in aller Öffentlichkeit. Der Kellner ist sein Zeuge. Nebenbei bemerkt er, dass dies kein Kreuz ist, sondern ein banales „T“, ein Buchstabe mit einem Loch in der Mitte des Querbalkens. Ein „T“ wie Torsten, und das war der Grund, darum habe er es gekauft, denn religiös sei er auf keinen Fall.

Sofort widerlegt Ferdinand, dass es sich bei diesem Symbol um die Verschmelzung eines Pfahls mit einem Querbalken handelt. Dessen Ober- und Unterkante einen typisch geöffneten Halbbogen eines Taukreuzes zeigt. Ein Bußzeichen, das die Kreuze der Schächer auf dem Hügel Golgatha symbolisiert. Mit ziemlicher Sicherheit gehörte es einem Ordensbruder, einem Franziskaner. Im Mittelalter trugen die Mönche ihre christlichen Symbole auffällig, damit jeder ihre Botschaft sofort begreift. Dagegen hatte dieses feudale, schwere Stück keiner um den Hals getragen, denn bei der nächsten Gelegenheit hätte man dem Mönch den Kopf abgeschlagen, um an das Gold zu gelangen.

Der Meister dreht es mehrmals im Schein der Hängelampe und ihm fällt auf, dass die Oberfläche keinerlei Verzierungen aufweist. Wenn das Material reines Gold ist, gehörte es einem Vorsteher, einem Wächter. Eigenartig ist dieser materielle Wert, der sich nicht mit dem Armutsgelübde eines Bettelordens vereinbaren lässt. Vorwiegend fertigten sie die Kreuze aus Olivenholz, auf keinen Fall aus purem Gold. Da es keine groben Gebrauchsspuren aufweist, hatten sie das Stück im Verborgenen aufbewahrt.

Routiniert streicht er mit der hinteren Kante über eine Schieferplatte, betupft den Abrieb mit Prüfsäure und sagt: „Das Gold hat mindestens 21 Karat, die Waage zeigt 305 Gramm – reicht das aus, um zu töten?“

Obwohl dieser Händler Torsten zuerst verunsichert hat, war er der Bote eines ihm vertrauten Bekannten aus Indien. Ein Niederländer, der für eine indische Diamantenmine arbeitet. Ihm hatte er die Ware vor Monaten im Voraus bezahlt. Nebenbei bot der Händler Schmuck an, mit kunstfertig eingefassten Rubinen. Sein Zögern beim Kauf korrigierte den Preis nach unten. Man merkte, dass der Inder bemüht war, die Steine loszuwerden. Am Ende war das Angebot derart verlockend, dass er sofort zuschlug.

„Du hast ihn erschlagen?“

„Nein, verdammt Ferdinand, ich habe ihn …“ Er winkt entrüstet ab, dreht sich zu einer Sammlung exquisiter Uhren in einer nahe stehenden Vitrine und sagt genervt: „Wie bist du denn heute drauf, mit dir ist kein vernünftiges Reden?“

Ferdinand lacht und entschuldigt sich für seinen flachen Witz. Er vermutet, dass der Mörder mit Sicherheit bei dem Inder eine reiche Beute erwartet hat, darunter dieses Kreuz. Da er nichts fand, sucht er am Ende nach dem neuen Besitzer. „Hoffentlich stehen dein Name und die Adresse nicht auf der Rechnung, oder warst du bei dem Mord dabei?“

Eine solche Frage zwingt Torsten zu einer Rechtfertigung, indem er behauptet, es heute Morgen aus der Zeitung erfahren zu haben. „Eine alte Dame – ihr Hund hat die Leiche am Westhafen erschnüffelt. Mit einer Kunststoffplane zugedeckt lag das Opfer, von drei Messerstichen getötet, unter einer Parkbank. In seiner Brieftasche waren über 500 €, demzufolge kein Raubmord.“

Sofort kombiniert Ferdinand: Das Geld war dem Verbrecher unwichtig, nicht aber das Kreuz, da ist er sich sicher. „Besser, wir lassen es verschwinden, schmelzen es ein und gießen lütte Goldbarren daraus. Lukrativer wäre Piercingschmuck, denn der ist im Moment gefragt. Leider gibt es dafür nicht mehr als den aktuellen Goldpreis, ein Antiquitätenbonus, aufgrund des Einschmelzens, sei nicht machbar.“

Einverstanden war Torsten damit nicht. Besser wäre es, das Stück aufzubewahren. Er hatte dem Niederländer einen beträchtlichen Teil seiner Ersparnisse gegeben. Seine Spekulation in diesen fraglichen Zeiten: Von heute auf morgen gerät man in Not, da ist dieses Gold eine sichere Wertanlage. Wieder zwingt ihn sein aufgewühltes Verhalten zu einem prüfenden Blick hin zum Schaufenster und hinaus auf die Straße. Damit unterstreicht er seine Unruhe, dass ihn jemand verfolgt.

„Warum deine Nervosität?“, fragt Ferdinand.

„Ich vermute, sie überwachen mich, wegen meiner politischen Aktivitäten.“

„Und wenn es der Mörder ist, wenn er herausfindet, dass du mich im Laden mit dem Kreuz besucht hast?“

Mit einem Lächeln beruhigt ihn Torsten, da er der Letzte von vier Juwelieren in dieser Stadt sei. Wie zuvor erwähnt, hatte er diese Halsketten mit Rubinen im Angebot und eine nach der anderen an seine Kollegen verkauft. Auf Verdacht bringt er nicht gleich alle Goldschmiede der Stadt um.

„Du hast recht, Schwager.“

Mehrmals sieht Torsten auf seine Armbanduhr und sagt: „Die Zeit ist knapp, ich verlasse dich wieder, Termine über Termine, meine Kundschaft wartet, verstehst du?“

„Na ja, wenn unser Kaufmann am frühen Morgen derart beschäftigt ist, ihn unnötig aufzuhalten, wäre schädigend“, sagt er und grinst mit gesenkten Augenlidern.

„Im Übrigen, Ferdinand, am Wochenende ist wieder eine Demo gegen die Nationalisten, kommst du mit?“

Ferdinand lacht. „Dafür bin ich nicht geeignet.“

Seine Frage war überflüssig, denn der Goldschmied gehört zu denen, die für den Erhalt der Demokratie andere bluten lassen. Ihm fehlt ein Quantum an Aggression sowie der nötige Kampfgeist. Des Weiteren erklärt Torsten, dass die Polizei die Wohnungen von Bürgern durchsucht, die sich auffällig verhalten haben, egal, von welcher Seite sie die Barrikaden stürmten. Diese Verallgemeinerung ist ungerecht, sie maßregelt nicht ausschließlich die Radikalen, sondern genauso die friedlich demonstrierenden Bürger. Torstens Türen stehen in jedem Fall offen, versichert er, denn es existieren bei ihm keinerlei Kampfgeräte. Ist Schlagkräftiges vonnöten, um diesen rechten Block übel zuzurichten, entdeckt man genügend Material in den Müllcontainern? Finden sie dagegen dieses goldene „T“ in seiner Wohnung – wäre das problematisch, denn es gibt dafür weder einen Kaufvertrag noch eine Rechnung!

Ferdinand ist bereit, das Stück aufzubewahren, solange Torsten sich beim Demonstrieren zurückhält und sich nicht wieder erwischen lässt. In der Vergangenheit floss genügend Geld aus Ferdinands Kasse in die Taschen eines Anwaltes. Eindringlich erklärte er ihm, dass er die Hypothek seiner Wohnung zu bedienen hat und kein Geld für derartige Sonderausgaben vorhanden ist.

Torsten verspricht seinem Schwager, dies zu beachten, und fragt im selben Atemzug nach dem Wohlergehen seiner Schwester Paula.

Der Goldschmied streift sich durchs Haar, sieht ihn mit wässrigen Augen an und antwortet: „Meine Paula hat keine zwei Monate mehr, sie leidet – es sind die Metastasen, die sich überall im Körper versteckt halten.“

„Das hört sich qualvoll an, gibt es kein Medikament, das hilft?“, Torsten zeigt einen Augenblick Mitgefühl.

„Ein vielversprechendes Medikament ist in der Testphase, leider dauert das bis zur Zulassung.“

„Schrecklich, bitte überbringe Grüße von mir. Die Qualen hat Paula nicht verdient.“

„Das werde ich, Torsten, offen gesagt: Wäre es für deine Schwester erfreulicher, wenn ihr Bruder sie besucht, anstatt Grüße zu schicken?“

„Ich versuche, Zeit einzuplanen, Schwager, wir sehen uns.“

„Denk daran, deine Schwester hat nicht mehr lange.“

„Ich denke daran“, sagt er und verschwindet.

In zwei Monaten, im Oktober 2025, feiert Ferdinand Strasser seinen sechzigsten Geburtstag. Die hagere Gestalt, sein rastloser Blick, seine Zuckungen lassen den Goldschmiedemeister in dritter Generation zerbrechlich erscheinen. Dabei hat er präzise arbeitende Hände. Und wieder betrachtet er das klobige Stück Gold und klemmt sich eine monokulare Lupe zwischen Augenbraue und Wangenmuskel. Die Vergrößerung am Objekt zeigt Einkerbungen direkt neben einem Loch von sechs Millimetern Durchmesser in der Mitte des waagerechten Balkens. Dieses Loch weist Abriebspuren auf, die mutmaßlich von einem Ring stammen, der an einem Lederband oder einer Kette hing.

Mit der Hand zieht er die über ihm hängende Lampe auf Brusthöhe. Im Streiflicht ist eine haarfeine Fuge zu erkennen, die in Längsrichtung seitlich um den sogenannten Pfahl verläuft. Wie es aussieht, ist das Stück nicht aus einem einzigen Guss, sondern dieser Handwerker hat hier zwei Hälften präzise zusammengefügt, und das, ohne Goldlot verwendet zu haben. Mit einem Skalpell versucht Strasser, die beiden Teile zu trennen, die einen minimalen Spalt bilden. Mehrmals rutscht er dabei ab – das Kreuz verweigert ihm sein weiteres Eindringen. Desillusioniert steckt er das antike Stück zurück in den Jutesack und verstaut es im Tresor zwischen all dem Gold- und Silberschrott.

In all den Jahren, bis heute, ergänzt Ferdinand morgens die nächtliche Schaufensterdekoration mit hochwertigen Schmuckstücken aus dem Stahltresor. Erst nach Ladenschluss wandern sie wieder dorthin zurück. Seit jeher öffnet er sein Geschäft gleichzeitig mit den Bäckereien der Stadt. Grund waren einst die Kunden der Berufsschifffahrt. Seeleute, deren Landgänge für aufwendige Reparaturen kaum Zeit ließen. Manch einer benötigte für seine Geliebte nach einer durchfeierten Nacht ein glitzerndes Treueversprechen. Eine Erinnerung an den liebeshungrigen Matrosen bis zur Rückkehr von seiner langen Seereise. Derartige Kunden finden heute kaum den Weg in sein Geschäft. Aus Tradition hat sich Strasser an die Öffnungszeiten seiner Vorfahren gehalten.

An den Werktagen grüßt der Goldschmied morgens um 8 Uhr vor dem Laden den Briefträger. Beim Überreichen des Tagblattes wie der Geschäftspost erwiderte ihm dieser ein flüchtiges „Moin, Moin“. An diesem Tag bleibt keine Zeit für den Austausch von Neuigkeiten, denn es regnet bei heftigen Sturmböen. Sortiert landet die Reklame im Papierkorb und die Briefe in der Ablage. Die OZ dagegen, die einzige regionale Tageszeitung, platziert er zusammen mit einer Tasse Kaffee auf seiner Werkbank, denn beides gehört für ihn zum Start in den Arbeitstag. Auf der Titelseite fällt ihm eine fett gedruckte Schlagzeile auf:

Toter am „Alten Hafen“ entdeckt

Aufmerksam studiert er den Artikel, wiederholt ihn mit ungläubiger Miene. Hier fehlen die Angaben zum genauen Tatort, wie die drei Messerstiche und jene 500 €, die Torsten erwähnt hatte. Hoffentlich ist es nicht das, was im Moment sein Hirn bearbeitet. Er öffnet einen Fensterflügel hinter seiner Werkbank und genießt die frische Brise.

In Zweifeln versunken beendet Ferdinand sein Frühstück, legt die Tageszeitung beiseite und eröffnet sein Tageswerk. Seine Geschäfte sind dürftig, wie immer. Zur Mittagszeit spaziert er zum Fischladen ‚Oberdeck‘ mit seiner Riesenauswahl an Meeresfisch, um zu speisen. Nach der Mittagspause sitzt er wieder im Laden und ist mit Reparaturen beschäftigt. Mit Eintreten der Dunkelheit holt er sich das Kreuz zurück an seinen Arbeitsplatz. Erneut fasst er mit Daumen und Zeigefinger das Skalpell und versucht, in die umlaufende Fuge einzudringen. Ein heftiger Blitz zuckt durch den Regen.

Urplötzlich kriecht über die Klinge, den Schaft und die beiden Finger blau sprühende Funken, deren Kribbeln stechende Schmerzen verursacht. Erschrocken lässt er alles aus seinen Händen fallen.

Woher kommen diese winzigen Bündel blauer Funken? Sie sehen aus wie das Elmsfeuer bei Gewitter in den Tagelagen der Schiffe auf hoher See. Derartige Energie in diesem Stück Gold? Nüchtern betrachtet: Nach dieser unerklärlichen heftigen Entladung ist die Aufladung des Kreuzes hoffentlich erschöpft. Trotz alledem bleibt er wachsam beim erneuten Versuch. Die obere Hälfte hebt sich um Haaresbreite an. Draußen schlägt mit einem Knall ein Blitz vor seinem Fenster in einen Baum, der Feuer fängt, und der Geruch von Verbranntem weht durch den Fensterspalt über ihn hinweg.

Fasziniert vom Anblick der Flammen, verpasst er es, vom Kreuz abzulassen, verpasst, was in unmittelbarer Nähe um ihn herum passiert. Erneutes Funkensprühen überzieht beißend, seine Hand und seinen Arm. Der Versuch, loszulassen, misslingt. Das, was er in der Hand hält, brennt sich in sein Fleisch ein. Von diesem Anblick gefangen, sinkt er in eine Schockstarre und beobachtet, wie die winzigen, sprühenden Bündel seinen Körper erobern. Wie es sich durch schmerzhaftes Stechen verbreitet.

Am Wandspiegel, der für die Kundinnen nahe der Werkbank hängt, entdeckt er einen Schatten, entdeckt, wie sich das blaue Leuchten langsam am Hals hinauf über sein Gesicht legt. Hinter den feuersprühenden Wimpern verschwinden seine Augen. Blind vernimmt er das Knistern, das sich in seine Gehörgänge frisst, bis sie verschlossen sind. Ebenso geschieht das in seiner Nase und seinem Mund. Vollgestopft mit einer ihm unbekannten, geruchlosen Materie, lähmt diese seine Stimmbänder und erhöht bis zur Unerträglichkeit den Druck in den Stirnhöhlen. Unkontrollierbares Kribbeln neben schmerzhaftem Stechen versetzt ihn in Panik. Es fehlt ihm die Luft zum Atmen. Ferdinand bemerkt, wie sein Herz glüht und wie sich die Hitze, über seinen gesamten Körper ausbreitet, als verbrenne er am lebendigen Leib.

WIEDERGÄNGER

Wie ein Phönix aus der Asche, fremd in seiner Haut, der Erinnerung beraubt, inmitten von zwölf Quadratmetern Plattenbau. Auf der Kante eines Bettes sitzt eine emotionslose, von Medikamenten betäubte Gestalt und erleidet einen Anfall heftigster Niesattacken. Minuten, die vergehen, bis er sich wieder beruhigt, und seine Nase aufhört zu bluten. Vor seinen Augen ein an die Wand angelehnter Tisch und am Fußende des Bettes ein Schrank. In dieser unpersönlichen, erdrückenden Enge grübelt er, woher er kommt und wer er ist. Vereinzelt blitzen Erinnerungen auf, an blütenweiß gekleidete Menschen. In seinen Ohren erklingt ein Jammern und Wehklagen, das ihm Angst bereitet. Vom Schein des einzigen Fensters angezogen, schaut er in die Weite eines Parks, in dem Trauerweiden bewegungslosen Zombies gleichen. Ein markanter Mittelpunkt ist ein ausladendes, rundes Wasserbecken mit einer baumhohen Fontäne. Ringsum, auf den weitverzweigten Wegen, kriechen Rollatoren mit ihren zweibeinigen Anhängseln auf Rollschuhen. In großzügig bemessenen Abständen stehen Bänke am Wegesrand, auf denen Senioren ausharren, bis sie das Pflegepersonal wieder auf ihre Zimmer schiebt.

Inmitten einer Gruppe von Menschen entsteht Hektik am Wasserbecken. Er beobachtet aufmerksam, beugt seinen Oberkörper und den Kopf zur Fensterscheibe. Ein weißer Haarkranz bahnt sich seinen Weg, denn ein Weißkittel mit hochgestecktem blondem Haar ist hinter ihm her. Aufgeregt gestikulierend, um dieses Becken herum, sieht es aus wie bei einem „Fang-mich-Spiel“. Unter dem Beifall der Zuschauer nähert sich die Blondine mit ausgestreckter Hand dem Flüchtenden. Kurz berührt sie dessen Schulter. Geschickt wie ein Aal, windet er sich, rettet sich blitzschnell ins knietiefe Wasser. Ohne zu zögern, stapft er durch die blühenden Seerosen und schlüpft unter dem herabstürzenden Nass hindurch auf die gegenüberliegende Seite. Mit erhobenen Armen bleibt die Verfolgerin verdutzt am Beckenrand zurück. Von den Sturzbächen durchnässt, verursacht der weißhaarige allgemeine Aufregung. Diese Aufmüpfigkeit amüsiert den Neuankömmling am Fenster.

Er sieht sich erneut im Zimmer um. Was ist das hier, wer hat mich hierhergebracht? Sein Hirn sucht nach Erinnerungen, denn sein Speicher ist leer gefegt. Lebe ich in einer Scheinwelt oder sind es die täglich verfütterten Drogen der Ärzte? Wieder beobachtet er das Treiben im Park, sieht, wie eine der rollenden Pflegerinnen stürzt und wieder aufsteht mit akrobatisch anmutenden Bewegungen, die nicht von menschlicher Natur sind. Es sieht aus, als hätten die Gelenke keine Anfangs- und Endpunkte, gleich einer Strickpuppe. Seine Schadenfreude erstickt eine krächzende Stimme, die hinter ihm ungeteilte Aufmerksamkeit fordert.

„Wie Sie sehen, Herr Strasser, ist unser Haus anheimelnd, und diese Aussicht ohnegleichen!“

Der Fenstergucker reagiert nicht, fühlt sich nicht angesprochen, da man ihn bisher Mr. Pustoy nannte, und beobachtet weiter.

„Bitte, Herr Strasser Ferdinand, hören Sie mir zu.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, spricht die Stimme weiter, mit erhöhter Lautstärke. „Unsere Räume sind lichtdurchflutet, klimatisiert und rund um die Uhr von Sicherheitsleuten bewacht.“

Ferdinand Strasser – ist das mein Name? Voller Neugier dreht er sich zu dieser fremden Stimme. In Gedanken wiederholt er den Namen mehrmals, um ihn ja nicht wieder zu vergessen. Ferdinand sieht einzig den künstlichen, lebensnah wirkenden Humanoiden vor sich stehen. Dabei lässt der Automat seinen Vortrag weiter ablaufen: „Sie brauchen sich um nichts zu kümmern. Bei uns, ohne den Alltagsstress mit all seinen Verpflichtungen, verlängert sich Ihre Lebenserwartung, und das ist unser Ziel. Der Speisesaal bietet täglich zwei Menüs zur Auswahl, inklusive einer Palette an alkoholfreien Getränken. Da bleibt kein Wunsch offen. Für Sie ein wahres Paradies, Herr Strasser Ferdinand.“

Ohne den in weiße Schwesterntracht gehüllten Humanoiden auf Rollschuhen einen weiteren Blick zu würdigen, bemüht sich Strasser um Höflichkeit.

„Entschuldigen Sie, wenn ich zweifle: Passt mein ganzes Leben in dieses winzige Zimmer?“, sagt er vor sich hin und dreht seinen Kopf erneut zu dieser Stimme. Obwohl Strasser mehr auszusetzen hätte, über diese geschmacklose, funktionelle Ausstattung verliert er kein weiteres Wort. Ferdinand atmet tief durch, denn er hat keine Lust, sich mit diesem Angebot anzufreunden. Vielmehr rebelliert seine innere Stimme: Dieser Kittelschürzenautomat mit seinem alkoholfrei, und dann diese Bewachung, wie ein Gefangener, ist das der Lohn am Ende meines Daseins? Mit Sicherheit lebt es sich in den persönlichen vier Wänden tausendmal besser. Besaß ich denn vormals ein eigenes Zimmer, ein eigenes Bett, ein eigenes Leben? Wenn ja, wo ist es abgeblieben? Hier wäre ich gezwungen, mich unterzuordnen in einer Organisation, gesteuert von den Vorstellungen eines Automaten.

Aus dem Schatten des Humanoiden tritt ein Mensch im dämmergrauen Anzug mit Aktentasche durch die Türe in den Vordergrund, um sein Anliegen vorzutragen. Formgewandt spricht er ihn an: „Geschätzter Herr Ferdinand Strasser“. Weiter behauptet er, ich müsse die Wohnungssuchenden berücksichtigen. Hätte meinen Beitrag zu leisten gegenüber den Tausenden, die auf der Straße dahinvegetieren. Lange genug hätte ich kostbaren Wohnraum blockiert, in dem viele Menschen untergekommen wären.

Wovon redet der? Bekomme ich soeben mitgeteilt, dass ich Eigentum besitze, welches mir dieser Beamte versucht abzuknöpfen? Strasser schüttelt demonstrativ verneinend den Kopf, seine Unruhe, seine Stimme verraten, was in ihm vorgeht, und sagt: „Von einem Humanoiden erwartet man nichts anderes, von einem sozial realen Menschen, ist das enttäuschend.“ Strasser versucht, sachlich zu bleiben, spricht von seinem Eigentum, in dem seine verloren gegangenen Erinnerungen stecken. „Sobald die Immobilie ein Spekulationsobjekt ist, riecht das nach Begehrlichkeiten. Solche Interessen beinhalten Vetternwirtschaft, privilegierte Drahtzieher mit Kryptokonten und eine Warteliste, die reine Makulatur ist.“ Über seine impulsiv formulierte Aussage stutzt Ferdinand und überlegt: Aus welcher verborgenen Ecke meines Gehirns entspringt dieses Wissen? Mir scheint, die Medikamente lassen nach.

Schroff knallt die Aktentasche auf den Tisch. „Herr Strasser, das grenzt an Beamtenbeleidigung, Ihre Unterstellungen – unverschämt!“ Mit überheblichem Ton verkündet er, dass Strasser keine Wahl hat. Das vor zwei Jahren beschlossene und höchstrichterlich bestätigte Gesetz zwingt ihn, seine Wohnung abzugeben. Der Beamte fragt: „Ende dieses Jahres sind Sie 80, stimmt das?“

„Wenn Sie mein Geburtsdatum in Ihren Unterlagen finden und zum Rechnen fähig sind, stimmt das.“

Mit gespielter Höflichkeit erklärt der Beamte weiter, dass Strasser ohne Lebenspartnerin dasteht und keine Angehörigen hat, die sich um ihn kümmern. Der Staat hat im Namen des Gemeinwohls das Recht, ihn einzuweisen. „Seien Sie unbesorgt, der Wert Ihrer Immobilie deckt die Kosten für Ihren Aufenthalt in der Residenz Sternenbake bis zu Ihrem Lebensende. Nichts ist von Ihrer Rente verloren. Warum sind Sie skeptisch? Es handelt sich hier um eine solide Vorsorge. Wenn Sie sich weiter weigern, droht Ihnen die Zwangseinweisung. Sie verlieren Ihren Sonderstatus, weil man eine beachtliche Anzahl an Strafpunkten von Ihrem Sozialkonto abzieht. Sie wissen, was das bedeutet?“

„Soso – Herr Staatsdiener“, sagt Strasser mit missbilligender Miene. Ohne zu kapieren, was es mit dem Sozialpunktekonto auf sich hat, bleibt er bei seiner Entscheidung, dieses Eigentum zu verteidigen. Strasser lässt das Gespräch widerspruchslos vorübergehen und verabschiedet sich am Ende ablehnend. Der Beamte übergibt ihm widerwillig ein versiegeltes Kuvert mit den Schlüsseln seiner Wohnung und sagt: „Das hat ein Nachspiel für Sie.“ Zum Schluss verlangt er eine Unterschrift zur Bestätigung der Übergabe. Auf dem Kuvert steht unter Strassers Namen eine Adresse. Ohne sich umzusehen, richtet er seine Seidenfliege, atmet tief durch und verlässt das Gebäude auf dem schnellsten Weg. Mit ausladenden Schritten den Hügel hinunter, in die Stadt hinein, erreicht er, nach mehrmaligem Nachfragen, sein Zuhause.

Die Straße, das Haus flackert im Gedächtnis auf, lässt aber leider keine genauen Schlüsse zu. Angespannt steckt er den Schlüssel ins Schloss, begleitet vom Sprühen blauer kleinster Funken, die seinen Körper durchdringen, ihn erzittern lassen, wie bei einem Stromschlag. Was hat das zu bedeuten? Ist dieses Feuer ein erneutes Zeichen, dass er sich in einer Scheinwelt bewegt, oder erlaubt sich sein Gehirn einen Scherz? Sind es die auftretenden Trugbilder seiner gestörten Wahrnehmung? Mit äußerster Anspannung öffnet er die Wohnungstür. Wie sieht seine intime Welt aus?

Das, was er entdeckt, scheint verzerrt, wabert vor seinen Augen. Es benötigt Zeit, bis das Bild sich stabilisiert. Ferdinand betritt den Flur und spaziert direkt ins Wohnzimmer. Abgestandene Raumluft erschwert das Atmen. Überall Spinnweben und Flecken von Feuchtigkeit an den Wänden. Der Parkettboden, staubbedeckt und von Schuhabdrücken gezeichnet. Auf dem Wohnzimmertisch liegt der gleiche graue dicke Belag, unter dem ein Brief zu erkennen ist. Er pustet den Staub vom Blatt und Funken sprühen aus der oberen Ecke. Unheimlich, zu hören, wie plötzlich die Standuhr tickt, und das Zimmer sich zeigt, als hätte man es blitzblank gereinigt. Das Schriftbild, deren Tinte ausgebleicht und lückenhaft war, verändert sich zu lesbaren Buchstaben. Geduld und Konzentration braucht es, um die Worte zu lesen, um zu kapieren, was geschrieben steht:

Mein lieber Ferdinand!