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Als 1986 Risikogesellschaft erschien, machte das Ulrich Beck schlagartig berühmt. Der Soziologe wies nicht nur auf die Nebenfolgen der Industriemoderne hin, er betonte zugleich, dass die Welt sich auch dann permanent verändert, wenn wir meinen, einen vorübergehenden Zustand mit Institutionen und Konzepten einfrieren zu können. Mit beispielloser Neugier spürte Beck den Indizien des Wandels nach und öffnete uns mit der Lust an der terminologischen Innovation die Augen für Individualisierung, Globalisierung und die Transformation der Arbeitswelt.
Am 1. Januar 2015 verstarb Ulrich Beck überraschend und viel zu früh. Bis zu seinem Tod arbeitete er an einem Buch, das beides ist: Summe und radikale Weiterführung seiner Theorie. Während es früher Fixpunkte gab, an denen wir erkennen konnten, was stabil blieb und was nicht, erleben wir heute eine allumfassende Verwandlung, die uns orientierungslos werden lässt. Die Metamorphose der Welt ist der Versuch, diese Globalisierung des Wandels zu verstehen und hochaktuelle Herausforderungen wie Erderwärmung und Migration auf den Begriff zu bringen.
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Seitenzahl: 300
Veröffentlichungsjahr: 2016
Als 1986 Risikogesellschaft erschien, machte das Ulrich Beck schlagartig berühmt. Der Soziologe wies nicht nur auf die Nebenfolgen der Industriemoderne hin, er betonte zugleich, dass die Welt sich auch dann permanent verändert, wenn wir meinen, einen vorübergehenden Zustand mit Institutionen und Konzepten einfrieren zu können. Mit beispielloser Neugier spürte Beck den Indizien des Wandels nach und öffnete uns die Augen für Individualisierung, Globalisierung und die Transformation der Arbeitswelt.
Bis zu seinem überraschenden Tod am 1. Januar 2015 arbeitete er an einem Buch, das beides ist: Summe und radikale Weiterführung seiner Theorie. Während es früher Fixpunkte gab, an denen wir erkennen konnten, was stabil blieb und was nicht, erleben wir heute eine allumfassende Verwandlung, die uns orientierungslos werden lässt. Die Metamorphose der Welt setzt sich zum Ziel, diese Globalisierung des Wandels zu verstehen und hochaktuelle Herausforderungen wie Erderwärmung und Migration auf den Begriff zu bringen.
Ulrich Beck (1944-2015) war einer der bedeutendsten Soziologen und Risikoforscher weltweit. Er lehrte unter anderem an der Ludwig-Maximilians-Universität München, der Harvard University und der London School of Economics. Beck erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Preis der Deutschen Gesellschaft für Soziologie für herausragende Leistungen auf dem Gebiet der öffentlichen Wirksamkeit der Soziologie (2004).
Becks Werk erscheint im Suhrkamp Verlag, zuletzt u.a. Fernliebe. Lebensformen im globalen Zeitalter (gemeinsam mit Elisabeth Beck-Gernsheim) und Das deutsche Europa. Neue Machtlandschaften im Zeichen der Krise.
Ulrich Beck
DIE METAMORPHOSEDER WELT
Aus dem Englischen von Frank Jakubzik
Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel The Metamorphosis of the World bei Polity Press (Cambridge).
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek
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eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2017
Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2017.
© Suhrkamp Verlag Berlin 2017
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Vorbemerkung Elisabeth Beck-Gernsheim: Die Geschichte eines unvollendeten Buches
Vorwort
Erster Teil: Einführung, Evidenz, Theorie
1 Warum nicht Wandel, sondern Verwandlung der Welt?
2 Gott werden
3 Wie der Klimawandel die Welt retten könnte
4 Theorie der Metamorphose
Zweiter Teil: Themen
5 Von der Klasse zur Risikoklasse: Soziale Ungleichheit in Zeiten der Metamorphose
6 Neuordnung der Machtverhältnisse: Die Politik der Unsichtbarkeit
7 Emanzipatorische Katastrophen: Gemeinwohlfördernde Nebenfolgen von bads
8Public bads: Die Politik der Sichtbarkeit
9 Digitale Risiken: Das Versagen funktionierender Institutionen
10 Das Metamachtspiel der Politik: Metamorphose der Nation und der zwischenstaatlichen Beziehungen
11 Kosmopolitische Risikogemeinschaften: Von den Vereinten Nationen zu den Vereinten Weltstädten
Dritter Teil: Ausblick
12 Globale Risikogenerationen: Im Niedergang vereint
Bibliografie
Elisabeth Beck-Gernsheim
Der 1. Januar 2015 war ein Wintertag wie aus dem Bilderbuch: blauer Himmel, strahlende Sonne, glitzernder Schnee. München leuchtete. Wir, wie viele andere auch, machten uns auf zu einem Spaziergang im nahen Englischen Garten, Münchens großem Park.
Einige Wochen zuvor hatte Ulrich eine vorläufige Fassung des Textes der Metamorphose an Polity Press, seinen englischen Verlag, geschickt. Und erst wenige Tage zuvor, Ende Dezember, waren erste Rückmeldungen gekommen. Hatten ihn manche Kommentare zunächst irritiert, begann er jetzt bei unserem Spaziergang zu sehen, dass sie an wichtige Fragen rührten. Und sogleich begann er, an neuen Ideen zu basteln. Spielerisch suchte er nach Argumenten, um Gedanken zu präzisieren, Lücken zu füllen, Übergänge schärfer herauszuarbeiten. Ich spielte mit. Wie, das war immer wieder die Frage, wie konnte man das Grundkonzept des Buches noch fester verankern?
So gingen wir auf den uns so vertrauten Wegen des Englischen Gartens, angeregt redend, eifrig diskutierend.
Und dann, plötzlich, das Ende. Herzinfarkt. Ulrich kam nicht mehr nach Hause. Er starb noch im Englischen Garten.
Als ich einige Tage später versuchte, mich an die wichtigsten Ideen zu erinnern, die wir an jenem strahlenden Neujahrstag diskutiert hatten, gelang es mir nicht, sosehr ich mich auch bemühte. Mein Gedächtnis versagte. Ich erinnerte mich nur noch an Fragmente, Einzelheiten, Fetzen. Das Wesentliche war weg.
Einen Monat später, im Februar 2015, veranstaltete die London School of Economics – wo Ulrich viele Jahre einen Lehrstuhl gehabt hatte – eine Gedenkfeier zu seinen Ehren. Bei diesem Anlass nannte Anthony Giddens die Metamorphose der Welt ein »unvollendetes Buch«. In den folgenden Monaten sollte ich feststellen, wie recht er hatte. Aus der Aufgabe, die Manuskriptfassung in ein Buch zu verwandeln, wurde ein Unterfangen, das mich über Monate hinweg in Atem hielt. Dabei war dies nur der letzte Teil einer langen Geschichte, an der viele Kollegen und Freunde mitgewirkt hatten. Sie waren teils direkt, teils indirekt beteiligt an dem Forschungsprojekt »Methodological Cosmopolitanism – In the Laboratory of Climate Change«, für das Ulrich einen sogenannten »Advanced Grant« erhalten hatte, ein ebenso großzügiges wie prestigereiches Stipendium des Europäischen Forschungsrates (European Research Council, ERC).
Von Anfang an waren Anders Blok (Kopenhagen) und Sabine Selchow (London) an der Diskussion der Entwürfe zu diesem Buch beteiligt. Beide haben viel Zeit, Energie und Wissen eingebracht. Dank ihrer Bemühungen hat das Manuskript nicht nur an Tiefe, sondern auch an Präzision und empirischer Fundierung gewonnen. Darüber hinaus haben zahlreiche Wissenschaftler aus den unterschiedlichsten Fachgebieten – darunter weitere Mitglieder des ERC-Projektteams, sowohl in München wie in anderen Weltregionen – konstruktive Vorschläge eingebracht und neue Ideen angestoßen. Zu diesem Netzwerk kosmopolitischer Kooperation gehörten: Martin Albrow (London), Christoph Lau (München), Daniel Levy (New York), Zhifei Mao (Hongkong), Svetla Marinova (Sofia), Gabe Mythen (Liverpool), Shalini Randeria (Wien), Maria S. Rerrich (München/Blackstock, South Carolina), Natan Sznaider (Tel Aviv), John Thompson (Cambridge), David Tyfield (Lancaster/Guangzhou, China), Ingrid Volkmer (Melbourne) und Johannes Willms (München). Einmal mehr hat Almut Kleine (München), geübt durch zwanzig Jahre der Zusammenarbeit mit Ulrich, unerschrocken seine handschriftlichen Notizen und Korrekturen entziffert und sich durch viele Fassungen des Textes hindurchgearbeitet. Caroline Richmond hat den Text für Polity Press hervorragend lektoriert und einige verbliebene Unebenheiten geglättet.
Doch bevor es dazu kommen konnte, musste das unvollendete Buch vollendet werden. Dies erwies sich als eine schwierige Aufgabe, die sich nur über die enge Kooperation dreier Personen bewältigen ließ.
Da Ulrich und ich nicht nur über Jahrzehnte zusammengelebt, sondern auch immer wieder eng zusammengearbeitet hatten, spielte das Thema Metamorphose nicht nur in regelmäßigen Diskussionen, sondern auch in unserem Alltag eine gewichtige Rolle. Ich hatte aus nächster Nähe miterlebt, wie Ulrich mit seinen Ideen rang und sie nach und nach in den Griff bekam. Außerdem konnte ich mich auf unsere Erfahrungen beim Verfassen von vier gemeinsamen Büchern und unzähligen gemeinsamen Artikeln stützen. Und doch: Als es darum ging, eine endgültige Druckfassung von Die Metamorphose der Welt herzustellen, stand ich in jedem Kapitel vor einer Reihe offener Fragen, angefangen mit mysteriösen Metaphern bis hin zu Argumenten, deren Quelle im Dunkeln lag. In diesen Momenten – und von ihnen gab es einige – sprang mir John Thompson zur Seite, der enge Kollege und loyalste Freund, der große Mengen an Zeit und Energie, soziologischen Kenntnissen und Publikationserfahrung einbrachte. Wann immer ich auf eine Pause hoffte, eine Auszeit von der Metamorphose, oder der Wunsch übermächtig wurde, die Arbeit an meinem eigenen Buch fortzusetzen, brachte mich John geduldig auf den rechten Weg zurück, drängte mich, dranzubleiben, und ging zuweilen mit Vorschlägen voran. Unermüdlich half er, unvollständige Sätze zu deuten, abrupt abbrechende Absätze zu vervollständigen und manchen (auf Englisch verfassten) Passagen den deutschen Tonfall auszutreiben.
Ohne Albert Gröber, den wissenschaftlichen Koordinator des ERC-Teams und genauen Kenner von Ulrichs Werken, wären John und ich dennoch verloren gewesen. Während der schwierigen Phase nach Ulrichs Tod half Albert nicht nur, das Projekt durch Krisen und divergierende Zielvorstellungen hindurchzusteuern; er trug zugleich aktiv dazu bei, die Metamorphose zu vollenden. Er spürte unermüdlich Literaturhinweise auf, grub entlegene Zitate aus und leistete die Hauptarbeit bei der Zusammenstellung der Bibliografie.
Auf diese Weise nahm das unfertige Manuskript allmählich Form an und wurde schließlich zum Buch. Ich stehe tief in Johns und Alberts Schuld, und mein herzlichster Dank gilt ihnen beiden.
Ich hoffe, dass wir, alles in allem, unsere Aufgabe angemessen bewältigt haben, wenigstens in den meisten Fällen. Und ich hoffe, dass es damit am Ende möglich wird, die Vision zu erkennen, mit der Ulrich den langen Weg zur Metamorphose begann.
München, September 2015
Die Welt ist aus den Fugen. Nach Ansicht vieler Zeitgenossen trifft das in beiden Bedeutungen des Wortes zu: Ihre äußere Ordnung ist zerbrochen, ihr innerer Zusammenhalt verloren gegangen. Wir irren ziel- und orientierungslos umher, argumentieren für und wider. Die eine Feststellung jedoch, auf die wir uns jenseits aller Unterschiede und über alle Kontinente hinweg zumeist einigen können, lautet: »Ich begreife die Welt nicht mehr.«
In diesem Buch versuche ich zu verstehen und zu erklären, warum wir die Welt nicht mehr verstehen. Zu diesem Zweck unterscheide ich zwischen Wandel und Metamorphose, genauer gesagt: zwischen dem Wandel der Gesellschaft und der Verwandlung der Welt. Gesellschaftlicher oder sozialer Wandel ist ein eingeführter soziologischer Begriff, dessen Bedeutung jeder kennt. Er hebt auf eine Kerneigenschaft der Moderne ab, nämlich ihre permanente Veränderung, von der grundlegende Konzepte und Gewissheiten allerdings stets unberührt bleiben. Dagegen zieht die Zustandsbeschreibung der Verwandlung, der Metamorphose, den Gewissheiten moderner Gesellschaften den Boden unter den Füßen weg. Sie lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass wir »in der Welt« leben, sie nimmt die Welt in den Blick, nämlich jene Ereignisse und Prozesse, denen zwar keine spezielle Absicht zugrunde liegt und die wir zumeist übersehen, die jedoch jenseits der Domänen von Politik und demokratischer Gesellschaft als Nebenfolgen radikaler Modernisierungen in Technik und Wirtschaft unser »In-der-Welt-Sein« zunehmend bestimmen. Diese »Nebenfolgen« bewirken eine fundamentale Erschütterung, einen Gezeitenwechsel, in dem die anthropologischen Konstanten unseres bisherigen Lebens und Weltverständnisses wie Seifenblasen platzen. In diesem Sinne bedeutet Metamorphose schlicht, dass das gestern Undenkbare heute nicht nur möglich, sondern längst Realität geworden ist.
In den vergangenen Jahrzehnten sind wir mehrmals mit Metamorphosen dieser Größenordnung konfrontiert worden, durch eine Reihe von Ereignissen, zu denen vielen nur noch das Wort »Wahnsinn« einfällt: vom Mauerfall über die Terroranschläge des 11. Septembers bis hin zu den katastrophalen Klimawandelfolgen überall auf der Welt, von der Finanzmarkt- und Eurokrise über die Reaktorkatastrophe in Fukushima bis zu Edward Snowdens Entlarvung der unsere Freiheit bedrohenden totalitären Überwachung digitaler Kommunikationswege. Jedes Mal ist es dasselbe Muster: Was vorab als vollkommen unvorstellbar ausgeschlossen wurde, tritt jetzt ein – als Ereignis von globaler Bedeutung, das die Massenmedien in jedes Wohnzimmer des Planeten tragen.
[1] Das Manuskript der Metamorphose der Welt ist zu großen Teilen in englischer Sprache abgefasst, enthält aber auch einige vom Autor auf Deutsch formulierte Passagen. Die Übersetzung hat sie unverändert übernommen und sich in Hinsicht auf Begrifflichkeit und Stil der übrigen Teile an ihnen orientiert (Anmerkung des Übersetzers).
Dieses Buch wendet sich gegen den weitverbreiteten Versuch, Pellkartoffeln zu pflanzen. Ich versuche mir und vielleicht auch anderen aus einer großen Verlegenheit zu helfen. Habe ich doch nun viele Jahre Soziologie gelehrt und den Wandel moderner Gesellschaften erforscht. Aber auf die ebenso simple wie absolut notwendig zu beantwortende Frage, was sich da vor unser aller Fernsehaugen in der Welt abspielt, fehlten mir die Worte, und ich sah mich zu einer Bankrotterklärung genötigt. Es gab nichts – kein Konzept, keine Theorie –, das die Turbulenzen dieser Welt, wie es Hegel verlangt, »auf den Begriff gebracht« hätte.
Nun kommt die Sache mit den Pellkartoffeln ins Spiel. Wer versucht, Pellkartoffeln zu pflanzen und zu ernten – hat Niklas Luhmann einmal gesagt –, begeht einen »Kategorienfehler«. Wer versucht, mithilfe der in den Sozialwissenschaften zur Verfügung stehenden Konzepte des »Wandels« – »Evolution«, »Revolution« und »Transformation« – den allgegenwärtigen Aufregungszustand der Welt auf den Begriff zu bringen, der versucht, Pellkartoffeln zu pflanzen und zu ernten.
Denn die Welt, in der wir leben, verändert sich nicht bloß, sie befindet sich in einer Metamorphose. Wandel impliziert, dass sich manches ändert, während vieles gleich bleibt – so durchläuft der Kapitalismus zwar Wandlungen, doch viele seiner Merkmale ändern sich nicht. Das Wort »Metamorphose« impliziert eine weitaus radikalere Veränderung: Die ewigen Gewissheiten moderner Gesellschaften brechen weg, und etwas ganz und gar Neues tritt auf den Plan. Um die Verwandlung der Welt zu erfassen, müssen wir dieses Neue untersuchen, uns ansehen, was aus dem Alten hervorbricht, und die Strukturen und Normen der Zukunft im Durcheinander der Gegenwart auszumachen versuchen.
Fangen wir mit dem Klimawandel an: Noch immer wird heftig debattiert, ob er überhaupt stattfindet oder nicht, und was wir, falls er stattfindet, tun können, um ihn aufzuhalten oder einzugrenzen. Dieses Starren auf Lösungen macht uns jedoch blind für die Tatsache, dass der Klimawandel längst ein Akteur der Metamorphose ist. Er hat die Art und Weise unseres In-der-Welt-Seins bereits verändert – unseren Alltag, unsere Vorstellungen von der Welt, unsere Art, sie durch soziales und politisches Handeln beeinflussen zu wollen. Der steigende Meeresspiegel erschafft neue Landschaften sozialer Ungleichheit, zeichnet neue Weltkarten, deren wichtigste Eintragungen nicht mehr nationalstaatliche Grenzen sind – sondern Höhenlinien. Das macht eine vollkommen andere Weise erforderlich, die Welt zu begreifen – und unsere Überlebenschancen in ihr.
Deshalb geht die Theorie der Metamorphose über die der »Weltrisikogesellschaft« hinaus: Wir sprechen hier nicht mehr über die gefährlichen Nebenfolgen von goods (Werten wie Wohlstand, Chancengleichheit etc.), sondern über die positiven Nebenfolgen von bads, Risiken unterschiedlichster Art. Letztere bringen Normenhorizonte des Gemeinwohls derMenschheit hervor; sie treiben uns über den nationalstaatlichen Rahmen hinaus und zwingen uns eine kosmopolitische Perspektive auf.
Doch das Wort »Metamorphose« muss immer noch mit den spitzen Fingern der Anführungszeichen angefasst werden. Es trägt noch alle Anzeichen eines Fremdkörpers. Sicher, dieses Wort wird sich zunächst wohl mit dem Gastarbeiterstatus begnügen müssen, und es bleibt die Frage, ob es je in unser Selbstverständnis aufgenommen werden wird. Ich jedenfalls stelle mit diesem Buch den Antrag, den Migrationsbegriff »Metamorphose« in das gesellschaftliche Selbstverständnis aller Länder und Sprachen aufzunehmen, aus dem einfachen Grund, um auf die allerdings dringliche Frage In welcher Welt leben wir eigentlich? endlich die Pellkartoffel-Verlegenheit zu überwinden und eine plausible Antwort geben zu können: in der Metamorphose der Welt. Das ist allerdings eine Antwort, die dem Leser die Bereitschaft abverlangt, die Metamorphose seines Weltbildes zu riskieren.
Und da steht noch ein Großbegriff im Titel dieses Buchs, »Welt«, zu dem untrennbar das Wort »Menschheit« gehört. Was ist damit gemeint?
Der Begriff »Welt« macht durch die Rede vom Versagen der Welt auf sich aufmerksam: Alle Institutionen versagen – niemand und nichts tritt dem globalen Klimarisiko entschieden genug entgegen. Und es ist gerade dieses Pochen auf das Versagen der Welt, das die »Welt« zum Bezugspunkt einer besseren Welt macht.
Auf diese Weise ist der Begriff »Welt« vertraut geworden. Bei der Beschreibung der alltäglichsten Dinge kommt man ohne ihn nicht mehr aus. Er hat seine abgehobene Abgeschiedenheit, seine himalayaartige Erhabenheit verloren und sich durch die Hintertür in unseren alltäglichen, privatesten Sprachhaushalt eingeschlichen und eingenistet. Nicht wenige unserer Lebensmittel ebenso wie das Pflegepersonal alternder Eltern haben heutzutage (und jeder weiß das) einen Welthintergrund. Manche Obstsorten werden, des besseren Geschmacks wegen, inzwischen sogar eingeflogen – worauf die schöne Bezeichnung »Flugananas« verweist. Entsprechend gibt es »Flugmütter«, die nach Regeln der »Fernliebe« zugleich die Kinder anderer Leute hier und ihre eigenen Kinder dort umsorgen und versorgen wollen beziehungsweise müssen. Schon beim ersten Nachdenken fällt auf: Die Begriffe »Welt« und »eigenes Leben« fremdeln nicht mehr. Sie sind von nun an und in alle Ewigkeit in »wilder Ehe« verbunden. In »wilder Ehe«, weil für diesen Weltbund fürs Leben keine amtliche Beglaubigungsurkunde (der Wissenschaften oder des Staates) vorliegt.
Aber trotzdem bleibt die Frage: Warum Verwandlung der Welt, warum nicht »gesellschaftlicher Wandel«, warum nicht »Transformation«?
Nehmen wir China. Eine Transformation ist, was China von der Kulturrevolution bis zu den wirtschaftlichen Lockerungen durchlaufen hat: eine Evolution vom Geschlossenen zum Offenen, vom Nationalen zum Globalen, von Armut zu Wohlstand, aus der Isolation in eine zunehmende Vernetztheit. Die Metamorphose der Welt ist mehr und etwas anderes als eine Evolution vom Geschlossenen zum Offenen, nämlich: eine epochale Veränderung der Weltbilder, eine Neukonfiguration des nationalzentrierten Weltbilds. Allerdings wird diese Veränderung der Weltbilder nicht durch Kriege, Gewalt oder imperiale Aggression bewirkt, sondern durch die Nebenfolgen erfolgreich absolvierter Modernisierungsschritte – zum Beispiel der Digitalisierung oder der Voraussage einer vom Menschen herbeigeführten Klimakatastrophe. Das national wie international institutionalisierte Weltbild*, auf dessen Grundlage die Menschen der Gegenwart die Welt verstehen, ist verblasst. »Weltbild« heißt, es gibt für jeden cosmos einen zugehörigen nomos, in dem sich empirische und normative Gewissheiten zu einem Bild dessen verbinden, was die jeweilige Welt in Vergangenheit wie Zukunft ausmacht. Diese »Fixsterne«, diese unerschütterlichen Gewissheiten, sind in Bewegung geraten. Sie metamorphosieren, sie verwandeln sich auf eine Weise, die sich als »Kopernikanische Wende 2.0« beschreiben lässt.
Galileo Galilei entdeckte einst, dass nicht die Sonne um die Erde kreist, sondern dass es die Erde ist, die um die Sonne kreist. Wir befinden uns heute in einer in mancher Hinsicht ähnlichen Situation. Das Klimarisiko sagt uns, dass der Nationalstaat nicht der Mittelpunkt der Welt sein kann. Die Erde dreht sich nicht um Nationen (egal welche), sondern die Nationen kreisen um die neuen Fixsterne »Welt« und »Menschheit«. Das Internet ist ein Beispiel dafür. Erstens vereint es die ganze Welt in einem einzigen Kommunikationsraum. Zweitens erschafft es so etwas wie »die Menschheit« – schlicht, indem es jedem Menschen ermöglicht, mit buchstäblich jedem anderen in Verbindung zu treten. Und in diesem neugeschaffenen Raum werden nun nicht nur die nationalstaatlichen, sondern auch alle anderen Grenzen neu verhandelt, lösen sich auf, entstehen anderswo in anderer Form – durchlaufen eine Metamorphose.
Und so entspricht der »methodologische Nationalismus« der am Nationalstaat aufgehängten Denkweisen dem Dogma, dass die Sonne um die Erde kreist – dass sich, mit anderen Worten, die Welt um den Nationalstaat dreht. Dagegen vertritt der »methodologische Kosmopolitismus« die Auffassung, dass sich die Erde um die Sonne dreht, also: die Staaten um die »Weltrisikogesellschaft«. Aus nationaler Sicht ist der Nationalstaat die Achse, der Fixstern, um den die Welt kreist. Aus kosmopolitischer Sicht erscheint das nationalstaatszentrische Weltbild als von der Geschichte überholt. »Metamorphose der Welt« bedeutet deshalb, dass sich die »Metaphysik« der Welt verändert.[1]
Wenn wir verstehen wollen, warum unser Weltbild »von der Geschichte überholt« ist, müssen wir den Unterschied zwischen der naturwissenschaftlichen kopernikanischen Wende und ihrer sozialwissenschaftlichen Version 2.0 begreifen. Das geozentrische Weltbild stand immer schon in Widerspruch zur Realität. Bestritten haben das nur die Anhänger und Verteidiger religiöser Dogmen. Dagegen findet die kopernikanische Wende 2.0 in der Realität, in unserem täglichen Handeln statt – sie entfaltet sich als realer Umbruch und Niedergang der Weltordnung. Allerdings lösen sich Nation und Nationalstaat nicht einfach auf und verschwinden, sondern durchlaufen eine Metamorphose. Sie müssen ihren Platz in der digitalen Weltrisikogesellschaft neu bestimmen, in der Grenzen flüchtig und flexibel werden; sie müssen sich selbst (neu) erfinden, weil sie auf eine Kreisbahn um die neuen Fixsterne »Welt« und »Menschheit« gesetzt werden.
Wie der Niedergang und Zerfall der alten religiösen Ordnung Entstehung und Aufstieg einer modernen internationalen Weltordnung samt souveränen Staaten, Industrialisierung, Kapitalismus, Klassen, Nationen und Demokratie ermöglichte und vorzeichnete, wohnt auch dem globalen Klimarisiko eine Art eigenes Navigationssystem für den Umgang mit einer gefährdeten Welt inne. Das Klimarisiko gibt die Richtung vor. Was nicht heißt, dass wir die Strecke auch bewältigen werden. Durchaus möglich, dass die Menschheit einen Weg einschlägt, der in die Selbstzerstörung führt. Diese Möglichkeit erscheint sogar recht plausibel – weil gerade, wenn man sich dies vor Augen hält, die »ewigen Gewissheiten« des nationalen Weltbildes sichtbar werden, als kurzsichtig und falsch, und als Glaubenssätze einer ganzen Epoche ihre Selbstverständlichkeit verlieren.
Die Geschichte der Metamorphose ist eine Geschichte der Glaubenskriege – einst regionaler, heute globaler ideologischer Konflikte. Es kommt zum Kampf der Weltbilder, das heißt zu erbitterten, brutalen Auseinandersetzungen, blutigen Eroberungen, schmutzigen Kriegen, Terror und Gegenterror; beispielsweise Christen gegen barbarische Heiden. Karl der Große errichtete sein christliches Imperium in der Gewissheit, für den heiligen Glauben zu töten, die Nichtgetauften und ihre Kultur auslöschen zu dürfen. Im Bündnis mit dem Papst setzte er die Gebote Gottes mit brutaler Gewalt durch. Dieses religiös-christlich bestimmte Weltbild beruhte auf der Einheit von Eroberung und Mission, auf dem Bündnis von Schwert und Kreuz. Die christliche Taufe wurde mit Gewalt im Akt der Unterwerfung vollzogen. Frieden, so lautete das Dogma dieses religiösen Weltbildes, ist nur als Frieden in der Einheit der Christenheit möglich.
Um Galileis Entdeckung historisch zu variieren: Die Welt kreist nicht mehr um die Duodez-Fürstentümer; um Katholiken versus Hugenotten; um Kolonialherren versus Barbaren; um Übermenschen versus Untermenschen. Das rassenzentrierte Weltbild ist untergegangen (zumal in Deutschland und Europa als Reaktion auf den Rassenwahn der Nazis) – das patriarchale Weltbild auch (allerdings noch nicht in allen Teilen der Welt), genauso das Weltbild, das Gleichheit zwar verkündet, aber Frauen, Sklaven und »Barbaren« exkludiert. Beispielsweise bei den Gründervätern der Vereinigten Staaten von Amerika, denen bei der Niederschrift ihrer Verfassung nicht einmal auffiel, dass Afroamerikanern darin jegliche Menschenrechte vorenthalten wurden – sie hielten das für die natürlichste Sache der Welt.
Und was heißt hier eigentlich, das »Weltbild« sei »verblasst«? Existieren denn heute nicht viele, wahrscheinlich sogar alle genannten Weltbilder nebeneinander? »Verblasst« bedeutet zweierlei: erstens, dass all diese Weltbilder ihre Selbstverständlichkeit, ihre Hegemonie verloren haben; zweitens: dass sich keiner dem Globalen entziehen kann. Das liegt daran, dass, wie wir in den folgenden Kapiteln sehen werden, das Globale – also die kosmopolitisierte Realität – nicht bloß »irgendwo da draußen« ist, sondern die Grundlagen der Lebensstrategien aller Menschen konstituiert.
Um das zu verstehen, müssen wir uns klarmachen, dass unser soziales Handeln im Zusammenhang mit Weltbildern stets in Glaubenssätze* einerseits und Handlungsräume* andererseits zerfällt. Die Glaubenssätze können ohne Weiteres irgendwelchen partikularen Meinungen entsprechen – antikosmopolitischen Ansichten oder antieuropäischen, religiös fundamentalistischen, ethnischen oder rassistischen. Die Handlungsräume dagegen sind unwiderruflich kosmopolitisch konstituiert. So muss ein Anti-Europäer zumindest Mitglied des Europäischen Parlaments sein, wenn er überhaupt Bedeutung haben will. So müssen die modernitätsfeindlichen religiösen Fundamentalisten die Enthauptungen ihrer westlichen Geiseln vermittels digitaler Medien auf digitalen Kanälen und Plattformen präsentieren, um mit ihrem inhumanen Terrorregime die ganze Welt in Angst zu versetzen. Und auch wenn morgen irgendeine Gruppe die Überlegenheit linkshändiger Rothaariger zu postulieren beschließt, wird sie ihren Glauben nicht nur in ihrer unmittelbaren Umgebung, sondern weltweit zu verkünden und zu praktizieren suchen.
Selbst wer brav zu Hause sitzt, wird zum Kosmopoliten. Auch jene, die ihr Heimatdorf nie verlassen und nie ein Flugzeug besteigen, sind selbstverständlich und unvermeidlich eng mit der Welt verbunden: Auf die eine oder andere Weise betreffen die globalen Risiken auch sie. Mit der Welt verbunden sind sie nicht zuletzt auch, weil das Mobiltelefon überall zum integralen Teil des Alltags geworden ist. Eine Metamorphose ist das aber nicht allein deshalb, weil jeder von uns (potenziell) mit jedem anderen in Verbindung treten kann, sondern weil wir uns mit diesem Eintritt in die »Welt« in etwas hineinbegeben, das einer vollkommen anderen Logik gehorcht. Wir werden Teil einer Welt, die sich fundamental von dem unterscheidet, was wir glauben und erwarten – einer Welt, in der wir uns, als stolze Besitzer eines Mobiltelefons, in Datenquellen und transparente, steuerbare Kunden transnationaler Konzerne verwandeln. Und das ist ein zentrales Merkmal der Metamorphose.
Ob man Steuern sparen oder trotz Unfruchtbarkeit Kinder haben will – man muss die rechtlichen und ökonomischen Unterschiede zwischen den nationalen Kontexten kennen und sich zunutze machen, um sein Ziel zu erreichen. Ein Bauunternehmer, der (etwa in Deutschland) strikt in nationalen Grenzen denkt – billige ausländische Arbeiter ablehnt und nur angemessen entlohnte deutsche Bauarbeiter beschäftigt –, wird Bankrott anmelden müssen. Anders gesagt: Wer sein Handeln am Nationalstaat orientiert und vor dem Überschreiten der Landesgrenze zurückschreckt, wird in der kosmopolitisierten Welt zum Verlierer.
Natürlich steht es jedem frei, keine Flugzeuge zu benutzen und kein E-Mail-Postfach zu eröffnen. Doch wer sich so entscheidet, schließt sich aus Erfolg verheißenden Handlungsräumen aus. Die Weltordnung entsteht, weil es historisch notwendig geworden ist, grenzüberschreitend vorzugehen, um grundlegende Lebensziele zu erreichen. Anders gesagt: Überall auf der Welt entsteht ein Zwang zu kosmopolitischem Handeln. Ganz egal, woran man glaubt und was man ist – Nationalist, religiöser Fundamentalist, Feministin, Vertreter des Patriarchats, (Anti-)Europäer, (Anti-)Kosmopolit oder alles zusammen –, wer nur national oder regional agiert, wird den Anschluss verlieren. Egal in welcher Vergangenheit die Menschen im Denken Zuflucht suchen – in der Steinzeit, im Biedermeier, bei Mohammed, in der italienischen Aufklärung oder im Nationalismus des 19. Jahrhunderts –, in ihrem Handeln, soll es erfolgreich sein, müssen sie Brücken in die Welt schlagen, in die Welt der »anderen«. Denn seit Beginn des 21. Jahrhunderts sind die wesentlichen Handlungsräume kosmopolitisiert, das heißt: Wir agieren niemals mehr nur in einem nationalen, integrierten Umfeld, sondern stets in einem globalen und desintegrierten Rahmen, der unterschiedlichste nationale Regelungen auf den Gebieten Justiz, Politik, Bürgerrechte, Dienstleistungen etc. umfasst.
In der kosmopolitisierten Welt sind selbst nationale Wahlen kosmopolitisch: Ernsthaft siegeswillige Parteien müssen sich um die Stimmen im Ausland lebender Bürger bemühen – um die von Türken in Deutschland, um die von US-Bürgern weltweit. Staaten, die im nationalen Rahmen gegen »kosmopolitisierte Kriminalität« vorgehen, missverstehen grundsätzlich, was die Kosmopolitisierung der Kriminalität bedeutet. Nur wenn man begreift und berücksichtigt, auf welche Weise Kriminelle oder auch »trans-legal« operierende Konzerne ihre kosmopolitisierten Handlungsräume nutzen und bewirtschaften, wird ein adäquater Umgang mit ihnen möglich.
Das ist das Ende des idealistischen Kosmopolitismus und der Beginn eines realistischen Kosmopolitismus als Voraussetzung erfolgreichen Handelns. Du musst dich der Welt öffnen, wenn dein Handeln nicht vergeblich bleiben soll!
Für Menschen, deren metaphysische Gewissheiten auf dem Nationalstaat, ihrer ethnischen Zugehörigkeit oder Religion beruhen, bricht die Welt zusammen. Die Verzweiflung darüber treibt sie nationalen und religiösen Fundamentalismen in die Arme. Dazu passt, dass Hunderte soziologischer Studien, in denen Bürger nach ihren Meinungen befragt wurden, einen Rückfall in nationalistische Orientierungen konstatieren. Und für das Denken der Befragten mag dies auch durchaus zutreffen – doch wie sieht es mit ihrem Handeln aus? Diese Studien konzentrieren sich auf weltanschauliche Orientierungen – und gehen gerade damit am Wesentlichen vorbei: Woran auch immer Menschen glauben, sie kommen nicht um das Paradox der Metamorphose herum, das die kosmopolitisierte Welt ist: Wenn sie ihre nationalistischen, religiösen und sonstigen Fundamentalismen verteidigen wollen, müssen sie handeln, nämlich planen und entscheiden – auf unvermeidlich kosmopolitische Weise. Und damit fördern sie, was sie zu bekämpfen glauben: die Metamorphose der Welt.
Wenn die Armen nicht transnational agieren – das heißt, wenn sie nicht »global mobil« werden, sprich: migrieren –, riskieren sie, immer weiter zu verarmen. Die Ärmsten werden deshalb immer ärmer, weil sie in den Slums Bangladeschs oder Nordafrikas oder den Ghettos in den USA verbleiben. Die Reichen werden deshalb immer reicher, weil sie ihr Geld überall dort investieren, wo sie größeren Profit erwarten und weniger Steuern zahlen müssen. Dieser Logik folgen selbst die Sozialwissenschaften: Wer sich methodologisch am Nationalstaat orientiert, wird abgehängt. Wer als Soziologe innerhalb des nationalen Kontextes forscht, bremst seine Karrierechancen aus und bleibt, was er immer war: ein nationaler Soziologe.
Wer erfolgreich sein will, muss sich selbst als Akteur kosmopolitisierter Handlungsräume begreifen. (Das ist aber nur die notwendige, keine hinreichende Bedingung.) Nehmen wir den Kinderwunsch als Beispiel: Man muss Google bemühen, um die passende Eizellenspenderin, den passenden Samenspender, die passende »Leihmutter« zu finden. Dasselbe gilt für Haushaltshilfen, Universitätsabschlüsse, Jobs – stets muss man googeln, um Erfolgsaussichten zu haben. Erst der kosmopolitische Rahmen macht lokalesHandeln erfolgreich: im Fall der Flugananas wie im Fall der Kaderzusammenstellung des FC Bayern München.
Zwischen Glaubenssätzen und Handlungsräumen zu unterscheiden ist daher von essenzieller Bedeutung, weil die Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts in einem ganz grundlegenden Sinn schizophren ist. Ganz egal, woran einer glaubt, worauf er hofft oder was er bezweifelt: Wenn er erfolgreich agieren will, muss er es auf kosmopolitische Weise tun – in der Wirtschaft, in der Religion, als Staatsbürger, in seiner Kommune, seiner Familie, an seinem Arbeitsplatz, in seinem Fußballverein und in seinem Liebesleben – und last but not least: in seinem Terrorismus. Die Kosmopolitisierung macht auch vor dem eigenen Körper nicht Halt. Wer nur lokal isst, wird verhungern. Und wer, in Zeiten des Klimawandels, nur lokal atmet – wird ersticken.
Wer nach den zentralen Eigenschaften »kosmopolitisierter Handlungsräume« fragt, stößt auf mehrere konstitutive Aspekte. Bei deren Betrachtung sollte man sich stets vor Augen halten, dass sie untrennbar mit der Metamorphose der Welt verbunden sind.
1.)
Zunächst müssen wir zwischen dem auf dem Denken, Status und Wahrnehmungsvermögen der Akteure beruhenden Handeln und den kosmopolitisierten Handlungsräumen trennen. Diese sind auch dann vorhanden, wenn Akteure sie weder wahrnehmen noch nutzen. Die Vokabel »kosmopolitisiert« verweist auf die Theorie der »Kosmopolitisierung«, man darf sie nicht mit dem Wort »kosmopolitisch« verwechseln, das sich auf den »Kosmopolitismus« als Denkweise und Norm bezieht. Die Untersuchung kosmopolitisierter Handlungsräume kann sich daher nicht auf solche beschränken, die von den Akteuren (Staaten, Unternehmen, Kirchen, Bürgerrechtsbewegungen, Individuen usw.) wahrgenommen und als innerhalb eines nationalen Rahmens institutionalisiert verstanden werden. Denn kosmopolitisierte Handlungsräume sind eben nicht integriert, nicht begrenzt und nicht exklusiv. Sie bergen transnationale, grenzüberschreitende Ressourcen des Handelns, beispielsweise in Form der Unterschiede nationaler Rechtssysteme, krasser Ungleichheiten oder kultureller Differenzen.
Bei grenzüberschreitenden oder tabuverletzenden Handlungen ist das Verbindende nicht notwendig ein bestimmter Wert oder eine spezifische Emotion, sondern das »wechselseitige Nichtwissen« der Beteiligten (Leihmütter, Organspender und Transplantationspatienten). Um von transnationalen Ressourcen Gebrauch zu machen, muss man weder eine bestimmte Nationalität haben noch eine bestimmte Sprache sprechen, noch über die passende Identität verfügen. Gerade die Unterschiede sind entscheidend! Kulturelle wie geografische Unterschiede, solche zwischen armen und reichen Gesellschaften oder den jeweiligen Rechtssystemen konstituieren die neue kosmopolitisierte Struktur der Möglichkeitenund Gelegenheiten.
Weiterhin ist auch zwischen Handlungen und Praktiken zu unterscheiden. Praktiken sind routinemäßige Verhaltensweisen, Handlungen in kosmopolitisierten Räumen hingegen sind notwendig reflexiv, sie schlagen Brücken und nutzen transnationale Unterschiede. Hervorgebracht werden sie durch historische Learning-by-Doing-Prozesse. Aus ihnen entstehen kosmopolitisierte Milieus – nicht nur an der Spitze und in der Mitte der Gesellschaft, sondern auch »ganz unten«. Aus papierlosen Migranten werden Artisten der Grenze*.
Das heißt nicht, dass sich kosmopolitisierte Handlungsräume nicht unter bestimmten Umständen in routinemäßig genutzte »Praxisfelder« (Bourdieu 1977, 1984) verwandeln können – indem Grenzen neu bestimmt und neue Regulierungssysteme geschaffen und implementiert werden. Entscheidend ist aber, dass kosmopolitisierten Handlungsräumen Möglichkeiten des Handelns offenstehen, die einer Logik der Metamorphose – und eben gerade nicht der Reproduktion – der gesellschaftlichen und politischen Ordnung folgen.
2.)
Um das Wesen kosmopolitisierter Handlungsräume zu verstehen, müssen wir begreifen, dass sie Räume von Räumen sind. Räume von Räumen eröffnen unvorhergesehene Möglichkeiten und machen metamorphosierende Ordnungen – Relativismen der Kultur, des Rechts, der Werte und der staatlichen Autorität – sicht- und nutzbar. (Nationale) Hindernisse verwandeln sich (auf kosmopolitischer Ebene) in Möglichkeiten. Weil das hierzulande strikt Untersagte anderswo erlaubt ist, weil die einen so arm sind, dass sie Körperteile verkaufen müssen, die andere an anderen Orten der Welt begehren und bezahlen können, weil jeder Einzelne in der Lage ist, via Facebook etc. Freunde zu finden oder Mitstreiter zu rekrutieren, wird jede individuelle Bestrebung, Hoffnung oder Zielsetzung in den kosmopolitisierten Räumen unterschiedlichster Felder möglichen Handelns verwirklichbar. Die Erfahrung der Relativität von Werten und Verboten kristallisiert zu Fragen: Wie kann das, was in den USA oder Israel gängige Praxis ist, hierzulande verboten und strafbar sein? Sind unsere Gesetze »weiser« als die anderer Nationen? Im Pro und Contra der Argumente und Gegenargumente wird jede Meinung suspekt und angreifbar; jede trägt dazu bei, die anderen zu untergraben. Bei vielen entsteht der Eindruck, dass niemand ein Monopol auf die Wahrheit hat. Und damit drängt sich ihnen die Frage auf: Wenn jede dieser einander widersprechenden Ansichten wohlbegründet zu sein scheint, wie kann dann ein akzeptables Verbot überhaupt möglich sein? Die Wirkung solcher Meinungsunterschiede besteht darin, den Legitimitätsanspruch der Gesetze zu untergraben, woraus manche dann »ihr« Recht ableiten, gegen Gesetze zu verstoßen, indem sie sich anderswo verschaffen, was vor Ort untersagt ist. In den kosmopolitisierten Handlungsräumen erleben wir, wie sich der Relativismus der Werte in die Legitimation des Verbotenen verwandelt.
In diesem Sinne unterscheiden sich die »Räume von Räumen« grundlegend von Bourdieus berühmten »Praxisfeldern«, die stets innerhalb eines einheitlichen Nationalstaats liegen und erklären, wie umfassende Strukturen sozialer und kultureller Herrschaft in der alltäglichen Praxis erlebt, reproduziert und transformiert werden (was einem methodologischen Nationalismus entspricht). »Kosmopolitisierte Handlungsräume« dagegen überschreiten die exklusiven nationalstaatlichen Praxisfelder und schließen sie mit ein.
3.)
»Kosmopolitisiertes Handeln« wiederum dockt an den Begriff des »kreativen Handelns« (Joas 1996) an. Es geht um die Fähigkeit, bestehende Grenzen im Denken und Handeln nicht einfach hinzunehmen. Mehr noch: Willens und fähig zu sein, die bestehenden Grenzen in Möglichkeiten zu übersetzen, um die eigenen Ziele zu erreichen. Die Kreativität kosmopolitisierten Handelns setzt eine Umwandlung der Rationalität des Handelns voraus. Diese »Rationalität« metamorphosiert aufgrund der »simplen« Tatsache, dass die unabdingbare Voraussetzung erfolgreichen Handelns darin besteht, sich die Welt zu eigen zu machen.
4.)
Zentrales Merkmal »kosmopolitisierter Handlungsräume« ist, dass sie nicht an bestimmte Denkweisen, Doktrinen, Glaubensbekenntnisse oder Ideologien gebunden sind. Vielmehr werden sie strategisch genutzt – man muss sie sogar strategisch einsetzen, wenn man erfolgreich sein, das heißt die eigenen Ziele verwirklichen will. Nationale Parlamentswahlen sind ein gutes Beispiel. Unter Umständen ist es keine gute Idee, mit einer normativ kosmopolitischenDoktrin anzutreten – doch gibt es keine Alternative dazu, strategisch in und durch »kosmopolitisierte Handlungsräume« zu agieren. Das kann man auf unterschiedliche Weisen machen, die wohl prominenteste ist, kosmopolitische Ressourcen im Schutz einer nationalen Fassade zu instrumentalisieren.
5.)
Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit stehen bestimmte Handlungsräume wirklich jedem offen. Diese »kosmopolitisierten Räume« sind nicht exklusiv: Sie bieten sich keineswegs nur ökonomisch, politisch oder militärisch mächtigen Akteuren an. Jeder Mensch kann kosmopolitisierte Ressourcen nutzen, freilich in Abhängigkeit von seiner sozialen Position und seinen ökonomischen Mitteln. Das schließt auch Möglichkeiten zum »sozialen Aufstieg« ein. So können selbst Menschen von »ganz unten« kosmopolitisierte Ressourcen nutzen – durch Migration, die ihnen die Aussicht auf ein besseres Leben eröffnet, selbst wenn am Ende eine Mischung aus Enttäuschung und Verzweiflung stehen sollte. Das heißt, die Situation unterscheidet sich heute fundamental von einer, in der es keine kosmopolitisierten Handlungsräume gibt – wie es die ganze Menschheitsgeschichte über bis zum Ende des 20. Jahrhunderts der Fall war.
Heute ist jeder von uns, der eine mehr, der andere weniger, ein global player! Vielleicht nicht freiwillig, vielleicht nicht willentlich, aber aufgrund der Erfolgsüberlegenheit der kosmopolitischen Handlungsräume gegenüber dem national, religiös, ethnisch begrenzten Handeln in der kosmopolitisierten Welt. Wir wissen längst, was die Erdanziehungskraft* ist – die Gravitation unseres Planeten. Dieses Buch verkündet, entdeckt und durchdenkt das neue historische Gesetz der Weltanziehungskraft* – der Gravitation unserer Welt.
Die Metamorphose der Welt ist nicht zuletzt an der Verwandlung des herrschenden Kulturpessimismus ablesbar. Heutzutage sind in den Augen vieler »die Katastrophiker die letzten Realisten«. Sie glauben, dass »ihr fundamentaler Pessimismus die besten Argumente zur Hand hat, wenn es darum geht, eine solide Einschätzung zur Lage abzugeben«:
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis dieser Planet sich so kräftig schüttelt, dass wir von ihm wegfliegen wie lästige Insekten. Die sanften Zuckungen, wie wir sie jetzt schon erleben, sind nur die seismischen Vorboten eines Weltzerfalls, der – glaubt man den glaubwürdigen Katastrophikern – unumkehrbar geworden ist. Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich, dass sich überall kleine konkurrierende Gruppen bilden, die ihre homöopathischen Heilkünste zur Rettung der Welt anbieten: Bitte alles etwas kleiner, glaubwürdiger, überschaubarer, gerechter, einfacher, klüger, menschlicher. Jeder, der guten Willens ist, stimmt ihnen aus vollem Herzen zu, nur bitte nicht gerade jetzt, hier […] in Deutschland, Europa, sondern erst einmal da, wo ich gerade nicht bin. Mit der Rettung der Welt soll immer da begonnen werden, wo der Einzelne nicht ist. (Krüger 2009)
Wir alle wissen, dass sich die Raupe in einen Schmetterling verwandeln wird. Aber weiß es die Raupe auch? Das ist die Frage, die man den Katastrophikern stellen muss. Sie gleichen Raupen, die, eingepuppt im Weltbild ihrer Raupenexistenz, keine Idee von Metamorphose haben. Sie vermögen nicht zu unterscheiden zwischen Zerfall und Anders-Werden. Sie sehen die Welt und ihre Werte untergehen, wo nicht die Welt, sondern ihr Weltbild untergeht.
Die Welt geht nicht unter, wie die Katastrophiker glauben, und auch die Rettung der Welt steht nicht bevor, wie es die Fortschrittsoptimisten beschwören – vielmehr metamorphosiert die Welt auf überraschende, aber nachvollziehbare Weise, indem sich der Bezugshorizont und die Koordinaten des Handelns verwandeln, die die Vertreter beider Positionen stillschweigend als konstant und unveränderbar voraussetzten.
