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Beschreibung

August von Mackensen, Paul von Lettow-Vorbeck oder Colmar von der Goltz – sie und die anderen hochrangigen Offiziere in diesem Band eint, dass sie entscheidenden Einfluss auf Vorgeschichte und Verlauf des Ersten Weltkriegs hatten. Wer aber waren diese Stabsoffiziere, Generäle und Admiräle? Was prägte sie, wie dachten und welche Ziele verfolgten sie? In 24 biographischen Essays werden die führenden Militärs des Kaisers porträtiert. Sie bildeten eine elitäre Kaste, einen Staat im Staate, ohne den man die Entwicklung des Kaiserreichs nicht verstehen kann. Die Essays bilden so Mentalität und Politik des späten Kaiserreichs ab. Berücksichtigt werden alle Teilstreitkräfte, inklusive der jungen Luftwaffe, und Vertreter preußischer Militärs ebenso wie die Sachsens, Bayerns oder Württembergs. Ein bisher nicht dagewesenes Panorama des wilhelminischen Offizierkorps, das über die reine Militärgeschichte hinaus bedeutsam ist.

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Seitenzahl: 527

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Kaiser Wilhelm II. umgeben von seinen Heerführern (Foto um 1915)

Lukas Grawe

Die militärische Elite des Kaiserreichs

24 Lebensläufe

Impressum

Abbildungsnachweis:akg-images: S. 2, 19, 31, 45, 55, 64, 79, 89, 112, 128, 154, 178, 190, 204,216, 229, 251, 296; bpk Bildagentur: S. 140, 164, 275, 287;Hans Frentz, Hindenburg und Ludendorff und ihr Weg durch dasdeutsche Schicksal, Berlin 1937, nach S. 44: S. 240;Staatsbibliothek Berlin: S. 240; WBG-Archiv: S. 99.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.dnb.de abrufbar.

Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt.Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen,Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in und Verarbeitungdurch elektronische Systeme.

Umschlaggestaltung: Harald Braun, HelmstedtUmschlagbild: Der Kaiser 1915 bei der 11. Armee an der Front: Wilhelm II. (Mitte), mit August von Mackensen (rechts),dem Oberbefehlshaber der 11. Armee und General von Seeckt, (rechts neben dem Kaiser stehend). Foto: akg-images

wbg Theiss ist ein Imprint der wbg© 2020 by wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), DarmstadtDie Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitgliederder wbg ermöglicht.Lektorat: Kristine Althöhn, MainzSatz: Vollnhals Fotosatz, Neustadt a. d. DonauUmschlaggestaltung: Harald Braun, Helmstedt

Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de

ISBN 978-3-8062-4018-4

Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:eBook (PDF): 978-3-8062-4084-9eBook (epub): 978-3-8062-4085-6

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Inhaltsverzeichnis

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

Impressum

Inhalt

Einleitung – Die militärische Elite des Kaiserreichs

Oberst Max Bauer

Heiko Suhr

Generalfeldmarschall Kronprinz Rupprecht von Bayern

Dieter J. Weiß

Generaloberst Hans Hartwig von Beseler

Christian Th. Müller

Generaloberst Karl von Einem gen. von Rothmaler

Carsten Siegel

General der Infanterie Erich von Falkenhayn

Holger Afflerbach

General der Artillerie Max von Gallwitz

Nikolas Dörr

Generalfeldmarschall Colmar Freiherr von der Goltz

Oliver Stein

Generalleutnant Wilhelm Groener

Johannes Hürter

Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg

Michael Jonas

Admiral Franz Ritter von Hipper

Nicolas Wolz

General der Kavallerie Ernst von Hoeppner

Niklas Lenhard-Schramm

Generalmajor Max Hoffmann

John Zimmermann

General der Infanterie Hermann von Kuhl

Gerd Krumeich

General der Infanterie Paul von Lettow-Vorbeck

Eckard Michels

General der Kavallerie Otto Liman von Sanders

Eckhard Lisec

General der Infanterie Erich Ludendorff

Frank Jacob

Generalfeldmarschall August von Mackensen

Theo Schwarzmüller

Generaloberst Helmuth von Moltke (der Jüngere)

Annika Mombauer

Oberst Walter Nicolai

Markus Pöhlmann

Admiral Reinhard Scheer

Michael Epkenhans

General der Kavallerie Friedrich Graf von der Schulenburg

Lukas Grawe

Generaloberst Johannes Friedrich Leopold „Hans“ von Seeckt

Deniza Petrova

General der Artillerie Gerhard Tappen

Daniel R. Bonenkamp

Generalfeldmarschall Herzog Albrecht von Württemberg

Harald Schukraft

Auswahlbibliographie

Autorenverzeichnis

Einleitung – Die militärische Elite des Kaiserreichs

von Lukas Grawe

In der deutschen Öffentlichkeit stand der Erste Weltkrieg lange Zeit im Schatten des Zweiten Weltkriegs. Angesichts der deutschen Verantwortung für 55 Millionen Tote und den Mord an den europäischen Juden ist dies mehr als verständlich. Eine verstärkte Aufmerksamkeit erfuhr der „Große Krieg“, wie der Erste Weltkrieg in Frankreich und Großbritannien genannt wird, dann allerdings im Jahr 2014, als sich der Kriegsausbruch zum 100. Mal jährte. Zahlreiche Historiker, Journalisten und Autoren nahmen das Jubiläum zum Anlass, sich ausführlich mit der viel zitierten „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ (George F. Kennan) zu befassen. Eine kaum zu überschauende Menge an neuen Monografien, Sammelbänden und Zeitschriftenbeiträgen flutete den Markt und sorgte dafür, dass wir über den Ersten Weltkrieg nun weitaus mehr wissen als noch vor wenigen Jahren.

Doch auch im vermeintlich komplett durchleuchteten Feld des Ersten Weltkriegs lassen sich Lücken ausmachen. Dies gilt sogar für den Bereich der biografisch orientierten Militärgeschichtsschreibung, einem traditionell viel bearbeiteten Forschungszweig. Während etwa die militärische Elite Hitlers in mehreren Sammelbänden sowie in zahlreichen Einzelbiografien umfassend abgehandelt worden ist,1 liegen vergleichbare Studien für das Deutsche Kaiserreich nur in geringer Zahl vor. So existierten zu besonders prominenten Militärs wie Paul von Hindenburg, Erich Ludendorff oder Erich von Falkenhayn bereits vorzügliche Darstellungen.2 Doch über andere hochrangige und einflussreiche Oberbefehlshaber und Generalstabsoffiziere wie Karl von Einem, Friedrich Graf von der Schulenburg oder Albrecht Herzog von Württemberg lassen sich kaum fundierte Arbeiten finden. Diese Leerstelle betrifft auch die kaiserliche Marine. Wissenschaftliche Literatur über Reinhard Scheer oder Franz von Hipper sucht man vergeblich.

Dieser Befund verwundert umso mehr, wenn man bedenkt, dass des Kaisers militärische Elite nicht nur eine wesentliche Mitverantwortung für den Ersten Weltkrieg trug. Dass dieser nicht durch Friedensinitiativen vorzeitig beendet wurde, sondern in einen jahrelangen Abnutzungskrieg mit dem Einsatz neuer industrieller Tötungstechniken eskalierte, lag eben auch an einer lange Zeit friedensunwilligen deutschen Militärführung. Diese verschloss noch im Angesicht des drohenden militärischen Zusammenbruchs des Reichs ihre Augen vor der unabwendbaren Niederlage und trieb schließlich mit der „Dolchstoßlegende“ einen verhängnisvollen Spaltpilz in die Gesellschaft der Weimarer Republik, der wesentlich zum Untergang der ersten gesamtdeutschen Demokratie beitrug.

Sicherlich hängt das Fehlen einschlägiger Studien zur Elite des Kaisers auch mit der problematischen Quellenlage zusammen. Da zahlreiche Nachlässe der hochrangigen Militärs des Kaiserreichs während des Zweiten Weltkrieges durch den alliierten Luftangriff auf das Potsdamer Heeresarchiv Opfer der Flammen wurden, ist eine lückenlose Lebenslaufrekonstruktion bei vielen Offizieren nicht mehr möglich. Die nach wie vor vorhandenen Quellen sowie der reiche Fundus an zeitgenössischen Veröffentlichungen ermöglichen es aber, diese Lücken zu schmälern und auch auf diese Weise wichtige Anstöße für tiefer gehende Forschungen zu liefern.

Wer aber war des Kaisers militärische Elite? Aus welchem Umfeld setzte sie sich zusammen? Diesen Fragen hat die Geschichtsschreibung bereits mehrfach Aufmerksamkeit geschenkt. Das Offizierkorps nahm innerhalb des Deutschen Kaiserreichs bereits seit den erfolgreichen „Einigungskriegen“ von 1864, 1866 und 1870/71 eine herausragende Stellung ein und bildete einen zentralen Stützpfeiler der preußisch-deutschen Monarchie.3 Das Offizierkorps wies dabei eine äußerst hohe Homogenität auf. Die meisten Offiziere stimmten mit einer konservativen, königstreuen und zuweilen auch reaktionären Grundhaltung überein, die ihnen erst den Weg zur Offizierslaufbahn eröffnete. War die Offizierskaste jahrhundertelang ein Privileg des Adels gewesen, so sorgten die wiederholten Heeresverstärkungen im Deutschen Kaiserreich dafür, dass die Armee auch auf den „Adel der Gesinnung“ (Wilhelm II.) und damit auf Söhne aus großbürgerlichen Kreisen zurückgreifen musste. Auch wenn der Anteil des Adels vor dem Krieg kontinuierlich abnahm, vermochte er es doch, seine Vormachtstellung in den höchsten Diensträngen und in den prestigeträchtigen Garderegimentern zu behaupten. Klassenunterschiede bestanden demnach auch nach der Jahrhundertwende innerhalb des Offizierkorps fort. Doch auch hier setzte sich der bürgerliche Professionalismus, der das Kriegshandwerk als Wissenschaft ansah, immer mehr durch – der Stellenwert der Bildung nahm nach der Jahrhundertwende zu. Erhalten blieb das feudale Erscheinungsbild des Offizierkorps, das Traditionen und althergebrachten Überlieferungen einen großen Stellenwert einräumte.

Ungeachtet der landsmannschaftlichen Unterschiede zwischen Sachsen, Bayern, Württembergern und Preußen, wies das wilhelminische Offizierkorps ein ausgewiesenes Kastendenken auf. Offiziere sahen sich als gesellschaftliche und staatstragende Elite, die eine herausgehobene gesellschaftliche und soziale Stellung einnahm. Die vor allem nach der Jahrhundertwende von der deutschen Reichsleitung verfolgte Machtpolitik trugen die meisten Offiziere bedenkenlos mit – vielfach sehnten hochrangige Militärs sogar einen Krieg herbei, um ihre Fähigkeiten endlich unter Beweis stellen zu können.4 Zahlreiche Offiziere folgten darüber hinaus sozialdarwinistischen und nationalistischen Ideen. Ein Krieg wurde auf diese Weise als Lackmustest für die deutsche „Volkskraft“ aufgefasst.

Als Elite des deutschen Offizierkorps galten die Generalstabsoffiziere, erkennbar an ihren karmesinroten Streifen an den Uniformhosen. Anders als im restlichen Offizierkorps spielten persönliche Beziehungen bei der Auswahl der Generalstabsoffiziere eine geringere Rolle, das Leistungsprinzip war hier wichtiger. Dies führte unter anderem zu einem höheren Anteil an Bürgerlichen innerhalb des Korps. In wechselnden Dienststellungen zwischen „Front“, dem Großen Generalstab in Berlin und den einzelnen Truppengeneralstäben der Armeekorps oder Divisionen wurden die Generalstabsoffiziere zu Führergehilfen erzogen, um ihren jeweiligen Kommandieren General im Falle eines Krieges operativ beraten zu können. Dank einer einheitlichen Doktrin sollten die angehenden Führergehilfen austauschbar sein. Die strenge Auslese hatte schließlich zur Folge, dass von den 22.000 deutschen Offizieren vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs lediglich ein Prozent dem Generalstab angehörte.5

In ihrem operativen Denken war die Generalität zu großen Teilen einem Dogma der Beweglichkeit verhaftet, das durch schnelle und offensive Stöße die Vernichtung des Gegners vorschrieb. Die Frage, ob diese mittels eines Frontaldurchbruchs oder einer Umfassung der Flanken angestrebt werden sollte, wurde nach dem Amtsantritt Alfred von Schlieffens als Chef des Generalstabs im Jahr 1891 weitgehend zugunsten der letzteren Variante entschieden. Zwar fanden sich auch unmittelbar vor 1914 noch einige Befürworter einer flexibleren Vorgehensweise, die ein starres Festlegen auf die Umfassung verneinte, doch blieben diese Stimmen in der Minderheit. Einig war sich die höhere deutsche Militärführung jedoch in der Frage, dass ein Krieg durch ein offensives Vorgehen und eine totale Vernichtung der gegnerischen Streitkräfte entschieden werden musste. Ein defensives Verharren an den eigenen Grenzen schloss man von vornherein aus und begründete dies unter anderem mit der geografischen Zwangslage, in der sich das Deutsche Reich zwischen den Großmächten Frankreich und Russland befand.

Nur wenige hochrangige Offiziere rechneten aber mit jenen Ereignissen, die spätestens im November 1914 zu einem Erstarren der Fronten im Westen führten. Dass ein Krieg mit Millionenheeren und modernen Waffen in einem Grabenkrieg festlaufen konnte, hatte man zwar seit dem Russisch-Japanischen Krieg von 1904/05 grundsätzlich erkannt, aber für den europäischen Kriegsschauplatz als unwahrscheinlich verworfen. Auf diesen Wandel der Qualität des Krieges musste die Militärführung neue Antworten finden. Der Einsatz von schwerer Artillerie, von Flammenwerfern und Maschinengewehren sowie die Bedingungen des Grabenkriegs stellten auch die höhere Führung vor neue Herausforderungen. Lange fehlte es der Militärelite jedoch an einem Konzept, wie der festgefahrene und verlustreiche Grabenkrieg wieder zu einem Bewegungskrieg gemacht werden konnte. In breiter Erinnerung ist dabei vor allem ein geflügeltes britisches Sprichwort geblieben, das die einfachen britischen Soldaten „Löwen“ nannte, die von „Lämmern“ geführt worden seien6 – eine Umschreibung, die häufig auch auf die deutsche Generalität angewandt wird. Tatsächlich symbolisiert nichts besser die Sinnlosigkeit des Ersten Weltkrieges als die Menschenleben verschlingenden Kämpfe um wenige Meter umgepflügten Ackerboden vor Verdun oder an der Somme.

Die Erwartungen der deutschen Militärführung an den Ablauf eines Krieges wurden auch im Hinblick auf den Seekrieg enttäuscht. Die deutsche Marineführung hatte seit Jahren auf eine alles entscheidende Seeschlacht gegen Großbritannien hingearbeitet, die dann im Verlaufe des Krieges ausblieb. Auch wenn sich die beiden Kontrahenten in mehreren Gefechten gegenüberstanden, kam es nicht zu jener Konfrontation, die sich beide erhofft hatten. Schließlich riegelte die britische Royal Navy, anders als von der kaiserlichen Marine erwartet, die Nordsee nicht in der Nähe der deutschen Küste, sondern zwischen Großbritannien und Norwegen ab. Für die deutsche Flotte und ihre Führer bedeutete der Erste Weltkrieg daher in erster Linie eine Zeit angespannten Wartens, häufig verbunden mit gähnender Langeweile.

Der Erste Weltkrieg unterschied sich jedoch nicht nur an der Front, sondern auch in der Heimat von vorangegangenen Konflikten. Die zunehmende Totalisierung des Kriegs forderte nicht nur ein „Volk in Waffen“, bei dem jeder taugliche Mann eingezogen wurde. Vielmehr wurde auch die gesamte Wirtschaft dem Primat des Militärischen untergeordnet. Damit änderte sich auch die gesellschaftliche Rolle der Frauen, die nun den Platz der Männer in der heimischen Kriegswirtschaft einnehmen mussten. Diese Ereignisse in der Heimat ließen auch die deutsche Militärelite nicht kalt. Abseits ihrer kriegerischen Tätigkeit verfolgten viele Generäle auch die politischen, gesellschaftlichen und sozialen Entwicklungen im Reich. Gerade die zunehmenden gesellschaftlichen Spannungen, die aus der Forderung der Bevölkerung nach mehr politischen Mitspracherechten entstanden und schließlich in ausgedehnten Streiks und zaghaften Parlamentarisierungsbemühungen der kaiserlichen Regierung gipfelten, wurden von der Militärelite an der Front kritisch beäugt. Andere Militärs verschlossen hingegen ihre Augen vor den Vorgängen in der Heimat, fokussierten sich auf ihr kriegerisches Kerngeschäft und wurden von den Ereignissen im November 1918 umso härter getroffen.

Die lange Dauer des Krieges und die Tendenz zur Totalisierung des Konflikts führten zu einem Machtwachstum der Militärführung. Verkörpert wurde dieses vor allem durch die 3. Oberste Heeresleitung (OHL) unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff, die ab August 1916 in alle militärischen und zivilen Bereiche eingriff. Auch wenn die beiden Militärs de jure nicht die politische Leitung des Reiches übernahmen, übten sie aufgrund ihres militärischen Prestiges de facto eine Militärdiktatur mit weitreichenden Kompetenzen aus.7 Mit dem „Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst“, das die OHL vehement gefordert hatte, wurden alle deutschen Männer vom 17. bis zum 60. Lebensjahr erfasst und zur Dienstleistung in der Kriegswirtschaft verpflichtet. In sozialpolitischer Hinsicht erkannte es erstmals die Gewerkschaften an und kam damit der Arbeiterschaft entgegen, um Streiks zu verhindern und die Unzufriedenheit zu verringern. Militärisch setzten Hindenburg und Ludendorff auf eine Entscheidung des Konflikts mithilfe des uneingeschränkten U-Boot-Krieges, was den finalen Ausschlag zum Kriegseintritt der Vereinigten Staaten von Amerika gab.

Die deutsche Militärführung war letztlich auch verantwortlich für zahlreiche Kriegsverbrechen, die vor allem, aber nicht nur im Rahmen des deutschen Einmarschs in Belgien verübt wurden. Mit der Verletzung der belgischen und luxemburgischen Neutralität, aber auch mit der Verkündung und Durchführung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges nahmen die hochrangigen Militärs den Bruch des Völkerrechts in Kauf, um den Krieg siegreich zu beenden. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg hatte dabei die wirkmächtigste Parole bereits am 4. August 1914 im Reichstag vorgegeben: „Not kennt kein Gebot.“8 Das deutsche Vorgehen erwies sich letztlich als äußerst kontraproduktiv, gab es den Alliierten doch die Möglichkeit, mit dem „blutrünstigen Hunnen“ ein wirkmächtiges Propagandamotiv zu erschaffen. Deutsche Kriegsverbrechen wirkten auch nach Ende der Kampfhandlungen noch nach und veranlassten die Siegermächte schließlich zur Forderung nach Auslieferung der beteiligten Offiziere.

Angesichts des erfolgreichen Beginns des Krieges, bei dem die deutschen Truppen tief in französisches, belgisches und später auch in russisches, serbisches und rumänisches Gebiet vorstießen, mündeten die Kriegszieldiskussionen im Deutschen Reich rasch in weitreichenden Annexionsforderungen, wobei auch die deutsche Generalität zu großen Teilen als Verfechter eines „Siegfriedens“ in Erscheinung trat. Es waren unter anderem diese „Siegfrieden-Illusionen“, die eine frühzeitige Beilegung des Konflikts verhinderten und dazu beitrugen, dass viele Militärs wider besseres Wissen auch im Sommer 1918 noch keine Verhandlungen mit den Alliierten über eine Beendigung des Krieges führen wollten.9

Als sich der militärische Zusammenbruch nicht mehr vermeiden ließ, gelang es der deutschen Militärführung, sich der Verantwortung zu entziehen und das Odium der Niederlage der neuen politischen Führung zuzuschieben. Unter dem Schlagwort „im Felde unbesiegt“ klagten zahlreiche hochrangige Militärs nach dem Krieg die deutsche Heimatfront an, den „siegreichen“ deutschen Truppen in den Rücken gefallen zu sein. Diese „Dolchstoßlegende“ sollte sich schnell als schwere Hypothek für die neu entstandene deutsche Republik erweisen.10

Für die Militärs zeitigte die Niederlage aber noch wesentlich tiefgreifendere Folgen: Als erste Verfechter des monarchischen Gedankens brach für einen Großteil der deutschen Militärelite mit der Abdankung und Flucht des Kaisers eine Welt zusammen. Das schmachvolle Ende der Hohenzollern-Dynastie beraubte die Offiziere ihres „Obersten Kriegsherrn“, auf den sie ihren Eid geleistet hatten. Gerade in Marinekreisen genoss Wilhelm II. aufgrund seiner Förderung der deutschen Flotte bis zum Ende des Krieges ein ungeheuer großes Ansehen, der Schock über den Verlust der Leitfigur wirkte hier noch stärker als im Heer. Die neue demokratische Staatsform blieb vielen hochrangigen Offizieren daher zeitlebens fremd. Viele verharrten in innerer Opposition, einige betätigten sich öffentlich gegen die Weimarer Republik. Die meisten Militärs schrieben sich den Kampf gegen den als „Schandfrieden“ empfundenen Versailler Vertrag auf die Fahnen und suchten innerhalb des rechten politischen Spektrums nach neuen Leitfiguren, die diesen Kampf zu führen bereit waren.

Der vorliegende Band stellt 24 hochrangige Militärs des Deutschen Kaiserreichs vor, die während des Ersten Weltkrieges wichtige Kommandooder Generalstabsstellen innehatten. Viele der hier beleuchteten Offiziere sind bislang noch nicht durch eine fundierte biografische Skizze untersucht worden. Aufgrund der hohen Anzahl von Personen, die im Zeitraum des „Großen Krieges“ in den Generals- und Admiralsrang aufstiegen oder wichtige Stabsstellen besetzten, kann die hier getroffene Auswahl natürlich nur einen kleinen Ausschnitt bieten.11 Die vorgestellten Personen sollten sowohl die West- und die Ostfront als auch die Nebenfronten auf dem Balkan, im Orient und in den deutschen Kolonien repräsentieren.

Aufgenommen wurden Offiziere, die in ihrer Stellung über ein gewisses Maß an Einfluss auf militärische oder politische Entscheidungen verfügten, sei es als Oberbefehlshaber eines Großverbands, als Generalstabschefs oder als ranghohe Generalstabsoffiziere in der Obersten Heeresleitung. Die Auswahl der Marineoffiziere beschränkte sich bewusst auf lediglich zwei Personen, da die Kaiserliche Marine in weiten Teilen des Krieges zu einer passiven Rolle verurteilt war und die Entscheidung des Konflikts auf dem Land fiel. So groß die politische und finanzielle Bedeutung der Flotte in der Vorkriegszeit war, so wenig trug sie letztlich zur militärischen Entscheidung des „Völkerringens“ bei. Hinzu kommt mit Ernst von Hoeppner der „Kommandierende General der Luftstreitkräfte“ und damit der erste deutsche Soldat, der die Aufsicht über eine deutsche Luftwaffe in Kriegszeiten führte. Dass bei dieser Auswahl einige Offiziere nicht mit aufgenommen werden konnten, die während des Ersten Weltkriegs ebenfalls als meinungsstarke und einflussreiche Personen in hohen Stellungen gedient haben, ist dem begrenzten Platz innerhalb dieses Sammelbandes geschuldet.

Inhaltlich soll bei diesen biografischen Abrissen vor allem, aber nicht ausschließlich, die Zeit des Ersten Weltkriegs im Mittelpunkt stehen. Zentral sind dabei die Fragen, wer die Angehörigen der Militärelite waren und wie sie zu den wichtigsten militärischen, politischen, gesellschaftlichen und sozialen Ereignissen des Krieges standen.12 Sofern es die Quellenlage zulässt, sollen sowohl innenpolitische Ansichten der Militärs berücksichtigt werden (etwa über die deutsche Sozialdemokratie oder den Sturz der Hohenzollern-Monarchie) als auch außenpolitische Anschauungen Erwähnung finden (etwa über die russische Oktoberrevolution, die Verletzung der belgischen Neutralität oder den Kriegseintritt der USA). Auch soll ihre Beteiligung an der Kriegszieldiskussion miteinbezogen werden. Zeigten sich die Militärs als Annexionisten oder setzten sie sich für einen Vernunftfrieden ein? Drängten sie auf einen Waffenstillstand oder verschlossen sie bis zum Schluss die Augen vor der militärischen Realität? Politischen Fragestellungen soll dabei ebenso nachgegangen werden wie wirtschaftlichen und technischen Perspektiven.

Zudem sollen die Militärs auch im Hinblick auf militärische Fragen durchleuchtet werden. Wie beurteilten sie die deutschen Chancen auf einen Sieg? Für welche strategischen und operativen Maßnahmen machten sie sich stark? Wie standen die hier untersuchten Generäle und Admiräle zu dem Einsatz von Giftgas, wie zur Verkündung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges? Wie standen sie zu den von deutschen Truppen verübten Kriegsverbrechen? Nahmen sie die unmenschlichen Lebensbedingungen der einfachen Soldaten in den Schützengräben wahr, und wenn ja, standen sie diesen Entbehrungen gleichgültig oder mitfühlend gegenüber? Wie wirkte auf die hochrangige Generalität und Admiralität der zum Grabenkrieg erstarrte Abnutzungskampf? Welche Lösungsansätze suchten die Militärs, um die gescheiterten operativen Vorkriegsvorstellungen wieder zum Leben zu erwecken und so den Stellungskrieg aufzubrechen? Im Hinblick auf die Marine ist zudem die Frage interessant, wie die deutsche Admiralität mit der weitgehend passiven Rolle ihrer Teilstreikraft zurechtkam und wie sie die Leistungen des deutschen Heeres beurteilte.13 Hier wäre neben den operationsgeschichtlichen Fragen auch Raum für sozialhistorische und kulturgeschichtliche Perspektiven.

Abseits der Jahre 1914 bis 1918 sollen die biografischen Skizzen auch den Werdegang der einzelnen Militärs nachzeichnen, wobei auch hier die Fragen nach politischen und gesellschaftlichen Ansichten im Mittelpunkt stehen. Sehnten sich die hier untersuchten Generäle und Admiräle nach einem Krieg, wie dies beispielsweise für Erich von Falkenhayn konstatiert werden kann?14 Auch die Zeit nach der deutschen Niederlage soll in den Beiträgen zur Sprache kommen. Hier ist vor allem die Frage interessant, wie die Militärs, die im Kaiserreich eine monarchietragende Säule waren, zur neuen demokratischen Staatsform Deutschlands standen. Schließlich soll die Haltung jener Militärs, die 1933 noch lebten, zum Nationalsozialismus geklärt werden.

Diese Fragen sollen, soweit es die Quellenlage zulässt, durch die folgenden biografischen Skizzen aufgegriffen und beantwortet werden. Angesichts des begrenzten Raums können verständlicherweise nicht alle Aspekte gleichermaßen behandelt werden. Der vorliegende Sammelband versteht sich jedoch auch als Anreiz zu weiter gehenden Forschungen. Schließlich bleiben nach wie vor genügend hochrangige Militärs, deren Lebenslauf im Rahmen einer umfangreichen Biografie erforscht werden könnte. Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Während die Kriegserfahrung der einfachen Soldaten vielfach schon im Stile einer Mentalitätsgeschichte oder einer „Militärgeschichte von unten“ untersucht wurde,15 lassen sich vergleichbare Studien über die höhere Militärführung bislang nicht finden. Auch wenn sie nicht in den Schützengräben einen täglichen Kampf ums Überleben führen mussten, erlitten sie doch auch persönliche Schicksalsschläge. Auch sie „erlebten“ den Ersten Weltkrieg – eben auf eine andere Art und Weise als die einfachen Soldaten.

Als Herausgeber danke ich ganz herzlich allen Beiträgern dieses Sammelbands, die mit vielen Biografien historiografisches Neuland betreten haben. Auch sei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft gedankt, die sich zur Drucklegung der Studien bereit erklärt hat. Hier ist vor allem Daniel Zimmermann hervorzuheben, der sich für die Verwirklichung der Idee kontinuierlich eingesetzt hat und auf offene Fragen stets eine Antwort hatte. Ein Wort zur Angabe archivalischer Bestände: Das Bundesarchiv in Freiburg wird bewusst mit „BA-MA“ abgekürzt, um es von den anderen Dienststellen des Bundesarchivs abzuheben.

Anmerkungen

1 Als Beispiele seien hier genannt: Ueberschär, Gerd R. (Hrsg.), Hitlers militärische Elite, 2 Bände, Darmstadt 1998 und Smelser, Ronald/Syring, Enrico (Hrsg.), Die Militärelite des Dritten Reichs. 27 biographische Skizzen, Berlin/Frankfurt am Main 1995. Dazu kommen etliche Biografien einzelner Generäle. Siehe auch die Gruppenbiografie von Hürter, Johannes, Hitlers Heerführer. Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42, München 2006.

2 Afflerbach, Holger, Falkenhayn. Politisches Denken und Handeln im Kaiserreich, 2. Auflage, München 1996 (= Beiträge zur Militärgeschichte 42); Nebelin, Manfred, Ludendorff. Diktator im Ersten Weltkrieg, München 2010; Pyta, Wolfram, Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler, München 2007 und Schwarzmüller, Theo, Zwischen Kaiser und „Führer“. Generalfeldmarschall August von Mackensen. Eine politische Biographie, Paderborn 1995.

3 Als Literaturgrundlagen seien hier genannt: Demeter, Karl, Das deutsche Offizierkorps in Gesellschaft und Staat 1650–1945, 2. Aufl. Frankfurt am Main 1962; Deist, Wilhelm, Zur Geschichte des preussischen Offizierkorps 1888–1918, in: Hofmann, Hanns Hubert (Hrsg.), Das deutsche Offizierkorps 1860–1960, Boppard am Rhein 1977, S. 39–57 und Stoneman, Mark R., Bürgerliche und adelige Krieger: Zum Verhältnis von sozialer Herkunft und Berufskultur im wilhelminischen Armee-Offizierkorps, in: Reif, Heinz (Hrsg.), Adel und Bürgertum in Deutschland II. Entwicklungslinien und Wendepunkte im 20. Jahrhundert, Berlin 2001, S. 25–63.

4 Dülffer, Jost/Holl, Karl (Hrsg.), Bereit zum Krieg. Kriegsmentalität im wilhelminischen Deutschland 1890–1914. Beiträge zur historischen Friedensforschung, Göttingen 1986.

5 Millotat, Christian E. O., Das preußisch-deutsche Generalstabssystem. Wurzeln – Entwicklung – Fortwirken, Zürich 2000, S. 80.

6 „Lions led by donkeys“. Siehe Cook, Tim, Historical Controversy: „Lions led by Donkeys“, in: Tucker, Spencer C. (Hrsg.), World War I: Encyclopedia, Bd. 1, Santa Barbara 2005, S. 1249.

7 Dazu Asprey, Robert B., The German High Command at War. Hindenburg and Ludendorff Conduct World War I, New York 1991 und Kitchen, Martin, The Silent Dictatorship. The Politics of the German High Command under Hindenburg and Ludendorff, 1916–1918, London 1976.

8 Wollstein, Günter, Theobald von Bethmann Hollweg. Letzter Erbe Bismarcks, erstes Opfer der Dolchstoßlegende, Göttingen/Zürich 1995, S. 97.

9 Zu den Bemühungen, den Krieg zu beenden, hat Holger Afflerbach vor Kurzem eine neue Studie vorgelegt. Siehe Afflerbach, Holger, Auf Messers Schneide. Wie das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg verlor, München 2018.

10 Barth, Boris, Dolchstoßlegenden und politische Desintegration. Das Trauma der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg 1914–1933, Düsseldorf 2003.

11 Weggelassen wurden beispielsweise der Chef des Militärkabinetts Moriz von Lyncker und der Chef des Kaiserlichen Hauptquartiers, Hans von Plessen. Beide einflussreichen Persönlichkeiten sind erst vor wenigen Jahren Protagonisten einer umfangreichen Studie gewesen. Kaiser Wilhelm II. als oberster Kriegsherr im Ersten Weltkrieg. Quellen aus der militärischen Umgebung des Kaisers 1914–1918. Bearbeitet und eingeleitet von Holger Afflerbach, München 2005.

12 Zu den Grundlagen der Militärbiografie siehe Krethlow, Carl Alexander, Militärbiographie: Entwicklung und Methodik, in: Epkenhans, Michael/Förster, Stig/Hagemann, Karen (Hrsg.), Militärische Erinnerungskultur. Soldaten im Spiegel von Biographien, Memoiren und Selbstzeugnissen, Paderborn 2006 (= Krieg in der Geschichte 29), S. 1–27.

13 Einige interessante Ansätze dazu liefert Wolz, Nicolas, Das lange Warten. Kriegserfahrungen deutscher und britischer Seeoffiziere 1914 bis 1918, Paderborn 2008 (= Zeitalter der Weltkriege 3).

14 Afflerbach, Falkenhayn, S. 540.

15 Als frühe und wegweisende Beispiele seien hier genannt: Wette, Wolfram (Hrsg.), Der Krieg des kleinen Mannes. Eine Militärgeschichte von unten, München 1992; Hirschfeld, Gerhard/Krumeich, Gerd/Renz, Irina (Hrsg.), „Keiner fühlt sich hier mehr als Mensch“. Erlebnis und Wirkung des Ersten Weltkriegs, Essen 1993 und Ulrich, Bernd, „Militärgeschichte von unten“. Anmerkungen zu ihren Ursprüngen, Quellen und Perspektiven im 20. Jahrhundert, in: Geschichte und Gesellschaft 22 (1996), S. 473–503.

Oberst Max Bauer

von Heiko Suhr

Am 31. Januar 1869 kam Max Bauer in Quedlinburg als Sohn des Stadtrates Friedrich Carl Bauer zur Welt.1 Der Familientradition folgend begann der junge Bauer nach erfolgreicher Reifeprüfung 1888 ein Studium der Rechtswissenschaften in Berlin, brach dieses aber aus finanziellen Gründen nach nicht einmal einem Semester ab und trat noch im selben Jahr in das 2. Fußartillerie-Regiment in Swinemünde ein. Nach dem Besuch der Kriegsschule in Hannover tat Bauer Dienst bei der Fußartillerie in Danzig-Neufahrwasser, Swinemünde und Metz. Eine erste richtungsweisende Kommandierung erfolgte im Januar 1899 mit seinem Eintritt in die Artillerieprüfungskommission, wo er zunächst als Assistent und später – ab Januar 1890 befördert zum Sekondeleutnant – als Adjutant des Präses fungierte. Hier wurden ihm fundierte technische Kenntnisse des Geschützbaus vermittelt. Ab 1902 war Hauptmann Bauer Batterie-Chef im Fußartillerie-Regiment Nr. 7 in Westfalen.

1905 wurde er dann zur Festungsabteilung im Großen Generalstab kommandiert, nachdem er bei einem vorangegangenen Bataillons-Schießen durch unkonventionelle Taktik und selbstkritisches Verhalten positiv aufgefallen war.2 Im Großen Generalstab war er für die russischen Festungen zuständig und erstellte bald eine Denkschrift über die Narew-Befestigungen, die er erstmals in ihrer Gesamtheit analysieren wollte. Mangels verfügbarer schriftlicher Zeugnisse begab er sich getarnt als Holzhändler nach Warschau, um von dort einzelne Erkundungsreisen zu unternehmen. Da während der revolutionären Wirren die militärische Wachsamkeit eher gering ausfiel, konnte er mehrere Festungen auch von innen erkunden und abschließend urteilen, dass sich die Festungen in „überaus kläglichem Zustand“ befänden.3 In einer zweiten Spionagereise begab er sich erneut nach Russland, um sich nun auch der schweren Artillerie zu widmen. Dabei kam er wieder zu sehr skeptischen Einschätzungen, aus denen er schlussfolgerte, dass auch die japanische schwere Artillerie – man stand sich im Sommer 1905 in Port Arthur in einer verlustreichen Schlacht gegenüber – nicht sonderlich leistungsfähig gewesen sein konnte. Da dies der Lehrmeinung im Großen Generalstab widersprach, kam es zu ersten Auseinandersetzungen mit seinen Vorgesetzen. Fernab seines eigentlichen Aufgabenspektrums fertigte Bauer als direkte Folge aus dem Konflikt bis Ende 1906 eigenmächtig eine Denkschrift über schwere und schwerste Artillerie aus technischer, organisatorischer und taktischer Perspektive an. Dazu pflegte er – den üblichen Verhaltensweisen des Generalstabs durchaus widersprechend – enge private Kontakte zu den führenden Ingenieuren der Rüstungsdynastie Krupp in Essen. Weil sich einige Feldversuche als überaus erfolgversprechend erwiesen, konnte Bauer den eigentlich zuständigen Leiter der Aufmarschabteilung Oberst Hermann Stein auf seine Seite ziehen, womit er fortan im Generalstab „freie Bahn“ hatte.4 Steins Nachfolger Erich Ludendorff holte Bauer dann im September 1909 zur Aufmarschabteilung, womit eine äußerst enge und folgenreiche Zusammenarbeit ihren Anfang fand. Zu seinen Aufgaben gehörten nun unter anderem die Organisation der Spezialtransporte der schweren Artillerie, die Entwicklung neuer Taktiken zum Sturm von gegnerischen und auch die Erörterung der Mobilmachung deutscher Festungen. Bauer setzte sich also recht früh mit Fragen der kriegswirtschaftlichen Organisation und der wirtschaftlichen Mobilmachung insgesamt auseinander. Der im März 1911 zum Major beförderte Offizier blieb – abgesehen von einer etwa einjährigen Kommandierung 1912 als Generalstabsoffizier bei der 39. Division in Colmar/Elsass – bis Kriegsausbruch im Großen Generalstab. Seine Beförderungen verliefen bis dahin zwar den Richtlinien entsprechend, aber man muss trotzdem schon von einer Laufbahn sprechen, die über die normalen Erwartungen hinausging, da Bauer – ohne je die Kriegsakademie besucht zu haben – fester Bestandteil des Großen Generalstabs war.

Das komplexe und vielschichtige Wirken von Max Bauer in den Jahren des Ersten Weltkrieges kann hier nicht in seiner Gesamtheit beleuchtet werden. Bauers Einfluss auf die Einführung und die Entwicklung des Gaskrieges vor dem Hintergrund des industriellen Massenkriegs taugt aber als Fallstudie, um sein Wirken an den Schnittstellen von Militär, Industrie und Wissenschaft zu konkretisieren. Seine Ränkespiele gegen Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg sollen außerdem kurz gestreift werden. Ab dem 1. August 1914 fungierte Bauer als Leiter der Sektion II (schwere Artillerie und Festungen) der Operationsabteilung des Generalstabs des Feldheeres. Zum 16. Juli 1915 wurde er Chef der Operationsabteilung II. Mit dem Wechsel zur dritten OHL erhielt Bauers Abteilung eine entscheidende organisatorische Aufwertung durch die Angliederung der aufgelösten Stelle des Feldmunitionschefs und durch die Einrichtung einer kriegswirtschaftlichen Sektion. Bauer wuchs damit mehr und mehr zu Ludendorffs Fachmann für die Reorganisation der gesamten Kriegswirtschaft heran und konnte daraus auch innenpolitischen Einfluss ableiten. Im März 1916 wurde er zum Oberstleutnant und im August 1918 schließlich zum Oberst befördert. Ludendorff sorgte schließlich wegen seines – durchaus umstrittenen – Einflusses auf die Entwicklung der schweren Artillerie für Bauers Auszeichnungen mit der Ehrendoktorwürde der Universität Berlin und dem Pour le Mérite.

Beim 30jährigen Regierungsjubiläum im Großen Hauptquartier in Spa, 15. Juni 1918: Kaiser Wilhelm II. im Gespräch mit Oberst Max Bauer

Unmittelbar nach Kriegsausbruch dachte wohl keine der Krieg führenden Nationen ernsthaft an den Einsatz chemischer Giftstoffe.5 Fritz Haber – Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie und Elektrochemie – brachte das Hauptproblem zugespitzt auf einen Nenner: Militärs, Wissenschaftler und Techniker würden zwar „unter demselben Dache“ leben, sich „auf der Treppe“ auch grüßen, aber es gebe keinerlei „Ideenaustausch“. Erst nachdem sich nach der Schlacht an der Marne Anfang September 1914 die überaus prekäre Munitionsversorgung vollauf gezeigt hatte, nahm die ernsthafte Entwicklung von Gaskampfstoffen im Deutschen Reich ihren Anfang. Haber und der Physikochemiker Professor Walther Nernst – zwei spätere Chemienobelpreisträger – sorgten für die wissenschaftliche Expertise. Der Chef des Generalstabs des Feldheeres Falkenhayn beauftragte im Oktober 1914 den Artillerie-Experten Bauer, die entsprechenden Entwicklungen anzustoßen. Basierend auf den vorhandenen Kontakten zur Wissenschaft wandte sich Bauer an den für den Aufstieg Leverkusens zur Chemiestadt verantwortlichen Generaldirektor der Bayer AG Carl Duisberg. Zu ersten Versuchen auf dem Fußartillerie-Schießplatz in Köln-Wahn trafen sich dann die von Bauer zu einer Sonderkommission zusammengestellten Duisberg, Nernst und der im Kriegsministerium tätige Theodor Michelis. Bauer selbst war – entgegen gängiger Darstellungen – kein Mitglied dieser Kommission, sondern übermittelte als Impulsgeber deren Ergebnisse an die OHL.6

Zunächst konzentrierte man sich auf die Entwicklung sogenannter „Niespulver“ – Augen, Nasen und den Rachenbereich reizend –, die erstmals im Oktober 1914 an der Westfront mit geringem taktischem und strategischem Nutzen getestet wurden. Ab Januar 1915 begannen erste Tests mit Chlor, das in der chemischen Industrie massenhaft als Nebenprodukt vorhanden war. Auf Vorschlag Duisbergs wurde bald das weit toxischere Phosgen beigemengt. Chlor wurde im April 1915 erstmals an der Westfront verwendet. Dazu wurden spezielle Gastruppen aufgestellt, um die technische Umsetzung zu professionalisieren. Zu diesen beorderte Max Bauer unter anderem die späteren Nobelpreisträger Otto Hahn, James Franck und Gustav Hertz. Die Entwicklungen waren aber noch überaus improvisiert, liefen größtenteils mehrgleisig und in direkter Konkurrenz. Aus Bauers Sicht musste der Hauptzweck der von ihm zusammengestellten Kommission und der ersten Versuche sein, die vorhandene Skepsis der OHL und besonders Falkenhayns gegenüber Gaskampfstoffen zu brechen. Dies gelang vollkommen, wie der Übergang von Reizstoffen zu potenziell tödlichen Kampfstoffen zum Jahreswechsel 1914/1915 zeigt. Die weitere Entwicklung des Gaskrieges, entstandene Probleme wie die Abhängigkeit von den Windverhältnissen und Gegenmaßnahmen wie Gasmasken sollen hier übersprungen werden. Auffallend sind die überaus geringen Hemmungen der beteiligten Personen. Bauer selbst hielt nach dem Krieg ein Verbot chemischer Kampfmittel für einen Widerspruch gegen jeden „Grundsatz technischer Kulturentwicklung“.7 Haber argumentierte, dass chemische Kampfstoffe den Krieg insgesamt abkürzen und somit Menschenleben retten würden. Bauers Rolle war es auch, bei seinen Vorgesetzten und den beteiligten Wissenschaftlern und Industriellen Widerstände gegen den massenhaften Einsatz tödlich wirkender Gaskampfmittel zu brechen.

Bauer war nicht nur die entscheidende Figur bei der Genese des Gaskrieges durch das Zusammenbringen militärischer, industrieller und wissenschaftlicher Vertreter, sondern auch einer der wenigen Militärs, der vom Wert der Gaskampfmittel restlos überzeugt war. Zusammen mit dem für die Detailplanung verantwortlichen Hermann Geyer war er derjenige, der die operativen Entscheidungen des Gaseinsatzes traf und dafür von Ludendorff fast völlige Handlungsfreiheit erhielt. Das Verhältnis zu Carl Duisberg illustriert in auffälliger Weise sowohl Bauers Rolle als auch seine Charakterzüge. Auf funktioneller Ebene zeichnete Max Bauer dafür verantwortlich, auf informellen Wegen strukturelle Hemmnisse bei der Umsetzung des Gaskampfes abgebaut bzw. schlicht andere Beteiligte – wie die Artillerieprüfungskommission (Apeka) – ausgeschaltet zu haben. Duisberg schrieb im Oktober 1915, dass Bauers Eingreifen „Wunder getan“ hätte und er von der Apeka schließlich zu weiteren Versuchen aufgefordert worden sei. Im März 1916 beschwerte sich Duisberg bei Bauer, dass der „heilige Bürokratismus“ bei der Apeka und im Kriegsministerium seine Bemühungen um den Gaskrieg ausbremsen würde. Bauer solle doch bald eingreifen, damit „die so schön ins Werk gesetzte neue Waffe“ nicht einschlafe.8 Auf persönlicher Ebene zeigt die Korrespondenz der beiden Max Bauers große Beeinflussbarkeit, die schon Walter Nicolai negativ aufgefallen war.9 Duisberg hat sich diese Schwäche gezielt zunutze gemacht, indem er Bauer schmeichelnd nicht nur als „Vater und Anstifter“ einzelner Gaskampfmittel, sondern gar als „Spiritus rector“ der gesamten Entwicklung des deutschen Gaskrieges titulierte.10

Weiterhin stand das für die Kriegsführung „untragbare System Bethmanns“ (Walter Nicolai) Bauers Auffassung des totalen Krieges im Weg, sodass er bald gezielt nach Schwachstellen seines Gegners suchte, um Druck auf den Reichskanzler aufzubauen. Material für seine Agitation erhielt Bauer aus Industriekreisen unter anderem von Carl Duisberg. Ein erster Faktor war dabei die Reform des preußischen Wahlrechts, die Bauer kategorisch ablehnte. Es sei ein „Unglück“, dass diese Frage im Krieg überhaupt angeschnitten worden sei, denn ein reformiertes Wahlrecht würde das Ende Preußens und Deutschlands als Monarchie bedeuten.11 Dieser Aspekt war vor allem für Bauer deswegen von Belang, weil die OHL nicht direkt gegen den Reichskanzler als engen Vertrauten des Kaisers vorgehen konnte. Erst als sich der Reichskanzler mit seiner recht moderaten Haltung in der Frage der Wahlrechtsreform zunehmend selbst isolierte, bot sich eine Chance, Bethmann Hollweg anzugehen. Dafür instrumentalisierte Bauer als Nächstes die Debatte um den rücksichtslosen U-Boot-Krieg, den er retrospektiv als „nötig und erfolgversprechend“ ansah.12 Das Beispiel des U-Boot-Krieges – Kaiser und Reichskanzler hatten in ihrer ablehnenden Haltung in dieser Frage den Militärs jahrelang Paroli geboten – zeigt deutlich die Vermischung militärischer und politischer Ziele bei Bauer. Er verstand die politische Diskussion um den U-Boot-Krieg vor allem als Vehikel, um weiter gegen den Reichskanzler vorzugehen. Bauer ging es insgesamt also deutlich um die völlige militärische Dominanz über politische Erwägungen. Der Krieg war für ihn so einschneidend, dass sich die deutsche Außen- und Innenpolitik ohne Vorbehalt dem militärisch Notwendigen zu beugen habe. Diese Pervertierung des berühmten Clausewitz-Zitates legt nahe, dass es für Bauer im Krieg weder Innenpolitik allgemein noch speziell Diskussionen um Parteien und Parlamentarismus geben dürfe. Clausewitz erwecke – so Bauer – mit seinem Zitat den Anschein, dass derjenige, der den Krieg leite, unter demjenigen stehe, der die Politik bestimme. Der Kriegsausbruch habe aber die Politik bedeutungslos gemacht, sodass es nur Kriegspolitik geben könne und die OHL somit das Recht und die Pflicht habe, aktiv die Politik zu gestalten.13

Hielt der preußische Sittenkodex Ludendorff von versteckter politischer Opposition ab, so kannte Bauer diese Maßstäbe offensichtlich nicht.14 Ihm war jedes Mittel recht, um den Reichkanzler aus dem Amt zu drängen. Bauer suchte daher ganz bewusst Kontakte zu den politischen Gegnern von Bethmann Hollweg. Im März 1917 verfasste Bauer eine Denkschrift Demokratie oder Monarchie, die wohl am deutlichsten überhaupt seinen politischen Standpunkt umreißt und die typische Ansichten konservativer wilhelminischer Eliten auf die Spitze treibt: die naive Banalisierung politischer Zusammenhänge, die unerbittliche Geringschätzung politischer Gleichberechtigung, die groteske Herabwürdigung demokratischer Kräfte, die panische Furcht vor linksliberalen Kräften. Der eigentliche Zweck der Denkschrift war aber die Absetzung des Reichskanzlers; Bauers Bestrebungen erreichten Anfang Juli 1917 ihren Höhepunkt. In Berlin prüfte er im Wissen von Ludendorff, ob die verschwörerische Allianz mittlerweile stark genug war, um beim Kaiser offen gegen den Reichskanzler zu intervenieren. Am 12. Juli 1917 fand eine von Bauer initiierte Besprechung des preußischen Kronprinzen mit Parteivertretern (unter anderem Stresemann, Erzberger, Westarp) statt, die von Bauer versteckt protokolliert wurde. Wilhelm II. weigerte sich zunächst, dieses Protokoll als authentisch anzuerkennen, sodass Ludendorff und Hindenburg erst offen mit ihrem Rücktritt drohen mussten, ehe der Kaiser schließlich Bethmann Hollweg abberief. Diese politische Intrige war zu einem Großteil ein Werk Bauers, der als treibende Kraft und Bindeglied zwischen politischen und militärischen Kreisen fungierte, um den aus seiner Sicht den totalen Krieg ausbremsenden Reichskanzler zu entfernen. Ähnlichen Einfluss hatte Bauer auch auf die Entlassungen des Chefs des Geheimen Zivilkabinetts Rudolf von Valentini, des Chefs des Kriegsamtes Wilhelm Groener und des Chefs des Generalstabs des Feldheeres Erich von Falkenhayn.

Nach dem Ersten Weltkrieg und seiner im Juni 1919 erfolgten Entlassung aus dem Militärdienst durchlebte Max Bauer eine überaus wechselvolle berufliche Entwicklung.15 Er wurde zunächst publizistisch aktiv und gehörte wie Gerhard Tappen, Walter Nicolai und Wilhelm Groener zur Autorengruppe der jüngeren Stabsoffiziere, die über ihren Rang hinaus als Experten des industrialisierten Großkrieges operativen und politischen Einfluss ausgeübt hatten. War das Schreiben für Bauer zunächst vor allem eine Strategie zur Finanzierung des Lebensunterhaltes und zur Bewältigung der unerwarteten Freizeit, erwuchs daraus bald ein aktiver Kampf gegen das politische System der Weimarer Republik. In seinen politischen Hauptschriften Konnten wir den Krieg vermeiden, gewinnen, abbrechen (Berlin 1918) und Der Irrwahn des Verständigungs-Friedens (Berlin 1919) schwang Bauer sich zu einem der wichtigsten Verfechter der Dolchstoßlegende auf. Die OHL habe an der Front zunehmend das „Stocken des Pulsschlags der Heimat“ gespürt, sodass der Ersatz entweder ganz ausgeblieben oder nur mit einer großen „moralischen Verseuchung“ durch „internationalistische“ Kräfte an der Front angekommen sei. Die „Vergiftung der Heimat“ sei die eigentliche Ursache der Niederlage. Die deutschen Siegchancen – so Bauer – seien anfangs „glatt“ und später immer noch „aussichtsvoll“ gewesen. Die Niederlage „um eine Nasenlänge“ war daher für Bauer „nur und ausschließlich durch das Versagen der Heimat“ zu erklären. Als im Hintergrund wirkende Kraft glaubte Bauer, die „Irrlehren des Marxismus“ identifiziert zu haben.16

Bauers politische Aktivitäten gipfelten im konterrevolutionären Kapp-Lüttwitz-Putsch ab dem 13. März 1920.17 Angefangen hatten die Bestrebungen dazu bereits im Frühjahr 1919, als sich um Ludendorff, Bauer und Waldemar Pabst nationale Kräfte sammelten, um aus der Isolierung zu einer einheitlichen Front zusammenzufinden. Während der entscheidenden Stunden des Putsches spielte Bauer eine politische Führungsrolle, in die er sich einerseits selbst hineindrängte, andererseits aber auch durch den hadernden Kapp hineingetrieben wurde. Trotz des ausgerufenen Generalstreiks versuchte Bauer, den Putsch bis zur allerletzten Konsequenz aufrechtzuerhalten, musste aber am 17. März das Palais des Reichskanzlers verlassen, womit der Putsch auch symbolisch sein Ende fand. Auch wenn Bauer dem Namen nach hinter Kapp, Lüttwitz oder Ludendorff zurückstand, muss er doch als eine Zentralfigur des gesamten Putsches identifiziert werden. Er wurde nun steckbrieflich gesucht und floh ins Ausland.

Die folgenden drei Jahre verbrachte Bauer im Exil zunächst in Bayern, dann in Ungarn und Wien.18 Hauptziel war – neben weiterer Schriftstellerei, unter anderem sein Hauptwerk Der große Krieg in Feld und Heimat (Tübingen 1921) – vor allem die Vereinigung der europäischen Rechten zu einer internationalen gegenrevolutionären Front gegen den Kommunismus. Dazu kooperierte Bauer eng mit verschiedenen Gruppen: sowohl mit Freikorps-Führern um Hermann Ehrhardt und Waldemar Pabst oder mit den ungarischen Rechten um Gyula Gömbös als auch mit monarchistischen russischen Kreisen im Gefolge von Max Erwin von Scheubner-Richter. Aus der Frage der Bewaffnung der aufzustellenden Freikorps erwuchsen dabei bald Bauers neuerliche Kontakte zum weltweiten Rüstungsmarkt, u.a. zu Emil Georg Bührle in der Schweiz oder zum Hamburger Chemiefabrikanten Hugo Stoltzenberg.

Die letzte Karrierestufe waren schließlich Bauers private militärische Beratertätigkeiten von Winter 1923 bis zu seinem Tod 1929, so in der Sowjetunion, in Spanien und Argentinien sowie vor allem in China. Auf diese genauer einzugehen, ist hier nicht möglich, verwiesen sei aber auf einige Konstanten. Zentral erscheinen zunächst die wohl irgendwann in Madrid erfolgte endgültige Abkehr von aller politischen Tätigkeit und die vollständige Fokussierung auf das militärische Fachgebiet. Nur so war Bauers offizielle Amnestie in Deutschland möglich, der er auch aufgrund finanzieller Sorgen zustimmen musste. Weiterhin zu nennen sind Bauers privilegierte Kontakte aus den Jahren im Exil. Die Mission in der Sowjetunion zu Leo Trotzki verdankte Bauer einer Vermittlung des ihm seit Anfang 1919 bekannten Karl Radek. Der Bauer aus München und Wien aus dem Umfeld von Scheubner-Richter bekannte Erzherzog Wilhelm von Habsburg vermittelte ihn an seinen Cousin, den spanischen König Alfons XIII. Abschließend sind Bauers nach wie vor bestehende Kontakte zur Rüstungsindustrie zu erwähnen. So versuchte Bauer in Spanien und in Russland, sowohl Stoltzenberg als auch den Flugzeugpionier Hugo Junkers an dortigen Rüstungsprojekten zu beteiligen. Die Kontakte zu Carl Duisberg waren hingegen abgerissen, als dieser sich schon bald nach Kriegsende deutlich von Max Bauers politischen Aktivitäten distanzierte.19

Während seiner letzten Mission in China erkrankte Bauer Anfang April 1929 in Nanking schwer. Nachdem ein österreichischer Arzt zunächst Typhus festgestellt hatte, wurde Bauer auf einem britischen Dampfer nach Shanghai gebracht. Schon während der Überfahrt stieg sein Fieber rapide an und er bekam einen ungeklärten Hautausschlag, sodass Ärzte des deutschen Krankenhauses zunächst die Aufnahme wegen Pockenverdachts verweigerten, Bauer aber dann doch aufnehmen mussten. Als am 26. April schließlich endgültig die hämorrhagischen Pocken diagnostiziert wurden, kam Bauer auf die Isolierstation des britischen Militärkrankenhauses. Dort verstarb er 60-jährig am 6. Mai 1929 in den frühen Morgenstunden. Sein Leichnam wurde nach Swinemünde überführt und dort bestattet.20

Auffallend an Bauers Persönlichkeit ist zunächst seine zutiefst destruktive Handlungs- und Denkweise. Der Nachrichtendienstchef Walter Nicolai sprach pointiert von einer typischen Art Bauers, „Bestehendes zu zerstören, ohne Besseres an seine Seite zu stellen“.21 Hier sind nicht nur seine Bestrebungen zur Ausschaltung von Bethmann Hollweg zu nennen, sondern auch seine pessimistische Deutung revolutionärer Ereignisse. Er schrieb 1921 – rückblickend auf die Novemberrevolution 1919, aber auch bezugnehmend auf seine Erlebnisse 1905 in Russland –, dass Revolutionen nie durch die „Kraft ihrer Idee“ oder durch die „Stärke ihrer Organisation“ zum Erfolg kämen, sondern allein durch die Schwäche der zu stürzenden Regierungen.22

Bauer war ein führender Vertreter eines totalen Krieges, der alle Kreise der Gesellschaft zu erfassen hatte und in dem die Militärs auch Politik, Wissenschaft und Industrie maßgeblich steuern sollten. Dieses Ideal gesamtgesellschaftlicher militärischer Führung liefert dann die Erklärung dafür, warum Bauer sich unablässig in nahezu alle diese Aspekte einzumischen versuchte. Der Großteil des preußisch sozialisierten Offizierskorps mag unpolitisch gewesen sein in dem Sinn, dass man zwar von der Gesinnung klar antidemokratisch, antisozialdemokratisch, kaisertreu und patriotisch war, sich aber sonst von jeder Einmischung ins Politische fernhielt. Es gab nur wenige Offiziere, die für sich in Anspruch nehmen konnten, Kenntnisse von den Mechanismen der Politik zu besitzen und erkannt zu haben, dass die Politik letztlich ganz anders funktioniert als ihr eigenes Metier. Von diesen wenigen Offizieren haben sich noch weniger angemaßt, aktiv gestaltend in die Politik einzugreifen. Oberst Bauer ist hier ein seltener und extremer Ausnahmefall, denn er nahm für sich in Anspruch, ohne politische Ausbildung, mit nur primitivem politischem Verständnis und frei von dem Skrupel seiner Standesgenossen stets dann Politik machen zu können, wenn er es für den Verlauf des Krieges als entscheidend ansah.

So drängte Max Bauer stärker als andere militärische Eliten darauf, das Problem, geschulte Arbeitskräfte für die wachsende Rüstungsproduktion zur Verfügung zu stellen, rücksichtslos zu lösen. Mit dem Hindenburgprogramm verließ die OHL im August 1916 unter maßgebendem Einfluss von Bauer den moderaten Weg des Kriegsministeriums und zog ab September 1916 auch in Betracht, belgische Arbeiter zwangsweise für die deutsche Industrie zu rekrutieren. Am 28. September verlangte Bauer im Namen der OHL die unmittelbare Bereitstellung von Arbeitskräften für den Heeresersatz. Die dafür notwendigen Zwangsmaßnahmen seien – so Bauer – durch die Haager Konventionen gedeckt, da Arbeitslose in Belgien die dortige öffentliche Ordnung bedrohen würden. Ludendorff setzte sich schließlich über die Bedenken des Auswärtigen Amtes und der deutschen Zivilverwaltung hinweg und setzte den Zwangseinsatz durch.

Oberst Max Bauer war im Ersten Weltkrieg der „Prototyp des sich gewaltsam in die politischen Angelegenheiten einmischenden Militärs“ bei gleichzeitig auffallenden weltanschaulichen Parallelen zu späteren Nationalsozialisten.23 Dazu zählt auch, dass Bauer als Hauptberater verheerenden und massiv radikalisierenden Einfluss auf Ludendorff hatte. So konnte Bauer stets mit der vollen Autorität der OHL auftreten, was entscheidend zu seinem Einfluss weit über den militärischen Rang hinaus beigetragen hat. Diese Positionierung Bauers ist einzuordnen in die allgemeine Entwicklung der Militärs im Weltkrieg. Aus einem reinen Kampfverband war immer mehr ein „gesamtgesellschaftlich agierender Organisator von Gewalt“ (Michael Geyer) geworden. Man mag Bauer aber zugutehalten, dass sein übersteigerter Ehrgeiz und seine Tendenz, sich wirklich überall einzumischen, nicht in egoistischen Motiven wurzelten, sondern viel eher in seinem pervertierten Militarismus-Verständnis. Dazu passt auch sein geringschätziger Umgang mit dem eigenen Körper. Von Bauer ist bekannt, dass er unter chronischen Schmerzen sowie Schlafstörungen litt und sich selbst exzessiv mit Sanatogen – einem Kräftigungsmittel für Nerven und Körper – medikamentierte.24

Bauers Wirken nach 1918 gliedert sich in zwei Phasen. Zunächst gilt es, sein federführendes politisches Wirken in rechtsextremen Kreisen zu betrachten. Seine Unzufriedenheit und seine Verbitterung nach Kriegsende mögen als typisch für viele Offiziere seines Standes gelten. Sein realitätsfremdes politisches Wirken bis zum Kapp-Putsch und seine abenteuerlichen Planungsversuche im Exil unterstreichen seine politische Naivität, die ihn von dem Großteil seiner Standesgenossen negativ abhebt. Seine theoretisch orientierte militärische Beratertätigkeit zeigt aber auch, dass Max Bauer schon im Ersten Weltkrieg ein anerkannter militärischer Fachmann, ein hervorragender Organisator und ein begnadeter Netzwerker war. Nach Kriegsende zog er durchaus die richtigen Schlüsse, rückte von dem Konzept der schweren Artillerie ab und trat für die Verwendung kleiner und möglichst eigenständig agierenden Trupps ein. Er erkannte auch früh den Wert einer Luftwaffe oder der vollständigen Motorisierung. Bei der Gesamtbewertung muss aber deutlich das politische Element überwiegen.

Anmerkungen

1 Voigt, Oberst Max Bauer, S. 9–32; Afflerbach, Max Bauer, S. 373f.

2 BA-MA, N 1022/7, Bl. 1–3.

3 BA-MA, N 1022/7, Bl. 4–6.

4 BA-MA, N 1022/7, Bl. 9.

5 BA-MA, N 1022/1e, Bl. 95–137; Martinetz, Gaskrieg, S. 9–27.

6 Carl Duisberg an Max Bauer, 3.3.1915, BAL, AS: Max Bauer.

7 BA-MA, N 1022/1e, Bl. 137.

8 Carl Duisberg an Max Bauer, 5.10.1915 und 17.3.1916, BAL, AS: Max Bauer.

9 Epkenhans (Hrsg.), Geheimdienst und Propaganda, S. 178.

10 Carl Duisberg an Max Bauer, 24.7.1915 und 2.8.1915, BAL, AS: Max Bauer.

11 BA-MA, N 1022/2, Bl. 287.

12 Bauer, Der große Krieg, S. 29f.

13 Ebd., S. 146f.

14 Voigt, Oberst Max Bauer, S. 86–96.

15 Ebd., Kap. III–IX.

16 Bauer, Der Irrwahn, S. 11, 19, 51; Bauer, Der große Krieg, S. 62; BArch, R 8048/423, Bl. 205.

17 Voigt, Oberst Max Bauer, S. 238–276.

18 Ebd., S. 288–384.

19 Carl Duisberg an Max Bauer, 23.12.1919, BAL, AS: Max Bauer. Duisberg schreibt, dass er Bauer und seinen politischen Ambitionen nie habe „folgen“ können, zwar seinen „Idealismus“ bewundert habe, aber insgesamt dann doch ein „arger Pessimist“ geblieben sei.

20 BA-MA, N 1022/69, Bl. 218–226.

21 Epkenhans (Hrsg.), Geheimdienst und Propaganda, S. 548. Nicolai zitiert weiter ein geflügeltes Wort von Bauer: „Der Reichskanzler muss weg und sein Nachfolger auch.“ Ebd., S. 179.

22 BA-MA, N 1022/7, Bl. 5.

23 Afflerbach, Max Bauer, S. 374.

24 Carl Duisberg an Max Bauer, 25.5.1918, BAL, AS: Max Bauer. Duisberg versorgte Bauer im Krieg mehrfach mit Sanatogen. Walter Nicolai erinnert sich, dass Bauer aufgrund eines Nervenleidens nur in „hermetisch“ abgedunkelten Räumen habe schlafen können; vgl. Epkenhans (Hrsg.), Geheimdienst und Propaganda, S. 178.

Ungedruckte Quellen

Bayer AG Corporate History & Archives, Leverkusen (BAL), Autographensammlung (AS), Max Bauer.

Bundesarchiv, Berlin (BArch), R 8048/423, Bl. 205: Max Bauer, Erklärung, ohne Ort, ohne Datum [1924].

Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg (BA-MA), N 1022, Nachlass Max Bauer, 113 Aufbewahrungseinheiten, Unterlagen aus der Dienstzeit bei der Preußischen Armee, politische Tätigkeit in der Weimarer Republik, Beteiligung am Kapp-Putsch, Rüstungsgeschäfte und Beratertätigkeit in China.

Gedruckte Quellen und Literatur

Afflerbach, Holger, Art. Max Bauer, in: Hirschfeld, Gerhard/Krumeich, Gerd/Renz, Irina (Hrsg.), Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn 2003, S. 373f.

Bauer, Max, Konnten wir den Krieg vermeiden, gewinnen, abbrechen? Berlin 1918.

Bauer, Max, Der Irrwahn des Verständigungs-Friedens, Berlin 1919.

Bauer, Max, Der große Krieg in Feld und Heimat. Erinnerungen und Betrachtungen, Tübingen 1921.

Martinetz, Dieter, Der Gaskrieg 1914/18. Entwicklung, Herstellung und Einsatz chemischer Kampfstoffe. Das Zusammenwirken von militärischer Führung, Wissenschaft und Industrie, Bonn 1996.

Voigt, Adolf, Oberst Max Bauer. Generalstabsoffizier im Zwielicht 1869–1929, Osnabrück 1974.

Generalfeldmarschall Kronprinz Rupprecht von Bayern

von Dieter J. Weiß

Als Prinz Rupprecht Maria Luitpold Ferdinand von Bayern am 18. Mai 1869 in München als Sohn des nachmaligen Königs Ludwigs III. und der Erzherzogin Marie Therese von Österreich-Este geboren wurde, war Bayern noch ein souveränes Königreich. Das eigenständige Heer unter dem König als Oberbefehlshaber in Friedenszeiten gehörte dann im Kaiserreich zu den Reservatrechten Bayerns. König Ludwig II. ernannte gemäß der Haustradition Prinz Rupprecht zu seinem 17. Geburtstag am 18. Mai 1886 zum Secondeleutnant, der freilich zunächst die Matura ablegen musste. Am 8. August 1886 begann er seinen aktiven militärischen Dienst im Infanterie-Leib-Regiment in München. Hier durchlief er die militärische Grundausbildung, neben Reiten, Schießen, Turnen, Bajonett-, Säbel- und Florettfechten erteilten ihm Lehrer der Kriegsschule ersten Unterricht in theoretischen Fächern.

Schon bis 1914 war das Leben Prinz Rupprechts wesentlich durch den Militärdienst geprägt gewesen.1 Bei der Wahl des Offiziersberufs hatte man ihn nicht gefragt, es war dies einer der wenigen für einen Prinzen seiner Zeit möglichen Aufgabenbereiche. Ob er nun eine innere Neigung zum Militärdienst spürte oder nicht, er hat sich dieser Aufgabe jedenfalls mit allem Pflichtgefühl und mit Erfolg unterzogen. Nach Ablauf von zwei Jahren wurde er von der Infanterie im Juni 1888 in das 3. Feld-Artillerie-Regiment Königin Mutter versetzt. Seit dem Sommersemester 1891 hörte er an der 1867 gegründeten bayerischen Kriegsakademie Vorlesungen. Der aus ihren Absolventen rekrutierte bayerische Generalstab sollte neben dem preußischen „Großen Generalstab“ zumindest gleichrangig bestehen können. Im Rahmen des 23. Lehrgangs besuchte Rupprecht die Taktikvorlesungen, im zweiten Halbjahr hörte er dazu Kriegsgeschichte.

Der Militärdienst wurde durch ein breit angelegtes Studium an den Universitäten München und Berlin in Staats-, Geistes- und Naturwissenschaften durchbrochen. Im August 1891 nahm Prinz Rupprecht seinen aktiven Dienst wieder auf, im Herbst wurde er zum 1. Schweren Reiter-Regiment versetzt und zum Premier-Leutnant befördert. Beim 24. Lehrgang 1893/94 nahm Rupprecht am zweiten und dritten Kursus des Generalstabslehrgangs teil. Das Ziel der Ausbildung war dabei, ihn die Schule des Generalstabes durchlaufen zu lassen, um später dessen Aufgaben aus eigener Anschauung beurteilen zu können.2 Auch hier galten wie für seine ganze Ausbildung die Prinzipien Auswahl und Beschränkung.

Zu seinem 24. Geburtstag 1893 wurde Prinz Rupprecht zum Rittmeister befördert und ihm wurde die Führung der 2. Eskadron beim 1. Schweren Reiter-Regiment anvertraut. Für den begeisterten Reiter bedeutete der Dienst bei der Kavallerie ein Stück Lebensfreude. Im Oktober 1895 wurde er Hauptmann und Kompaniechef im Infanterie-Leib-Regiment, im Juni 1896 wurde er zum Major und Kommandeur des 1. Bataillons befördert. Drei Jahre wirkte er in dieser Stellung. In dieser Zeit studierte er das Werk Taktische und strategische Grundsätze der Gegenwart. Der Autor, General Sigismund W. von Schlichting, bezog gegen die Betonung des Drills in der militärischen Ausbildung Stellung und plädierte für ein stärkeres Gewicht der Gefechtsübung. Rupprecht schloss sich seinen Forderungen an und setzte sie nach seinen Möglichkeiten in die Praxis um.

Prinz Rupprecht durchlief rasch die militärische Laufbahn. Die Karrieren der Prinzen führten grundsätzlich schneller und direkter zu kommandierenden Posten als bei den übrigen Offizieren. Am 7. Oktober 1900 wurde der erst 31-jährige Prinz zum Generalmajor ernannt und nach Bamberg versetzt, wo er als Kommandeur der 7. Infanteriebrigade wirkte. Im Anschluss übernahm er als Generalleutnant das Kommando über die erste Division in München. Nach dem Abschied seines Onkels, des Prinzen Arnulf von Bayern, aus dem aktiven Dienst erhielt er die Stelle eines Kommandierenden Generals des I. Bayerischen Armeekorps. Am 19. April 1906 wurde Rupprecht zum General der Infanterie befördert.

In seiner neuen Funktion als Korpskommandant wurde er mit allen Angelegenheiten der Bayerischen Armee vertraut. In dem knappen Jahrzehnt bis zum Kriegsausbruch erhielt er in verantwortlicher Stellung eine gründliche Vorbildung für seine späteren Aufgaben als Feldherr. Einen erheblichen Teil seiner Dienstzeit beanspruchten Truppenbesichtigungen und Manöver. In dieser Zeit fanden eine fortschreitende Modernisierung der Armee, besonders bei der Artillerie, und der Aufbau einer Luftwaffe statt. Rupprecht pflegte einen offenen Führungsstil und wollte stets die Meinung seiner Stabsoffiziere hören.

Im Februar 1913 ernannte Prinzregent Ludwig seinen Sohn zum Generalobersten. Einen Monat später wurde Prinz Rupprecht zum Generalinspekteur der IV. Armeeinspektion des Deutschen Heeres berufen. Diese bildete keine direkte Kommandostelle, doch war der Generalinspekteur der designierte Befehlshaber für den Fall einer Mobilmachung. Ihm unterstanden nun drei bayerische und das III. preußische Armeekorps. So bestimmten die Notwendigkeiten der Heeresführung und große Manöver seinen Aufgabenbereich. Außerdem verlieh ihm der Prinzregent die Eigenschaft als direkter Vorgesetzter aller bayerischen Truppen. Mit der Thronbesteigung seines Vaters als König Ludwig III. im November 1913 wurde Rupprecht zum Kronprinzen von Bayern, wodurch sich seine Repräsentationsaufgaben noch vermehrten.

Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Sommer 1914 avancierte Generaloberst Kronprinz Rupprecht zum Oberbefehlshaber des 6. Armeekommandos, in dem die bayerischen Truppen zusammengefasst waren.3 Hier stellt sich die Frage, ob er als eigenständiger Feldherr wirkte oder nur, ähnlich dem Deutschen Kaiser, als Staffage für seinen militärischen Stab diente? Er war sich selbst der Problematik fürstlicher Oberbefehlshaber durchaus bewusst, doch hielt er ihre größere Entscheidungsfreudigkeit aufgrund ihres jüngeren Alters und der geringeren Notwendigkeit, persönliche Rücksichten nehmen zu müssen, für vorteilhaft.4

Kronprinz Rupprecht von Bayern auf einer Porträtaufnahme von 1914

Der Kronprinz wollte sich nicht auf eine repräsentative Rolle beschränken, sondern war stets über die aktuelle Entwicklung informiert und traf selbst die erforderlichen Entscheidungen. Er hielt sich nicht nur in seinem jeweiligen Hauptquartier hinter der Front auf, sondern besuchte immer wieder unter Lebensgefahr seine Soldaten in der Feuerlinie. Sein Arbeitstag war durch das Studium der eingehenden Meldungen seiner Truppen und der Anordnungen der OHL sowie durch Besprechungen mit seinem Stab geprägt. Persönlich besichtigte er die Schlachtfelder, um sich ein umfassendes Bild zu verschaffen. Während des gesamten Krieges führte er ein handschriftliches Tagebuch, das er nach dem Krieg in Auszügen veröffentlichen ließ.

Kronprinz Rupprecht erfuhr erst zu Kriegsbeginn den genauen Aufmarschplan der 6. Armee, der im Rahmen des Schlieffen-Plans die Aufgabe zugedacht war, die Reichslande Elsass-Lothringen zwischen Metz und Saarburg zu verteidigen und hier einen großen Teil des französischen Heeres zu binden. Da sich die Lage in den ersten Wochen nicht plangemäß entwickelt hatte, entschloss er sich zu einem Angriff, um die deutsche Strategie zu retten und die Hauptarmee auf dem rechten Flügel in Belgien und Nordfrankreich zu entlasten.5 Er befürchtete den Abzug französischer Truppen von seiner Front, die dem deutschen Hauptangriff in Nordfrankreich entgegengestellt würden. Rupprecht hatte dazu zwar keinen Befehl von der OHL, doch deckte diese sein Vorgehen. Der Angriffsbefehl vom 20. August 1914 war seine persönliche Entscheidung. Die Schlacht in Lothringen wurde ein Sieg der bayerischen Truppen, der bayerische Kronprinz wurde zunächst einheitlich als bedeutender Feldherr gefeiert. Bereits am 22. August sandte ihm Kaiser Wilhelm II. mit den Worten „Ich danke Gott mit Dir für den herrlichen Sieg“ das Eiserne Kreuz Erster und Zweiter Klasse. König Ludwig III. zeichnete seinen Sohn mit der höchsten bayerischen Kriegsdekoration aus, dem Militär-Max-Joseph-Orden. Erst später setzte bei Militärschriftstellern Kritik an diesem Angriff ein, die ein weiteres Zurückgehen der 6. Armee gewünscht hätten, um die gegnerischen Truppen in einer Umfassungsschlacht vernichtend zu schlagen.6

Die deutsche Strategie aber und damit die Voraussetzung für einen siegreichen Friedensschluss waren mit dem Scheitern des Schlieffen-Plans an der Marne bereits im September 1914 zusammengebrochen. Die 6. Armee wurde im Herbst zur Verstärkung des rechten Armeeflügels nach Flandern verlegt, wo sie sich weitgehend im Stellungskrieg festrannte.7 Diese Phase wurde durch Munitionsmangel und den Abtransport von Truppen an die Ostfront eingeleitet. Kronprinz Rupprecht entwickelte verschiedene strategische Konzepte, um den Stellungskrieg aufzubrechen.8

Das gespannte Verhältnis des bayerischen Kronprinzen zur OHL veränderte sich auch nach dem Wechsel an ihrer Spitze mit der Ernennung des Generalleutnants Erich von Falkenhayn kaum. Bereits im Oktober 1914 notierte Rupprecht, dass verschiedene gute Gelegenheiten für ein Vorantreiben einer Offensive verpasst worden seien. Scharf kritisierte er die ihm zaudernd und planlos erscheinende militärische Führung Falkenhayns, den er ohnehin für eine Fehlbesetzung hielt.9

Die Bedenken über die Strategie der OHL verließen Kronprinz Rupprecht während des weiteren Kriegsverlaufs nicht mehr. Dabei entwickelte er Alternativen für das militärische Vorgehen wie auch eigenständige Angriffspläne.10 Die Missachtung seiner Befehlsgewalt durch Falkenhayn sowie andere Ungeschicklichkeiten der OHL führten zu einer Beschwerdeschrift an den Kaiser.11 Nach dem Scheitern des Angriffs auf Verdun unternahm der Kronprinz im Juli des Jahres 1916 über den bayerischen Gesandten in Berlin einen Vorstoß beim Reichskanzler, Falkenhayn als Chef des Generalstabes absetzen zu lassen.12 Nach dem im Sommer 1916 von ihm mitausgelösten Sturz Falkenhayns wurde der kurz zuvor zum bayerischen wie zum preußischen Generalfeldmarschall ernannte Kronprinz Rupprecht im August 1916 als Oberbefehlshaber einer nach ihm benannten Heeresgruppe aus drei Armeen eingesetzt. Die Berufung Hindenburgs und Ludendorffs an die Spitze der OHL begrüßte er zunächst.

Ab dem Spätherbst 1916 plädierte Rupprecht für die Verkürzung der deutschen Westfront unter Aufgabe von Terrain. Schließlich stimmte die OHL dem Plan eines teilweisen Rückzuges in die sogenannte Siegfried-Stellung entlang der Linie Arras-St. Quentin-Soissons zu, die hinter der Kampffront als Auffangstellung aufgebaut werden konnte. Freilich wollte der Kronprinz die deutsche Armee nicht auf die Defensive beschränken, sondern erstrebte durch Konzentration aller Kräfte Rückhalt für neue Offensiven. Der Rückzug in die Siegfried-Stellung wurde am 4. Februar 1917 befohlen und bis in den März ausgeführt.13 Im Räumungsgebiet mussten auf Anordnung der OHL alle Einrichtungen zerstört werden, die für gegnerische Zwecke militärisch hätten nutzbar sein können. 140.000 Einwohner wurden ins Hinterland deportiert. Rupprecht drohte wegen dieser Gewaltmaßnahmen sogar mit seinem Rücktritt.14

Der Kronprinz bemühte sich, sinnloses Blutvergießen zu vermeiden und die Zivilbevölkerung nicht unter den Folgen des Krieges leiden zu lassen. So kritisierte er das Niederbrennen von Dörfern und Plünderungsaktionen und versuchte, derartige Vorkommnisse durch Befehle zu verhindern, weil sie nachrückende deutsche Truppen behinderten, aber auch aus humanitären Gründen.15 Bevor seine aus dem Elsass abgezogenen Truppen im September 1914 erneut französischen Boden betreten sollten, erließ er einen Tagesbefehl über das Verhalten gegenüber der feindlichen Zivilbevölkerung.16 Dabei mahnte er zur Vorsicht vor Überfällen hinter der Frontlinie, gebot rücksichtsvollen Umgang mit den Einwohnern und untersagte Plünderungen streng.

Als Hauptgegner betrachtete Kronprinz Rupprecht stets die Briten.17 Als Ende Oktober 1914 erstmals britische Truppen der 6. Armee gegenüberstanden, ließ er sich in einem Tagesbefehl zu seinem härtesten Ausspruch hinreißen: „Darum, wenn es jetzt gegen diesen Feind geht, übt Vergeltung wider feindliche Hinterlist für so viele schwere Opfer! Zeigt ihnen, daß die Deutschen nicht so leicht aus der Weltgeschichte zu streichen sind, zeigt ihnen das durch deutsche Hiebe von ganz besonderer Art!“18 Die alliierte Propaganda nutzte diese markige Äußerung weidlich als Beleg für die brutale deutsche Kriegführung aus. Dabei bemühte sich Rupprecht um einen menschlichen Umgang mit den Kriegsgefangenen.

Kronprinz Rupprecht beschäftigte sich mit dem in der deutschen Öffentlichkeit viel diskutierten Problem des U-Boot-Krieges, durch den die britischen Nachschublinien unterbunden werden sollten. Lange blieb er aus Rücksicht auf die Haltung der neutralen Staaten Gegner eines uneingeschränkten U-Boot-Krieges, obwohl er darauf keinen direkten Einfluss nehmen konnte. Im Februar 1915 eröffnete die deutsche Marine den U-Boot-Handelskrieg.19 Als Rupprecht erfuhr, dass die britische Admiralität ihre Handelsflotte angewiesen habe, unter neutraler Flagge zu fahren, plädierte er für den Kampfeinsatz von U-Booten.20

Im Januar und Februar 1916 wurden im Deutschen Reich Forderungen nach der uneingeschränkten Führung des U-Boot-Krieges erhoben, um Großbritannien in sechs Monaten zum Frieden zwingen zu können.21 Kronprinz Rupprecht informierte den bayerischen Außenminister über die von ihm geteilte Anschauung Admiral Ludwig von Schröders, dass dies aus militärischen Gründen nicht realistisch sei.22 Die OHL versuchte nun, Großbritannien durch den Angriff auf Verdun und durch den unbeschränkten U-Boot-Krieg niederzuringen. Die Kämpfe vor Verdun wurden unter Einsatz der modernen Massenvernichtungswaffen wie Giftgas geführt. Rupprecht verurteilte dieses Vorgehen, ohne es freilich verhindern zu können. Ethische und taktische Motive flossen dabei zusammen: „Als Dr. Haber mit General von Falkenhayn vor der ersten Anwendung bei mir weilte, verhehlte ich nicht, daß mir das neue Kampfmittel des Gases nicht nur unsympathisch erschiene, sondern auch verfehlt, denn es sei sicher anzunehmen, daß, wenn es sich als wirksam erwiese, der Feind zum gleichen Mittel greifen würde und bei der vorherrschenden westöstlichen Windrichtung zehnmal öfter gegen uns Gas abblasen könnte, als wir gegen ihn.“23

Als die Kriegslage für das Deutsche Reich immer verzweifelter wurde, kam Kronprinz Rupprecht im Herbst 1916 zu der Überzeugung, dass jetzt keine Rücksicht mehr auf die neutralen Staaten zu nehmen sei, weil die Nachschubzufuhr zu ihnen durch die alliierte Blockade ohnehin abgeschnitten wäre.24 Die Hungerblockade der deutschen Küsten durch britische Schiffe führte ihn zur Forderung, mit gleichen Mitteln zu antworten. Dabei war er sich bewusst, dass der uneingeschränkte U-Boot-Krieg den Kriegseintritt der USA bedeuten würde, deren militärische Schlagkraft er nicht so eklatant unterschätzte wie die OHL.25 Allerdings schwankte er in seinem Urteil über den U-Boot-Krieg, wirklichen Einfluss auf die Entwicklung konnte er ohnehin nicht nehmen.

Immer stärker wurde im Verlauf des Weltkrieges die Zivilbevölkerung nicht nur Opfer von Kämpfen, sondern ganz gezielt in die militärischen Auseinandersetzungen einbezogen. Die Ausweitung des Krieges durch Bombardements aus der Luft verurteilte Kronprinz Rupprecht scharf und intervenierte gegen die deutschen Luftangriffe auf britische Städte. Der Vertreter des Auswärtigen Amtes beim Kaiser, Karl Georg von Treutler, konnte ihm im Januar 1915 mitteilen, dass wegen seiner Bedenken weitere Luftangriffe auf London verboten würden.26 Trotzdem wurden die Bombenabwürfe später fortgesetzt. Im folgenden Jahr sprach Rupprecht sich erneut gegen das Bombardement feindlicher Städte aus, weil es keinen Nutzen brächte und den Gegner nur zu Repressalien herausforderte.27 Die Bombenabwürfe aus Zeppelinen über London verurteilte er außerdem als militärisch unnütz. Deshalb protestierte er auch im Juli 1918 beim Reichskanzler gegen den Abwurf von Brandbomben über Paris.28