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Angehörige der Mittelschichten befinden sich in einer sozialstrukturellen ›Sandwich-Position‹, die einer permanenten Justierung der Lebensführung und ihrer Maximen bedarf. In Zeiten massiven gesellschaftlichen Wandels fühlen sich viele unter erhöhtem Druck.
Die Beiträge renommierter Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler diskutieren die Strategien der Selbstpositionierung, die Mittelschichtsangehörige verfolgen, und zeigen, wie durch intensivierte Abgrenzung – nach oben und unten – der Druck innerhalb der Gesellschaft steigt. Der Band bietet damit einen hochaktuellen Einblick in die sozialwissenschaftliche Debatte um Befindlichkeiten und Handlungsweisen der Mittelschichten.
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Seitenzahl: 524
Veröffentlichungsjahr: 2018
NADINE M. SCHÖNECK, SABINE RITTER (HG.)
Die Mitte als Kampfzone
Wertorientierungen und Abgrenzungspraktiken der Mittelschichten
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Covergestaltung: Kordula Röckenhaus, Bielefeld Print-ISBN 978-3-8376-4034-2 PDF-ISBN 978-3-8394-4034-6 EPUB-ISBN 978-3-7328-4034-2https://doi.org/10.14361/9783839440346
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Editorische Notizen
Zur Einleitung
Die gesellschaftliche Mitte als Kampfzone – Perspektiven und Fragestellungen
Nadine M. Schöneck und Sabine Ritter
DIE MITTE DER GESELLSCHAFT
Die Entstehung der Mitte — Ein Paradigma in Politik und Gesellschaft
Herfried Münkler
Die soziale Mitte und ihr Staat
Eine soziologische Skizze
Berthold Vogel
VERMESSUNGEN DER MITTE
Deutschlands Mittelschicht in Abstiegsangst?
Eine Betrachtung aus ökonomischer Perspektive
Judith Niehues
Statuspanik in der Mittelschicht?
Aktuelle Befunde aus der Einstellungsforschung
Holger Lengfeld und Jessica Ordemann
Die unzufriedene Mitte und die politischen Folgen
Gerechtigkeitsperzeptionen und Wahlabsichten im Wandel
Ursula Dallinger
WERTORIENTIERUNGEN UND NORMALITÄTSKONSTRUKTIONEN
Von Generation zu Generation
Strategien des Statuserhalts im Kontext von Familien- und Berufsmentalitäten in der Mittelschicht
Miriam Schad und Nicole Burzan
Paar- und Familienleitbilder der ›Mitte‹ zwischen Persistenz und Wande
Eine paar- und heteronormativitätskritische Perspektive
Christine Wimbauer, Julia Teschlade, Almut Peukert und Mona Motakef
Separate, but central?
Distinktionspraktiken und Normalitätsanspruch der Mittelschicht in der medialen Repräsentation
Marlon Barbehön, Marilena Geugjes und Michael Haus
ABGRENZUNGEN UND AUSSCHLÜSSE
Die ewige Mitte und das Gespenst der Abstiegsgesellschaft
Stephan Lessenich
Kosmopolitische Heimat
Räumliche Selbstvergewisserung im Brennglas transnationaler Ungleichheitskonflikte
Cornelia Koppetsch
Die Mitte und ihr Anderes
Flexibilisierte Randzonen des Sozialen in Zeiten des Rechtspopulismus
Silke van Dyk
Rechtspopulistische Mittelschichten als Gefährder gesellschaftlicher Ordnung
Eine theoretische Skizze
Uwe Schimank
BEFINDLICHKEITEN UND HANDHABUNGEN
Klassen und Klassifikationen
Symbolische Grenzziehungen in der deutschen Ungleichheitsstruktur
Patrick Sachweh, Sarah Lenz und Debora Eicher
Über Proletarität und Abgrenzungspraktiken
Beobachtungen im unteren Dienstleistungssegment
Friederike Bahl
Wer bin ich oder wo bin ich?
Identitätsarbeit Mittelschichtsangehöriger in Insolvenz
Patricia Pfeil, Marion Müller und Udo Dengel
In der Welt sein
Zur Anverwandlung von Raum und Zeit der Mittelschichten
Gunter Weidenhaus
DIE MITTE DER GESELLSCHAFT – EINE REPRISE ZWEITER ORDNUNG
Der Mittelschicht-Bias der soziologischen Zeitdiagnostik
Oliver Dimbath
Zu den Autorinnen und Autoren
Im Nachgang des 38. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, der Ende September 2016 an der Universität Bamberg stattfand, und auf dem wir eine Ad-hoc-Gruppe zum Thema »Legitime Ungleichheiten? Wertorientierungen und Abgrenzungspraktiken der Mittelschichten« organisiert hatten, trat der transcript Verlag mit einer Veröffentlichungsanfrage an uns heran.
Knapp zwei Jahre, gut 1.500 E-Mails, 21 Telefonate und drei arbeitsintensive Herausgeberinnentreffen in Bochum später ging das Gesamtwerk dann tatsächlich an den Verlag. Es weist in drei Hinsichten eine gewisse Heterogenität auf: Die Verantwortung für gendersensible Sprache haben wir ganz in die Hand der Autorinnen und Autoren gelegt; einige Beiträge sind lediglich durch Abschnittsüberschriften gegliedert, in anderen wird eine numerische Systematik genutzt; auch die Entscheidung über die Anordnung von Autorinnen und Autoren in Literaturkurzbelegen haben wir den Beitragenden überlassen. Hier zeigt sich, dass die Soziologie – zum Glück! – ein multiparadigmatisches, offenes und allein dem guten Argument und der belastbaren Schlussfolgerung verpflichtetes Fach ist.
Unser Dank gilt an erster Stelle unseren Autorinnen und Autoren, die maßgeblich dazu beigetragen haben, dass dieser Sammelband zwischen zwei Soziologiekongressen entstehen konnte. Des Weiteren danken wir Carolin Bierschenk und Michael Volkmer vom transcript Verlag in Bielefeld für die umsichtige Betreuung unseres Buchprojekts, Doreen Ensemeier, Angela Großkopf, Sophie Krone und Lena Wollenberg aus Bremen für die großartige Unterstützung im Zuge der Manuskripterstellung sowie Angelika Wulff aus Witten/Ruhr für ihr sehr sorgfältiges Korrektorat.
Bochum und Hamburg im August 2018Nadine M. Schöneck und Sabine Ritter
»We really lived here, me and my brother, my mum and dad, and, yeah, it seemed like that was life, that’s the way life is…«, plauderte Paul McCartney im Frühjahr 2018 in der Küche seines Elternhauses in Liverpool:1 Das Leben in einer musikalischen Familie, ökonomisch leidlich saturiert, bildungsorientiert, stabilisiert durch den »midcentury social compromise« (Crouch 1999: 53) und beheimatet in einem gutbürgerlichen Reihenhaus in Suburbia, hat der Ex-Beatle weit hinter sich gelassen. Sein Blick auf diese Mittelschichtsjugend scheint – wie viele seiner Songtexte ebenfalls andeuten, man denke nur an »Penny Lane« – kein nostalgisch-verklärender, sondern vielmehr ein lakonisch-wohlwollender zu sein. Auf das Klavier im Wohnzimmer, die väterliche Ablehnung von Amerikanismen wie »yeah, yeah, yeah« (»Son, couldn’t you sing ›yes, yes, yes‹«?), das Singen im Kirchenchor, den Spülstein für die Wäsche in der Küche, die Eile beim Aufbruch zu Schule und Arbeit. Das war, so McCartney, eben das Leben – in Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg. Zweifellos: Der Weg, den er von diesem Reihenhaus aus genommen hat, ist exzeptionell. Aber er stellt eben doch eine derjenigen Geschichten dar, die sich aus der Solidität der Mittelschicht heraus entwickelt haben.
Der Nimbus, der der Mittelschichtsgesellschaft anhaftet, ist gewaltig und strahlt hell. Makroperspektivisch lässt sich die Strahlkraft dieses Gesellschaftstyps damit erklären, dass weniger ungleiche, eben stärker mittelschichtige Gesellschaften grundsätzlich als wünschenswert gelten (Littrell et al. 2010; Wilkinson/Pickett 2009), weil sie insbesondere mit wirtschaftlicher Prosperität (Amoranto et al. 2010; Easterly 2001; Ravallion 2010), politischer Stabilität (Acemoglu/Robinson 2006; Barro 1999; Birdsall 2015; Solimano 2008) und gesellschaftlicher Kohäsion (Larsen 2013) assoziiert werden. Mikroperspektivisch verheißt eine zwiebelförmige Gesellschaftsstruktur – gewissermaßen per definitionem – ausreichend Bewegungsmöglichkeiten und Spielraum für auf die Geltung meritokratischer Aufstiegsprinzipien vertrauende Menschen.
Während sich jedoch in den vergangenen rund drei Jahrzehnten in zahlreichen Schwellenländern relativ prosperierende Mittelschichten herauszubilden begonnen haben (Das 2009; Kharas 2010; Ravallion 2010; Wilson/Dragusanu 2008) und – global betrachtet – die Ungleichheit zwischen den Ländern abnimmt, nimmt sie innerhalb vieler Länder der OECD wieder zu (Alderson et al. 2005; Brady 2009; DiPrete 2005; Milanović 2016; OECD 2008, 2011; Weeks 2005). Seit den 1980er, spätestens 1990er Jahren werden objektive Schrumpfungstendenzen und subjektive Abstiegssorgen der Mittelschichtsangehörigen vieler westlich geprägter Gesellschaften intensiv debattiert (Bigot et al. 2012; Ehrenreich 1989; Grabka/Frick 2008; Littrell et al. 2010; Newman 1988; Pressman 2007; Steijn et al. 1998).
Zwar wissen wir, dass das kollektive Selbstbild von Angehörigen einer Gesellschaft und etwa die Einkommensstruktur einer Gesellschaft voneinander abweichen können (Niehues 2014; Schöneck 2017). Aber wir wissen auch, dass Wahrnehmungen – selbst verzerrte – nicht selten einstellungsrelevanter als Realitäten sind (Alesina et al. 2004; Gimpelson/Treisman 2015), sodass die gefühlte Wirklichkeit als eine eigenständige Dimension der Realität bezeichnet werden kann (Glatzer 2008, 2012).
Die starke Anziehungskraft der Mittelschichtsgesellschaft lässt sich schließlich auch in Mehrländerbefragungen wie etwa dem International Social Survey Programme (ISSP) nachweisen: Während gut 60 Prozent der zuletzt im Jahr 2009 rund 56.000 Befragten in 41 Ländern annahmen, in einer (sehr) ungleichen Gesellschaft zu leben, wünschte sich gut die Hälfte der Befragten, in einer Mittelschichtsgesellschaft zu leben. In Deutschland erkannte zu der Zeit noch nicht einmal jeder Fünfte eine Mittelschichtsgesellschaft, demgegenüber waren es gut 57 Prozent, die in der Mittelschichtsgesellschaft den idealen Gesellschaftstypus sahen.
Es stellt sich also die Frage: Wenn das Modell der Mittelschichtsgesellschaft für das insbesondere westlich orientierte Nachkriegseuropa dermaßen bestimmend und leitend war, wenn Göran Therborn (2012: 15) gar von einem »middle-class century« spricht – warum wird dann in der akademischen, der medialen und der politischen Öffentlichkeit über die Mitte, die Mittelschichten, deren (angebliches) Schrumpfen, deren Statuskämpfe und deren Verängstigung seit Jahren leidenschaftlich diskutiert (allein für die Lage in Deutschland: Beise 2009; Bosch/Kalina 2015; Burkhardt et al. 2012; Burzan et al. 2014; Heinze 2011; Herbert-Quandt-Stiftung 2007; Koppetsch 2013; Mau 2012; Nachtwey 2016; Schimank et al. 2014; Vogel 2009)?2
Inzwischen hat die Debatte dramatisch an Fahrt aufgenommen. Anfang 2017 diagnostizierte das Fernsehmagazin »Panorama« die »Krise der Mittelschicht« und berichtete über die »Wachstumsverlierer« unter den Mittelschichtsangehörigen. Anlässlich des SPD-Bundestagswahlkampfs im selben Jahr, der das Thema »Soziale Gerechtigkeit« in den Fokus gerückt hatte, wurde in der ZEIT kontrovers über die Frage debattiert, ob die Mitte denn nun unter verstärktem Druck sei, ob die Ungleichheit zugenommen habe – oder ob nicht (vgl. zum Beispiel Fratzscher 2017). Der hohe Anteil an Zweitstimmen, den die rechtspopulistische »Alternative für Deutschland« (AfD) bei eben dieser Bundestagswahl 2017 für sich verbuchen konnte, wird wiederum von anderen Betrachtern und Beobachterinnen als Indiz einer Spaltung der Gesellschaft gewertet: Dabei wird diskutiert, ob diese Spaltung primär sozioökonomischer Natur sei, also vor allem Einkommens- und Vermögensungleichheiten geschuldet, oder ob sie vielmehr kulturellen Ursprungs wäre (Reckwitz 2017: 371-423). Diagnostiziert wird ein Aufbrechen der Gesellschaft in einen (größeren) Teil modernisierungsbefürwortender und in einen (kleineren) modernisierungsskeptischer Bürgerinnen und Bürger. Scharf zugespitzt schrieb im Zuge der hitzigen Auseinandersetzung um den Rücktritt Mesut Özils aus der deutschen Fußballnationalmannschaft im Juli 2018 die Kolumnistin Margarete Stokowski über die, mit Wilhelm Heitmeyer gesprochen, »deutschen Zustände«: »Wie integriert man sich in eine Gesellschaft wie diese, die immer gespaltener ist und an Hetze immer gewöhnter? Wie integriert man sich in eine Gesellschaft, von der Studien immer wieder bezeugen, dass die allermeisten Leute sich zwar zur politischen Mitte zählen, ihnen dies aber nicht widersprüchlich dazu erscheint, rassistische, antisemitische, homophobe Haltungen zu vertreten?« (Stokowski 2018). Eine nochmals alternative, mit der vorgenannten Argumentation jedoch keineswegs unvereinbare Position ist die These einer über längere Zeit verdrängten Klassenproblematik: »Weil es aussichtslos erscheint, als ungerecht empfundene Verteilungsverhältnisse grundlegend zu korrigieren, neigen Lohnabhängige spontan dazu, Auseinandersetzungen zwischen oben und unten in Konflikte zwischen innen und außen umzudefinieren« (Dörre et al. 2018: 1; vgl. zur »Entsorgung der Klassenfrage« auch Kadritzke 2017).
Auch wir schreiben von der »Mitte als Kampfzone«: Was geschieht in und mit der Mitte der Gesellschaft in Deutschland? Ist die vieldiskutierte Krise der Mittelschicht eine Selbstdiagnose bar objektiver Grundlage? Denn immerhin – und auch in diesem Band – ist die Inszenierung der Mittelschicht nicht zuletzt eine wissenschaftliche, mediale und politische Selbstinszenierung. Ist es tatsächlich so, dass sich die Mitte zunehmend von dem wohlfahrtsstaatlich flankierten (Nachkriegs-)Projekt, das sie in Westeuropa und Deutschland groß gemacht hat, verabschiedet? Und: In welchem Verhältnis steht sie zu Rechtspopulismus, Rassismus, Exklusion?
Angehörige der Mittelschichten befinden sich seit der Etablierung von Mittelschichtsgesellschaften in einer potenziell herausfordernden ›Sandwich-Position‹ zwischen oben und unten: Je nach Perspektive sind sie relativ depriviert beziehungsweise privilegiert. Ihr Standing im hierarchischen Ungleichheitsgefüge bedarf einer kontinuierlichen Justierung der eigenen Lebensführung und ihrer Maximen. Damit lastet ein gewisser Druck auf Mittelschichtsangehörigen. In Zeiten größerer gesellschaftlicher Veränderungen, die durch die Folgen fortwährender Globalisierung, arbeitsmarkt- und berufsstrukturellen Wandels, sozialstaatlichen Um- beziehungsweise Abbaus und verschärften Bildungswettbewerbs, aber auch – in jüngster Vergangenheit und Gegenwart – durch eine deutlich gestiegene Zuwanderung und das Erstarken rechtspopulistischer Parteien gekennzeichnet sind, fühlen sich viele Mittelschichtsangehörige unter nochmals erhöhtem Druck. Zugleich tragen sie durch ihr (sozial-)strukturformendes Entscheiden und Handeln häufig dazu bei, dass der diffuse Druck innerhalb der Gesellschaft wächst.
Aus ungleichheitssoziologischer Perspektive interessiert uns vor diesem Hintergrund insbesondere die Frage, welche mehr oder weniger bewussten Strategien der Selbstpositionierung beziehungsweise Selbstpositionierungsstärkung durch intensivierte Abgrenzung – nach oben wie auch nach unten – Angehörige der Mittelschichten verfolgen. Zudem richten wir den Scheinwerfer auf subjektive ungleichheitssensible Wahrnehmungen.
Aus kultursoziologischer Perspektive interessieren uns einerseits die Antriebsmomente solcher Abgrenzungspraktiken, die sich in schichtspezifischen Wertorientierungen manifestieren. Andererseits lassen sich entlang zum Beispiel symbolischer, normativer oder auch ökonomischer Wahrnehmungs- und Deutungsmuster die Rahmenbedingungen ausmachen, die die Selbstvergewisserung und permanente Reproduktion der Mittelschichten sicherstellen.
Neben einer fokussiert ungleichheits- respektive kultursoziologischen Perspektive ist auch eine amalgamierende Betrachtung neuerer Wertorientierungen und Abgrenzungspraktiken von Mittelschichtsangehörigen denkbar.
Zu den zu beantwortenden Leitfragen, die wir den Beitragenden stellten, zählen beispielsweise die folgenden:
•In welchem Verhältnis stehen (sich wandelnde) objektive Lebensbedingungen und (kollektiv-)subjektive ›Programmatiken‹, das heißt Ungleichheits- und Gerechtigkeitsdiskurse, aber auch Wertorientierungen der sozialen Mitte?
•Woran erkennen Mittelschichtsangehörige einander? Durch welche symbolischen und habituellen Praktiken setzen sie sich sichtbar von oben beziehungsweise unten angrenzenden Schichten ab?
•Welches sind die Normalitätsfolien, vor denen Mittelschichtsangehörige ihre Wertorientierungen konstruieren – und welche Praktiken resultieren daraus?
•Nimmt ›die Mitte‹ die sie umgebende Gesellschaft wirklich einhellig wahr, handelt sie tatsächlich einem weitestgehend uniformen Modell folgend – oder lassen sich vielmehr unterschiedliche Mittelschichtssegmente erkennen, die möglicherweise sogar Tendenzen der Divergenz aufweisen?
Um uns Antworten auf diese Fragen zu nähern, haben wir hier 17 sozialwissenschaftliche Texte zusammengestellt, die die Mitte in Deutschland aus den unterschiedlichsten Richtungen in den Blick nehmen. In ihren konzeptionell-theoretisch wie auch empirisch vielfältigen Zugangsweisen und mit ihren teils kontroversen Befunden decken sie ein breites Spektrum der aktuellen Debatte um die Mittelschichten ab und bieten historische, politologische, ökonomische, ungleichheits- und kultursoziologische Auf- und Einsichten.
Wir verzichteten bewusst auf eine (zum Beispiel sozioökonomische oder kulturelle) Vorab-Definition des Mittelschichtsbegriffs, um zu vermeiden, unseren Autorinnen und Autoren einen – im Zweifelsfall: unseren höchstpersönlichen – Zugang zur Mittelschichtsthematik zu oktroyieren. Vielmehr fanden wir es hochspannend und auch inhaltlich ertragreich, mit erwartbar deutlich unterschiedlichen Annäherungen an den facettenreichen Mittelschichtsbegriff rechnen zu können. Je nach Fragestellung dürfte schließlich auch die spezifische Perspektive (etwa auf Wertorientierungen und Abgrenzungspraktiken in bestimmten Segmenten der tendenziell ja doch recht breiten und heterogenen deutschen Mittelschicht) eine Rolle spielen. Darüber hinaus deuten zum Beispiel poststrukturalistische Ansätze die Diversität der Mittelschichtsdefinitionen als Indiz dafür, dass die Mitte ein Produkt machtvoll strukturierter Diskurse ist. Eine vereinheitlichende Vorab-Definition für sämtliche Beiträge wäre daher auch theoretisch und methodologisch gänzlich unangemessen gewesen.
Der Band beginnt mit zwei allgemeinen Überlegungen zur Mitte der Gesellschaft. Aus einer quantifizierenden Makroperspektive widmen sich die darauffolgenden drei Beiträge sozialstrukturellen und ökonomischen Gesichtspunkten der »Mitte als Kampfzone«. Dass und wie die Mitte gleichermaßen Konstrukteur wie Container von entschiedenen und entscheidenden Werten und Normen ist, dass und wie sie Ein- und Ausschlüsse betreibt, diskutieren die folgenden sieben mikrosoziologischen, diskursanalytischen und theoretischen Beiträge. Es schließen sich vier Abhandlungen an, die zumeist auf empirischem Weg Befindlichkeiten und Handhabungen einerseits und mittelschichtige Selbstvergewisserungen andererseits untersuchen. Den Schluss bildet ein Beitrag, der die sozialwissenschaftliche Diskussion um die Mittelschichten insgesamt kritisch beleuchtet – eine Meta-Analyse, die wiederum selbst von einem Sozialwissenschaftler vorgenommen wird.
Im Einzelnen: Am Anfang der Sammlung stehen zwei etwas kürzere Texte, die – der eine ideengeschichtlich, der andere ungleichheits- und wohlfahrtsstaatssoziologisch – den Rahmen abstecken für die weiteren Beiträge zur Mitte, zu Mittelklassen, Mittelschichten und ihren Status- und Abgrenzungskämpfen.
Herfried Münkler stellt die Mitte als die deutsche Gegenwartsgesellschaft dominierende Ordnungskategorie vor und erachtet die hiesige Mitte-Mentalität als überaus stabil. Woher rühren diese Dominanz und Stabilität? Die »Herrschaft der Mittleren« ist ein seit der Antike keineswegs unumstrittenes, jedoch hochwirksames räumliches Denkmodell politischer Ordnung, dessen Alternative – die Idee von Fortschritt, Stillstand, Rückschritt, also von strukturbildenden Zeitdimensionen – wegen kultureller und politischer Kontextbedingungen in den Hintergrund gerückt ist. So ist die Mitte das Orientierungsfeld der Deutschen – und bleibt es voraussichtlich bis auf Weiteres.
Berthold Vogel betont, dass die Mitte, konkretisiert als erwerbstätige Mittelklasse, analytisch wie politisch untrennbar mit dem arbeitenden Sozialstaat verbunden ist. Er öffnet damit eine zweite wesentliche Perspektive, der dieser Sammelband verpflichtet ist, nämlich eine ungleichheitssoziologische: Der soziologische Blick auf den Staat ist immer zugleich ein nach Ungleichheit forschender, und umgekehrt kommt eine umfassende Sozialstrukturanalyse nicht umhin, die staatliche Prägung der Sozialordnung mit zu beachten. Dementsprechend skizziert Berthold Vogel in zehn Punkten die Zukunft der Mittelklasse unter Bedingungen ihrer Verunsicherungen und Fragmentierungen durch den sich wandelnden Sozialstaat.
Die anschließenden drei Beiträge nehmen sich Vermessungen der Mitte an und diskutieren sozioökonomische und politische Fragen der (vermeintlichen?) Krise der Mittelschichten.
Judith Niehues blickt – nach einer Erörterung der Vielfalt gängiger Mittelschichtsdefinitionen – unter einem dezidiert ökonomischen Gesichtspunkt auf die Entwicklung der Mittelschichten in Deutschland und bereitet damit eine objektive Grundlage für die Einordnung subjektiver Bewertungen. Ihrer sich auf sozialwissenschaftliche Analysen stützenden und auf Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) zurückgreifenden einkommensbasierten Mittelschichtsdefinition zufolge erweist sich die »Mitte im engen Sinne« nach vorherigen Schwankungen insbesondere im vergangenen Jahrzehnt als bemerkenswert stabil: Ihr gehört beständig etwa die Hälfte aller Haushalte an. Mit diesem Befund versucht sie, alarmistische Meldungen, denen zufolge die Mittelschicht immer weiter ausgedünnt werde, zu entkräften. Darüber hinaus zeigt sie anhand von Daten der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS), dass auch die starke Adhäsionskraft der Mitte in Bezug auf die subjektive Schichteinstufung der Befragten und der insgesamt weit verbreitete wirtschaftliche Optimismus in deutlichem Kontrast zur medialen Berichterstattung stehen – allerdings, darauf weist Judith Niehues auch hin, empfinden seit der Wiedervereinigung regelmäßig mehr als zwei Drittel der Befragten die wirtschaftlichen Verhältnisse als (tendenziell) ungerecht.
Holger Lengfeld und Jessica Ordemann gehen der Frage nach, wie sich die den Mittelschichten in Deutschland vielfach zugeschriebene Angst vor einem sozialen Abstieg im Verlauf von drei Jahrzehnten (1984 bis 2014) entwickelt hat. Anhand von Daten des SOEP zeigen sie, dass in (West-)Deutschland von Mitte der 1980er Jahre bis Mitte der 2000er Jahre alle Schichten einen stetigen Anstieg von Abstiegsangst – bemessen über die Sorge vor einem Arbeitsplatzverlust – aufwiesen. Seither waren diese Sorgen bis zum Ende des Beobachtungszeitraums 2014 stark rückläufig. Es fällt zudem auf, dass sowohl während des Anstiegs als auch des Rückgangs der Abstiegsangst die mittlere Mittelschicht besonders starke Reaktionen zeigte. Entsprechend formulieren Holger Lengfeld und Jessica Ordemann ihre »These der mittleren Mitte als sensibles Zentrum der Gesellschaft«.
Ursula Dallinger widmet sich der Frage, ob die vieldiskutierte »Krise der Mittelschicht« veränderte Gerechtigkeitsperzeptionen und verteilungspolitische Präferenzen befördert, die dann neue klassenübergreifende Koalitionen nach sich ziehen. Ausgehend vom in Wohlfahrtsstaatsforschung und politischer Ökonomie etablierten Konzept des Mittelschichts- beziehungsweise Medianwählers, demzufolge – holzschnittartig formuliert – die Entscheidungen politischer Parteien maßgeblich von den (Umverteilungs-)Präferenzen der Mittelschicht abhängen, greift sie auf Daten des ALLBUS zurück und zeichnet für den Zeitraum von 1994 bis 2014 die Entwicklungen von Gerechtigkeitsperzeptionen und Wahlabsichten verschiedener sozialer Schichten nach. Ursula Dallingers besonderes Augenmerk ist dabei auf drei Mittelschichtssegmente gerichtet: Für diese weist sie – insbesondere ab 2008 – ein auffallend hohes Maß an wahrgenommener Ungerechtigkeit nach. Der Einfluss dieser Ungleichheitskritik auf die über die »Sonntagsfrage« ermittelten Wahlabsichten fällt allerdings divergent aus: Während die obere Mittelschicht – vor allem bei wahrgenommener Ungerechtigkeit – zu einer klassenübergreifenden Koalition mit der Oberschicht neigt und Parteien des grün-alternativen Lagers wählt, neigt die untere Mittelschicht – in Abhängigkeit von ihrem (Un-)Gerechtigkeitsempfinden – zur Wahl linker oder konservativer Parteien.
Unter der Überschrift »Wertorientierungen und Normalitätskonstruktionen« sind drei Beiträge versammelt, die tiefergehend eruieren, ›wie die Mitte tickt‹: welchen Maximen die Angehörigen der Mittelschicht folgen, unter welchen Vorzeichen sie Lebensführung betreiben, was sie als ›normal‹ erachten.
Miriam Schad und Nicole Burzan interessiert dabei besonders die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Mentalitäten in der Mitte und dem familiären Statuserhalt. Um zu erfahren, wie Mittelschichtsangehörige auf Statusirritationen reagieren, führten sie Interviews mit Mitgliedern aus drei Generationen zweier Mittelschichtsfamilien. Die Befunde ihrer explorativen Studie zeigen, dass Leistungswille, Fleiß sowie die Bereitschaft zum Aufschub von Bedürfnisbefriedigung, familiale Solidarität und entschiedenes Statusbewusstsein geteilte Werte der Mittelschicht sind – und dass es zugleich sehr unterschiedliche Arten der Statusreproduktion gibt, die Miriam Schad und Nicole Burzan als einem »Unterstützung-Narrativ« beziehungsweise als einem »Verantwortungs-Narrativ« folgend beschreiben.
Christine Wimbauer, Julia Teschlade, Almut Peukert und Mona Motakef untersuchen – quasi in Umkehrung der Perspektive des vorigen Beitrags – die Mitte der Gesellschaft auf ihre Paar- und Familienbilder. Was nämlich überhaupt »Familie« ist, bleibt bis auf Weiteres umkämpft. Die heterosexuelle »Normalfamilie« dient nach wie vor als Folie für legitime Formen des Zusammenlebens. Die Autorinnen diskutieren die Beständigkeiten und den Wandel von Leitbildern für das Paar- und das Familienleben in der Mitte der deutschen Gesellschaft. Sie spannen dabei den Bogen von soziologischen Perspektiven auf Liebe und Familie über dominante Vorstellungen, aber auch Realitäten von Familie bis hin zur Darstellung tatsächlicher familialer Praxen jenseits der heterosexuellen »Normalfamilie«. Die Rolle der gesellschaftlichen Mitte hinsichtlich der Persistenz und des Wandels dieser Leitbilder ist dabei ambivalent: Sie ist sowohl die Bewahrerin alter, überkommener Vorstellungen als auch Ort von Neuerungen, von ›abweichenden‹ Wertvorstellungen und Lebensformen.
Marlon Barbehön, Marilena Geugjes und Michael Haus schließlich analysieren aus diskurstheoretischer Sicht empirisch die mediale Repräsentation der Distinktionen und Normalitätsansprüche der Mittelschicht. Deren Werte und Lebensstile sind von diesem Standpunkt aus Attribute, die der gesellschaftlichen Mitte – hier: durch bürgerliche Qualitätszeitungen – zugeschrieben werden und so zu ihrer (Re-)Konstruktion beitragen. Derart wird sie in diesem Beitrag weder sozialstrukturell noch ökonomisch und auch nicht milieusoziologisch gefasst. Vielmehr ist die Mittelschicht, so das Argument, ein »leerer Signifikant«, ein Diskursprodukt, in dem ein scheinbar Allgemeines unterschiedliche, teils widerstreitende Positionen und Äußerungen in sich aufnimmt und dadurch selbst bar konkreter Bedeutungsgehalte, also leer und äußerst anschlussfähig, wird. Diskurse erzeugen mit einem Gegenstand wie der Mittelschicht stets ein Äußeres, das Andere seiner selbst: Indem sie als arbeitend, gebildet, autonom und vernünftig gezeichnet wird, sind andere Schichten all dies genau nicht. Die medial konstruierte Mittelschicht ist mithin eine distinkte, sich distinguierende und gleichzeitig Normalität und gesellschaftliche Standards verkörpernde Einheit.
Nachdem dergestalt diverse Deutungsangebote zu den Werten, Normen und Normalitätsvorstellungen der Mitte ausgebreitet sind, richten die folgenden vier Beiträge ihr Augenmerk aus unterschiedlichen analytischen Perspektiven auf die Abgrenzungs- und Schließungsprozesse, die sich im globalen Norden in Form eines drohenden Siegeszugs des Rechtspopulismus manifestieren.
Stephan Lessenich dekonstruiert vor dem Hintergrund des deutschen Mittelschichtsdiskurses der Sozialstrukturanalyse seit Theodor Geiger nicht nur die Rede von den Abstiegsängsten und -kämpfen sowie den Mitte-Begriff selbst als Kategorie des Ein- wie des Ausschlusses, sondern auch die (vermeintliche) Erfolgsgeschichte der nordatlantischen, aufstiegsorientierten Mittelschichtsgesellschaften. Diese Geschichte ist nämlich zugleich diejenige kaum sichtbarer »weiblicher und migrantischer Zuarbeit« sowie weltweiter Ausbeutung und Externalisierung ökologischer Kosten. Deren Erträge, so die These von Stephan Lessenich, sollen in gegenwärtig stattfindenden »Mittelklassenkämpfen« erhalten und abgesichert werden.
Cornelia Koppetsch entwickelt ihre Argumentation zur räumlichen Selbstvergewisserung und darauf aufbauenden Abgrenzung der Mittelschichten in Zeiten des Entstehens transnationaler Klassen ausgehend von der Diagnose, dass derzeit ein neuartiger Heimatdiskurs stattfindet. Auch hier ließe sich von »Mittelklassenkämpfen« sprechen, und zwar von solchen zwischen denjenigen Teilen der Mittelschicht, die einen kulturkosmopolitischen Lebensstil pflegen – grosso modo: die Akademikerklasse –, und denjenigen, die mit weniger kulturellem Kapital ausgestattet einem eher nativistischen Heimatverständnis anhängen. Beide Mittelschichtsgruppen sind Produkte der Transnationalisierung wirtschaftlicher Wertschöpfung und politischer Steuerung, die neue, nationenübergreifende Klassenstrukturen mit sich bringen: Während die urban geprägten akademischen Fraktionen der Mitte von der Globalisierung profitieren und zur transnationalen Oberschicht werden, drohen die (noch) national etablierten Mittelklassen mit ländlicher oder kleinstädtischer Verwurzelung global abgehängt zu werden – weshalb, so Cornelia Koppetschs Argument, der Kampf um soziale Stabilität ihnen zum Kampf um heimatliches Terrain wird.
Sylke van Dyk plädiert dafür, die gegenwärtigen sozialstrukturellen und sozioökonomischen Herausforderungen der gesellschaftlichen Mitte auch mit poststrukturalistischem, praxis- und diskurstheoretischem Instrumentarium zu analysieren. Derart, so ihr Argument, lässt sich das Zusammenspiel von Normativität und Mitte – hier: unter Bedingungen ihrer Erschütterung – erkennen und fruchtbar untersuchen. Wie schon Marlon Barbehön, Marilena Geugjes und Michael Haus kommt auch Sylke van Dyk zu dem Schluss, dass es sich bei der Mitte um einen »leeren Ort des Allgemeinen«, um einen »empty signifier« im Sinne Ernesto Laclaus handelt. Sie geht nun der Frage nach, was das Außen, das radikal Andere der Mitte ist, das diese erst konstituiert, und wie es sich entlang der Ränder des Sozialen seit der fordistischen Ära gewandelt hat. Am Ende steht die Einsicht, dass derzeit nicht allein Verteilungsfragen verhandelt werden, sondern auch Fragen nach Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit zur sozialen Mitte im Zuge einer Bewertung von Subjektivitäten als ›normal‹ – oder eben als anders, als unpassend, als auszuschließend.
Uwe Schimank entwirft in seinem Beitrag eine Typologie der Mittelschichten und skizziert entlang verschiedener Konstellationen und ihrer Bezüge zur Unter- und Oberschicht ein theoretisches Modell, das hier dem beschreibenden Erklären der Genese der rechtspopulistischen Mitte dient. Die zentralen Parameter der vier Typen beziehungsweise Fraktionen sind ihre jeweiligen Ausstattungen und Ausstattungsrelationen mit ökonomischem und kulturellem Kapital. Kennzeichen der Mittelschichten ist, dass sie dieses Kapital zur »investiven Statusarbeit« (Schimank et al. 2014) nutzen. Diese Arbeit in eigener Sache hat die Mitte in den vergangenen Jahrzehnten unter Bedingungen des kulturellen Siegeszugs von Identitätspolitiken einerseits und der Rückkehr verstärkter sozioökonomischer Ungleichheit andererseits verrichtet. Ihre einzelnen Fraktionen wurden hiervon höchst unterschiedlich tangiert und in ihren Positionen im sozialen Gefüge beeinflusst. Sie stehen sich heute als sogenannte neue Mittelklasse (gut ausgestattet mit kulturellem Kapital) und als alte (eher nicht akademisch situierte) gegenüber. Erheblichen Teilen Letzterer attestiert Uwe Schimank massive Verunsicherung darüber, dass die eigene Position zukünftig zu unsicher für fortgesetzte investive Statusarbeit sein könnte: Als Ausgleich, als Ersatz für nicht mehr ausreichende Kapitalausstattungen wird dann womöglich die Zugehörigkeit zum »deutschen Volk« in Anschlag gebracht.
Grenzziehungspraktiken, Identitätsbehauptungen sowie Befindlichkeiten der Mittelschichtsangehörigen werden in den anschließenden vier Beiträgen empirisch untersucht.
Patrick Sachweh, Sarah Lenz und Debora Eicher nehmen im Kontext einer subjektorientierten Sozialstrukturanalyse eine mikrosoziologische Innenperspektive auf soziale Klassen ein und fragen danach, wie Angehörige unterschiedlicher hierarchisch angeordneter Gesellschaftssegmente ihre eigene Lage wahrnehmen – und wie sie sich respektive andere klassifizieren. Hierzu greifen sie im Anschluss an Michèle Lamont auf das Konzept der »symbolischen Grenzziehungen« zurück, durch das »die Objektivität ungleicher sozialer Lagen und Lebensverhältnisse Eingang ins Alltagsbewusstsein der Menschen« findet. Als empirisches Material dienen ihnen qualitative Interviews und Gruppendiskussionen. Ihre Typologie der gruppenspezifischen Selbst- und Fremdbilder arbeitet symbolische Grenzen und distinkte soziale Identitäten heraus: Während mittlere Klassen einen »Ethos der Mäßigung und des planvollen Realismus« pflegen, folgen die oberen Klassen einem »Ethos der Distinktion und der Kultiviertheit« – beide Segmente positionieren sich also über sozioökonomische und kulturelle Grenzziehungen zu ihrer sozialen Umwelt. Den unteren Klassen bleibt in Ermangelung nennenswerter sozioökonomischer und kultureller Ressourcen hingegen nichts weiter, als sich durch moralische Grenzziehungen zu platzieren und einen »Ethos der Solidarität und des Abgebens« zu kultivieren.
Friederike Bahl fokussiert auf einen speziellen, in der Mittelschichtsdebatte häufig unterbelichteten Teil des in sich ausdifferenzierten mittleren Segments bereits stark tertiärisierter (Erwerbs-)Gesellschaften: Sie untersucht Angestellte in Routinedienstleistungsberufen. Während die ungleichheitssoziologische Diskussion um die gesellschaftliche Mitte von einer »Chancenrhetorik« geprägt ist und Zukunftssorgen für weite Teile der gesellschaftlichen Mitte qualifizierter Dienstleistungstätigkeiten in eins gesetzt werden mit Sorgen um Statuserhalt und Aufstiegsoptionen, greift im unteren Dienstleistungssegment die »Logik marktbezogener Statusfatalität«. Hier geht es bisweilen ums nackte, nach Möglichkeit sozialstaatsunabhängige Überleben, und die der Mittelschicht so häufig attribuierte entscheidungs- und handlungsleitende Zukunftsorientierung entbehrt jeglicher alltagspraktischen Bedeutung. Friederike Bahl hebt hervor, dass in einer erwerbszentrierten Gesellschaft die Frage der Ungleichheit »immer noch eng mit der Frage nach der Zukunft der Arbeit verbunden« ist.
Patricia Pfeil, Marion Müller und Udo Dengel widmen sich einem biographisch heiklen Thema, nämlich der Überschuldung und Insolvenz von Mittelschichtsangehörigen. Ihnen geht es um die Frage, wie Mittelschichtsangehörige mit dieser krisenhaften Erfahrung umgehen und welche Praktiken sie entwickeln, um (sich) ihre Identität als Mittelschichtsangehörige zu bewahren. Zu diesem Zweck führten sie über einen Zeitraum von drei Jahren jeweils drei Interviews mit 14 betroffenen Paaren sowie einigen Einzelpersonen mittleren Alters. Anhand der drei symbolträchtigen und identitätsstiftenden Mittelschichtsmerkmale Wohnen, (Alltags-)Mobilität und Urlaub schildern sie die intensiven Bemühungen überschuldeter und insolventer Mittelschichtsangehöriger, ›Normalität‹ unter Aufbietung aller Kräfte zu wahren. Sie machen deutlich, »dass die Zugehörigkeit zur Mittelschicht aufgrund des Status ›überschuldet/insolvent‹ nicht mehr unhinterfragt besteht, sondern von den Betroffenen explizit hergestellt werden muss.« Die in der Gegenwartsgesellschaft verbreitete Fixierung auf (bezahlte) Erwerbsarbeit lässt Betroffene mitunter – ersatzweise – ein Ehrenamt ausführen. Eine weitere Form des ›Doing Mittelschicht‹ besteht in der läuternden »Rückbesinnung auf tradierte Werte«, wie sie beispielsweise in den (noch) weitgehend nicht-ökonomisierten Sphären der Familie oder der Naturverbundenheit anzutreffen sind.
Gunter Weidenhaus fragt nach der sozialen Raum- und Zeitkonstitution von Mittelschichtsangehörigen: Wie stellen sie sich räumlich und zeitlich in die Welt? Auf der Grundlage zweier qualitativer Studien ermittelt er explorativ zwei sich deutlich unterscheidende Modi der Anverwandlung von Raum und Zeit. Als »klassisch« bezeichnet Gunter Weidenhaus das »konzentrisch-lineare« Modell, das durch eine linear biographisierende Aneignung der Zukunft und eine konzentrische Raumkonstitution – nämlich um das eigene Zuhause und den Wohnort herum – charakterisiert ist. Angesichts gesellschaftlicher Dynamiken, die sich insbesondere in Form von Beschleunigung und Flexibilisierung äußern und einst stabile institutionelle Rahmenbedingungen brüchig werden lassen, ist dieser Typus allerdings in die Krise geraten. In Reaktion auf diese Veränderungen hat sich als Alternative zum »konzentrisch-linearen« Modell das »netzwerkartig-episodische« Modell entwickelt: Orte verlieren an Relevanz – an ihre Stelle treten »Atmosphären, Szenen und unspezifische Optionen«, die mit bestimmten Lokalitäten assoziiert sind –, und das eigene Leben wird als projektförmig begriffen.
Oliver Dimbath formuliert im Abschlussbeitrag die starke These, dass soziologische Zeitdiagnosen einem Mittelschicht-Bias unterliegen: Zeit- und Gesellschaftsdiagnosen, die als scharf zu lesende Beobachtungen der Gesellschaft oftmals an der Schnittstelle zwischen Sozialstrukturanalyse und Public Sociology verortet sind, werden in aller Regel von Angehörigen der sozialen Mittelschichten für Angehörige der sozialen Mittelschichten verfasst und handeln von typischen Angelegenheiten der sozialen Mittelschichten. Diese »Tendenz hin zur Fokussierung der soziodemographischen Mitte« mündet in eine latente Hegemonialstellung der Mittelschichten, ihres der gesamten Gesellschaft pars pro toto verordneten seismographischen Instrumentariums und ihres Werthorizonts. Eine solche Mittelschichtsdominanz ist bei genauerem Hinsehen unverkennbar – sie ist in ihrer Genese und in ihren Effekten allerdings erklärungsbedürftig. Dem geht Oliver Dimbath in seinem diesen Sammelband abschließenden Beitrag, der etliche Aspekte der vorangegangenen Diskussionen explizit oder implizit anführt und zugleich von einer Meta-Ebene betrachtet, nach.
Wir hoffen, dass Ihre Lektüre der hier von uns versammelten und von den Beitragenden entwickelten Begriffe, Sichtweisen, Zugänge, Diagnosen und – ja, auch dies! – Empfehlungen zur »Mitte als Kampfzone« dazu führt, produktiv miteinander ins Gespräch zu kommen und weiterführende Fragen, Ideen und vielleicht Lösungsmöglichkeiten für ernsthafte und drängende gesellschaftliche Probleme zu initiieren.
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1 | Der Clip mit der kompletten Sendung findet sich unter https://www.youtube.com/watch?v=QjvzCTqkBDQ (09.08.2018), die hier zitierte Stelle an der Position 09:45.
2 | Dass die Mittelschichtsthematik von erheblicher gesamtgesellschaftlicher Bedeutung ist, lässt sich unter anderem auch daran erkennen, dass »Aus Politik und Zeitgeschichte«, die Beilage der von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebenen Wochenzeitung »Das Parlament«, ihr im Rahmen einer Trilogie das mittlere Heft widmete: Oben (Heft 15/2014), Mitte (Heft 49/2014) und Unten (10/2015).
Die Vorstellung, dass »die Mittleren« in der Ordnung des Gemeinwesens dominieren sollen, taucht bei dem griechischen Gesetzgeber Solon erstmals auf, und zwar als Ausgleich zwischen Ober- und Unterschicht: »Denn dem Volk gab ich Befugnis so viel wie genug ist, von seiner Ehre nichts nahm ich und tat nichts hinzu. Doch zu denen man aufsah des Reichtums halber, die Mächt’gen, auch die ließ ich nur das haben, was ihnen gebührt, stellte mich hin und deckte den Schild meiner Macht über beide. Siegen entgegen dem Recht ließ ich nicht die und nicht die« (zitiert nach Fränkel 1962: 258).
Das war im siebten vorchristlichen Jahrhundert eine durchaus revolutionäre Idee, denn bis dahin hatten »die Oberen«, hoi kaloi kai agathoi, die Schönen und Guten, wie sie sich selber nannten, in jeder Hinsicht das Sagen gehabt. Aber die Adelsfamilien hatten mitsamt ihrem jeweiligen Anhang gegeneinander um die Herrschaft gekämpft, und so waren die Städte in immer neuen Bürgerkriegen versunken. Dieser Kampf der Adelsfaktionen ist typisch für die Auflösung einer traditionalen Ordnung; er lässt sich nicht nur in den Stadtstaaten der griechischen Antike, sondern auch in denen des spätmittelalterlichen Italiens beobachten: Hatte eine Adelsfamilie die Oberhand gewonnen, trieb sie die konkurrierenden Familien ins Exil, wo diese dann neue Kräfte sammelten und Bündnisse mit den herrschenden Familien anderer Städte organisierten, um schließlich mit Waffengewalt in ihre Heimatstadt zurückzukehren und dort wieder die Macht zu übernehmen. Danach ging der Machtkampf mit umgekehrten Vorzeichen weiter, und wenn nicht eine der beiden Seiten erschöpft aufgab oder von ihren Gegnern »mit Stumpf und Stiel« ausgerottet wurde, so war dies ein im Prinzip endloser Kampf. Auf Dauer war das für die politisch und wirtschaftlich aufstrebenden Städte ruinös. Es musste eine Lösung gefunden werden. Solons Vorschlag einer Herrschaft des Rechts als Mitte zwischen dem einfachen Volk und den Mächtigen zielte in diese Richtung. Der ruinöse Konflikt sollte durch einen fairen Kompromiss beendet werden.
Die miteinander konkurrierenden Adelsfaktionen waren vertikal, also von oben nach unten, organisiert. Vor allem in den unteren Schichten der Gesellschaft sammelten die Aristokraten eine Anhängerschaft, die sie bewaffneten, mit deren Hilfe sie die Kämpfe austrugen oder ihre Widersacher tyrannisierten. Diese Mischung aus Schlägerbande und Kampfverband wurde von den Aristokraten alimentiert, um eine verlässliche Gefolgschaft zu bekommen. Diese Rechnung ging aber nicht immer auf, jedenfalls dann nicht, wenn aus den Reihen der »Unteren« eigene Anführer erwuchsen, von denen die Vorstellung lanciert wurde, man solle künftig nicht mehr für die Interessen einer Adelsfamilie kämpfen, sondern für die eigenen Interessen, die der »Unteren« eben. So entwickelten sich gegen die vertikalen Gefolgschaftsstrukturen ansatzweise horizontale Solidaritätsvorstellungen, in denen man eine Frühform des Klassenkampfs sehen kann – jedenfalls haben das einige Historiker getan. Aber der Zusammenhalt der Unteren war nur rudimentär, und so waren sie auf Anführer angewiesen, ohne die sie keine politische Handlungsfähigkeit besaßen. Sowohl in den griechischen Städten der Antike als auch in den italienischen Städten des späten Mittelalters wurden diese Anführer häufig zu Tyrannen, wie man sie allgemein bezeichnete, da ihre Herrschaft sich nicht auf die Legitimitätsvorstellungen des Adels, sondern auf das Gewaltpotential ihrer Anhängerschaft stützte. Die Errichtung einer Tyrannis wurde so zu einer weiteren Alternative gegenüber den Kämpfen der Adelsfaktionen und der Suche nach einer Mitte als Herrschaft des Rechts. Die Tyrannen fanden über ihre unmittelbare Entourage hinaus Anhänger, weil sie für Ruhe und Ordnung sorgten.2 Idealtypisch betrachtet gab es also drei Modelle politischer Herrschaft: die traditionsgestützte der alten Adelsfamilien, die aber prekär war, weil diese immer wieder gegeneinander kämpften; die gewaltgestützte Macht der Tyrannen, die für Ruhe und Sicherheit sorgte, aber permanent in der Gefahr stand, in eine Willkürherrschaft umzuschlagen, und die Idee einer an der Mitte ausgerichteten Herrschaft des Rechts, deren Problem jedoch war, dass es dafür vorerst keine starke soziale Trägerschaft gab.
Mit der Zeit freilich wurde die Herrschaft der Tyrannen unerträglich, die Abgaben, die den Bürgern zwecks Finanzierung der Leibgarde und des zunehmend luxuriösen Lebensstils der Tyrannen auferlegt wurden, wuchsen ständig, und jeder Widerspruch, der sich dagegen erhob, wurde mit Gewalt unterdrückt. Kurzum, die Tyrannis wurde zu dem, was man heute darunter im Allgemeinen versteht (Snyder 2017). Die Formierung der Mittleren als einer gesellschaftlichen Gruppe, die Anspruch auf die Herrschaft in den Städten erhob, erfolgte somit in Auseinandersetzung mit zwei bedrohlichen Herausforderungen: den permanenten Machtkämpfen der Adelsfaktionen, der »Oberen«, die keine stabile Herrschaftsordnung mehr auszubilden vermochten, und einer sich in hohem Maße auf die unteren Schichten stützenden Tyrannis, die zwar den Bürgerkrieg im Innern beendet, aber die finanzielle Belastung für die Ruhe im Innern drastisch gesteigert hatte. Von ihrer Mentalität her war die zunächst relativ kleine Gruppe der Mittleren eigentlich gar nicht auf die Herrschaft aus und sah darin eher eine Last, der sie gerne aus dem Weg gegangen wäre; angesichts der bestehenden Alternativen ließ sie sich jedoch zunehmend auf dieses Projekt ein.
Damit wird sogleich aber auch die Achillesferse einer Herrschaft der Mittleren sichtbar: dass sie sich gar zu gerne wieder aus dieser Verpflichtung, die sie mehr denn andere als Last empfinden, zurückziehen wollen. Ist, schematisch betrachtet, die Machtausübung durch die »Oberen« infolge deren exzessiver Machtansprüche, ihres Ehrgeizes und ihres Konkurrenzbewusstseins für die Mittelschichten gefährlich, und besteht die Gefahr einer Herrschaft der »Unteren« darin, dass sie auf Führer angewiesen sind, die ihre Eigeninteressen nicht nur über das Wohl des Gesamtverbands, sondern auch über das ihrer unmittelbaren Anhängerschaft stellen, so ist die politische Ordnung der Mittleren auf Dauer durch deren begrenztes Interesse an Herrschaftsausübung bedroht. Sie verstehen die von ihnen gepflegte Ordnung als Bürgerschaft und nicht als Herrschaft (Gebhardt/Münkler 1993), entwickeln dabei im wohlverstandenen Eigeninteresse normative Leitideen der Machtausübung und begrenzen so den materiellen wie immateriellen Mehrwert, den sie aus der Innehabung von Macht ziehen können. So wird aus dem großen Vorzug einer Herrschaft der Mittleren, nämlich deren reduzierter Lust an der Macht, deren größere Gefährdung, die darin besteht, dass die Anreize der Machtausübung für die gesellschaftliche Mitte zu gering sind, um deren Belastungen und Beschränkungen dauerhaft auf sich zu nehmen. Das hat sich bis heute nicht geändert. Die Herrschaft der Mittleren steht in der Gefahr des Austrocknens.
Die erste große politiktheoretische Kontroverse um die Eignung der gesellschaftlichen Mitte als normativer Maßstab und Inhaber der politischen Direktionsgewalt ist zwischen dem Philosophen Platon und dessen Schüler Aristoteles ausgetragen worden.3 Platons Kritik an der athenischen Demokratie ist über weite Strecken eine Kritik am Ordnungsmodell der Mitte, wie es in Athen unter vergleichsweise starkem Einbezug der unteren Schichten politisch-institutionelle Gestalt gewonnen hatte. Der Gegenentwurf, den Platon in seiner Politeia entwickelt, läuft auf eine Herrschaft der Besten hinaus: Frieden und Gerechtigkeit in den Städten, so die These, würden erst dann herrschen, wenn die Philosophen Könige oder die Könige Philosophen geworden seien, wie die berühmte Formel bei Platon lautet.
Das Qualifikationskriterium für die Herrschaftsausübung ist danach nicht die Herkunft oder die Macht der Familie, wie im alten aristokratischen Modell, sondern Weisheit im Sinne eines Wissens um das optimale Zusammenwirken der gesellschaftlichen Teile, und das nicht nur in funktionaler, sondern auch in ethischer Hinsicht. Platon ist der Begründer einer normativ ausgerichteten Theorie der Eliteherrschaft, wenn denn unter Elite nicht die bloße Inhabe von Macht verstanden wird, wie das in den modernen Elitetheorien bei Mosca, Pareto und Michels der Fall ist,4 sondern der Elitegedanke mit einem komplexen Auswahlprozess verknüpft ist, in dem Qualifikationskriterien über den Zugang zur Innehabung der Macht entscheiden. Weisheit, so Platons Vorstellung, soll in Verbindung mit Eigentumslosigkeit sowie einer Nichtidentifizierbarkeit der eigenen Kinder in den Kohorten des Nachwuchses dafür sorgen, dass Machtmissbrauch und sittliche Korruption der Elite ausgeschlossen ist.
Das war ein dezidierter Gegenentwurf zum Modell der Machtausübung durch die Mittleren, die immer im Verdacht stehen, bloß mittelmäßig und gerade nicht die Besten zu sein, die in einer Gesellschaft zu finden sind. Dementsprechend haben sich die Vertreter elitistischer Politikmodelle immer wieder über die Mitte lustig gemacht. Insbesondere die Philosophie Friedrich Nietzsches ist – auch wenn sie selbst darin gar nicht so eindeutig ist – von vielen ihrer Anhänger als eine scharfe Absage an die Mitte im Sinne der Mittelmäßigkeit verstanden worden. Inbegriff und Symbol dieser Mittelmäßigkeit ist der Spießer beziehungsweise Spießbürger, der gerade nicht das Herausragende und Hervorstehende verkörpert, sondern in einer Verbindung von Traditionalität und Gewöhnlichkeit auf der Gesellschaft lastet und alles erdrückt, was in ihr nach Besonderheit strebt. Eine gemilderte Variante dieser Mitte-Kritik findet sich bei Wilhelm Busch, dessen Bilder-Geschichten im Anschluss an Arthur Schopenhauer davon erzählen, wie ein unbändiger Wille nur Unheil und Zerstörung anrichtet, während genügsame Selbstbescheidung für die meisten Menschen die klügste Vorgabe ihres Lebensentwurfs wäre – wäre, weil die meisten nicht von sich aus dazu fähig sind, sondern dafür erst Rückschläge und Enttäuschungen, Krisen und Katastrophen erfahren müssten. Das Sich-Einfinden mit dem Mittleren ist danach Einsicht in die beschränkten eigenen Fähigkeiten; es ist kluge Resignation angesichts der zerstörerischen Folgen von Selbstüberschätzung. Die Mitte wird von Busch mit einem milden Lächeln als das den meisten Menschen Angemessene und Bekömmliche empfohlen: »Das Gute, dieser Satz steht fest, ist stets das Böse, das man lässt.« – Mitte ist danach kluge Resignation (vgl. Ehrlich 1962).
Diese vornehmlich ethisch und ästhetisch ausgelegte Kritik an der Mitte, zumindest diese Distanzbekundung ihr gegenüber, hat insofern politische Implikationen, als sie die Mitte in den Ruch der bloß zweit- oder drittbesten Lösung des Problems stellt. Das haben die antiken Politiktheoretiker, die auf die Mitte als Antwort auf das Problem des Zerfalls der traditionalen Ordnung gesetzt haben, indes keineswegs so gesehen. Aristoteles, der Platons Ideal der Philosophenherrschaft verworfen hat, weil es, wenn es tatsächlich realisiert sei, völlig inflexibel sei gegenüber innergesellschaftlichen Dynamiken und Veränderungen der äußeren Konstellationen, hat die Herrschaft der Mittleren ausdrücklich nicht als Resignation gegenüber einer unmöglichen Herrschaft der Besten angesehen, sondern hat die Mitte und das Beste konzeptionell miteinander verbunden. Für Aristoteles waren die Mittleren nämlich gerade nicht die große Masse der Gesellschaft, die es zu mehr als zum Mittelmaß nicht gebracht hatte, wie eine nietzscheanisch inspirierte Sicht sie klassifizieren würde, sondern die Mittleren waren für ihn die Virtuosen beim schwierigen Treffen eines Ziels, das in der Mitte zwischen einem Zuviel und einem Zuwenig lag. In diesem Sinne ist für Aristoteles die Mitte kein Zustand, sondern eine permanente Herausforderung, der man sich immer wieder aufs Neue stellen muss.
Um dies zu verdeutlichen, hat sich Aristoteles des Bildes der Bogenschützen bedient, die dann die besten sind, wenn sie die Mitte und nicht die Ränder einer Zielscheibe treffen. Die Mitte zu treffen ist darum so schwer, weil sie die geringste Ausdehnung hat und man sie am ehesten verfehlt. So muss man beim Anvisieren des Zieles die Schwerkraft des Pfeils und die Auswirkung dessen auf seine Flugbahn einrechnen. Mit anderen Worten: Man muss so tun, als wolle man über das Ziel hinausschießen, um es optimal, das heißt in der Mitte, zu treffen. Auf das Verhalten der Menschen bezogen, heißt das für Aristoteles, dass man die eigenen Neigungen, Vorlieben und Abneigungen immer im Auge haben muss, wenn man die Mitte treffen will. Tapferkeit, so Aristoteles’ Überlegung, ist die Mitte zwischen Feigheit und Tollkühnheit, Freigebigkeit die Mitte zwischen Geiz und Verschwendungssucht. Wer von sich weiß, dass er zu Feigheit neigt, muss sich so verhalten, als sei er tollkühn, um tatsächlich tapfer zu sein; wer wiederum zu Verschwendungssucht neigt, muss sich seinen eigenen Vorstellungen zufolge wie ein Geizkragen benehmen, um als freigebig angesehen zu werden. Diese zunächst ethischen Überlegungen hat Aristoteles auf die Ordnung des Politischen übertragen und die politische Mitte als eine Position definiert, die nicht nur gegenüber den Reichen und Mächtigen sowie gegenüber den Armen und Abhängigen gleichen Abstand hält, sondern die auch die größte Distanz zu den mit den jeweiligen gesellschaftlichen Positionen verbundenen ethischen Dispositionen und Verhaltensweisen hat. Ein mittleres Einkommen beziehungsweise Vermögen war dabei nach Aristoteles’ Auffassung eine gute Voraussetzung, aber es war bei weitem nicht hinreichend, um den Anforderungen der Mitte zu genügen. Dafür war es vielmehr erforderlich, immer wieder die Dynamik von Oben und Unten, Reich und Arm auszugleichen, um das Gefüge des Stadtstaates in der Balance zu halten. Die Mitte war somit die ethisch wie politisch anspruchsvollste Position, an der man sich orientieren konnte, und insofern stellte sie für Aristoteles das eigentliche Elitemodell dar. Die aristotelische Mitte-Philosophie ist für all diejenigen, die sich heute der gesellschaftlichen und politischen Mitte zurechnen, alles andere als ein politisch-ethischer Tranquilizer, sondern ein Anreger und Aufreger, der die Mitte als eine kolossale Herausforderung und Anstrengung herausstellt. Das wird gerne übersehen, und zwar gerade von denen, die sich selbst als Mitte begreifen und bezeichnen.
In Aristoteles’ Definition ist die Mitte also kein Rabatt gegenüber den Anforderungen der Exzellenz, sondern vielmehr deren Akzentuierung. Das hat mit dem Erfordernis des Ausbalancierens der Extreme zu tun, wie man das Bild der die Mitte einer Zielscheibe anvisierenden Bogenschützen ins Politische übersetzen kann. Die Mittleren müssen das rechte Maß kennen, um eine Gesellschaft in der Balance zu halten. Sie müssen die einen fordern und die anderen beruhigen und zurückhalten, und dazu müssen sie genau wissen, auf wen sie wie einzuwirken haben. Um die Mitte zu halten und zu bewahren, bedürfen deren Angehörige nicht nur ethische Eigenschaften, sondern auch gesellschaftliche Kenntnisse und politisches Wissen. Sie müssten gerecht und politisch klug sein – eine Verbindung, die nicht gerade häufig anzutreffen ist und von der Aristoteles gemeint hat, dass sie, wenn überhaupt, in der politischen Mitte zu verorten sei.
Die Vorstellung von der Mitte als Pazifizierer des aristokratischen Machtkampfs und Verhinderer des Aufstiegs von Tyrannen entwickelte sich bei den Griechen und dann erneut bei den Italienern der Renaissance im städtischen Rahmen, während bei großräumlich angelegten Ordnungen die Herrschaft (in der Regel die eines Monarchen) nicht in Frage gestellt wurde. Es bedurfte einer Bürgerschaft, die horizontale Zusammengehörigkeitsvorstellungen ausgebildet hatte, um das vertikale Strukturmodell von Herrschaft und Untertanentum in Frage zu stellen und abzulösen. Der Anspruch der »Mittleren«, das Gemeinwesen ordnen und regieren zu können, war historisch an den Aufstieg der Städte gebunden – und zwar selbständiger Städte mittlerer Größe, während Großstädte im Zentrum von Großreichen gegenüber der Vorstellung der Mitte auf Distanz blieben: Hier wurde Herrschaft mit Hilfe eines professionellen Apparats und seiner Erzwingungsstäbe ausgeübt, womit klar war, dass die damit verbundenen Aufgaben nicht von einer Honoratioren- beziehungsweise Dilettantenverwaltung durch die mittleren Bürger übernommen werden konnten. Herrschaft der Mittleren beziehungsweise der Mitte hieß über die längste Zeit nämlich auch, dass auf eine Professionalisierung des Politikbetriebs verzichtet wurde und die Bürger im Reihendienst die Ämter und Aufgaben übernahmen. Nur so glaubte man, den mit der Idee der Mitte verbundenen Gedanken der Gleichheit der Mittleren aufrechterhalten zu können. Im Honoratiorensystem der deutschen Kommunalverfassung des 19. und noch 20. Jahrhunderts ist diese Vorstellung noch einmal aufgelebt, bis sie durch die Professionalisierung der kommunalen Spitzen in Form von Verwaltungsjuristen überlagert und allmählich beseitigt worden ist. Inzwischen bringt die Mitte der Gesellschaft kaum noch die Zeit und das Interesse auf, sich um die Gemeinde, in der man lebt, zu kümmern und für deren Selbstverwaltung Sorge zu tragen.
Grundsätzlich ist die Vorstellung von der Mitte als Ordnungszentrum von Gesellschaft und Politik alternativ zu der Vorstellung, Politik sei ein beständiger Kampf zwischen den Kräften des Fortschritts und denen der Beharrung, womöglich gar des Rückschritts, also der Reaktion. Die Mitte, gleichgültig, ob sie nun auf »oben und unten« oder »links und rechts« bezogen wird, ist eine Ordnungsprojektion im Raum, während sich die Zuordnungskategorien Fortschritt, Rückschritt und Stillstand auf die Strukturen von Zeit beziehen. Beide Modelle gehen von unterschiedlichen Maßgrößen aus, die sie ihrer Ordnung zugrunde legen, und deswegen widersprechen sie einander nicht unmittelbar, sind aber auch nicht miteinander zu kombinieren. Wo eine politische Ordnung wesentlich durch die Herausstellung der Mitte beschrieben wird, tritt die Idee einer geschichtlichen Entwicklung und der politischen Positionierung in ihr in den Hintergrund. Wenn dagegen die Positionierung in einem geschichtlichen Entwicklungsmodell zum Maßstab der politischen Zuordnung geworden ist, spielt die Mitte kaum noch eine Rolle: Avantgarde und Reaktion sind dann als Hauptkontrahenten ins Zentrum getreten.
Was hier beobachtet und bewertet wird, ist das Gegeneinander von Beschleunigern und Aufhaltern einer Entwicklung. Das heißt, dass die politische Ordnung im Hinblick auf einen zentralen Gegensatz beschrieben wird, um den sich alles dreht, während in der verräumlichten Ordnung von links und rechts, oben und unten eher der Ausgleich zwischen den Gegensätzen und die Bändigung der politischen Fliehkräfte im Zentrum der Beobachtung stehen. Sicherlich kann man die politischen Positionen von links und rechts auch in die von Beschleunigung und Entschleunigung übersetzen (jedenfalls, wenn unter »rechts« politisch konservative Positionen verstanden werden), aber die Beurteilung und Bewertung des damit Bezeichneten unterscheiden sich klar voneinander. Die Vorstellung von der gesellschaftlichen und politischen Mitte sowie deren Rändern folgt erkennbar anderen Parametern als die von Fortschritt und Rückschritt. Welches der beiden Modelle jeweils präferiert wird, hat mit kulturellen Rahmenbedingungen, wie etwa der Verzeitlichung von Ordnungsmodellen seit dem 18. Jahrhundert,5 und den jeweiligen politischen Herausforderungen zu tun. Die Geschichte der Weimarer Republik etwa lässt sich eher in Begriffen des politischen Raumes denn der politischen Zeit als Kampf der Extreme und Erosion der Mitte beschreiben. Die Begrifflichkeit von Fortschritt und Rückschritt ist nur schwer anwendbar, ohne selbst zur Partei zu werden. Mitunter nämlich werden die beiden Ordnungsmodelle zu Orientierungsangeboten der politischen Parteien, die darüber auf die Identifikationsmuster und Orientierungsbedürfnisse ihrer Mitglieder und Anhänger Einfluss nehmen. Für die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland ist festzuhalten, dass seit etwa zwei Jahrzehnten die Vorstellung von Fortschritt und Rückschritt eine geringere Rolle spielt als die der Mitte und ihrer Ränder.
Es gibt Demokratien, die wesentlich durch den Gegensatz zweier politischer Parteien beziehungsweise Richtungen gekennzeichnet sind, in denen der Wähler also unmittelbar über Regierung und Opposition entscheidet, und solche, in denen fast alle politischen Parteien bestrebt sind, sich als Kraft der Mitte darzustellen, um aus der Mitte des politischen Spektrums heraus durch die Wahl geeigneter Koalitionspartner die Regierung zu bilden. In den USA, Großbritannien, für lange Zeit auch in Frankreich und Italien war Ersteres zu beobachten: Hier waren beziehungsweise sind nach wie vor Wahlkämpfe eine Zeit der Polarisierung und der Zuspitzung politischer Programme und Profile. In Deutschland und einigen kleineren Ländern West- und Mitteleuropas ist das anders: Hier unterscheiden sich die großen Parteien stärker durch das Angebot an Personal als durch die Programmatik und als regierungsfähig gilt nur – beziehungsweise ist nur –, wer den Anspruch geltend machen kann, die gesellschaftliche und politische Mitte zu besetzen (Münkler 2010: 225ff.). In diesen beiden Grundtypen der Demokratie kommen institutionelle Regelungen, wie Mehrheits- versus Verhältniswahlregeln oder präsidiale versus parlamentarische Demokratie, zum Ausdruck, aber auch historische Erinnerungen an ein politisches Scheitern, aus dem gelernt zu haben man für sich in Anspruch nimmt, sowie schließlich soziokulturelle Mentalitäten und die jeweilige Sozialstruktur. Eine Gesellschaft, die sozialstrukturell eher dem Umriss einer Zwiebel als dem einer Pyramide oder gar einer Eieruhr ähnlich ist, also eine überaus starke Mitte hat beziehungsweise in der sich der Großteil der Bürger sozial den mittleren Schichten zurechnet, hat eine starke Neigung, das politische Spektrum ebenfalls stark auf die Mitte hin auszurichten. In Deutschland ist dies in besonderem Maße der Fall und neben wahlrechtlichen Regelungen, von denen die Parteien der Mitte begünstigt und die der äußeren Ränder benachteiligt werden (Fünf-Prozent-Regel), spielt dabei die immer wieder warnend ins Spiel gebrachte Erinnerung an die Weimarer Republik eine entscheidende Rolle: Diese Republik sei, so die Mahnung, durch die Erosion der politischen Mitte und die Flucht in die Parteien der äußersten Rechten und äußersten Linken zerstört worden.
Lässt man die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland Revue passieren, so fällt auf, dass bis zum Ende der 1990er Jahre Regierungswechsel durch ein verändertes Koalitionsverhalten der FDP, aber nicht durch eine grundlegende Verschiebung des politischen Spektrums zustande kamen: Den Kanzler stellte die Partei, der es gelungen war, mit der FDP eine Koalition zu bilden. Erst mit der Abwahl Helmut Kohls und der Bildung der rot-grünen Regierung Schröder/Fischer wurde diese Regel durchbrochen, und mit dem offenbar irreversiblen Bedeutungsverlust der FDP in den letzten Jahren dürfte eine Rückkehr dazu ausgeschlossen sein. Parallel dazu haben sich mit dem Aufstieg der Partei »Die Linke« sowie der »Alternative für Deutschland« Akteure auf den Außenpositionen des politischen Spektrums platziert, die sich dort für längere Zeit halten dürften. Entsprechend der Mitte-Orientierung könnte dies zur Folge haben, dass zumindest auf Bundesebene für längere Zeit Regierungsbildungen auf Koalitionen von CDU/CSU und SPD hinauslaufen, während auf Länderebene in ausgewählten Fällen das Experiment eines Links- beziehungsweise Rechtsbündnisses gewagt wird, um die Reaktion der Wähler darauf zu beobachten.
Es ist nicht grundsätzlich auszuschließen, dass es im Gefolge dessen in Deutschland zu einer Umstellung des politischen Systems von einer auf die Mitte hin ausgerichteten Ordnung zu einer Blockbildung rechts und links der Mitte kommen kann, doch ist eine solche fundamentale Veränderung zur Zeit noch nicht zu erkennen. Es steht vielmehr zu vermuten, dass es dazu nur dann kommen kann, wenn es in Deutschland auch zu einer sozialen Polarisierung kommt, bei der die starken mittleren Schichten der Gesellschaft aufgerieben würden. Auch das ist zurzeit, trotz einiger lautstarker publizistischer Warnungen, noch nicht erkennbar, ist aber angesichts der Unsicherheit weltwirtschaftlicher Entwicklungen und weiterer Krisen im Euro-Raum nicht grundsätzlich auszuschließen. Die für die Bonner wie die Berliner Republik charakteristische Mitte-Orientierung der Deutschen ist sicherlich nicht in Stein gemeißelt, aber sie ist zu tief in den politischen Mentalitäten der Deutschen verankert, als dass sie in einer kürzeren Zeitspanne verschwinden würde.
Berve, Helmut (1967): Die Tyrannis der Griechen, 2 Bände, München: C.H. Beck.
Burckhardt, Jacob (1976): Die Kultur der Renaissance in Italien, Stuttgart: Alfred Kröner.
Ehrlich, Wilhelm (1962): Wilhelm Busch, der Pessimist. Sein Verhältnis zu Arthur Schopenhauer, München: Francke.
Fränkel, Hermann (1962): Dichtung und Philosophie des frühen Griechentums, München: C.H. Beck.
Gebhardt, Jürgen/Münkler, Herfried (Hg.) (1993): Bürgerschaft und Herrschaft. Zum Verhältnis von Macht und Demokratie im antiken und neuzeitlichen politischen Denken, Baden-Baden: Nomos.
Koselleck, Reinhart (1979): Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Münkler, Herfried (2010): Mitte und Maß. Der Kampf um die richtige Ordnung, Berlin: Rowohlt.
Münkler, Herfried/Straßenberger, Grit/Bohlender, Matthias (Hg.) (2006): Deutschlands Eliten im Wandel, Frankfurt a.M./New York: Campus.
Snyder, Timothy (2017): Über Tyrannei. Zwanzig Lektionen für den Widerstand, München: C.H. Beck.
1 | Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen leicht modifizierten Wiederabdruck des Aufsatzes von Herfried Münkler, der erstmals in »Aus Politik und Zeitgeschichte« (Heft 49/2014) erschienen ist.
2 | Zur Geschichte der Tyrannis im antiken Griechenland vgl. Helmut Berve (1967); zur Tyrannis im spätmittelalterlichen Italien immer noch Jacob Burckhardt (1976: 27ff.).
3 | Eine detaillierte Darstellung der ideengeschichtlichen Kontroversen um die politische Rolle der Mitte findet sich bei Münkler (2010: 75-136). Dort Einzelnachweise der nachfolgend herangezogenen Autoren, auf die hier verzichtet wird.
4 | Zur Debatte dessen vgl. Herfried Münkler et al. (2006).
5 | Auf diesen Punkt hat Reinhart Koselleck (1979) immer wieder hingewiesen.
Wer soziale Ungleichheit und gesellschaftliche Klassenverhältnisse analysiert, muss über die Gestalt, Verfassung und Arbeitsweise des Sozial- und Rechtsstaats sprechen. Die Soziologie des Staates ist daher immer auch Ungleichheitsforschung – und Sozialstrukturanalyse ist stets Bestandteil einer Diagnostik staatlich geprägter Sozialordnung. Auf diesen Zusammenhang und dieses Wechselspiel weisen die zehn Punkte dieser Skizze zur Zukunft der Mittelklasse hin. In den Konflikten und Interessen, in der Vitalität und Mentalität, in den Aufstiegshoffnungen und Abstiegssorgen der sozialen Mitte spiegeln sich mithin manifeste sozial- und rechtsstaatliche Verteilungs- und Ressourcenfragen. Die Entwicklung der sozialen Mitte korrespondiert mit dem Wandel des (arbeitenden) Staates. Die Befassung mit der Mitte der Gesellschaft ist im folgenden Text keine Milieubeschreibung, sondern der Versuch, das gesellschaftliche Ganze in den Blick zu nehmen. Die Argumentation wechselt dabei zwischen These und Befund, zwischen theoretischer Deutung und empirischen Hinweisen, zwischen Begriff und Beschreibung.
Gesellschaften mit einer breit gefächerten und wohlhabenden Mittelklasse sind Staatsprodukte. Denn nur dort, wo der Wohlfahrtsstaat als Arbeitgeber, Rechtsrahmen und Sozialgestalter präsent ist, finden sich die strukturellen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für die Etablierung einer starken, die gesellschaftlichen Verhältnisse prägenden Mittelklasse (Hilpert 2012; Vogel 2009). Die staatlichen Effekte auf die soziale Ungleichheitsentwicklung sind evident. Zentrale Faktoren sozialer Klassenbildung sind historisch und im internationalen Vergleich die öffentlichen Dienste, die Expansion der politischen und rechtlichen Verwaltung sowie die Etablierung staatlicher Daseinsvorsorge. Sie sind Orte beruflicher Karrieren, sozialer Statusbildung und materieller Sicherung. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägt die Entwicklung des »sorgenden Staates« (de Swaan 1993) eigenständige Soziallagen. Dieser »sorgende Staat« – nicht im Sinne der Fürsorge, sondern der Bereitschaft zur Gestaltung der sozialen Verhältnisse und Beziehungen – schafft die Voraussetzungen für individuelle Freiheiten, Gestaltungsmöglichkeiten und Handlungsspielräume in der Lebensführung. Jeder berufliche und soziale Aufstieg, jede Form der Statussuche und der Mühe um Statussicherung haben politische und rechtliche Grundlagen. Die Analyse sozialer Ungleichheit muss diese rechtlichen Funktionsbedingungen und politischen Wirkkräfte moderner Staatlichkeit im Auge behalten.
