Die nachhaltige Republik -  - E-Book

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Beschreibung

Der Bestseller-Autor (»Die smarte Diktatur«) Harald Welzer versammelt in »Die Nachhaltige Republik. Umrisse einer anderen Moderne« wichtige Stimmen zum Thema Nachhaltigkeit. Die Aufgabe der Zeit lautet: die Errungenschaften der Moderne bewahren und zugleich viel weniger von Allem verbrauchen. Prominente Forscherinnen und Forscher entwerfen konkrete Utopien für die Stadt, die Mobilität, die Wirtschaft und die Regierung der Zukunft. Mit Beiträgen von Friedrich von Borries, Julia Lohmann, Stephan Rammler, Harald Welzer, Charlotte Hoffmann, Maxim Keller und Frank Graef.

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Seitenzahl: 151

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Herausgegeben von Harald Welzer

Die nachhaltige Republik

Umrisse einer anderen Moderne

 

Über dieses Buch

 

 

Die Aufgabe der Zeit lautet: die Errungenschaften der Moderne bewahren und zugleich viel weniger von allem verbrauchen. Prominente Forscherinnen und Forscher entwerfen konkrete Utopien für die Stadt, die Mobilität, die Wirtschaft und die Regierung der Zukunft.

Mit Beiträgen von Günther Bachmann, Friedrich von Borries, Julia Lohmann, Stephan Rammler, Harald Welzer, Charlotte Hoffmann, Maxim Keller, Frank Graef, PLANET Architects und Flussbad Berlin.

 

Wir danken dem Rat für Nachhaltige Entwicklung für die großzügige Unterstützung des Projekts »Die nachhaltige Republik«.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Entwürfe für eine Welt mit Zukunft

Herausgegeben von Harald Welzer und Klaus Wiegandt

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Covergestaltung: hißmann, heilmann, Hamburg

Coverabbildung: Simulation eines Flussbads an der Berliner Museumsinsel (Detail) © realties:united, Berlin by courtesy of Flussbad Berlin e.V.

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-490469-6

 

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Inhalt

Entwürfe für eine Welt mit Zukunft

Die nachhaltige Republik. Eine reale Utopie

Materielle und immaterielle Standards

Wachstumswirtschaft und Nachhaltigkeit

Braucht es das?

Wirtschaftlicher Pfadwechsel

Die Ästhetik einer reduktiven Moderne

Literatur

Flussbad Berlin

Close the gap

Das Wiener Büro PLANET gewinnt den internationalen Ideenwettbewerb für den New York Greenway

Connection Space Energy

Die offene Stadt der nachhaltigen Republik. Ein Entwurf

Offenheit

Unausweichlichkeit des Städtischen

Normative Grundlagen

Kultur der Stadt

Entwurf

Offene Ökologie

Offene Ökonomie

Offene soziale Struktur

Grenzen

Eigentum

Entscheidungsprozesse

Offene Kultur

Gestaltungsaufgaben

Infrastrukturen

Öffentliche Räume

Gebäude

Steuerungsinstrumente

Symbolbauten

Vom Stadtschloss/Humboldt-Forum zum Labor für kulturelle Nachhaltigkeit

Vom Flughafen BER zum Zentrum für Offenheit

Vom Kanzleramt zum Fun Palace

Offener Prozess

Literatur

Digital, dezentral, demokratisch?! Nachhaltige Mobilität in der nachhaltigen Republik

Einleitung

Verkehr und Herrschaft – Geschichte und Status quo

Die nachhaltige Republik – Ein Szenario-Mosaik aus dem Jahr 2040

Eine Woche aus dem Reiseplan des Kanzleramtes

Schlussbetrachtung

Literatur

Die biozentrische Republik

PROLOG: Deutschland, 2040

Die biozentrische Republik

Drei Aspekte der Verzerrung in unserer Demokratie

Zeitliche Verzerrung

Stabilisierende Zeithorizonte

Wahrung der Rechte und Bedürfnisse von Individuen, Gruppen, Arten

Spezies-Verzerrung

Politische Teilhabe und Repräsentanz

Evolution zur Empathie

Epilog

Die Internalisierungsgesellschaft. Ein Rückblick aus dem Jahr 2050

Was zuvor geschah:

I. Irgendwann ließ sich die Elbe nicht mehr vertiefen …

II.

III.

IV.

V.

VI.

Zukunftstore. Einige Beobachtungen zur Praxis utopischer Nachhaltigkeitspolitik

Was übersehen wir?

Die Moderne hat Utopieschwund

Eine Erinnerungsschleuse

Antiutopisch

Zukunftstore

Poetische Utopie

Nützliches zum Weiterlesen

Autorinnen und Autoren

Entwürfe für eine Welt mit Zukunft

Das 19. und 20. Jahrhundert waren die Epoche der expansiven Moderne. Immer weitere Teile der Welt folgten dem industriegesellschaftlichen und wachstumswirtschaftlichen Pfad, ihre Bewohnerinnen und Bewohner erlebten materiellen und vor allem auch immateriellen Fortschritt: Die Gesellschaften demokratisierten sich, wurden freiheitliche Rechtsstaaten, Arbeitsschutzrechte, Bildungs-, Gesundheits- und Sozialversorgung wurden erkämpft. Im 21. Jahrhundert, da die Globalisierung fast den ganzen Planeten in den wachstumswirtschaftlichen Sog gezogen, aber dabei keineswegs überall Freiheit, Demokratie und Recht etabliert hat, stehen wir vor der Herausforderung, den erreichten zivilisatorischen Standard zu sichern, denn dieser gerät immer mehr unter den Druck von Umweltzerstörung, Ressourcenkonkurrenz, Klimaerwärmung – um nur einige der gravierendsten Probleme zu nennen. Wie sieht eine moderne Gesellschaft aus, die nicht mehr dem Prinzip der immerwährenden Expansion folgt, sondern gutes Leben mit nur einem Fünftel des heutigen Verbrauchs an Material und Energie sichert? Das weiß im Augenblick niemand; einen Masterplan für eine solche Moderne gibt es nicht. Wir brauchen daher Zukunftsbilder, die die Lebensqualität in einer nachhaltigen Moderne vorstellbar machen und mit den Entwürfen einer anderen Mobilität, einer anderen Ernährungskultur, eines anderen Bauens und Wohnens die Veränderung der gegenwärtigen Praxis attraktiv und nicht abschreckend erscheinen lassen.

Deshalb haben wir für die Buchreihe »Entwürfe für eine Welt mit Zukunft« Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gebeten, konkrete Utopien künftiger Wirtschafts- und Lebenspraktiken zu skizzieren. Konkrete Utopien, das heißt: Szenarien künftiger Wirklichkeiten, die auf der Basis heute vorliegender technischer und sozialer Möglichkeiten herstellbar sind. Erst vor dem Hintergrund solcher Zukunftsbilder lässt sich abwägen, welche Entwicklungsschritte heute sinnvoll sind, um sich in Richtung einer wünschenswerten Zukunft aufzumachen. Anders gesagt: Ohne Zukunftsbilder lässt sich weder eine gestaltende Politik denken noch die Rolle, die die Zivilgesellschaft für eine solche Politik spielt. Wenn Politik und Zivilgesellschaft wie Kaninchen vor der Schlange ausschließlich auf die Bewahrung eines fragiler werdenden Status quo fixiert sind, verlieren sie die Fähigkeit, sich auf ein anderes Ziel zuzubewegen. Sie verbleiben in der schieren Gegenwart, was in einer sich verändernden Welt eine tödliche Haltung ist.

Nach 18 Bänden der ebenfalls im FISCHER Taschenbuch erschienenen Vorgängerreihe, die unter großer öffentlicher Resonanz eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme des naturalen Status quo der Erde in den einzelnen Dimensionen von den Ozeanen bis zur Bevölkerungsentwicklung vorgelegt hat, wenden wir nun also den Blick von der Gegenwart in die Zukunft – in der Hoffnung, konkrete Perspektiven für die Gestaltungsmöglichkeiten einer nachhaltigen modernen Gesellschaft aufzuzeigen, Perspektiven, die der Politik wie den Bürgerinnen und Bürgern Mut machen, ihre Handlungsspielräume zu nutzen und Wege zum guten Leben einzuschlagen.

 

Harald Welzer & Klaus Wiegandt

Harald Welzer

Die nachhaltige Republik. Eine reale Utopie

Wie sieht eigentlich eine nachhaltige moderne Gesellschaft aus? Das weiß kein Mensch. Denn moderne Gesellschaften sind nicht nachhaltig; ihr Wohlstand beruht auf einem Wirtschaftssystem, das permanent Wachstumsraten zu brauchen scheint, um sich selbst dynamisch stabil zu halten. Zugleich wird man mit diesem Wirtschaftssystem, wenn es wie heute überall auf dem Planeten Verbreitung gefunden hat, nicht durch das 21. Jahrhundert kommen – es konsumiert ja schon längst seine eigenen Voraussetzungen, und das jedes Jahr mehr. Wollte man auf eine nachhaltige Lebens- und Wirtschaftsweise kommen und zugleich das normative Ziel einer globalen Gerechtigkeit verfolgen, dann müssten wir, die Bewohnerinnen und Bewohner einer der reichsten Gesellschaften der Erde, um vier Fünftel reduzieren: also auf 20 Prozent der heutigen Energie, der Nahrungsmittel, der Ausgangsmaterialien, der Mobilität …

Tja. 80 Prozent Reduktion im Material- und Energieverbrauch, wenn man auf einen global gerechten Pro-Kopf-Verbrauch kommen will, das ist schwer vorstellbar, besonders dann, wenn man die zivilisatorischen Güter moderner demokratischer Gesellschaften aufrechterhalten will: Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Bildungs-, Gesundheits- und Sozialversorgung. Andererseits erfordert ja gerade die Bewahrung dieser immateriellen Güter einen Pfadwechsel, der der ökologischen Zerstörung gegensteuert – denn ohne einen Metabolismus, der Überleben sichert und nach Möglichkeit erheblich mehr als das, ist so eine schöne Zivilisation nicht vorstellbar. Aber: Ein solcher Pfadwechsel braucht Vorstellungen und Bilder einer anderen Zukunft, als sie die Fortsetzung des business as usual bieten würde. Zukunft scheint aber in der Gegenwart der frühindustrialisierten Gesellschaften kaum noch eine Kategorie zu sein. Fast ist es, als sei mit der Einlösung der Wohlstandsversprechen der Nachkriegszeit die Zukunft gewissermaßen aufgebraucht, indem sie realisiert worden ist.

Der Status quo von heute ist die Utopie von gestern, und plötzlich, so scheint es, geht es nur noch um die Sicherung dieses Status quo. So jedenfalls zeigt es der Blick in die Parteiprogramme, so zeigt es die visionslose Ästhetik der Gegenwart, in der zum Beispiel lieber Schlösser nachgebaut als eigene Ausdrucksformen für die Signatur der Zeit entwickelt werden. Und was sagt es eigentlich aus, wenn in einer der vier, fünf wichtigsten Hauptstädte der Welt der simple Bau eines Flughafens – eines der ikonischen Modernitätssymbole – unmöglich zu sein scheint? Anders gefragt: Hat diese Gegenwart noch einen Sinn, in dem sie sich selbst erkennt? Oder hat sie womöglich gar keine Signatur? Ist sie einfalls- und konturlos, weil sie nur noch um das Festhalten am Bestehenden, am Besitz und am Hyperkonsum kreist? Und ist das nicht dekadent, wenn doch Modernisierung nie ohne den Entwurf einer Welt auskommen kann, die anders ist als die, die da ist?

Im Augenblick jedenfalls sind die einzigen übriggebliebenen Utopisten die Langweiler aus der digitalen Welt, die ja nichts Neues entwerfen, sondern bloß die Welt von heute, nur bequemer, schneller, vollgestellter mit Produkten; eine digital sedierte Welt, in der den Menschen in den reichen Gesellschaften jede Mühsal abgenommen wird und sie gleichzeitig so geräteabhängig werden, psychisch wie physisch, dass sie auch nicht entfernt auf die Idee kommen, dass es nicht die Digitalisierung ist, die ihnen ihr Wohlergehen ermöglicht, sondern die Menschen, die ihnen die Rohstoffe bereitstellen, damit die analoge und die digitale Wirtschaft zu ihren Gunsten funktionieren können. Da Leben Stoffumwandlung ist, wird das Leben niemals digital sein. Und weil es Stoffumwandlung ist, wird es darum gehen müssen, unser Naturverhältnis so zu modernisieren, dass wir die Welt nicht als unendliches Reservoir zur Sicherung eines Lebens- und Wirtschaftsstils betrachten, sondern als endliche Raum-Zeit-Konstellation, die wir klug, also nachhaltig nutzen müssen, um langfristig Überleben, besser: langfristig gutes Überleben, zu sichern. Es geht also darum, Denk- und Gestaltungsmöglichkeiten einer nachhaltigen Zukunft zu entwickeln. Das ist eine Aufgabe sozialer, nicht technischer Intelligenz. Ob sie und in welcher Weise sie realistisch werden können, ist eine Frage, die in der Wirklichkeit, nicht im Experiment entschieden wird.

Materielle und immaterielle Standards

Die Notwendigkeit einer Nachhaltigkeitstransformation moderner Gesellschaften ist unabweisbar: Klimawandel, Übernutzung natürlicher Ressourcen, Erreichen bzw. Überschreiten der »planetaren Grenzen« – alles das macht nun schon seit Jahrzehnten klar, dass ein Pfadwechsel in der Wirtschaftsweise, die Etablierung eines anderen gesellschaftlichen Naturverhältnisses ohne Alternative ist. Aber die Umsetzung einer solchen Transformation ist durch eine Erfolgsfalle blockiert, denn das kapitalistische Wirtschaftsmodell hat ja nicht nur zu einem historisch ganz unvergleichlich hohen allgemeinen Wohlstandsniveau geführt, sondern auch zu den schon erwähnten nichtmateriellen Standards von Zivilisierung. Wenn man also die Frage nach den für eine nachhaltige Republik notwendigen Transformationen in Wirtschaft und Gesellschaft stellt, geht es um nichts Geringeres als um die Frage, ob sich der Standard von Freiheit und Lebenssicherheit, den die Menschen in den frühindustrialisierten Gesellschaften erreicht haben, bewahren lässt oder nicht.

Die Herausforderung besteht also darin, einem Modus der Vergesellschaftung nachzuspüren, der bei radikal reduziertem Naturverbrauch die Aufrechterhaltung und sogar Weiterentwicklung ebendieser zivilisatorischen Standards ermöglicht. Es geht also um die Organisation eines nachhaltigen Naturverhältnisses unter den zivilisatorischen Bedingungen der Moderne.

Das ökonomisch extrem erfolgreiche System, das sich während der vergangenen 250 Jahre in den frühindustrialisierten Staaten herausbildete, basierte von Anfang an darauf, dass es die Ressourcen und den Treibstoff zur unablässigen Produktion von Mehrwert und Wachstum von außen, d.h. vor allem aus den (Ex-)Kolonien, bezog (Brand & Wissen 2017). Eine globalisierte Welt hat jedoch kein Außen mehr. Mit dem Aufstieg von Schwellenländern wie Brasilien, China und Indien und der industriellen Land- und Wassernutzung im »globalen Süden« verallgemeinern sich nun genau jene Produktions- und Konsummuster, die aus einer ökologischen Perspektive schlicht nicht verallgemeinerbar sind. Das bedeutet auch, dass sich die Ausbeutung vom Raum in die Zeit verlagert, was etwa der »Earth Overshoot Day« verdeutlicht, der den Tag bezeichnet, an dem die für ein Jahr verfügbaren globalen Ressourcen erschöpft sind. Er wandert jedes Jahr weiter in Richtung Jahresmitte.

Der Historiker Dipesh Chakrabary hat darauf hingewiesen, dass die »Große Beschleunigung« (Steffen et al. 2007) der Konsumraten und des Ressourcenverbrauchs, die aus der Perspektive der ökologischen Nachhaltigkeit so bedrohlich erscheint, für die Gesellschaften, die diesen Prozess durchliefen bzw. immer noch durchlaufen, eine Phase der Emanzipation und der Erweiterung von individuellen Handlungsspielräumen war bzw. ist: »The mansion of modern freedoms stands on an ever-expanding base of fossil fuel use. Most of our freedoms so far have been energy-intensive.« (Chakrabarty 2009) Die äußerst energieintensive Digitalisierung ändert daran erst mal gar nichts, übrigens auch nicht die Einführung sogenannter erneuerbarer Energien, die bei permanent wachsendem Energiebedarf vor allem als zusätzliches Angebot fungieren und im Übrigen selbst als Großgeräte keineswegs »erneuerbar« sind.

Der systemische Zusammenhang zwischen den materiellen und immateriellen Zivilisationsgütern macht klar, dass es beim Projekt einer nachhaltigen Republik also nicht um einen »Systemwechsel« gehen kann, um eine »große Transformation« der Gesellschaft in toto, sondern vielmehr um die Transformation, Schrumpfung oder Abschaffung nichtzukunftsfähiger Teilbereiche der Gesellschaft gerade mit dem Ziel, andere zu bewahren. Bislang haben wir weder ein theoretisches Modell noch ein empirisches Beispiel für eine moderne Gesellschaft, die die zivilisatorischen Merkmale Freiheit, Demokratie, Rechtstaatlichkeit, Sozial-, Bildungs- und Gesundheitsversorgung bei gegenüber heute stark reduzierten ökologischen Belastungen realisiert. In der folgenden Abbildung sind Länder aus verschiedenen geopolitischen Regionen nach ihrem »Human Development Index« (horizontale Achse), der Einkommen, Lebenserwartung und Bildung in den jeweiligen Ländern abbildet, und dem jeweiligen »ökologischen Fußabdruck« (vertikale Achse) dargestellt, gemessen in globalen Hektaren pro Kopf.

Quelle: Berechnungen basierend auf WWF (2012)

Graphik: La Loma

Die Abbildung zeigt, dass Länder, die gemessen am »Human Development Index« ein sehr hohes Niveau der menschlichen Entwicklung aufweisen, zugleich einen ökologischen Fußabdruck haben, der weit über einem nachhaltigen Niveau liegt. Umgekehrt ist es um die humanitäre Entwicklung von Ländern, bei denen die Umweltbelastungen pro Kopf ökologische Grenzen nicht überschreiten, gegenwärtig sehr schlecht bestellt. Und nicht ein einziges Land findet sich in dem Feld der Graphik, das sich durch einen sehr hohen menschlichen Entwicklungsstandard und ein nachhaltiges ökologisches Belastungsniveau auszeichnet. Genau die Zusammenführung dieser beiden Ziele wäre aber das Kennzeichen einer nachhaltigen Republik.

Wachstumswirtschaft und Nachhaltigkeit

Das Prinzip der Wachstumswirtschaft erfordert einen ständigen Mehraufwand an Material und Energie. Die dafür notwendige stoffliche Substanz lässt sich nicht durch noch so viel Digitalisierung und Effizienzsteigerung ersetzen. Diesen systemischen Grundwiderspruch löst unsere Gesellschaft, indem sie Nachhaltigkeit jeweils an das Ende der Wertschöpfungskette verlegt – also nicht zuerst danach fragt, ob ein Produkt nötig ist, sondern seine Notwendigkeit selbstverständlich voraussetzt, es aber mit einer Art Nachhaltigkeitsornament verziert, wenn es fertig ist. Also: Der Kühlschrank ist technologisch energieeffizienter gemacht worden, wird aber schneller ersetzt werden als das Vorgängermodell. Die Frage, ob nicht eine Verlängerung des Produktzyklus oder die Verringerung der zu kühlenden Menge an Nahrungsmitteln eine »nachhaltigere« Lösung wäre, tritt gar nicht erst in den Blick, denn prioritär ist es ja, mehr Kühlschränke zu verkaufen; die Effizienzerhöhung wird zum Argument, den alten Kühlschrank zu ersetzen. Bei Autos heißt das dann »Blue Motion« oder »Blue Tec« – Namen und Siegel werden fast jeden Tag dazu erfunden. Davon gibt es mittlerweile so viele, dass eigens ein »Institut für Siegelklarheit« geschaffen wurde, das vermutlich ein weiteres Siegel für besonders klare Siegel entwickeln wird. Schon dieses nur scheinbar merkwürdige Beispiel deutet den Grundsachverhalt an, dass moderne Gesellschaften zur Problemlösung neue Institutionen schaffen, also Aufwand erhöhen, statt ihn zu reduzieren.

Hierzu noch ein besonders hübsches Beispiel: Als die deutsche Wissenschaftsministerin aufgrund der Nähe des Neubaus ihres Ministeriums zum Berliner Hauptbahnhof die Elektroautos für innerstädtische Wege kurzerhand abschaffte, wurde sie dafür kritisiert. Warum? Das Elektroauto sei doch die Mobilität der Zukunft – dass ausgerechnet das Forschungsministerium sie abschaffe, sei daher empörend. Dass die Mobilität der Zukunft vor allem weniger Mobilität durch eine andere Organisation von Lebens- und Arbeitswelt sein könnte, tritt bei einer solchen Optik gar nicht erst in den Blick, und das gilt ganz grundsätzlich: So gut wie nie wird die Frage nach einem Rückbau von Infrastrukturen und vorhandener Technologie gestellt; so gut wie immer wird der Status quo zum Ausgangspunkt für »Verbesserung«, »Optimierung«, »Effizienzsteigerung« genommen.

Eine nachhaltige Republik müsste aus dieser Logik ausbrechen und vor jeder planerischen Maßnahme, egal ob von staatlicher oder privater Seite, zunächst eine Erinnerungsübung einschieben, die einfach so formuliert ist: »Was war noch mal die Frage?« Tatsächlich gibt es Beispiele für ein solches Vorgehen: Das vielleicht prominenteste lieferten die französischen Architekten Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal, die im Rahmen eines Wettbewerbs zur Neugestaltung eines Platzes in Bordeaux vorschlugen, den Platz zu lassen, wie er war, und die verfügbare Bausumme in die regelmäßige Pflege zu investieren. Sie gewannen den Wettbewerb; der Platz sieht bis heute so aus, wie er seit jeher war.

»Das Bauen«, sagt Jean-Philippe Vassal, »kann man auf eine sehr materielle und systematische Art sehen, weil man mit Ziegeln, mit Beton, mit Stahl und Fenstern baut. In unserer Auffassung von Architektur bedeutet Bauen aber vor allem: nachdenken. […] Das Errichten einer Stimmung durch neue Atmosphären, die wir hinzufügen, aber auch unter Verwendung der Atmosphären, die bereits da sind: Das können die Qualitäten der Sonne sein, der Luft, der Blickbeziehungen oder eben der Bäume, der Landschaft und der Menschen, die wir vorfinden. Was sind die sozialen Gegebenheiten vor Ort? Das ist auch ein Element des Bestands, mit dem man sich auseinandersetzen muss. Erst im zweiten Schritt fügen wir neue Materialien dazu. Aber wir kümmern uns auch sehr um unsichtbare Materialien wie Gerüche, Atmosphären, Wärme und Luftbewegungen. Auf diesem Niveau spielt sich für uns das Bauen ab.« (Vassal 2012)

Natürlich gehört zu einem um die Wahrnehmung erweiterten Begriff des Bauens dazu, die Lebenssituationen der Anwohner vor Ort und ihre Bedürfnisse zu berücksichtigen. Eine scheinbare Selbstverständlichkeit, die in aller Regel in Planungsprozessen eher unberücksichtigt bleibt – man muss hier nur daran denken, dass zum Beispiel Schulen geplant und gebaut werden, ohne je eine Schülerin nach ihren Vorstellungen und Bedürfnissen gefragt zu haben.

Alastair Parvin, ein Promotor von Open-Source-Architektur und der Erfinder des Wiki-House, das jedermann selbst bauen kann, hat in einem TED