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Neuausgabe des 2. Bandes der Nachtlampe aus dem Jahr 1854 mit Erzählungen, Sagen, Märchen und Gespenstergeschichten von Alexander von Sternberg. (transkribiert, überarbeitet, ergänzt und bebildert)
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Seitenzahl: 147
Veröffentlichungsjahr: 2026
Auf historischen Spuren mit Claudine Hirschmann
Die Nachtlampe II
Gesammelte kleine Erzählungen, Sagen, Märchen und Gespenstergeschichten
Alexander von Ungern-Sternberg
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transkribiert, überarbeitet, ergänzt und bebildert
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Erweiterte Ausgabe
Historisches Bucharchiv
2026
Vorbemerkung zur Neuausgabe
Der Balsam von Mekka
Geschichte Abdul Zaïbs
Locusta (Eine römische Geschichte.)
Günther
Die Klaviermamsell
Die Nase des Sultans
Verfasser: Alexander von Sternberg
Ausgewählte Werke
Bekanntschaft mit ... Claudine Hirschmann
Impressum
Das »Historische Bucharchiv« hat sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur Literatur vergangener Jahrhunderte zu sammeln, sondern diese zusätzlich aufzubereiten und zur Verfügung zu stellen. Mit der Reihe »Auf historischen Spuren« werden heutiger Leser eingeladen, auf Entdeckungsreise zu gehen und Bücher eigener Vorfahren kennenzulernen. Zur Veranschaulichung dient sorgfältig ausgewähltes Bildmaterial. Sollten sich bei einer weiteren Recherche kleinere Irrtümer ergeben haben, wurden diese schonend bereinigt, um den Schreibstil des Verfassers möglichst unverändert zu lassen und den Sprachgebrauch der damaligen Zeit zu erhalten. Ebenfalls wurden Anpassungen hinsichtlich der Orthografie vorgenommen. Denn lange Zeit schrieb man nach Gefühl oder herrschenden Meinungen und gelegentlich ein Wort innerhalb eines Text unterschiedlich. Erst im Jahre 1880 veröffentlichte Konrad Duden das erste deutsche Wörterbuch, welches sich nachfolgend als allgemein gültiges Regelwerk etablierte. Abschließend finden sich, soweit vorhanden, jeweils Angaben zur Biografie des Verfassers, die mitunter den Kontext des Inhalts zusätzlich verdeutlichen.
Das Buch basiert auf: Die Nachtlampe, Band 2. Verlag der Deckerschen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei, Berlin, 1854.
Abb. 1: Alexander von Sternberg (Adolph von Menzel)
Wenige Stunden vor Einbruch der Nacht kam ich in Prag an. Es war einer jener langweiligen verregneten Sonntage, die am Schluss von sechs hellen und freundlichen Wochentagen stehen wie die Neue eines Leichtsinnigen nach einem halben Dutzend lustiger und verderblicher Torheiten. Ich stieg im Gasthof ‚Zur goldenen Kugel‘ ab. Mein Gepäck ward hineingeschafft und mir ein Zimmer zur ebenen Erde angewiesen. Der Raum war hoch und gewölbt, und nichts weniger als anheimelnd. Eine alte düstere Tapete deckte Wände, die massenhaft und schwer ein hohes, turmartiges, mit Giebeln und Erkern reichlich versehenes Oberhaus zu tragen hatten. Der Fußboden war von Stein, mit einem Teppich belegt, der jedoch nicht ausreichte und in den Ecken des Gemachs Sprünge und Vertiefungen im Steingefüge sehen ließ, als wären überall Falltüren und geheime Kellereingänge angebracht. Eine Stunde brachte ich zu, meine Fantasie spazieren zu führen, und sie mir von den alten Geschlechtern berichten zu lassen, die hier gehaust. Dann aber zog mein brausender Teekessel mich in eine noch ziemlich wohnliche Ecke der Halle und ich ließ mich auf ein altertümliches Sofa nieder, das, was Bequemlichkeit anbetraf, einem Lager der frommen Einsiedler in der Thebais kühnlich einen Wettstreit eingehen können.
Abb. 2: La Tebaide, 1844 (Giuseppe Bernardino Bison)
Ich hatte bisher nicht bemerkt, dass ich nicht allein war. Dicht neben mir, nur durch eine vermorschte Tür, die ein kleines Schiebefensterchen hatte, gesondert, führte eine lustige Gesellschaft ein trinkendes, singendes und schwatzendes Leben, das sich bis tief in die Nacht hinein verlängern zu wollen schien. Die Stimmen klangen jugendlich, und ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, das Schiebefensterchen zu öffnen und mir meine Nachbarn zu betrachten. Es waren Studenten. Die große weitläufige Wirtsstube schien ihnen ganz allein eingeräumt. Nur wenige schattenhafte Gestalten saßen jenseits des ungeheuren runden Tisches, und verschwanden nach und nach, je deutlicher die Stille durch Glockenschläge von der nahen Kirche herüber das Kommen der eigentlichen nächtlichen Stunden verkündeten. Als der letzte Mitgast fort war, wurden frische Flaschen aufgesetzt, und die jungen Ritter der Tafelrunde gingen jetzt in die echte Gemütlichkeit über. Ich schob leise den Tisch mit meinem Teeapparat näher an die Tür, öffnete das Schiebefenster, und indem ich meinem aufgestützten Arm ein paar Ruhekissen unterschob, lehnte ich mich vor, sah durch das Fensterchen, schlürfte meinen Tee und hörte ganz behaglich zu, was jene sprachen.
Das Geplauder war über die Schätze und Annehmlichkeiten des Lebens hin gerollt. Der Gegenstand wurde gänzlich ohne Philosophie behandelt. Man gestand sich einstimmig, dass es weit vorzüglicher sei und einem Mann anständiger, ein schönes Reitpferd zu besitzen, einen bequemen Wagen und eine hübsche Geliebte sein zu nennen, als lange Winternächte hindurch über einen hebräischen Buchstaben zu grübeln. Diese Betrachtungen hatte eine dickleibige Flasche ihren Untergang zu danken, die ein Hunderttausendveilchen irgendeines köstlichen Weinjahres in ihrem Inneren geborgen hatte.
Plötzlich rief eine Stimme lauter als alle anderen: „Wisst ihr, was ich denke?“ Eine Stille erfolgte, und der Sprecher fuhr fort: „Ich will es euch sagen: Alles, was ihr da vorgebracht habt, ist doch nichts, beim Licht besehen. Ein Vergnügen, eine Seligkeit bleibt uns doch immer verschlossen. Der Reichste wie der Ärmste, der Klügste wie der Dümmste kann sie nicht erlangen, und ich fürchte sehr, meine Brüder, gerade dieses verbotene Glück, das wir auf keine Weise kosten können, ist das Herrlichste, Wünschenswerteste. Ich sage nichts weiter – als ich wünschte, zaubern zu können.“
„Also dies wäre das Glück?“, fragten einige Stimmen.
„Nein“, fuhr der Sprecher fort, „ich sage nur, ich wünschte, zaubern zu können, um jenes uns versagte Glück mir, euch, allen Männern zu verschaffen.“
Man rückte näher zusammen. „Was kann es sein?“, murmelten die mir zunächst Sitzenden. Weder der Reichste noch der Ärmste kann es erlangen, weder der Klügste noch der Dümmste? In diesen Kreis ist ja alles menschlich Erreichbare eingeschlossen.“
„Du wirst doch nicht ein Engel werden wollen?“
„Etwas dem Ähnlichen!“, entgegnete der junge Redner, indem er stolz und lachend das Haupt zurückbeugte. „Mit einem Wort, ich möchte ein – Weib werden.“
Der ganze Kreis brach in ein schallendes Gelächter aus. „Ein Weib. Ein Weib will er werden! Oh, freilich auf dieses Wunder von einem Wunsch waren wir nicht vorbereitet.“ – So riefen die Jünglinge und lachten laut, die vollen Gläser schwingend.
„Hört mich an, ehe ihr mich verurteilt“, nahm der Sprecher das Wort. „Genuss ist unsere Losung! Das haben wir kundgetan. Wir wollen das frische, schöne, volle Leben genießen, war es nicht so? Nun fragt es sich, welches der beiden Geschlechter genießt besser, voller, kräftiger, schöner?“ – „Wir Männer ohne Zweifel“, riefen alle. – „Das ist durch nichts entschieden!“, entgegnete der Sprecher. „Die Frauen können ganz dasselbe sagen. Es ist zum Beispiel nicht zu leugnen, dass wir eine leibliche angenehme Empfindung haben, wenn wir eine schöne Frau betrachten, aber können diese schönen Frauen nicht eine tausendmal, was sag ich, eine Millionen Mal angenehmere Empfindung haben, wenn wir sie uns betrachten?“
Man senkte lächelnd die Köpfe, man murmelte ein dumpfes: „Hm, hm“, und eine Stimme sagte: „Das könnte wohl sein.“ Sogleich fielen alle lachend über diesen einen her, rufend: „Das sagt Cyrill! Das hat der eitle Cyrill gesagt! Seht, wie er rot wird! Er möchte gern ein Mädchen, um sich nach Herzenslust bewundern zu lassen!“
Der Verspottete wandte sich schnell zum Sprecher, in dem er rief: „Dein Wunsch ist bald erfüllt, Urban. Stecke dich in Frauenkleider, lass dir den Bart abnehmen, setze ein Häubchen auf, so hast du, was du willst. Aber bei all dem glaube ich, dass du ein erbärmliches Mädchen abgeben würdest.“ – „Du hast mich sehr schlecht begriffen“, entgegnete Urban, „wenn du meinst, dass nur ein gewöhnlicher Maskenscherz meinem Sinn vorschwebt. Nein, ich will durch und durch, bis in die Fingerspitzen hinein Weib sein. Ich will empfinden wie ein Weib, ich will denken, fühlen – kurz, alles tun und treiben, wie es ein Weib tut.“ – „Kurios!“, riefen die Stimmen. – „Wir kennen“, fuhr ein Sprecher fort, „immer nur eine Seite der Menschheit, nur die, zu der wir selbst gehören. Das ist unser einseitiges Wissen, und dabei kann unmöglich etwas Rechtes herauskommen. Wir müssen die andere Seite auch kennenlernen. Wie kann ich über die Gedanken und Empfindungen einer Frau aburteilen, da ich selbst nie eine gewesen? Freilich, das Geschlecht macht uns Geständnisse, wir erfahren aus diesen so ziemlich genau, dass dasselbe bei ihnen Lust und Schmerz heißt, was wir so nennen, und dennoch, welch unendlich weiter Unterschied kann zwischen ihren und unseren Empfindungen sein! Die Männer in ihren Zweifeln über das eigentliche Wesen der Frauen sind ja so weit gegangen, dass sie in ihnen gänzlich von sich verschiedene Geschöpfe erblicken wollen. Mehr als eine Kirchversammlung beschäftigte sich mit diesem Thema, und das Konsilium zu Mon ging so weit, zu debattieren, ob Frauen auch Menschen seien. Das alles hätte nicht vorkommen können, wenn wir Männer nicht von jeher in den Frauen eine uns fremde, besondere Natur geahnt hätten. Ich fasse meine Sätze kurz zusammen und behaupte demnach: Nur der Mensch kann sich einer gründlichen Kenntnis menschlicher Dinge rühmen, dessen Leben achtzig Jahre dauert und der vierzig Jahre davon Frau gewesen ist.“
Die nächsten Nachbarn des Sprechers bemerkten, gegen diesen Satz lässt sich viel einwenden, und der eitle Cyrill rief, er wolle denn die ersten vierzig Jahre als Weib zu existieren sich ausbitten, indem sehr wenige weibliche Erfahrungen von der angehenden Art übrigbleiben möchten, wenn das Frauentum erst mit dem vierzigsten Jahr anfangen sollte. Man gab ihm hierin recht. – Plötzlich riefen alle: „Ja, wir möchten Weiber sein, wenn auch nur auf eine Stunde.“ – Der Sprecher sah sie verächtlich an. „Ihr möchtet!“, rief er: „Ich glaube es, so weit bin ich schon längst gewesen, und ich hätte nicht das Wort ergriffen, um vor euch zu predigen, wenn ich nicht sagen könnte: „Ich möchte – und ich kann auch.“ – „Er schwatzt Unsinn!“, riefen einige, und andere sich vordrängend, fragten: „Wie, Urban, hast du einen Zauberer gefunden? Ist dir eine Hexe begegnet? Hast du mit einem Dämon Freundschaft geschlossen?“ – „Still, Freunde! Lasst erst die Glocken ausschlagen, ihr hört, sie schlägt eben zwölf Uhr.“
„Es ist in meiner Familie, hob ein schalkhafter blonder Jüngling an, ein seltsamer Fall erlebt worden. Meine Urgroßmutter ist von einem erzürnten Magier – ach, ich darf kaum sagen, in was verwandelt worden.“ – „So sprich doch, Stephan! In was verwandelte der Magier deine Urgroßmutter?“ – „In ein Meerschweinchen.“ – „Blieb sie lange in diesem Zustand?“ – „Man sagt dreißig Jahre. Doch behielt sie ihre Sprache und setzte ihr Testament auf, legte sich hin, segnete uns alle und starb.“ – „Mein Urgroßvater, nahm ein anderer Student das Wort, wurde in einem holländischen Käse verwandelt und meine Urgroßmutter, dies nicht wissend und sehr genäschig nach Käse, schnitt sich im Geheimen ein Stück davon ab, das sie mit großem Appetit verzehrte. Als der Urgroßvater bald wieder zu seiner gewöhnlichen Gestalt, fand sich es, dass ihm ein großes Stück aus der rechten Wange fehlte.“ – „Ihr übertreibt spottend“, rief Cyrill, „auf diese Weise kommen wir nicht zum Ziel. Es ist die Frage, ob es überhaupt magische Mittel gibt, durch deren Hilfe wir unsere Gestalt, ja sogar unser ganzes Wesen verändern können. Gebt Acht, Urban hat ein Buch hervorgebracht, in morschem rotem Einband. Wir wollen hören, was er uns daraus vorzutragen haben wird.“
Die Aufmerksamkeit der Tafelrunde war jetzt auf Urban gerichtet, der schweigend und mit starrem Blick dasaß, einen mäßigen Folioband, wie es mir schien, mit vergilbten Pergamentblättern gefüllt, vor sich haltend. Er erhob seine Stimme feierlich, und indem er sich im Kreis umsah, rief er: „Habt ihr jemals schon gehört von einem wundersamen Elixier, welches man den ‚Balsam von Mekka‘ nennt?“ – „Noch nie“, lautete die Antwort. – „So erfahrt, dass es einen solchem Wundertrank gibt, der Männer in Frauen, und umgekehrt, Frauen in Männer verwandeln kann und dass dieser Wundertrank ‚Balsam von Mekka‘ heißt, aus keinem anderen Grund, als weil Mohamet, der Prophet, sich zum ersten Mal desselben bedient haben soll. Als er die Reise mit dem Engel Gabriel durch die sieben Himmel machte, gab ihm, als sie zur Erde zurückgekehrt waren, der Engel ein Fläschchen, gefüllt mit einer dunkelroten Flüssigkeit, lehrte ihn die Bereitung und nannte ihm die Eigenschaft derselben. Der Prophet empfing dankbar diese Gabe. Es leuchte ihm ein, da er erschienen war, um das Glück der Menschheit zu gründen, so sei es nötig, in doppelter Natur, als Weib wie als Mann das sterbliche Geschlecht zu erforschen, seine Gebrechen, teils angeboren, teils angelernt, in allen ihren mannigfachen Beziehungen zu ergründen, umso allgewaltig dessen Erretter und Beförderer zu werden.
„In der Einsamkeit eines heiligen Hains bei Medina lebte er sechs Jahre als das Weib eines niederen Tagelöhners, dem er sieben Töchter gebar.
Abb. 3: City Al-Medina, 1895
Als er aus dem Stand des Weibes genugsam Lehre gesammelt, verwandelte er sich wieder in einen Mann und Krieger. Als seine Heereszüge später ihn in jenen stillen Hain zurückführten, nahm er die sechs Mägdelein, die er selbst geboren und die unterdessen zu stattlichen Jungfrauen herangeblüht waren, unter die Zahl seiner Gemahlinnen auf. Alles dies ließ Allah in seiner unerforschlichen Weisheit zu, in der Absicht, damit sein Prophet jegliches irdische Band und Verhältnis kennenlerne. Diesen Erfahrungen Mohamets verdankt der Bekenner des Islam jene klugen Gesetze, die den Frauen dem Mann gegenüber einer so untergeordneten Stellung anweisen, denn der Prophet, der selbst Weib gewesen war, wusste ohne Zweifel, welch ein Dämon der Herrschsucht und der wilden Laune im Herzen eines Weibes eingeschlossen ist, der sich nur bändigen lässt durch Einsamkeit und schwere Mutterpflichten.“
„Das ist seltsam“, riefen die Freunde. Wo hast du das alles her?“ – „Aus diesem Buch, wo noch viel mehr steht“, entgegnete Urban. – „Und wie kommst du in den Besitz des Buches?“, fragte Cyrill. – „Das ist es, was ich euch jetzt erzählen will und was das Wunderbarste ist, das ich in meinem Leben erfahren habe und je erfahren werde. Rückt näher zusammen.“
Auch ich rückte näher an das Schiebefenster, durch welches ich das jugendliche, schöne, belebte Gesicht des Sprechenden genau betrachten konnte. Er warf die dunklen Locken, die seine Stirn beschatteten, zurück, leerte sein Glas, und die schmalen Hände kreuzweise auf den mystischen Pergamentband gelegt, hob er an. „Es sind jetzt gerade drei Wochen, als ich eines Abends spät, vom Hradschin herabkommend, in die kleine Gasse einlenkte, die zum Platz des heiligen Nepomuk hinführt. Ich eilte sehr, denn ein Freund erwartete mich auf der Moldaubrücke und es dunkelte schon stark. Wie ich so mit meinen Büchern unterm Arm mehr hinfliege als gehe, fühle ich mich von jemanden am Rockschoß gehalten. Unwillig mich umwendend, sehe ich nur halb deutlich eine kleine, zusammengekrümmte Gestalt, die sich im Schatten der Häuser und unter den Dächern der Kaufläden dahin schiebt und immerdar heiser und mit verworrenem Ruf meinen Namen nennt. Ich trete auf dieses Wesen zu und frage barsch: „Was beliebt?“ Der arme Kleine erschrak so heftig, dass wenig fehlte, er wäre in den Drachenkopf einer nahen Dachrinne geschlüpft. „Nichts für ungut, gnädiger Herr“, rief er. „Ich wollte nur fragen, ob Ihr nichts zu schachern habt. In meinem Haus, das nicht weit entfernt von hier ist, habe ich mancherlei alten und neuen Kram. Vielleicht gefällt euch etwas darunter, und wir machen einen Handel.“
Abb. 4: Hradschin, 1902 (Nelly Erichsen)
Abb. 5: Moldaubrücke (Vincenc Morstadt)
Ich frage ihn, wie er mich kenne, und er erwidert, er habe mich neulich bei Gelegenheit einer Prozession gesehen. Mein Wesen und meine Gestalt seien ihm aufgefallen, er habe nach meinem Namen gefragt und ihn erfahren. Während er diese Worte vorbrachte, sah er mich von der Seite mit eigentümlich zwinkernden und hin und her spielenden Augen an. Seine Hände ruhten in der Tasche und es schien, als klimpere er mit allerlei Sachen, mit Münzen und Ringen. Seine Kleidung war die jener dürftigen Armenier, die unsere Messen beziehen und sich streng abgesondert von allen übrigen Konfessionen halten, und die das gemeine Volk, ich weiß nicht aus welchem Grund, Hexenkünstler nennt. Es ist wahr, dass die ganze Sippschaft etwas Unheimliches hat. Man sieht sie nie froh oder munter unter sich, sie schleichen fast alle auf eine ähnliche Weise wie mein Kleiner in unseren Straßen umher. Nur muss ich gestehen, dass das Exemplar, welches mir jetzt unter die Hände kam, sicherlich das kleinste, dürftigste und zerrissenste von allen war.
„Mein Freund“, sagte ich, indem ich mich von ihm loszumachen suchte, „ich kann von deinem Kram nichts brauchen und habe noch dazu keine Zeit, mich mit dir abzugeben, denn es erwartet mich jemand.“ – „Dieser Jemand“, erwiderte er rasch, „wartet nicht mehr auf euch. Er ist schon seines Weges gegangen, und Ihr werdet nicht zehn Schritte tun, so begegnet Ihr ihm, im Begriff mit sechs Genossen in ein Weinhaus zu gehen.“
Ich lachte, denn ich wusste, dass mein Freund keine Weinhäuser besuchte, und noch gewisser wusste ich, dass er, ohne mich gesprochen zu haben, den Platz auf der Brücke nicht verlassen würde. Doch was geschah? Kaum hatte ich mich vom Alten losgemacht und war um die Ecke gebogen, so kam mir Laurenz entgegen, richtig im Gefolge von sechs Zechbrüdern, die ihn beredet hatten, das Fest der Erinnerung, ich weiß nicht welches glücklichen Jugendstreiches, zu begehen. Er machte flüchtig seine Entschuldigung, dass er mich nicht habe erwarten können, und verschwand alshalb mit seinem Gefolge im dunklen Eingang der Schenke. – Dieser Vorfall erstaunt mich. Ich stehe mitten in der Straße und grüble. Der erste Entschluss, den ich fasse, ist, dem Armenier nachzusehen. Mit wenigen Schritten bin ich wieder am Platz, wo ich ihn verlassen. Er ist nicht mehr da. Ich renne die Straße hinab und sehe ihn endlich zu meiner Freude beim Dämmerlicht des Mondviertels auf der Steineinfassung eines alten wasserlosen Brunnens sitzen. Wie er mich sah, setzte er, als wenn er gar nicht wäre unterbrochen worden, sein früheres Gespräch fort und bot mir von Neuem an, ob ich nicht etwas zu handeln habe. Jetzt ging ich auf seinen Vorschlag ein. „Lass mich sehen, welche Schätze deine Wohnung birgt“, sagte ich.
