Die Nachtlampe IV - Claudine Hirschmann - E-Book

Die Nachtlampe IV E-Book

Claudine Hirschmann

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Beschreibung

Neuausgabe des 4. Bandes der Nachtlampe aus dem Jahr 1855 mit Erzählungen, Sagen, Märchen und Gespenstergeschichten von Alexander von Sternberg. (transkribiert, überarbeitet, ergänzt und bebildert)

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Seitenzahl: 165

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Auf historischen Spuren mit Claudine Hirschmann

Die Nachtlampe IV

Gesammelte kleine Erzählungen, Sagen, Märchen und Gespenstergeschichten

Alexander von Ungern-Sternberg

___________________________

transkribiert, überarbeitet, ergänzt und bebildert

_______________________________________

Erweiterte Ausgabe

Historisches Bucharchiv

2026

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung zur Neuausgabe

Alfieri (eine dramatische Skizze)

Die Fürstin Lapuchin und Diderot

Die sieben Nächte in der Haideschänke (Erzählungen aus dem Volksglauben)

Verfasser: Alexander von Sternberg

Bekanntschaft mit ... Claudine Hirschmann

Impressum

Vorbemerkung zur Neuausgabe

Das »Historische Bucharchiv« hat sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur Literatur vergangener Jahrhunderte zu sammeln, sondern diese zusätzlich aufzubereiten und zur Verfügung zu stellen. Mit der Reihe »Auf historischen Spuren« werden heutiger Leser eingeladen, auf Entdeckungsreise zu gehen und Bücher eigener Vorfahren kennenzulernen. Zur Veranschaulichung dient sorgfältig ausgewähltes Bildmaterial. Sollten sich bei einer weiteren Recherche kleinere Irrtümer ergeben haben, wurden diese schonend bereinigt, um den Schreibstil des Verfassers möglichst unverändert zu lassen und den Sprachgebrauch der damaligen Zeit zu erhalten. Ebenfalls wurden Anpassungen hinsichtlich der Orthografie vorgenommen. Denn lange Zeit schrieb man nach Gefühl oder herrschenden Meinungen und gelegentlich ein Wort innerhalb eines Textes unterschiedlich. Erst im Jahre 1880 veröffentlichte Konrad Duden das erste deutsche Wörterbuch, welches sich nachfolgend als allgemeingültiges Regelwerk etablierte. Abschließend finden sich, soweit vorhanden, jeweils Angaben zur Biografie des Verfassers, die mitunter den Kontext des Inhalts zusätzlich verdeutlichen.

Das Buch basiert auf: Die Nachtlampe, Band 4. Verlag der Deckerschen Geheimen Ober-Hofbuchdruckerei, Berlin, 1855.

Abb. 1: Alexander von Sternberg (Adolph von Menzel)

Alfieri (eine dramatische Skizze)

Personen

Lord Seymourville. Lady Seymourville. Mistress Primrose. Clarence. Herefort. Lord Axminster. Lenore, Kammerfrau und Haushofmeister sowie John, Gärtner im Dienst des Lord Seymourville. Dr. Blunt, Rechtsgelehrter. Ein Arzt. Alfieri. Salucci. Äbtissin. Nonnen. Gäste. Dienerschaft. Volk.

Erster Akt

Erste Szene

Altertümlicher Gartensaal. Lady Seymourville und Mistress Primrose beim Frühstück. Clarence hinter dem Stuhl der Lady.

Mistress Primrose

Wir frühstücken täglich fünf Minuten später. Womit soll das enden?

Lady Seymourville

Mit dem Tod! Damit endet alles. Oder wie Hamlet sagt: Das End' ist Schweigen.

Mistress Primrose

Wer ist Hamlet?

Lady Seymourville

Ein Prinz von Dänemark.

Mistress Primrose

Das ist etwas anderes. Ein Prinz hat immer recht.

Lady Seymourville

Versteht sich, liebe Mistress. Ich bitte mir noch ein Stück von der Pastete aus.

Mistress Primrose

Mit vielem Vergnügen. Wo lebte dieser Prinz von Dänemark, Mylady?

Lady Seymourville

Ich fürchte nirgends. Im Kopf eines Dichters.

Mistress Primrose

Da möchte ich doch lieber in eines Dichters Herzen wohnen.

Lady Seymourville

Zu unruhig, liebe Mistress, zu lärmend! Alle Stunden ziehen neue Gäste ein, und räumen alte aus. Und dann lieb' ich auch nicht verbrauchte Gasthofzimmer. Noch etwas Pastete.

Mistress Primrose

Mylady haben einen vortrefflichen Appetit aus Frankreich mitgebracht.

Lady Seymourville

In Paris aß ich wenig, man hat dort an andere Dinge zu denken, man vergisst das materielle Bedürfnis, der Geist lebt in einer fortgesetzten Aufregung. Aber hier -- in dem düsteren Land der Nebel und der Fuchsjagden -- fasst einen der Hunger. Man muss essen und -- schlafen. (sie gähnt.)

Mistress Primrose

Eure Herrlichkeit versündigen sich. Alt-England ist das schönste Land der Erde, ein Juwel der Schöpfung.

Lady Seymourville

Arme Schöpfung. (sich umsehend) Wo ist der Wein, den ich aus Frankreich mitgebracht?

Clarence

(Mit einer Champagnerflasche) Hier Mylady. (Er öffnet die Flasche und gießt ein.)

Mistress Primrose

Wie das knallt! Gleich einem Pistol. Man muss Mut haben, um von diesem Wein zu trinken.

Lady Seymourville

Kosten Sie ihn nur.

Mistress Primrose

Ich werd' mich hüten. Es ist der Wein des Antichrists, den die Ketzer trinken.

Lady Seymourville

Es wird kein anderer in Paris jetzt getrunken. Die Schöngeister haben ihn in Mode gebracht. Man serviert ihn bei den kleinen Soupers, und ich kenne Damen, die sich darin berauschen.

Mistress Primrose

Da bleibe ich bei meinem Gläschen Claret. Das ist so hergebrachte Sitte. Bei Ale und Claret sind unsere Voreltern alt geworden. Ehrbarkeit ist eine schöne Tugend, Lady, und Ehrbarkeit findet man nicht am Ufer der Seine. Alles, was Alt-England an bösen Sitten aufzuweisen hat, ist ihm von dorther gekommen. Wenn keine Schiffe zwischen Calais und Dover gingen, wären unsere Männer keine Hecken und unsere Frauen -- (sich plötzlich besinnend und zu Clarence gewendet) Bringen Sie mir meinen Arbeitsbeutel, Sir. Er muss auf dem Marmortisch im Saal liegen.

Lady Seymourville

Warum schicken Sie ihn fort?

Mistress Primrose

(Clarence ab) Es will sich nicht schicken, Mylady, dass der junge Mensch anhöre, was wir so eben besprachen.

Lady Seymourville

Er ist ja ein Kind.

Mistress Primrose

Kein Kind mehr. Seit den drei Jahren, dass Eure Herrlichkeit entfernt waren, ist er mächtig emporgeschossen. Sehen Sie ihn nur an.

Clarence

(tritt ein und übergibt den Beutel)

Lady Seymourville

(Ihn fixierend) Es ist wahr. Du bist stark gewachsen, Clarence.

Clarence

(Sich verbeugend) Wenn ich nur in Eurer Gunst wachse, gnädige Frau.

Lady Seymourville

Das wirst du. Ich wüsste nicht, weshalb ich dir meine Gunst entziehen sollte. Hast du etwa in meiner Abwesenheit dich nicht so geführt, wie du solltest?

Mistress Primrose

Er hat sich, brav und ehrenwert betragen. Dies Zeugnis kann ich geben.

Lady Seymourville

Das ist mir lieb zu hören. Mistress Primrose lässt sich durch nichts täuschen, nicht durch Jugend, nicht durch Wohlgestalt.

Mistress Primrose

Durch nichts, Mylady, denn ich weiß, dass alles eitel ist. Es steht geschrieben, dass unser Leib vergehen soll wie Heu, dass unsere Wohlgestalt verwandelt wird in Staub.

Lady Seymourville

Das ist erbaulich.

Mistress Primrose

Apropos erbaulich. Trägt man noch Poschen in Paris? Ich trug in meiner Posche stets ein kleines Andachtsbuch, das mir Mylord, Ihr Vater seliger, Mylady, schenkten. Nun, trägt man noch Poschen?

Lady Seymourville

Nein, doch statt ihrer Capuchons.

Mistress Primrose

Was ist das?

Lady Seymourville

Das sind Mäntelchen von Seide, in die man Liebesbriefchen steckt.

Mistress Primrose

(Zu Clarence) Es ist mir, als hörte ich meinen Mops im Saal lärmen. Sehen Sie doch nach, Sir.

Lady Seymourville

(Clarence ab) Schon wieder wird er weggeschickt.

Mistress Primrose

Aber Mylady, wie können Eure Herrlichkeit nur in dieses jungen Menschen Gegenwart von Liebesbriefen sprechen. Das tut nicht gut. Ein solcher weiß von der Verderbnis dieser Welt noch nichts. Ich will wetten, dass er nicht einmal eine Ahnung hat von dem Dasein der kleinen sündigen Blätter, die man Liebesbriefe nennt.

Lady Seymourville

Wer weiß.

Mistress Primrose

Ich weiß es. Mylord Seymourville haben ihn streng gehalten. Er hat ihn absichtlich nie nach London kommen lassen, wenn die übrige Dienerschaft dorthin übersiedelte. Er ist hier auf dem Land geblieben. Alles, um des Knaben Unschuld zu bewahren. Dann hab' ich ihn fleißig angehalten zum Kirchgang und zum Bibellesen. So ist er denn, Gottlob, achtzehn Jahr geworden, ohne dass es dem bösen Feind gelungen ist, ihn auch nur mit einem Finger zu berühren.

Lady Seymourville

Schon achtzehn Jahr!

Mistress Primrose

Er wird es Morgen, und Morgen soll er auch an dem ersten großen Pferderennen teilnehmen und soll Mylords Lieblingsstute reiten. So ist's bestimmt.

Lady Seymourville

Er wird Euch Eure Mühe gewiss danken.

Mistress Primrose

Wir verlangen keinen Dank. Der selige Master Maxfort war ein Jugendgespiele Mylord Seymourvilles des Vaters. Als der Master auf dem Totenbett lag, übergab er ihm diesen, außer der Ehe gezeugten Sohn, und bat ihn ausdrücklich, ihn im niederen Stand, als einen Diener, erziehen zu lassen. Erst mit dem achtzehnten Jahr sollte er den Knaben frei geben, und ihm das Geheimnis seiner Geburt sagen, auch ihm zugleich sein Vermögen aushändigen. Das ist und das wird geschehen. Der Sohn hat gehalten, was der Vater versprochen. (Clarence tritt wieder ein.)

Lady Seymourville

(Aus einem Behälter etwas nehmend) Damit du siehst, Clarence, dass ich auch in der Fremde deiner gedacht, so nimm hier diesen Degen. Er ist kostbar und schön verziert und du kannst ihn zugleich brauchen, denn seine Klinge ist gut.

Clarence

(Der Lady die Hand küssend) Eure Herrlichkeit sind die Güte selbst. Wie glücklich macht mich dies Geschenk.

Lady Seymourville

Wie ich höre, erreichst du morgen dein achtzehntes Jahr und wirst somit aus unserm Dienste austreten. Da kannst du dann gleich die Waffe umtun.

Clarence

Ich werde nie aus Eurer Herrlichkeit Dienste ausscheiden - bei Gott, nein!

Mistress Primrose

Man fragt Sie nicht, Sir, was Sie tun werden. Welche Unbescheidenheit, Dienste anzubieten, ehe sie gefordert werden. Jetzt nehmen Sie das Gerät weg, Sir, und warten Sie im Vorzimmer. Mylord und die anderen Herren werden sogleich von der Jagd heimkehren. (Clarence ab) Jetzt, Mylady, noch ein Wort im Vertrauen, ehe wir gestört werden. Von wem war der Brief, den Sie gestern unter so geheimnisvollen Umständen empfingen? Er kam aus Paris, aber der Bote versicherte, dass er aus Regent-Street käme. Ist Paris plötzlich nach Regent-Street versetzt? --

Lady Seymourville

Ich fürchte fast.

Mistress Primrose

Was soll das heißen, Lady?

Lady Seymourville

Es soll heißen, dass ein Teil der Verführungen und des Glanzes, den Paris für mich ausgeübt, nach Regent-Street versetzt worden ist.

Mistress Primrose

Einer Ihrer Pariser Verehrer also?

Lady Seymourville

Der Liebenswerteste. Er hat Paris verlassen und ist mir nach England gefolgt.

Mistress Primrose

Grand Dieu! Wenn es ihm nur nicht einfällt, hierher zu kommen?

Lady Seymourville

Es wird ihm einfallen.

Mistress Primrose

Entsetzlich! Eure Herrlichkeit können dabei noch scherzen! Seit Menschengedenken ist kein Liebhaber auf Schloss Seymourville eingesprochen. Man hat seit einem Jahrhundert von keinem amourösen Abenteuer in diesen Mauern gehört. Und jetzt! Dabei sind Mylord eifersüchtig.

Lady Seymourville

Er wird nichts erfahren. Der Gast wird eine Verkleidung wählen.

Mistress Primrose

Eine Verkleidung! Als was denn? Ich werde keine ruhige Minute mehr haben, Mylady. Mylord ist zum Glück nicht scharfsichtig, aber andere sind es desto mehr. Es wird herauskommen! Geben Eure Herrlichkeit Acht, es kommt heraus.

Lady Seymourville

Nun und wenn auch! Ich mache die neue Pariser Sitte mit, ich bringe mir in diese Einöde einen Gesellschafter.

Mistress Primrose

Eine verwünschte Sitte, Mylady. Eine Sitte, die uns allen den Kopf kosten kann. Ach, und dieses Haus war so fromm, so züchtig. Nun erzählen Sie mir aber auch, wie heißt der Mann, wessen Standes ist er, wo lernten Sie ihn kennen?

Lady Seymourville

Sie sind sehr neugierig, Mistress.

Mistress Primrose

Du lieber Himmel, und muss man es nicht sein, wenn plötzlich so viel unerhörte Dinge um einen vorgehen! Still -- auf einen Augenblick! Es hört uns doch niemand? Nein es ist alles noch ruhig im Schloss. Nun, Mylady --

Lady Seymourville

Was ich zu sagen habe, lässt sichin ein paar Worten fassen. In den Gesellschaften zu Paris, die ich vorzugsweise gern besuchte, in denen der heiterste Ton, die lebendigste Laune, der feinste Geist und die graziöseste Ausgelassenheit herrschten, sah ich öfters einen jungen italienischen Grafen, der mir angelegentlichst den Hof machte.

Mistress Primrose

Einen Grafen?

Lady Seymourville

Aus einer sehr edlen, alten toskanischen Familie. Er war Herr großer Schätze und verschwendete mit dem liebenswürdigsten Übermut seine Reichtümer. Man sah ihn überall, wo es Gefahr gab. Er ritt die wildesten Rosse, die niemand anders zu bändigen wusste, er focht gut, tanzte und machte Verse. Seine Landsleute versicherten, schon jetzt sei sein Vaterland stolz auf diesen jungen Mann, und man prophezeie ihm eine große Zukunft, wenn er sich nur entschließen könnte, etwas geregelter zu leben und seine Zeit angestrengter den Studien und seinem Talent zu widmen. Der letztere Vorwurf war begründet, denn außer einem kleinen Verschen, das er hier und da auf ein paar schöne Augen, oder auf eine zierliche Hand machte, hat er, glaub' ich, während des ganzen Winters, dass ich ihn sah, keine Zeile geschrieben, und um in Büchern zu studieren, dazu hätte es der Zeit bedurft, die er unausgesetzt auf dem Pferd zubrachte, oder auf dem Fechtboden, oder in den Clubs. So oft versicherte er mich, er verachte England, das Volk, das Land seien ihm im gleichen Grad verhasst, er habe ein Gelübde getan, alle Länder der Erde zu bereisen nur England nicht. Jetzt ist er da, und zwar folgt er meiner Einladung.

Mistress Primrose

Wie, Mylady, Sie haben ihn eingeladen?

Lady Seymourville

Ich tat's, um ihn von seinem Hass gegen mein Vaterland zu bekehren, und nun, da er da ist, muss ich mir auch Mühe geben, mein Wort zu lösen. Das heißt, ich werde die Honneurs meines Landes machen.

Mistress Primrose

Wie heißt er?

Lady Seymourville

Graf Alfieri.

Clarence

(Clarence eintretend) Mylady, draußen wartet ein Mann, und wünscht vorgelassen zu werden.

Mistress Primrose

(Leise zur Lady) Alle gute Geister! -- Das ist er! Lady! -- Ach, welch ein Schreck durchfährt mein Gebein. Wohin soll ich mich flüchten? (zu Clarence) Wer ist es, Sir?

Clarence

Es scheint mir ein Handelsmann zu sein, der Stoffe zur Auswahl bringt.

Mistress Primrose

(beiseite) Der unschuldige Junge! Ein Handelsmann scheint es ihm zu sein. Und ich zittere und bebe.

Lady Seymourville

(Zu Clarence) Lass ihn herein. (Clarence ab)

Zweite Szene

Alfieri und Salucci. (beide verkleidet, der Letztere mit einem Packen, in Tücher geschlagen) Die Vorigen.

Mistress Primrose

(Leise zu Lady Seymourville) Ist er's?

Lady Seymourville

(Ebenso) Er ist's.

Mistress Primrose

Ich vergehe. Welch einen krausen, schwarzen Bart er hat, sicherlich falsch! Und sein Gefährte einen noch längeren Bart! Aber bei alledem, es scheinen artige Männer zu sein.

Alfieri

(Vortretend) Gnädige Damen, entschuldigen. Wir sind armenische Kaufleute, die nach London gekommen sind, um ihre Ware im Land des Reichtums mit gutem Vorteil abzusehen. Wir machen einen Streifzug auf die Landsitze. Dieses hier hat man uns geschildert als von schönen Damen und reichen, großmütigen Herren bewohnt.

Mistress Primrose

(Zur Lady) So sprechen Sie doch ein Wort, Mylady.

Lady Seymourville

(beiseite) Ich muss mir das Lachen verbeißen.

Mistress Primrose

(beiseite) Man kann die Leute aber doch nicht so stehen lassen. So muss ich – (laut) Was führen Sie denn für Ware, Sir? --

Alfieri

(Gibt der Lady Zeichen, die sie jedoch nicht verstehen will. Zu Mistress Primrose:) Schals und Tücher, von kostbarem indischem Gewebe. (Salucci breitet einige Tücher aus.)

Mistress Primrose

Wahrhaftig wundersam! Mylady. Betrachten Sie sich dieses Tuch.

Alfieri

(Leise zu Lady Seymourville) Entfernen Sie Ihre Begleiterin. Ich muss die ersten Minuten des Wiedersehens mit Ihnen ungestört zubringen dürfen.

Lady Seymourville

(Nach einigem Zögern) Liebste Mistress, bringen Sie doch gütigst aus meiner Garderobe meinen Schal herbei, wir wollen vergleichen.

Mistress Primrose

Eure Herrlichkeit zu Befehl! (Im Abgehen) Das sind französische Sitten!

Alfieri

(Zu Salucci) Folge dieser Dame. (Salucci ab)

Dritte Szene

Alfieri. Lady Seymourville. Alfieri

(Zu der Lady Füssen) Hier bin ich Pamela! Keinen Moment hat's mir Ruhe gegönnt ohne Dich. Und ich schwöre es, ich werde dich nie wieder verlassen!

Lady Seymourville

Unbesonnener! Graf, wir sind auf englischem Boden.

Alfieri

Einst verachtete ich diesen Boden! Seit du ihn betrittst, ist's auch meine Heimat.

Lady Seymourville

Wir sind nicht mehr in Paris.

Alfieri

Im Paradies sind wir, und wollen darin bleiben. Sechs lange, traurige Wochen habe ich deinen Anblick entbehrt, und du, Pamela, wie hast du gelebt ohne deinen Vittorio? Sage mir, dass du während dessen dich mit mir beschäftigtest, dass deine Träume mein Bild aufsuchten.

Lady Seymourville

Wenn Sie mich schonen wollen, lieber Graf, wenn Sie der Stimme der Klugheit Gehör geben wollen.

Alfieri

Nun?

Lady Seymourville

So lassen Sie uns nicht hier beisammen sein. -- Sie kennen die Verhältnisse nicht, nicht das Landleben! Nochmals, wir sind nicht in Paris. Wir wollen in London zusammentreffen! -- Mein Gott, man kommt! -- Fassen Sie sich.

Clarence

(Eintretend) Es sind Gäste angelangt, Mylady.

Lady Seymourville

Führe sie in den Saal. (Clarence ab) Wenn Ihnen meine Ruhe lieb ist, Graf, so verlassen Sie dieses Landhaus. noch in dieser Stunde.

Alfieri

Nimmermehr.

Mistress Primrose

(Eilig) Mylady, man sieht auf der Höhe schon die Jagdgesellschaft. Sie wird sogleich hier sein. Wir müssen diese Leute entfernen. (zu Salucci, der ihr gefolgt ist) Wenn's beliebt, Sir, so warten Sie unten in der Halle, bis auf Weiteres. (ab mit Lady Seymourville)

Vierte Szene

Alfieri. Salucci.

Alfieri

Nun Antonio, du hast sie gesehen, billigst du meine Wahl?

Salucci

Sie ist schön.

Alfieri

Und das sagst du so kalt, als wenn du von einem toten Bildwerk sprächest? Dieses Weib, Antonio, kann einen um seine gesunden Sinne bringen.

Salucci

Ich habe dich auch längst als einen Kranken betrachtet.

Alfieri

Wie, noch immer dieser Trotz? Du hast sie gesehen und entschuldigst mich nicht?

Salucci

Wenn ich's täte, würdest du dich selbst entschuldigen? Es gibt Taten, für die nur die Jugend, der augenblickliche Taumel einen Entschuldigungsgrund darbietet.

Alfieri

Nun denn, ich bin jung und handle wie ein Entzückter.

Salucci

Bis hierher. Allein wenn du weiter gingest, würdest du wie ein Rasender handeln.

Alfieri

Antonio!

Salucci

Bis hierher bin ich dir gefolgt. Jetzt erwarte ich von dir, dass du umkehrst. Wir haben den Becher der Torheit bis auf die Hefe geleert, diese auch noch zu kosten, davor soll uns ein gütiger Gott bewahren.

Alfieri

Was meinst Du damit?

Salucci

Dass wir wohl wie die Kinder mutwillig sein konnten, aber nicht wie Bösewichter lasterhaft.

Alfieri

Sittenprediger!

Salucci

Hier ist die Grenze, Vittorio. Ein Schritt weiter und sein Leichtsinn findet keine Entschuldigung mehr.

Alfieri

Als wenn eine schöne Frau lieben, ein Verbrechen wäre!

Salucci

Es gebt der schönen Frauen genug, die frei sind. Diese ist's nicht. Du erscheinst, um Bande zu lockern, die bis jetzt fest schlossen. Das Werk, das der Leichtsinn begann, wird das Verbrechen vollenden. Vittorio! Höre zum letzten Mal die Stimme der Freundschaft, kehre mit mir um. Lass uns in die Heimat zurück. Flieh diesen Boden, der dir keinen Segen bringt.

Alfieri

Das hat mir schon jener Wahrsager in Brescia gesagt. Ich würde in England ein großes Leid und eine empfindliche Schmach erfahren. --

Salucci

Diese Liebe ist schon eine Schmach. Es ist eines edlen Mannes unwert, Frauentugend anzugreifen.

Alfieri

Du sprichst wie ein alter Römer.

Salucci

Ich nenne mit Stolz das Vaterland des Virginius das meine.

Alfieri

Wir leben im achtzehnten Jahrhundert. Das Leben blüht in bunteren Farben, in wechselnderen Gestalten. Wer denkt noch an jene strenge asketische Tugend?

Salucci

Ich denke daran, und du dachtest daran, Vittorio, damals als wir, zwei Schüler im Lycão, in gemeinsamer Freundschaftsglut und begeistert von den Vorbildern der alten Heroen, gelobten ihnen einst gleich zu sein, Italien, dieses goldene Land der Helden und der Sänger, zu seinem alten Ruhm zu verhelfen, soweit es in unseren Kräften stehen würde. --

Alfieri

Woran mahnst du mich?

Salucci

Du ein Sänger, ich ein Schüler, dann ein Meister der Weisheit! –

Alfieri

Träume.

Salucci

Sie werden zur Wahrheit, wenn wir es wollen. Komm, diese Maske sei die letzte unwürdige Vermummung, die wir anlegten. Hinfort soll kein Spiel mehr uns vom Pfad des Ernstes hinweglocken.

Alfieri

Es ist wahr, gescherzt, getändelt hab' ich genug. Ganz Europa hab' ich durchwandert, den Stab des Momus in der Hand, überall hab' ich Ermüdung, Langeweile gefunden.

Salucci

Ein Wink zur Umkehr --

Alfieri

Bis denn dieses Weib - Horch! Ich höre ihre Stimme. Wir können hier nicht länger weilen. Nimm deine Sachen zusammen, lass uns eilen.

Salucci

Wir verlassen also dieses Schloss, wir gehen nach London zurück?

Alfieri

Es sei, nur noch einmal will ich sie sehen, von ihr Abschied nehmen.

Salucci

Besinne dich, Vittorio! Mich behältst du nicht länger bei dir. Ich verlasse dich. Der Himmel gebe, dass dein guter Genius nicht mit mir scheide. (beide ab)

Fünfte Szene

Clarence. Bald darauf der Haushofmeister. Dienerschaft. Lenore.

Clarence

(Den Degen in der Hand) Wie will ich prunken mit diesem Degen! Prunken? Nein, nicht prunken, ich will ihn durch edle, kühne Taten, wie sie einem Mann geziemen, einweihen, und der Welt damit zeigen, dass ich würdig bin, ihn zu führen, dass sie keinem Elenden ihn gegeben. Die Edelsteine hier am Griff, sie blitzen Feuer in meine Seele. Aber