Die Nähe, die wir suchen - Phillippa Penn - E-Book
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Die Nähe, die wir suchen E-Book

Phillippa Penn

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Beschreibung

"Du kannst so lange bleiben, wie du willst. Das weißt du, oder?" "Danke." Ich blinzele. Ich bin so gern bei ihm. Auch wenn es mich manchmal regelrecht zerreißt, ihm so nah, aber nie nah genug sein zu können. Romantik ist ihr Job: Woche um Woche fotografiert die 25-jährige Fiona Brautpaare. Privat sieht es weniger rosig aus: Nach einer Trennung ist sie nicht nur ihren Partner, sondern auch ihre Wohnung los. Sie strandet auf dem Sofa ihres besten Freundes Tomme. Er ist Florist und hilft ihr, heil durch die Hochzeitssaison zu kommen. Tomme ist für sie da und er lässt ihr geschundenes Herz höherschlagen. Aber das darf er nicht wissen! Für Tomme ist sie nur eine gute Freundin. Und vielleicht ist das besser so, denn gerade jetzt ergeben sich für Fiona spannende Chancen: Sie soll eine Fotostrecke für eine Fashion-Kampagne umsetzen. Das könnte ihr Ticket raus aus der Familienfotografie und raus aus der Kleinstadt sein. Zufällig ist da auch noch ein charmanter Werbemanager, der ihren Ehrgeiz versteht und ihre Ambitionen teilt. Fionas Neuanfang ist zum Greifen nah. Und sicher wäre es auch Tomme recht, wenn sie weiterzieht ... Oder?

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Über die Autorin

Phillippa Penn lebt mit ihrem Mann in einem Blockhaus, umgeben von einem bunt blühenden Garten. Wenn sie nicht gerade einen ausgedehnten Spaziergang macht, kann man sie mit einer dampfenden Tasse Kaffee am Schreibtisch erwischen. Zwei Jugendromane und vier Romanzen für Erwachsene hat sie dort schon verfasst. Mit Die Nähe, die wir suchen legt sie ihr sechstes Buch vor.

Erfahre hier mehr über Phillippa:instagram.com/phillippapennphillippapenn.de

Für alle, die noch suchen.

Für alle, die schon ganz nah dran sind.

Über dieses Buch

Vielen Dank, dass du Die Nähe, die wir suchen liest!

Dieser romantische Kurzroman soll ein Wohlfühlbuch für eine breite Leserschaft sein. Gleichzeitig ist mir als Autorin bewusst, dass sich nicht alle Menschen mit den gleichen Inhalten wohlfühlen.

Um dein Leseerlebnis so angenehm wie möglich zu gestalten, folgt hier deswegen der Hinweis auf potenziell belastende Themen:

Trennung/Trennungsängste

Konsum von alkoholischen Getränken

(alkoholbedingtes) Unwohlsein

Eifersucht

einvernehmliche, intime Momente

Konflikt und Entfremdung (in der Familie)

Diese Liste wurde nach bestem Wissen und Gewissen erstellt; sie erhebt jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Ich wünsche dir angenehme Lesestunden! Deine Phillippa

Inhaltsverzeichnis

Hier zu Hause

Besser so

Was sich neckt

Immer wieder sonntags

Freunde und Familie

Erst die Arbeit …

… dann das Vergnügen

Wiederholungen

Wie früher

Auf die Freundschaft

Nur ein Song

Nur ein Wort

Zerreißprobe

Einsicht

Erwartungen

Enttäuschungen

Chancen

Träume

Der Nabel der Welt

Wunderschön

Liebe meines Lebens

Epilog – Apfelblüten

1 – Hier zu Hause

„Wer kauft so viele Rosen?“

Die Frage stelle ich mehr mir selbst als meinem besten Freund, aber Tomme antwortet trotzdem.

„Verliebte“, kommt es von der Werkbank, an der er gerade einen Strauß bindet.

Ich mustere die Eimer, die den Raum säumen und vor üppigen Blüten überquellen. „Kitschig“, murre ich und schnaube. Ich puste meinen Kaugummi zu einer kleinen, pinken Blase auf und lasse sie platzen.

„Dieser Kitsch zahlt meine Rechnungen, Fio.“ Tomme schüttelt den Kopf und umwickelt die Blumenstiele in seiner Faust fest mit Bindedraht. „Und deine auch, übrigens.“

„Nicht mehr lange.“ Ich stelle meine Tasche auf dem Boden ab und massiere mir die Schulter, die den halben Tag vom Tragegurt eingeschnitten wurde. Unter dem dünnen Stoff meines T-Shirts fühlt sich die Haut ganz wund an.

„Ich fotografiere keine Hochzeiten mehr.“ Ächzend lasse ich mich auf einen herumstehenden Hocker fallen. „Nach dieser Saison nur noch Beerdigungen!“

Tommes Mundwinkel zucken, aber er schweigt. Er legt die Drahtrolle beiseite und schiebt die Ärmel seines Leinenhemds zurück.

Mit einer Gartenschere kürzt er sein Gebinde auf eine einheitliche Länge, dann greift er zu einem kurzen, scharfen Messer. Routiniert setzt er zum schrägen Schnitt an.

Tausende Male habe ich ihn das schon tun sehen und es sollte mich längst nicht mehr so faszinieren. Doch mein Blick folgt aufmerksam jeder Bewegung seiner langen, geschickten Finger. Die Muskeln in seinen Unterarmen arbeiten, während er sich einen Stiel nach dem anderen vornimmt und die Enden kappt.

„Wie viele …“ Ich räuspere mich und löse den ausgeleierten Scrunchie von meinem Handgelenk. „Wie viele Sträuße sind es noch?“

„So ungeduldig?“ Er sieht von seiner Arbeit auf und wirft mir diesen ganz bestimmten Blick zu.

Ich nenne ihn seinen Herzensbrecher-Blick.

Insgeheim.

Natürlich.

„Keine Sorge, das ist der letzte für heute.“ Tomme grinst. „Wir können gleich nach Hause.“

Nach Hause.

Ich fasse mein Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen und ignoriere dabei den kleinen Satz, den mein Herz macht.

Nach Hause.

Für dieses dumme Ding in meiner Brust klingt es wie ein Versprechen. Als wüsste es nicht, dass ich nicht wirklich bei Tomme wohne. Als hätte es vergessen, dass ich nur auf seinem Sofa crashe, weil mich mein Ex aus unserer Wohnung geschmissen hat.

Mist.

Warum denke ich jetzt wieder an diesen ganzen Schlamassel?

Seufzend bücke ich mich nach meiner Kameratasche.

Mein Handy steckt in einem Seitenfach des Monstrums, in dem ich heute zwei Fotoapparate, drei Wechselobjektive, einen aufsteckbaren Blitz, eine tragbare Softbox und ein kleines Stativ herumgeschleppt habe. Ich hoffe, dass mein Smartphone irgendeine Benachrichtigung bereithält, die mich auf andere Gedanken bringt.

Zu meiner Enttäuschung ist das Display völlig blank. Keine Mails, keine Anrufe, nicht einmal ein Pop-up aus irgendeiner App.

„Hat sich dieser Adam endlich gemeldet?“, will Tomme wissen.

Seine Frage trifft mich unvorbereitet. „Wer?“

„Na, dieser …“ Er runzelt die Stirn, während er seine rosarote Kreation in einer bereitstehenden Vase arrangiert. „Der Typ von dieser Marketingagentur. Wollte der dich nicht für irgendein Werbe-Shooting engagieren?“

„Ach so … Du meinst Adrian.“ Ich schüttele den Kopf. „Nein. Hat sich nicht mehr gemeldet.“

Wieder muss ich seufzen.

Tatsächlich wäre dieser Auftrag die Chance gewesen, mal einen Schritt aus der Familienfotografie herauszuwagen. Aber ich schätze, nachdem ich schon seit vier Wochen warte, kann man diesen Deal wohl als offiziell geplatzt betrachten.

„Hey …“ Tomme geht ein paar Schritte nach hinten und stellt die Blumen in eine Vitrine. „Der meldet sich schon noch!“ Er schaut über seine Schulter.

„Sicher.“ Ich schnaube und lasse das Handy zurück in die Tasche gleiten.

„Nicht den Kopf hängen lassen!“ Tomme bindet seine Schürze los und streicht sich beiläufig eine Strähne aus der Stirn, dann schultert er seinen Rucksack und kommt mit langen Schritten zu mir zurück.

„Also? Bereit für den Feierabend?“

Ich lächele. „Sowas von bereit.“

Er hilft mir vom Hocker hoch und greift anschließend nach meiner Tasche.

„Fuck, sind da Backsteine drin?“, flucht er.

Mein Grinsen wird breiter. „Nein, nur meine Hoffnungen und Träume“, sage ich in ironischem Tonfall.

Tomme hängt sich die Tasche um und klopft mir freundschaftlich auf die Schulter. „Du solltest nicht so schwer tragen, Fiona.“

„Wem sagst du das?“ Es sollte amüsiert klingen, aber ich erschrecke selbst über die Resignation in meiner Stimme.

Tommes besorgter Blick trifft mich. „Alles okay?“

Er schlägt den Vorhang zum menschenleeren Verkaufsraum zurück. Es ist weit nach Ladenschluss. An einem Samstag wie heute hat sein Blumenladen nur bis 14:00 Uhr geöffnet und Tomme beschäftigt sich bis zum Abend mit Vorbereitungen. Solange bis ich von meinem Foto-Gig komme. Das hat sich in den letzten Wochen bei uns so etabliert.

„Ja! Ja, alles gut.“ Ich bemühe mich um eine sorglose Stimmlage. „Es war nur ein anstrengender Tag.“

Das ist nicht einmal gelogen.

Ich habe heute eine Hochzeit in einer riesigen Parkanlage begleitet. Komplett mit einem Getting Ready, dem First Look vor der Zeremonie, der anderthalbstündigen Trauung, den Gratulationen, dem Sektempfang und dann noch dem eigentlichen Shooting mit Brautpaar und Hochzeitsgesellschaft. Ich habe richtig Strecke gemacht und mich dann breitschlagen lassen, auch noch die Fest-Location in allen Facetten abzulichten, ehe die Feiernden zum gemütlichen Teil des Abends übergegangen sind. Für die perfekten Schnappschüsse bin ich regelrecht herumgeturnt.

Jetzt spüre ich die Erschöpfung in allen Gliedern.

Tomme muss das klar sein, denn er hakt nicht weiter nach. Schließlich ist er als Florist oft genug selbst im Hochzeitstrubel unterwegs. Statt unser Gespräch fortzuführen, entriegelt er für uns die Ladentür.

Dann – obwohl er wirklich schwer genug bepackt ist – hält er sie auf, bis ich hindurchgeschlüpft bin.

Wir laufen über den aufgeheizten Asphalt. Ich spüre die Wärme durch die dünnen Sohlen meiner Sneaker. Unter den weit geschnittenen Beinen meiner Hose steigt sie bis zu meinen Kniekehlen auf. Tommes Auto ist eines der letzten auf dem Parkplatz der kleinen Einkaufsmeile. Die benachbarten Geschäfte – ein Getränkemarkt, ein Second-Hand-Shop und eine Reinigung – haben auch bereits geschlossen. Um diese Uhrzeit ist in dem Gewerbegebiet am Stadtrand von Buchingen nicht mehr viel los.

Gerade jetzt im Juni, wo die Abende so lang und lau sind, zieht es die Leute in die Innenstadt – in die Cafés, die Restaurants und den Park.

Mit seinen langen Beinen ist Tomme schneller am Fiat als ich. Er schließt den etwas in die Jahre gekommenen Wagen auf und öffnet die Heckklappe.

„Wow.“ Er verzieht das Gesicht, dann grinst er mich an. „Ich hoffe, du hast nichts gegen einen kleinen Saunagang.“

Ich seufze und verdrehe die Augen. „Was soll’s. Ich bin eh schon durchgeschwitzt.“

Der Blick, den er mir zuwirft, fühlt sich für einen kurzen Moment anders an. Spürbar, als würde er mich tatsächlich berühren. Doch im nächsten Augenblick hebt er spöttisch eine Braue und das Gefühl verflüchtigt sich.

„Weil du immer dieses billige Deo kaufst“, zieht Tomme mich auf. „Das kann ja gar nichts bringen, Fio.“

„Halt die Klappe.“ Ich schüttele den Kopf.

Er lacht herzlich.

Natürlich. Was auch immer ich mir gerade eingebildet habe, war genau das: Einbildung. Wunschdenken.

Ein Sonnenstich möglicherweise.

Ich reiße die Tür der Beifahrerseite auf und mache direkt einen Schritt zurück. Die Woge der Hitze, die mir entgegenschlägt, ist wirklich nicht gerade einladend.

Tomme öffnet die Tür an seiner Seite und lässt erst einmal die Luft durchziehen. Er lehnt sich an das Autodach. „Was willst du heute Abend noch machen?“

„Essen“, sage ich ohne Umschweife. „Fernsehen.“

Er lächelt. „Guter Plan. Wir können unsere Serie weiterschauen.“

Unsere Serie ist Bones – Die Knochenjägerin. Als Kinder haben wir die TV-Sendung als eine Art Mutprobe angeschaut. Jetzt da wir Mitte Zwanzig sind, ist es unsere Comfort Show.

„Und was ist mit Essen?“, frage ich, still hoffend, dass Tomme anbieten wird, eines seiner grandiosen Pasta-Gerichte für uns zu kochen.

Er überlegt kurz. „Wollen wir uns was beim Ha Long holen?“

„Schon wieder?“, protestiere ich, aber es ist eigentlich nur halbherzig.

„Als ob du je genug von Frühlingsrollen kriegen könntest!“ Er streckt mir die Zunge raus.

Ich erwidere die Grimasse. „Na schön, überzeugt.“

Wir steigen in das Auto, das zwischenzeitlich aber nur geringfügig abgekühlt ist. Noch bevor wir unsere Türen schließen, dreht Tomme den Schlüssel in der Zündung und lässt die Fenster herunter.

Ich spucke schnell meinen Kaugummi in ein Taschentuch, denn in diesem Fiat Panda herrscht striktes Bubblegum-Verbot.

Mein bester Freund löst die Handbremse, umfasst das Lenkrad und steuert das Auto vom Parkplatz auf die Straße. Wir fahren in Richtung Fichtingen, in unsere kleine Heimatstadt, aus der wir eigentlich beide unbedingt mal wegwollten. Aber irgendwie haben weder Tomme noch ich den Absprung geschafft. Gerade mal bis in die nächstgrößere Stadt sind wir gekommen. Bis nach Buchingen.

Hier hat Tomme seinen kleinen Blumenladen. Hier fotografiere ich dutzende Brautpaare auf der Rathaustreppe und nutze ab und zu einen Co-Working-Space.

Hier erschnuppern wir einen kleinen Hauch vom Großstadtleben. Aber wirklich nur ein Lüftchen.

Denn hier schieben sich ordentlich gepflasterte Gehsteige und gepflegte Seitenstreifenbepflanzungen an einem vorbei, während man in Richtung Ortsausgang fährt. Hier sieht selbst das Industriegebiet irgendwie idyllisch aus. Hier hat jedes Geschäft eine funktionierende Leuchtreklame und eine ordentliche Ladenfront. Verfallene und leer stehende Gewerbebauten sucht man genauso vergeblich wie eine besprühte Wand oder ein eingeschlagenes Fenster.

Hier ist alles heil. Alles ruhig. Alles, wie es immer war.

Unaufgeregt. Unspektakulär.

Es ist nicht das pulsierende Leben, von dem wir als Teenies geträumt haben. Es ist nicht der Duft von Freiheit, den wir eigentlich Tag und Nacht inhalieren wollten. Aber es ist schon okay. Träume ändern sich, werden realistischer und enger – wie eine Hose, die nicht mehr richtig sitzt.

Aber Hauptsache, sie passt noch so einigermaßen.

2 – Besser so

Wir fahren über die Landstraße, die von den länger werdenden Schatten in verschiedene Grautöne getaucht wird. Ich strecke den Arm aus dem Fenster und halte meine Hand in die warme Sommerbrise.

Tomme lacht. „Willst du ein paar Fliegen fangen?“

„Nein …“ Ich schaue hinaus, fixiere keinen Punkt im Speziellen. „Sonnenstrahlen.“ Meine Finger zupfen am Fahrtwind wie an den Saiten einer Gitarre. „Ich kriege fast nichts mit vom Sommeranfang.“ Ich seufze. „Entweder jage ich den ganzen Tag Brautpaaren hinterher oder ich sitze von morgens bis abends am Bildschirm, um Fotos zu bearbeiten.“

Er greift rüber, streicht mir die dunkelblonde Strähne, die der Wind in mein Gesicht geblasen hat, hinters Ohr. „Wenn die Saison geschafft ist, sollten wir mal wegfahren. So wie früher. In den alten Bungalow an der Nordsee.“

„Schöner Gedanke, aber … Das dauert doch bis Oktober, bis die alle mit ihren Herzensschwüren durch sind.“ Ich schüttele den Kopf. „Dann können wir nur noch irgendwo durchs schlammige Watt waten.“

„Na und?“ Er stupst mich an. „Hauptsache Urlaub. “

Ich seufze. „Stimmt auch wieder … Und ich gäbe sonst was für ein Stück Apfelkuchen von deiner Oma.“

Väterlicherseits hat Tomme seine Wurzeln im Alten Land. Seine Großeltern haben dort, vor den Toren Hamburgs, einen Apfelhof und auch sein Vater lebt nun schon fast zehn Jahre wieder im hohen Norden. Nach der Scheidung ist er dorthin zurückgezogen, um Opa und Oma Jansen zu entlasten und den Familienbetrieb fortzuführen. Tomme ist in Fichtingen bei seiner Mutter geblieben, hat die Ausbildung zum Floristen gemacht und ist in das Blumengeschäft eingestiegen, das sie sich hier aufgebaut hatte. Auch seine jüngere Schwester Wiebke hat sich entschlossen, hierzubleiben, und ist jetzt Erzieherin im örtlichen Kindergarten.

Aber zwei- oder dreimal im Jahr machen die Geschwister Familienurlaub. Sie besuchen ihren Vater, helfen ein bisschen auf dem Apfelhof und verbringen ein paar Tage in dem kleinen Ferienhaus, das die Jansens an der Küste haben.

Schon früher wurden dort die Sommerferien verbracht. Ab und zu war ich auch dabei und habe unendlich lange Tage mit ihnen am Meer genossen.

Es wäre schön, wieder einmal dorthin zurückzukehren.

„Ich frage meinen Dad mal, wann es ihm passt“, murmelt mein bester Freund jetzt, während er konzentriert in einen Kreisverkehr einfährt. „Und bestelle schon einmal den Kuchen vor.“

Mit einem kurzen Seitenblick grinst er mich an.

Ich lächele zurück.

Er ist echt der Beste.

Der beste Freund, den ich mir vorstellen kann.

Der beste Kerl, den ich mir vorstellen kann.

Alle Typen, mit denen ich je ernsthaft liiert war, messe ich insgeheim an ihm.

An seinem Charme. An seiner Spontanität. An seiner Fürsorglichkeit. Und ein bisschen auch an seinem Aussehen.

Wir sind beide 25, aber Tomme hat irgendwie nie diese jugendliche Ausstrahlung verloren.

Genau wie ich steht er schon einige Jahre im Berufsleben, aber er könnte auch ein Student in den höheren Semestern sein. Er ist immer betont lässig gestylt, trägt die etwa schulterlangen, braunen Haare in so einem kleinen Dutt, der nicht jedem Männerkopf schmeichelt.

Aber bei ihm funktioniert’s.

Es passt zu seinem Drei-Tage-Bart, zu den Augen, in denen immer ein leicht amüsiertes Blitzen liegt.

Es passt zu dieser Kombi aus T-Shirt und Jeans, die Tomme schon abgetragen im Second-Hand-Shop kauft, aber an ihm gewollt nachlässig aussieht.

Er ist dieser unglaublich nette, coole Typ. Und ich bin so eine Art Anhängsel, das er seit dem Sandkasten mitschleppt.

Eigentlich schon krass, dass er mich in all den Jahren nicht loswerden wollte. Mich und meine nie enden wollenden Komplikationen. Mich und meine Familienprobleme. Mich und meine Männergeschichten. Mich und mein Künstlerdasein. Er fängt mich immer wieder auf, wenn ich stolpere … oder einfach volles Rohr auf die Nase falle.

Ich hänge diesen Gedanken noch nach, als er den Wagen seitlich an einem Gehsteig parkt. „Essen fassen“, verkündet er, als er die Handbremse anzieht. Weil das einfach die Art von Phrase ist, die Tomme manchmal raushaut.

„Yay“, sage ich mit zurückhaltender Begeisterung.

Vorhin hatte ich noch einen Bärenhunger, aber jetzt gerade … Jetzt gerade will ich einfach nur dasitzen, während Tomme mich weiter durch den Sommerabend fährt. Ich wünschte, die Strecke von Buchingen nach Fichtingen wäre länger. Dann könnte ich länger meine schwer gewordenen Beine ausruhen und länger in Tagträumen versinken.

Tomme ist schon ausgestiegen und umrundet den Wagen. Schwungvoll reißt er meine Tür auf. „Auf geht’s! Wir holen uns was Leckeres und dann geht’s aufs Sofa.“

Der Gedanke, es mir mit ihm vor dem Fernseher gemütlich zu machen, motiviert mich schon eher.

Ich hieve mich aus dem Beifahrersitz.

Wir laufen an zwei Ladenfronten vorbei, hin zu dem Lokal, das – solange ich denken kann – riesige Grünpflanzen in seinem großen Fenster stehen hat. Durch die Blätter hindurch kann man die wenigen Tische im Innern ausmachen. Das Ha Long ist eine kleine Institution in unserer Stadt und eigentlich immer gut besucht.

Tomme ist vor mir an der Eingangstür, zieht sie auf und lässt mich hindurchgehen.

Sofort habe ich den würzigen Geruch von gebratenem Reis in der Nase. In dem winzigen Restaurant ist es genauso warm wie draußen, aber das stört die Leute an den Tischen nicht. Die Gespräche sind angeregt, die dampfenden Teller werden schnell geleert.

Tomme tritt an den Tresen und dreht sich zu mir herum.

„Einfach das Übliche zum Mitnehmen?“, fragt er. „Oder willst du heute rebellisch sein und etwas Neues probieren?“ Grinsend wedelt er mit einer der gefalteten Speisekarten vor meiner Nase herum.

„Das Übliche“, sage ich ein wenig kleinlaut und schaue zu meinen Füßen.

Er zieht mich oft damit auf, dass ich immer dasselbe bestelle. Aber ich bin beim Essen eben ein Gewohnheitstier.

„Tomme! Alter!“ Bevor mein bester Freund mich weiter sticheln oder für uns bestellen kann, ruft jemand seinen Namen.

Ich schaue auf.

„Hung!“ Tomme geht an mir vorbei. „Hey! Du bist in der Stadt?“ Er breitet die Arme aus und umarmt unseren alten Schulfreund.

„Hi Fiona“, grüßt mich Hung über Tommes Schulter hinweg. „Alles klar?“

Ich nicke und hebe eine Hand. „Hallo Hung.“

„Wie kommt’s, dass du hier bist?“ Tomme entlässt unseren alten Bekannten aus der Umarmung. „Semesterferien oder so?“

„So ähnlich. Eigentlich …“ Hung kratzt sich grinsend am Hinterkopf. „Habe ich gerade meinen Masterabschluss hinter mir.“ Er ist nicht der Typ, der prahlt, aber man sieht den Stolz in seinen Augen blitzen. „Nicht, dass das meine Eltern daran hindern würde, mich hier als Kellner einzuspannen.“ Er lacht auf.

„Master?“ Tomme reißt die Augen auf. „Das ist ja mega! Glückwunsch, Kumpel!“

„Danke.“ Hungs Lachen wird breiter. „Na ja, jedenfalls habe ich gerade ein wenig Freizeit, bevor im August mein PhD-Programm startet. Also bin ich jetzt zwei Monate im guten, alten Fichtingen.“

„PhD?“ Kurz befürchte ich, dass Tomme die Augen rausfallen könnten. „Du machst deinen Doktor? Alter, wie krass bist du denn?“

Ich staune auch. Hung war schon immer der Ehrgeizigste von uns gewesen. Früher in der Realschule hatte er die besten Noten und keiner aus unserer Clique war verwundert, als er nach der Mittleren Reife noch das Abi machte, um zu studieren. Über die Jahre hatte ich aus den Augen verloren, welchen Weg er eingeschlagen hatte, aber irgendwie passt es zu ihm, dass er jetzt den Doktortitel anstrebt.

„Das ist so cool“, stimme ich in Tommes Lob mit ein. „In welcher Fachrichtung bist du unterwegs?“

„Finance“, antwortet Hung so gelassen, als wäre es das Normalste auf der Welt.

Tomme lacht. „Die Manager-Lingo hast du auf jeden Fall schon drauf. Richtig gut, Alter!“ Er klopft ihm noch einmal auf die Schulter. „Das müssten wir eigentlich feiern!“

Jetzt ist es Hung, der lacht. „Willst du einen im Starlight Club draufmachen? Wie in den alten Zeiten?“

„Klar, warum nicht?“ Tomme grinst herausfordernd. „Ich wette, die machen noch genauso krasse Cocktails wie damals.“

„Na gut … warum nicht?“ Hung schüttelt schnaubend den Kopf. „Bist du auch dabei, Fiona?“, fragt er dann in meine Richtung.

Ich fühle mich kurz überrumpelt. Eigentlich liegen meine Clubbing-Zeiten hinter mir. Ich verbringe meine Abende lieber auf die gemütliche Art.

Trotzdem höre ich mich sagen: „Ich … ähm … klar.“

„Wie wär’s nächstes Wochenende?“, schlägt Tomme eifrig vor. „Vielleicht eher Freitag als Samstag? Nach den Hochzeiten ist Fio immer gerädert und ich ehrlich gesagt auch.“

„Ach, macht ihr jetzt beide Floristik?“, erkundigt sich Hung und schaut zwischen uns hin und her.

„Ich fotografiere“, kläre ich kurz auf.

„Und ich kümmere mich um die Blumen.“ Tomme grinst kurz in meine Richtung.

„Das dynamische Duo. Wie immer.“ Hung pausiert kurz, als würde ihm noch etwas auf der Zunge liegen, aber dann sagt er nur: „Gut, dann Freitag. Ich freu mich drauf.“

„Ich mich auch.“ Tomme strahlt und ich nicke beipflichtend.

„Okay, das wäre also geklärt. Aber ich schätze, ihr seid nicht hergekommen, um mit mir ein Date auszumachen, also …“ Hung zückt einen kleinen Block. „Was möchtet ihr essen?“

Wir verlassen das Lokal wenig später mit zwei vollen Plastiktüten, aus denen es verführerisch duftet.

„Mega, dass Hung für eine Weile wieder in der Stadt ist!“ Tomme hat noch immer ein breites Grinsen im Gesicht.

„Ja.“ Ich freue mich auch. Nur dringt die Freude nicht bis in meine Stimme.

So schön es ist, unseren alten Schulfreund wieder in unserer Nähe zu haben … Meine Gedanken kreisen um etwas anderes. Nämlich darum, dass Hung erreicht hat, was er wollte, und wir – oder zumindest ich – nicht.

Er hat das Abi gemacht, er hat studiert und geht jetzt den nächsten Schritt mit dem Doktortitel und ich …

Ich trete noch immer auf der Stelle.

„So hungrig?“ Tomme missversteht meine Einsilbigkeit. „Komm.“ Er legt seinen freien Arm um mich. „Wir fahren heim und hauen uns mit dem Essen aufs Sofa.“

„Klingt gut“, lüge ich, denn wenn ich jetzt ehrlich zu ihm wäre, würde ich ihm das Wiedersehen mit Hung verderben. Und den ganzen restlichen Abend auch.

Ich lehne mich an seine Seite und sehe zu Tomme auf. Er sieht so zufrieden aus. Er wirkt immer so glücklich mit … allem. Er teilt meine Rastlosigkeit und mein Gefühl, nicht genug erreicht zu haben, wahrscheinlich gar nicht.

Wer bin ich, ihm das Leben, das er führt und genießt, madigzumachen?

Nur wegen eines pubertären Versprechens, dass wir es mal weiter wegschaffen würden?

Nur wegen meiner eigenen Unzufriedenheit?

Ich lasse mich von ihm zum Auto führen, nehme beide Essenstüten und stelle sie auf meiner Seite in den Fußraum, damit Tomme sich wieder hinters Steuer setzen kann.

Er steigt ein, startet den Motor und dreht das Radio auf. Ich bin dankbar für den Chartsong, der aus den Lautsprechern dröhnt und sich als hartnäckiger Ohrwurm zwischen meine trüben Gedanken schlängelt.

Während Tomme ausparkt, startet der Refrain und er singt lauthals mit. Es klingt furchtbar schief.

Ich schmunzele und schüttele den Kopf.

„Was denn?“, fragt er mich gespielt überrascht, als er das Auto auf die Fahrbahn lenkt. „Habe ich den Ton nicht getroffen?“

„Knapp daneben“, sage ich und ziehe die Nase kraus.

Er zuckt mit den Schultern. „Na ja, solange es hilft.“

Er singt weiter. Noch lauter und noch schiefer.

„Wobei soll das helfen?“ Ich schnappe lachend nach Luft. „Hör auf! Das ist ja grauenhaft!“

Tommes Mundwinkel zucken nur. Er lässt sein Fenster herunter, während wir im Begriff sind, an der nächsten Ampel zu halten.

„Oh mein Gott, nein, lass das!“ Ich lache zwar, aber trotzdem schlage ich mir jetzt die Hände vors Gesicht. „Du bist so peinlich!“