Die O´Leary Saga - Werner Diefenthal - E-Book
Beschreibung

Nachdem Sarah ihren totgeglaubten Geliebten doch wieder in ihre Arme schließen konnte, hoffte sie, mit ihrer Familie in Irland endlich in Frieden leben zu können. Doch die offene Ablehnung der Einheimischen, die schwärende Rebellion der Iren und das unheimliche Heim für gefallene Frauen führen Sarah in ihren schlaflosen Nächten auf einen Teufelspfad, der sie erneut bis an die Grenzen ihrer Kraft und darüber hinaus bringt.

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Sammlungen



Die O´Leary Saga

Teufelspfad

Von Martina Noble / Werner Diefenthal

Buchbeschreibung:

Nachdem Sarah ihren totgeglaubten Geliebten doch wieder in ihre Arme schließen konnte, hoffte sie, mit ihrer Familie in Irland endlich in Frieden leben zu können. Doch die offene Ablehnung der Einheimischen, die schwärende Rebellion der Iren und das unheimliche Heim für gefallene Frauen führen Sarah in ihren schlaflosen Nächten auf einen Teufelspfad, der sie erneut bis an die Grenzen ihrer Kraft und darüber hinaus bringt.

Über die Autoren:

Martina Noble:

Geboren 1979 in Mainz, liebt sie seit frühester Kindheit, Geschichten zu erzählen und zu schreiben. Seit 2014 schreibt sie gemeinsam mit Werner Diefenthal und hat mehrere Bücher mit ihm veröffentlicht.

Werner Diefenthal

Geboren 1963 im Rheinland, schreibt seit mehreren Jahren und veröffentlichte 2010 seinen ersten Roman. Seit 2014 hat er mit Martina Noble eine Schreibpartnerin, mit der er gemeinsam mehrere Romane veröffentlicht hat.

Die O´Leary Saga

Teufelspfad

Von Martina Noble / Werner Diefenthal

c/o

Papyrus Autoren-Club,

R.O.M. Logicware GmbH

Pettenkoferstr. 16-18

10247 Berlin.

Telefon: + 491752672918

wdiefenthal@wdiefenthal.de

www.martina-noble.com; www.wdiefenthal.de

Titelbild und Covergestaltung

Sandra Limberg http://www.sollena-photography.de

Titelmodel: Fiodora Hamburg http://www.fiodora-hamburg.de/

Logo- und Webseitengestaltung für Werner Diefenthal monikakloeppelt – agentur für werbung, marketing & pr http://monikakloeppelt.jimdo.com

1. Auflage, 2017

© Werner Diefenthal / Martina Noble – alle Rechte vorbehalten.

Jeglicher Nachdruck, auch auszugsweise, bedarf der vorherigen Zustimmung durch die Autoren.

Die Handlung dieses Romans ist frei erfunden, ebenso die Personen mit Ausnahme der historisch verbrieften. Jegliche Ähnlichkeit darüber hinaus mit lebenden oder verstorbenen Personen oder möglichen wahren Begebenheiten ist rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Printed in Germany

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Verzeichnis der wichtigsten Personen:

Prolog

Howth Januar 1891

September 1891

Gutshof

Pub

Gutshof

London

Magdalenenheim

London

Magdalenenheim

Dublin

Magdalenenheim

Dublin

Gutshof

Pfarrhaus

Gutshof

Howth

Pub

Leuchtturm

Gutshof

Gutshof

London

Howth

Hafen

Howth

Pub

Gutshof

Howth

Pub

Howth

London

Howth

Gutshof

Magdalenenheim

Gutshof

Dublin

Howth, Dublin

Oktober 1891

Magdalenenheim

Howth

Pub

Gutshof

Magdalenenheim

Hafen

Howth

Gutshof

Dublin

Gutshof

Magdalenenheim

Gutshof

Howth

Magdalenenheim

Hafen

Magdalenenheim

Howth

Gutshof

Cork

Magdalenenheim

Cork

Howth

Cork

Gutshof

Cork

Gutshof

Pub

Gutshof

Magdalenenheim

London

November 1891

Howth

Pub

Magdalenenheim

Dublin

Howth

Magdalenenheim

Gutshof

Howth

Gutshof

Pub

Klippen

Gutshof

Magdalenenheim

Howth

Gutshof

Magdalenenheim

Gutshof

Dublin

Gutshof

Dublin

Gutshof

Epilog

Pub

Vorschau

Über das Buch

Danksagung

Verzeichnis der wichtigsten Personen:

Sarah O´Leary Arzttochter

Horatio Gordon Ihr Verlobter

Andrew O´Leary Sarahs Vater, Arzt und Gutsherr

Margret Green Schwägerin von Andrew, Sarahs Tante

Schwester Olive Leiterin des Magdalenenheims

Violet Insassin, Olives rechte Hand

Pater Jonathan Priester in Howth

James O´Reilly Fischer

Beatrice Doyle Hausangestellte

Ruth Byrne Hausangestellte

Ellen Walsh Köchin

Samuel Kennedy Schäfer

Josephine Kennedy Postbetreiberin, Schwester von Samuel

Ronald Murray Verwalter auf dem Gutshof

Louisa Murray Tochter von Roland, Heiminsassin

Mabel Heiminsassin

Alice Heiminsassin

Charles Smith Fischer

Frank Ryan Kleinganove

Joseph O´Connor Schmied

Bertie & Ida Moore Inhaber des Pubs

Flora Moore Ihre Tochter

Henry Gallaghar Fischer

Harold & Frances Doherty Pächter

Norman Quinn Tierarzt

Solomon Lebt ihm Heim, geistig behindert

Oswald O´Malley Arzt in Howth

Gilbert Ferguson Leuchtturmwärter

Eric Ferguson Sein Sohn

Hector Fowley Pferdeknecht auf dem Gut

Ralph Finnegan Rechtsanwalt aus London

Inspektor Brown Polizist aus Dublin

John Berkley Reeder und Schiffseigentümer

Prolog

Howth Januar 1891

Der Wind pfiff über das Land. Er hatte reichlich Regen im Gepäck, der gegen die dunklen Wände und die Scheiben des Hauses prasselte. Die eisigen Böen ließen die Dachziegel klappern. Die Äste der Bäume ächzten im Sturm. Im Inneren des Hauses brannten Öllampen in dem großen Saal.

Etwa vierzig Frauen und Mädchen saßen in der Kühle des Raumes an langen Tischen, die mit Stoffbahnen beladen waren. Die Gesichter der Frauen waren eingefallen und leer, die meisten mit glanzlosen Augen. Kaum ein Wort wurde gesprochen.

Einige von ihnen hatten große Tuchmacherscheren, mit denen sie die Stoffe entlang der Muster schnitten, die andere Frauen mit Schablonen und Kreide aufgezeichnet hatten. Andere nähten diese Stoffe im trüben Licht zusammen. Viele der Frauen spürten schon nicht mehr, wenn sie sich in die Finger stachen. Zu dick war mittlerweile die Hornhaut an den Fingerspitzen.

Nur die Neuen hatten es schwer, denn sie zuckten noch jedes Mal zusammen, wenn die Nadeln in die Haut eindrangen. Dann hieß es schnell sein, das Blut abwischen, denn wenn die Stoffe verschmutzt wurden, dann hagelte es Strafen. Angefangen von Essensentzug über stundenlange Gebete auf den Knien bis hin zu Schlägen mit einem langen Rohrstock auf den entblößten Hintern war alles möglich.

Die grausamste Strafe war jedoch, nackt in dem Kellerverlies eingesperrt zu werden. Dort war es kalt, feucht und es stank erbärmlich. Edith bemühte sich nach Kräften, das Soll, das sie auferlegt bekommen hatte, zu erfüllen. Aber es war extrem schwierig. Der Stoff war dick und zäh. Uniformstoff. Heute nähte sie Jacken zusammen. Gestern waren es Hosen gewesen. Manchmal, wenn sie Glück hatten, bekamen sie duftende Stoffe, weich und fließend. Aus diesen wurden Kleider genäht, gelegentlich auch Kindersachen.

Einmal hatten sie Seide gehabt. Für Fahnen. Das war ein schöner Stoff gewesen, erinnerte sich Edith. Die Nadeln gingen hindurch wie ein heißes Messer durch Butter. Doch auch dieser Stoff hatte es in sich gehabt. Beim Schneiden zerfranste er gerne, dann ließ er sich kaum noch nähen. Bei dem Auftrag hatte es sehr viel Prügel gegeben.

Neben Edith saß eine der Neuen. Patricia, dachte Edith, sie heißt Patricia. Immer wieder zog Patricia die Nase hoch, die vom Weinen lief. Sie war erst seit gut einer Woche hier im Heim. Das war die schlimmste Zeit für die Neuen. Weg von dem, was vielleicht einmal so etwas wie ein Zuhause gewesen war. Weg von allen, die man kannte.

Dazu die gnadenlose Disziplin. Um fünf Uhr wecken, waschen, Betten machen, anziehen. Danach Gebete bis um sieben, anschließend gab es etwas, das sich Frühstück nannte. Meist eine Tasse dünner Tee mit einer Scheibe Brot und ein wenig Marmelade. Oder Haferschleim, in dem gelegentlich Kakerlaken schwammen. Als Nächstes zur Arbeit. Edith hatte ihrer Meinung nach Glück gehabt. Das Nähen war noch erträglich. Die Wäscherei war übler. Den ganzen Tag stand man im heißen Dampf, wusch die Sachen, die unaufhörlich hereingebracht wurden. Die Lauge fraß sich in die Haut der Hände und in die Atemwege. Viele der Frauen dort husteten Blut.

Auch wenn es im Winter warm war, sie fror lieber, als dass sie die roten Hände und den Husten der Waschfrauen hatte.

Patricia schrie leise auf. Edith sah hinüber.

»Verdammt, pass doch auf«, zischte sie. Patricia hatte sich wieder in den Finger gestochen und hatte dabei das Blut auf den Stoff geschmiert. Das würde Strafe geben.

Edith blickte nach vorne. Die Ordensschwester, die an einem Pult saß, welches einen guten Meter erhöht stand, sah auf. Sie hatte den Fluch gehört und kam heran, riss Patricia den Stoff aus der Hand.

»Du dummes, nichtsnutziges Ding! Du hast den Stoff ruiniert.« Sie sah zu Edith. »Ich habe dir doch gesagt, du sollst aufpassen. Du hast die Verantwortung für sie.«

Edith senkte den Kopf.

»Es tut mir leid.«

»Ja, das wird es.«

Sie winkte zwei bulligen Frauen am Eingang der Halle zu, die sofort kamen.

»Diese hier«, sie zeigte auf Edith, »bekommt zehn. Und diese dort«, sie deutete auf Patricia, »kommt in den Keller.«

Eine der Frauen packte Edith und zog sie an das andere Ende der Halle. Dort stand ein Pult. Edith wurde bäuchlings darauf gelegt, die Arme an der anderen Seite angebunden.

»Bitte … nicht«, wimmerte sie.

Patricia wurde ebenfalls herangeschleppt.

»Sieh genau hin, denn das, was ihr widerfährt, ist deine Schuld!«

Die Nonne nickte, Ediths Röcke wurden angehoben und über ihren Rücken gelegt. Dann ergriff die bullige Frau den Rohrstock, nahm Maß und ließ ihn auf den nackten Hintern klatschen. Das wiederholte sie, während die Oberschwester zählte. Bei »zehn« war Schluss. Die Striemen leuchteten, an einigen Stellen war die Haut aufgeplatzt.

Edith wurde losgebunden und an ihren Platz geschickt, wo sie sofort wieder ihre Arbeit aufnahm. Patricia schleppte man in den Keller, riss ihr die Kleider vom Leib und warf sie in die muffige Kammer, in der sie so lange bleiben musste, bis man sie herausließ.

Die anderen Frauen hatten nicht einmal ihre Arbeit unterbrochen. Sie waren abgestumpft, leer, längst an solche Szenen gewöhnt.

Nach einer Stunde, der Sturm war noch stärker geworden, wollte die Nonne, die die Aufsicht führte, die Arbeit beenden lassen. Da erklang ein Wimmern. Die Frauen hörten mit dem auf, was sie gerade taten, tauschten kurze Blicke. Einige bekreuzigten sich. Ein erneutes Wimmern. Die Oberschwester zeigte keine Regung, ließ die Blicke lauernd durch die Reihen schweifen. Es schien, als habe sie gar nichts gehört.

»Nein«, erklang eine Stimme aus dem Raum.

Obwohl es den Frauen verboten war, zu reden, reagierte die Nonne nicht darauf.

Das Wimmern steigerte sich zu einem gellenden Schrei.

Die Frauen senkten die Köpfe und fuhren mit ihren Näharbeiten fort.

September 1891

Gutshof

Im schwindenden Licht des Tages erreichte Margret das Gut. Der Fahrer der Kutsche, in die sie in Dublin eingestiegen war, hatte sie ungläubig angestarrt, als sie ihm ihr Fahrziel genannt und auf den Berg von Koffern gezeigt hatte. Aber schließlich hatte er alles, nicht ohne Murren und Fluchen, verstaut und diese etwas dickliche Dame vor dem Haupthaus abgesetzt. Nachdem er sein Salär eingestrichen hatte, war er verschwunden.

Jetzt stand Margret mutterseelenallein vor der Treppe, die zum Haupteingang führte, und kam sich absolut deplatziert vor. Niemand kam, um sie zu empfangen.

»Soll ich etwa alles selber schleppen?«, schimpfte sie vor sich hin.

Hinter ihr lagen einige Wochen voller Anstrengung. Nachdem sie Ägypten mit allen Vollmachten, die ihr Schwager ihr hatte ausstellen lassen, den Rücken gekehrt hatte, war sie zuerst nach London gereist. Den Haushalt aufzulösen war nicht weiter schwer gewesen, auch die Transaktion der Konten nach Irland war einfach.

Die Schwierigkeiten hatten begonnen, nachdem sie ihren Fuß auf irischen Boden gesetzt hatte. Der Notar, bei dem sie vorstellig werden musste, hatte sie spöttisch angesehen, nachdem er die Dokumente geprüft hatte.

»Ach, Sie sind also die vorläufige Verwalterin? Das wird dem jetzigen Verwalter aber gefallen«, hatte er gegrinst.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er jedoch Margret noch nicht gekannt. Als sie mit ihm fertig war, da war er so klein, dass er in eine Zigarrenbox gepasst hätte, wie sie sich immer auszudrücken pflegte, und das spöttische Grinsen war ein für alle mal aus seinem Gesicht gewischt.

»Was ist mit Personal? Gibt es welches? Und wenn ja, taugt es etwas?«

»Es gibt einige Hausangestellte, die auch weiterhin bezahlt worden sind.«

Margret hatte den Kopf geschüttelt.

»Und hat irgendjemand auch mal nachgesehen, ob diese Leute auch arbeiten oder nur das Geld einstreichen?«

Der Notar war immer nervöser geworden. In der Tat war er nur ein einziges Mal auf dem O’Leary-Gut gewesen, um alles aufzunehmen, was in die Erbmasse gefallen war. Seitdem hatte er einmal die Woche einen Angestellten geschickt, der die fälligen Löhne ausbezahlt hatte. Er wusste nicht, ob überhaupt noch irgendjemand im Haus war.

Auf die Frage, wie sie denn zum Gut käme, hatte der Notar nur einsilbig »Mit dem Zug« geantwortet. Doch damit hatte er den Geist endgültig aus der Flasche gelassen. Nach einem kurzen Blinzeln hatte sie mit den Augen jene Blitze verschossen, die schon ganz andere Kaliber als den Notar buchstäblich zu Asche verbrannt hatten.

»Jetzt passen Sie mal auf, Sie arroganter Schnösel! Ich bin eine alte Frau mit mehr Gepäck, als Sie sich überhaupt vorstellen können. Soll ich jetzt diese ganzen Koffer zum Bahnhof schleppen, in dieses stinkende, qualmende und ratternde Ungetüm steigen und dann in eine Gegend fahren, die ich überhaupt nicht kenne? Und dann am Ende dort stehen und nicht wissen, wohin ich überhaupt muss?«

Der Notar hatte etwas erwidern wollen, aber Margret drehte jetzt erst richtig auf.

»Ich denke, Sie haben sich an dieser Erbsache mehr als nur eine goldene Nase verdient. Und eine Leistung haben Sie dafür wohl kaum erbracht. Ich bin gespannt, was mein Schwager dazu sagen wird, vor allem, wenn er mit unserem Hausanwalt über diese Sache geredet hat. SIE werden mir jetzt SOFORT eine Kutsche besorgen. Mit einem vertrauenswürdigen Fahrer und genug Platz für mein Gepäck. Dann sorgen Sie dafür, dass eben dieses verstaut wird und ich sicher und wohlbehalten auf dem Gut ankomme.«

Sie machte es sich in dem Sessel bequem und holte ein Knäuel Wolle sowie ihre Häkelnadel aus der Tasche.

»Was … was wird das?«, stammelte der Notar.

»Sehen Sie doch. Ich häkele. Und ich werde hier so lange sitzen und häkeln, bis Sie das getan haben, worum ich Sie gerade gebeten habe.«

Dem Notar war nichts anderes übrig geblieben, als sich den Wünschen Margrets zu beugen. Jetzt stand sie vor dem Gut und sah sich um.

»Also dann, werden wir die feindliche Festung erobern«, brummte sie in sich hinein. Kurzentschlossen stampfte Margret die Stufen nach oben und kramte den Schlüssel, den sie vom Notar bekommen hatte, aus der Tasche, öffnete die Tür und trat ein. Mit Erstaunen stellte sie fest, dass die Eingangshalle leidlich sauber zu sein schien. Es lag jedenfalls kein Müll auf dem Boden, Spinnweben gab es keine und auch der Staub hielt sich in Grenzen. Ihr erfahrenes Auge sagte ihr zwar, dass eine gewisse Schlamperei Einzug gehalten hatte, aber es war bei Weitem nicht so schlimm, wie sie befürchtet hatte. Sie schimpfte vor sich hin.

»Hauptsache, die Herrschaften können weiter mit den Sandflöhen um die Wette hüpfen.«

Andrew und Sarah waren, nachdem Margret ihnen von der Erbschaft erzählt hatte, in Ägypten geblieben, um, wie sie meinte, irgendwelchen Hirngespinsten hinterherzurennen, und hatten ihr die ganze Arbeit aufgebürdet. Ihre Laune sank immer tiefer, als niemand erschien, obwohl sie die Tür lautstark geschlossen hatte. Margret stemmte die Hände in die Hüften, holte tief Luft und begann, laut zu rufen.

»HALLOOOO!!«

Sie hörte ein Poltern und ein Scharren. Nach einigen Augenblicken stand eine Frau vor ihr.

»Entschuldigen Sie, Madam, ich habe die Türglocke nicht gehört.«

»Das liegt wohl daran, dass ich sie nicht benutzt habe«, giftete Margret.

»Oh! Aber … wie kommen Sie überhaupt herein? Und … wer sind Sie?« Die Frau schien den ersten Schrecken überwunden zu haben.

»Mein Name ist Margret Green, ich bin die Schwägerin von Andrew O´Leary, dem neuen Besitzer des Gutes.«

Die Augen im Gesicht der Brünetten wurden größer.

»Sie … oh … einen Moment … entschuldigen Sie …« Sie drehte sich um und rannte davon.

»Was ist denn das jetzt? Ich habe ihr doch noch gar nichts getan«, brummte Margret und wusste nicht so recht, was sie als Nächstes tun sollte. Noch bevor sie sich jedoch entschieden hatte, kam die Frau zurück, diesmal in Begleitung eines Mannes, der aussah, als wenn er gerade aus dem Bett gekommen wäre. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen, das ganze Gesicht schien in Falten zu liegen, und sein graues Haar stand unfrisiert in alle Richtungen.

»Mr. Murray, das ist Mrs. Green, die Schwägerin des neuen Gutsherrn«, stellte die Frau sie vor.

»Miss Green, bitte. Mr. Murray, sehr erfreut.«

Der Mann gab ihr missmutig die Hand. Margret betrachtete die beiden jetzt genauer. Die Frau, die sich als Ellen Walsh vorstellte, war die Köchin. Margret bezweifelte allerdings, dass sie mehr als Spiegeleier braten konnte. Das würde sie jedoch schnell herausbekommen. Sie war jedenfalls eine adrette Person, etwa Anfang vierzig, schätzte sie, mit einer Wolke brauner Locken um den Kopf. Das Kleid sowie die Schürze waren sauber. Der Mann hingegen war ihr suspekt. Sein Blick gefiel ihr nicht. Er war lauernd, wie bei einem Straßendieb. Er stellte sich als der Verwalter vor. Auch ohne den spöttischen Kommentar, den der Notar hatte fallen lassen, hätte Margret sofort bemerkt, dass er nicht sehr erbaut über ihre Anwesenheit war. Doch das kümmerte sie wenig.

»Zum Ersten möchte ich, dass man meine Koffer auf mein Zimmer bringt. Dann will ich das Haus sehen und, wenn möglich, etwas zu essen. Ich bin den ganzen Tag auf den Beinen gewesen.«

Der Verwalter knirschte mit den Zähnen.

»Ellen, würden Sie bitte dafür sorgen, dass ein Zimmer für Miss Green hergerichtet wird?« Er wandte sich an Margret. »Sie müssen entschuldigen, aber wir haben Sie erst morgen erwartet. Und … nun ja … eine Kleinigkeit … haben Sie das Schreiben des Notars bei sich? Sie müssen verstehen, wir möchten uns gerne vergewissern …«

»Sie wollen was? Passen Sie mal genau auf: Ich weiß, dass mein Eintreffen für den heutigen Tag angekündigt wurde. Und was meine Legitimation betrifft …«

Sie holte aus ihrer Tasche ein Bündel Papiere und wedelte damit dem Verwalter vor der Nase herum.

»Sehen Sie das? Gut! Da Sie ja scheinbar nicht in der Lage sind zu lesen, denn sonst hätten Sie gewusst, dass ich heute und nicht morgen komme, brauchen Sie das hier auch nicht zu sehen. Mir scheint, dass Sie der Meinung sind, Sie hätten hier das Sagen! Aber lassen Sie sich eines gesagt sein: Das ist ab sofort nicht mehr der Fall. Denn jetzt bin ich hier und ich handele im Namen und im Auftrag Ihres neuen Arbeitgebers. Sie täten gut daran, sich darauf zu besinnen, dass wir Ihnen Ihr Gehalt zahlen. Und jetzt will ich dieses Haus sehen!«

Ronald Murray zuckte zusammen. Das war mehr, als er verkraften konnte. In den letzten Jahren hatte er mehr und mehr das Gut so geführt, wie er es für richtig gehalten hatte, und war auch davon ausgegangen, dass er es erben würde. Doch dann war wie aus dem Nichts ein Neffe im Testament aufgetaucht. Seine Träume waren zerplatzt wie Seifenblasen. Und jetzt polterte dieser Drache herein und erinnerte ihn daran, dass er nur ein simpler Befehlsempfänger war.

»Ellen, hätten Sie die Güte …«

Er konnte den Satz nicht beenden.

»Nein! Ellen, Sie würde ich bitten, in die Küche zu gehen und mir ein leichtes Abendessen zuzubereiten«, wandte sich Margret an die Frau.

»Ja, Miss Green. Haben Sie besondere Wünsche? Ich habe heute frischen Fisch bekommen.«

»Wie frisch?«

Ellen lächelte.

»Als Sie über die Landzunge gefahren sind, da hat er noch geatmet.«

Die Antwort gefiel Margret.

»Sie scheinen nicht auf den Mund gefallen zu sein. Aber ich muss Sie warnen: Ich bin sehr kritisch!«

Ellen sah ihr gerade in die Augen.

»Das hoffe ich doch, Miss Green. Ich hasse es nämlich, wenn man es nicht zu schätzen weiß, was ich zubereitet habe. Und ich bin davon überzeugt, dass Sie Ihre Meinung über mich ändern werden. Sie trauen mir nämlich nicht zu, dass ich mehr als Bratkartoffeln und Eier kann, habe ich Recht?«

Margret fiel die Kinnlade herunter.

»Wenn Ihre Fähigkeiten am Herd Ihrer Schlagfertigkeit in nichts nachstehen, dann könnte es sein, dass Sie weiterhin Ihre möglicherweise vorhandenen Kochkünste unter Beweis stellen können.«

Ellen verbeugte sich leicht.

»Wenn Sie mich jetzt entschuldigen, ich habe da einen Fisch, der auf mich wartet. Ich schicke Beatrice, sie wird Ihnen das Haus zeigen.«

Geführt vom Hausmädchen Beatrice, das nur wenig älter als Sarah sein konnte und kaum ein Wort sprach, inspizierte Margret das Haus. Es war größer als ihr altes in London. Sie zweifelte, dass dieses Anwesen mit dem vorhandenen Personal zu betreiben war.

Nach dem Abendessen, welches wider Erwarten erstaunlich gut war, was sie aber nicht zugab, überlegte Margret, wie sie das alles in Schuss halten sollte.

Ellen hatte neugierig beobachtet, wie Margret den Fisch, die Kartoffeln und das Gemüse zu sich nahm und vergeblich auf ein Lob gehofft. Die burschikose Frau stand auf dem Standpunkt, dass man nicht zu viel und gar nicht zu früh loben sollte.

Am nächsten Morgen ließ sie alle Angestellten zu sich kommen und teilte sie ein. Alles musste geputzt und in Ordnung gebracht werden.

In einem Zimmer fand sie ein überlebensgroßes Porträt von Königin Victoria, das sie umgehend aufhängen ließ. Sie merkte wohl, dass es den Bediensteten nicht passte, aber schließlich war sie im Moment die Hausherrin.

Die Dorfbewohner bekamen natürlich mit, dass auf dem Gut rege Betriebsamkeit herrschte. Spätestens, als Margret bei Albert und Doris McCarthy eintraf und die Besitzer des Kramladens mit ihren Wünschen schier zur Verzweiflung trieb, fragten sich einige, womit sie diese Strafe Gottes verdient hatten.

So vergingen die Tage. Margret war mit den Fortschritten recht zufrieden und freute sich darauf, dass Andrew und Sarah bald eintreffen würden.

Pub

Im Fiddlers Inn herrschte Hochbetrieb. Bertie und Ida Moore hatten alle Hände voll zu tun. Die Inhaber des Pubs liefen emsig durch die Schankstube, in der die Luft nach schalem Bier, kaltem Rauch und Zwiebeln roch. Alle Tische waren voll besetzt und doch reichte der Platz nicht für alle. Gesprächsfetzen waren aus dem allgemeinen Gesumm der Stimmen heraus zu hören. Sie drehten sich, wie immer in den letzten Wochen, um das O’Leary Gut.

Viele der Einwohner waren Fischer. Sie fuhren am frühen Morgen hinaus und verkauften dann am Abend ihren Fang an William Murphy. Gemeinsam mit seiner Frau Elizabeth betrieb er eine kleine Pension für die angeheuerten Decksmänner auf den Fischerbooten und verkaufte die Fische, die man ihm anbot. Dazu fuhr er nach Dublin auf den Markt, doch die besten Stücke verkaufte er entweder auf dem Gut oder aber auf Howth Castle.

Williams Tochter Dorothy ging ihnen dabei zur Hand, während ihr Mann George hauptsächlich dafür verantwortlich war, die Fische frisch nach Dublin zu bringen. Elizabeth fragte sich immer, wann die beiden endlich einen Enkel in die Welt setzen würden, aber außer der Aussage ihrer Tochter, dass sie eifrig dafür üben würden, gab es immer noch keine Hinweise darauf, dass die Bemühungen der beiden mit Erfolg gekrönt wurden.

In den letzten Wochen hatte der Ankauf von Fischen auf dem Gut merklich nachgelassen. Das tat im Geldbeutel weh, hatte William angemerkt. Auch andere spürten, dass sich einiges geändert hatte.

Nachdem der Gutsherr, Patrick O’Leary, gestorben war, hatte Unsicherheit geherrscht. Die Pächter und auch die Bediensteten hatten um ihren Lebensunterhalt gefürchtet. Der alte Gutsherr war mit Sicherheit nicht der beste Freund der Menschen hier gewesen, aber es gab schlimmere. Er hatte das Gut nicht oft verlassen und mit den Leuten kaum ein Wort gewechselt, hatte lieber Ronald Murray für sich sprechen lassen, aber die Löhne für die Knechte und Mägde waren immer pünktlich gezahlt worden. Die Entlohnung war nicht üppig gewesen, aber man konnte sich darauf verlassen. Bei den Pächtern war es anders. Einige hatte er vertreiben lassen, als sie die Pacht nicht hatten aufbringen können. Und dann hatte er von Kartoffeln und Getreide auf Rinder und Schafe umgestellt. Das bedeutete, dass weniger Menschen Arbeit hatten.

Außerdem und das wurden die Bewohner der Halbinsel Howth, nicht weit weg von Dublin, nicht müde zu betonen, war der Gutsherr Royalist gewesen. Und kein Katholik. Alleine das machte ihn in ihren Augen zu einem Menschen, den man nicht ins Herz schließen konnte.

Man hatte Ronald Murray, den Gutsverwalter, bestürmt, etwas über den Erben zu erzählen, doch auch dieser hatte nichts gewusst.

Murray war die rechte Hand des Gutsherrn gewesen, hatte alles durchgesetzt, was man ihm aufgetragen hatte. So recht wurde niemand schlau aus ihm. Er stammte aus Queenstown, war also kein Einheimischer. Daher misstrauten ihm die Bewohner, obwohl er schon über zwanzig Jahre auf Howth lebte. Bis heute war niemandem völlig klar, auf welcher Seite er stand.

Seit nun die korpulente Frau mit der Stimme einer Kompanie Dudelsäcke die Herrschaft im Gut übernommen hatte, war die Unsicherheit nur noch gewachsen.

»Wer ist diese Frau?«, brummte James O´Reilly, der seinen Lebensunterhalt wie die meisten Einwohner der Halbinsel oft mehr schlecht als recht mit der Fischerei verdiente.

»Ist mir eigentlich egal«, erwiderte Joseph O´Connor. »Sie hat mir die ausstehenden Gelder gegeben und das ist alles, was ich will.«

Er war der Schmied und hatte auf dem Gut immer alle Hände voll zu tun gehabt. Er beschlug nicht nur die Pferde, sondern erledigte auch Reparaturen am Haus und den Ställen. Als der Gutsherr aus dem Leben geschieden war, da war noch eine recht hohe Rechnung offen gewesen. Ronald Murray hatte sie ihm nicht zahlen dürfen, ihm waren die Hände gebunden.

Als bekannt wurde, dass diese Frau alle Vollmachten besaß, war Joseph auf das Gut marschiert, hatte sein Anliegen vorgebracht und war sofort bezahlt worden. Das hatte ihn verblüfft, doch hatte er es nicht auf sein Aussehen geschoben, dass er sein Geld erhielt. Joseph war so groß, dass er unter den meisten Türen den Kopf einziehen musste, dabei muskelbepackt, glatzköpfig mit Stiernacken und tief in den Höhlen liegenden Augen. Seine Oberarme waren so dick, dass man sie mit zwei Händen nicht umfassen konnte. Die Frau hatte ihn nur angesehen und verkündet:

»Sie sollen Ihren gerechten Lohn erhalten. Wir bleiben niemandem etwas schuldig, merken Sie sich das. Und wenn Sie das nächste Mal vorsprechen, dann erwarte ich, dass Sie ein sauberes Hemd tragen und sich vorher waschen!«

Albert McCarthy, der Besitzer des einzigen Ladens, den es im Dorf gab, mischte sich ein.

»Die weiß auf jeden Fall, was sie will. Gestern ist sie bei uns aufgetaucht mit ´ner Liste, die war so lang wie von Dublin bis London. Alles, was sie sagte, war: ›Können Sie das bis nächste Woche besorgen? Wenn nicht, sagen Sie es gleich. Dann versuche ich es in Dublin. Wenn ja, dann haben Sie regelmäßige Lieferungen an uns.‹ Tja, was soll ich sagen? Klar besorge ich dieser Frau alles, was sie will.«

Sein Sohn Shane, der neben ihm saß, nickte nur. Er fühlte sich sichtlich unwohl, aber sein Vater hatte ihm ganz eindeutig zu verstehen gegeben, dass er, wenn er schon mal aus Dublin, wo er seine Lehre zum Steuergehilfen machte, nach Howth kam, sich auch sehen lassen müsste.

Jetzt räusperte sich Thomas Walsh, einer der ansässigen Fischer.

»Meine Ellen war ja schon bei dem Alten die Köchin. Der hat nie große Ansprüche gestellt. Das kann man von dem Drachen nicht sagen.«

»Schikaniert sie Ellen?« »Nun erzähl schon.«

Er zuckte mit den Achseln.

»Nun, sie sagte von Anfang an, dass sie kritisch sei. Und das war nicht gelogen! Ellen hat sich viel Mühe gegeben! Sie ist eine fantastische Köchin. Aber die Alte hat sich alles angesehen, probiert, rumgestochert, sich die Küche angesehen und meinte nur: Na ja, dann versuchen wir es mit Ihnen.«

»Frechheit!« »So was!«

Die Stimmen wurden immer lauter. Man war sich einig, dass diese Frau ganz gehörig einen Dachschaden haben musste.

Auf einmal flog die Tür auf und Ronald Murray, der Gutsverwalter, polterte herein, sah sich um und nickte.

»Das ist gut, alle da, die ich suche.« Alle Augen richteten sich auf den Verwalter, der nun um Aufmerksamkeit bat. »Folgendes: Ich habe den Auftrag und auch die Erlaubnis, euch mitzuteilen, dass der neue Gutsherr bald eintreffen wird. Es handelt sich dabei um den Neffen Andrew O´Leary, der mit seiner Tochter dieses Gut führen wird. Bei der Frau, die im Moment dort das Kommando führt, handelt es sich um die Schwägerin des neuen Gutsherrn.«

Er ließ sich schwer auf einen freigewordenen Stuhl fallen und starrte an die Wand. Die Entwicklung der Dinge gefiel ihm ganz und gar nicht, und das war an seinem Gesicht deutlich abzulesen.

»Die Alte führt sich auf wie ein Sergeant Major! Ist den ganzen Tag damit beschäftigt, jedem über die Schulter zu schauen, damit auch ja alles so gemacht wird, wie sie es für richtig hält. Ich glaube nicht, dass sie die Befugnis hat, jemanden hinauszuwerfen, sonst hätte sie das wohl schon getan. Aber so, wie sie redet, hält der neue Gutsherr viel von ihrer Meinung.«

Alle sahen sich an. Es ging also weiter. Und doch blieben Zweifel. Man konnte nicht wissen, wen sie weiter beschäftigte und wer gehen musste. Fast jede Existenz in Howth hing auf die eine oder andere Art mit dem Gut zusammen. Ida Moore stellte Ronald ein Bier hin.

»Danke, Ida«, murmelte der Verwalter.

Er wurde mit Fragen bestürmt, hob schließlich die Hände.

»Langsam. Also, ihr vollständiger Name ist Margret Green. Ihr Schwager ist Arzt und gebürtiger Ire, der eine Engländerin geheiratet hat, nachdem er Irland verlassen hatte. Mit dieser hat er eine Tochter, die auch auf dem Gut einzieht. Die Mutter ist bei der Geburt gestorben. Mehr hat sie mir nicht erzählt.«

Verwunderte Blicke und aufgeregtes Gemurmel.

»Ein Ire?« »Hoffentlich nicht wieder so ein verkappter Royalist!« »Ein Flüchtling, was ist davon zu halten?«

Ronald verdrehte die Augen, als die Fragen kein Ende nahmen. Auf einmal war er jedermanns Freund. Ein neues Bier erschien auf seinem Tisch.

»Ich weiß doch auch nicht mehr. Nur, dass sie sämtliches Geschirr und alle Wäsche aus dem Haus verbannt und durch welches aus ihrem alten Haushalt ersetzt hat. Das Bild der Königin Viktoria hängt jetzt im Wohnzimmer, in Übergröße. Sie jedenfalls ist eine Königstreue.«

Die Gesichter verzogen sich. Das war mehr als übel. Wenn wieder jemand dort einzog, der zur Herrschaft der Königin über Irland stand, dann waren das äußerst schlechte Nachrichten. Royalisten tendierten dazu, die Iren zu schikanieren, nur um ihnen zu zeigen, wer der Herr war. Die Skepsis überwog jetzt, die Fragen verstummten. Langsam leerte sich der Pub.

Gutshof

Auf dem Gut sah sich Margret zufrieden um. Es war alles sauber, adrett und zum Einzug vorbereitet. Mit strenger Hand hatte sie alles organisiert. Jetzt, am Abend, waren nur noch Norman und Ruby Quinn bei ihr. Der Tierarzt war mit seiner Frau gekommen und hatte sich die Pferde angesehen, auch die anderen Tiere des Gutes hatte er begutachtet.

»Ich kann Ihnen versichern, dass alle Tiere, die ich bisher gesehen habe, kerngesund sind«, erklärte er ihr.

Margret nickte. Es hatte den Tierarzt nur ein paar Worte der Begrüßung gekostet, um dafür zu sorgen, dass sie ihm vertraute - der beruhigend vertraut klingende Londoner Akzent hatte Margret direkt verraten, dass es sich bei Norman Quinn um einen Landsmann handelte. Seine Frau Ruby war Irin - auch das verriet ihr Akzent. Sie war dabei jedoch so verbindlich freundlich, dass nicht einmal Margret ihr das übel nehmen konnte - und immerhin hatte ja auch ihre Schwester einmal einen Iren geheiratet.

»Wenigstens etwas. Was bin ich Ihnen …« In dem Moment klopfte es.

»Wer ist denn das noch?«, murmelte Margret.

Sie öffnete die Tür. Vor ihr stand ein korpulenter Mann mit einem Vollbart, zotteligen weißen Haaren und gebräuntem Gesicht. Sie musterte ihn von oben bis unten. Er sah sauber aus, roch aber penetrant nach Dung.

»Sie wünschen?«, fragte sie höflich.

»Entschuldigen Sie vielmals, Mrs. …«

»MISS!«, unterbrach ihn Margret. »Miss Margret Green. Und wer sind Sie?«

Der Mann riss sich die Mütze vom Kopf.

»Entschuldigen Sie vielmals, Madam.« Er rang nach Worten. »Mein Name ist Kennedy, Samuel Kennedy. Ich bin einer der Pächter des alten Gutsherrn. Wobei, Pächter stimmt nicht mehr so ganz, ich bin für eine Herde seiner Schafe verantwortlich. Das mache ich schon seit vielen Jahren und ich will nur sagen, ich habe ihn verehrt und …«

Margret winkte ab. Sie amüsierte das Verhalten des Mannes, der etwa in ihrem Alter sein mochte. Er war linkisch, aber versuchte, höflich zu sein.

»Hören Sie, guter Mann. Es ist spät. Wenn Sie sich nur vorstellen wollten, das haben Sie getan. Aber eigentlich habe ich für morgen ein Treffen anberaumt, bei dem ich alle Pächter kennenlernen wollte. Wenn Sie mich jetzt also bitte entschuldigen wollen.«

»Oh, natürlich. Aber es ist so, ich suche Dr. Quinn. Meine Sally hat sich verletzt.«

Sie riss die Augen auf.

»Ihre Frau hat sich verletzt und dafür brauchen Sie den Tierarzt?«

Margret war verwirrt. Mit Mühe hatte sie in der letzten Zeit ihre Ruhe bewahren können. Dieses Land war scheinbar nur von Barbaren und Verrückten bewohnt. Doch jetzt zweifelte sie, ob die Entscheidung, hierher zu gehen, überhaupt tragbar war.

»Oh nein, Miss Green. Ich bin nicht verheiratet. Sally ist einer meiner Hunde.«

Der Tierarzt und seine Frau schoben sich an der immer noch verwirrten Margret vorbei.

»Samuel, was ist passiert?«

»Sie hat ein paar Schafe von den Klippen geholt, plötzlich jaulte sie und konnte nicht mehr laufen.«

»Gut, lass uns gehen.«

Der Tierarzt wandte sich zu Margret.

»Sie entschuldigen uns? Dieser Hund ist wichtig für Mr. Kennedy.«

Ruby reichte Margret die Hand und machte einen leichten Knicks.

»Gute Nacht, Miss Green.«

Samuel Kennedy sah Margret schüchtern an.

»Sie sind mir nicht böse?«

Margret schüttelte den Kopf. Dieser Mann war schon seltsam, aber er schien das Herz am rechten Fleck zu haben. Kurzentschlossen reichte sie ihm die Hand. Samuel war verwirrt, aber er ergriff sie.

»Nein, Mr. Kennedy. Aber nur, wenn Sie so bald wie möglich kommen und mir erzählen, wie es Ihrer Sally geht.«

Der Schäfer reckte sich.

»Das wäre mir eine Ehre.«

»Komm, Samuel. Sally wartet.«

Gemeinsam verschwanden sie. Margret schloss die Tür und seufzte so tief, dass ihr gewaltiger Busen wogte.

»Hoffentlich kommen Andrew und Sarah bald.«

London

Eigentlich hätte Sarah das Gefühl haben müssen, nach Hause zu kommen, als sich das Dampfschiff, das sie von Alexandria zurück nach England brachte, die Themse hinauf kämpfte und sie von fern die Türme Big Bens und Westminster Abbeys erkennen konnte. Von der Baustelle der Tower - Bridge klang der Lärm der Arbeiter über den Fluss. Doch Sarah fühlte sich nicht als Heimkehrerin. Das Gegenteil war der Fall. Schon seit ein paar Tagen fürchtete Sarah ihre Ankunft in London mehr als alles andere. Sie waren so lange fort gewesen. Was konnte seither nicht alles passiert sein?

Die Nebelschwaden, die vom Fluss aufstiegen, verschleierten die Sicht auf die Stadt, ließen sie unheimlich und so unwirtlich aussehen, wie Sarah, die Rothaarige, sie empfand. Sie wollte sich unter Deck in ihrer Kabine verbergen und nicht wieder herauskommen, bis ihr Vater all die bürokratischen Notwendigkeiten erledigt hatte, die ihrer Auswanderung nach Irland vorangehen mussten. Aber irgendetwas hielt ihre Füße an Deck fest, zwang sie, der Stadt entgegenzusehen wie eine Verurteilte auf dem Weg zur Hinrichtung.

Sie erschauerte und zog die Schultern zusammen. Die Hinrichtung konnte ihr durchaus noch blühen! Zwar waren die sogenannten Rippermorde schon drei Jahre her, aber den Mörder hatte die Polizei nie fassen können. Es kam häufig vor, dass nach solch schrecklichen Verbrechen irgendjemand festgesetzt wurde und man ihm die Schuld in die Schuhe schob, aber in diesem Fall war das nicht passiert, obwohl es viele Verdächtige gegeben hatte.

Andrew O’Leary hatte den Fall auch in Ägypten sehr aufmerksam in der London Times verfolgt und Sarah davon berichtet, obwohl sie lieber kein Wort davon gehört hätte - schließlich war sie es selbst, die einen Großteil der Frauen, die man dem Ripper zuschrieb, auf dem Gewissen hatte!

Mittlerweile wusste die Arzttochter nicht mehr, was sie bevorzugen sollte - dass die Polizei den Mörder weiterhin schuldig blieb oder dass ein Unschuldiger an ihrer Stelle dran glauben musste. Jetzt, so nah an ihrer Heimatstadt, die Angst plötzlich wieder im Nacken, wünschte Sarah sich, es hätte einen anderen erwischen mögen.

Sie waren mittlerweile nah genug, dass Sarah den Schlag Big Bens zur Mittagsstunde hören konnte. Ihre Fantasie zeigte ihr wilde Szenen. Sobald das Schiff in London vor Anker lag, würde Frederick Abberline, Inspektor von Scotland Yard, mit einer Gruppe Polizisten an Bord kommen und sie festnehmen. Er war der Einzige gewesen, der damals an ihre Schuld geglaubt hatte. Wegen eines winzigen Hinweises, wegen einer einzigen Zeugin, die sie damals in Whitechapel gesehen hatte. Und nicht einmal eindeutig erkannt! Nur eine Strähne roten Haars! Trotzdem hatte der verdammte Polizist die Verbindung hergestellt. Er hatte ihr nur nie etwas nachweisen können. Damals jedenfalls!

Was aber, wenn er ihre lange Abwesenheit genutzt hatte, um sich etwas genauer auf dem O’Leary-Anwesen umzusehen? Vor ein paar Tagen war Sarah aus einem wirren Albtraum aufgeschreckt. Ihr war etwas eingefallen, was ihr letzten Endes zum Verhängnis werden konnte.

Susan Birch. Die Prostituierte war Sarahs erstes Opfer gewesen, lange bevor die Ripper-Morde überhaupt begonnen hatten. Und ihr Kopf lag immer noch schön säuberlich verpackt in einer Hutschachtel im elterlichen Garten vergraben!

Sarah hätte sich ohrfeigen mögen, dass sie in all der Zeit nie dieses Damoklesschwert weggeschafft hatte. Jetzt war es zu spät!

Wenn sie doch nur schon auf dem Weg nach Irland wären!

Eine Hand, die plötzlich auf ihre Schulter gelegt wurde, sorgte dafür, dass Sarah laut aufschrie vor Schreck und panisch herumwirbelte. Obwohl sie noch nicht einmal angelegt hatten, erwartete Sarah in ihrer Angst, schon jetzt Inspektor Abberline hinter sich zu sehen.

Sie stieß einen erleichterten Seufzer aus, als sie Horatio Gordon, bärtig und dringend einen Haarschnitt benötigend, hinter sich erkannte.

»Du bist es!«

Er kniff die Augen zusammen. Trotz aller Jacken und Pullover, derer er habhaft werden konnte, fror er erbärmlich.

»Ich habe nicht gedacht, London jemals wiederzusehen«, stieß er hervor. »Hast du eine Idee, wie lange wir hierbleiben müssen? Ich habe ehrlich gesagt keine große Lust, mich monatelang irgendwo zu verstecken.«

Im Gegensatz zu Sarah war die Bedrohung in Horatios Fall sehr real. Zwar war man nach seinem Verschwinden von einem Selbstmord ausgegangen, aber da man keine Leiche gefunden hatte, existierte trotzdem ein Haftbefehl gegen ihn, weil er seinen Halbbruder erschlagen hatte. Zwar in Notwehr, aber die wahren Umstände waren der Polizei in London noch nicht bekannt. Aus diesem Grund war der junge Gordon mit gefälschten Papieren unterwegs und sah aus, als wäre er monatelang auf einer einsamen Insel gestrandet. So würde man ihn vielleicht nicht erkennen! Sarah strich ihm zärtlich eine widerspenstige Haarsträhne aus der Stirn und zuckte die Schultern.

»Wenn ich das nur wüsste! Am liebsten würde ich von diesem Schiff direkt aufs nächste steigen und London gar nicht betreten, aber ich weiß nicht, ob der Dampfer nach Dublin überhaupt schon vor Anker liegt. Im schlimmsten Fall werden wir uns ein Hotel suchen müssen. Ich gehe auf gar keinen Fall in unser Haus zurück!«

Vor ihrem geistigen Auge sah Sarah vor der Villa ihres Vaters eine Polizeiabsperrung und einen durchwühlten Garten, und sie wurde blass. Horatio verstand, was sie meinte.

»Ich habe London immer geliebt. Aber jetzt wäre ich froh, wenn wir schon wieder die Themse abwärtsfahren würden. Jeder Tag, den wir hierbleiben müssen, ist gefährlich.«

Sarah nickte. Sie wusste, dass auch er Angst hatte.

Mittlerweile waren sie schon in der Stadt. Von den Docks klang das Geschrei der Fischhändler und Hafenarbeiter herüber. Sarah holte tief Luft und klammerte sich an die Reling.

»Wenn sie bloß nicht unser Haus durchsucht haben,« murmelte sie gedankenverloren.

Horatio stutzte.

»Warum denn das? Was sollten sie denn dort finden?« Er war verwirrt. Gab es da etwas, was sie ihm noch nicht erzählt hatte? Er fasste sie am Arm. »Sarah, was sollten sie dort finden?«, wiederholte er energisch.

Die Rothaarige schrak zusammen. Horatio wusste von ihren Morden. Auch von dem ersten. Aber er wusste nicht, was sie mit dem Kopf der Leiche gemacht hatte. Mit einem schnellen Blick vergewisserte sie sich, dass sie allein am Heck des Schiffs standen und niemand sie belauschen konnte.

»Sei doch nicht so laut«, zischte sie, beugte sich dann näher auf ihn zu. »Erinnerst du dich noch an die Leiche, die ›Rainham Torso‹ genannt wurde?«

Er nickte. Der Rainham Torso, Sarahs erstes Opfer. Aber das hatte er erst später erfahren. Es waren nur einige Körperteile gefunden worden, der Kopf war allerdings nicht aufgetaucht. Konnte es sein, dass der auf dem Grundstück der O´Learys lag?

»Nein!«, kam es krächzend über seine Lippen. »Sag mir jetzt bitte nicht, dass du den Kopf bei euch begraben hast!«

Sie wurde ein bisschen rot, wirkte dabei für einen kurzen Moment wie ein kleines Mädchen.

»Doch! Unter den alten Bäumen in der Mitte des Gartens! In einer Hutschachtel! Ich wollte verhindern, dass man sie identifizieren würde, und wusste nicht wohin sonst damit! Außerdem hatte ich keine Zeit mehr, du machst dir keine Vorstellung davon, wie schwierig es ist, einen menschlichen Körper zu zerteilen!«

Die Worte kamen mit einer Unschuld, als spräche sie von Aufräumarbeiten nach einer heimlichen Feier in Abwesenheit ihres Vaters. Horatio war schockiert. Kaum waren sie in London, war der Geist der Ripperin wieder da. Sie mussten, so schnell es ging, hier verschwinden.

Kurz überlegte er, auf dem Grundstück den Kopf auszugraben. Doch er verwarf den Gedanken schnell wieder. Es wäre zu auffällig. Und doch, wenn Andrew das Haus verkaufen und der neue Besitzer im Garten graben würde, das wäre ein gefundenes Fressen für die Polizei.

»Sarah, warum hast du damals nichts gesagt? Jetzt kann ich ihn nicht einfach ausgraben. Dass man sie nach all den Jahren noch identifizieren kann, das halte ich für ausgeschlossen. Aber ein skelettierter Kopf … das wird Fragen aufwerfen.«

»Als du mich damals erwischt hast, war die Sache mit Susan schon über ein Jahr her, und ich hatte weiß Gott andere Probleme am Hals, als daran noch zu denken«, verteidigte Sarah sich. »Außerdem war Abberline schon auf mich aufmerksam geworden. Zu dem Zeitpunkt war es viel zu spät, um den Kopf noch loszuwerden.« Ihre Schultern sackten nach unten. »Wir müssen einfach darauf vertrauen, dass er nie gefunden wird. Ich gehe jedenfalls nicht dorthin und hole ihn, und du wirst es ganz bestimmt auch nicht tun! Du solltest dich so wenig in London aufhalten wie möglich!«

»Ich werde keinen Fuß in die Stadt setzen! Zu viele kennen mich hier, auch wenn ich mittlerweile aussehe wie ein Landstreicher. Ich hoffe nur, dass Andrew schnell mit allem fertig wird, was er zu erledigen hat.«

»Das hoffe ich auch.«

Trotz aller Anspannung schaffte Sarah ein kokettes Lächeln und wickelte sich eine Strähne von Horatios Bart um den Finger.

»Sobald wir in Dublin ankommen, kommt dieses Gestrüpp weg, Robinson Crusoe! Ich finde dich kaum noch unter diesen ganzen Haaren.«

Er lächelte.

»Erst einmal müssen wir dort ankommen.« Horatio sah sich um. »Wir sollten unter Deck, wenn wir gleich anlegen. Zu viele Leute am Kai.«

Andrew gesellte sich zu ihnen.

»Das wollte ich euch auch gerade vorschlagen. Ich gehe als Erster von Bord und sehe zu, dass ich eine Unterkunft finde. Ich weiß nicht, ob Margret das Haus schon verkauft hat und wie es bei den Gordons aussieht. Aber ich denke, wir sollten nicht zu weit vom Hafen weg sein. Dann kümmere ich mich um eine Passage nach Dublin und besuche diesen Rechtsanwalt. Danach sehen wir weiter.«

Horatio und Sarah verzogen sich. Langsam näherte sich das Schiff dem Kai und wurde vertäut. Als die Gangway angelegt wurde, eilte Andrew von Bord. Die Zollbeamten, die träge ihren Dienst versahen, interessierten sich nicht für das Schiff. Es fuhr unter britischer Flagge, und das war Grund genug, darauf zu vertrauen, dass dort alles mit rechten Dingen zuginge.

Ein paar Angehörige warteten auf Heimkehrer und begrüßten sie mit großem Hallo, aber niemand ging an Bord. Das freilich konnte Sarah in ihrer Kabine unter Deck nicht wissen. Ihr schlug das Herz bis zum Hals vor Angst. Draußen hatte ein ungeheurer Lärm eingesetzt, und es rumpelte und polterte, als die Matrosen fluchend und einander Anweisungen zubrüllend diverse Koffer, Kisten und die Ladung durch die Gänge zu schleppen begannen.

Jedes Mal, wenn jemand gegen die geschlossene Kabinentür stieß, zuckte Sarah heftig zusammen aus Angst, die Polizei könne kommen, um sie zu holen. Sie war kreidebleich und konnte schließlich nicht länger stillsitzen, begann, in der Kabine hin und her zu wandern.

Magdalenenheim

Im Magdalenenheim saß Schwester Olive, die Leiterin der Einrichtung, an ihrem Schreibtisch. Sie rechnete die Einnahmen durch, die sie im vergangenen Quartal erzielt hatte.

»Das muss mehr werden«, zischte sie den anderen Schwestern zu. »Wir brauchen einen höheren Profit. Egal, wie ihr es macht.«

Mit einer herrischen Handbewegung scheuchte sie die Frauen aus dem Arbeitszimmer und sah die anderen Papiere durch.

»Oh, was ist das?«, murmelte sie. »Das ist interessant. Ein neuer Auftrag.« Sie las noch einmal, lehnte sich zurück und kalkulierte den zu erwartenden Gewinn. »Dass wir das Gut noch einmal bekommen, damit hätte ich nie gerechnet.«

Seit der alte Gutsherr den Vertrag mit dem Heim aufgekündigt hatte, weil er, nach Meinung von Olive, zu geizig war, hatte sie immer gehofft, dass sie doch wieder zu dem Auftrag kommen könnten. Jetzt, wo sich ein neuer Gutsherr auf dem Weg nach Irland befand und eine Frau dort das Regiment führte, schien es endlich so weit zu sein. Olive nickte.

»Gut. Wenigstens etwas. Aber jetzt muss ich mir erst die Neue ansehen.«

Sie erhob sich und verließ ihr Büro, das sie sorgfältig absperrte. Ihr Ziel war eine kleine Kammer in den Kellergewölben, wo die meisten Neuzugänge eine gewisse Zeit verbrachten.

London

Andrew hatte das kleine Hotel gefunden, dessen Besitzer er schon lange kannte. Vor einigen Jahren hatte er ihn mal mitten in der Nacht zusammenflicken müssen, weil ein betrunkener Seemann sein Messer in den Bauch des Hoteliers gestoßen hatte.

Er bekam zwei Zimmer, die zwar nicht besonders schön, aber sauber waren. Danach nahm er sich eine Kutsche und machte sich auf den Weg zu Ralph Finnegan, dem Rechtsanwalt.

Der war sichtlich überrascht, als Andrew vor ihm stand. Nach einigen Begrüßungsfloskeln überreichte Andrew dem Anwalt die Briefe, die ihm Henry Gordon in Ägypten mitgegeben hatte.

Ralph Finnegan las alle Dokumente sehr sorgfältig. Als er das letzte auf den Tisch legte, kratzte er sich hinterm rechten Ohr.

»Nun ja, das ist alles sehr … verwirrend, nicht wahr?«

»Das mag sein, aber es entspricht den Tatsachen.«

»Ist der junge Mister Gordon …«, er brach ab, hob die Hände. »Nein, ich will es nicht wissen, dann muss ich nicht lügen, wenn ich gefragt werde.«

Er kramte in einigen Unterlagen, die er aus einem Schrank geholt hatte.

»Wollen wir doch mal sehen. Also, da haben wir es ja. Mordopfer Francis Gordon, Täter laut schriftlichem Geständnis, welches am Tatort gefunden wurde, Horatio Gordon. Seit der Tat vermisst, vermutlich Selbstmord begangen. Für tot erklärt am 28. August 1890.« Er sah Andrew an.

»Folgendes: Wenn ich mit diesem Brief zur Polizei gehe, fallen die mir doch glatt um, nicht wahr? Denn erstens wurde der Täter für tot erklärt. Damit wurden die Ermittlungen eingestellt. Zweitens würde mit dem Brief Henrys der Polizeiapparat aufwachen. Träge, aber er würde. Zunächst würde man versuchen, die Erklärung für eben den Tod des augenscheinlichen Täters für ungültig erklären zu lassen. Was aber wohl nicht geschehen würde, da ja nur dieser Brief seines Stiefvaters als Beweis vorlag. Aber: Man würde Sie und Ihre Tochter hier festhalten. Und wie lange, das kann ich beim besten Willen nicht sagen.« Bewusst hatte er Horatios Namen nicht erwähnt. Finnegan klopfte mit einem Finger auf den Schreibtisch. »Das andere, das ist überhaupt kein Problem, nicht wahr. Das kann ich alles regeln.«

Andrew hörte dem Anwalt aufmerksam zu und wartete darauf, dass dieser ihm die Lösung für das Problem präsentierte, die er mit Sicherheit parat hatte.

»Ich schlage vor, Sie und Sarah reisen nach Irland. Am besten mit dem nächsten Schiff. Halten Sie sich nicht in London auf. Ich regele alles, was Henry und Sie mir gerade auftragen. Und was die andere Sache betrifft: Ich würde sie zunächst einmal unter dem Deckmantel des Schweigens liegen lassen. Weder die Polizei noch die Richter in London sind im Moment besonders daran interessiert, diesen Mord zu verfolgen, vor allem, wenn diese Angelegenheit so kompliziert ist, nicht wahr. Ein Toter kehrt zurück. Und dann würde man vielleicht sogar noch eine Verbindung zu den Ripper - Morden konstruieren, denn den hat man auch noch nicht.« Er beugte sich ein wenig vor. »Sie wissen, dass die Serie abriss, als Horatio verschwand?«

Andrew zuckte zusammen. Horatio der Ripper? Das war lachhaft.

»Das glauben Sie doch selber nicht!«, rief er aus.

»Was ich glaube, das spielt keine Rolle, nicht wahr. Es gab zwar noch einige seltsame Todesfälle, die von der Presse dem Ripper zugeordnet wurden, aber die Polizei geht von Nachahmungstätern aus.«

Andrew konnte nur den Kopf schütteln. Er kannte Horatio mittlerweile gut genug, dachte er. Niemals würde dieser solche Morde begehen.

»Vielleicht drehen Sie die Sache mal anders.«

Der Anwalt hob die Brauen.

»Die Mordserie endete ja auch mit dem Tod von Francis Gordon.«

»Eine interessante Theorie. Und praktisch wäre sie auch, denn er kann sich ja nicht verteidigen. Vielleicht kann ich da was draus machen. Aber was würde Henry Gordon dazu sagen?«

»Ich denke, er wäre einverstanden. Er hat die wahre Natur von Francis endlich erkannt. Und er will mit allen Mitteln Horatio schützen.«

»Nun denn, ich sehe, was ich tun kann. Aber ich würde Ihnen trotzdem zur Weiterreise raten, nicht wahr?«

»Also sollen wir verschwinden?«

Finnegan nickte.

»Suchen Sie eine Passage. Ich werde meine Kontakte spielen lassen, sobald ich weiß, dass Sie alle außer Landes sind.«

Andrew bedankte sich und verließ die Kanzlei. Das wurde immer schöner, dachte er sich. Zuerst wurde seine Tochter verdächtigt und jetzt auch noch Horatio. Wenn er dies Sarah erzählte, so fürchtete er, würde sie auf einen Rachefeldzug gehen. Er suchte nach der nächsten Möglichkeit, nach Irland zu gelangen und hatte Glück. Bereits am nächsten Abend lief ein Schiff aus und er konnte zwei Kabinen ergattern.

Magdalenenheim

Schwester Olive ließ sich die Tür zu der karg möblierten Kammer aufsperren und trat ein. Auf einer Matratze am Boden lag eine junge Frau, nackt und verängstigt. Olive rümpfte die Nase. Der Eimer, den man für die Notdurft hineingestellt hatte, war voll und roch entsprechend. Sie drehte sich um.

»Was soll das? Wann wurde der Eimer zum letzten Mal gewechselt? Los jetzt«!, herrschte sie die beiden Schwestern an, die vor der Tür standen. »Und eine Schüssel Wasser, das arme Kind muss sich waschen.« Beflissen liefen die Schwestern und erledigten die Aufträge. »Und eine Decke!« Olive beugte sich vor. »Komm her Kind, dir muss kalt sein.«

Die junge Frau setzte sich auf und nahm dankbar die Decke, die Olive ihr um die Schultern wickelte.

»Wie heißt du, Kind?«, fragte sie mit weicher Stimme.

»Constance, Mylady«, flüsterte das Mädchen.

Olive betrachtete sie. Constance schien noch sehr jung zu sein, ein wenig drall, aber mit einem hübschen Gesicht. Ihre rotblonden Haare, die mit Sicherheit sehr schön waren, wenn sie in Ordnung gebracht wurden, hingen verfilzt herunter. Der Mund, um den sich Lachfältchen zeigten, war verkniffen, die grünen Augen glanzlos. Olive lächelt sie aufmunternd an.

»Ich bin keine Mylady. Ich bin Schwester Olive. Du wirst bei uns bleiben.«

Constance zuckte zusammen, Tränen traten ihr aus den Augen.

»Bitte, ich will nicht in dieser kalten Gruft sein«, stammelte sie.

Olive setzte sich zu ihr auf die Matratze, legte den Arm um sie.

»Nein, das musst du nicht. Es ist immer nur am Anfang. Wir müssen dich zunächst von den anderen fernhalten. Wir kennen dich nicht, wissen nicht, ob du vielleicht krank bist oder Läuse hast oder gar gewalttätig bist. Wenn wir dich dann besser kennen, dann kannst du zu den anderen.«

Constance nickte.

»Heute wirst du ein Bad nehmen. Dann kommt der Arzt, er wird dich untersuchen. In zwei Wochen, wenn er nichts feststellt, kannst du zu den anderen Mädchen.«

»In zwei Wochen?« Constance brach in Tränen aus.

»Na na, nicht weinen.« Sie sah zu den Schwestern, die ihr Grinsen verbergen mussten. »Bringt sie nach dem Baden in ein anderes Zimmer. Gebt ihr ein Bett, etwas zum Anziehen und zu essen.«

Constance sah Olive dankbar an.

»Ich muss nicht in diesem Loch bleiben?«

»Ach was. Ich wüsste zu gerne, wer das so angeordnet hat. Ich habe erst heute erfahren, dass du da bist, sonst wäre ich schon früher gekommen.« Sie stand auf. »Schwester Maura, nimmst du sie bitte mit ins Bad?«

Eine der Nonnen näherte sich Constance.

»Komm mit, Kind.«

Mit einem letzten dankbaren Blick verschwand Constance. Olive wandte sich an die noch verbliebene Schwester.

»Du weißt Bescheid? Die Haare scheren, überall, wo Läuse sein können. Gründlich waschen. Dann zum Arzt.«

Die Schwester nickte und eilte fort. Olive grinste. Ihre Taktik schien wieder einmal aufzugehen. Mit ihrer scheinbaren Güte hatte sie Constance eingelullt, ihr Vertrauen erschlichen. Diese jungen Mädchen waren so naiv, so leicht zu beeinflussen.

Dublin

Frank Ryan schlenderte über den Markt von Dublin. Der schlanke, kurzgewachsene Mann mit den listigen Augen hatte alles im Blick. Langsam strich er sich über den Bart, der ihm bis unter das kantige Kinn reichte. Obwohl es nicht gerade warm war, hatte er auf einen Mantel verzichtet, der würde ihm bei dem, was er vorhatte, hinderlich sein. Langsam schlenderte er zwischen den Ständen hindurch, ließ dabei seinen Blick stetig hin - und herwandern. Sein Magen rumorte und erinnerte ihn daran, dass er seit zwei Tagen nichts mehr gegessen hatte. Der Anblick und der Geruch der Leckereien trugen nicht gerade dazu bei, ihn von seinem Hunger abzulenken.

Frank war ein kleiner Gauner, der sich mit Gelegenheitsdiebstählen oder Trickbetrügereien über Wasser hielt. Ehrliche Arbeit, so sagte er immer, war nichts für ihn. Allerdings musste auch ein Frank Ryan überleben. Nachdem er aus Belfast hatte fliehen müssen, weil er dem falschen Mann in die Tasche gegriffen hatte, war er in Howth gelandet, pleite und hungrig. So hatte er auf einem Fischerboot angeheuert. Am Anfang war es hart, aber er hatte sich durchgebissen und konnte sich so ein bescheidenes Einkommen erarbeiten. Das hielt ihn allerdings nicht davon ab, in Dublin gelegentlich wieder auf Beutezug zu gehen, wenn er gerade dort war. Frank war ein Spieler. Hatte er mal Geld in der Tasche, verprasste er es mit Glücksspiel oder leichten Mädchen.

Im Moment war er allerdings mehr als nur pleite. Sein Glück schien ihn verlassen zu haben. Bei seiner letzten Kartenrunde war er sogar so weit gegangen, dass er einen Schuldschein unterschrieben hatte, nachdem seine gesamte Heuer verspielt war. Und der drohte ihn jetzt den Kopf zu kosten, wenn er bis zum Abend nicht die Summe zusammengegaunert hätte.

Sein Blick fiel auf eine dicke Frau, die über den Markt ging. Sie schien Geld zu haben, das sah er auf den ersten Blick. Ihre Kleidung verriet es sofort. Und … sie war allein. Frank verfolgte sie eine Weile, um sicherzugehen. Er erkannte, dass er sich geirrt hatte, es war doch jemand bei ihr. Ein junges Mädchen, höchstens dreizehn oder vierzehn Jahre alt, folgte ihr und trug die Einkäufe. Sie war keine Gefahr. Er versuchte, sich an den Namen zu erinnern. »Elsie«, murmelte er leise. Sie arbeitete auf dem O’Leary-Gut, und die Erkenntnis durchfuhr Frank wie ein Blitz, mit wem er es hier zu tun hatte. Er rieb sich innerlich die Hände; das konnte nur die Schwägerin des neuen Gutsherren sein. Ein dicker Fisch! Mit etwas Glück hatte sie genug bei sich, dass er alle seine Sorgen mit einem einzigen Griff los wurde.

Er beobachtete weiter. Schließlich hatte er gesehen, was er sehen musste. Sie trug ihr Geld in einer Börse, die sie immer wieder in die linke Manteltasche schob. Er hoffte nur, dass es genug für seine Zwecke war.

Langsam schob Frank sich näher. Als sie in eine Traube aus Menschen geriet, sah er seine Chance. Er drückte sich durch die Leiber hindurch, die sie umgaben, rempelte sie von der Seite an und war verschwunden, noch bevor sie reagieren konnte. Wie ein Aal schlängelte er sich kreuz und quer über den Marktplatz, bis er in eine der Seitenstraßen verschwunden war. Erst dort konnte er seinen Fang überprüfen. Doch als er die Geldbörse öffnete, wurde ihm schwindelig. Sie war, abgesehen von ein paar Münzen, leer. Frank fluchte.

»Verdammte Hexe!«, brummte er. Aber das war das Los der Diebe, dachte er sich. Mal gewinnt man, mal verliert man.

Margret hatte den Rempler bemerkt und auch, dass auf einmal die Geldbörse verschwunden war. Doch sie grinste nur.

»Da wird der Kerl sich wundern«, kicherte sie und nahm die Geldscheine vorsichtig aus der rechten Manteltasche heraus, in der sie diese untergebracht hatte. Sie hatte den Taschendieb schon länger bemerkt und ihre Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Sie hatte zu lange in London gelebt, als dass ihr einer dieser kleinen Gauner etwas vormachen konnte.

»Aber dein Gesicht, das kenne ich. Und ich werde dich finden«, grinste sie in sich hinein.

Frank wurde hart von hinten gestoßen und krachte gegen eine Mauer.

»Na, wie sieht es aus? Ich glaube, du schuldest mir was.«

»John, bitte … es ist doch erst heute Abend fällig«, jammerte er.

»Ach, was du nicht sagst. Ich dachte, du bist ein Ehrenmann. Und da ich gesehen habe, wie du die alte Dame beklaut hast, da habe ich angenommen, du könntest deine Schulden bezahlen, bevor du es wieder auf den Kopf haust.«

»Die Kuh hatte nur ein paar Münzen.«

Ryan spürte einen Schlag gegen den Hinterkopf, prallte wieder gegen die Hauswand. Blut sickerte aus einer Platzwunde. Aber er wusste, das war nichts gegen das, was ihn erwartete, wenn er bis zum Abend das Geld nicht beibringen konnte.

»Frank, mein Freund. Ich mag dich. Wirklich. Aber ich denke, du verstehst, dass ich dir das nicht durchgehen lassen kann. Aber ich gebe dir eine Möglichkeit, deine Schulden bei mir abzuarbeiten. Allerdings dauert das noch ein paar Tage. Was machen wir bis dahin, damit du es nicht vergisst?«

Frank spürte, wie seine rechte Hand ergriffen wurde und Panik durchraste ihn.

»Bitte … ich brauche meine Hände … sonst kriege ich das Geld nie zusammen.«

»Das schaffst du mit Klauen sowieso nicht.«

Er spürte heißen Atem an seinem Ohr.

»In einer Woche sehe ich dich auf Ireland´s Eye. Da wirst du etwas für mich tun. Damit wäre die Hälfte der Schulden getilgt. Und damit du es nicht vergisst …«

Frank hörte etwas knacken, bevor er es spürte. Sein kleiner Finger sandte Schmerzsignale durch seinen Arm, als man ihn brach.

»Wirst du da sein?«

»Ja … bitte …«, wimmerte Frank, als man ihn losließ und er zu Boden sank. Er sah sich um, aber er war alleine.

Magdalenenheim

Schwester Olive hatte Constance zu sich bringen lassen. Das Mädchen saß schüchtern auf einem Stuhl und rang ihre Hände im Schoß. Ihr geschorener Schädel glänzte weiß, dunkle Ringe lagen unter ihren Augen.

Das Bad hatte gutgetan, aber als die Schwestern ihr das Haupthaar schoren, war sie in Tränen ausgebrochen. Constance war immer stolz auf ihre Haare gewesen. Jetzt waren sie fort, abrasiert. Es war eine Demütigung gewesen. Doch das war nicht die letzte, denn die Schwestern hatten sie dazu gezwungen, sich von ihnen untersuchen zu lassen.

»Wir müssen prüfen, ob du Läuse hast«, hatten sie gesagt. Sie hatte die Arme heben müssen, mit einer Lupe hatten sie jede Falte untersucht und sie auch unter den Achseln rasiert. Der Gipfel war allerdings, als sie auch ihren Intimbereich genaustens betrachteten und auch dort die Haare weichen mussten. Dann hatten sie Constance mit einem weißen Puder eingestäubt.

»Du wartest hier, bis der Arzt kommt«, verlangten sie dann von ihr und ließen sie, ohne ihr etwas zum Anziehen zu geben, in dem Zimmer zurück.

Die junge Frau zitterte bald am ganzen Körper. Das Warten machte Constance verrückt. Seitdem sie hier angekommen war, war ihr nichts Gutes widerfahren. Außerdem war es schrecklich kalt in dem Raum. Als sie schließlich schlurfende Schritte vor der Tür hörte, war sie gleichzeitig fast gelähmt vor Angst und ein wenig erleichtert, dass nun die Warterei vorüber sein würde.

Als die Tür sich öffnete, hätte sie sich jedoch am liebsten verkrochen vor Scham. Der Mann, der eintrat, hatte die Fünfzig mit Sicherheit schon überschritten, wenn nicht gar die Sechzig erreicht. Constance hatte in ihrem Leben nicht viel mit Ärzten zu tun gehabt, konnte sich einfach keinen leisten, aber so hatte sie sich einen Meister dieser Zunft nicht vorgestellt. Dünnes, weißes Haar hing bis auf seine Schultern herab, der Bart war sicherlich seit ein paar Wochen nicht gestutzt, und seine Augen blinzelten sie hinter dicken Gläsern riesenhaft vergrößert an wie eine Eule, die man mitten am Tag aus dem Schlaf gerissen hatte.

Auch die Kleidung, die viel zu groß an seinem hageren Leib schlackerte, sah aus, als wäre er damit gerade aus dem Bett gekommen - zerknautscht und unordentlich, und als er zur Tür hereinkam, stieß er mit der Schulter gegen den Rahmen und schwankte bedrohlich. Das sollte wirklich ein Arzt sein?

Constance atmete ein wenig auf, als Schwester Olive hinter dem Mann im Türrahmen erschien und ihr aufmunternd zulächelte.

»Constance, das ist Dr. Oswald O’Malley. Er kümmert sich um unsere Mädchen. Du musst keine Angst haben, er ist sehr erfahren.«

Umständlich ächzend ging der Arzt vor dem Stuhl, auf dem Constance saß, auf die Knie.

»Spreiz die Beine«, nuschelte er, seine Stimme dabei so verwaschen wie das Jackett, das er trug.

Constances Wangen brannten vor Verlegenheit, aber sie gehorchte.

Olive hielt sich im Hintergrund und beobachtete Oswald O’Malley, wie er die neue Heimbewohnerin abtastete und schließlich gynäkologisch untersuchte, obwohl sich Constances Gesicht vor Scham und Schmerz verzog. Es wurde immer schlimmer mit ihm! Als sie ihn durch den Garten hatte wanken sehen, hatte die Heimleiterin zuerst geglaubt, er sei betrunken, aber er roch nicht nach Alkohol.

Dennoch, irgendetwas stimmte nicht mit ihm! Sie hatte ihm verschiedene Fragen gestellt. Auf manche hatte er nicht reagiert, auf andere völlig unzusammenhängend geantwortet. Und jetzt, Olive wollte ihren Ohren nicht trauen, stimmte er auch noch ein Weihnachtslied an! Verlor er etwa den Verstand?

Schließlich richtete er sich umständlich wieder auf, wisperte der Heimleiterin etwas zu und schlurfte dann wortlos aus dem Raum.

Olive sah Constance streng an.

»Constance, du weißt, dass du ein Kind bekommst.«

»Ja, Schwester Olive.«