Verlag: epubli Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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E-Book-Beschreibung Die O´Leary Saga: Engelsklinge - Werner Diefenthal

London, 1887 Eine grausame Mordserie erschüttert die Hauptstadt Großbritanniens. Während die junge Sarah O´Leary auf der Suche nach einem Heilmittel für ihren an der zu dieser Zeit tödlichen Syphilis leidenden Verlobten Francis Gordon ist, werden mehrere Prostituierte brutal ermordet. Die Polizei tappt im Dunkeln. Wer ist dieser Mörder, den man Jack the Ripper nennt? Und was hat die junge Sarah O´Leary mit den Morden zu tun?

Meinungen über das E-Book Die O´Leary Saga: Engelsklinge - Werner Diefenthal

E-Book-Leseprobe Die O´Leary Saga: Engelsklinge - Werner Diefenthal

Die O´Leary Saga: Engelsklinge

Von Martina Noble, Werner Diefenthal

Buchbeschreibung:

London, 1887

Eine grausame Mordserie erschüttert die Hauptstadt Großbritanniens. Während die junge Sarah O´Leary auf der Suche nach einem Heilmittel für ihren an der zu dieser Zeit tödlichen Syphilis leidenden Verlobten Francis Gordon ist, werden mehrere Prostituierte brutal ermordet.

Die Polizei tappt im Dunkeln. Wer ist dieser Mörder, den man Jack the Ripper nennt? Und was hat die junge Sarah O´Leary mit den Morden zu tun?

Über die Autoren:

Martina Noble:

Geboren 1979 in Mainz, liebt sie seit frühester Kindheit, Geschichten zu erzählen und zu schreiben. Seit 2014 schreibt sie gemeinsam mit Werner Diefenthal und hat mehrere Bücher mit ihm veröffentlicht.

Werner Diefenthal

Geboren 1963 im Rheinland, schreibt seit mehreren Jahren und veröffentlichte 2010 seinen ersten Roman. Seit 2014 hat er mit Martina Noble eine Schreibpartnerin, mit der er gemeinsam mehrere Romane veröffentlicht hat.

Die O´Leary Saga: Engelsklinge

Von Martina Noble, Werner Diefenthal

c/o

Papyrus Autoren-Club,

R.O.M. Logicware GmbH

Pettenkoferstr. 16-18

10247 Berlin.

Telefon: +49 175 2672918

wdiefenthal@wdiefenthal.de

www.martina-noble.com; www.wdiefenthal.de Titelbild und Covergestaltung

Sandra Limberg http://www.sollena-photography.de

Titelmodel: Fiodora Hamburg http://www.fiodora-hamburg.de/

Logo- und Webseitengestaltung für Werner Diefenthal monikakloeppelt – agentur für werbung, marketing & pr http://monikakloeppelt.jimdo.com/

2. Auflage 2016 1. Auflage erschienen bei Mondschein Corona, 2015

© Werner Diefenthal / Martina Noble – alle Rechte vorbehalten.

Jeglicher Nachdruck, auch auszugsweise, bedarf der vorherigen Zustimmung durch die Autoren.

Printed in Germany

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

Buchbeschreibung:

Prolog

1. London, Frühjahr 1885

London, Mai 1887

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

31. Dezember 1887

Juni 1888

August 1888

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

September 1888

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

Oktober 1888

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

November 1888

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

Epilog

Zur Geschichte:

Jack the Ripper:

Die »Whitechapel Morde«

Die »West Port Morde«

Die Personen im Roman

Prolog

1. London, Frühjahr 1885

Andrew O´Leary öffnete die Tür zu seinem Haus in Greenwich. Das Wetter war, wie man so sagte, typisch Englisch. Es hatte am frühen Morgen zu regnen begonnen und wollte einfach nicht aufhören. Das Wasser tropfte von seinem Regenmantel auf die Teppiche in der Diele. Seiner Schwägerin würde das überhaupt nicht gefallen, das war ihm klar. Aber der Ärger, den er mit Margret Jones bekommen würde, war seine geringste Sorge. Obwohl sie ein Drache war. Er seufzte.

»Vicky, du fehlst mir«, murmelte er. Seine Wangen mit dem üppigen Backenbart zitterten.

Seit dem Tod seiner Frau führte ihre Schwester ihm den Haushalt. Sie war das genaue Gegenteil von Victoria. War seine Frau eine zierliche, intelligente Person gewesen, so war ihre Schwester eher der Typ Bulldogge. Beine wie Säulen, ein mehr als üppiger Busen, ein Dreifachkinn und zusammengekniffene Augen zeichneten Margret aus. Aber ohne sie hätte er wohl das alles niemals geschafft.

Margret hatte ihm jedoch nie verziehen, dass ihre Schwester nach der Geburt der einzigen Tochter gestorben war.

»Du bist Arzt! DU hättest sie retten müssen! Was bist du denn für ein miserabler Quacksalber! Da wäre ja ein Feldscher besser gewesen.«

Das waren noch die harmlosen Vorwürfe. Wenn sie dem Gin wieder einmal, mehr als es gut für sie war, zugesprochen hatte, dann wurde sie zuweilen ausfallend.

Aber sie führte seinen Haushalt, hatte sich um Sarah Florence gekümmert und sorgte dafür, dass alles in Ordnung war.

»Das darf doch nicht wahr sein! Steht da rum wie ein Soldat auf Wache und tropft mir alles voll. Und wer muss das wieder putzen? ICH!«

Dabei stimmte das nicht. Zu ihrer Unterstützung hatte sie genug Dienstmädchen und sonstiges Personal. Doch das war ihr eigentlich egal, denn sie bezog alles auf sich selber.

Andrew O´Leary sah sie an.

»Margret, wann hast du das letzte Mal selber einen Lappen in der Hand gehabt?«

»Pah! Der feine Herr will mir Vorhaltungen machen.«

Sie drehte sich um und rauschte davon. Andrew seufzte erneut. Das würde ein ziemlich mieser Nachmittag werden. Fast hoffte er auf einen schlimmen Notfall, der ihn zwang, sich in die Praxis zurückzuziehen. Dann könnte er die unangenehme Nachricht später überbringen.

»Bornierte, sture Böcke!«, schimpfte er.

Nachdem er seine Schuhe ausgezogen, seinen Mantel aufgehängt und sich mit der »Times« in sein Arbeitszimmer zurückgezogen hatte, dachte er nach. Er dachte an Irland, an seine Heimat.

Dort war er ein kleiner Landarzt gewesen, aber durch die Ländereien, die er geerbt hatte, war es ihm gut gegangen. Doch dann hatte er London besucht und Victoria kennengelernt. Sie hatten sich verliebt. Er, der stockkatholische Ire und die Anglikanerin. Allen Widrigkeiten zum Trotz hatten sie dennoch geheiratet.

Er hatte einen großen Teil der Ländereien in seiner Heimat verkauft und sich in Greenwich ein Haus gebaut. Dort hatte Victoria Sarah geboren und war ihm unter den Händen verblutet. Das, was der glücklichste Tag seines Lebens hätte werden sollen, wurde der schlimmste.

Doch Sarah hatte überlebt. Sie war stark gewesen. Und war es immer noch. Zu seiner Freude interessierte sie sich für Medizin und hatte, trotz aller Vorhaltungen seiner Schwägerin, in der Praxis geholfen. Mit zehn konnte sie perfekt Verbände wechseln, mit elf waren eine Spritze oder ein Aderlass für sie ein Kinderspiel.

So war es nicht verwunderlich, dass sie Arzt werden wollte. Und genau da lag das Problem. Die medizinische Fakultät hatte noch nie eine Ärztin zugelassen. Egal, wie gut sie war. Doch Andrew O´Leary hatte einen hervorragenden Ruf und den hatte er in die Waagschale geworfen.

An diesem Morgen war die letzte Sitzung zu dem Thema gewesen. Sarah würde enttäuscht sein.

Er hörte die Haustür und wappnete sich innerlich. Gleich würde ein Unwetter losbrechen, gegen das der letzte Herbststurm nur ein laues Lüftchen gewesen war.

»Papa?«

Sarahs Stimme hallte durch das Haus, noch bevor sie wusste, ob er überhaupt schon angekommen war. Sie fieberte schon seit Wochen dem heutigen Tag entgegen und konnte kaum erwarten, die Entscheidung der Universität zu hören.

Obwohl Andrew ihr von Anfang an geraten hatte, sich nicht zu viele Hoffnungen zu machen, weigerte die junge Frau sich hartnäckig, Gedanken an einen ungünstigen Ausgang der Sitzung auch nur zuzulassen.

Er seufzte tief.

»Im Arbeitszimmer, Sarah!«

Er hörte, wie sie ihren Mantel einfach achtlos in der Eingangshalle auf den Boden warf, eine Angewohnheit, die bei Margret regelmäßig zu Tobsuchtsanfällen führte, und mit schnellen Schritten näher kam. Mit vor Aufregung glühenden Wangen, die grünen Augen leuchtend, stürmte Andrews Tochter durch die Tür.

Wieder einmal musste er schlucken, wie ähnlich sie ihrer Mutter war. In ihrer Aufregung wurde es immer ganz besonders deutlich. Sie war jetzt siebzehn Jahre alt.

Sarah war groß für eine Frau, größer, als Victoria es gewesen war, aber ansonsten war sie ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Große, grüne Augen und ein sinnlicher Mund beherrschten das Gesicht mit der schmalen, geraden Nase und dem runden Kinn, das, leicht vorgereckt, schon davor zu warnen schien, dass es sich bei Sarah Florence O’Leary um eine Frau mit einem ausgeprägten Dickkopf handelte.

Ihre Haut war makellos, milchweiß, zeigte höchstens im Sommer, wenn Sarah denn einmal mit der seltenen englischen Sonne in Berührung kam, eine Unzahl von braunen Pünktchen, die jedoch ihrem Liebreiz keinen Abbruch taten.

Am beeindruckendsten jedoch war und blieb die kupferrote, lockige Haarmähne, die sie nie ganz zähmen konnte und es auch meistens gar nicht versuchte. Im Moment waren die leuchtenden Strähnen pitschnass und hingen schwer und dunkel herunter.

Andrew verzog mit leichter Missbilligung das Gesicht.

»Bist du in diesem Wetter etwa ausgeritten? Du wirst dir noch den Tod holen!«

Mit beiden Händen winkte Sarah ab.

»Papa, nun mach es doch nicht so spannend … was haben sie gesagt?«

Eigentlich kannte Sarah die Antwort bereits von der Sekunde an, in der sie das Zimmer betreten hatte. Der Gesichtsausdruck ihres Vaters erinnerte sie stark an den, den er hatte, wenn er nichts für einen Patienten tun konnte. Aber sie wollte es nicht wahr haben, nicht, bevor sie es hörte!

»Sarah …« Andrew stieß mutlos die Luft aus. »Es tut mir leid!«

»VERDAMMT! DIESE STUREN, VERBOHRTEN MISTKERLE!«

Vor Wut trat die Rothaarige gegen den abgewetzten Ohrensessel ihres Vaters, der einen kleinen Satz machte und dabei vernehmlich ächzte.

»Sarah, ich habe dir gesagt, dass die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist«, brummte Andrew missbilligend, vorsichtig Abstand haltend für den Fall, dass Sarah auf die Idee käme, ihrem Zorn durch das Werfen von Gegenständen Luft zu machen. Vorerst jedoch wanderte sie nur aufgebracht im Zimmer hin und her und zeterte weiter.

»Diese Schwachköpfe haben doch nur Angst, dass eine Frau besser sein könnte als sie! Die wissen ganz genau, dass ich ihnen jederzeit das Wasser reichen könnte, weil ich nur eins nicht so gut kann wie sie, und zwar im Stehen pissen!«

»Sarah Florence O´Leary! Was sind das für Ausdrücke?«

Margret stand in der Tür, in den Händen ein Tablett mit Gebäck und drei Tassen Tee, wie jeden Tag um diese Zeit. Ihr Gesicht drückte deutlich aus, was sie gerade dachte.

»Ach, ist doch wahr«, rief Sarah, noch immer außer sich. »Ich könnte den Menschen wirklich helfen, während diese Kurpfuscher ihren armen Patienten bei einer Lungenentzündung immer noch Umschläge mit Pferdedung machen … aber wahrscheinlich ist es genau das, was sie fürchten … dass jemand ihnen zeigt, wie es gemacht wird.«

Andrew schmunzelte unwillkürlich. Seine Tochter hatte seinen irischen Dickschädel geerbt.

»Die ewig Gestrigen wird es immer geben, Sarah. Daran ändern ich und auch du nichts!«

Margret sah Sarah mit Unbill an.

»Ich habe ja schon immer gesagt, dass du nur Flausen im Kopf hast. Ärztin! Du solltest lieber lernen, wie man näht und stickt, wie man einen Haushalt führt.«

Sie betrachtete ihre Nichte von oben bis unten.

»Und wie du wieder aussiehst! So wird aus dir nie eine Dame. Welcher Mann will denn so einen Besen heiraten? Der noch nicht mal kochen kann!«

Sarah stampfte mit dem Fuß auf. Jedes Mal die gleichen Tiraden!

»Ich will keine Dame sein!«

Andrew verdrehte die Augen. Jetzt ging das wieder los. Er musste dringend eine Lösung finden.

»Wie wäre es, wenn wir übernächsten Samstag eine Dinnerparty geben? Für dich und deine Freundinnen?«

Sarah sah ihn an.

»So eine langweilige Gesellschaft? Mit irgendwelchen alten Tanten?«

Andrew hob die Hände.

»Nein! Mit jungen Leuten. Ich kann ja mal sehen, ob nicht ein paar nette junge Offiziersanwärter die Damen mit ihrer Anwesenheit beglücken wollen. Vielleicht ein wenig Musik und Tanz?«

»Ach, der Herr will hier Musik und Tanz? Und wer hat die Arbeit damit?«

Margret verzog angewidert das Gesicht. Sie ahnte, dass dies für sie sehr viel Arbeit bedeutete.

»Margret, wenn aus Sarah eine Dame werden soll, dann müssen wir ihr auch Gelegenheit geben, es zu lernen. Und dazu braucht es den richtigen Umgang. Und da sind die Herren von der Navy bestimmt nicht die schlechteste Wahl. Alle gut erzogen, aus alteingesessenen Häusern.«

Margret dachte kurz nach. Dann passierte etwas, was selten vorkam: Sie lächelte.

»Ja, Andrew. Ausnahmsweise hast du damit Recht. Aber ich werde nicht zulassen, dass es Alkohol gibt!«

»In Ordnung, Margret.«

Sie strich Sarah über das Gesicht.

»Vielleicht findet sich ja ein Gentleman, der dir die Flausen austreibt und dir deinen Platz in der Gesellschaft zeigt.«

Dem zufriedenen Gesicht ihrer Tante sah Sarah an, dass es genau das war, was sie von einer Frau ihres Standes erwartete. Sarah wollte schon protestieren, klappte den Mund dann aber wieder zu - Margret hatte vermutlich Recht. Bald standen die Bälle an. Und dort musste sie sich als Dame zeigen - ob sie wollte oder nicht.

Es war noch still im Haus, als Sarah am nächsten Morgen auf Strümpfen aus ihrem Zimmer und die Treppe hinunter schlich. Sie wollte auf keinen Fall von Margret erwischt werden, denn dann würde sie ihr sofort verbieten, das Haus zu verlassen und sie zu irgendwelchen unnötigen Handarbeiten verdonnern.

Zwar wusste Sarah, dass ihre Tante ungeachtet dessen, was sie stets behauptete, nicht um diese Zeit bereits mit den Küchenmägden das Frühstück vorbereitete, aber der alte Drachen litt unter ausgeprägter Verstopfung und verbrachte die frühen Morgenstunden gelegentlich auf dem Abtritt. Darum wollte die Rothaarige kein Risiko eingehen. Glücklicherweise waren die dunklen Holztreppen mit Teppich ausgelegt und sie verursachte kein Geräusch, als sie nach unten und in die Küche schlich, wo die Hausmädchen schon zugange waren.

Georgina und Clarice waren nur milde überrascht, als sie eintrat, und beantworteten ihren verschwörerisch auf die Lippen gelegten Finger mit einem Grinsen. Es war nicht das erste Mal, dass sie sich morgens davonstahl, um auszureiten. Wenn draußen die Sonne schien, war Sarah nicht im Haus zu halten. Clarice reichte ihr wortlos ein Schinkenbrot, das bereits vertilgt war, kaum dass Sarah das Haus durch den Dienstboteneingang, wo sie auch ihre Reitstiefel aufbewahrte, verlassen hatte.

Aufatmend lief das Mädchen zu den Ställen hinüber. Jetzt würde Margret sie nicht mehr erwischen und sich demzufolge auch nicht darüber aufregen können, dass sie Hosen trug.

Albert, der Pferdeknecht, der schon bei den O’Learys arbeitete, seit Sarah sich erinnern konnte, fegte den Boden vor dem Stall und sah auf, als sie sich näherte.

»Miss Sarah …,« lächelte er sein zahnloses Lächeln.

»Wünschen Sie, dass ich Ihnen Sunchaser sattle?«

Sarah schüttelte den Kopf.

»Danke, Albert, aber das mache ich schon selbst. Pass nur auf, dass mich niemand sieht.«

Brummelnd nickte der Mann, sich vermutlich fragend, wer außer ihm und der jungen Frau so früh in den Stall kommen würde. Eine Viertelstunde später saß Sarah auf Sunchasers Rücken und ließ den hellgrauen Hengst durch den benachbarten Park traben.

Sie hatte das nervöse Englische Vollblut zu ihrem sechzehnten Geburtstag bekommen, zusammen mit einem Damensattel, den sie noch nie benutzt hatte. Man konnte damit einfach nicht schnell genug reiten.

Es war ein herrlicher Morgen. Der Rasen dampfte, als die ersten warmen Sonnenstrahlen den Tau trockneten, und die Vögel sangen aus voller Kehle.

Sarah holte genüsslich tief Luft und seufzte zufrieden. Ausgerechnet diesen Moment der Unachtsamkeit nutzte ein Eichhörnchen, um den Weg direkt vor Sunchasers Füßen zu kreuzen. Das Pferd explodierte förmlich, bäumte sich mit einem schrillen Wiehern auf, riss Sarah die Zügel aus den Händen und stürmte dann blindlings los.

Es ging alles so schnell, dass Sarah nicht mehr tun konnte, als sich an seinem Hals festzuhalten und sich zu bemühen, nicht aus dem Sattel zu fallen.

»Nur keine Panik«, sagte sie sich selbst, als das Trommeln der Hufe immer schneller wurde, das Keuchen des Tieres lauter, »Früher oder später wird er sich beruhigen.«

Der Wind riss an ihren langen, roten Locken, trieb ihr die Tränen in die Augen. Sunchaser wurde immer schneller und Sarah musste daran denken, wie ihr Vater verkündet hatte, dass das Tier zu langsam für die Rennbahn in Ascot war. Das konnte sie in diesem Moment kaum glauben! Noch nie war Sarah so schnell geritten und es wirkte nicht so, als ob Sunchaser bald müde werden würde.

Trotzdem hielt Sarahs Angst sich in Grenzen - bis ihr bewusst wurde, wohin ihr Pferd lief. In dieser Richtung gab es einen kleinen Bach, der den Park durchzog, ein normalerweise ruhiges Gewässer. Im April jedoch hatte es zahlreiche Unwetter gegeben, die den Bach so hatten anschwellen lassen, dass er die Ufer mitgerissen hatte und eine steile Böschung entstanden war.

Wenn sie es nicht schaffte, Sunchaser in eine andere Richtung zu lenken, würde er direkt zu diesem Bach laufen. Zum Springen war er zu breit. Sie würden abstürzen und sich höchstwahrscheinlich alle Knochen brechen!

Verzweifelt versuchte Sarah, sich nach den Zügeln zu strecken, die Sunchaser um die Ohren flatterten, aber der Hals des Pferdes war zu lang. Auch ihre Bemühungen, ihn mit den Schenkeln zu steuern, waren vergebens - er stürmte einfach wild geradeaus.

Jetzt bekam Sarah es doch mit der Angst zu tun.

»HILFE!«, schrie sie. »HILFE! HALTET MEIN PFERD FEST!«

Gleichzeitig schalt sie sich selbst eine Närrin - um diese Zeit war kein Mensch hier unterwegs! Schon sah sie in der Ferne den Graben auftauchen, und vor ihm - stand ein anderes Pferd und graste friedlich.

Hoffnung schöpfend schrie Sarah noch lauter um Hilfe. Nichts rührte sich. Nur das Pferd hob den Kopf und sah ihr neugierig entgegen. Sunchaser schien noch schneller zu werden, seine Hufgeräusche klangen wie Donnerschläge in Sarahs Ohren.

Sie konnte die gegenüberliegende Böschung schon sehen und glaubte, dass dieser Anblick wohl der Letzte in ihrem Leben sein würde.

In diesem Augenblick sprang eine Gestalt hinter einem Heckenrosenstrauch hervor und stellte sich mit weit ausgebreiteten Armen und Beinen mitten in Sunchasers Weg.

»HOOO!«, hörte Sarah jemanden rufen. Dann hatte sie das Gefühl, eine eiserne Faust höbe sie aus dem Sattel, als ihr Hengst alle vier Hufe in den Boden stemmte und den Kopf senkte. Mit einem erschrockenen Schrei und einem Salto fiel die junge Frau vom Pferd.

Als Francis Gordon an diesem Morgen ausgeritten war, wäre er niemals auf die Idee gekommen, dass ihm nur wenig später eine rothaarige Furie in die Arme segeln würde. Denn so erschien sie ihm. Sie erinnerte ihn an die Galionsfigur der »Cutty Sark«, die Hexe Nannie, die, wenn man der Legende glaubte, an einem Bach wie diesem hier auf Männer gelauert hatte. Da sie nicht über das Wasser konnte, hatte sie versucht, einen Mann auf dem Pferd aufzuhalten. Doch nur der Schweif des Pferdes war in ihrer Hand zurückgeblieben. Diese Figur schmückte den Bug des Segelschiffes. Für weitere Gedanken war freilich keine Zeit, denn mit einem heftigen »UFF« fiel Francis zu Boden, in seinen Armen dieses rothaarige Mädchen. Sie überschlugen sich und blieben schließlich liegen. Francis Gordon auf dem Rücken und das Mädchen lag auf ihm, zitternd und außer Atem.

»Geht es wieder, Ma´am?«, fragte er.

Sie hob den Kopf, sah in die braunen Augen des Mannes, auf dem sie lag, und sprang entsetzt auf.

»Entschuldigen Sie, Sir«, stammelte sie eine verlegen, während ihr Gesicht noch roter als ihr Haar wurde. Francis rappelte sich langsam auf, klopfte sich das Gras aus den Sachen und lächelte.

»Haben Sie sich nichts getan?«, fragte er besorgt und betrachtete das Mädchen genau. Sie war wirklich hübsch.

»Ich glaube nicht.«

Sarah sah sich um. Sunchaser stand friedlich auf der Wiese und schnaubte. Es war, als grinste er sie an und wollte ihr sagen: »Siehst du! Wenn du meinst, dass du mich reiten kannst, dann musst du noch viel lernen.«

Auch Francis sah das Pferd an und lachte.

»Das Pferd passt zu Ihnen, Miss.«

Er hatte entschieden, dass »Miss« die bessere Anrede war.

Sarah stemmte die Arme in die Hüften.

»Ach, wieso?«

»Weil es, wie Sie, einen eigenen Willen hat und diesen durchsetzen will.«

»Woher wollen Sie das wissen, Mister …?«

»Entschuldigen Sie, Miss.« Er verbeugte sich. »Francis Gordon, Miss …?«

»O´Leary. Sarah Florence O´Leary.«

»O´Leary? Das klingt irisch.«

Sarah wurde wütend.

»Ja, Mister! Das klingt nicht nur so, das ist irisch.«

Francis hob die Hände.

»Langsam, Miss. Das war nicht negativ gemeint.«

Er ging um Sarah herum und betrachtete Sunchaser.

»Schade, dass mein Bruder nicht hier ist. Er kennt sich mit Pferden besser aus.« Er hob die Beine des Tieres an, betastete die Knöchel. »Es scheint alles in Ordnung zu sein«, stellte er fest.

Sarah musterte den Mann jetzt genauer. Er war groß, schlank und schien kräftig zu sein.

»Sind Sie bei der Navy, Sir?«

Francis lachte.

»Sieht man das? In der Tat, Miss, ich bin zurzeit im Royal Naval College.« Er zeigte in Richtung Themse. Sarah nickte. Ein steifärschiger Navymensch, dachte sie.

»Nun, Mister Gordon, ich danke Ihnen für die Rettung.«

Sie schwang sich auf Sunchaser und drückte ihm die Fersen in die Flanken. In wildem Galopp ging es zurück. Francis sah ihr nachdenklich nach.

»In der Tat, ein bemerkenswertes Mädchen.«

Als Sarah, mit Grasflecken bedeckt und leicht humpelnd, ins Haus zurückkam, war es unvermeidlich, Margret in die Arme zu laufen.

»SARAH!«, rief sie empört. »Hast du etwa wieder dieses Teufelstier geritten? Du wirst dir eines Tages noch den Hals brechen!«

Die Rothaarige zuckte die Schultern.

»Besser ein schneller Genickbruch als vor Langeweile beim Sticken zu sterben!«

»Und Respekt vor Älteren fehlt dir auch völlig!« Margret war puterrot im Gesicht geworden und fuchtelte aufgeregt mit dem erhobenen Zeigefinger. »Komplett verdorben bist du, widerborstig, vorlaut, ungehorsam … du wirst niemals einen Mann finden, der dich heiratet!«

Unwillkürlich wanderten Sarahs Gedanken zu Francis Gordon. Er hatte sie nur angesehen und gleich bemerkt, dass sie »ihren eigenen Willen« besaß. War es wirklich so offensichtlich? Aber war es wirklich etwas Schlechtes? Er hatte es nicht so gesagt, als gefiele es ihm nicht.

In dem Moment kam Andrew O’Leary aus seinem Arbeitszimmer und unterbrach Margrets Tirade, die ohne Zweifel noch mindestens eine halbe Stunde angedauert hätte, indem er sich ruhig an seine Tochter wandte.

»Sarah, bitte wasch dich und komm dann zum Frühstück. Danach habe ich etwas mit dir zu bereden!«

Margret war in der Tat mehr als nur wütend. In Sarah sah sie jeden Tag ihre verstorbene Schwester. Nicht nur das rote Haar hatte sie von ihr geerbt, auch das Temperament war das ihrer toten Mutter. Genau wie Sarah war Victoria immer ein Hitzkopf gewesen. Immer musste sie über ihre Grenzen gehen. Und dann die Heirat mit diesem irischen Arzt. Margret hatte nie verstehen können, warum ihr Vater eingewilligt hatte. Sie schüttelte den Kopf und ging wutschnaubend in die Küche, um sich an den Dienstboten abzureagieren.

Als Andrew die Tür zu seinem Arbeitszimmer hinter Sarah schloss, rasten die Gedanken nur so durch ihren Kopf. Was konnte er wollen? Hatte er beschlossen, sie mit irgendeinem Schnösel zu verheiraten, jetzt, da klar war, dass sie nicht Medizin studieren konnte? Das bedeutete immerhin, dass sie nicht in der Lage sein würde, sich auf Dauer selbst zu versorgen, denn auch das Haus, das sie erben würde, musste unterhalten werden.

Unruhig blieb sie vor dem schweren Schreibtisch ihres Vaters stehen und knetete ihre Hände, versuchte, aus Andrews Gesichtsausdruck zu lesen.

Er wirkte nicht streng, nur zufrieden, und sah sie an.

»Sarah, ich habe beschlossen, dich selbst auszubilden. Du hast mir schon immer geholfen, und viele Patienten, besonders weibliche, fühlen sich in der Gegenwart einer Frau wohler als bei einem männlichen Arzt. Du wirst die Aufgaben, die ich dir bisher übertragen habe, weiterhin ausführen, aber ich werde dir mehr Einblick in die Materie geben, dich intensiver ausbilden. Nicht nur in der Praxis, auch in der Theorie. Du wirst zwar nie als Ärztin praktizieren können, aber ich werde meine Augen offen halten. Vielleicht finde ich ja einen jungen Arzt, der deine Unterstützung zu schätzen weiß, wenn ich mich zur Ruhe setze.«

Sarah starrte ihn an, fassungslos vor Freude. Ihre Erstarrung löste sich nur langsam, und sie strahlte.

»Wirklich? Das willst du tun?«

Das Leuchten in ihrem Gesicht machte Andrew O’Leary erneut bewusst, wofür er eigentlich lebte, und er nickte lachend.

»Natürlich. Ein Talent wie deines zu verschwenden wäre eine tödliche Sünde!«

Mit einem Freudenschrei fiel Sarah ihrem Vater um den Hals, bedeckte sein Gesicht mit Küssen.

»Danke, Papa! Vielen, vielen Dank!«

Es machte sie stolz, dass er sie für gut hielt. Er drückte sie an sich und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.

»Nichts zu danken. Aber vorerst musst du dir um etwas anderes Gedanken machen.«

Er grinste sie an, fuhr fort: »Nämlich was du auf unserem kleinen Ball anziehen wirst. Im Gegenzug dazu, dass ich dich ausbilde, erwarte ich allerdings, dass du dich zumindest ein wenig bemühst, eine Dame zu sein … damit Margret etwas weniger Grund hat, Tag und Nacht zu meckern!«

Mit einem Kichern und Augenzwinkern nickte Sarah.

»Ich werde es zumindest versuchen!«

Zwei Wochen später war es so weit. Sarah stand in einem herrlichen Kleid in der Diele des Hauses und empfing ihre Gäste. Alle ihre Freundinnen kamen. Die pummelige Elisabeth, deren Brüste das Mieder zu sprengen drohten, die pferdegesichtige Penelope, die magere Harriet sowie die hübschen Zwillinge des Earl of Combuct. Sarah war nervös. Ihr Vater hatte gesagt, er habe einige sehr nette junge Herren eingeladen. Doch wen, das wusste sie nicht.

Margret hingegen achtete genau auf alles, was geschah. Die Musiker hatten eine kleine Bühne im Garten, es gab Punsch und Limonade. Dazu hatte Margret ein Diner bereitet, das sich mit der Küche des Palastes messen konnte.

»Wo bleiben denn die Männer?«, fragte Elisabeth. Sie war, selbst für Sarahs Geschmack, zu kokett. Sie zuckte mit den Achseln.

»Ich weiß es nicht.«

Doch wie auf ein Stichwort hin klopfte es an der Tür. Margret öffnete, sie war viel zu sehr auf die Ehre der Mädchen bedacht, als das sie dies jemand anderes hätte tun lassen.

Vor der Tür stand ein großgewachsener Mann, der sich seine Mütze unter den Arm klemmte, Margrets Hand ergriff und einen formvollendeten Handkuss andeutete.

»Gnädige Frau, wir sind stolz und glücklich, in dieses wunderbare Haus eingeladen worden zu sein.«

Margret, die erst eine Schimpfkanonade loslassen wollte, errötete. So galant war sie noch nie begrüßt worden.

»Ich danke Ihnen, mein Herr. Würden Sie und Ihre Kameraden mir bitte in den Garten folgen?«

Sie stampfte der kleinen Karawane voraus. Sarah und ihre Freundinnen betrachteten die Männer, die lächelnd an ihnen vorüber defilierten. Und dann blieb ihr fast das Herz stehen! Sie blickte genau in die Augen des Mannes, auf dem sie vor kurzem noch gelegen hatte, als sie vom Pferd gefallen war: Francis Gordon.

Sarah spürte sofort, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss, was sie eilig hinter ihrem cremefarbenen Spitzenfächer zu verstecken versuchte. Aber es war schon zu spät, der junge Gordon hatte ihre Verlegenheit bemerkt und sie natürlich sofort erkannt.

Er grinste breit.

»Na, wenn das nicht der rasende Rotfuchs aus dem Park ist!«

Überraschte Blicke von allen Seiten trafen Sarah, und Penelope, die gleich eine Sensation witterte, fragte neugierig:

»Ihr kennt euch?«

Sarah bemühte sich, ihre Empörung über den rasenden Rotfuchs herunterzuschlucken und ihm nicht vor allen anderen ein paar »Nettigkeiten« an den Kopf zu werfen.

»In der Tat!«, erwiderte sie ruhig und nahm den Fächer herunter. »Mr. Gordon hat mir quasi das Leben gerettet. Ich freue mich, Sie im Hause meines Vaters als meinen Gast willkommen heißen zu dürfen, Mr. Gordon!«

Sie reichte ihm in einer Geste, die sie selbst als fürchterlich geziert empfand, aber durchaus zu ihrer aktuellen Aufmachung passte, die Hand, und Francis Gordon ergriff sie und hauchte ihr einen galanten Kuss auf die Fingerknöchel.

Er bemühte sich seinerseits, sich seine Freude über das unverhoffte Wiedersehen nicht zu sehr anmerken zu lassen.

Seitdem er Sarah Florence O’Leary im Park begegnet war, tauchte ihr Gesicht vor seinem inneren Auge auf, sobald er die Lider schloss. Um ein Haar hätte er sie nicht wiedererkannt - die junge Frau, die vor ihm stand, hatte nichts mit dem Wirbelwind gemeinsam, der ihn neulich buchstäblich von den Füßen gerissen hatte.

Es hatte Sarah alle Beherrschung gekostet, nicht gegen das von Margret ausgesuchte Kleid für diesen Anlass zu protestieren. Es handelte sich dabei um ein Kürasstaillenkleid, dessen schmal geschnittene Silhouette im Augenblick den letzten Schrei darstellte, genau wie der Seidentaft mit den blassgelben und cremefarbenen Streifen, aus dem es geschneidert worden war. Sarah fand nicht nur den Schnitt fürchterlich, weil er ihr nicht die weit ausgreifenden Schritte erlaubte, die sie gewohnt war, sondern auch die Farbe. Ausgerechnet gelb! Ihr erster Gedanke, als sie sich in dem Kleid im Spiegel gesehen hatte, war gewesen, dass sie wie eine Zitronen-Meringe aussah, was durch die Verzierungen des Kleides, plissierte Rüschen, künstliche cremefarbene Blüten und Fransen am runden Halsausschnitt sowie an den Säumen - und davon hatte das Kleid dank mehrfacher Raffungen und einer Schleppe am Rock mehr als genug! - nur noch verstärkt wurde.

Auch die Frisur war ihr zuwider - es hatte zwei Stunden gedauert, bis Margret ihre wilden roten Locken einigermaßen mit perlenverzierten Nadeln und Kämmchen, die ihr jetzt überall in die Kopfhaut stachen, unter Kontrolle gebracht und kunstvoll hochgesteckt hatte. Trotzdem lösten sich immer noch einzelne Strähnen und umschmeichelten ihren langen, schlanken Hals.

Jetzt aber, als Francis Gordons Blicke bewundernd die Konturen ihres Körpers entlangstrichen und jedes Detail in sich aufzunehmen schienen, begann Sarah zu denken, dass Margret doch zu wissen schien, was sie tat.

Besonders häufig blieben die Blicke des jungen Mannes am Ausschnitt ihres Kleides hängen, der ihm die Aussicht auf die Oberseite ihrer festen, milchweißen Brüste und das Tal dazwischen erlaubte.

Mit einem koketten Lächeln und wie zufällig hielt Sarah ihren Fächer davor und sprach den jungen Mann an:

»Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten, Mr. Gordon? Das Buffet ist gleich dort drüben!«

Francis lächelte und hielt Sarah seinen Arm hin. Er war froh, dass er die gute Erziehung der Navy genossen hatte. Neben dem üblichen Drill war es üblich, dass alle Offiziersanwärter lernten, sich auf gesellschaftlichem Boden zu bewegen. Und, wie Francis mittlerweile begriffen hatte, war dieser gefährlicher als das Schlachtfeld. Überall lauerten Fallstricke und es drohten Bomben hochzugehen.

Als er von seinem Kommandeur die Einladung zu dieser Dinnerparty überreicht bekommen hatte, da war sein erster Gedanke gewesen, diese abzulehnen. Aber sein Kommandeur hatte ihm unmissverständlich klargemacht, dass er dort zu erscheinen habe. Und jetzt war er sogar froh darüber. Dabei hätte er es doch sofort merken müssen, schalt er sich in Gedanken. Wie viele O´Learys gab es schon in London?

Er führte Sarah galant zum Buffet und ließ sich ein Glas Punsch reichen, während sich Sarah mit Limonade begnügen musste. Ihre Tante stand wie ein Wachhund am Buffet und achtete peinlich genau darauf, dass die jungen Mädchen keinen Punsch zu sich nahmen.

Die Musik begann, einen Walzer zu spielen. Francis verneigte sich vor Sarah.

»Darf ich Sie um diesen Tanz bitten?«

Sarah kicherte.

»Ich muss Sie warnen. Ich bin eine furchtbar schlechte Tänzerin.«

»Ach, Miss Sarah, das liegt nur daran, dass Sie bisher nicht die richtige Führung hatten.«

Er nahm ihren Arm und zog sie sanft, aber bestimmend, zum Tanzboden, drehte sie zu sich, legte eine Hand sachte auf ihre Taille, nahm die andere in seine und begann, sich im Takt der Musik zu bewegen. Sarah war erstaunt. Wie von selbst bewegten sich ihre Füße. Einige Male wollte sie aus seiner Führung ausbrechen, aber er konnte sie mit sanfter Bestimmtheit immer wieder in seinen Takt zwingen. Schließlich gab sie ihm nach und ließ sich von ihm zur Musik führen. Sie genoss es sogar, sich mit ihm zu drehen, ihm die Führung zu überlassen.

Margret stand noch immer auf ihrem Platz, aber sie ließ Sarah keinen Moment aus den Augen. Sie begutachtete den jungen Mann, wie er Sarah führte, war bereit und entschlossen einzugreifen, sollte auch nur ein Finger den Platz verlassen, den er während des Tanzes innezuhaben hatte. Doch sie konnte zufrieden sein, der junge Mann war scheinbar ein Gentleman. Er achtete auf den korrekten Abstand zu Sarah, kein Inch zu nah oder zu weit weg. Er führte sie sanft, aber bestimmt. Das wäre schon ein Kandidat, dachte sie sich.

»Nun, Margret, der junge Mann dort scheint ja nicht der Schlechteste zu sein.«

Sie drehte den Kopf. Andrew war endlich auch aufgetaucht. Ein Patient hatte ihn noch gebraucht und für seine Patienten ließ er alles stehen und liegen. Sie rümpfte die Nase.

»Ach, du bist auch schon hier?«

Sie sah wieder zu Sarah.

»Er hat auf jeden Fall Manieren. Doch bevor ich ein Urteil über ihn abgebe, sollte ich mehr über ihn wissen.«

Francis war nicht entgangen, dass Margret ihn nicht aus den Augen ließ. Er näherte seinen Kopf so nah an Sarahs Ohr, wie es noch schicklich war, und flüsterte gerade so laut, dass sie ihn noch hören konnte:

»Wer ist denn der Wachhund dort?«

Sarah musste sich ein Lachen verkneifen.

»Das ist meine Tante. Tante Margret, die Schwester meiner verstorbenen Mutter. Sie fühlt sich dazu berufen, mir Manieren beizubringen und auf meine Jungfräulichkeit zu achten.«

Francis wurde rot. So deutliche Worte hatte er aus diesem zarten Mund nicht erwartet. Sarah bebte vor unterdrücktem Lachen.

»Ach, Sie werden rot? Ist es nicht so, dass in der Marine die Männer in jedem Hafen eine Braut haben? Sie haben doch bestimmt auch schon so manche Blüte gepflückt.«

Bevor Francis antworten konnte, hörte die Musik auf, und sie blieben stehen. Unvermittelt fühlte Francis eine Hand auf seiner Schulter.

»Nun, junger Mann, ich denke, wir wurden noch nicht vorgestellt. Mein Name ist Andrew O´Leary, der Vater dieses bezaubernden Geschöpfes.«

Francis verbeugte sich tief, richtete sich wieder auf und schüttelte dann beherzt Andrews Hand, so, wie es sich für einen angehenden Offizier der Royal Navy gehörte.

»Mr. O’Leary, es ist mir eine Freude. Mein Name ist Francis Gordon, ich konnte Ihre bezaubernde Tochter schon vor ein paar Tagen im Park kennenlernen.«

»So?«

Andrews Blick wanderte von dem jungen Mann zu seiner Tochter.

»Davon hat sie mir gar nichts berichtet. Aber Gordon …? Wo habe ich diesen Namen schon einmal gehört?«

»Mein Vater ist Vize-Direktor in der größten Bank Londons, Sir«, beeilte Francis sich zu erzählen. »Henry Gordon. Sicherlich haben Sie seinen Namen schon einmal gehört!«

Andrew O’Learys Miene hellte sich sofort auf.

»Ah, natürlich! Henry Gordon. Sein Name ist mir ein Begriff.«

Und zwar ein positiver Begriff. Man sagte Henry Gordon nach, ein äußerst fairer Mann zu sein, der auch einfachen Menschen Kredite zur Existenzgründung gewährte.

Die Familie war in der Londoner Gesellschaft hoch angesehen. Andrew klopfte Francis kameradschaftlich auf die Schulter.

»Nun denn, junger Freund, ich will nicht weiter stören. Als Mann Ihres Kalibers haben Sie sicherlich Verständnis dafür, dass ich mich vergewissern musste, ob meine Tochter sich in angemessener Gesellschaft befindet, in der ich sie ruhigen Gewissens lassen kann.«

Eine erneute Verbeugung.

»Natürlich, Sir. Vertrauen Sie mir. Miss Sarah ist bei mir in Sicherheit.«

Die beiden Männer stießen miteinander an und brachten einen Toast auf die Queen aus, dann entfernte Andrew sich wieder und mischte sich unter die Gäste. Er hatte auch einige enge Freunde eingeladen. Sarah bemerkte erst jetzt, dass sie vor Aufregung die Luft angehalten hatte. Die ganze Zeit hatte sie befürchtet, dass ihr Vater sie blamieren oder Francis Gordon missbilligen könnte. Mit einem kleinen Seufzer ließ sie die Luft nun entweichen. Ihr Begleiter wandte sich ihr zu und lächelte:

»Miss Sarah, möchten Sie mir vielleicht den Garten zeigen?«

Er bot ihr den Arm an. Sarah errötete leicht.

»Bitte, Mr. Gordon, nur Sarah.«

Er lächelte sie an, seine Zähne funkelten.

»Aber nur, wenn Sie Francis zu mir sagen.«

»Gerne, Francis.« Sie hakte sich bei ihm ein und erwiderte sein Lächeln. »Mit Vergnügen!«

Schließlich bedeutete dies, dass sie ein wenig von den anderen wegkamen, sich ungestört unterhalten konnten. Plaudernd schlenderten sie die schneeweißen Kieswege entlang, die sich durch den großzügigen Garten der O’Learys schlängelten.

Die aufwändig vom Gärtner angelegten Beete standen in voller Blüte, Rosen verbreiteten betörenden Duft, in den üppigen Büschen raschelte eine leichte Sommerbrise. Die beiden jungen Leute jedoch hatten keinen Blick für die Umgebung, waren völlig ineinander versunken. Sarah kam nicht umhin, zu bemerken, wie tadellos er in seiner Kadettenuniform aussah, und sie konnte den Blick kaum von seinen dunklen Augen nehmen, die so gut zu dem haselnussbraunen Haar passten, das sie nun, seitdem er seine Mütze unter den Arm geklemmt hatte, sehen konnte. Im Park hatte sie in der Eile gar nicht darauf geachtet.

Es war keine Frage, dass Francis Gordon ein gutaussehender junger Mann war. Und nicht nur das. Er schien ehrlich interessiert an dem, was sie zu erzählen hatte, stellte immer wieder Fragen über sie, ihre Träume, lachte noch nicht einmal darüber, dass sie sich gewünscht hatte, Ärztin zu werden. Sarah fühlte sich mit jeder Sekunde stärker zu ihm hingezogen, lachte ausgelassen über seine etwas respektlosen Imitationen seines Kommandeurs.

Schließlich erreichten sie die hinterste Ecke des Gartens. Kein anderer der Gäste hatte sich bisher bis hierher vorgewagt, wo Rhododendron-Büsche mannshoch standen und die Blüten in ihrer ganzen Farbenpracht leuchteten. Sie schienen ganz allein auf der Welt zu sein. Francis blieb stehen und drehte sich zu Sarah hin, ergriff ihre beiden Hände und sah ihr in die Augen.

»Weißt du, Sarah … du bist die bezauberndste Frau, die ich in meinem Leben je getroffen habe. Du bist nicht nur schön, sondern auch klug, und du weißt, was du willst. Darf ich dich wiedersehen?«

Sarahs Herz schlug ihr bis zum Hals und sie musste heftig schlucken, brachte kein Wort heraus. Stattdessen nickte sie eifrig.

Die Augen des jungen Gordon leuchteten glücklich auf, und er beugte sich kühn vor, um die Rothaarige zu küssen, als plötzlich lautes Gekicher und brechende Äste nur ein paar Yards entfernt das Paar auseinanderfahren ließ.

Verblüfft erkannte Sarah Elizabeth, die mit zerwühlter Frisur, das Kleid halb von den Schultern rutschend, zwischen den Büschen herausgestolpert kam. Fassungslos starrte Sarah sie an, und als dann noch einer von Francis‹ Kameraden hinter ihr herkam und gerade seine Hose schloss, klappte ihr die Kinnlade herunter.

»Elizabeth!«, entfuhr er Sarah entsetzt, aber ihre pummelige Freundin kicherte nur und zuckte die Schultern, um dann eiligen Schrittes wieder zum Fest zurückzukehren. Der Kadett folgte ihr mit einem dümmlichen Grinsen auf dem Gesicht. Verlegen wandte Sarah sich wieder Francis zu - der romantische Moment war verflogen.

»Wir sollten wieder zu den anderen zurückgehen!«

Der junge Gordon nickte zustimmend, bemühte sich aber offensichtlich, nicht genau so zu grinsen wie der andere Kadett. Sarah erneut den Arm anbietend, kehrten sie zu der Versammlung zurück, wo Margret schon in heller Aufregung nach ihrer Nichte suchte. Margret sah Sarah streng an, ihr Blick wanderte von oben nach unten, doch sie konnte keinerlei Anzeichen für unschickliches Verhalten erkennen. Im Gegensatz zu jener Elisabeth, die völlig derangiert aussah, war Sarahs Ehre scheinbar unangetastet geblieben. Francis verbeugte sich vor Sarah, hauchte ihr einen Kuss auf die rechte Hand, die er danach Margret überreichte.

»Haben Sie vielen Dank, Miss Margret. Ihre Nichte ist, wenn ich das sagen darf, äußerst wohlerzogen und weiß, wie man mit einem Gentleman Konversation betreibt. Wenn Sie erlauben, würde ich bei Gelegenheit gerne mit Ihrer Nichte bei einer Tasse Tee in diesem wunderbaren Garten das sehr anregende Gespräch fortführen.«

Sarah war erstaunt. Margrets Widerstand schmolz dahin wie Butter in der Sonne, sie wurde sogar rot.

»Ihr seid zu gütig, Mr. Gordon. Aber nicht ich muss einverstanden sein. Ihr solltet Sarahs Vater dazu befragen.«

»Das werde ich, Miss Margret. Doch es ist mir wichtig, auch Ihr Einverständnis zu haben.«

Margret platzte fast vor Stolz. Das war ein Mann nach ihrem Geschmack. Ein Gentleman durch und durch. Sie nickte leicht.

»Nun, Mr. Gordon, ich denke, ich kann auch für meinen Bruder sprechen. Sie sind uns selbstverständlich willkommen.«

Francis wandte sich noch einmal zu Sarah.

»Habt vielen Dank, Miss Sarah. Ich freue mich darauf, unser Gespräch zu vertiefen.«

»Es war mir eine Ehre, Mr. Gordon«, erwiderte sie. Sarah hatte sofort verstanden, was Francis mit der förmlichen Anrede beabsichtigte. Er wollte vermeiden, dass vor ihrer Tante der Eindruck von zu viel Intimität entstand. Sie würden also die Vertrautheit, vorerst, nur unter vier Augen genießen können, bis sie Margret so weit hatten, dass diese damit einverstanden war.

»Ich muss jetzt zu meinen Kameraden, aber ich hoffe auf einen letzten Tanz, Miss Sarah.«

Nicht im Traum wäre es Sarah eingefallen, da nein zu sagen! Als das junge Paar sich nur wenig später gemeinsam auf der Tanzfläche drehte, zog es alle Blicke auf sich, aber nicht einmal das bemerkten die beiden. Sie waren völlig ineinander versunken, sahen sich in die Augen und lächelten glücklich. Sarah folgte ganz Francis‹ Führung und hatte das erste Mal überhaupt das Gefühl, sie ihm nicht nur für diesen Tanz, sondern vielleicht für ihr ganzes Leben überlassen zu können. Als die Musik endete und Francis sich mit einem weiteren Handkuss und einem Versprechen auf ein Wiedersehen von ihr verabschiedete, klopfte Sarahs Herz bis zum Hals. Kein Zweifel, sie hatte sich verliebt. Verträumt sah sie den Kadetten hinterher, als sie in das Licht des Mondes getaucht den Garten verließen. An der Tür zum Haus drehte Francis sich noch einmal um und winkte Sarah zu. Sie winkte zurück.

»Wie schade, dass sie schon gehen, die Zeit ist so schnell vergangen!«

Elizabeths wehmütiges Seufzen direkt neben ihr ließ Sarah erschrocken herumfahren - sie hatte beinahe vergessen, dass noch andere Gäste anwesend waren. Die pummelige Brünette hatte sich keine Mühe gegeben, ihre Aufmachung in Ordnung zu bringen. Die Frisur war immer noch durcheinander und ein Träger ihres Kleides war zerrissen. Das erinnerte Sarah wieder daran, was sie vorhin beobachtet hatte, und sie stemmte entrüstet die Hände in die Hüften.

»Übrigens, Elizabeth, schämst du dich nicht? Wie kannst du dich einem Mann hingeben, den du gerade erst getroffen hast?!«

Elizabeth blinzelte überrascht.

»Spiel doch nicht die heilige Maria, wenn wir nicht gekommen wären, dann hättest du es doch mit deinem Kerl ganz genau so getrieben!«

Sarah stand der Mund offen.

»WAS sagst du da? Nie und nimmer hätte ich irgendetwas mit ihm getan, egal, wie gern ich ihn mag! Ich werde erst in meiner Hochzeitsnacht bei einem Mann liegen!«

Elizabeth gluckste amüsiert.

»Na, dann brauchst du aber einen Mann mit sehr viel Geduld … Männer warten nicht gerne.«

Die Rothaarige verzog das Gesicht.

»Bei dir brauchen sie es ja offensichtlich auch nicht. Und trotzdem sehe ich an deinem Finger trotz aller Freizügigkeit keinen Ring. Wer will schon ein Pferd, das bereits von zu vielen anderen geritten wurde!«

Die Umstehenden konnten nur mit Mühe das Lachen unterdrücken, Elizabeth wurde hochrot und stürmte aus dem Garten. Margret hatte ebenfalls mitgehört und sah höchst zufrieden aus. Sie wusste nicht, dass Sarahs Einstellung viel weniger von ihrer streng katholischen Erziehung stammte als daher, dass sie ihren Vater mehr als einmal zu vornehmen Töchtern hatte begleiten müssen, die nicht gewartet hatten, und deswegen nicht nur schwanger, sondern auch noch vom Verursacher verlassen worden waren. Es war Andrew O’Leary zuwider, den jungen Frauen auf Geheiß ihrer Eltern bei der »Lösung« dieses Problems zu helfen, aber er wusste, tat er es nicht, war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Mädchen sich in die Themse stürzten. Wenn eine junge Frau plötzlich und tragisch an einem geheimnisvollen Fieber verstarb, war die Ursache dieses Fiebers weit weniger häufig ein Mysterium, als die vornehmen Eltern behaupteten! Sarah hatte nicht vor, so zu enden, auch wenn sie nicht glaubte, dass Francis Gordon sie je in eine solche Situation bringen würde. Als sie in dieser Nacht zu Bett ging, konnte sie an nichts anderes denken als an ihn und wann sie ihn wiedersehen könnte.

Teil 1

London, Mai 1887

1. Kapitel

Sarah war aufgeregt. Wie sie erfahren hatte, sollte bald das Schiff, auf dem Francis seit über achtzehn Monaten seinen Dienst tat, wieder einlaufen. Nach den letzten Berichten war sie schon auf dem Weg in den Ärmelkanal. Bald würde sie ihren Geliebten wieder sehen und in die Arme schließen können.

»Und dann ist bald Hochzeit«, murmelte die Rothaarige.

»Sarah Florence O´Leary! Was faselst du da wieder?«

Ihre Tante Margret stand auf einmal hinter ihr. Aber als Sarah sie ansah, wusste sie, dass es nicht böse gemeint war. Im Gegenteil! Ihre Tante war mit der Wahl des Bräutigams mehr als zufrieden. Auch wenn sie es nicht zugab, sie freute sich bereits auf die Hochzeitsvorbereitungen.

»Ach Tante Margret. Er war so lange unterwegs.« Sie ließ sich in einen Sessel fallen. »Denkst du, er liebt mich noch? Oder hat er mich am Ende gar vergessen? Was meinst du?«

Margret trat zu ihr und strich ihr über die Haare.

»Kindchen, wenn er dich nicht mehr liebt, dann sollte er besser lernen, wie man sich gegen mich zur Wehr setzt.«

Sarah musste lachen. Sie stellte sich vor, wie ihre Tante hinter Francis herrannte, mit der Bratpfanne in der Hand auf ihn eindreschend. Doch schnell wurde sie wieder ernst.

»Ich habe Angst, Tante. Was, wenn er nicht mehr daran denkt, was er mir versprochen hat?«

Sie erinnerte sich an jenen abend im Sommer 1885. Er hatte ihr eröffnet, dass er auf einem Schoner der Marine auf große Fahrt gehen müsse. Die Ziele waren Indien, Hongkong und Australien. Von dort aus wieder zurück. Sarah hatte sich eine Karte angesehen und war erschrocken gewesen über die riesigen Wassermassen, die ihr Geliebter überqueren musste. Aber er hatte noch eine Überraschung. Aus dem Uniformrock, den er getragen hatte, zog er eine kleine Schachtel hervor.

Dann hatte er sich vor sie gekniet, ihr die Schachtel dargereicht und sie geöffnet. Sarah hatte vor Schreck keine Luft mehr bekommen, als sie den Ring mit einem kleinen Diamanten gesehen hatte.

»Sarah Florence O´Leary. Möchtest du meine Frau werden?«

Sie hatte die Hände vor den Mund geschlagen, die Tränen waren nur so aus ihren Augen gestürzt.

»Francis Gordon …«, hatte sie geflüstert. »Du bist ein verrückter Kerl. Aber ich liebe dich! Und ja, ich will.«

Sie hatte sich umgesehen und noch schnell hinzugefügt: »Aber du musst meinen Vater fragen. Ich bin noch nicht volljährig!«

»Ich werde ihn fragen. Aber ich wollte erst wissen, was du sagst, bevor ich zu ihm gehe.«

Sarah war verblüfft gewesen. Francis war, trotz seiner manchmal steifen Art, recht progressiv. Normalerweise hätte er nur ihren Vater fragen müssen. Hätte er sein Einverständnis gegeben, dann wäre sie vielleicht gefragt worden.

Sie hatte sich vorgebeugt, ihn geküsst. Und er hatte den Kuss erwidert. Doch dieses Mal nicht so unschuldig, so sanft wie sonst. Er hatte sie drängender geküsst, mit Leidenschaft. Und Sarah hatte verstanden, was Elizabeth gemeint hatte. Sie hatte gespürt, wie ihr Widerstand schmolz. Doch dann, als sie seine Hand auf ihrem Knie gespürt hatte, wie sie sich langsam nach oben getastet hatte, da war sie erschrocken gewesen und hatte ihn von sich geschoben.

»NEIN!«

Francis hatte sie angesehen.

»Liebster, du weißt doch, ich habe dir gesagt, ich werde jungfräulich in die Ehe gehen. Das habe ich dir versprochen, das habe ich meiner Mutter am Grab versprochen, als ich zur Frau gereift bin. Ich will, dass du der Erste und der Einzige sein sollst.«

Sie hatte ihm in die Augen gesehen.

»Wirst auch du auf mich warten?«

»Ja, Liebste.«

Seine Stimme hatte heiser geklungen, sie hatte sich eingebildet, Enttäuschung zu hören. Doch bevor sie darauf hatte eingehen können, war er aufgestanden und hatte ihr den Ring übergestreift.

»Sarah, ich möchte, dass du diesen Ring trägst. Wenn ich von der Reise zurückkehre und du mich dann noch willst, dann werde ich offiziell deinen Vater um deine Hand bitten.« Und mit einem Blick auf die Tür hatte er hinzugefügt: »Und deine Tante!«

Dann hatte er sie noch einmal geküsst, sich formvollendet von ihrer Tante verabschiedet und war verschwunden.

Am nächsten Morgen hatte ihre Tante sofort den Ring entdeckt. Doch zu Sarahs Überraschung war Margret nicht böse geworden, sie hatte nur schelmisch gelächelt.

»Ah, eine heimliche Verlobung. So viel Romantik hätte ich deinem Offizier gar nicht zugtraut.«

Sie hatte Sarahs Hand genommen und den Ring betrachtet.

»Und Geschmack hat er auch.«

Dass Francis ihre Ringgröße mit Margrets Hilfe herausbekommen hatte, das hatte Sarah erst viel später erfahren.

»Und er muss auf große Fahrt?«, hatte Margret gefragt.

»Ja, Tante. Für mehr als achtzehn Monate.«

Ihre Tante sah auf.

»Sarah! Du musst SOFORT zum Hafen. Hat er dir nicht gesagt, dass sie heute auslaufen?«

Sarah war aufgesprungen und war in Richtung Themse gerannt. Zum Hafen, das war ihr klar geworden, hätte sie es nicht mehr geschafft. Doch als sie zum Ufer gekommen war, da war nur das Heck des Schiffes zu sehen gewesen. Doch oben auf der Reling, da hatte er gestanden. Er hatte sie sofort gesehen und ihr zugewunken. Und sie hatte am Ufer gestanden, mit tränenüberströmtem Gesicht. Der Wind hatte ihr noch sein »Ich liebe dich, Sarah« an ihr Ohr getragen. Leise hatte sie geflüstert: »Und ich liebe dich, Francis.«

Und jetzt kam er endlich heim! Ihre Gedankengänge wurden durch ein heftiges Klopfen an der Tür unterbrochen. Margret rümpfte die Nase. Wenn es etwas gab, was sie hasste, dann war es, wenn jemand fast die Tür einschlug. Sie ging trotzdem, um zu öffnen. Meist waren es Patienten, die dringend zum Arzt wollten.

Wenige Augenblicke später rief sie allerdings laut nach Sarah, die sofort angelaufen kam. Vor der Tür stand ein kleiner, schmutziger Junge, den Sarah sofort als James Sherman erkannte. Dem Kleinen liefen die Tränen über die Wangen und er schluchzte erbärmlich.

»Was ist denn, James? Ist etwas mit deiner Mutter?«

Seine Mutter stand, wie Sarah wusste, kurz vor der Niederkunft. Erschwerend kam noch hinzu, dass ihr Mann vor kurzem auf der Arbeit verunglückt und gestorben war. Er war so stolz gewesen, dass er bei dem Bau der neuen Brücke endlich wieder eine Arbeit gefunden hatte. Doch das Schicksal hatte es nicht gut gemeint. Er war bei den Arbeiten an einem der Pfeiler in die Themse gestürzt und ertrunken. Seine Leiche hatte man einige Meilen flussabwärts gefunden. Seitdem kämpfte die kleine Familie ums Überleben.

»Meine Mom … sie hat arg Bauchweh … sie schreit …«, stammelte der Junge.

Sarah schnappte sich die Arzttasche, die immer griffbereit im Flur stand, nahm den Jungen an die Hand und rannte mit ihm los. Margret sagte kein Wort.

Hatte sie sich am Anfang noch gesträubt, als Sarah bei ihrem Vater mit der Ausbildung begonnen hatte, so war doch nach und nach ein gewisser Stolz in ihr gewachsen. Sarah hatte wirklich bewiesen, dass Medizin ihr Leben war. Und als die ersten Frauen Margret erzählt hatten, wie gut Sarah sie behandelt hatte, da ließ ihr Widerstand langsam nach. Endgültig gebrochen hatte ihn dann der Umstand, als Margret im letzten Winter eine sehr schlimme Grippe gehabt und Sarah sie gesund gepflegt hatte. Da war der strengen Frau klargeworden, dass es für Sarah nur eines gab: Menschen zu helfen. Mittlerweile war die Rothaarige bei fast allen Geburten dabei, die es in der näheren Umgebung gab. Und alle Frauen berichteten übereinstimmend, dass sie noch nie eine bessere Ärztin und Hebamme gehabt hätten. Nur eines konnte Margret nicht verstehen. Immer wieder ging Sarah nach Whitechapel. Dort half sie den Armen. Als Margret sie darauf angesprochen hatte, bekam sie zur Antwort, dass Sarah dies als Akt der Nächstenliebe ansähe. Auch Andrew ging regelmäßig nach Whitechapel, um zu helfen. Und sein Argument hatte Sarah übernommen: Als Christenmensch hätte man die Pflicht, denen zu helfen, die in Not wären. Dem hatte sich auch Margret nicht verschließen können. Nur bestand sie darauf, dass Sarah danach jedes Mal heiß badete. Ihre Sachen wurden in kochendem Wasser gewaschen und Sarahs ganzer Körper nach Läusen oder Flöhen untersucht. Doch auch hier konnte Margret nicht umhin, ihr Respekt zu zollen. Von verschiedenen Seiten war ihr zugetragen worden, dass man sie allgemein als »Engel von Whitechapel« verehrte. Margret schloss die Tür. Mit Francis war noch nicht zu rechnen, da war sie sich sicher. Mit einem Blick auf die große Uhr stellte sie fest, dass es an der Zeit war, sich um das Abendessen zu kümmern. Wenig später kam Andrew nach Hause. Margret erzählte ihm, dass Sarah zu den Shermans gegangen war, weil das Baby wohl käme. Andrew nickte stolz. Er wusste, dass seine Tochter das auch ohne seine Hilfe schaffen würde. Als es langsam dunkel wurde, klopfte es erneut.

»Wer ist denn das noch? Um diese Zeit!«, entrüstete sich Margret.

Doch als sie die Tür öffnete, begann sie zu strahlen.

»Mr. Gordon! Sie sind schon da?«

»Ja, Miss Margret. Der Wind hat es gut mit uns gemeint.«

Sie zögerte.

»Es tut mir sehr leid, aber Miss Sarah ist zurzeit nicht zu Hause.«

Sie war ein wenig über das bedrückte Gesicht des jungen Mannes verwundert. Als sie erwähnte, dass Sarah außer Haus war, hellte es sich ein wenig auf.

»Oh, nun ja, aber ich wollte ohnehin zuerst mit Mr. O´Leary sprechen.«

»Aber sicher, kommen Sie. Er ist im Arbeitszimmer.«

Margret glaubte zu wissen, warum er gekommen war. Heute würde er förmlich um Sarahs Hand anhalten.

»Danke, Miss Margret. Ich finde den Weg.«

Das wiederum war seltsam. So barsch und ungehobelt kannte sie den jungen Francis nicht. Doch er ließ sich nicht beirren und klopfte schon an der Tür des Arbeitszimmers.

»Herein«, erklang die Stimme des Hausherrn.

Francis betrat das Arbeitszimmer und schloss die Tür hinter sich. Andrew war erfreut, den zukünftigen Mann seiner Tochter zu sehen.

Er wusste natürlich über die heimliche Verlobung seit langem Bescheid, aber er war zu taktvoll, um dies zu erwähnen.

»Francis! Sie sind schon da?«

»Ja, Dr. O´Leary.«

»Das wird Sarah aber freuen. Kommen Sie, setzen Sie sich. Möchten Sie vielleicht etwas trinken? Einen Sherry?«

»Nein danke, Dr. O´Leary. Ich hätte etwas mit Ihnen zu bereden.«

Jetzt passiert es, dachte Andrew. Heute gebe ich meine Tochter einem anderen Mann.

»Aber sicher. Geht es um Sarah?«

Der junge Mann druckste etwas herum.

»Nein. Oder doch … irgendwie schon.«

Andrew war verwirrt. Was würde das werden?

»Es ist eher … ein medizinisches Problem, weswegen ich hier bin.«

»Oh. Was kann ich für Sie tun?«

Andrew sah, wie unsicher der junge Mann war.

»Seit einiger Zeit habe ich seltsamen Ausschlag. Zuerst …«, er zeigte nach unten, »jetzt aber im Mund und am Bauch.«

Andrew stutzte. Das hörte sich nicht gut an.

»Kommen Sie, wir gehen in die Praxis.«

Er ging voraus, wusch sich gründlich die Hände.

»Zeigen Sie mal.«

Der Arzt besah sich den Ausschlag, nahm noch eine Lupe zu Hilfe. Dann musste Francis die Hosen runterlassen. Auch die Genitalien untersuchte Andrew genau. Dann seufzte er, wusch sich erneut gründlich die Hände.

»Francis, was haben Sie getan?«

»Was … was meinen Sie, Dr. O´Leary?«

Andrew sah ihn ernst an. Soeben war für ihn eine Welt zusammengebrochen und er wagte es gar nicht, sich auszumalen, was Sarah empfinden würde, wenn sie dies erführe.

»Junger Mann. Sie haben die Syphilis.«

2. Kapitel

»Herzlichen Glückwunsch, Helen!«

Sarah strahlte, als sie der erschöpften, verschwitzten Mutter den kräftig schreienden Säugling, den sie gerade notdürftig gesäubert hatte, in die Arme legte.

»Du hast einen wunderschönen, gesunden Jungen!«

Es war keine leichte Geburt gewesen - das Kind hatte verkehrt herum gelegen, Sarah hatte in die Mutter greifen und es drehen müssen. Sie selbst war blutverschmiert bis an die Ellenbogen und erhob sich, um sich zu waschen und mit der mitgebrachten Phenollösung zu desinfizieren. Das machte längst noch nicht jeder Arzt, aber Andrew O’Leary schwor darauf.

»Ist es jetzt vorbei?«

James streckte vorsichtig den Kopf aus der Küche ins Schlafzimmer. Er war ein wenig blass, hatte Sarah aber sehr gut unterstützt, indem er immer wieder frisches heißes Wasser und saubere Tücher gebracht hatte. Sie lächelte ihm zu.

»Ja, mein fleißiger Helfer. Komm ruhig herein und schau dir dein kleines Brüderchen an!«

Der Junge kam eifrig heran und setzte sich staunend neben seine Mutter aufs Bett. Helen hielt ihr Baby bereits im Arm und ließ es an der Brust saugen. Sie schluchzte leise.

Sarah runzelte die Stirn.

»Helen, das sind aber keine Freudentränen, oder?«

»Doch …«, schniefte die Frau mit den langen schwarzen Haaren, schüttelte dann jedoch betrübt den Kopf.

»Nein … nicht nur. Ach Miss Sarah, ich weiß nicht, wie ich das machen soll mit zwei Kindern. Ich weiß nicht, wie ich sie ernähren soll. Ich habe die ganze Zeit an den Docks Fische ausgeweidet und James hat mitgeholfen, aber den Kleinen kann ich dorthin nicht mitnehmen.«

Sarah presste die Lippen zusammen, packte ihre Sachen in die Tasche und erwiderte dann:

»Ich kann dir nichts versprechen, Helen, aber ich werde meinen Vater fragen, ob du bei uns im Haus arbeiten kannst … zumindest eine Zeitlang.«

Helens Kopf schnellte in Sarahs Richtung.

»Wirklich? Miss Sarah, das würden Sie für mich tun?«

Die Rothaarige nickte.

»Wir haben ja nichts zu verlieren! Aber jetzt muss ich nach Hause. Die Blutung hat aufgehört, es geht dir und dem Kleinen gut«, und mit einem Blick auf James fügte sie hinzu: »Und Unterstützung hast du ja.«

Sie strich dem tapferen Jungen über den Kopf.

»Morgen komme ich vorbei und sehe nach euch. Bis dann weiss ich auch sicher, ob wir Arbeit für dich haben.«

»Danke, Miss Sarah! Vielen Dank!«

Die strahlenden Augen ihrer Patientin versetzten Sarah noch in Zufriedenheit, als sie vor dem schäbigen Haus in den Tower Hamlets zu Albert in die Kutsche stieg. Wenn sie in den ärmeren Viertel Londons unterwegs war, bestand Andrew darauf, dass sie nicht alleine ging, und Sarah hatte nie protestiert. In den Arbeitervierteln, besonders so nah an den Docklands, war es gefährlich. Menschen wurden praktisch im Minutentakt überfallen und ausgeraubt, oft sogar ermordet, und meist scherte sich niemand darum.

Es war mittlerweile völlig dunkel geworden, nur noch die Gaslaternen erhellten die Straßen und wieder einmal hing schwerer Nebel zwischen den Häusern.

Die Anspannung in Sarah ließ nach, als die Kutsche über die Themsebrücke in Richtung Greenwich rumpelte und sie nickte ein. Erst als die Kutsche mit einem Ruck vor dem heimischen Stall zum Stehen kam, schreckte sie wieder auf.

»Wir sind da, Miss Sarah!«

Albert grinste sie an.

»Brauchen Sie mich heute noch, oder kann ich Feierabend machen, wenn ich das Pferd versorgt habe?«

Schmunzelnd sprang Sarah von der Kutsche.

»Du kannst ruhig in den Pub gehen, Albert, mein Vater ist jetzt sicherlich zu Hause. Wenn noch etwas sein sollte, werden wir gemeinsam gehen.«

»Danke, Miss Sarah!«

Albert verbeugte sich und zog höflich seinen Hut.

»Ich wünsche eine gute Nacht.«

»Dir auch, Albert!«

Noch beschwingt von der erfolgreichen Entbindung ging Sarah ins Haus und lief durch die Eingangshalle. Sie wollte gleich ihrem Vater alles berichten und ihn um eine Anstellung für Helen bitten.

Auf halbem Wege hörte sie schon seine Stimme aus der Praxis im hinteren Teil des Hauses - und noch eine Zweite. Dass so spät noch ein Patient im Haus war, war ungewöhnlich. Notfälle waren selten in der Lage, noch hierher zu kommen. Doch es war eindeutig jemand bei Andrew … und die Stimme kam ihr bekannt vor. Neugierig hielt Sarah den Atem an. Hatte sie sich getäuscht? Oder war ihr Verlobter bereits zurück? Ihr Herz begann so laut zu schlagen, dass sie glaubte, ihr Vater und sein Besucher müssten es hören können. Lautlos schlich sie näher und sperrte die Ohren auf. Sie wollte nicht kopflos ins Zimmer stürzen, um dann festzustellen, dass die Stimme nur der ihres Geliebten ähnelte.

Noch konnte sie nicht verstehen, was gesagt wurde, hörte nur Gemurmel und vermutete, dass ihr Vater Anweisungen zur Untersuchung gab. Jetzt jedoch erkannte sie ganz deutlich die Stimme von Francis Gordon.

Gerade wollte Sarah freudestrahlend die Tür öffnen und ihrem lange vermissten Verlobten um den Hals fallen, als sie die Stimme ihres Vaters hörte und auch verstand, was er sagte:

»Junger Mann. Sie haben die Syphilis.«

Sarah stand zur Salzsäule erstarrt. Hatte sie richtig gehört? Syphilis! Das war beinahe so schlimm wie die Pest! Eigentlich genauso schlimm, genauso ansteckend, nur lebten die Erkrankten sehr viel länger und niemand konnte sagen, wie sich die Krankheit letzten Endes äußern würde.

Sie hatte Menschen gesehen, die seit Jahrzehnten infiziert waren und nur gelegentlich einen widerlichen nässenden und entstellenden Ausschlag bekamen, während anderen das komplette Gesicht von den Geschwüren zerfressen worden war. Klaffende Löcher, wo einst Nasen, Augen und Lippen gewesen waren.

Ganz schlimm wurde es, wenn die Krankheit das Gehirn erreichte. Die Betroffenen wurden wahnsinnig, inkontinent, erblindeten, wurden gelähmt. Eine wirklich wirksame Behandlung gab es nicht, obwohl viele Mediziner fieberhaft danach suchten. Noch war die gängige Methode, die Patienten großflächig mit Quecksilber einzustreichen. Ob es wirklich half, konnte keiner so recht sagen - am Ende war es egal, ob die Patienten an der Syphilis oder an einer Quecksilbervergiftung starben. Sicher war nur eins - Sarah konnte ihre Pläne mit Francis begraben.

»Sie wissen, was das bedeutet, richtig?«

Die Stimme ihres Vaters riss Sarah aus ihrer Erstarrung, und sie schlich näher an den Türspalt, um besser zu hören. Wie in aller Welt konnte er sich angesteckt haben? Hatte er einem infizierten Kameraden geholfen?

»Sie werden meine Tochter auf keinen Fall heiraten können. Sie würden sie sofort mit dieser Seuche anstecken und eure Kinder würden damit geboren! Ich übernehme gern Ihre Behandlung, aber Sarah ist ab sofort für Sie tabu! Wie haben Sie sich dieses Übel zugezogen? Will ich es überhaupt wissen?«

Sarah wollte ins Zimmer stürzen und aufbegehren, versichern, dass man bestimmt eine Heilung finden könne und dass sie trotzdem Francis‹ Frau sein wollte, als sie seine Antwort hörte.

»Es widerstrebt mir, es zuzugeben … ich schäme mich vor mir selbst, vor Ihnen, und ganz besonders vor meiner Verlobten … aber Sie wissen vielleicht, wie das Leben auf See ist! Ich habe ein Hurenhaus besucht. Dort muss ich es mir zugezogen haben.«