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Beschreibung

Harald Welzer, Andre Wilkens und Alexander Carius geben zusammen den Debatten-Band ›Die offene Gesellschaft und ihre Freunde‹ heraus. Die Frage, welches Land wir sein wollen, ist zu wichtig, um zwischen parteipolitischem Kalkül zerrieben zu werden. Wir müssen die Debatte führen: Wollen wir eine offene Gesellschaft sein, geleitet von Freiheits- und Menschenrechtsidealen, oder eine exklusive Gesellschaft, die ihre Identität vor gefühlten äußeren Bedrohungen sichert? Und wenn wir eine offene Gesellschaft sein wollen: Was sind wir bereit, dafür zu tun? Zum ersten Mal debattiert eine Gesellschaft über sich selbst und über diese Frage, analog, vor Ort. Lesen Sie nun die wichtigsten Beiträge! Mit Beiträgen von: Barbara Bleisch Alexander Carius Georg Diez Farhad Dilmaghani Mathias Döpfner Tanja Dückers Johannes Eichenhofer Wolfram Eilenberger Leila El-Amaire Naika Foroutan Rainer Hank Esra Küçük Neela Janssen Van Bo Le-Mentzel Ulrich Lilie Christoph Niemann Richard David Precht Milo Rau Dinah Schmechel Ingo Schulze Adania Shibli Hans-Georg Soeffner Tina Soliman Jean-Daniel Strub Ilija Trojanow Friedrich von Borries Stefan Wegner Harald Welzer Andre Wilkens Weitere Informationen zur Offenen Gesellschaft finden Sie unter: http://www.die-offene-gesellschaft.de/

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EPUB
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Seitenzahl: 190

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Alexander Carius | Prof. Dr. Harald Welzer | Andre Wilkens (Hrsg.)

Die offene Gesellschaft und ihre Freunde

 

Über dieses Buch

 

 

Seit November 2015 gibt es die von Harald Welzer und Alexander Carius initiierte Veranstaltungsreihe »Die offene Gesellschaft«: In allen größeren Städten des Landes debattiert seitdem eine Gesellschaft zum ersten Mal über sich selbst und über diese Frage, analog, vor Ort. Prominente Figuren – Journalisten, Schauspieler, Unternehmer, Schriftsteller u.a. – geben kurze Statements, dann wird im Saal diskutiert.

Dieser Band versammelt die wichtigsten Beiträge.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Alexander Carius ist Politikwissenschaftler und Gründer und Direktor von adelphi, Denkfabrik und Politikberatung in Berlin, die sich mit globalen Transformationsprozessen befasst. Zusammen mit Harald Welzer hat er im Herbst 2015 die bundesweite Debattenreihe Die offene Gesellschaft – Welches Land wollen wir sein? initiiert.

 

Harald Welzer ist Sozialpsychologe, lehrt an verschiedenen Universitäten und ist Vorstand von Futur Zwei. Stiftung Zukunftsfähigkeit.

In den Fischer Verlagen sind von ihm u.a. erschienen: ›Der FUTURZWEI-Zukunftsalmanach 2015/16‹ (2014), ›Selbst denken‹ (2013), ›Autonomie. Eine Verteidigung‹ (zus. mit Michael Pauen, 2015) und zuletzt ›Die smarte Diktatur. Der Angriff auf unsere Freiheit‹ (2016). Seine Bücher sind in 21 Ländern erschienen.

 

Andre Wilkens ist Autor und Weltverbesserer. Er beschäftigt sich mit Europa und unserem wunderbar verrückten digitalen Leben, hat für die EU, die UNO, für internationale und deutsche Stiftungen gearbeitet. Wilkens lebt mit seiner deutsch-britischen Familie in Berlin.

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

© 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Covergestaltung: buxdesign, München

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-490305-7

 

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Hinweise des Verlags

 

 

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Inhalt

Einleitung

Debatten

Boten der Zukunft

Welches Land wollen wir sein? Gar kein Land mehr!

Volk ohne Traum?

I.

II.

III.

Der kleinste gemeinsame Nenner

Das Ende der Geschichte war gestern

Über das Migrantische hinaus – Leben in einer postmigrantischen Gesellschaft

Ich liebe die Lügenpresse

Die überforderte Nation

Zwei, die reden

Wie wollen wir leben?

Der Punkt, an dem es weh tut, oder: Wie funktioniert Widerstand?

Die (bedingungslos) offene Gesellschaft – Aus wessen Perspektive?

Ungerechtigkeit tut jedem weh

Für ein Land der Unangepassten

Warum die vermeintlich Fremden uns selbst herausfordern

Dialoge

Für neue Geschichten des Miteinander

Der Wandel unserer Vorstellung gesellschaftlichen Zusammenlebens

Ich bin auch nur ein Arschloch!

1. Ich bin auch nur ein Arschloch

2. Humanität zahlt sich nicht aus

3. Denken wir das Unsichtbare

4. Werden wir Weltbürger

5. Retten wir gemeinsam die Welt

Eine Probebohrung ins deutsche Selbstverständnis – Die offene Gesellschaft ist mehrheitsfähig!

Die Stadt der offenen Gesellschaft

Im Labor der Identitätskonstruktion

Religionen im Plural

Eine Einwanderungsverfassung für die Einwanderungsgesellschaft

Solidarität mit Jan Böhmermann!

Kanzlerinnenpanorama, Januar 2016

»Wir können nicht alle Menschen lieben«

Diskussionen

Veranstaltungsübersicht

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

Die Offene Gesellschaft ist unter Druck: Überall in Europa erstarken rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien, Feinde einer offenen Gesellschaft sitzen in den Parlamenten fast aller europäischer Länder, in manchen sogar in der Regierung, Ausgrenzungswünsche nehmen zu, und es breitet sich eine unangenehme Kultur des Hasses in Verhalten und Begriffen aus, die zunehmend auch die Mehrheitsgesellschaft infiltriert. Hat die Offene Gesellschaft ihre besten Tage hinter sich?

Wir möchten mit diesem Buch, mit überall im Land stattfindenden Debatten, mit Kampagnen und Aktionen, die wir als »Initiative Offene Gesellschaft« durchführen und anstoßen, Demokratie und Freiheit ernst nehmen, indem wir etwas für sie tun. Denn die Offene Gesellschaft ist ein zivilisatorisches Projekt, das den Menschen die größtmögliche individuelle Freiheit bei zugleich größtmöglicher Lebenssicherheit bietet. Europa hat in seinen besten Momenten gezeigt, dass dieser Typ Gesellschaft sowohl Wohlstand als auch Sicherheit als auch Freiheit garantieren kann, und es ist dieses zivilisatorische Projekt, das es aus unserer Sicht zu bewahren und fortzuführen gilt.

Offene Gesellschaften haben freilich prinzipiell eine offene Flanke: Sie sind angreifbar von den Feinden der Freiheit, und Freiheitsfeinde können auf jenen Teil der Wählerinnen und Wähler bauen, die Freiheit und Verantwortung als Zumutung und Belastung empfinden und es daher vorziehen, sich die Dinge im Gewand »einfacher und klarer Lösungen« vorschreiben zu lassen.

Dass Freiheit eine Zumutung ist – das ist in der Tat unzweifelhaft, und es ist die Ursache dafür, dass freiheitliche Gesellschaften grundsätzlich gefährdet und angreifbar sind. Das 20. Jahrhundert hat uns darüber eindringlich belehrt, und auch darüber, dass Offene Gesellschaften nur dann existieren können, wenn sie durch ein politisches Gemeinwesen getragen werden, das für sie kämpft.

Im wirtschaftlich funktionierenden Alltag tritt diese Notwendigkeit nur selten in den Blick: Freiheit und Demokratie werden allzu schnell als etwas Gegebenes betrachtet, das unverlierbar ist, auch wenn man nichts für sie tut. Der Staat wird in einer solchen Betrachtung dann als unvollkommener Lieferant von Bedürfnisbefriedigungen wahrgenommen, und die Politik entsprechend als defizitärer Erbringer von Leistungen, auf die jede und jeder irgendwie Ansprüche zu haben scheint. Aber das ist falsch: Denn wenn die Menschen aufhören, für eine offene Gesellschaft zu kämpfen, ist es mit allem vorbei – mit der Freiheit, mit der Demokratie und mit der Marktwirtschaft. So hat es Karl Popper formuliert, auf dessen wegweisendes Buch »Die offene Gesellschaft und ihre Feinde« wir mit dem Titel unseres Büchleins anspielen. Die Offene Gesellschaft braucht Freundinnen und Freunde, die sie schützen, und wir möchten mit den hier versammelten Essays, Debattenbeiträgen und Statements zeigen, wie vielfältig und zahlreich der Freundeskreis der Offenen Gesellschaft aussieht. Die Offene Gesellschaft hat nämlich viele Freunde, sie sind sogar die Mehrheit. Aber sie müssen sich auch rühren.

Den Feinden der Offenen Gesellschaft sei hiermit offiziell mitgeteilt: Wir werden sie bekämpfen. Und da Sie – als Leserin und Leser, als Mitstreiterin und Mitstreiter in Debatten, Aktionen, Diskussionen, Protesten, Demonstrationen und und und – das ebenfalls tun, werden die Freiheitsfeinde zum Glück keine Chance haben.

 

Alexander Carius – Harald Welzer – Andre Wilkens

 

Debatten

Georg Diez

Boten der Zukunft

Dieser Gesellschaft fehlt das Selbstbild. Oder besser: Es fehlt das positive Selbstbild. Sehr viele Menschen, so kommt es mir vor, wissen gerade nicht genau, wer sie sind oder wer sie sein wollen. Sie wissen nur, wer sie nicht sein wollen.

Oder wen sie nicht dabeihaben wollen. Wer nicht dazu gehört. Wer fremd ist. Wer stört. Sie formen ein Bild von sich selbst, von ihrem Leben und ihrem Land, indem sie andere stigmatisieren, ablehnen, ausgrenzen.

Flüchtlinge, Muslime, Schwule, Rechte, Linke, Rassisten, Sozialisten, Kapitalisten, Umweltschützer, Klimaschützer, Menschenrechtler, Politisch Korrekte, Politisch Unkorrekte, es herrscht kein Mangel an Feinden, es herrscht nur ein Mangel an Perspektive.

Das ist die klassische Bürgerkriegsrhetorik, sagen manche. Kann sein. Für mich wirkt es manchmal auch fast wie Beschäftigungstherapie, dieser Hass, der kultiviert wird und benutzt, um davon abzulenken, dass man längst nicht mehr weiß, in welche Richtung sich die Zeit bewegt, nach vorne oder nach hinten.

Und was wäre vorne? Wo wäre vorne? Wie geht der Weg? Wer kennt die Richtung? Wer weiß, wie man endlich ankommt, in diesem verdammten, famosen 21. Jahrhundert?

Es ist, als ob das fiese, verbrecherische 20. Jahrhundert die Menschen nicht loslassen würde. Da sind sie schon fast weg, sie haben es gleich geschafft, denkt man, willkommen im Zeitalter der liberalen Weltordnung, da erwischt sie eine kalte Hand doch noch am Bein und zerrt sie zurück zu Nationalismus, Fanatismus, religiösem Wahn.

Die Zukunft ist abgeschafft, so scheint es manchmal, und mit der Zukunft ein Blick auf die eigene Gegenwart, der anders ist als eng und angstbesetzt. Denn die Zukunft ist nötig, um aus seiner eigenen Zeit herauszusteigen, die Zukunft ist ein Mittel, seine eigene Hermetik zu durchbrechen.

Die Zukunft ist eine nötige Utopie. Ohne Zukunft gibt es nur rasenden Stillstand. Ohne Zukunft herrschen die Verhältnisse. Ohne Zukunft fehlt das Versprechen, dass es anders und auch besser werden könnte. Ohne Zukunft begibt man sich in ein Grab aus Beton, ob man es merkt oder nicht. Erst wenn man weiß, wohin man will, wird man den Aufbruch wagen.

Und das ist eben das Problem: Wer kennt das Ziel? Der Wohlstand, der immer versprochen wurde, kann es nicht sein, denn der verteilt sich gerade so ungleich, dass es zum ersten Mal in der Geschichte des Westens einer ganzen Generation zumindest gefühlt schlechter geht als ihren Eltern.

Das Wachstum kann es aber auch nicht sein, der Mechanismus also, mit dem in der Vergangenheit soziale Konflikte abgemildert wurden, allerdings nicht nur auf Kosten der Länder, die der Westen ausbeuten konnte, sondern auch auf Kosten der Natur, die an den Rand ihrer Geduld gebracht wurde.

Im Materiellen ist die Lösung nicht zu finden, und das wird auch gar nicht nötig sein, wie es aussieht. Denn der Mensch im postmateriellen Zeitalter wird, nach allem, was man hört, frei sein von dem, was ihm bislang Sinn gegeben hat, was ihn allerdings auch gebunden hat – manche würden sogar sagen gefesselt: die Arbeit.

Das wiederum schafft ein paar grundlegende Probleme: Was tun mit der Zeit? Was tun mit der Freiheit? Was tun mit dem Menschen? Wie sortiert der Mensch seinen Tag? Wie gliedert der Mensch sein Leben? Was verschafft ihm Anerkennung? Was verschafft ihm Erfüllung? Wo steht der Mensch in der Gesellschaft? Und was für eine Gesellschaft will er überhaupt?

Aber schon an diesen Fragen merkt man, wie schwer es ist, das Neue zu erkennen, das längst da ist. Oder das Neue zu denken, das unausweichlich ist. Denn die Zukunft ist ja im Grunde jetzt. Sie ist latent, wie so oft, sie ist präsent, und sie zeigt sich nur an einigen Orten.

Silicon Valley, könnte man meinen, ist so ein Ort. Hier kann man lernen: Es wird so kommen, die Maschinen werden intelligenter werden, vielleicht sogar intelligenter als der Mensch – und bei aller Skepsis, der Optimist, und der ist von seiner Grundstruktur her eher links, sollte sich wohl darüber freuen.

Denn die Technik hat das Potential, den Menschen nicht von sich selbst zu entfernen, das kann auch sein, sie kann aber auch das entfernen, was den Menschen bindet, seine Zeit, seine Aufmerksamkeit, seinen Willen und sein Streben.

Die Technik bietet dem Menschen damit die Möglichkeit, neu zu reflektieren, wer er ist und wer er sein möchte, wer er sein könnte – und deshalb ist eben auch der Münchner Hauptbahnhof so ein Ort der latenten Zukunft oder der Wiener Westbahnhof oder das Camp von Idomeni.

Denn die Frage, was der Mensch ist oder sein könnte, ist sehr eng mit der Frage verbunden, wie der Mensch sich in einer Situation der Not verhält, der eigenen oder speziell der Not anderer. Ist er egoistisch? Verleugnet er seine Verantwortung? Reduziert er sich und seine Spezies?

Oder schafft er den Sprung, den der Mensch bislang noch immer geschafft hat? Schafft er es, seinen Egoismus zu überwinden und seine Verantwortung anzunehmen und damit die Grundlage für ein Zusammenleben zu legen, das den Einzelnen erhöht, weil er als Individuum Teil einer Gemeinschaft ist, weil es das Individuum erst zum Individuum macht?

Erfüllt sich der Mensch also das Versprechen des Humanismus? Oder wird er zum Angstmenschen, der sich vor der Zeit verschanzt, vor der Gegenwart wie der Zukunft, die unerreichbar wirkt, wenn man sich selbst in einer Höhle festbindet, aber sehr real, wenn man ihr ins Gesicht sieht.

Das alles soll nicht bedeuten, dass es keine Schwierigkeiten gäbe, mit der Technologie, mit der Überwachung, mit den Flüchtlingen, mit der Klimaveränderung, mit den Armutswanderungen, mit der Intoleranz, mit dem Hunger – aber, das lehrt die Geschichte, es hilft nie, die Antwort in der Vergangenheit zu suchen.

Und so sind die Flüchtlinge, die nach Europa kommen, seit Jahren schon, als viele von ihnen im Mittelmeer ertranken, und spätestens seit dem Sommer 2015 in Mengen, die manche erschrecken ließen – diese Flüchtlinge sind vieles, mutige Menschen, arme Menschen, gebildete Menschen, Menschen in Not, Menschen mit Würde. Sie sind aber auch Boten aus der Zukunft.

Sie zeigen die Welt, wie sie sein wird, wie sie auch sein wird, selbst wenn die Technologie ihre Utopie erfüllt: Es wird immer Not geben, sie wird noch zunehmen – und die Botschaft der Flüchtlinge, so wie sie auch viele Menschen in Deutschland verstanden haben, war eine Botschaft der Humanität, mit der man eine Gesellschaft neu begründen kann.

Wir Menschen sind dazu da, uns gegenseitig zu helfen, das war ihre Botschaft – und die Bürger, die diese Botschaft verstanden, machten sich daran, gemeinsam mit den Flüchtlingen neu und anders zu definieren, was sie sind, was der Staat ist, was ihre Aufgaben sind und was die des Staates, wer einen Anspruch hat und worauf.

Es ging nicht um einen Staat, der sich heraushält, wie es die Liberalen und Neoliberalen so oft und so lange gepredigt haben. Und es ging auch nicht um einen Staat, der viele Aufgaben übernimmt, vielleicht zu viele, wie es die wollen, die im Wohlfahrtsstaat das beste gesellschaftliche Modell sehen.

Es ging um etwas Drittes, und das ist das Besondere an dieser Situation, das ist das Neue am Beginn des 21. Jahrhunderts, wo sich die binären Konflikte, die Dichotomien der Erkenntnis und der Erfahrung mehr und mehr auflösen werden: Es war Zivilisation reloaded – und der Widerstand dagegen musste kommen, er wird stark bleiben, aber weil der Mensch brutal und grausam und tierisch ist und doch zur Vernunft begabt, werden sich schließlich die durchsetzen, die das Gute wollen.

Bis dahin allerdings wird es darauf ankommen, denen, die gegen ihre Zeit anrennen, entgegenzutreten, entschieden und mit dem Bild einer Gesellschaft, die anders ist, gewollt anders als die bisherige: offen und gerecht für alle. Das wird noch eine Weile dauern, möglicherweise eine ganze Generation, denn die Umbrüche sind lang und kompliziert und schmerzhaft.

Wir sind gerade auf der Abwärtsbewegung, hin zu weniger Toleranz und mehr Hass und Vorurteil, in Deutschland, in Europa, in weiten Teilen der Welt. Es ist erschreckend, diesen Klimawandel zu beobachten, den Wandel der Worte und der Werte, weg von der fast schon selbstverständlich scheinenden bunten Benetton-Welt der verschiedenen Gesichter und Geschlechter und der freundlichen Differenz.

Das war kein Trug, und es war auch kein Fehler. Es ist der richtige Weg, es ist der einzige Weg. Aber es hat viele verschreckt, vor allem die, die abgehängt wurden, die nicht dabei sein durften, die am Rande standen. In ihnen hat sich der Hass genährt. Wir sehen vor uns ein Zeitalter der Angst und der Wut.

Diese Menschen denken und reden und argumentieren, als ob es kein Außen gäbe. Sie leben nach innen, sie denken nach innen, sie sind individuell regressiv und kollektiv reaktionär. Sie verschenken ihre Zeit, sie vergeuden ihre Chance, weil sie nur in Ablehnung leben.

Dabei könnte es anders sein, dabei könnte alles anders sein. Die Gegenwart ist nicht aus Beton. Sie ist brüchig, sie ist flüchtig, sie ist formbar für die, die sie formen wollen. Was eine Gesellschaft ist, entscheidet sich an dem, was der Einzelne für sich und sein Leben will.

Es ist also eine alte und eine neue Utopie. Das Individuum, aber nicht gefangen in den ideologischen Klauen eines über den Kommunismus triumphierenden Kapitalismus, sondern erst einmal in seiner Würde und Selbstverständlichkeit, mit Respekt betrachtet.

Und weil wir zwar in einem postideologischen Zeitalter leben, aber immer noch in den Denkweisen des ideologischen Zeitalters gefangen sind, gibt es diese Spannungen, gibt es dieses Dilemma, das in gewisser Weise in der risiko-aversen Struktur des Menschen angelegt ist, das wir aber überwinden müssen, um in der Zukunft anzukommen, die das 21. Jahrhundert ist.

Wir halten mehr an dem fest, was wir zu verlieren drohen, als dass wir an dem arbeiten, was wir gewinnen können.

Die Vergangenheit war immer der Feind der Zukunft. Wenn wir so weitermachen, vernichten wir auch noch unsere Gegenwart.

Georg Diez arbeitet als Autor für den Spiegel und schreibt Bücher, zuletzt »Martin Luther, mein Vater und ich« (Herbst 2016). Zurzeit ist er als Fellow in Harvard.

 

 

»Ich bin stolz, dass dieser Saal voll ist. Weil es unbedingt notwendig ist, dass wir miteinander reden. Das ist das einzige Mittel gegen Angst. Aber diese Veranstaltung kann nur der Anfang sein, wir müssen das selbst machen.«[1]

Fußnoten

[1]

Die Zitate stammen von Debattenteilnehmern aus verschiedenen Städten.

Tanja Dückers

Welches Land wollen wir sein? Gar kein Land mehr!

Wir müssen uns vom Nationalismus verabschieden und Europa als Chance zu einer transnationalen Heimat begreifen

Die – verlockende – Vorstellung und Möglichkeit, nicht nur über eine nationale, sondern auch über eine transnationale europäische Identität verfügen zu können, scheint für viele Europäer nach wie vor nur mäßig attraktiv zu sein, auch wenn das Thema europäische Identität im öffentlichen Diskurs schon seit der EU-Osterweiterung (und jetzt erst recht nach der Ankunft zahlreicher Flüchtlinge und dem Leave der Briten) omnipräsent ist. Überhaupt war und ist Europa überall populär, nur nicht unbedingt in Europa. Eine Erinnerung an eine Dienstreise aus dem Jahr 2005 – wenige Monate nach der EU-Osterweiterung, für mich eines der wichtigsten und erfreulichsten Ereignisse in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts, soll hierfür ein Beispiel geben: Ich sollte damals für die ZEIT vom Weltjugendtag in Köln berichten. Papst Benedikt XVI. war zu diesem Ereignis nach Deutschland gereist. Die Stimmung war nicht anders als beim Public Viewing während einer WM: Hier skandierten junge Leute mit riesigen blau-weiß-roten Fahnen »Vive la France«, dort stimmbruchlastig »Bälla Italia!«, weiter hinten grölte eine Hundertschaft unter einem rot-weißen Fahnenmeer: »Polska!«. Doch auf einmal entdeckte ich inmitten dieses Fahnenmeers – es waren 500000 junge Menschen angereist – etwas Seltenes: gelbe Sterne auf nachtblauem Grund, schüchtern zwischen all den Stars’n’Stripes, dem Ordem e Progresso, dem Rot-Weiß und dem Schwarz-Rot-Gold: Einsam wehte da die Europa-Fahne. Unter Hunderttausenden von Flaggen sah ich – so kurz nach der EU-Osterweiterung ein Jahr zuvor – nur diese eine Europa-Flagge. Die Hüter des Schatzes waren Franzosen. Ich sprach sie an: »Ihr seid hier die Einzigen mit einer Europaflagge …« – »Ja, niemand weiß hier, woher wir kommen, das ist schon ein Problem, alle gucken uns blöd an, manche sagen auch … Doofes zu uns über die EU, aber … ehrlich gesagt: Wir mögen die europäische Idee.« Wirklich geändert hat sich in der letzten Dekade hinsichtlich der Popularität der europäischen Identität nichts. Im Gegenteil: Das Erstarken rechtsextremer Parteien bei der letzten Europawahl im Mai 2014 zeigte deutlich den Trend zur Renationalisierung. Der Schriftstellerkollege Robert Menasse hat in seinem hervorragenden Essay »Der europäische Landbote« (2012) schon deutlich gemacht, dass die sogenannte europäische Krise weniger in der EU, gar in Brüssel, zu Hause ist als in den Nationalstaaten selbst, die im Übrigen auch weitaus weniger effizient wirtschaften als Brüssel. So hat die EU zur Verwaltung eines ganzen Kontinents weniger Beamte zur Verfügung als die Stadt Wien allein, um nur ein Beispiel zu nennen (Menasse lebt in Wien). Aber der Glaube daran, dass es den Bürgern in einem Nationalstaat bessergehen würde als in einem transnationalen Gebilde wie der EU, ist ungebrochen. Auch wenn historisch nichts dafür spricht. Gerade in den nach dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts größtenteils bankrotten Ländern herrscht hier bisweilen eine groteske Wahrnehmungsverzerrung. Die Erfindung der nachnationalen Demokratie (Menasse) als Friedensgarant in Europa war ein zentrales Motiv für die Gründung der Vorgängerorganisationen der EU nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die EU war also bisher nicht wirklich von den Bürgern der Gemeinschaft akzeptiert worden. Wie auch immer man dies bewertet, die EU wurde von vielen gesellschaftlichen Gruppen in einer Mehrzahl der EU-Länder als ein elitäres Projekt empfunden. Der Idee einer transnationalen Gemeinschaft haftete immer noch etwas Utopisches an. Auf Schriftstellerkongressen sprach man über so etwas. Nicht in der Kneipe, nicht auf dem Sportplatz. In den einzelnen Mitgliedstaaten nicht wirklich als identitätsstiftende Idee verankert, traf die sogenannte Flüchtlingskrise, die man zu Recht eher als Krise der Aufnahmeländer bezeichnen könnte, die EU zu einem Zeitpunkt, an dem die Idee einer überstaatlichen, offeneren Identität noch nicht wirklich implementiert worden ist.

Und nun steht die EU, eines der wenigen derzeit weltweit existierenden Modelle einer doch zumindest offeneren Gesellschaft schon wieder vor ihrem Aus. Das ist für Menschen wie mich, die im Alter von 21 Jahren den Fall der Mauer und das Ende des Eingeschlossen-Seins in einer geteilten Stadt erlebt haben, ein sehr deprimierender Vorgang. Zum Glück ist das Ende hier noch offen. Viele Portugiesen haben noch nie einen Litauer oder einen Esten getroffen, viele Finnen nie einen Griechen, Bulgaren oder Rumänen. Doch auch geographische Nähe schützt nicht vor Vorurteilen, wenn man hört, wie in Deutschland oft über Polen gesprochen wird oder in Österreich über Slowaken. Innerhalb der EU herrschen, wie sich gerade gegenüber Griechenland gezeigt hat, noch massive Vorurteile. Die EU ist, weniger wirtschaftlich als ideell, noch immer ein sehr fragiles Gebilde.

Und nun steht dieses Gebilde vor noch größeren Herausforderungen, vor der Aufnahme von Menschen, die aus weit entfernten Ländern kommen und oft ein uneiniges, kleinkariertes, renational und seltsam regional-patriotisch gestimmtes, zersplittertes Europa vorfinden.

Dass Deutschland ein Einwanderungsland und Europa ein Einwanderungskontinent geworden ist, ist bei vielen Bürgern einfach noch nicht angekommen. Diese Unkenntnis und Ablehnung ist derzeit die größte Hürde in der Etablierung einer europäischen Identität, die Migranten mit einschließen sollte. Die Aussage »Zuwanderer, die hier leben, bedrohen meine persönliche Lebensweise und meine Werte« stößt bei vielen Europäern auf Zustimmung, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie (»Die Abwertung der Anderen«) der Friedrich-Ebert-Stiftung belegt. Das Ergebnis der FES-Studie: Die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, abwertende Einstellungen und Vorurteile gegenüber als »fremd« oder »anders« Empfundenen, ist in Europa weit verbreitet. In den Niederlanden stießen die abwertenden Aussagen auf die niedrigsten Zustimmungswerte, in Polen und Ungarn auf die höchsten. Für Fremdenfeindlichkeit, Islamfeindlichkeit und Rassismus ermittelt die FES-Studie nur geringfügige Unterschiede zwischen den Ländern. Die Europäer vereint offenbar die Ablehnung von Fremden: »Rund die Hälfte aller europäischen Befragten ist der Ansicht, es gebe zu viele Zuwanderer in ihrem Land«, heißt es in der Studie.

Rund die Hälfte verurteilt den Islam zudem pauschal als Religion der Intoleranz. Selbst in den osteuropäischen Ländern, in denen der Anteil der Muslime an der Bevölkerung gering ist, herrschen Vorurteile und Ablehnung. Vor allem in Deutschland und Polen erklärt eine Mehrheit, dass der Islam nicht mit der eigenen Kultur kompatibel sei.