DIE PARZELLE - Werner Zillig - E-Book

DIE PARZELLE E-Book

Werner Zillig

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Beschreibung

Ein zukünftiges Deutschland: In abgeschotteten »Parzellen« können Menschen ihre eigenen Lebensvorstellungen ausleben. Der Staat mischt sich nicht ein. Sie müssen allerdings auch das Risiko tragen, das durch die neue Art zu leben entsteht. – Stefan Frohnberg, ein Musikprogrammierer, der in der Nähe von Köln lebt, erhält eine Einladung von seinem ehemaligen Klassenkameraden Christian Kuntzeler. Frohnberg soll in die Lüneburger Heide, in die Drogenparzelle Wilsede kommen und Kuntzeler dort treffen. Frohnberg erlebt in einer Woche eine fantastische Welt, die sein ganzes Leben verändert. Er taucht ein in eine Umgebung, die aus Mythen und Phantasmen besteht. »Ein Roman, der weit über normale Unterhaltungs-SF hinausgeht. Der Autor präsentiert einen Weltentwurf auf der Grundlage eigenen Träumens … Er zeigt uns in seinem Roman ein Deutschland, in dem jede Gruppe – auch kriminelle oder anarchistische – eine eigene Parzelle gründen kann – sogar mit Unterstützung des Staates. ›Die Parzelle‹ ist ein Buch von der Allmacht der Fantasie, auch für das Individuum.« (Jörg Weigand)

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Seitenzahl: 405

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Werner Zillig

Die Parzelle

Mit einem Vorwort von Jörg Weigand

und einem Nachwort des Verfassers

AndroSF 161

Werner Zillig

DIE PARZELLE

Mit einem Vorwort von Jörg Weigand und einem Nachwort des Verfassers

AndroSF 161

Der Roman »Die Parzelle« erschien 1984 in einer im Goldmann Verlag, München, herausgegebenen Reihe »‘84 – Die positiven Utopien«. Eine leicht veränderte Fassung brachte 1985 der Bertelsmann Club in Gütersloh heraus. Die vorliegende Fassung wurde 2021 noch einmal überarbeitet. Einzelheiten zu dieser Überarbeitung finden sich im Nachwort dieser Ausgabe.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: Juni 2023

p.machinery Michael Haitel

Titelbild: Rainer Schorm

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 316 1

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 788 6

Jörg Weigand: Eine Welt zwischen Wirklichkeit und Traum

und wofür sich Menschen letztendlich entscheiden

Einen Roman, den man vor siebenunddreißig Jahren rezensiert hat, erneut zu lesen, ist nicht nur ein neues Leseabenteuer. Es ist viel mehr, denn in die neuen Eindrücke, die bei der Lektüre entstehen, mischen sich Erinnerungen – Erinnerungsfetzen – von damals; Hinweise, welch tiefen Eindruck das Buch damals auf den Leser, also auf mich, gemacht hat.

Zunächst: Als ich damals das Buch zu Ende gelesen hatte, war mir klar, dass ich ein besonderes Werk vor mir hatte. Die Skizze einer möglichen Welt, die so ungewöhnlich in der damaligen Welt der fantastischen Literatur war – und es auch heute noch ist –, dass sich mir unwillkürlich der Vergleich mit anderen Titeln ähnlicher Art aufdrängte; Büchern wie »1984« von George Orwell oder »Wir« von Jewgenij I. Samjatin. Dabei ist »Die Parzelle« keinem vergleichbaren Werk – außer Orwell und Samjatin gäbe es durchaus noch einige zu erwähnen – verpflichtet, sondern öffnet eigenständig und souverän den Weg in eine andere Welt – eine fantastische Welt zweifelsohne, und dabei eine Welt, die den Leser zunächst ziellos wie die Hauptfiguren des Buches umherirren lässt, ehe er den Entschluss fasst, auch noch die letzte Seite zu lesen.

Im einbändigen »Lexikon der Science Fiction Literatur«, 1988 für den Münchner Heyne-Verlag von Hans Joachim Alpers, Werner Fuchs, Ronald Hahn und Wolfgang Jeschke zusammengestellt, wird der Roman »Die Parzelle« äußerst oberflächlich dargestellt. Da heißt es:

»In ihm beschreibt der Autor eine Bundesrepublik der Zukunft, in der sich einzelne Parzellen befinden, kleine Gebiete, in denen die Anhänger utopischer und radikaler Ideen mit staatlicher Genehmigung versuchen können, ihre Vorstellungen in die Wirklichkeit umzusetzen, in diesem Fall eine Gemeinschaft von Drogenbefürwortern in der Lüneburger Heide, wo Menschen in Halluzinationen und Visionen versuchen, neue Erlebnisräume auszuloten.«

Das ist gewiss nicht falsch, diese Definition ist sachlich in Ordnung, doch der Roman beinhaltet mehr, viel mehr. »Die Parzelle« dient dem Autor in meinen Augen als Experiment für Versuche, die Realität zu (zer-) brechen, sie aufzusplittern in fast reale Traumgebilde, die als halluzinierende Gedankenwolken letztendlich sich auflösen und schwinden, da utopisch, fantastisch und nicht konzentrierbar. Und die dennoch verlocken, mit ihnen und in ihnen zu verschwinden.

Vom Inhalt also ist »Die Parzelle« anders gestaltet und entwickelt als die Werke von Orwell oder Samjatin. In der Intensität und Ausstrahlung auf den Leser aber kann sie durchaus mithalten und besticht darüber hinaus mit Extrapolationen von Weltenträumen bzw. Traumwelten, die die beiden vorgenannten Autoren in dieser Weise nicht bieten. Nicht bieten, da sie sie nicht bieten können oder auch nicht bieten wollen.

Wie oben erwähnt, ist mir bei der erneuten Lektüre jäh aufgefallen, dass mir aus dem gesamten Buch zwei Stellen über einen langen Zeitraum hinweg haften geblieben sind; eine Tatsache, die für sich spricht. Erinnerung nach siebenunddreißig Jahren … Ich sage: Ein Text, der solches bewirkt, hat besondere Qualitäten.

Die Erinnerung an die beiden Textstellen, die liegen über zweihundert Seiten auseinander, verbunden durch eine gedankliche Brücke, die dem Leser letztendlich hilft, den vom Autor konstruierten Gedankendschungel zu bewältigen. Er steht, um im Bild zu bleiben, zwar immer noch im Dickicht, doch er befindet sich auf einer gedanklichen Lichtung, die ihm Orientierung ermöglicht.

Bei den beiden Stellen handelt es sich einmal um eine Sequenz auf Seite 51 der Bertelsmann-Ausgabe, wo der Glasquader mithilfe von Sprengladungen zerstört wird und in der Zersplitterung des Glaskörpers auch der Mensch Christian Kuntzeler sein Ende findet. Ein dramatisches Bild von Endlichkeit und Tod, letztlich symbolisiert durch den dünnen Blutfaden, der aus der Zerstörung sickert.

Die zweite Stelle, sozusagen der zweite Fuß der Brücke, die sich über mehr als zweihundert Seiten spannt, findet sich auf Seite 254–255 derselben Ausgabe. Eva Landshoff und Stefan Frohnberg gehen durch die Wand im Keller unterhalb der Parzelle; sie haben eine Tür gefunden in eine Landschaft, die Frohnberg behauptet, geschaffen zu haben. »Sie gehen durch die Tür, die sich ohne Geräusch hinter ihnen schließt.«

Spekulationen helfen bei diesem Buch nicht weiter; es bleiben Fragen, unbeantwortete Fragen. Etwa: Inwieweit gibt es eine individuelle Wirklichkeit und inwieweit ist sie kompatibel mit der allgemeinen Sicht der Realität? Und: Wie weit dominiert der Traum die Realitätswahrnehmung und wo endet der Einfluss der Wirklichkeit auf das Traumgeschehen?

Fragen, die wahrscheinlich jeder Leser für sich, mit größeren oder kleineren Nuancen, anders beantworten wird – so er dazu bereit ist.

»Die Parzelle« besitzt in hohem Maße die Magie der gedachten Unmöglichkeit, bei der Unmögliches als möglich gedachter Traum geformt wird.

Für mich ein faszinierendes und gleichzeitig bedrückendes Buch mit seinem Happy End, das eigentlich gar keines ist.

Prolog

Am 27. August des Jahres 20.. wird Stefan Frohnberg am Nachmittag noch arbeiten. Zusammen mit Martin Hammerschmidt, einem Kollegen, wird er Kompositionsanalysen korrigieren. Kurz nach 16 Uhr werden Frohnberg und Hammerschmidt die Analysebogen beiseitelegen und die Geräte abschalten. Wenn sich Frohnberg und Hammerschmidt voneinander verabschieden, wird Frohnberg davon sprechen, dass sie sich am nächsten Tag beim Abendessen sehen werden. Frohnberg wird Hammerschmidt und dessen Frau eine Woche vorher eingeladen haben.

Am darauffolgenden Tag, einem Samstag, wird Stefan Frohnberg am Vormittag zu einem Mediengeschäft gehen. Er wird in den dritten Stock hinaufsteigen, dorthin, wo das Geschäft noch immer eine Buchhandlung mit Büchern aus Papier ist, und er wird, nachdem er eine Zeit lang in Büchern geblättert hat, einen Bildband kaufen. Auf seinem anschließenden Gang durch die Stadt wird Frohnberg noch einige Kleinigkeiten besorgen und um 12 Uhr mit dem Bus nach Hause fahren. Die Frau, die während seiner Abwesenheit auf seine Tochter aufgepasst hat, wird ihm dann sagen, dass ein Brief angekommen ist. Und nachdem die Frau gegangen ist, wird Frohnberg den Brief öffnen und darin eine Einladung finden.

Die Einladung

Die Gebäude der Firma Componant in Paffrath, einem Vorort von Köln, sind vor einigen Jahren in dem damals neuen Zitatstil gebaut worden. Inmitten eines kleinen, von einzelnen Baumgruppen gebildeten Parks liegen die einzelnen Häuser, die, jedes auf andere Weise, an Baustile der Vergangenheit erinnern. Das Gebäude, in dem die sogenannten Kreativen Abteilungen der Firma untergebracht sind, ist ein weißer, villenartiger Flachbau mit runden und spitzbogigen Fenstern. Die Eingangstür liegt, ein Stück weit in das Haus zurückversetzt, hinter vier Säulen, und auch vor dem Haus, auf der linken Seite des Vorplatzes, stehen zwei Säulenreihen. Die Säulen auf dem Vorplatz, die in unterschiedlicher Höhe abgebrochen sind und so an ein antikes Ausgrabungsfeld erinnern, sind mit Efeu bewachsen.

Der, der zum ersten Mal hierher kommt, wird, wenn er das Haus und seine Umgebung sieht, an ein Sanatorium denken und vermutlich nicht recht glauben können, dass in diesem Gebäude die Laboratorien einer Elektronikfirma untergebracht sind.

Stefan Frohnberg sitzt in seinen Sessel zurückgelehnt und hört auf die Musik, die aus den Lautsprechern vor ihm kommt. Dann dreht er den Sessel und blickt auf die efeubewachsenen Säulen vor dem Fenster. Nach einer Weile verzieht er das Gesicht und sagt: »Nein, das ist es einfach nicht! Die Rhythmusgitarre ist irgendwie – zu wenig versetzt. Und der Bass ist zu starr.«

»Ich weiß nicht, ich finde das Programm ganz ordentlich«, antwortet Martin Hammerschmidt. »Ich glaube, mehr ist da einfach nicht rauszuholen.«

»Hör dir doch mal die Aufnahme an! Zum Beispiel – dreihundertvierundzwanzig.«

Hammerschmidt gibt die Zahl in ein kleines Gerät ein, das vor ihm steht, dann drückt er auf eine breite rote Taste, die sich rechts neben dem Zahlenfeld befindet. Eine andere Aufnahme wird eingespielt, und ein Sänger singt jetzt.

»Ich glaube, du lässt dich von der Stimme beeinflussen«, sagt Hammerschmidt. »Ich habe heute Morgen das gesamte Programm noch einmal geprüft. Es hat keinen Fehler. Mehr können wir nicht machen.«

Frohnberg sieht wieder hinaus auf die Säulen. Er sagt sich, dass Hammerschmidt recht hat. Sie haben die Aufnahmen dieser alten Schallplatte sorgfältig analysiert, und mehr können sie nicht tun. Das Programm wird am Montag abgeliefert und geht nach dem Gegencheck durch die Kontrollabteilung in Serie. In zwei Wochen werden es die Leute überall kaufen können, und jeder, der es zu Hause in seinen Syncomposer einlegt, kann unzählige neue Musikstücke anfertigen. Alle werden sie nach dem Muster dieser Schallplatte sein, und trotzdem wird keines dem anderen vollständig gleichen.

Frohnberg hört wieder auf das, was der Sänger singt. Er hat, ehe sie mit der Analyse begonnen haben, die Texte gelesen. Es waren schwarze, dunkel gestimmte Zeilen gewesen, deren Bedeutung ihm ein wenig unklar geblieben war. Aber Texte werden nicht mitgeliefert.

»Gut«, sagt Frohnberg. »Machen wir noch eine Composerprobe und lassen es dann gut sein.«

Hammerschmidt zieht ein kleines Mikrofon heran und schaltet wieder das Programm ein. Dann trommelt er mit den Fingern einen schnellen, unregelmäßigen Takt auf die Tischplatte. Das Mikrofon nimmt die Geräusche auf und leitet sie dem Rechner zu, der sie, wie vorher die Signale aus dem Zufallsgenerator, als vorgegebene Größen in das Programm einsetzt. Nach einigen Sekunden hören Frohnberg und Hammerschmidt das neue Stück.

»Wenn du jetzt noch singen könntest«, sagte Hammerschmidt, »dann wäre es perfekt.«

»Warte nur ab«, antwortet Frohnberg und lacht. »Demnächst singe ich dir was vor.«

Sie hören noch für ungefähr eine Minute der Musik zu, dann sagt Frohnberg: »Na gut, liefern wir am Montag ab.«

Sie stehen auf und schalten die Geräte aus. Dann verlassen sie den Raum. Am Ausgang, als sie in dem offenen Vorraum des Hauses stehen, sagt Frohnberg: »Wir sehen uns dann morgen Abend.«

»Ja, wir freuen uns schon«, antwortet Hammerschmidt.

Frohnberg stieg zwei Stationen früher aus dem Bus. Er überquerte die Straße. Obwohl die Sonne schien, war es nicht sehr heiß. Die Bäume an der Straße zum Schloss hin waren schon ein wenig gelb. Frohnberg wandte sich nach links und ging den Weg hinunter. Nach ungefähr zweihundert Metern war er zu Hause. Er öffnete die Gartentür, ging durch den Vorgarten und schloss dann die Haustür auf.

Als er durch die halb geöffnete Tür des Wohnraums blickte, sah er Jonna, seine Tochter, auf dem Boden sitzen. Der Beamer war eingeschaltet.

Frau Borgmeier, die Frau, die auf Jonna aufgepasst hatte, kam aus dem Wohnraum. »So, wieder zurück, Herr Frohnberg?«, sagte sie. »War viel los in der Stadt?«

»Nein, eigentlich nicht«, antwortete Frohnberg.

Dann sagte Frau Borgmeier: »Ach, Herr Frohnberg, es ist ein Brief für Sie gekommen.«

»Ist er unter persönlich gespeichert?«, fragte Frohnberg.

»Nein«, antwortete Frau Borgmeier. »Es ist ein richtiger Papierbrief, in einem Umschlag. Jemand von der Post hat ihn vorbeigebracht.«

»Ach so.« Frohnberg war überrascht. »Haben Sie Gebühren bezahlen müssen?«

»Nein, die Gebühren waren schon bezahlt. Ich habe ihn im Wohnzimmer auf den Tisch gelegt.«

Frohnberg ging an seiner Tochter vorbei. Er sagte: »Na, Jonna, du verstehst wieder einmal alles, was deine Mutter erzählt?«

»Nöh«, sagte Jonna und sah weiter auf das Beamer-Bild.

Frohnberg nahm den Brief vom Tisch. Frau Borgmeier fragte von der Wohnraumtür her: »Dann kann ich jetzt gehen, Herr Frohnberg?«

»Ja, Frau Borgmeier, vielen Dank! Sie notieren ja die Stunden, nicht wahr?«

Frohnberg brachte die Frau noch zur Haustür. Dann öffnet er, noch im Flur, den Brief.

›Lieber Stefan‹, stand da. ›Du wirst sicherlich überrascht sein, dass du nach so langer Zeit wieder von mir hörst. Ich schreibe dir heute, um dich zu fragen, ob wir uns noch einmal sehen können. Ich habe hier noch zwei Wochen zu leben, und ich kann dich in dieser Zeit leider nicht besuchen. Du müsstest also hierher kommen. In diese Parzelle, in der ich lebe. Wenn du kommst, lass es mich vorher wissen. TP 07-422-802. – Christian.‹ Es folgte noch: ›P. S. Ich bin körperlich völlig in Ordnung. Du brauchst dich nicht auf einen Krankenbesuch einzurichten.‹

Auf dem Briefbogen stand, oben links, der Absender: Christian Kuntzeler, Parzelle Wilsede, 29646 Oberhaverbeck.

»Was ist das, Papa?«

»Ein Brief«, antwortete Frohnberg und sah auf das Bild an der Wand, wo seine Frau gerade in einer Großaufnahme gezeigt wurde.

»Warum hat ein Mann den Brief gebracht?«, fragte Jonna weiter. Sie wippte auf den Zehenspitzen und sah weiter auf das Beamerbild an der Wand.

»Ich weiß es nicht. Vielleicht weil der, der ihn geschrieben hat, keinen Computer hat.«

»Wer hat den Brief geschickt?«

»Einer, mit dem ich zur Schule gegangen bin«, sagte Frohnberg.

Frohnberg nahm die Fernbedienung und tippte die Buchstaben ein. Auf der Wand erschien die Kurzinformation: Wilsede. Ältester deutscher Naturschutzpark. Lage: Lüneburger Heide. 53° 10' 4" N, 9° 56' 21" O | Höchste Erhebung: Wilseder Berg, 169 m über NN.

Weitere Verweisangaben folgten. Frohnberg berührte den Link, und auf der Wand stand jetzt:

Parzelle Wilsede. Drogenparzelle. Genehmigung vom 21.07.20.. | ca. 400–500 Bewohner. Weitere Daten nicht freigegeben (§ 42, 1c. Parz.ges.). | Besonderheit: Lichtturm von Hans Martin Nickel.

Ein vergrößertes Bild von diesem Lichtturm konnte man über einen anderen Link abrufen. Auf der Wand erschien ein Gebilde, das aus vielen parallel in den Himmel hinauf weisenden Lichtstrichen bestand. Die Laserstrahlen, die sich scharf vom nächtlichen schwarzen Hintergrund abhoben, waren gelb, fast weiß.

»Ich habe einen Brief bekommen«, sagte Frohnberg zu seiner Frau. »Christian Kuntzeler – ich bin mit ihm zur Schule gegangen. Er hat mich eingeladen. Er lebt in einer Parzelle. In Wilsede.«

»Was für eine Parzelle?«, fragte seine Frau. »Religiös?«

»Nein, eine Drogenparzelle«, sagte Frohnberg.

»Und dort sollst du ihn besuchen?«

»Ja, er schreibt, dass er nur noch zwei Wochen zu leben hat. Er möchte, dass wir uns noch einmal sehen.«

»Wo liegt denn dieses – wie heißt die Parzelle?«

»Wilsede. Irgendwo in der Lüneburger Heide.«

»Und dieser – Kuntzeler? Der stirbt, weil er zu viel von dem Zeug genommen hat?«

»Ich weiß nicht. Er schreibt, dass er nicht krank ist. Was das mit den zwei Wochen bedeutet, hat er nicht geschrieben.«

»Vielleicht bringen sie sich eines Tages selbst um, wenn sie genug haben. Fährst du hin?«

»Ich weiß nicht«, antwortete Frohnberg. »Ich glaube nicht. Ich habe Kuntzeler seit dem Abitur nicht mehr gesehen. Wir waren auch nicht irgendwie näher bekannt oder befreundet. Keine Ahnung, warum er ausgerechnet mich eingeladen hat.«

Nach dem Abendessen sagte Hammerschmidt: »Also ich an deiner Stelle, ich würde fahren.«

Er sah Helga Meinert, Frohnbergs Frau, an und lächelte, als wollte er sagen, dass Frohnberg ja sowieso nicht fahren werde und dass er also nur so tue, als ermuntere er ihn, Christian Kuntzeler zu besuchen. Und selbstverständlich, so sagte dieses Lächeln, würde er, Hammerschmidt, eine solche Einladung nie annehmen.

Laura Hammerschmidt verstand das Lächeln ihres Mannes nicht »Du würdest fahren?! Für dich ist doch schon die Fahrt nach Bensberg eine Weltreise!«

Hammerschmidt sah seine Frau für einen Augenblick irritiert an. Dann lächelte er wieder. »Wieso? In so eine Parzelle kommt keiner einfach so hinein, und wenn einer etwas weiß, kommt er nicht wieder heraus. Wenn ich sicher wäre, dass ich nach vierzehn Tagen wieder gehen könnte …?«

Sie diskutierten dieses Thema weiter, und Martin Hammerschmidt vertrat die Auffassung, die Parzellen seien in der Vergangenheit absolut notwendig gewesen und gegenwärtig seien sie notwendiger denn je. »Die vielen jungen Leute, warum sind die denn heute alle vernünftig? Weil sie unvernünftig sein könnten. Nur – dann müssen sie auch die Konsequenzen tragen.«

»Die Parzellen haben doch nichts geändert«, wandte Helga Meinert ein. »Vor zehn Jahren, da haben wir vielleicht noch geglaubt, dass alles anders wird. Wenn jeder, der etwas Neues will, auch die Chance erhält, es zu verwirklichen. Heute leben einige in den Parzellen, verehren Buddha oder Christus oder spritzen sich Morphium, soviel sie wollen. Na und? Du und ich, wir gehen zur Arbeit, sitzen am Abend in unserem Heimkino oder gehen zum Bowling – von den Parzellen hören wir nichts. Wir wissen überhaupt nicht mehr, dass es sie gibt. Wilsede – ich habe heute Nachmittag noch gar nicht gewusst, wo das liegt und was die, die dort leben, machen.«

Hammerschmidt meinte, das sei gut so. Die Parzellen müssten selbstverständlich sein. Aber jeder wisse, dass es sie gibt. »Unser Jürgen«, sagte er dann, »der ist jetzt vierzehn. Wenn der zum Beispiel in zwei, drei Jahren kommt und sagt ›Ich will nicht mehr zur Schule‹, dann sage ich: ›Gut, was willst du? Wenn du nicht mehr arbeiten willst, dann kannst du ja in eine Parzelle gehen. Du hast es dann nur nicht mehr so bequem wie jetzt.‹«

»Du bist ja wohl verrückt!«, sagte Laura Hammerschmidt. »Der Jürgen geht doch gern zur Schule!«

»Doch nur mal angenommen«, sagte Hammerschmidt.

»Ach was! Du würdest doch versuchen, euren Jürgen mit aller Gewalt von den Parzellen abzuhalten. Du würdest ihm erst einmal ausmalen, wie schrecklich es da ist. Obwohl wir über die Parzellen überhaupt nichts wissen. Du würdest ihm schließlich sagen, dass er es hier gut hat und dass die Schule ja auch vorbeigeht.« Helga Meinert lachte und trank ihr Glas leer.

»Ja, natürlich! Ich würde ihn nicht einfach in irgendeine Parzelle schicken. Aber wenn er volljährig ist, kann ich sowieso nichts mehr machen. Wenn er glaubt, dass er nur so glücklich wird …«

Am Ende des Abends, als Martin und Laura Hammerschmidt kurz vor ein Uhr gingen, fragte Hammerschmidt: »Und jetzt? Fährst du da hin?«

»Ich weiß noch nicht«, antwortete Frohnberg. »Mal sehen.«

Am Mittwoch der folgenden Woche suchte Stefan Frohnberg im Keller nach einer Partitur, und er stieß dabei auf ein in braunes Packpapier eingeschlagenes Päckchen. Er erwartete nicht, dass dieses Päckchen die gesuchte Partitur enthielt. Als er es trotzdem öffnete, lag da nicht nur die Partitur. Zwischen den Notenblättern, als eine Art Lesezeichen, steckte auch eine Postkarte. Auf dieser Karte war eine weite, sandige Ebene abgebildet, und aus der weiten Wüstenfläche ragten, entfernt am Horizont, rote Felsen auf. Frohnberg drehte die Karte um und sah, dass sie von Christian Kuntzeler stammte. ›Lieber Stefan‹, hatte Kuntzeler geschrieben, ›die Indianer erzählen, dass dort hinten bei den Felsen die Wunder wohnen.‹

Jetzt erst erinnerte sich Frohnberg daran, dass er diese Karte ein oder zwei Jahre nach dem Abitur bekommen hatte. Er hatte damals in Hamburg studiert, und sein Vater hatte ihm am Telefon gesagt, aus Amerika sei eine Ansichtskarte gekommen, von einem Christian.

Am darauffolgenden Tag wählte Frohnberg die Nummer an, die Christian Kuntzeler ihm in seinem Brief geschrieben hatte. Er teilte mit, dass er am Sonntag nach Wilsede kommen werde. Er hatte sich bereits eine Zugverbindung ausdrucken lassen. Von Hannover aus fuhr ein Bus, der um zwölf Uhr dreißig in Wintermoor, der Busstation in der Nahe von Wilsede, eintraf. Die Ankunftszeit des Busses hatte er ebenfalls durchgegeben, und auch, dass er in Wintermoor einen Stadtwagen mieten wollte. Die Antwort aus Wilsede kam umgehend. Er werde in Wintermoor an der Bushaltestelle abgeholt, stand da. Dieser Text war ohne Unterschrift und ohne einen Hinweis auf den Absender.

Die Ankunft

Der junge Mann, der Frohnberg an der Bushaltestelle erwartete, hieß Gert Mellert. Sie fuhren nicht direkt nach Wilsede, sondern bogen vorher links ab. Auf der Fahrt durch den Naturschutzpark waren ihnen Pferdekutschen entgegengekommen, und Mellert hatte erklärt, hier, zwischen Niederhaverbeck und Wilsede, dürfe man den Wagen nur benutzen, wenn man eine Sondererlaubnis habe.

»Dort!« Gert Mellert lachte und wies mit der Hand nach rechts. »Das ist der Wilseder Berg.«

Dieser ›Berg‹ war ein flach ansteigender Hügel, der von Heidekrautfeldern überzogen war.

Mellert fuhr langsam weiter, und sie schwiegen eine Zeit lang. »Christian hat mir geschrieben, dass er nur noch vierzehn Tage zu leben hat – jetzt also noch eine Woche«, sagte Frohnberg dann. »Und er hat auch geschrieben, dass er nicht krank ist. Warum glaubt er, dass er sterben wird?«

»Nein, er stirbt nicht«, antwortete Mellert. »Er geht einfach.«

Frohnberg verstand nicht, was Mellert ihm da sagen wollte. Für Mellert schien die Tatsache, dass Kuntzeler die Parzelle verließ, irgendetwas Geheimnisvolles zu sein. Vielleicht nicht das Ende des Lebens, aber das Ende eines Lebens. Und Kuntzeler selbst hatte ja auch geschrieben, dass er noch vierzehn Tage zu leben habe. Er hatte nicht gesagt, dass er sterben werde. Mellert redete so, als ob das nicht das Gleiche sei, nicht mehr leben und sterben. Was war der Unterschied?

Frohnberg wollte nicht weiterfragen und schwieg deshalb wieder. Nach einer Weile erklärte Mellert, dass sie jetzt die Grenzlinie passierten. Der Weg führe durch eine Art Niemandsland, und dieses Gebiet werde überwacht. Mellert sprach, als ob es darum ging, jemandem den Wert einer Vergünstigung zu erklären. ›In unsere Parzelle kommt noch lange nicht jeder‹, schien er sagen zu wollen. Frohnberg schwieg und betrachtete die Umgebung, die ihm seltsam durchsichtig vorkam.

Sie erreichten die Baumgruppe, und der Weg machte eine Biegung nach rechts.

»Dort ist die Grenze der Parzelle«, sagte Mellert und zeigte auf eine Reihe goldfarbener Würfel von ungefähr einem Meter Kantenlänge. Die Würfel standen in einem Abstand von etwazwanzig Metern zwischen dem Heidekraut. »Im Innern der Würfel sind Kristalle, die den Laserstrahl senkrecht nach oben lenken.«

»Sind es nicht viele Strahlen?«, fragte Frohnberg.

»Nein, es ist nur ein einziger Laserstrahl«, antwortete Mellert. »Er wird für Sekundenbruchteile abgeschaltet und auf den nächsten Kristall weitergeleitet. Das geht so schnell, dass man glaubt, es seien viele einzelne Strahlen.«

Der Weg war ein wenig abschüssig, und sie fuhren auf die Stelle zu, an der er zwischen zwei Blöcken hindurchführte. Es war nichts Besonderes zu erkennen. Dann, nach einer weiteren leichten Kurve nach rechts, kamen zwei Baumgruppen, und es tauchten Häuser auf. Die Häuser standen wie aufgereiht in gleichen Abständen nebeneinander.

Mellert hielt den Wagen vor dem ersten Haus an, das, wie er sagte, das ›Gästehaus‹ war. Bei dieser Gelegenheit sagte er, dass Handys in der Parzelle verboten waren. Sie funktionierten auch gar nicht.

Frohnberg überlegte, wozu man in einer Parzelle denn ein Gästehaus brauchte. Wenn doch niemand in die Parzelle hineindurfte, der nicht hierher gehörte. Er fragte aber nicht nach, sondern folgte Mellert, der den Koffer trug und voranging. Sie kamen, als sie in das Haus hineingingen, zuerst in einen kleinen Raum, eine Art Flur. Dann traten sie in ein Zimmer, das, seinen Abmessungen nach zu schließen, der Hauptraum des Hauses war. Das Zimmer war einfach eingerichtet. In der hinteren linken Ecke stand ein Bett und daneben ein ziemlich hohes, leeres Regal, das fast bis zum Fenster reichte. In der rechten hinteren Ecke befand sich ein Tisch mit zwei Stühlen. Vor dem Fenster war eine Holzplatte an der Wand befestigt, davor stand ebenfalls ein Stuhl. An der rechten Wand war eine Öffnung, ein in die Wand eingelassener offener Kamin. Der Fußboden bestand aus großen, dunkelbraunen Fliesen, und auf den Fliesen lag ein kurzfloriger, heller Teppich, der fast die gesamte Bodenfläche bedeckte.

Der Raum war kahl. Es gab kein einziges technisches Gerät, weder einen Beamer noch einen Radioapparat, und an dem grob weiß verputzten Wänden hing kein Bild.

Mellert zeigte Frohnberg die anderen Räume, eine kleine Küche, eine Dusche, den Wandschrank, dann ging er, um den Wagen wegzubringen und Christian Bescheid zu sagen.

Als Mellert gegangen war, trat Frohnberg zum Fenster und sah hinaus. Er sah nur eine weite Fläche, die mit gelblich bleichem Gras bewachsen war. In einer Entfernung von vielleicht fünfzig Metern standen zwei Birken. Frohnberg starrte auf das Gras und überlegte, wie dieses merkwürdige Gefühl zu beschreiben war, das er verspürte, seit sie die Grenzlinie zur Parzelle passiert hatten.

Es war eine kalte Unzufriedenheit in ihm. Er wartete auf etwas. Dann konnte er, einen Augenblick lang, alles sehen. Die Zukunft, und alles, was er während seines Lebens noch tun musste. Im nächsten Moment verschwand dieses Bild wieder. Die Zeit, die es in Frohnbergs Bewusstsein bestanden hatte, war so kurz, dass das Gedächtnis nichts von dem, was er gesehen hatte, aufbewahren konnte.

Frohnberg wandte sich um, ging zu dem Einbauschrank, der in die dem Fenster gegenüberliegende Wand eingelassen war, und begann seinen Koffer auszupacken. Als er damit fertig war, legte er sich auf das Bett und wartete. Mellert blieb länger als erwartet fort. Als er nach einer halben Stunde wiederkam, war er allein. Christian könne heute leider nicht kommen, sagte er.

Als Frohnberg erstaunt fragte: »Und warum kann er nicht kommen? Soll ich zu ihm gehen?«, antwortete Mellert: »Nein, das können Sie nicht. Christian lebt im ersten Bezirk.« Er bemerkte gleich, dass Frohnberg nicht wusste, was das zu bedeuten hatte. »Ach so, ja, das muss ich Ihnen erklären. Die Parzelle ist in vier Bezirke eingeteilt. Wenn man ankommt, lebt man für einige Zeit im vierten Bezirk. Anschließend, wenn man sich eingewöhnt hat, wechselt man in den dritten und anschließend in den zweiten Bezirk. Am Ende, bevor man die Parzelle verlässt, lebt man im ersten Bezirk.«

Mellert erklärte weiter, was es mit dieser Einteilung in Bezirke auf sich hatte. Alle, die hier lebten, nahmen die gleiche Droge, und die Dosis, die jeder pro Tag nahm, bestimmte den Bezirk, in dem er lebte. Die Bewohner im vierten Bezirk nahmen nur ganz wenig. Am meisten nahmen diejenigen, die im zweiten Bezirk lebten. Wer sich im ersten Bezirk aufhielt, brauchte den Stoff nicht mehr. Der Rausch – Frohnberg stellte sich jedenfalls vor, dass es um eine Art Rausch ging – hielt dann an und steigerte sich bis zu dem Punkt, an dem derjenige, der im ersten Bezirk lebte, sich ›verabschiedete‹.

Kuntzeler wohnte jetzt in einem besonderen Haus, das sich weiter im Inneren der Parzelle befand. Mellert erklärte, sie könnten zu diesem Haus hingehen, wenn sie wollten. Allerdings – das Haus habe keinen Eingang. In das Haus hineinzugehen sei also unmöglich.

Als sie dann vor dem Haus standen, zeigte es sich, dass es nicht nur keinen Eingang hatte. Es hatte auch keine Fenster. Wie die anderen Häuser hatte es ein Flachdach und weiße, glatte Wände. Da in den Außenmauern aber weder eine Tür noch Fenster zu sehen waren, wirkte es wie ein massiver, innen ausgefüllter Block.

›Das ist ein großer Stein, den sie weiß angestrichen haben‹,sagte Frohnberg zu sich selbst. Im nächsten Moment kam ihm dieser Gedanke seltsam unsinnig vor.

»Und wie ist Kuntzeler da hineingekommen?«, fragte er Mellert.

»Durch einen unterirdischen Gang«, sagte Mellert. »Man steigt vorne in der Bibliothek eine Treppe hinunter und kann dann in dem Gang bis zu dem Haus gehen.« Nach einer Weile fügte er hinzu: »Das Haus hier ist erst später gebaut worden. Als die Parzelle gegründet worden ist, hat es nur die Häuser da vorne gegeben. Sechs oder sieben Jahre später ist dann einer, der in den ersten Bezirk gegangen war, darauf gekommen. Nach seinen Angaben hat man dann dieses Haus und den unterirdischen Gang angelegt.«

»Waren Sie vorhin bei Christian und haben ihm gesagt, dass ich hier bin?«, fragte Frohnberg weiter.

Mellert antwortete: »Das können Sie nicht wissen. Wer im ersten Bezirk lebt, hat keinen direkten Kontakt mehr mit den anderen. Vorhin habe ich mit Christian telefoniert.«

»Telefoniert?!« Frohnberg lachte. Der Gedanke, dass sich da jemand auf sein ›Weggehen‹ vorbereitete und angerufen wurde, erheiterte ihn.

Er war selber erstaunt. Er musste sich sehr bemühen, wieder ernst zu werden.

»Ja«, meinte Mellert, »Es ist ein ganz alter Apparat aus dem letzten Jahrhundert.«

Mellert schien keine Lust mehr zu haben, immer nur auf Fragen zu antworten. Er schwieg und schien darauf zuwarten, dass Frohnberg Anstalten machte zurückzugehen. »Sie müssen entschuldigen, wenn ich Ihnen ein Loch in den Bauch frage«, sagte Frohnberg. »Aber ich weiß ja überhaupt nichts. Beispielsweise – wie lange ist Kuntzeler schon in diesem Haus?«

»Seit drei Wochen«, antwortete Mellert. »Und seit dieser Zeit isst und trinkt er auch nicht mehr.«

»Aber er muss doch etwas zu sich nehmen! Ich meine, vielleicht kann er sich, in dem fortgeschrittenen Seelenzustand, in dem er ja sein mag, zum Hungerkünstler entwickeln. Aber er kann doch nicht ohne Wasser auskommen!«

Mellert wandte den Blick von einem Wacholderstrauch, den er die ganze Zeit über angesehen hatte. Er lächelte nachsichtig. »Es gibt hier vieles, das Sie sich vermutlich nicht vorstellen können. Wenn es nicht so wäre, wozu brauchten wir dann die Parzelle?«

Am Abend dieses Tages holte Gert Mellert Frohnberg ab, und sie gingen zu einem Haus, in dem sich zwei große Speisesäle befanden. Während sie aßen, fragte Frohnberg, ob denn alle Bewohner der Parzelle hier versorgt würden. Es stellte sich heraus, dass die Parzelle nur von etwa hundert Menschen bewohnt wurde. Am Anfang, sagte Mellert, ja, am Anfang seien es fast fünfhundert gewesen, die hier begonnen hätten. Aber dann, nach drei, vier Jahren, seien weniger als zweihundert zurückgeblieben. Und nun seien schon seit Jahren immer ungefähr hundert Leute hier.

Als sie gegessen hatten, schlug Mellert vor, sie sollten in die Bar gehen. Frohnberg war einverstanden. Sie gingen einige Häuser weiter, und die ›Bar‹ war dann ein kleiner, halbdunkler Raum mit vereinzelt stehenden Tischchen.

»Um diese Zeit sind noch nicht viele hier«, sagte Mellert. »Die meisten kommen später.«

Sie setzten sich an einen der Tische, Mellert holte für Frohnberg ein Bier vom Ausschank und trank selbst Orangensaft. Als Frohnberg sich umsah, fiel ihm auf, dass die, die an den anderen Tischen saßen, sich kaum von Menschen außerhalb der Parzelle unterschieden. Schon in dem Speisesaal war ihm das aufgefallen. Er hatte, als er nach Wilsede gefahren war, nicht unbedingt erwartet, dass die, die hier lebten, wilde, exotisch gekleidete Gestalten sein würden. Jetzt aber sagte er sich, dass das doch erstaunlich war – diese Leute, die in der Parzelle ihr Leben verbrachten, waren nach außen hin überhaupt nicht auffällig. Im Gegenteil, wenn es überhaupt etwas gab, das sie von denen, die draußen lebten, unterschied, dann war es eine gewisse strenge Ordentlichkeit. Alle trugen sie Kleider, die zwar ein wenig altmodisch wirkten, aber wie frisch gewaschen aussahen.

Ein Mann kam herein. Er sah sich um, lächelte und ging dann zur Theke und ließ sich ein Bier einschenken. Mellert wies Frohnberg auf den Mann hin: »Das ist Michael Sänger, ein Freund von Christian. Er kann Ihnen vielleicht mehr sagen als ich.« Mellert war offensichtlich froh, dass er nicht mehr allein die Fremdenführerrolle spielen musste.

Mit dem Bierglas in der Hand hatte sich der Mann an der Theke umgedreht. Als er Frohnberg und Mellert sah, ging er auf den Tisch zu, an dem die beiden saßen.

»Darf ich mich setzen?«, fragte der Mann.

Frohnberg wunderte sich. Die Frage war wieder so konventionell. In irgendeinem Gasthaus draußen hätte er genauso fragen können, wenn er an einen Tisch trat.

»Ja, bitte«, antwortete Frohnberg.

»Christian hat mir erzählt, dass Sie kommen. Haben Sie ihn schon gesehen?«

»Nein«, antwortete Frohnberg. »Er ist ja in diesem Haus.«

»Im ersten Bezirk?« Der Mann sagte das so, als ob er sich gerade erst wieder daran erinnerte, dass Kuntzeler in diesem Haus war. »Ach ja. Jaja.«

Es war eine merkwürdige Situation entstanden. Mellert schien sich jetzt, da dieser Michael Sänger an ihrem Tisch saß, von seinen Aufgaben als Auskunftsperson entbunden zu fühlen, und Sänger schwieg und sah stumm vor sich hin.

Nachdem er einige Zeit so dagesessen hatte, fragte Sänger: »Wissen Sie, warum Christian Sie eingeladen hat?«

Erst nachdem er die Frage gestellt hatte, sah Sänger – er war ein ruhiger, schwerer Mann – Frohnberg an. Sänger war nicht alt und nicht jung. Frohnberg schätzte, dass Kuntzeler, Sänger und er selbst ungefähr im gleichen Alter waren.

»Nein«, sagte Frohnberg. »Ich habe keine Ahnung. Er hat mir nur geschrieben, dass er nicht mehr lange zu leben hat.«

»Ach so. Und deshalb sind Sie hergekommen?«

»Ich weiß nicht. Nein, eigentlich nicht. Es war wohl vor allem, weil es mich interessiert hat, wie es hier so aussieht. Außerdem wollte ich Christian einfach sehen. Es ist ja nicht so häufig, dass man die, mit denen man zur Schule gegangen ist, wiedersieht.«

»Hm, ja, das stimmt.« Sänger nahm wieder einen Schluck.

Es war tatsächlich eine merkwürdige Unterhaltung. Mellert saß stumm da, und Sänger schien keine Lust zu haben, über Christian Kuntzeler zu sprechen. Um so erstaunter war Frohnberg dann, als Sänger, nachdem er sein Glas ausgetrunken und sich ein zweites an der Theke geholt hatte, plötzlich sagte: »Sie müssen sich hier ja ziemlich komisch vorkommen. Christian lädt Sie ein und lässt sich nicht blicken. Sie haben sich vermutlich vorgestellt, dass es hier bei uns viel seltsamer aussieht, und Gert hat Ihnen auch nicht viel erzählen können, oder? Ich kann mir denken, dass Sie es schon bereuen. Ich meine: dass Sie bereuen, dass Sie hergekommen sind.«

»Wohin, mein Sohn, treibt die Welt?« Der alte, weißhaarige Mann strich über seinen langen Bart, der aus spröden Fasern gemacht war. Dennoch war kein Zweifel daran, dass dieser lange weiße Bart echt war und aus dem Gesicht des Alten herauswuchs.

»Siehst du dort diesen Punkt, mein Sohn? Ja? Gut. Sag mir: Wohin treibt dieser Punkt?«

Er starrte auf die Fläche, auf der viele Tausend flimmernde Punkte durcheinanderwirbelten, und er sagte sich, dass das eine Projektion sein musste. Ein Beamer, der auf Außenantenne geschaltet war und keinen Sender empfing. Er verstand nicht viel von dieser Technik, aber es war doch so – dieses Flimmern entstand, weil die Hintergrundstrahlung des Weltraums auf die Außenantenne herabfiel.

»Weißt du die Antwort nicht, mein Sohn?«, fragte der Alte.

Woher sollte er die Antwort wissen, wenn er nicht einmal wusste, welcher Punkt gemeint war? Und selbst wenn er es gewusst hätte – die Punkte schossen doch in einem wirren Gekräusel durcheinander. Es war unmöglich, einen der Punkte auch nur für eine Sekunde im Auge zu behalten. »Nein«, antwortete er, und er wollte hinzufügen: ›Ich weiß nicht, welcher Punkt gemeint ist.‹ Aber gerade in diesem Augenblick verschwand das Geflimmer, und auf der Wand war nur noch ein einziger dunkler Punkt zu sehen. Und jetzt begann er, sich zu bewegen. Er wuchs, dieser Punkt! Er wurde größer, immer größer! Jetzt hatte er die Größe einer Hand, und gleich – ja, jetzt hatte er bereits einen Durchmesser von einem – von zwei Metern! Und – er war auch nicht mehr auf der projizierten Fläche, sondern er stand im Raum, und er wuchs zu einer Kugel, wölbte sich, dehnte sich, wurde zu einem riesigen Ballon. Die Stimme des Alten fragte: »Und du weißt immer noch nicht, wohin dieser Punkt treibt, mein Sohn?«

Er wollte schreien. Er wollte es hinausschreien, dass er nun wusste, wohin dieser Punkt trieb, denn er sah, dass die Kugel auf ihn zuwuchs. Er wusste plötzlich, dass diese Kugel, wenn sie ihn erreichte, unendlich groß sein würde. Und sie trieb auf ihn zu. Er verstand auch, dass er, wenn dieser Punkt, diese Kugel ihn erreichte – dass er dann nicht mehr sein würde als ein Staubkorn, und kleiner, viel kleiner als ein Staubkorn würde er sein. Er war, wenn diese Kugel ihn erreichte, ein Nichts, das, wenn die Kugel es berührte, verlöschen musste. So gründlich und vollständig würde ihn die Kugel auslöschen, dass es ihn, kaum dass er in die Kugel hinein verschwunden war, niemals gegeben haben würde. Und er schrie, schrie aus Leibeskräften – wollte schreien: ›Sie treibt auf mich zu!‹ Da aber berührte ihn die unendlich große Kugel.

Frohnberg erwachte und spürte, dass die Angst bereits ein Stück weit von ihm gewichen war. Während er noch geträumt hatte, war ihm wohl bewusst geworden, dass er träumte, und er hatte gespürt, dass er aufwachen musste. Jetzt lag er da und ordnete seine Gedanken. Das war ein merkwürdiger Traum gewesen. Er erinnerte sich nicht, dass er jemals vorher solch wirres Zeug geträumt hatte. Es fiel ihm ein, dass er in der Parzelle war. Er fragte sich, ob die Tatsache, dass er hier war, etwas mit dem zu tun hatte, was er eben im Schlaf erlebt hatte. Nachdem er einige Zeit über diese Frage nachgedacht hatte, sagte er sich, dass es keine eindeutige Antwort geben konnte. Seltsame Träume gab es immer wieder. Die Angst, die er gerade noch so deutlich gespürt hatte, sie war weit, weit fort. Nur schlafen – er würde so schnell nicht wieder einschlafen können.

Frohnberg stand auf und ging in die kleine Küche. Im Kühlschrank fand er eine Flasche mit Orangensaft. Er öffnete die Flasche, nahm ein Glas aus einem Regal und schenkte sich ein. Er trank und dachte nach. Der Abend in dieser – Bar. Michael Sänger, der Mann, der an den Tisch gekommen war und begonnen hatte zu erzählen.

»Sagen Sie ehrlich: Kommt es Ihnen nicht seltsam vor, dass Sie heute Abend hier sitzen?«

Er hatte die Schultern gezuckt. Natürlich war es merkwürdig, wenn man aus einer Stadt wegfuhr und am Abend desselben Tages in einer Parzelle saß.

Sänger lachte: »Hat Ihnen Gert denn schon so einiges erzählt?«

Er antwortete, dass sie bei dem Haus gewesen seien, in dem Christian jetzt lebe, und Mellert – dass er ihm von den verschiedenen Bezirken erzählt habe. Später dann, als er mit Gert Mellert zu seinem Haus zurückgegangen war, hatte Mellert ihm gesagt, dass dieser Michael Sänger im zweiten Bezirk lebte. Er war also einer, der die Parzelle kannte.

»Verstehen Sie etwas von Chemie?«

»Überhaupt nichts.«

»Von unserem Stoff hatGert Ihnen sicher berichtet, nicht wahr? Hat er Ihnen erzählt, woraus er besteht?«

»Nein.«

»Wir sind nach ein paar Jahren darauf gestoßen. Es ist eine Verbindung, die im Gehirn eines jeden Menschen in Spuren vorkommt. ›Körpereigene Halluzinogene‹ – haben Sie schon einmal davon gehört?«

Gehört hatte er davon. Irgendwann hat er eine Fernsehsendung über dieses Thema gesehen – kleine Mengen eines Stoffes mit dem Kürzel DMT, die in Extremsituationen ihre Wirkung taten. Aber er verstand nichts von solchen Dingen. In der Schule hatte er sich mit Musik und nicht mit Chemie beschäftigt.

»Wir hatten einige Leute hier, die etwas von Chemie verstanden. Wir haben uns hier in der Parzelle informiert, was sich draußen, bei den Pharmazeuten zum Beispiel so alles getan hat in den letzten dreißig Jahren. Sie wissen es vielleicht nicht, aber die Schmerzmittel, die es heute überall in den Apotheken zu kaufen gibt, sind nicht mehr die gleichen wie die, die Ihre Eltern genommen haben. Man hat entdeckt, dass es Moleküle gibt, die auch im Gehirn der höheren Lebewesen natürlich vorkommen. Man kann also den Schmerz sozusagen auf normale Art und Weise stoppen. Und man kann auch die Fantasie der Menschen anregen. Haben Sie das gewusst? Alle diese Substanzen sind draußen, kaum dass man sie entdeckt hatte, unter die Bestimmungen der Drogengesetze gefallen. Es waren einfach Halluzinogene, Drogen, Gifte – Rauschgifte. Wir waren die Einzigen, die wirklich mit all diesen Stoffen experimentieren konnten. Wir haben sie ausprobiert, und wir wussten bald, dass einer dieser neuen Stoffe etwas ganz Besonderes ist. Kreativität, Fantasie, das sind schwache Ausdrücke. Es sind Begriffe, die in gewissem Sinne auch falsch sind. Nehmen wir einmal an, Sie müssten jemandem, der in der Steinzeit lebt, erklären, was ein Beamer ist und wie er funktioniert. Und Sie zeichnen ein Bild in den Sand und sagen: ›Bilder – solche Bilder erscheinen dann an der Wand. Sie können übertragen werden, von einem Ort zum anderen. Über eine dünne, gläserne Faser.‹ Ihr Steinzeitmensch weiß nicht, was ein Beamer ist, bloß weil er dieses Bild im Sand gesehen hat. Und die, die wissen, dass es die normale Fantasie gibt, die begreifen nicht, dass es eine totale, eine alle normale Vorstellung übersteigende Einbildungskraft gibt.«

Er hatte gefragt: »Kann man denn nicht erklären oder wenigstens andeuten, worin der Unterschied zwischen der normalen Fantasie und diesem neuen – Zustand besteht?«

»Andeuten? Doch, ja, andeuten kann man es«, hatte Sänger geantwortet. »Sie sind gewohnt anzunehmen, dass Drogen das Bewusstsein verändern. In Wirklichkeit aber ist es so, dass die Fantasie es ist, die die Wirkung der Drogen bestimmt. So ist es wirklich! Sie schlagen sich mit einem Hammer auf den Daumen, und es ist nicht der Hammer, der die Schmerzen verursacht, sondern die Schmerzen sind es, die bewirken, dass es den Hammer gibt.«

»Sagen Sie ehrlich: Kommt es Ihnen nicht seltsam vor, dass Sie heute Abend hier sitzen?«

Frohnberg lauschte in die Stille, und er meinte, die Stimme von Sänger noch zu hören. Doch, ja, es war merkwürdig. Heute Morgen noch hatte er sich in seiner vertrauten Umgebung befunden. Und jetzt? Dass es hier, mitten in Deutschland, dieses Gebiet, diese Parzelle gab, das hatte er gewusst. Es gab viele Parzellen. Aber nun – was für ein seltsames Gefühl! Diese Stille eines kleinen, ausgegrenzten Stück Landes mitten in der Heide. Nirgendwo das Geräusch von Maschinen, keine Autos auf einer nahen Straße.

»Was machen Sie morgen?«, hatte Sänger gefragt, und er hatte geantwortet – was sollte er schon sagen? Er wollte Kuntzeler treffen. Deshalb war er hier.

»Es kann sein, dass Sie Christian morgen auch nicht sehen können. Wenn man sich im ersten Bezirk aufhält, lassen sich die Dinge nicht so genau planen. Also, wenn Christian morgen nicht herauskommt, dann könnten Sie in die Bibliothek gehen.«

Eine Bibliothek? Frohnberg bemerkte, dass er dieses Wort schon lange nicht mehr gehört hatte. Wozu brauchte man eine Bibliothek, wenn es doch kaum noch Bücher aus Papier gab?

Es war still hier. Frohnberg fragte sich, ob es möglich war, dass man, wenn man die normalen nächtlichen Geräusche gewöhnt war, nicht schlafen konnte, wenn es zu still war. Vielleicht auch, dass diese ungewohnte Ruhe den Traum vorhin verursacht hatte.

Er ging in den Hauptraum zurück und legte sich auf das Bett. Die Arme hinter dem Kopf verschränkt, überlegte er, was Christian Kuntzeler einst bewogen haben mochte, in diese Parzelle zu gehen. Er versuchte, sich an die Zeit zu erinnern. Damals, vor fünfzehn, sechzehn Jahren … War er eigentlich mit Kuntzeler befreundet gewesen?

Seine Erinnerungen blieben blass und ungenau. Er hatte sich manchmal mit Kuntzeler getroffen, und sie hatten sich über irgendwelche Alltagsprobleme unterhalten. Kuntzeler hatte mit seltsam starren Augen verlegen gelächelt. So, als ob etwas in ihm zerbrochen sei, das er nun verbergen musste. Er war sehr unsicher gewesen und hatte seine Unsicherheit hinter ironischer Blasiertheit zu verstecken versucht.

Bevor er einschlief, dachte Frohnberg: ›Nein, befreundet war ich mit Christian Kuntzeler nicht. Wir haben uns dann auch schnell aus den Augen verloren nach dem Abitur.‹

Die Parzellenbewegung

Am nächsten Morgen kam Mellert kurz vor neun Uhr, und sie frühstückten gemeinsam. Frohnberg fragte nach der Bibliothek, und Mellert ging mit ihm, als sie mit dem Frühstück zu Ende waren, an der Bar und den Speiseräumen vorbei zu einem großen Haus, bei dem zwei flache Etagen aufeinandergesetzt waren. Das war die Bibliothek.

Sie gingen in das Haus hinein. Frohnberg war überrascht, denn nachdem sie einen langen, schmalen Flur, der direkt hinter der Eingangstür begonnen hatte, entlanggegangen waren, kamen sie in einen weiten Raum. Da das Licht, das von den Fenstern her einfiel, das Innere dieses Saales nur wenig erhellte, lag das Zentrum der Bibliothek in einer weichen Dämmerung.

Mellert ging voran. Frohnberg folgte ihm und sah sich um. Obwohl es noch recht früh am Tag war, saßen an den Tischen, die zwischen den Bücherregalen aufgestellt waren, viele Menschen und lasen. Manche sahen, als sie vorbeigingen, kurz auf, die meisten aber ließen sich nicht stören, sondern blickten weiter in die Bücher und machten sich gelegentlich Notizen.

In der Mitte des Saales, eingerahmt von Regalen, die hufeisenförmig zusammengerückt standen, saß ein kleiner Mann an einem Schreibtisch. Mellert sprach leise mit ihm. »Das ist Herr Frohnberg. Er möchte sich in der Bibliothek umsehen.«

Der kleine Bibliothekar schien zu wissen, wer Frohnberg war. Er lächelte, und Frohnberg bemerkte erst jetzt, dass der Mann sehr alt sein musste. Sein Gesicht – es waren nicht nur die Falten, die diesen Eindruck hervorriefen, es waren vor allem die Augen. Sie waren blau, fast grau – helle, bleiche Augen, die zwischen schmalen, aufgefalteten Lidern lagen.

Mellert verabschiedete sich: »Der Bibliothekar wird Ihnen alles zeigen.« Er sagte nicht, wie der Bibliothekar hieß, und der stellte sieh auch nicht vor.

»Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte der Bibliothekar. Ganz so, als sei er ein Angestellter irgendeiner vergangenen öffentlichen Bibliothek. »Möchten Sie etwas Unterhaltendes lesen, oder wollen Sie sich über unsere Parzelle informieren.«

»Ich wundere mich gerade«, sagte Frohnberg, »dass Sie so viele Bücher aus Papier haben.«

»Wir sind hier in mancher Hinsicht eher konservativ«, sagte der Bibliothekar und lächelte. »Wir haben nur Bücher aus Papier und keine Lesegeräte. Wir lassen Bücher ausdrucken und stellen sie wie früher in Regale.«

Als Frohnberg sagte, dass er sich für die Geschichte dieser Parzelle und für die Geschichte der Parzellen überhaupt interessiere, stand der Bibliothekar auf. »Bitte, kommen Sie mit«, sagte er und ging zu der Seite, die, vom Platz am Schreibtisch aus gesehen, rechts an der Fensterseite lag.

»Hier in diesen beiden Regalen stehen Bücher, die von der Entstehung und der Geschichte der Parzellenbewegung ganz allgemein handeln. Und hier« – der kleine Mann ging um das Regal herum – »hier finden Sie Aufzeichnungen über unsere Parzelle. Sie können sich erst einmal alles in Ruhe ansehen. Das hier« – und er ging wieder zurück zu dem Regal, vor dem er zuerst stehen geblieben war – »sehen Sie, das ist ein Überblick, ganz knapp, und mit Abbildungen.«

Frohnberg bedankte sich und ging mit dem kleinen Buch in der Hand zu einem Tisch, der in der Nähe des Fensters stand.

Die Parzellenbewegung war in den USA entstanden, und sie war dort, kurz nach der Jahrhundertwende (die kaum einer eine Jahrtausendwende nennen wollte, damals nicht und auch heute nicht) mit einem konkreten Ereignis eingeleitet worden. Ein junger Rechtsanwalt namens Jerry L. Simmons, erfolgreich in seinem Beruf und nach seiner Freunde Meinung auf dem besten Weg, auch politisch Karriere zu machen, hatte bei dem für seinen Wohnort zuständigen Ordnungsamt formell um die Erlaubnis nachgesucht, eine größere Menge Heroin kaufen zu dürfen. In seiner Eingabe hatte Simmons darauf hingewiesen, dass er das Rauschgift ausschließlich für den eigenen Verbrauch erwerben wolle. Simmons war, wie er ausdrücklich betonte, weder süchtig noch hatte er bisher auch nur ein einziges Mal mit Rauschgift Kontakt gehabt.

Was immer Jerry L. Simmons bewogen haben mochte, diesen seltsamen Antrag zu stellen – die pure Publicitysucht war es, wie man schnell herausfinden konnte, mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gewesen. Nicht nur, dass Freunde und Bekannte von Simmons diesen als einen Mann schilderten, der nie danach getrachtet hatte, in irgendeiner Weise aufzufallen, Simmons mied auch, soweit dies möglich war, alle öffentlichen Auftritte. Allerdings, und auch das wies darauf hin, dass es Simmons nicht darum zu tun war, lediglich in die Schlagzeilen zu kommen: Er zog, nachdem sein Antrag abgelehnt worden war, vor Gericht und strengte einen Prozess an, den er natürlich verlor.

Als er dann, ungefähr ein Jahr, nachdem er den Antrag bei dem Ordnungsamt gestellt hatte, in die Berufung ging, wusste bereits ganz Amerika, was er wollte: Niemand könne ihm, so argumentierte Simmons, die freie Entscheidung über die Gestaltung seines Lebens absprechen. Schließlich lebe er in einem freien Land, er sei bisher nicht straffällig geworden und werde auch in Zukunft keine Straftaten begehen. Wenn er also, vollkommen freiwillig und klar wissend, was er tue, seinem Leben innerhalb eines Jahres ein Ende setzen und dazu Rauschgift verwenden wolle, so müsse das doch allein seine Angelegenheit sein. Es sei gesichert, dass er niemandem zur Last fallen werde, weder seinen Angehörigen noch staatlichen Stellen. Und Simmons konnte tatsächlich wohlgeordnete Vermögensverhältnisse nachweisen. Für eine gute Pflege würde sein Besitz, den er vor allem in Aktien und in Grundstücken angelegt hatte, auf jeden Fall ausreichen, und das, wenn die Ansprüche nicht zu hoch waren, über zehn Jahre und länger.

Simmons hatte, wie nicht anders zu erwarten, auch die Berufungsverhandlung verloren, als sich überall im Lande Menschen zusammenschlossen, um dafür zu demonstrieren, dass Simmons, wenn er es so wollte, das Heroin beziehen konnte.

Am Beginn dieser allgemeinen Bewegung sah es so aus, als ginge es nur um eine Sommermode, die bald von anderen Schlagzeilen verdrängt werden würde. Doch dann nahmen sich andere dieser Angelegenheit an und führten, wortreich und hartnäckig, grundsätzliche Erörterungen. Unerwartet und gehörig bestaunt traten plötzlich Hochschulprofessoren und Senatoren auf den Plan, die mit Freude am fundamentalen Streit die Positionen absteckten: Warum solle es denn einem erwachsenen Mann, der im Vollbesitz seiner geistigen und körperlichen Kräfte sei, verwehrt werden, seinem Leben ein Ende zu setzen? Mit welchem Recht?

Mit dem Recht, das das Leben allemal für sich in Anspruch nehmen müsse, antwortete die Gegenseite, und die, die die ›Simmons-Linie‹ vertraten, fragten in Diskussionen, die landesweit auf die Bildwände übertragen wurden, mit süffisantem Lächeln: Ob denn die Damen und Herren von der ›Lebensseite‹ wirklich meinten, dass das ein Argument sei?