Die Philosophie des Kletterns -  - E-Book

Die Philosophie des Kletterns E-Book

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Beschreibung

Warum klettern, wenn man auch abstürzen kann? Wie wurde aus dem Klettern eigentlich ein Sport? Und was hat das Erklimmen eines Berges mit Individualität zu tun? Ist Solo-Klettern Wahnsinn oder moralisch vertretbar? Was kann man vom Scheitern am Berg lernen? Und ist es ethisch richtig, Haken in den Fels zu schlagen? Wie sieht es überhaupt mit dem Naturschutz aus? Und warum macht Klettern so frei und so glücklich? In Die Philosophie des Kletterns erzählen internationale Autoren aus verschiedenen Disziplinen - Philosophieprofessoren, Journalisten, Kletterprofis - kenntnisreich von den Abenteuern, die zwischen Auf- und Abstieg liegen, und was man aus ihnen lernen kann. Seit der Klettersport vor genau 150 Jahren im sächsischen Elbsandsteingebirge erfunden wurde, steigt die Zahl derjenigen, die sich auf die Gefahren des Kletterns einlassen, immer weiter. Neben der Faszination fürs Risiko spielt dabei aber auch das Streben nach Erkenntnis eine große Rolle. Das Klettern kann uns verändern, es kann unsere Möglichkeiten erweitern, es kann unseren Charakter schulen, es vermittelt uns Freundschaften - und kann sogar dazu beitragen, ein glückliches Leben zu führen. Davon erzählt dieses Buch.

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Seitenzahl: 326

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Inhaltsverzeichnis

Hans Florine - Vorwort

Stephen E. Schmid - Ins Blaue hinein - Einführung

Peter Reichenbach - Aufstieg ins Ungewisse - Einführung zur deutschen Ausgabe

Eva Hammächer - Alles eine Frage des Stils

Kevin Krein - Klettern und das stoische Konzept der Freiheit

Paul Charlton - Die Belohnung des Risikos

Brian Treanor - Hohe Ziele - Klettern und Selbstkultivierung

Pam R. Sailors - Es geht um mehr als nur ums Ich

Melanie Müller - Fail again. Fail better. Über Klettern und Scheitern

Ben Levey - Es ist kein Fast-Food - Ein authentisches Klettererlebnis

Dane Scott - Freiheit und Individualität "on the rocks"

William Ramsey - Über das Schlagen von Griffen

Marcus Agnafors - Moralische Aspekte des Free-Solo-Kletterns

Dale Murray - Wie aus Haufen Berge werden - Umweltschutz Stein für Stein

Max v. Malotki - Klettern ist beides. Über Dualismus

Debora Halbert - Vom Entdecken einer Kletterroute bis zur Rotpunktbegehung

Maximilian Probst - Abschied vom unendlichen Gipfel

Aus der gleichen Reihe

Impressum

HANS FLORINE

VORWORT

Übersetzung: Peter Reichenbach

Kletterer behaupten oft – und meist stimmt das auch –, dass es um den Aufstieg ginge und nicht um den Gipfel. Analog dazu behaupte ich, dass die Freude an der Philosophie in der Suche nach Antworten liegt und nicht unbedingt darin, sie zu finden.

Als professioneller Kletterer und Redner hatte ich das Glück, mich mit sehr vielen mir zunächst unbekannten Leuten über das Klettern auszutauschen. Ich habe den ignorantesten Städtern ebenso wie sehr erfahrenen Kletterern auf ihre philosophischen Fragen geantwortet: Warum geht man klettern? Ist Solo-Klettern Wahnsinn oder moralisch falsch? Ist es schlimm, künstliche Griffe in den Felsen zu schlagen? Hast du Höhenangst? Wie bewertet man eine Kletterroute oder was bedeutet es, eine Route zu bewerten? Bei meinen Antworten auf diese und andere Fragen versuchte ich, meine wohlüberlegte Meinung wiederzugeben, und vielleicht beeinflusste ich die Fragenden auch in dem, was sie als Antworten erwarteten. Selten gebe ich eine grundsätzliche Antwort. Wenn ich oder jemand anders die Antwort hätte, dann wäre dieses Buch wohl nicht geschrieben worden. Es sind die faszinierenden Fragen, die die Philosophie so interessant und außergewöhnlich machen, und das Gleiche gilt auch fürs Klettern.

Was für eine Freude, sich zurückzulehnen und unser Denken und unsere philosophischen Fragen rund ums Klettern von diesen großartigen Philosophen beeinflussen zu lassen. Einige der oben genannten Fragen und viele weitere werden in diesem Buch eingehend von erfahrenen Kletterern und brillanten Denkern diskutiert. Um zwei Beispiele zu nennen: Ich werde oft gefragt, ob ich glaube, dass Leute, die solo klettern, verrückt seien. Ich antworte dann immer mit einer Gegenfrage: »Glauben Sie, dass Ihr Vater verrückt ist, wenn er auf eine Leiter steigt, um die Dachrinne von Dreck zu befreien oder die Weihnachtsbeleuchtung anzubringen?« Ich erkläre dann, dass sich die meisten Solo-Kletterer am Berg genauso sicher fühlen wie Ihr Vater auf der Leiter. Das ist normalerweise nicht das Ende meiner Antwort – und auch Marcus Agnafors hat in seinem Essay zum Thema noch einiges mehr zu sagen. Man muss allerdings beachten, dass Agnafors nach der Moral des Solo-Kletterers fragt, während ich nach der Zurechnungsfähigkeit gefragt wurde. Eine andere Frage an mich war, ob es schlecht sei, einen Sechs-Millimeter-Griff in einen Fels zu schlagen. Allerdings benötigt man mehr Informationen zu diesem speziellen Fall, um die Frage zu beantworten. Ich selbst habe Griffe an glatte Zementwände geklebt. Ich habe keine Griffe an die glatte Granitwand von El Capitan geklebt. Glaube ich, dass es in Ordnung ist, Griffe anzubringen? Für Antworten auf diese Fragen müssen Sie mich schon irgendwo erwischen und zu einem Tee einladen. Bis dahin empfehle ich den Essay von William Ramsey zu genau diesem Thema, es ist eine Freude, ihn zu lesen. Wie diese beiden Autoren haben alle Kletterphilosophen in diesem Band der Art und Weise, wie ich über diese Fragen nachdenke und diskutiere, zu einer neuen Tiefe verholfen.

Beim Lesen der Texte wurde ich daran erinnert, dass die Weisheit und Besonnenheit aus dem Nachdenken selbst resultiert und man nicht mit aller Macht auf eine einzelne Antwort drängen sollte. Es ist eine Freude, unvoreingenommen zu bleiben und offen und empfänglich für die Ideen anderer zu sein. Und so überrascht es nicht, dass die gleiche Offenheit hilfreich ist, wenn man sich den Herausforderungen des Kletterns stellen muss.

In der Kletterhalle und am Berg habe ich Akademiker getroffen, aber auch Buchhalter, Anwälte, Werber, Topmodels1, Bauarbeiter und Bibliothekare, alle waren genauso besessen vom Klettern wie ich. Es gibt da etwas beim Klettern, das ein Verlangen in uns stillt. Der physische Aspekt des Kletterns fordert unseren ganzen Körper, von der Fuß- bis zur Fingerspitze. Man muss sich mental voll und ganz auf den Felsen oder Berg einlassen. Man muss sich seiner Stärken bewusst sein und sie gekonnt einsetzen. Es kann schwere Folgen haben, wenn man nicht voll konzentriert ist. Einfach gesagt, muss man sich zu 100 Prozent auf das Klettern fokussieren. Ich nenne das physische Meditation. Man darf einfach nicht über fällige Rechnungen oder das Büro nachdenken, in dem man am Montagmorgen um acht Uhr zu sein hat, und gleichzeitig dabei klettern. Klettern ist eine ideale Pause vom Rest der Welt. Man muss keine Meditationstechniken erlernen, um Freude beim Klettern zu empfinden.

Was Klettern für mich ist? Bevor ich mit dem Klettern anfing, war ich ein Athlet und ein Wettkämpfer (und bin das auch immer noch). Klettern war für mich einfach eine Sportart. Doch schnell merkte ich, dass es auch ein Abenteuer ist, bei dem man Entdeckungen auf unwegsamem Gelände machen konnte. Es war ein unglaublich fantastisches Huckleberry-Finn-und-Tom-Sawyer-ähnliches Abenteuer! Ich war verliebt ins Klettern. Selbst mit Anfang zwanzig, als meine Hormone verrücktspielten, hätte ich eine Klettertour einem Date mit einer Frau vorgezogen.

Ich liebe die athletische Bewegung und die unglaublichen Orte, zu denen ich durch das Klettern kam. Ich wäre nie in all diese Gegenden gereist, wenn meine Leidenschaft dem Schwimmen, Basketball oder Fußball gegolten hätte. Als ich das erste Mal nach Europa reiste, lebte ich dort für etwa drei Monate, ohne eine einzige touristische Sehenswürdigkeit gesehen zu haben. Ich war schließlich klettern! Es brauchte ganze vier Frankreich-Reisen, bis ich es in den Louvre schaffte. Bekannt geworden bin ich durchs Speedklettern – ich habe sogar das Buch dazu geschrieben. Aber nicht falsch verstehen, ich klettere nicht so viel, um schnell zu sein. Es ist vielmehr so, dass ich schnell klettere, weil ich so mehr vom Klettern habe. Bei philosophischen Fragen werde ich am ehesten den Objektivismus einer Ayn Rand vertreten (obwohl ich als Buddhist die Probleme der Welt häufig persönlich nehme). Logisches Schlussfolgern halte ich, wie Ayn Rand, für eine untrügliche Methode, um den Gehalt eines philosophischen Arguments einzuschätzen und um die eigenen Handlungen und Überzeugungen zu leiten. Trotzdem mögen manche denken, dass, wenn es darum geht, eine moralische oder sonst wie geartete Position zu rechtfertigen, die Anwendung von logischem Denken in Bezug auf das Klettern noch irrwitziger erscheint als das Klettern selbst. Für viele bin ich jetzt schon unlogischen Verhaltens schuldig. Wie auch immer, ich kann mir keine erfüllendere und interessantere unlogische Beschäftigung vorstellen, als mir philosophische Gedanken über das Klettern zu machen.

Ich hatte sehr unterhaltsame Unterhaltungen über die Platzierung eines einzigen Hakens an einem 300 Meter hohen Steilhang in Patagonien. Ich hatte ausführliche Diskussionen über das künstliche Präparieren von Routen und was davon moralisch gerechtfertigt ist und was nicht. Die Leute versuchen herauszubekommen, wie man zu diesen Themen steht. Sie suchen entweder Streit oder nach Erkenntnis. Für beinah dreißig Jahre habe ich es geschafft, Streit zu vermeiden. Ist Klettern eine lohnende Beschäftigung? Ist es angemessen, philosophische Diskussionen auf das Klettern zu übertragen? Auf die Gefahr hin, einen Streit zu riskieren, verrate ich, wie ich zu diesen beiden Fragen stehe: Ja und ja. Beim Lesen der Texte werden Sie feststellen, dass alle Autoren auf meiner Seite sind. Aber wenn Sie Zweifel daran haben, dass Klettern eine lohnende Beschäftigung ist, dann empfehle ich Ihnen vor allem die Kapitel 3 (Charlton), 4 (Treanor) und 5 (Sailors) zu lesen.

Sollten Sie kein Kletterer, keine Kletterin sein, dann verführen die Aufsätze in diesem Buch Sie vielleicht dazu, es einmal selbst zu versuchen. Wenn Sie Kletterer sind, dann werden Sie wahrscheinlich Aussagen über das Klettern lesen, die Sie selbst schon gesagt oder zumindest gedacht haben. Wahrscheinlich werden Sie neu darüber nachdenken, wie und warum Sie klettern. Sie werden aufgeschlossener sein, an der Felswand, aber auch abseits davon. Am Ende werden Sie noch mehr Freude am Klettern haben. Speed be with you.2

HANS FLORINE

Hans Florine klettert seit 27 Jahren und auf sechs Kontinenten. 1991 gewann er die erste Weltmeisterschaft im Speedklettern. Er konnte zudem das nationale Speedklettern ein Dutzend Mal und die X-Games in drei aufeinanderfolgenden Jahren gewinnen. Hans Florine kletterte die etwa 1.000 Meter lange Kletterroute The Nose am El Capitan im Yosemite Valley in 2 Stunden, 23 Minuten und 46 Sekunden und ist damit aktueller Rekordhalter. Ihm gelangen im Team die ersten und einzigen Blindbesteigungen des Mount Kenia, der Carstensz-Pyramide und von The Nose am El Capitan. Er hat einen Abschluss in Volkswirtschaftslehre, hat Hunderte öffentliche Vorträge gehalten, ein Buch geschrieben, eine Vielzahl von Texten für Bücher und Magazine verfasst und zwei Hörbücher herausgegeben. Er ist glücklich verheiratet mit Jacqueline und Vater von Marianna und Pierce.

FUSSNOTEN

1 - Hans ist mit dem früheren Topmodel Jacki Adams verheiratet, die selbst eine hervorragende Kletterin ist (www.jacquelineflorine.com).

2 - »Speed« stammt vom altenglischen Wort »spede« ab, was Erfolg oder Wohlstand bedeutet.

STEPHEN E. SCHMID

INS BLAUE HINEIN - EINFÜHRUNG

Übersetzung: Peter Reichenbach

»Weil er da ist.« Das soll George Mallory einem Journalisten geantwortet haben auf die Frage, warum er den Mount Everest besteigen wolle. Es ist sicherlich das berühmteste Kletter-Zitat.1 Der Journalist ließ im Tonfall seiner Frage offensichtlich die wohlbekannte Verwirrung anklingen: Warum sollte sich jemand auf diese anscheinend bedeutungslose, unnütze, lebensgefährliche Unternehmung einlassen? Es gibt sicherlich Besseres, was man mit seinem Leben anstellen könnte! Dass Mallorys Antwort weiterhin so populär ist, liegt wohl eher an dem, was sie impliziert, als an dem, was sie tatsächlich aussagt. Besieht man sie sich nämlich im Zusammenhang mit der versuchten Everest-Besteigung, dann kann man darin weitaus mehr lesen: Es geht darum, die Grenzen des menschlich Machbaren zu verschieben. Seine Antwort inspiriert uns dazu, unsere Träume zu leben und nach Höherem zu streben; sie fordert uns auf, uns dem Unbekannten zu stellen, und erinnert uns daran, dass es für unsere Unternehmung keine anderen Gründen braucht als die Herausforderung, das Abenteuer und den Spaß am Klettern.

Wie beim Klettern kann man auch in der Philosophie Neues entdecken, wenn man sich auf unbekannte Pfade wagt. Bertrand Russell schrieb über den Wert der Philosophie: »... man soll sich mit der Philosophie nicht so sehr wegen irgendwelcher bestimmter Antworten auf ihre Fragen beschäftigen (denn in der Regel kann man diese bestimmten Antworten nicht als wahr erkennen). Man soll sich um der Fragen selber willen mit ihr beschäftigen, weil sie unsere Vorstellung von dem, was möglich ist, verbessern, unsere intellektuelle Phantasie bereichern und die dogmatische Sicherheit vermindern, die den Geist gegen alle Spekulation verschließt. Vor allem aber werden wir durch die Größe der Welt, die die Philosophie betrachtet, selber zu etwas Größerem gemacht und zu jener Einheit mit der Welt fähig, die das größte Gut ist, das man in ihr finden kann.«2

Stellt man also dem Philosophen die Frage, warum man sich mit der Philosophie befassen solle, dann könnte die Antwort ähnlich der von Mallory ausfallen: »Weil es sie gibt!«

In den letzten Jahrzehnten wurde zunehmend eine Verbindung zwischen Philosophie und Klettern gezogen, vor allem im Bereich der Ethik, wo versucht wird, Prinzipien für unser Handeln zu definieren. Der einflussreichste Essay zum Thema Klettern und Ethik wurde von Tejada-Flores im Jahr 1967 geschrieben: Games Climbers Play, der zuerst im amerikanischen Magazin Ascent erschien und später auch in einer Anthologie mit weiteren Aufsätzen übers Klettern. Dieser Essay war der Anstoß, neu über das Klettern nachzudenken. Tejada-Flores zeigte darin, dass der Klettersport eigentlich eine Ansammlung von unterschiedlichen Disziplinen ist, jede mit ganz eigenen Regeln und Schauplätzen. Vom Bouldering bis zur Bergexpedition benannte Tejada-Flores insgesamt sieben Disziplinen und gab uns damit Mittel an die Hand, neu über die Ethik des Kletterns zu sprechen. Ethisch zu klettern, so schrieb er, »bedeutet, die Regeln des Kletterstils zu beachten, in dem man sich gerade befindet«3. Indem er einen Weg fand, ethisches Klettern zu definieren, konnte er es außerdem mit einem Klettern mit Stil gleichsetzen. Ein Kletterer mit einem guten Stil klettert ganz bewusst nach den Regeln dieses speziellen Stils. Ein besserer Stil entsteht, wenn der Kletterer sich noch strengeren, noch schwieriger umzusetzenden Regeln unterwirft, um seine Kletter-Disziplin zu absolvieren (etwa indem er eine Bigwall im traditionellen Stil klettert). Heutzutage ist das Benennen der unterschiedlichen Kletterstile und die dazugehörige Ethik Teil des Kletterdiskurses und ist überall präsent, von Klettermagazinen bis hin zu Debatten am Lagerfeuer. Indem er die unterschiedlichen Kletterstile benannte, erreichte Tejada-Flores’ Essay genau das, was jede gute Philosophie tut – sie zwang uns, nachzudenken und unsere Welt neu zu verstehen. Rund zehn Jahre nach der Erstveröffentlichung schrieb Ken Wilson, dass dieser Essay noch immer sehr gute Grundlagen bereithalte, um das Klettern zu verstehen.4 Wenn die philosophischen Beiträge in diesem Buch für irgendetwas stehen, dann dafür, dass Tejada-Flores’ Text noch genauso einflussreich ist wie vor vierzig Jahren.

Sieben Jahre später veröffentlichten Yvon Chouinard und Tom Frost einen gleichermaßen bedeutsamen Essay, in dem sie sich gegen ein unvernünftiges Schlagen von Griffen aussprechen und davor warnen, dass dies zu einem Verlust des Abenteuers und der Geheimnisse in der Wildnis der Berge führe; bedeuteten Klettertouren früher, sich dem Unbekannten zu stellen, so würden sie nun zur austauschbaren Routine, ähnlich dem Training in einer Sporthalle.5 Ihre Forderung nach individueller Beschränkung und Verantwortung verdeutlichte, dass Erfolg nicht dadurch definiert wird, wo man schon überall obendrauf stand, sondern dadurch, wie man klettert. Ihr Aufruf, mit so wenig Auswirkungen auf die Umwelt wie möglich zu klettern, wurde zur vorherrschenden Maxime und ist Richtlinie für das ethische Verständnis vieler Kletterer.

Wer die Beiträge im vorliegenden Buch liest, wird feststellen, in welchem Ausmaß diese frühen Essays die heutige Philosophie des Kletterns beeinflussen. Die aktuellen Essays zollen dem Weitblick dieser frühen Beiträge in jedem Fall ihre Anerkennung. Zur gleichen Zeit aber betritt dieses Buch neuen Boden, streift sensible Debatten, die rund ums Lagerfeuer geführt werden, spürt klassischen philosophischen Fragestellungen nach und freut sich an dem, was dadurch ausgelöst wird. Egal, ob Sie angehender Boulderer oder erfahrener Alpin-Kletterer sind, diese Essays werden hoffentlich helfen, zwei wichtige Fragen zu beantworten: Warum klettern? und Warum philosophieren?

Im Folgenden möchte ich Ihnen einen Überblick über die vorliegenden Essays geben und kurz darauf eingehen, welche Fragen darin jeweils behandelt werden. Es gibt vier Teile in diesem Buch. Die ersten drei Teile konzentrieren sich jeweils auf einen unterschiedlichen Aspekt des Kletterns oder auf eine philosophische Methode. Die Themen im letzten Teil sind etwas gemischter.

Teil eins widmet sich dem Aspekt, der für viele der offensichtlichste beim Klettern ist: dem Risiko. Sowohl das Klettern als auch die Philosophie sind ernsthafte Angelegenheiten. Aber ein Fehler in der Philosophie wird einen nicht das Leben kosten. Beim Klettern können selbst die einfachsten Fehler lebensbedrohlich sein. Und so fragt man sich angesichts des Risikos, warum man überhaupt den ersten Schritt in die Wand wagt? Welchen Nutzen hat das Risiko? Können wir es bei den Gefahren überhaupt rechtfertigen, klettern zu gehen? Und warum finden so viele Nicht-Kletterer das immanente Risiko so inakzeptabel? Die Autoren dieses Abschnitts beschäftigen sich mit diesen Fragen.

Der erste ist Kevin Krein. Er erforscht ein offensichtliches Paradox, das bei vielen Kletterarten zum Vorschein kommt. Viele Kletterer lieben am Klettern, neben anderen Aspekten, vor allem das Gefühl der Freiheit. Zugleich kann Klettern aber auch eine sehr einengende und begrenzende Aktivität sein: Festgesetzt zu sein durch einen Sturm in einem winddurchrüttelten Zelt, oder in einer komplizierten Felsroute zwischen schwierigen Griffen nicht vor oder zurück zu können, sind nicht unbedingt das, was man sich normalerweise unter Freiheit vorstellt. Krein nimmt in seinem Essay die altgriechischen Stoiker genauer unter die Lupe und argumentiert, dass das Risiko und andere dem Klettern immanente Eigenschaften eine einzigartige Möglichkeit bieten, Freiheit zu erfahren. Das Konzept der Freiheit kommt in der Sicht der Stoiker zum Tragen, sobald jemand in der Lage ist, seine Umgebung zu verstehen und sich ihr anzupassen. Die begrenzten Möglichkeiten, wie sie fürs Klettern typisch sind, werden durch das Risiko noch weiter eingeschränkt und ermöglichen es dem Kletterer, seinen Willen mit den Anforderungen und Möglichkeiten der Bergwelt in Einklang zu bringen. In diesen Momenten fühlt sich der Kletterer frei.

Viele, die schon etwas länger klettern, kennen jemanden, der bei einem Kletterunfall ums Leben gekommen ist, einerlei, ob es eigenes Verschulden war oder durch unvorhersehbare Ereignisse passiert ist. Paul Charlton besieht sich dieses Risiko vor dem Hintergrund des Todes seines langjährigen Kletterpartners und Freundes. Da die Risiken beim Klettern weitaus präsenter sind als die des täglichen Lebens, müssen wir, nach Charlton, den Nutzen, den uns das Klettern bringen kann, gut gegenüber den Risiken abwägen, um das Klettern rechtfertigen zu können. Für einige werden die positiven Werte und Belohnungen – etwa Freude und persönliche Entwicklung – die Risiken des Kletterns aufwiegen, die von der Verschwendung von Ressourcen bis hin zum Tod reichen. Charlton überlässt es jedem Kletterer selbst, zu entscheiden, ob der Nutzen des Kletterns das Risiko rechtfertigt.

Teil zwei konzentriert sich auf die Charakterzüge, die das Klettern hervorbringt, und fragt danach, welche davon für das Erklimmen des Gipfels am wertvollsten sind. Der erste Beitrag greift noch einmal die Frage auf: Warum klettern? Brian Treanor bezieht sich in seiner Antwort auf Aristoteles und schreibt, dass das Klettern dabei hilft, wichtige Tugenden zu etablieren, besonders Mut, Demut und Respekt für die Natur. Zwar seien dies, so Treanor, noch lange nicht alle Tugenden, und auch nicht alle Kletterer erlangten sie, doch seien dies diejenigen, die in unserer modernisierten, verweichlichten und risikoscheuen Welt besonders wichtig seien. Klettern erfüllt so gewissermaßen einen praktischen Zweck: Es kann dabei helfen, Charakterzüge zu entwickeln, die für ein glückliches und gutes Leben auch abseits des Kletterns besonders hilfreich sind.

Pam Sailors diskutiert den Wert gefährlicher Sportarten, indem sie die Herangehensweise und Charakterzüge zweier unterschiedlicher Klettertypen – der Gipfelstürmer und der Bergsteiger – untersucht. Aus welcher Motivation heraus man auf der Spitze eines Berges steht, macht nämlich einen großen Unterschied. Die Motivation der Gipfelstürmer, so schreibt sie, ist es, den Gipfel zu erreichen, egal, was es koste – der Wert des Kletterns liegt hier in der Bestätigung der eigenen Fähigkeit, ein anspruchsvolles Ziel erreicht zu haben. Die Motivation der Bergsteiger hingegen liegt im Klettern selbst: Der Wunsch, den Gipfel zu erreichen, ist zweitrangig, die Erfahrungen am Berg sind viel entscheidender. Wie Sailors anhand von Aussagen bekannter Kletterer zeigt, kann die Motivation, den Berg zu erfahren, einen über die eigenen Interessen hinausführen und so eine Art spirituelle Verbindung zur Natur herstellen.

Viele der moralischen Fehlentscheidungen, die beim alpinen Bergsteigen beobachtet wurden, vor allem bei den berüchtigten Mount-Everest-Expeditionen im Jahr 1996, führt Sailors auf Unterschiede in der Motivation der Kletterer zurück. Der Wunsch, den Gipfel um jeden Preis zu erreichen, könnte erklären, warum einige Kletterer notleidenden Kameraden keine Hilfe leisteten und diese sterbend am Berg zurückließen. Der Schwerpunkt von Sailors’ Essay liegt beim alpinen Klettern, doch die Aussagen lassen sich gleichermaßen auf andere Klettervarianten übertragen.

Für den Essay von Ben Levey sollten Sie vielleicht besser den fettigen Burger und die Pommes beiseitelegen. Leveys genüssliche Betrachtung zum Sportklettern arbeitet mit Analogien zum Fast Food, er vergleicht zwei unterschiedliche Kletterarten und die Werte, die sie jeweils hervorbringen. Und so wie Mahlzeiten alle unterschiedlich sind, sind auch die Kletterarten nicht gleich. Sportklettern ist, so Levey, wie ein Fertiggericht: günstig und schnell zuzubereiten. Traditionelles Klettern sei dagegen die Sterneküche: Sie wird sorgfältig zubereitet, es werden teure Produkte verwendet und man muss sich voll auf sie einlassen. Sportkletterer werden diese Analogie und die Schlussfolgerung, dass Slow Food besser als Fast Food sein soll, sicher nicht mögen. Und auch Levey gibt selbst zu, dass wir alle von beidem essen. Seiner Ansicht nach haben wir aber eine authentischere Menü-Erfahrung, wenn wir traditionell klettern, denn er glaubt, dass traditionelle Kletterer einen authentischeren Kletterstil pflegen. Wie auch immer, seine Schlussfolgerung zieht er nicht aus der Fast-Food-Tüte. Denn um seine Behauptungen zu begründen, beruft er sich auf Hegels Unterscheidung zwischen Herr und Knecht. Er argumentiert, dass traditionelles Klettern die Situation des Knechtes widerspiegelt, was für Hegel die authentischere Herangehensweise darstellt. Von dieser einflussreichen Grundlage ausgehend, schlussfolgert Levey, dass traditionelles Klettern authentischer ist als die Fast-Food-Variante. Was also gibt es zum Abendessen?

Im dritten Teil geht es um moralische Prinzipien. Dane Scott untersucht die Ethik dreier Kletterstile, die entstanden, weil Kletterer mit ihren persönlichen Vorstellungen den Dialog mit der Klettergemeinde suchten. Und so nimmt uns der Autor mit auf drei unterschiedliche Klettertouren, die jede für ganz spezielle ethische Vorstellungen und Werte innerhalb ihrer jeweiligen Klettergemeinschaft stehen. Die erste Tour führt nach Tuolumne Meadows, zur berühmten Bachar-Yerian-Route, wo John Bachars Ground-Up-Ethik Nietzsches Werte von Selbstbeherrschung und Hingabe verkörpert. Eine sehr gegensätzliche Herangehensweise findet Scott am Smith Rock, dem Ursprung des Sportkletterns. Hier richtete Alan Watts die Route To Bolt or Not to Be ein, die den Hintergrund für Scotts vergleichende Analyse bildet, in der er den Wert der individuellen Freiheit in Bezug auf das Sportklettern untersucht. Zuletzt wendet er sich noch einem jungen Pionier zu, Sonnie Trotter, der die Ethik, den Stil und die Werte beider Kletterarten, des traditionellen Kletterns und des Sportkletterns, verbindet. Scott beschließt seine Tour in Kanada, an der Route The Path, wo Trotters neue Route ein Bewusstsein für die Gemeinschaft der Kletterer und ihre Traditionen offenbart, die sowohl das traditionelle Klettern als auch das Sportklettern definiert haben. Der Dialog zwischen Einzelnen und der Gemeinschaft, betont Scott, helfe dabei, die Regeln und die Ethik des Kletterns zu definieren und zu etablieren.

William Ramsey begibt sich in seinem Essay auf gefährliches Terrain. Kletterer nutzen Routen im Fels, die von anderen engagierten Kletterern eingerichtet wurden – Risse wurden gesäubert, Haken gesetzt und lose Steine wurden entfernt. Die meisten Kletterer halten diese Art von Präparation für akzeptabel. Die gleichen Leute halten es aber für inakzeptabel, wenn nicht sogar für unethisch, Griffe in den Fels zu schlagen, um eine Route kletterbar zu machen. Warum aber sollte das Schlagen von Griffen falsch sein? William Ramsey untersucht, auf welchen Argumenten diese ablehnende Haltung basiert, und stellt fest, dass diese nicht besonders schlüssig sind. Und auch wenn er nun nicht vorschlägt, loszuziehen und überall Griffe zu schlagen, so fordert er uns doch dazu auf, in unseren ethischen Positionen konsistent zu sein.

Einige halten Free-Solo-Klettern – also das Klettern ohne jegliche Absicherung – für die reinste Form des Kletterns. Zweifelsohne ist es seine riskanteste Form. Trotz oder gerade wegen des Risikos klettern einige der Elite-Sportler weltweit Free-Solo, was die Anziehungskraft dieser Disziplin weiter steigert. Sollte man Free-Solo klettern? Einige argumentieren, dass sie das Recht haben, zu tun und zu lassen, was sie wollen. Doch es ist fraglich, ob ein Anrufen der persönlichen Freiheit ausreicht, um das Free-Solo-Klettern auch ethisch zu rechtfertigen. Marcus Agnafors führt einige Gründe auf, die für das Free-Solo-Klettern üblicherweise genannt werden, und prüft sie auf ihren moralischen Gehalt. Und er stellt dabei fest, dass die Frage, ob Free-Soloing moralisch vertretbar ist, eine sehr komplexe Frage ist. Sollte man also Free-Solo klettern? Agnafors’ Essay wird jedem dabei helfen, die Frage für sich selbst zu beantworten.

Der letzte Essay in diesem Abschnitt widmet sich ökologischen Aspekten. Wer schon einmal an einer populären Kletterwand war, wird es bereits bemerkt haben – überall in der Landschaft sind Wege zur Wand ausgetreten, Müll verschmutzt die Pfade und Zeltplätze, die Vegetation am Fuße der Wand ist zertreten und menschliche Exkremente quellen unter dem Stein hervor, auf dem man eigentlich sein Mittagessen einnehmen wollte. Kletterer haben einen negativen Einfluss auf die Umwelt. Ironischerweise klettern einige von uns zumindest teilweise genau aus dem Grund: um in der Natur zu sein und um dem Chaos, dem Krach und der Verschmutzung in der Stadt zu entfliehen. Die zertrampelten Pfade, der Müll und die Markierungen am Fels erinnern uns daran, dass andere schon vor uns da waren, und zwar viele andere. Ab wann kippt also der Einfluss eines einzelnen Kletterers ins Negative? Ein einzelner Tritt auf einen mit Flechten bedeckten Fels ist nicht weiter schlimm, doch wenn erst mal genügend Leute darübergelaufen sind, werden Fels und Vegetation zurückgedrängt und wandeln sich zu einem Weg. Dale Murray stellt sich in seinem Essay der Herausforderung, zu entscheiden, wann genau Umweltschäden entstehen, und gibt eine praktische Antwort, wie wir unseren Einfluss limitieren können. Und demnach könnte es sein, so Murray, dass wir uns selbst Grenzen setzen müssen, in Form von Zugangsbeschränkungen, bewussterem Verhalten und vielleicht sogar einer selbst auferlegten Abstinenz von bestimmten umweltschädlichen Kletterstilen, um unsere natürliche Umgebung zu erhalten.

Im vierten Teil des Buches werden verschiedene andere philosophische Aspekte des Kletterns angesprochen. Stellen Sie sich vor, bei Ihrem nächsten Besuch an Ihrem Lieblingsfelsen steht am Einstieg in den Fels derjenige, der die Route eingerichtet hat. Also die Person, die die Route entdeckte, danach säuberte, die Haken setzte und sie auch beschrieb. Nennen wir ihn Joe Routesetter, und er würde Sie nun bitten, ihm etwas für das Klettern seiner Route zu bezahlen. »Schließlich«, so würde er als Antwort auf Ihren überraschten Gesichtsausdruck sagen, »habe ich eine Menge Zeit investiert und sehr viel Geld in diese Route gesteckt. Es ist nur gerecht, wenn ich eine Entschädigung für den ganzen Aufwand bekomme!« Die höflichere Variante, ihm zu antworten, wäre ihm zu sagen, dass man das hier in dieser Gegend nicht auf diese Weise handhaben würde. Doch Joe verhält sich einfach nur so, wie es die Norm in der vorherrschenden kapitalistischen Gesellschaft ist – man sollte für seine Bemühungen entlohnt werden, besonders dann, wenn andere von der eigenen Arbeit profitieren. Dieser hypothetische Fall erscheint innerhalb der Gemeinschaft der Kletterer fremd. Es ist einfach nicht Teil der Kletterkultur. Debora Halberts Essay untersucht, wie die Gemeinschaft der Kletterer als Ökonomie des Schenkens funktioniert. Kletterer (mit Ausnahme von Joe) schenken ihre Zeit, ihre Energie und ihre Mittel, um Routen einzurichten, die sie dann umsonst mit der gesamten Klettergemeinschaft teilen. Und Klettern wäre ohne eine solche Kultur des Gebens schwer vorstellbar.

Die Beiträge im Buch zeigen, dass zwischen dem Klettern und der Philosophie enge und bereichernde Verbindungen bestehen. Vielleicht hatte John Muir recht, als er sagte: »Wenn wir versuchen, etwas Einzelnes herauszupicken, stellen wir fest, dass es mit allem anderem im Universum verbunden ist.«6 Ich hoffe, Ihnen gefällt die Reise.

STEPHEN E. SCHMID

Stephen E. Schmid ist Assistenz-Professor für Philosophie an der University of Wisconsin-Rock County. Er schrieb seine Doktorarbeit in Geistesphilosophie. Aktuell konzentriert er sich auf das Thema der Motivation in Sport und Erziehung. Schmid spielt seit zwanzig Jahren in den Bergen und den Felsen. Er widmet dieses Buch Beth.

FUSSNOTEN

1 - Mallorys Antwort erschien 1923 in einem Interview der New York Times: »Climbing Mount Everest Is Work For Supermen«, 18. März 1923, S. XII.

2 - Bertrand Russell, »Probleme der Philosophie«, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1967, S. 142.

3 - Lito Tejada-Flores, »Games Climbers Play«, in: »Ascent 1« (1967). Neuauflage: Ken Wilson (Hg.), »The Game Climbers Play«, Diadem Books, London 1978, S. 24.

4 - Ebd., S. 13.

5 - Yvon Chouinard und Tom Frost, »A Word«, im Katalog von Chouinard Equipment, 1974.

6 - John Muir, »My First Summer in the Sierra«, Houghton Mifflin, Boston 1911, S. 110.

PETER REICHENBACH

AUFSTIEG INS UNGEWISSE - EINFÜHRUNG ZUR DEUTSCHEN AUSGABE

Climbing, wie es im englischsprachigen Originaltitel dieses Buches heißt, bezeichnet nicht nur das Klettern, sondern auch das Bergsteigen. Dieses Buch hätte also auch Die Philosophie des Kletterns und Bergsteigens heißen können. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf dem, was im deutschen Sprachraum unter Klettern verstanden wird. Und dennoch geht es in vielen Texten auch ums Bergsteigen. Rekordbesteigungen, wie etwa die eines Ueli Steck an der Eiger-Nordwand, zeigen, wie uneindeutig die Begrifflichkeiten sein können, beim Übersetzen, aber auch sonst im Leben. Was macht dieser Ueli Steck da denn jetzt genau – Klettern? Bergsteigen? Aber immer dann, wenn die Begriffe nicht eindeutig sind, wenn sich Zweifel einschleichen und man unsicher wird, ist das ein eindeutiges Zeichen dafür, dass sich etwas bewegt und verändert. Genau der richtige Zeitpunkt also, philosophische Fragen zu stellen.

Den vier Abschnitten des Buches, wie Stephen E. Schmid sie vorgestellt hat, habe ich in der vorliegenden Ausgabe Essays deutscher und österreichischer AutorInnen zur Seite gestellt. Sie sollen aus einer hiesigen Perspektive die Philosophie des Kletterns ergänzen. Und der Text von Maximilian Probst erweitert das Spektrum des Buches zum Abschluss um einen Aspekt, der vorher noch keine Rolle gespielt hat: den des Abstiegs.

Aber der Reihe nach. Erfunden wurde das Freiklettern vor 150 Jahren im sächsischen Elbsandsteingebirge durch eine Turnergruppe aus Bad Schandau. Nun ja, genau genommen eigentlich erst vor 140 Jahren, wie Eva Hammächer im allerersten Beitrag dieses Buches feststellt, denn Klettern mit Leitern hat mit unserem heutigen Verständnis von Klettern doch recht wenig zu tun. Eva Hammächer nimmt uns mit auf eine Reise von den Anfängen des Klettersports bis in die heutige Zeit. Sie erklärt ganz nebenbei auch für Nichtkletterer die wichtigsten Begriffe des Kletterns, nennt die berühmtesten Kletterrouten und Kletterer, die einem auch in den folgenden Texten immer wieder begegnen werden.

Eine Onsight-Begehung – also das Erklettern einer Route, ohne sie vorher zu kennen und ohne Sturz – ist, könnte man sagen, das Idealziel des Sportkletterns. So etwas gelingt den wenigsten. Das Stürzen gehört zum Klettern nämlich genauso dazu wie die erfolgreichen Begehungen. Ein Gemeinplatz, könnte man meinen. Und doch sind Stürze irritierend und manchmal auch schmerzhaft. Melanie Müller zeigt uns in ihrem Text, wie man sich eine gute Einstellung zum Scheitern zulegt und dadurch ein besserer Kletterer, eine bessere Kletterin wird.

Es gibt viele Gründe, klettern zu gehen: Der Enge der Stadt zu entfliehen, Natur zu erleben, endlich einmal alleine mit sich selbst zu sein – doch was riecht hier nur so fürchterlich? Es sind die Kletterschuhe des Kletterpartners knapp über einem. Stimmt, ganz vergessen, man ist auch gemeinsam hier. Notwendigerweise, denn man will ja gesichert werden und sich am Abend über die geteilten Erfahrungen austauschen. Max v. Malotki zeigt an vielen persönlichen Erfahrungen, dass Klettern ein Sport der Gegensätze ist, die zusammengedacht und -erlebt werden müssen, um die davon ausgehende Faszination voll begreifen zu können.

Höher, weiter, schneller – kaum ein Sport, bei dem diese Aussage im wortwörtlichen Sinne besser passt als beim Klettern. Es geht also ums Aufwärts. Doch Maximilian Probst fragt sich, was eigentlich mit dem Abstieg ist. Und er stellt fest, dass selbst Petrarca, der als erster Bergsteiger der Geschichte gilt, seinen vermeintlichen Abstieg gekonnt verschweigt. Angesichts einer allgegenwärtigen Fixierung auf den Aufstieg in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft kommt Probst zu dem Schluss, dass wir, wenn wir ganz ehrlich sind, eigentlich dringend eine Ästhetik des Bergabs, des Abstiegs brauchen. Ein Berg gilt schließlich erst dann als bestiegen, wenn man auch unten wieder ankommt.

Ganz am Ende des Buches findet sich eine Übersicht über Schwierigkeitsgrade. Denn in den verschiedenen Kletterregionen wird die Schwierigkeit einer Route mit unterschiedlichen Zahlen versehen. Um die Schwierigkeitsgrade besser einordnen zu können, habe ich die drei im Buch genannten Skalen (Sierra, UIAA und Französisch) nebeneinandergestellt.

Ich selbst bin kein Kletterer. Die Sportart meiner Wahl ist das Radfahren. Durch das Herausgeben des Vorgängers Die Philosophie des Radfahrens habe ich aber gemerkt, dass eine philosophische Herangehensweise selbst jemandem, der glaubt, alles über seine Lieblingssportart zu wissen, einen neuen und erweiterten Blickwinkel geben kann. Ein solches Erlebnis wünsche ich allen Kletterern und solchen, die es werden wollen, mit diesem Buch auch.

PETER REICHENBACH

EVA HAMMÄCHER

ALLES EINE FRAGE DES STILS?

Eine kleine Reise in die 140-jährige Vergangenheit des Sportkletterns

»Deine Leistungen im Klettern sind weit weniger bedeutend als das, was du in diesem Entwicklungsprozess lernst – nicht was, sondern wie du etwas kletterst, zählt!«1Lynn Hill

Klettern ist eine der archaischsten Bewegungsformen überhaupt. Seit Jahrtausenden steigen Menschen auf Berge, erklimmen Felswände und tun dies bis heute. Auch wenn die Faszination für die Berge über die Jahre nicht spurlos an diesen vorüberging, so stehen die hohen Wände heute noch weitestgehend unverändert da. Gewandelt haben sich jedoch über die Jahrzehnte Motive, Regeln, Stile und Spielformen, sich diesen Wänden zu nähern. Dieser philosophische Unterbau des Kletterns unterliegt dem gesellschaftlichen Wandel und spiegelt somit immer auch den Geist der jeweiligen Zeit. Und da es im Wesen des Menschen liegt, sich ständig weiterzuentwickeln, wurden im Laufe der vergangenen Jahrzehnte an den Felswänden dieser Welt unzählige persönliche Berge versetzt – von denen einige zu Meilensteinen des Klettersports geworden sind.

Der Weg ist das Ziel!

Bergsport hat viele Facetten: Sie reichen vom einfachen Bergwandern bis hin zu Expeditionen auf die höchsten Gipfel dieser Erde. Im Fokus dieser kleinen Reise in die Vergangenheit steht jedoch eine eher junge Spielform des Bergsports: Die des Frei- bzw. Sportkletterns. Wird die Geburtsstunde des Alpinismus bereits im 14. Jahrhundert verortet, als der italienische Dichter Petrarca 1336 erstmals den Mont Ventoux aus reinem Selbstzweck bestieg, so führt die Suche nach der Wiege des Freikletterns auf direktem Wege ins Elbsandsteingebirge des 19. Jahrhunderts. Im klassischen Alpinismus war noch der Gipfel das Ziel und der Fels nur eines von vielen zu überwindenden Hindernissen. Für die sächsischen Freikletterer wurde erstmals der Weg zum Ziel und die Schlüsselstelle zum neuen Gipfelkreuz. Mit der Besteigung des Matterhorns 1865 endete das Goldene Zeitalter des Alpinismus. Wichtiger als die Frage, wo man hinaufgestiegen ist, wurde von nun an die Frage, wie man dort hinaufgekommen war.

Das Elbsandsteingebirge: Wiege der Freikletterkultur

Die imposanten Türme des sächsischen Elbsandsteingebirges zogen die Menschen schon früh auf ihre Gipfel. 1864 erklomm eine Turnergruppe aus Bad Schandau den Falkenstein – erstmals in der Geschichte des Kletterns aus rein sportlichen Motiven. Sie verwendeten jedoch noch künstliche Hilfsmittel wie Leitern. Aus diesem Grund gilt die Besteigung des Mönchsteins im Jahre 1874 durch Otto Ewald Ufer und seinen Begleiter H. Frick als die eigentliche Geburtsstunde des Freikletterns. Die beiden verzichteten bewusst auf Hilfen wie Steigbaum, Leiter oder Spitzhacke. Technische Hilfsmittel durften nur zur Sicherung und nicht zur Fortbewegung eingesetzt werden. Eine Route musste nach dieser neuen Ethik nur durch die eigene Körperkraft bewältigt werden. Auch der österreichische Alpinist Paul Preuß plädierte in seinen 1911 niedergeschriebenen Klettergrundsätzen für einen Verzicht auf künstliche Hilfsmittel bei der Besteigung eines Berges und war damit ein weiterer geistiger Vater des Freikletterns.

Der sportliche Ehrgeiz an den sächsischen Felsen wuchs, und um die Leistungen vergleichen zu können, entstanden erste Spielregeln und eine erste Schwierigkeitsskala: 1893 stellte der Sachse Oscar Schuster seine dreistufige Schwierigkeitsskala vor. Zwanzig Jahre später veröffentlichte der Jurist Rudolf Fehrmann mit der zweiten Auflage seines Kletterführers für die Sächsische Schweiz verbindliche Kletterregeln, die den Verzicht auf künstliche Hilfsmittel zur Fortbewegung am Fels festschreiben: Geklettert werden durfte demnach nur an natürlichen Haltepunkten; Veränderungen an der Felsoberfläche und das Schlagen von Sicherungsringen (außer bei Erstbegehungen) waren nicht erlaubt. Mit geringfügigen Veränderungen gelten diese Regeln im Elbsandstein bis heute. Mit einem sehr strengen Regelwerk (kein Magnesia, keine mobilen Sicherungsgeräte, Klettern nur an frei stehenden Türmen …) und einer eigenen Bewertungsskala nehmen die Sachsen bis heute eine Sonderstellung ein.

Die revolutionären Siebziger: Freies Klettern und freie Liebe im Yosemite

Eine zentrale Figur im Elbsandstein war der Dresdner Bergsteiger Fritz Wiessner. Ihn zog es im Zuge der Weltwirtschaftskrise 1929 in die USA, wo er das sächsische Gedankengut in den amerikanischen Klettergebieten verbreitete. Damit legte er den Grundstein für die Entwicklung des Freikletterns im kalifornischen Yosemite Valley, in dem in den Siebzigern Klettergeschichte geschrieben wurde. Dominierten hier in den Fünfziger- und Sechzigerjahren noch technische Klettereien an den majestätischen Big Walls von Half Dome oder El Capitan durch Protagonisten wie Royal Robbins oder Warren Harding, so entwickelte sich in den Siebzigerjahren auf dem legendären Zeltplatz Camp 4 eine eigene lebendige Hippie-Szene, die einen lockeren Lebensstil kultivierte und von der Hand in den Mund lebte. Das bürgerliche Establishment betrachtete die Aussteiger auf Zeit mit Skepsis: Kletterer galten »als Spinner und Psychopathen. Ihr Lebenswandel muss den meisten Uneingeweihten in der Tat seltsam vorgekommen sein. Immer wieder hängten sie Jobs und Karrieren an den Nagel, nur um ins Valley zu ziehen und dort zu klettern.«2

Einer der Camp-Protagonisten, John Long, erinnert sich: »Während der Siebzigerjahre stand das Camp 4 für alles, was illegal war – inklusive seiner Bewohner. Den ganzen Sommer über ließ sich nicht ein einziger Ranger blicken. Sie hatten etwas Besseres zu tun, als ein Lager voller Penner zu durchstöbern. Penner, die nichts anderes im Hirn hatten, als herumzulungern und zu klettern. Oft wurde es sogar als das Lager der Aussätzigen bezeichnet. Wer die Ausrüstung, das Nervenkostüm und keine Zukunft hatte, gehörte dazu.«3 Mit langen Haaren, Stirnband, weißen Marinehosen oder abgeschnittenen Jeans und nacktem Oberkörper distanzierten sie sich von den Kniebundhosen und roten Kniestrümpfen der traditionellen Bergsteiger. Mit ihrem Lebens- und mit ihrem neuen Kletterstil verkörperten sie die Werte der Achtundsechziger-Generation, Freiheit und Individualität, bis zur Perfektion.

So easy-going ihr Lebenswandel jenseits der Felswand war, so leistungsorientiert und konkurrenzbetont waren sie, wenn es um das Durchsteigen von Routen ging. Auch den deutschen Alpinisten Reinhard Karl zog es zusammen mit Helmut Kiene in den Siebzigern ins Tal. Er beschrieb Leben und Tagesablauf der Camp-Bewohner folgendermaßen: »Jeder hier nimmt irgendeinen Stoff, um high zu werden, mindestens Marihuana. Die meisten verbringen hier den ganzen Sommer. Faul sein ist hier eine wesentliche Voraussetzung, um ein guter Kletterer zu werden. Die fünf Lebensregeln, mit denen sie den Tag knacken, sind in der Reihenfolge der Wichtigkeit: 1. Klettern, 2. Sonnenbaden, 3. Essen, 4. Drogen, 5. Frauen. Das Wort Arbeit kommt nicht vor.«4 Die beiden Alpinisten reimportierten den Freiklettergedanken nach Europa und kletterten 1977 mit den Pumprissen am Fleischbankpfeiler im Wilden Kaiser die erste frei gekletterte Route im siebten Grad in den Alpen. Damit sprengten sie die seit 1923 geltende sechsstufige Welzenbach-Skala, die bis dahin den oberen sechsten Grad als absolute Grenze des Menschenmöglichen vorsah. Ein Jahr später wurde die Skala den Realitäten angepasst und nach oben geöffnet. Die Amerikaner waren in dieser Hinsicht fortschrittlicher und hatten schon früher ein nach oben offenes Bewertungssystem.