Die Pilger des Rheins - Edward Bulwer-Lytton - E-Book

Die Pilger des Rheins E-Book

Edward Bulwer Lytton

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Beschreibung

In "Die Pilger des Rheins" von Edward Bulwer-Lytton werden wir in die romantische Welt des 19. Jahrhunderts entführt, in der die Protagonisten eine Reise entlang des Rheins antreten, die ihr Leben für immer verändern wird. Mit seinem detailreichen Schreibstil und seiner romantischen Darstellung der Natur schafft Bulwer-Lytton eine fesselnde Atmosphäre, die den Leser in den Bann zieht. Das Buch steht in der Tradition der Romantik und zeichnet sich durch seine poetische Sprache und unvergesslichen Charaktere aus. Die malerische Beschreibung der Landschaften und die emotionale Tiefe der Figuren machen dieses Werk zu einem Klassiker der Literaturgeschichte. Edward Bulwer-Lytton, ein bedeutender englischer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, war bekannt für seine vielseitigen literarischen Werke und seinen Einfluss auf die romantische Literatur seiner Zeit. Inspiriert von seinen eigenen Reisen entlang des Rheins und seiner Begeisterung für die Schönheit der Natur, schuf er mit "Die Pilger des Rheins" ein Meisterwerk, das bis heute Leser auf der ganzen Welt begeistert. Seine tiefgründige Analyse der menschlichen Natur und seine politischen Überzeugungen spiegeln sich in seinen Werken wider und machen ihn zu einem bedeutenden Vertreter der Romantik. Ich empfehle "Die Pilger des Rheins" allen Lesern, die sich für die Romantik des 19. Jahrhunderts interessieren und gerne in eine Welt voller Abenteuer, Liebe und Schönheit eintauchen möchten. Dieses Buch fasziniert mit seiner poetischen Sprache, seiner tiefgründigen Handlung und seiner zeitlosen Botschaft über die Kraft der Natur und die menschliche Seele. Tauchen Sie ein in die Welt von Edward Bulwer-Lytton und lassen Sie sich von "Die Pilger des Rheins" verzaubern.

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Edward Bulwer-Lytton

Die Pilger des Rheins

Die ideale Welt

Books

- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -
2017 OK Publishing
ISBN 978-80-272-1380-1

Inhaltsverzeichnis

Erster Theil.
Vorerinnerung des Verfassers.
Einleitung.
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Achtes Kapitel.
Neuntes Kapitel.
Zehntes Kapitel.
Eilftes Kapitel.
Zwölftes Kapitel.
Dreizehntes Kapitel.
Vierzehntes Kapitel.
Fünfzehntes Kapitel.
Sechszehntes Kapitel.
Siebenzehntes Kapitel.
Zweiter Theil.
Achtzehntes Kapitel.
Neunzehntes Kapitel.
Zwanzigstes Kapitel.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Achtundzwanzigstes Kapitel.
Neunundzwanzigstes Kapitel.
Dreißigstes Kapitel.
Einunddreißigstes Kapitel.
Zweiunddreißigstes Kapitel.
Letztes Kapitel.

Erster Theil.

Inhaltsverzeichnis

Wird dir der Stunden Gedächtniß entweichen, Die wir begruben in seliger Laube, Häufend auf ihre entschlafenen Leichen Blüthe und Duft statt der Decke von Staube?

Shelley.

Du führst die Reihe der Lebendigen Vor mir vorbei, und lehrst mich meine Brüder Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.

Göthe im Faust.

Vorerinnerung des Verfassers.

Inhaltsverzeichnis

Könnt' ich der Kritik und dem Publikum vorschreiben, so wünschte ich, vorliegendes Werk möchte eher nach den Gesetzen der Poesie als der Prosa beurtheilt werden, denn im Bereich jener lagen Idee und Ausführung desselben, und ich fühle, daß ein gewisser Anklang zu Dem, was dem Verfasser vorschwebte, nöthig ist, um ihm für die Mährchen, die er seiner Erzählung einverleibt hat, für die Buntheit seiner Darstellung und die Ueberfülle seiner Gemälde Nachsicht zu gewinnen. Indessen kann man sich bei einem Versuch, die Umgebungen des Rheins zu schildern und einige der dortigen Sagen in unsere Welt einzuführen, vielleicht bei dem besten Willen nicht erwehren, der Phantasie den Zügel, wenn auch nur leichtweg, schießen zu lassen, oder dem überwältigenden Einfluß des romantischen deutschen Geistes, den ich in eine kältere Sprache zu übertragen gesucht, einigermaßen anheimzufallen.

Einleitung.

Inhaltsverzeichnis

An die Ideale.

I.

Gleich der Najade in der Griechen Träumen Wohnt unsichtbar ein Kind der Poesie In unsrer Lebensfluten dunkelm Strom – Der Seele Nymphe, unsres Tages Botin; Sie läßt den Strom in Melodieen fließen, Sie macht den Sturm der Saite unterthan, Läßt Tempes Veilchen um die Zelle sprossen, Wo still der Mond dem grünen Rasen kost; Das Ideal im tiefen Born der Wahrheit Haucht sie um Alles jugendliche Klarheit.

II.

Ein Engel ob der dunkeln, blinden Erde, Der uns in bleicher Höh die Heimath zeigt, – Besiegerin der Zeit und Angst, entstammst du Dem Morgen; und die menschgewordne Liebe, Dieselbe Macht, die einst in Galiläa, Als mit der grimmen See das Schifflein rang, Auf zorn'ges Dunkel milde Stille goß Und schweigen hieß der Tiefe wilden Aufruhr, – Sie ist dir nah mit hellen Sonnenblicken, Zu lächeln in den Sturm, die Nächte zu erquicken.

III.

'S gibt eine Welt jenseits der Sichtbarkeit, Wo die Erinn'rung Hoffnungsfarben trägt. Der Jugend frischem Blick mag geisterhaft Dies Leben dünken, aber innig süß – Ein Herz nur und ein Traum. Wenn Nebeldunst Die Erde drückt, entfliehen wir dorthin; Die Luft weht sanft und golden glüht der Tag, Und Blumen blühen, Wälder rauschen, Vögel Erwiedern sich mit frohem Ruf. Der Mittag Lacht laut hinab die lust'gen Wasserfälle. Kein Mensch ist dort, doch immer findest du Die Nixe, ihre goldnen Locken flechtend; Und ist der Tag hinunter und die Sterne Sind aus des Himmels duft'ger Nacht gebrochen, Erblickst du oft im fernen Dämmerlicht Die hellen Elfen auf dem Silbergrün; Und wenn des Morgens rosenfarb'nen Urnen Der junge Thau entperlt, wenn in den Himmel Ihr frohes Lied in wildverschlung'nen Kreisen Die erste Lerche webt, kommt lustig flötend Der bärt'ge Faun durchs würz'ge Laub daher, Und nebelähnlich sinken Dunstgestalten Hinab in den krystall'nen Quell, und still Zerfließt die Oreade in des Bergs Umgrünter Höhle. Dein Werk ist dies, und deine Welt, du holde Bewohnerin der Herzen; jedes Glaubens Gebild, wenn schön es oder wunderbar, Ist dein; von dir geboren, doch unsterblich; Und jeder Drang der sehnsuchtvollen Seele, Der Ewigkeiten Saame eingestreut Vom Himmel in die unfruchtbare Erde; Die Thräne, die dem Gram nicht, und das Lächeln, Das nicht der ird'schen Lust entflammet, – Keime, Die, wärest du nicht, all' begraben lägen Bis man uns einscharrt, steigen aus der Gruft, Wo deines Oheims hold Gebot sie ruft.

IV.

Wir lieben, liebend täuschen wir uns ewig, Denn die Gewohnheit nimmt, was uns das Schicksal Gelassen, und in gleichem Maße wie Die heiße Glut der Leidenschaft sich nüchtert, Erbleicht der Engel vor dem Menschenblick. Umsonst, daß wir hinieden sehnend schmachten Nach unsres Busens eingebornem Bild; Du, die Egeria unsrer innern Welt, Aus Lenzeshauch und Sonnenstrahl geboren, Du Abklang unsrer süß'sten Herzenstöne, Du scheinst, doch bist nicht, in der Menschenliebe; Ein Stern erglänzst du über'm tiefen Meer, Und unerreichbar bist du wie ein Stern. Stets wenden wir das Aug von deinem Licht, Die Last der Erdenbürde mehr zu fühlen, Nach fernem, dämmerigem Glück zu seufzen Und von dem Staub des Himmels Fund zu fordern. So hängt an deine Freuden sich der Schmerz, Wie Töne uns durch Wohllaut Thränen rauben. Doch wenn die Qual, kommt auch der Lohn von dir Und Phantasie besiegt die Erdenklage. Und stets, wie Persiens zärtster Dichter sprach, Durchströmt der Rose Hauch gemeinen Lehm.1 Entsproßt für uns das Himmelsblümchen nicht, So hängt sein Balsam doch an unsrem Staub, Am süßen Duft zeigt sich die bess're Erde, Und Werth wird ihr durch eine fremde Würze. So gab dein Zauber ewig helle Namen An Seelen, denen Schwachheit ward zum Ruhm; So schlug er aus dem Schmerze heil'ge Thränen Und füllte Rousseaus unbefriedigt Herz Mit reiner Flamme des Prophetenthums. Und er, der irre Held, der trübe Weise, Um den das Urtheil, das ihn richtet, klagt, Der junge, schöne, dessen Melodie Ein Echo nachließ, wo sein Schatten ging, Und der mit Wehmuth halb und halb mit Hohn Das stumme Herz der Welt mit Dichterketten Band an sein wandernd Haus: war er nicht dein? Ganz dein? Nach Schwäche, Irrthum, Kraft, Nach Ruhm und Allem, was Gedächtniß ihm In unsrer Brust erschuf? Sein Leben war Von dieser Erde nicht: der Luft, die er Als Odem sog, gab dein Erscheinen Licht, Dein Untergehen sonnenlose Nacht. Beschlich ihn schlangengleich der Erde Weh, Erzeugte Argwohn staubverwandte Sünde, Schwand sein Gemüth in einen kranken Traum, Bis ihm das Ich sein Gott ward wie sein Stoff: So schilt sein gramvoll Antlitz unsre Rüge, Als thäten Schmach wir eines Freundes Grab. Wie Mondenlicht der Fluten Sturm beherrscht, Beherrschtest wilder Sänger du die Brust, Und machtest uns zu deinen Bundsgenossen. Und als dein pilgernd Herz zur Ruhe kam Schien die Natur im ew'gen Lauf zu stocken: Betäubt, erschrocken standen wir; dein Leben War von uns selbst ein Theil, ein Seyn geworden! Und Wer kann sagen, welche Labe dennoch Die stille Nacht der tiefverborgnen Seele Dir bot als du an Rheines Wogen standst, In Neros Thurm der Winde klagen horchtest, Den Mond auf des Ilyssus schmales Bett Sein träumend Licht als Jüngling werfen sahst? Des Ideales Opfer und sein Priester! Kein Anderer wird deine Freuden messen, In deinen Schmerz kein Andrer niedersteigen. Zerschmettert ist die Harfe, fort der Geist, Und aus der Luft schwand eine Himmelshälfte! Doch ewig wird Venedigs rauschend Meer Zu Tasso's Sang dein wildes Lied gesellen; Dein Schatten wird Ravenna's Flur durchwandern »Bis selbst das Laub von Andacht scheint bewegt.« Und wenn die Zukunft, neidisch auf die Vorwelt, Einst des Argeiers ehernen Schlaf zerbricht, Wird feiervoll dein Name in dem Mund Der Albaneser-Jünglinge erklingen, Dein Bild den Traum der Mädchen Ioniens Durchwandeln, und, «der Oreadenhügel«, »Der Liebe Insel«, und der alte »Quell Der Töne« deinem Lied zur Heimath werden, Und grau ein früher nicht genannter Ort Die wilde Oede Missolonghi's zeichnen.

V.

Doch nicht des Leiergottes Söhnen nur Ward zugetheilt des Ideales Himmel; Gewaffnetern und strengern Seelen auch Gebeut dein Ruf, und jede Erdenwahrheit Trinkt ihre Frische nur aus deiner Urne. Im finstern Kerker, drin der hohe Sidney Die Stunden zählte bis zum Morgen, wo Mit sicherm, ungebeugtem Schritte er Die alte, nimmer wanke Brücke trat, Die übers schauerliche Unsichtbare – Den Abgrund, der vergangner Zeit Geheimniß In seinem Schoose trägt, – zu unsrem Ziel Hinüberführt: welch göttliche Gedanken, Welch weiß verhüllte Träume wachten hier, Gleich Priesterinnen Vesta's vor der Glut, Am lichten Altar seines hohen Sehnens. Sein ungefunden Ideal, deß Glanz Durch Erdenschranken in sein Auge brach, Du, seines Herzens angebetete Erschaffene und Schöpferin, o Freiheit, Du die um des Atheners Schwert den Zweig Einst wandte, der Hipparchos Tod geweiht, Bist du mit ihm im Kerker nicht gewesen? Erfülltest du die Finsterniß ihm nicht Mit hellen Bildern, mächtigen Gesichten Der künft'gen Zeiten? Liebe für dich schuf Ihm Fesseln, doch die Flügel, welche du Mit Adlerfittichen besetzt, vermochte Nicht Kettenlast zu beugen, ein Gefängniß Bracht'st du ihm ein und schlossest ihm die Thore Des Himmels auf; der Todesstreich ward ihm Durch dich und todentrückter Ruhm. Der Donner Zog weit umher, doch durch der Wetterwolken Zerriss'ne Klüfte kam der Zukunft Engel Und kündete in des Gefangnen Zelle Der Menschheit lichterfüllten Gang voraus. Ja! wenn des Lebens letzte Hoffnung sinkt Und schreckenvoll die Seele von dem Ufer Hinausschifft auf die Nacht der ew'gen Tiefe, Glimmst du in einem fernen Stern und leitest Den steuerlosen Kahn. – Vom Blutgerüst, Vor dem gehobnen Beil erhebt der Freund Des Vaterlands zu dir das feste Aug, Sieht nicht die Menge drunten, nicht den Henker, Das Gaffen – Schweigen – Beben – Weinen nicht. Hell durch die Wüste strahlt die Feuersäule Auf das gelobte Land, das Kanaan Der Träume seiner Brust. Der Freiheit Blut Befreit dem künftigen Geschlecht den Pfad Und jeder Tropfen zeugt die Drachensaat.

VI.

Heißt du nicht Trösterin? Verlangen wir Ein Gut, so wirst du liebend uns geschweigen Mit seinem goldnen Schein. Das Leben ist Ein weinend Kind, und deine Muttersorge, Es stets in süße Träume einzuwiegen. Erheberin und Trösterin! Hast du Der Größe ihren Tempel nicht gebaut Im Menschenbusen? Deines Diensts entbehrend Was wären menschliche Gedanken? was Dies dunkle Eiland in dem Meer der Zeit, Umhegt von kleinen Nöthen, niederm Streben? Stand nicht dein Wort in Sternenschrift am Himmel? Begeisterst du uns doch für Alles, was Wir edel achten! Poesie und Glauben; Der Seele mächt'ger Engel, Ruhm; die Freiheit, Die nie erliegt; der Wunsch nach einem Seyn, Das besser ist und lichter als das unsre; Der Drang die Menschen groß zu seh'n und glücklich; Und unsres Gleichen zu den Strahlenbildern Des Himmels zu erheben; das Verlangen Hinaus zu dringen über Sterblichkeit Und zu erklimmen den Olymp: ist Dies Nicht all von dir gegeben, nicht dein Werk? Ists nicht der Wunsch dem Götterruf zu folgen, Der unsern Staub durchbebt? das Unsichtbare Zur Glorie der Wirklichkeit zu bringen? Das Ideal ins Leben zu beschwören? Die Träume in dem Haus von Elfenbein Sind dein, die ungezählte Schaar der Nacht, Der großen Mutter dieser dunkeln Erde, Die lieblichen Despoten, deren Throne Sich bünden gegen jede Lebensangst, Und wunderkräftig, mächtiger als je Der Menschen harsches Wort, die Zähren hemmen! Sie decken auf des Herzens bittre Thränen, Ein lächelnd Luftgespenst; vom Grab zurück Entbieten sie die Lieben und umgaukeln Mit unsres Busens alten Lenzesfarben Die kurze Stunde; wie ihr weinend Kind Die Amme gängelt oder lullt in Schlaf, So leiten oder stillen sie die Seele. Sie herrschen, deine Sklaven, über uns: Was Wunder, daß dem süß verwirrten Munde Die fromme Vorzeit lieh der Zukunft Kunde?

VII.

Sieh auf dem Sarg Oestreichs entkrönten Sohn, Den Hektoriden der gefallnen Troja: Welch hohe Hoffnung stand an seiner Wiege! Ein Traum von Thronen bis zur fernsten Zukunft, Und Frankreichs Veilchenau und Perlenwein. Hoch schwoll die Leier, jubelnd stieg das Lied; Und Frauen, Krieger mit benarbter Stirn, Der alte Stamm von Austerlitz, die Schaaren, Die durch der Alpen Kluft den Rachekrieg Ins Heimathland des Siegeraars getragen, Sie alle drängten sich umher und riefen.Heil Frankreich, Mutterland, dir ist ein Sohn gefunden! Ergraute Mächte bebten ob dem Ruf Auf ihren schwachen, angeerbten Thronen, Und gattenlose Mütter kündeten Den Mord voraus dem Knäblein an der Brust. »Soll dies Geschlecht dem Blut verfallen seyn, »Die Menschheit fortan Ate's Erbtheil werden? »Wird dieser stolzen Loose Ruhe nie »Gerüttelt in der Urne?« – Abwärts zogen Die Jahre; – tritt, erblaßte Fragerin, Herbei und lern! Auf jenem Felsen stirbt der Adler Herr! Des Sohnes Leben ist des Vaters Buße! Was wissen wir von deinem wahren Selbst, Entschlafner Knab', ob tapfer du, ob feige; Ob deine Seele feurig, ob zufrieden Mit niedrer Lust; ob diese schöne Stirn Ein Haus des Geistes, oder stumpfer Sinn Sich schüchtern sperrte in die Formenregel Von einem Hofgefangenwart; ob rasch Dein Blut durch stolze Adern tanzte, oder Vom trägen Herzen dumpfig nieder schlich; Ob, wie in seinem mildern Guß dein Antlitz Bekundete, du Züge deines Vaters Im Innern trugst, die, hätte deinen Faden Geschont das Schicksal, wohl verheißen mochten Des Holzstoß's Asche, der auf Helena's Einsamem Strand gelodert, werd' ein Phönix Entsteigen; oder ob dir Zungenhüter Und Augenwächter, ob entmannte Weichheit, Die zwischen Höfe und Gedanken, wie Dem Vater in der kräft'gen Lust des Lebens Sie zugewebt, lichtlose Mauern zieh'n – Ob sie den Funken löschten, der den einz'gen, Den scepterlosen Sohn Napoleons Zum Kampf entflammte, noch einmal die Schwingen Des dunkelen Adlers auf die alten Thürme Geborner Könige im Sturme trieb? Wer kanns jetzt sagen, kann es fernher ahnen? Des Schicksals trübes Dunkel schließt selbst Träume Von deinem lorbeerlosen Grabe aus. Das lockere Geweb der Schmeichelei, Des Vorgemachs Geträtsch, Lakaienlug, Der Höflingsherzen überreiche Milde, Gleich freundlich gegen Berry's Kind und dich, Sind deine einz'ge Kronik. So verschwand Des großen Korsen weltbegrüßter Sohn! Doch bleibt uns mindestens Dies von dir zu denken, Dem – im Gedankenreich – der Thron noch steht, Daß Nachts, wenn wir in Schlaf begraben lagen, Der Geisterheimath leichtbeschwingte Träume Zu deinem unbemerkten Pfühle kamen Und auf die Zukunft, die dir niemals ward, Ein Licht sich goß. Denn Jedem theilt die Jugend Von ihren Schätzen eine Gabe mit, Und du, das Kind des Schwertes, (das zuerst Den Königen ihr göttlich Recht errang!) Du mochtest mindestens den Wunsch und Traum, Die Phantasie, die gern zur That erwüchse, Als Jugendmitgift in dem Busen nähren. Dann strahltest du vor der erbleichten Welt, Es hielt der Ruhm das düstere Versprechen, Das er an deiner Wiege zugesagt, Aufs Neue ward des Adlers Fahn' entrollt, Ein Herrschermund rief: »kämpfe!« zu der Erde, Ein neu Philippi bot den Weltbesiegern Hohn Und Cäsars Schicksal rächte Cäsars Sohn.

VIII.

Ja, du der Seele mächtige Armida Verlachst der Kön'ge Witz und Wehr. Sie theilen Die sichtbar'n Reiche unter sich, beherrschen Die Oberfläche auf der Erdenflut: – Der tiefre Quell – der höhre Aether, ja Die Sterne selbst und all die lichte Welt Befreiter Hoffnungen, des Himmels Himmel, Sind dein, und Riegel nicht, noch Ketten, Nicht Fürstenhöfe, nicht Gesetze können Dies Feld beschränken; selbst das Schicksal kann Kein Blatt in deinen winterlosen Gärten Verdorren; fruchtlos klopft die Parze An deine Thore. Uebertünchte Liebe, Der Herzdurchbohrer Gram, das schwanke Glück, Die Schaam, die hinter dürft'gem Stolze schleicht, Die Eifersucht (der Leidenschaft Gefährtin), Sie können deine Lauben nicht beschleichen! Als aus Edens Verfehmtem Raume die gefall'ne Menschheit Der Herr verbannte, ließ er einen Fleck Im Herzen – (dich, du heilig Ideal In unsrer Lebenswüste –) unbewacht Von jenen Schaaren mit dem Flammenschwerte: Des Paradieses Nachklang auf der Erde!

IX.

Du meines Busens Seraph, holder Tröster, Apostel, der mir heilige Gedanken Und einen Himmel bringt: zu irren Ist unser Loos, der Irrthum aber mag Verziehen werden, wenn er edel ist; Doch Eine niedrige Begier verscheucht Den Engel aus der Stätte, die er hütet. Drum nähr' ich deinen Altar mit der Flamme, Die nur in priesterlicher, reiner Tracht Gewartet werden darf und seh' mit heit'rem, Geheiligtem Gemüth die helle Lohe Der Dünste Qualm von jedem Ort verdrängen. Der Schönheit bring ich meinen Opferdienst, Sey sie auf Erden, sey's im Menschenherzen, Und suche in dem Schattenthal die Blumen, Von denen ich die holde Kunst erlerne, Den Weihrauch stiller Andacht auszustreuen, So hab ich Tugend als ein sichtbares, Fühlbares Gottbild mir gestaltet, und Mit Liebe – wie einst unsre Brust der Herr Erfüllen wird – die Quellen all erfüllt, Woraus das Weltall in das Leben strömt. Sieh! weil ich schreibe rauscht vor meinem Fenster Der wilde Wald, des Nachtwinds freud'ge Lust, Und auf dem Bach, der an die grünen Ufer Mit Geistertönen klagt, steht Stern an Stern, Geheiliget von deiner Gegenwart, Nicht die gemeine Aue, Woge, Luft – In jedem Gräschen seh ich deine Hoheit, In jedem Wehen flüstert deine Stimme. Mein Herz neigt sich zur Trübe, meinen Gliedern Entschwand das Mark der kräft'gen Jugendtage, Und Viel, deß Name schon einst meine Seele Entzückt erhob, verlor, zu spät gewonnen, Die Kräfte der Erquickung; aber du Unangeweht vom Todeshauch der Zeit, Deckst fort und fort die Winterflur mit Grün. Sey du die Meine auf der Bahn der Kämpfe, Der Müh, vielleicht des Unrechts für den Staat, Aus welcher ich zum Lebensende schreite.2 Heb mir das dunkle Herz durch deinen Sang; Zeige der Ruhmbegier ihr edler Ziel – Den Niedern zu erheben, nicht den Starken Zu fürchten. Laß mich hoffen, daß mein Name Als eines Freien mit den Hoffnungen Des Vaterlandes fest verbunden bleibe, Und meinem Grab die Inschrift sey beschieden: »Den Menschen half er; seinem Irrthum Frieden.«

X.

Genug! mein Lied schließt ab und dir, dem Land Des Nordens, sey sein ernster Klang geweiht, Wie ich geweiht die einfache Geschichte, Das Drama dieses Vorspiels. Ferne rollt Der schnelle Rhein im Mondenlichte hin, Doch rauscht vor meines Geistes Ohr und Aug Die Tanne, dran die blaue Woge schlägt; Durch Rheingaus weinbekränzte Thäler seh' Ich dunkle Bilder auf dem Strome gleiten, Ich hör' der Lurlei-Jungfrau Klage zu Und wandle still um Rolands alte Burg. Gepränglos ist und einfach traurig, was Aus wohlverwahrten Angedenken, die Nicht klanglos sterben sollen, meine Seele Gewoben. – Sterben – nimmermehr! die Fluth, Die des Gedankens Strom aus seinen Höhlen Hervortreibt an das Licht – und flöße sie Bis zu der Erde letztem Tag – kann nie Dies Schmerzensangedenken überdauern. Sind unsre Seelen frei von Sterblichkeit,

Erstes Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Worin der Leser bei der Königin Silpelit eingeführt wird.

In einem der grünen Wäldchen, die unserer Insel so eigenthümlich angehören (der Kontinent hat Forsten, England Gehölze!) wohnte vor nicht gar langer Zeit eine reizende kleine Elfin, genannt Silpelit. Sie stammte, glaub' ich, von einem jüngern Zweig des Hauses Mab; doch mag dies auch blos eine genealogische Mythe seyn, denn die Elfen scheinen sehr empfänglich für Ahnenstolz, und wirklich läßt sich nicht leugnen, daß sie sich den freisinnigern Ansichten, die heutigen Tags so sehr im Schwung sind, nur mit einigem Widerstreben bequemen.

Wie dem seyn mag, so ist ausgemacht, daß alle hofgerechte Personen in Silpelits Landen (sie war nämlich eine Königin der Elfen) sich eifrigst befleißigten die Ansprüche ihrer Gebieterin auf diese erlauchte Abkunft außer Zweifel zu setzen, weßhalb die Fürstin denn auch das mabische Wappen neben dem ihrigen führte, nämlich drei grüne Eicheln neben einer aufgerichteten Heuschrecke. Es war ein so lustiger kleiner Hof, als man sich irgend vorstellen konnte, und wohl verlohnte sichs in einer schönen Sommernacht einen Ball der Königin mit anzusehen, d. h. wenn man eine Eintrittskarte zu erhalten vermochte; eine Gunst, die nur gegen schwere Gebühren ertheilt ward.

So lang jedoch Elfen wie Menschen den Vorschlag des trefflichen Herrn Owen, in Parallelogrammen zu leben, nicht annehmen, werden sie stets die Opfer der Langenweile seyn. In der That war Silpelit, die eine unglückliche Liebe gehabt und noch stets im unvermählten Stande verharrte, in den letzten fünf oder sechs Monaten sogar des Ballgebens höchst überdrüssig geworden. Sie gähnte sehr häufig und das Gähnen ward demgemäß eine Mode.

»Warum haben wir doch keine neue Tänze, Pipali?« fragte Silpelit ihre begünstigte Ehrendame. »Diese Walzer sind schon entsetzlich lang an der Tagesordnung.«

»Entsetzlich lang!« erwiederte Pipali.

Die Königin gähnte – Pipali folgte dem Beispiel.

Es war Gallanacht; das Hoflager wurde in einer einsamen, schönen Höhle gehalten, um welche sich von allen Seiten wildes Gesträuch herzog, so daß nicht leicht ein menschlicher Fuß an den Ort gelangen konnte. Wo irgend ein Schatten auf das Gebüsch fiel, da machte sichs jedesmal ein Johanniswürmchen zum Geschäft, sein Licht glänzen zu lassen, und oben zog der helle Augustmond langsam hin, erfreut auf eine so reizende Lustbarkeit niederzublicken; denn man thut dem Mond Unrecht, wenn man behauptet, er habe einen Widerwillen gegen den Spaß; für den Spaß der Elfen fühlt er alle erdenkliche Sympathie. Da und dort im Dickig rollte etwas übrig gebliebenes Geisblatt – im August ist die Zeit des Geisblatts ziemlich zu Ende – seine üppigen Gänge herab, in diesem Augenblick der Sammelplatz der ältern Elfen, die das Tanzen aufgegeben und das Verlästern angefangen hatten. Neben dem Geisblatt sah man die gelbe Wegwarte und die weiße Winde gegen das sanfte Grün des Gebüsches abstechen; Pilze, die im Ueberfluß im ganzen Umkreis umher standen, flimmerten im silbernen Mondlicht und waren den Tanzenden über die Maßen willkommen; weiß doch Jedermann wie angenehm ein Zeltdach bei einer Fête champêtre ist! Doch ich irrte, wenn ich sagte, das Gesträuch habe den Kreis ringsum eingeschlossen, denn eine Sterblichen kaum bemerkbare Oeffnung war da. Durch sie konnte mindestens eine Elfe einen Blick auf einen nahen Bach werfen, der im Sternenschein plätscherte und von Zeit zu Zeit durch das reiche, in seinen Spiegel tauchende Gras, worein sich wiederum das zarte Pfeilkraut oder die glänzende Wasserlilie einwob, eine wechselnde Schattirung bekam. Dann die Bäume selbst, mit der verschwenderischen Mannigfaltigkeit ihres bunten Schmelzes geschmückt: – blaue – rothe – gelbe Tinten; – das zarte Silbergrün und die tiefen, ins Schwarz übergehenden Schattenmassen; die Weide, Ulme, Esche, Föhre, Linde und vor Allem Altenglands heimathliche Eiche: all diese Farben brachen sich wiederum in tausend dünnere, zärtere Hauche, je nachdem die funkelnden Sterne durch das Laub schimmerten, oder der Mond mit vollerem Licht auf irgend einer Lieblingsstelle ausruhte.

Es war Gallanacht; die ältern Elfen plauderten, wie schon gesagt, im Geisblatt; die jungen schwärmten und tanzten und liebelten! die Leute von mittleren Jahren politisirten unter den Pilzen, und die Königin mit einem Halbdutzend ihrer Günstlinge gähnte ihre Lust von einem kleinen, mit dem dichtesten Moos bedeckten Hügel herab.

»Wars doch nie mehr amüsant, Eure Majestät, seit Prinz Faisenheim uns verlassen hat!« bemerkte der Elfe Schnipp.

Die Königin seufzte.

»Wie hübsch der Prinz war;« sagte Pipali.

Die Königin erröthete.

»Auf der Welt kleidete sich Niemand geschmackvoller – und welch ein Schnurrbart!« rief Pipali, indem sie sich mit ihrem linken Flügel fächelte.

»Ein Geck war er!« sagte der Großschatzmeister griesgrämig. Der Großschatzmeister war der ehrlichste und unangenehmste Elfe vom ganzen Hof; ein trefflicher Gatte, Bruder, Sohn, Vetter, Oheim. Diese Tugenden hatten ihn zum Großschatzmeister gemacht; unglücklicher Weise machten sie ihn zu keinem scharfsinnigen Mann. In einer Beziehung glich er Karl dem Zweiten; denn er that nie etwas Weises; aber in der andern glich er ihm nicht, denn er sagte sehr häufig etwas Thörichtes.

Die Königin faltete die Stirn.

»Ein junger Prinz büßt deßhalb nichts an seinem Werth,« entgegnete Pipali. »Glaubt Eure Majestät, Seine Hoheit werde zu uns zurückkehren?«

»Belästige mich nicht mit Fragen!« erwiederte Silpelit ärgerlich.

Dem Gespräch eine angenehme Wendung zu geben, erinnerte der Großschatzmeister Ihro Majestät, daß die Geschäfte sich zum Erschrecken angehäuft hätten, besonders hinsichtlich der schwierigen Angelegenheit mit dem Ameisenanlehen. – Ihro Majestät stand auf und verfügte sich, auf Pipalis Arm gelehnt, hinab ins Speisezelt.

»Sagen Sie mir doch,« fragte die Elfin Tripp den Elfen Schnipp, »was soll all das Gerede vom Prinzen Faisenheim? Entschuldigen Sie meine Ignoranz, Sie wissen, ich bin eine Neulingin in den Salons.«

»Hm!« erwiederte Schnipp, ein junger Höfling, nicht aufs Heirathen bedacht, aber höchst verführerisch: »die Geschichte ist diese. Vorigen Sommer besuchte uns ein Fremder, der sich Prinz Faisenheim nannte, einer von den deutschen Elfen, mein' ich; eben nichts Sonderliches, walzte aber zum Entzücken. Er trug lange Sporen, aus den Stacheln der Roßmücken im Schwarzwald gemacht; die Mütze saß auf der einen Seite des Kopfs, und sein Schnurrbart kräuselte sich wie die Lippe der Drachenblume. Er war auf Reisen und vertrieb sich die Zeit damit, der Königin den Hof zu machen. Sie haben keine Idee, liebe Tripp, mit welcher Begierde sie ihn von den wunderlichen Geschöpfen Deutschlands erzählen hörte – von wilden Jägern, Undinen und Waare von dergleichen Stoff,« fügte Schnipp verächtlich hinzu, denn Schnipp war ein Freigeist.

»Und das Ende?« fragte Tripp.

»Und das Ende? sie verliebte sich!« rief Schnipp pathetisch aus.

»Und der Prinz?«

»Packte seine Kleider zusammen und schickte seinen Reisewagen voraus, um nach Bequemlichkeit oben auf einer Posttaube abreisen zu können; und das Ende – wie Sie sich ausdrücken – das Ende vom Lied war, daß er die Königin sitzen ließ, und sie hat seitdem das Gähnen aufgebracht.«

»Das war sehr schlecht von ihm!« bemerkte die mitleidige Tripp.

»Hui, mein liebes Kind,« rief Schnipp, »ich wollte sehen, wenn er Ihnen die Cour gemacht hätte!«

Tripp lächelte verschämt, und die alten Elfen auf ihren Sitzen im Geisblatt bemerkten, sie habe eine üble Conduite; aber freilich seyen die Tripps nie allzu ehrbar gewesen.

Mittlerweile hatte die Königin nach kurzem Stillschweigen zu der unterstützenden Pipali gesagt: »Du mußt wissen, daß ich einen Plan gemacht habe!«

»Wie herrlich!« rief Pipali. »Eine neue Galla!«

»Pah! sicherlich mußt selbst du dieser Possen satt seyn; der Zeitgeist dreht sich nicht länger um Frivolitäten, und ich darf wohl voraussagen, daß wir mit dem Vorschreiten eines ernsten Lebens dieser Gallanächte ganz los werden dürften.« Die Königin sprach Dies mit einem Ausdruck unendlicher Verständigkeit, denn die »Gesellschaft für Verbreitung allgemeiner Verdutzung« war kürzlich unter den Elfen gegründet worden, und ihre Abhandlungen hatten alle leichtere Lektüre aus dem Markt getrieben. Nicht wenig hatte auch die »Pfenningprosa« zur Vermehrung der Kenntnisse und des Gähnens beigetragen, die beide damals am Hof so sichtbare Fortschritte machten.

»Nein,« fuhr Silpelit fort; »ich habe mir was Besseres als Galla's ausgedacht; – laßt uns auf Reisen gehen!«

Pipali schlug die Hände jubelnd zusammen.

»Wohin werden wir reisen?«

»Fahren wir den Rhein hinauf,« bemerkte die Königin mit abgewandtem Gesicht. »Wir werden zum Erstaunen gut aufgenommen werden; es leben dort Elfen ohne Zahl, den ganzen Weg am Ufer entlang; desgleichen verschiedene entfernte Verwandte von uns, deren Natur und Eigenschaften einem philosophischen Gemüth Interesse und Belehrung darbieten.«

»Der kleine Däumling zum Beispiel!« rief die muntere Pipali.

»Der rothe Mann,« erwiederte die ernstere Silpelit.

»O meine Königin, was für ein herrlicher Plan!« und Pipali war die übrige Nacht hindurch so aufgeregt, daß die alten Elfen in den Geisblattblüthen sich zuflüsterten, die Ehrendame habe einen Becher Maienthau zu viel getrunken.

Zweites Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Die Liebenden.

Ich wünsche mir blos solche Leser, die sich mir mit Herz und Seele hingeben; – fangen sie an zu kritisiren, so sind wir geschiedene Leute; ihre Einbildungskraft muß sich meiner Führung gänzlich unterwerfen; und sollten sie endlich nicht selbst froh seyn dieser trübseligen Alletagswelt los zu werden, und sich von einem Autor kopfüber forttragen zu lassen, der ihnen etwas Neues verspricht?

Von der Höhe bei Brügge blickten ein Sterblicher und seine Verlobte auf den Schauplatz vor ihnen nieder. Langsam sahen sie die Sonne unter purpurnen Wolkenmassen versinken, und der Liebende wandte sich zur Geliebten und seufzte tief. Denn ihre Wange voll gedrängter Rosen war zärter als die Blüthe, die den Farben der Gesundheit angehört, und als er die Sonne vor der Welt hinabtauchen sah, kam der Gedanke über ihn, daß die neben ihm Stehende seine Sonne sey und der Glanz, den sie über sein Leben warf, in Kurzem hinübergehen dürfte in den Schoos der ewigen Nacht. Aber gegen die Wolken erhob sich einer von den vielfachen Thürmen, welche ein bezeichnendes Merkmal der Stadt Brügge sind, und an dieser in den Himmel vorschwebenden Spindel hing das Auge von Gertrud Vane. In den verschiedenen Gegenständen, welche die Blicke der Beiden fesselten, drückten sich wie in einem Sinnbild der verschiedene Gang ihrer Gedanken und die verschiedenen Elemente ihres Wesens aus: er dachte an Schmerzen, sie an Trost; sein Herz verkündete den Weggang von der Erde, das ihrige das Aufsteigen zum Himmel. Der tiefere Theil der Landschaft war in Schatten gehüllt; aber eben wo sich das Ufer zu einer scheinbaren Bucht einründete, fiel das Scheidelächeln der Sonne auf das Wasser und in kaum bemerkbaren Wellen schlug es gegen das grüne Kraut auf, welches das Gestad überkleidete. Zwei der zahlreichen Windmühlen, die einen so malerischen Zug jener Gegend bilden, standen am aufsteigenden Rand des Gewässers in geringer Entfernung von einander; ihre Flügel, in der Stille des Abends vollkommen bewegungslos, bildeten eine Zugabe zu dem ringsumher athmenden ländlichen Frieden. Für mich wenigstens liegt in den unbewegten Flügeln eines solchen Geschöpfs der menschlichen Geschäftigkeit ein besonders bezeichnender Ausdruck der Ruhe; ihr Stillstand scheint ein Bild der Stille unsres eignen Herzens: – kurz und ungewiß, der natürlichen Bestimmung entgegen; und doppelt eindringlich wird dieser Gedanke durch das Gefühl, das uns erinnert, wie unzuverläßig solche Rast ist, – wie abhängig vom leisesten Hauch, der sich in jedem Augenblick und von jeder Seite des Himmels her erheben kann! – Jene sahen keine lebende Gestalten vor sich, ausgenommen ein paar Landleute, die noch am Ufer weilten.

Trevylyan schmiegte sich fester an seine Gertrud, denn er liebte sie auf unendlich zarte Weise; die wachsame Sorge um sie machte seinem kräftigen Körper die erste Abendkühle noch früher bemerklich, als ihr selbst.

»Geliebte! laß mich Deinen Mantel fester um Dich hängen!«

Gertrud lächelte ihren Dank.

»Mir ist wohler, als seit Wochen,« sprach sie; »und kommen wir erst auf den Rhein, so wirst Du mich so gesund werden sehen, daß Deine ganze Theilnahme für mich aufhören dürfte.«

»Wollte der Himmel, meine Theilnahme für Dich würde auf eine solche Probe gestellt!« erwiederte Trevylyan; und langsam kehrten sie nach dem Gasthof zurück, wo Gertrudens Vater ihrer bereits wartete.

Trevylyan war von wilder, entschlossener, thatkräftiger Natur. Mit sechszehn Jahren in die Welt geworfen, hatte er seine Jugend abwechselnd unter Vergnügungen, Reisen und einsamen Studien zugebracht. In dem Alter, worin der Mann für phantastische Einfälle vielleicht am wenigsten, für wahre Leidenschaft am meisten empfänglich ist, überwältigte ihn die Liebe zu dem holdesten Wesen, das je in die Entzückung eines Dichters herabgedämmert hat. Ich sage Dies ohne Uebertreibung, denn Gertrud Vane hatte in der That die Schönheit, aber auch die Vergänglichkeit eines Traums. Höchst seltsamer Weise begegnete es Trevylyan (der freilich auch ein seltsamer Mensch war), daß er, dessen Neigungen von Natur sehr schwer zu erregen schienen, beim ersten Blick eine Person lieben mußte, deren bereits zweifellose Krankheit jedes andere Herz abgeschreckt haben dürfte, seine Schätze einer Barke anzuvertrauen, die sich zur Lebensreise so gänzlich ungeeignet auswies. Schwindsucht, aber Schwindsucht in ihrer schönsten Gestalt hatte Gertruden ihren Stempel aufgedrückt, als Trevylyan sie zum erstenmal sah und beim ersten Sehen liebte. Er kannte die Gefahr des Uebels; er täuschte sich, einzelne Momente abgerechnet, nicht; er kämpfte gegen die aufkeimende Leidenschaft, vermochte sie aber bei aller Stärke seiner Natur nicht zu bewältigen. Er liebte, gestand seine Liebe, und Gertrud erwiederte sie.

In einer solchen Liebe liegt etwas unendlich Schönes – die reine Poesie des Herzens. Das Verlangen durch die Furcht geheiligt, und fast ohne die Möglichkeit auf dem gewöhnlichen Weg der Sinne seinen Zündstoff zu verzehren, bricht sich seinen Erguß in jenem unbestimmten Schmachten – jenem erhabenen Streben nach dem Hellen – Fernen – Unerreichten. Es ist »die Sehnsucht des Staubs nach den Sternen« – es ist die Liebe der Seele!

Die Aerzte hatten Gertrud gerathen, den Einfluß eines südlicheren Klimas zu versuchen; aber Gertrud war die Tochter einer deutschen Mutter und ihre junge Phantasie hatte sich mit all den dichterischen Sagen und lockenden Träumen genährt, die den Ufern des Rheins angehören. Ihr Gemüth, mehr romantisch als klassisch, sehnte sich nach den rebenbekränzten Hügeln und geisterrüchigen Wäldern, die einen so fruchtbaren Zauber über Alles ausüben, die selbst nur wenige Züge aus der Literatur des Nordens gethan haben. Ihr mit Nachdruck ausgesprochener Wunsch, ihre erklärte Ueberzeugung, daß wenn irgend ein Ortwechsel den Fortschritt ihrer Krankheit noch aufhalten könne, es die Gestade des Stromes seyen, nach deren Anblick sie so lang geschmachtet, hatten bei den Aerzten und dem Vater den Ausschlag gegeben, und beide Theile zur Einwilligung in die Pilgerschaft am Rhein bewogen, auf welcher Gertrud, ihr Vater und ihr Geliebter jetzt begriffen waren.

An der grünen Uferkrümmung, welche die Liebenden von der Höhe von Brügge aus sahen, trafen auch unsere Elfenwanderer zusammen. Pipali, Schnipp, Tripp und der Großschatzmeister (dies war die ganze Gesellschaft, die von der Königin zum Reisegefolg ausgelesen worden) lehnten sich behaglich an den Rand des Wassers, spielten Domino mit Augentrost und den schwarzen Flecken des Klees, und warteten auf Ihro Majestät, die, eine neugierige kleine Fee, sich auf Rekognoscirung in der Stadt befand.

»Gott behüte!« rief der Großschatzmeister, »was für ein toller Einfall! Ueber diese unermeßliche Wasserwüste zu setzen! – und gab es je so erbärmliches Gras, wie dies da? – man sieht, daß es hier sehr übel um die Elfen stehen muß!«

»Sie sind immer unzufrieden, Mylord,« entgegnete Pipali. »Aber freilich scheinen Sie auch ein Bischen zu alt zum Reisen; – Sie müßten denn etwa in Ihrer Nußschale und mit Vieren fahren.«

Dem Großschatzmeister behagte diese Antwort nicht; er brummte ein ärgerliches »Pah!« und nahm eine Prise Geisblattstaub als Tröstung gegen die Nothwendigkeit, sich so viel Frivolität gefallen lassen zu müssen.

In diesem Augenblick, ehe der Mond noch seine Mittelhöhe erreicht hatte, langte Silpelit bei ihren Unterthanen an.

»Eben kehr' ich von einer Scene zurück,« hob sie mit dem Ausdruck der Wehmuth auf den Zügen an, »die in mir jene Anmuthung zu den menschlichen Wesen beinah' von Neuem hervorgerufen hat, von welcher unser Geschlecht in den letzten Jahren fast ganz abgekommen ist.«

»Ich durcheilte die Stadt, ohne sonderlichen Stoff zu einem Abenteuer zu bemerken. Einen Moment hielt ich auf dem Pfühl eines fetten Bürgers still, und ließ ihn von Liebe träumen. Entsetzt wachte er auf und rannte hinunter, ob nicht etwa seine Käse Schaden genommen hätten. Mit leichter Schwinge streifte ich über die Augen eines Politikers, und straks träumte er von Theater und Musik. Einen Leichenbesorger traf ich im ersten Schlummer und ließ ihn in den Wirbeln eines Walzers zurück. Denn was wäre der Schlaf, bildete er keinen Gegensatz gegen das Leben? Sofort kam ich in ein einsames Gemach, worin ein Mädchen in der zartesten Jugend betend neben ihrem Bett kniete, und ich sah, daß der Geist des Todes über sie hingegangen, und der Mehlthau auf die Blätter der Rose gefallen war. Das Zimmerchen still und ruhig! – der Engel der Reinheit hielt darin Wache. Des Mädchens Herz war voll Liebe und doch voll heiliger Gedanken, und ich ließ sie von dem ihr versagten langen Leben träumen, von einem glücklichen Haus, von den Küssen ihres jungen Geliebten, von ewiger Treue und nie schwindender Zärtlichkeit. Möge sie mindestens im Traum genießen was das Schicksal der Wirklichkeit versagt hat! Aus dem Zimmer tretend fand ich ihren Freund im Mantel neben der Thür ausgestreckt; denn er liest mit zuckender, verzweifelter Voraussicht das Loos, das ihrer wartet, und so sehr liebt er selbst die Luft, die sie athmet, den Boden, den sie tritt, daß wenn er sie nicht mehr sieht, er still und unbemerkt zu dem ihrer heiligenden Gegenwart nächsten Ort schleicht, damit so lang sie noch auf Erden weilt, keine Stunde, keine Minute einem andern Gedanken zugewiesen sey, als ihr. In der Verminderung des Zwischenraums, der ihn für jetzt nur augenblicklich von ihr trennt, liegt für ihn ein Gefühl der Sicherheit, ein furchtbarer Trost. Solche Liebe erschien mir nicht wie die Liebe der gemeinen Welt; ich hielt meine Schwingen an, und betrachtete sie wie Etwas, für dessen Schönheit und düstere Wahrheit Jahrhunderte vielleicht kein Gegenbild aufweisen können. Aber den Schlummer wehrte ich von den Augen des Liebenden ab, denn wohl wußte ich, daß der Schlaf für ihn ein Tyrann ist, der während er sein Leben fristet, die kurze Zeit des liebenden Bewußtseins beschränkt; und ein trüber, ängstlicher Gedanke an die Geliebte ist süßer für den Armen, als der lachendste Elfentraum. So hielt ich ihn denn wach und blieb bei ihm durch die lange Nacht und fühlte, daß, so lang die Kinder der Erde die wahre Liebe unter sich gegenwärtig erhalten, sie immer noch etwas haben, was sie den Geistern edlerer Abkunft verbündet.«

Und ach! liegt denn in unsern Dichtungen von der unsichtbaren Welt nicht doch eine Wahrheit? Gibt es nicht wirklich holde Bewohner der Forsten und Ströme? Blicken Mond und Sterne nicht auf zarte, beschwingte Gestalten herab, die sich in ihrem Licht baden? Sind Elfen und unsichtbare Begleiter blos die Kinder unserer Träume, nicht ihre Schöpfer? Ist Alles, was aus dem goldenen Buch des Schlafs zu uns spricht, nur eitel Trug? Gehört die Welt blos rauhen, angsterfüllten Arbeitern, die in der Verfolgung nicht zarter Schatten hin und wieder wandeln? Sind die Gespenster der Leidenschaft die einzigen Geister im Weltall? Nein! indem meine Erinnerung zu ihren verborgensten Schätzen hinabsteigt, wurde das Bild Einer, die nicht mehr ist, – die »nicht der Erde irdisch Kind« war, – Einer, in welcher die Liebe als Inbild göttlicher Gedanken erschien, – Einer, deren Gestalt und Geberde, deren Herz und Sinn, hätte auch früher nie ein Dichter davon geträumt, die Vorstellung von Geistern erzeugt haben müßte, die den Sterblichen gleichen aber nicht zu ihnen gehören . . . . nein, Gertrude, indem ich Deiner gedenke, klammert sich der Glaube an hellere Gestalten und schönere Naturen, als die, wovon die Welt weiß, an mein Herz, und fort und fort will ich denken, Elfen hätten über Deinen Schlaf gewacht und Geister seyen Deiner Träume Diener gewesen.

Drittes Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Gefühle.

Gertrud und ihre Begleiter fuhren in langsamen, für Erstere freudereichen Tagreisen nach Rotterdam. Trevylyan saß neben ihr; stets lag ihre Hand in der seinigen und fühlte sich ihr zarter Körper etwas ermüdet, so sank ihr Haupt auf des Freundes Schulter als seinen natürlichen Ruheplatz. Ihr Vater war ein Mann, der lang genug gelebt, um manche Stöße des Schicksals zu erfahren. Diese hatten ihn, wie meines Bedünkens lange Widerwärtigkeiten ihr Opfer in der Regel zurücklassen, etwas kalt und verhärtet gegen die Empfindungen des Herzens gemacht – passiv und resignirt, gefaßt auf das Schlimmste als auf das Gewöhnliche und Natürliche, und vom Besten, als einem unvorhergesehenen Zwischenakt im regelmäßigen Lauf der menschlichen Leiden, wenig erwartend. Er bemerkte die Gefahr seiner Tochter nicht, denn er gehörte nicht zu Denen, welche die Angst der Liebe mit einer Voraussicht der Zukunft begabt. Gleichwohl liebte er sein Kind, sein einziges Kind mit der ganzen Wärme, die ihm nach den mannigfaltigen Schlägen, die sein Herz getroffen, noch übrig blieb, und Gertrudens bevorstehende Verbindung mit einem so reichen und angesehenen Mann, wie Trevylyan, rief ihm sogar ein Gefühl hervor, das der Freude nah' kam. In den affektlosen Gleichmuth seines Wesens gehüllt, lehnte er sich über den Wagen, genoß das schöne Wetter, das die Reise begleitete, und empfand – wie er denn wirklich einen feinen und gebildeten Geschmack besaß – jede Schönheit der Natur oder Schöpfung der Kunst, zu welcher die Gesellschaft ihre wechselnde Bahn führte. Ein Gefährte dieser Art war der Angenehmste, den zwei Menschen, die nie einen Dritten brauchen, sich wünschen konnten. Ungestört überließ er sie dem Entzücken über ihre gegenseitige Nähe: er merkte nicht auf den Austausch ihrer Blicke, horchte nicht auf das Gelispel, das leise süße Gelispel, womit das Herz dem Herzen sein Mitgefühl ausspricht. Nicht brach er die wonnige Stille, die uns überkommt, wenn das Gemüth voll ist und die Worte nichts mehr zu erläutern brauchen – jene Ruhe der Empfindung, jene Gewißheit, daß wir ohne Schall und Ton verstanden werden, in welcher eigentlich die Schwelgerei eines geselligen Verkehrs und der wahre Genuß des Reisens besteht. Welche Erinnerung lassen solche Stunden zurück, wenn wir uns einmal zum ruhigen Geschäft des gemeinen Lebens niedergesetzt haben! wie reizend erscheint uns durch die Fernsicht der Jahre hindurch dieser kurze Streifen Mondlicht auf den Wellen unserer Jugend!

Trevylyans Natur, wie schon gesagt, ursprünglich hart und rauh, war heftig, reizbar, ehrgeizig, und Weltklugheit und Welterfahrung hatten früh in ihr nachgeklungen; aber sein jetziger Gemüthszustand schien ihn gänzlich umgewandelt zu haben; jede Stunde, jede Minute brachte ihm ein Ereigniß; jeder Blick Gertrudens grub sich in das Buch seines Herzens, so daß seine Leidenschaft nicht die leiseste Stockung kannte, keines Wechsels bedurfte; er lebte nur in seiner Liebe; seine Liebe war er selbst! Er war sanft und wachsam, wie der Schritt der Mutter am Bett ihres kranken Kindes; das unbezähmbare Herz hatte den Löwen in ihm gezähmt. Zudem erfüllte ihn die Trauer, die Ahnung, die sich der Zärtlichkeit für Gertrud beigesellte, mit jener Poesie der Empfindungen, dem Ergebniß eines mächtig auf uns lastenden Gedankens, den wir in der gewöhnlichen Sprache nicht ausdrücken dürfen. Während dieses ersten Abschnitts ihrer Reise wurden, wie ich aus dem Datum ersehe, nachstehende Zeilen geschrieben; sie müssen als das Werk eines Menschen betrachtet werden, für welchen Schmerz und Wirklichkeit die einzige Begeisterung waren.

Wie dunkelnd sich ein Blatt verschließt dem Licht, Wenn froher Mittag gaukelt in den Zweigen, Seh' ich der Erde strahlend Lenzgesicht Zu mir allein die trüben Schatten neigen.

Was ist des Maies Hauch, der Knospe Bruch, Was Frühlings Wohllaut, Lebens Stolz und Labe, Wenn jede Sonne spinnt am Leichentuch, Und Zeit nur ewig tändelt mit dem Grabe?

So rein, so jung! – wenn auf des Himmels Grund Noch lachend junge Morgenrosen wallen! – Der Ton – das Aug' – der liebesüße Mund, Sind sie nicht Seelen? – und dem Tod verfallen?

Gilt auch für uns der strenge Spruch: dahin! Muß auf so sanfter Flut die Barke sinken? Bringt dir dein kurzer Lenz nur den Gewinn Der Blumen, die von deinem Sarge winken?

O, Gott, daß mich nicht fassen soll die Gruft – (Hat doch die Welt genug von dunkelm Staube!) Und sie, die Rose, deren holder Duft Die Flur beseelte, wird dem Sturm zum Raube!

Und ich, an dessen liebetrunken Herz In deinem Hauch des Himmels Wellen beben, Ich muß hinunterlächeln meinen Schmerz, Daß er nicht trübt dein letztes, süßes Leben!

Ja, ich will freundlich an der stillen Brust Den Wurm, den überwundenen, verstecken, Brich, brich, mein Herz; – laß mir die arme Lust, Daß meine Klagen sie vom Traum nicht wecken!

Wo ihn der Sterne Engel mild bewacht, Zieht leis der Meerstrom über seine Höhle; So auch mein Geist! – da unten tiefe Nacht, Doch auf den Wassern schwebet deine Seele!

Gertrud selbst hatte das Vorgefühl, das Trevylyans Gemüth füllte, nicht. Sie dachte zu wenig an sich, um ihre Gefahr zu kennen, und die jetzigen Stunden waren für sie Stunden ungemischter Wonne. Mitunter jedoch drückte die Erschöpfung ihrer Kräfte ihren Lebensgeistern eine gewisse Schwermuth ein; sie ward in sich gekehrt und suchte vergebens gegen eine krankhafte Verstimmung anzukämpfen. Diese Anfälle von Niedergeschlagenheit und Verdüsterung griffen Trevylyan in die Seele; unaufhörlich merkte sein Auge auf dieselben, suchte sein Herz sie zu sänftigen. Oft wenn er sie herankommen sah, bemühte er sich Gertrudens Aufmerksamkeit von Dem, was er irriger Weise für Mitempfindung seiner eigenen Ahnungen hielt, abzuleiten und ihre junge, romantische Einbildungskraft auf einige Zeit durch den lieblichen Trug der Dichtung zu führen. Denn Gertrud stand noch in der ersten Jugendblüthe, und noch perlte der ganze Thau der schönen Kindheit frisch aus der jungfräulichen Blume ihres Gemüths. Trevylyan, der einige seiner frühern Jahre unter den Studenten in Leipzig zugebracht hatte und in der bunten Mährchenwelt tief bewandert war, durchwühlte sein Gedächtniß nach solchen Geschichten, die ihm am ansprechendsten für die Geliebte dünkten; oft begann er mit erkünsteltem Lächeln einen lustigen Schwank, öfter noch, mit mehr eigenem Antheil, die ernstere Sage von Herzensproben, welche Verschleierinnen wie – Verkünderinnen derjenigen waren, die ihnen selbst bevorstand. Von solchen Erzählungen habe ich nur wenige ausgelesen; ich glaube nicht, daß sie der Wiederholung am mindesten werth sind; jedenfalls sind sie diejenigen, zu deren Wiedergebung mannigfache Erinnerungen mich am geneigtesten machen. Gertrud liebte diese Geschichten, denn noch hatte ihr die Kälte der Welt kein Blättchen aus der stillen, romantischen Poesie ihrer schönen Seele geraubt. Und mehr noch als die Geschichte liebte sie den Ton der Stimme, die ihrem Ohr täglich mehr zur Musik ward.

»Soll ich Dir,« fragte er eines Morgens, als er jene Schwermuth der Geliebten Züge beschleichen sah, »soll ich Dir, eh' wir in das dumpfe Holland gelangen, eine Geschichte von Mecheln

Viertes Kapitel.

Inhaltsverzeichnis

Das Mädchen von Mecheln.

Es war Mittag in der Stadt Mecheln; die Sonntagsglocke hatte die Bewohner zum Gottesdienst gerufen und die Menge, die um die St. Remboldi-Kirche geschlendert, war allmälig in den geräumigen Hallen des großen Gebäudes verschwunden.

In der Straße stand ein junger Mensch, die Augen an den Boden geheftet und offenbar nach irgend einem Ton hinhorchend; denn ohne die Blicke vom rauhen Pflaster zu erheben, wandte er sich mit gespanntem, ängstlichem Ausdruck der Miene nach allen Seiten hin. In der einen Hand hielt er einen Stock, in der andern eine lange, dünne Schnur, deren Ende auf der Erde nachschleppte, und hie und da rief er mit kläglicher Stimme: »Fido, Fido, daher! Warum hast du mich verlassen?« – Fido stellte sich nicht ein; seiner Fessel müde war der Hund aus der Schlinge geschlüpft, und unterhielt sich jetzt mit seines Gleichen in einem entfernten Stadttheil, es dem Blinden überlassend, wie er den Weg zu seinem einsamen Gasthaus zurückfinden wollte.

Nach einiger Zeit kam ein leichter Schritt die Straße daher, und das Gesicht des jungen Fremdlings heiterte sich auf.

»Verzeihen Sie,« hob er nach dem Ort gewandt an, wo sein leises Gehör den Ton vernommen hatte, – »möchten Sie mich, wenn Sie nicht etwa zu sehr beeilt seyn sollten, um einen Augenblick verlieren zu wollen, nicht nach dem Gasthof le mortier d'or weisen?«

Die also Angeredete war ein junges Mädchen, deren Kleidung zu erkennen gab, daß sie dem Mittelstand angehöre.

»Er ist nicht weit von hier entfernt, mein Herr,« sprach sie.

»Verfolgen Sie Ihren Weg noch etwa vierzig Schritte weit grad' aus, und wenden sich dann um die zweite Ecke rechts« . . . .

»Ach!« unterbrach sie der Fremde mit trübem Lächeln: »Ihre Weisung wird mir wenig helfen; mein Hund ist mir entlaufen – und ich bin blind.«

In diesen Worten und in der Stimme des Fremdlings lag Etwas, das dem jungen Mädchen unwiderstehlich ins Herz griff. »Ach vergeben Sie mir,« erwiederte sie fast mit Thränen in den Augen, »ich hatte nicht bemerkt« – daß Sie ein solches Unglück haben, wollte sie sagen, hielt aber mit instinktartiger Zartheit an. »Fassen Sie mich an, ich will Sie an das Haus bringen; wirklich mein Herr« – sehend, daß er zögerte – »ich habe Zeit genug, ich versichere Sie.«

Der Fremde legte seine Hand auf den Arm des Mädchens, und obwohl Lucilie von Natur so schüchtern war, daß selbst ihre Mutter ihr das Uebermaß weiblicher Zurückgezogenheit lachend vorwarf, fühlte sie nicht das geringste Zucken der Schaam, als sie sich so plötzlich allein mit einem jungen Mann, dessen Kleidung und Benehmen einen höheren Rang als den ihrigen andeuteten, in die Straßen von Mecheln versetzt sah.

»Ihre Stimme lautet sehr sanft,« sprach er nach einigem Stillschweigen; »und daran allein,« fügte er mit einem leichten Seufzer hinzu, »erkenn' ich was jung und schön ist.«

Jetzt erröthete Lucilie, und dem Erröthen gesellte sich ein leichter Schmerz bei, denn sie wußte wohl, daß sie keine Ansprüche auf Schönheit habe.

»Sind Sie in dieser Stadt zu Haus?« fuhr er fort.

»Ja, Herr, mein Vater hat ein kleines Amt beim Zollwesen, und meine Mutter und ich helfen seinem Einkommen durch Spitzenmachen nach. Man nennt uns arm, aber wir selbst empfinden nichts davon.«

»Sie sind glücklich; kein Reichthum geht über den Reichthum des Herzens – die Zufriedenheit,« erwiederte der Blinde wehmüthig.

»Und ist Monsieur,« fragte Lucilie, auf sich selbst böse, im Herzen des Fremden das Gefühl seines Unglücks aufgeregt zu haben, und sich bestrebend, den Gegenstand des Gesprächs abzuändern: »und ist Monsieur schon lang in Mecheln?«

»Erst seit gestern. Ich bin auf einer Reise durch die Niederlande begriffen. Vielleicht lächeln Sie über die Reise eines Blinden, aber selbst der Blinde wird es überdrüssig, ewig an einerlei Ort zu bleiben. Ich dachte während der Kirchzeit, wo die Straßen leer sind, mit Hülfe meines Hunds wenigstens die Luft der Stadt, deren Anblick mir versagt ist, mit Sicherheit genießen zu können; aber es gibt, glaub' ich, Menschen, denen es nicht einmal so gut wird, einen Hund zum Freund zu haben!«

Der Blinde sprach bitter – die Treulosigkeit seines Hundes war ihm durchs Herz gegangen. Lucilie wischte die Augen. »Reist Monsieur denn allein?« fragte sie. Dabei sah sie ihn aufmerksamer an, als sie es bisher gewagt, und bemerkte, daß er kaum über zwei und zwanzig Jahre zähle. »Ist sein Vater oder seine Mutter« fügte sie, mit Nachdruck auf dem letzten Wort hinzu – »nicht bei ihm?«

»Ich bin verwaist,« antwortete der Fremde, »und Bruder oder Schwester hab' ich nicht.«

Der verlassene Zustand des Blinden rührte Lucilien tief; nie war sie so seltsam ergriffen gewesen. Sie fühlte eine wunderbare Unruhe im Herzen– eine geheime, tiefe Sympathie, die sie mit einem Mal zu ihm hinzog. Sie wünschte, der Himmel hätte sie seine Schwester werden lassen.

Der Gegensatz der Jugend und Gestalt des Fremden mit dem Gram, welcher aus jener die Hoffnung, aus dieser die Regsamkeit weggenommen, vermehrte ihr Mitleid. Seine auffallend regelmäßigen Züge trugen in ihren Umrissen einen gewissen Adel; sein Körperbau war anmuthig und fest, obwohl er vorsichtig und nicht mit heiterem Tritt einherging.

Sie hatten jetzt in eine enge Straße eingebeugt, die auf den Gasthof zuführte, als sie hinter sich Hufschlag vernahmen. Lucilie wandte sich hastig um, und sah, daß ein Trupp belgischer Reiterei durch die Stadt zog.