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Berlin Jahr 1847: Die Malerin Caroline Bardua wird in eine Verschwörung verstrickt. Jemand beginnt, heimlich ihre Bilder zu übermalen. Die Geheimpolizei von Preußen wird auf Caroline aufmerksam und auf ihre Schwester, eine Sängerin. Die beiden Frauen gehören einem literarischen Club an, zu dem nur Frauen Zutritt haben. Dieser Zirkel ist den Oberen ein Dorn im Auge. Und dann wird auch noch ein Spion auf Caroline angesetzt... Ein packender, sinnlicher Roman über eine starke selbstbewusste Frau - und Deutschland unmittelbar vor der Revolution.
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Seitenzahl: 458
Veröffentlichungsjahr: 2017
Berlin Jahr 1847: Die Malerin Caroline Bardua wird in eine Verschwörung verstrickt. Jemand beginnt, heimlich ihre Bilder zu übermalen. Die Geheimpolizei von Preußen wird auf Caroline aufmerksam und auf ihre Schwester, eine Sängerin. Die beiden Frauen gehören einem literarischen Club an, zu dem nur Frauen Zutritt haben. Dieser Zirkel ist den Oberen ein Dorn im Auge. Und dann wird noch ein Spion auf Caroline angesetzt.
Ein packender, sinnlicher Roman über eine strake selbstbewusste Frau - und Deutschland unmittelbar vor der Revolution.
Susanne Fengler
Die Portraitmalerin
Roman
Inhaltsübersicht
Informationen zum Buch
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Über Susanne Fengler
Impressum
Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …
Seit Wochen hing das Bildnis in der Jahresausstellung des Berlinischen Künstlervereins, doch offenbar hatte bislang niemand außer Leerodt bemerkt, daß jemand es in der Nacht vom vierzehnten auf den fünfzehnten Juni 1847 verändert hatte.
Das Bild war ihm gestern, am vierzehnten, gleich beim ersten Blick in die Rotunde der Galerie aufgefallen, denn es war nicht so steif und förmlich wie die anderen Portraits. Statt dessen hatte es etwas einladend Zufälliges und beinahe kindlich Unbeschwertes – etwas, das den Augen erlaubte, einen Spaziergang darin zu machen und sich auf der grünen, sonnenbeschienenen Schloßparkwiese ebenso auszuruhen und zu vergnügen wie die drei Personen, die es zeigte.
Eine davon war die Malerin selbst. Sie stand links im Bild in einem geblümten Sommerkleid an einer Staffelei, mit dem Rücken zum Betrachter. In der Mitte des Bildes befand sich der alte Herzog von Ballenstedt, ihr erster Förderer, wie der Katalog zur Ausstellung besagte. Er saß, bürgerlich gekleidet und mit entrückt-freundlichem Lächeln (nur daran merkte man ihm auf diesem Portrait ein wenig an, daß er geistesgestört war), im Gartenstuhl an einem Teich, in dem zwischen blühenden Seerosen Goldfische schwammen. Rechts kniete die Schwester der Portraitmalerin im Gras und kitzelte einem kleinen Hund, wohl dem Schoßhündchen des Herzogs, mit einer weißen Gänsefeder die Schnauze.
Es war die Gänsefeder, die ihn, als er das Bild zum ersten Mal sah, plötzlich an Kindertage erinnert hatte. Die Gänseherde auf dem Hof des benachbarten Pfarrers fiel ihm wieder ein, die ihn allmorgendlich mit lautem Geschnatter geweckt hatte, bis der November und mit ihm die Schlachtzeit kam und es wieder still war, wenn die Sonne langsam aus dem Nebel über den Feldern stieg. Er war auf dem Land groß geworden, in einem Haus, in dessen Garten sich ebenfalls ein Teich befunden hatte und an dem seine Mutter hin und an malte. Natürlich war seine Mutter keine Malerin gewesen; sie war eine Sonntagsdilettantin, die mit ihm im saftig grünen Gras am Teich gelegen und zum Zeitvertreib Stiche koloriert hatte. Sein Vater (wie lange hatte er nicht mehr an seinen Vater gedacht!) saß damals, fast wie der Herzog, in einem Gartenstuhl daneben und las das Journal des débats, und er selbst hatte über den Teich hinaus bis an den Horizont seiner Welt gestarrt: Nichts als Wiese, über die hin und wieder die schnatternde Gänseherde des Pfarrers zog, und tiefblauer Himmel und frischer, würziger Salzwind, der die Nähe des Meeres anzeigte. Unwillkürlich begann er tiefer zu atmen, während er das Bild ansah.
In der Nacht vom vierzehnten auf den fünfzehnten Juni ließ ihn das Bildnis der Portraitmalerin nicht los. Er lag schlaflos im Bett und starrte auf die im Mondschein weiß leuchtende Gardine, die der Wind bei jedem Luftzug von neuem durch das geöffnete Fenster ins Zimmer hineinbauschte, hartnäckig, vorwurfsvoll, als sei der Wind eine alte Jungfer und die Gardine ihr nie getragener Brautschleier. Immer wieder rief er sich die Szenerie ins Gedächtnis zurück: Den Rücken der Portraitmalerin, den freundlichen greisen Herzog von Ballenstedt, die Schwester im Gras. Die Bilder überlappten sich mit seinen Erinnerungen, verschwammen miteinander, so daß er bald seinen Vater im Bildnis der Portraitmalerin sah, greisenhaft, wie er ihn nicht mehr erlebt hatte, denn er war jung gestorben; seine Mutter malend am Teich und ihn selbst, wie er, ganz aufgehend im Frieden dieser sonnigen Sonntagnachmittage, im Gras saß und eine Gänsefeder fing, die der Wind von den Wiesen her zu ihm herübergeweht hatte.
So wie er selbst nun auf die Dreiergruppe um den Herzog von Ballenstedt sah, hatte der Pfarrer oft seine Eltern und ihn betrachtet, wenn er auf einem Spaziergang vom Pfarrhaus nebenan über die Wiesen herangeschlendert kam. Der Pfarrer war oft gekommen und hatte besonders seine Mutter mit Interesse angeschaut. Er hatte sich auch um ihn gekümmert in seinen Kinderjahren, hatte ihn die Kollekte zählen und die Pfennige und Groschen in Papierstückchen eindrehen lassen. Er hatte ihm sogar den großen Pokal, der beim Abendmahl verwendet wurde, zum Polieren gegeben und ihm, manchmal, wenn er bei guter Stimmung war, bestimmte Geschichten aus der Bibel erzählt.
An eine erinnerte sich Leerodt noch ganz besonders gut. Der Pfarrer hatte ihm in einem besonders frostigen November erlaubt, bei den Vorbereitungen zum Schlachten zugegen zu sein und dabei die Geschichte von einem Mädchen im Bade und zwei Alten, die sie heimlich beobachten, erzählt. Es war das erste Mal gewesen, daß Leerodt Begehren in sich aufsteigen fühlte, während der Pfarrer mit gedämpfter Stimme das Mädchen beschrieb: Wie es nackt in den Dampfschwaden des Bades stand und die Alten voller Gier die Rundungen ihres weißen Rückens betrachteten, wie es sich vorbeugte und dann selbstvergessen seine Beine einölte; doch gerade in dem Moment, in dem die Geschichte mit dem unerlaubten Eindringen der beiden Alten in die warme Badestube ihren ersten Höhepunkt erreichte, hatte der Pfarrer einer Gans den Hals umgedreht.
Am folgenden Tag kehrte er zurück in die Ausstellung, um das Bild wiederzusehen. Schon auf der Fahrt hin zur Galerie freute er sich auf das saftige Grün der Wiese, das ihm helfen würde, die stickige Großstadtluft für einen Moment zu vergessen, auf die Friedlichkeit, die es ausstrahlte, die Erinnerung an seine Eltern und die Gänse, doch als er dann vor dem Gemälde stand, war da etwas, das ihn störte.
Er kam nicht gleich darauf, denn die Erinnerung wollte sich dieses Mal nur schleppend einstellen. Vielleicht war der höhere Geräuschpegel in der Galerie schuld, besser gesagt eine Gruppe von Engländern, die sich ohne Rücksicht auf die anderen Besucher lautstark in ihrer ulkigen Sprache über jedes Bildnis austauschten; vielleicht auch die Wärter, die heute mit aufdringlicher Neugier jeden Besucher anstarrten, und er war schon drauf und dran, wieder nach Hause zu gehen, als er plötzlich bemerkte, daß über Nacht aus der weißen Gänsefeder, die die Schwester der Portraitmalerin in der Hand hielt, eine braune Häherfeder mit schwarzen Sprenkeln geworden war.
Konnte das sein? Eine ganze Weile stand er ratlos vor dem Bild. Er wäre bereit gewesen, an eine Sinnestäuschung zu glauben, hätte nicht gestern ebenjene Gänsefeder all seine Erinnerungen ausgelöst. Wieder und wieder betrachtete er die Häherfeder, Symbol der Kommunisten und anderer Revolutionäre, und je länger er hinsah, desto mehr schien ihm, daß die braune Farbe ebenso wie die schwarzen Sprenkel noch frisch waren, längst noch nicht getrocknet.
Sollte er, oder sollte er nicht? Es war, als ob die Häherfeder magnetische Kräfte auf ihn ausübte. Er verspürte das überwältigende Verlangen, das Bild zu berühren, mit der Kuppe seines Zeigefingers nur ein einziges Mal, und das auch nur ganz flüchtig und behutsam, über die Häherfeder zu streichen, um zu spüren, ob die Farbe an dieser Stelle schon längst trocken und verhärtet oder unter einem elastischen Film noch zähflüssig war und auf sanften Druck nachgeben würde, ölig und weich wie die Haut eines Mädchens, das, frisch gesalbt, dem Bade entstieg.
Sollte er, oder sollte er nicht? Er hätte diese Frage verneint; wer wußte schon, welchen Ärger er sich einhandelte, wenn er es tat. Gleichwohl befand er sich, als eine Kirchturmuhr draußen zwölf schlug, mit einem Mal allein in der Rotunde, da die Wärter zur Ablösung verschwanden und die englischen Besucher plappernd in einen Nebenraum weiterzogen. Es war eine günstige Gelegenheit, die nicht wiederkommen würde, und doch warnte ihn eine innere Stimme und riet ihm, der Versuchung zu widerstehen.
Sollte er, oder sollte er nicht? Es drängte ihn danach, das Bildnis zu berühren, und gleichzeitig fürchtete er sich davor. Er sah die Portraitmalerin in Handschellen vor sich, ihm abgewandt, der schöne Rücken nun nicht mehr gerade, sondern gebrochen. Ein Jammer wäre das.
*
Die Farbe war in der Tat noch so frisch gewesen, daß Leerodt sogar einen leichten Fingerabdruck auf dem Gemälde hinterlassen hatte, wie er eine Woche später feststellte. In der Zwischenzeit hatte er die Ausstellung gemieden, um sich bei den Wärtern nicht weiter verdächtig zu machen. Dem unwissenden Betrachter würde es nicht auffallen, doch die Portraitmalerin könnte es natürlich bemerken.
Er hatte sich inzwischen kundig gemacht. Die Bilder blieben bis Ende Juli, also bis zum Beginn der jährlichen Sommerfrische, in der Galerie des Vereins. Am letzten Tag würde die Ausstellung mit der Vergabe des Preises für das beste Gemälde enden – einer passenden Gelegenheit, der Portraitmalerin unauffällig zu begegnen, doch bis Ende Juli war es noch lang, fast fünf Wochen, und seit jenem vierzehnten Juni schlief er schlecht.
Er wachte häufig auf, nach dem immergleichen Traum: Er ging – es war schon spät, beinahe Mitternacht – den Gang im Ministerium hinunter; der Gang lag im Dunkel, kein Licht, kein Laut, nur sein Schatten, der im fahlblauen Mondlicht den Flur hinabwanderte; ein Gang, dessen Ende man nicht sehen konnte, wenn man ganz am anderen Ende stand, so lang war er. Tür um Tür, verschlossen, beschriftet mit Nummern. Keinerlei Namen daran.
Er bewegte sich gerade auf die große Treppe zu, die von der Mitte des Gangs in die Halle hinabführte, als er plötzlich aus Zimmer zehn ein Singen hörte.
Er blieb stehen und lauschte.
Es war eine Männerstimme, die dort leise sang, eine Kantate von Bach, aber das Merkwürdige war, daß der Gesang künstlich hoch war, beinahe wie der Gesang eines Kastraten. Die Stimme war fraglos ausgebildet. Schlafwandlerisch sicher sprang sie die Terzen und Quinten hinauf, aber alles klang viel zu schrill; als habe jemand Pauspapier auf die Partitur gelegt und alle Noten zwei Oktaven in schwindelerregende Höhen verschoben.
In Zimmer zehn saß der Angeklagte, den man auf Salz gesetzt hatte.
Eine Gänsehaut lief ihm über den Rücken, die, je länger er dem quälenden Gesang zuhörte, weiter in sein Rückenmark vorzudringen und ihn zu lahmen schien, alle Nerven betäubte, seine Beinmuskeln aufweichte, sein Trommelfell in die Nähe des Bersten brachte – bis es ihm schließlich gelang, seine herrenlosen Beine wieder unter Kontrolle zu bringen und davonzulaufen, die große, mehrfach wie ein Schneckenhaus in sich gedrehte Freitreppe hinab, hinaus ins Freie.
Am Abend des achten Juni hatte er den Gesang gehört, aber seit dem fünfzehnten Juni träumte er, daß er, als er glaubte, er könne es nicht mehr aushalten und er daraufhin die Tür zu Zimmer zehn aufbrach – daß er plötzlich die Portraitmalerin im gleißenden Licht dort sitzen sah, ihm abgewandt, die Hände in Handschellen auf dem Rücken; er träumte, daß sie es war, die dort sang.
*
Daß er ihr Gesicht noch nicht gesehen hatte, machte ihn rasend, und so hatte Ungeduld ihn vor das Haus in der Jägerstraße 17 getrieben, wo sie im Gartenhaus ihr Atelier hatte und gemeinsam mit ihrer Schwester auch in den zwei Zimmern darüber lebte.
Die Dämmerung war bereits hereingebrochen, und eine zufriedene Sommerabendstille lag über der Stadt, als Leerodt wie ein zufälliger Spaziergänger die Straße hinabschlenderte und vor dem schmiedeeisernen Tor, das die Durchfahrt zu einem verwilderten Hofgarten versperrte, stehenblieb. Der Besitzer des Hauses mußte schon seit langen Jahren abwesend sein, denn niemand schien sich um das Unkraut und den Efeu und den wilden Wein zu kümmern, die sich kreuz und quer durch den Garten rankten. Inmitten des Gestrüpps befand sich, fast gänzlich vor seinen Blicken verdeckt durch das üppige Grün, das Gartenhaus. Im Erdgeschoß besaß es ein großes Zimmer, dessen Hofseite gänzlich aus Glastüren bestand, und darüber ein weiteres Stockwerk, zu dem sich eine Treppe rings um das Häuschen hinaufwand.
Das von Kerzenlicht sanft erhellte, gläserne Atelier inmitten des nächtlichen, wuchernden Grüns: Wieder die Erinnerung an seine Kinderzeit, an die Krippe, die seine Eltern jeden Heiligabend zu Hause aufgebaut hatten, im abgedunkelten Wohnzimmer, in dem eine einzige Kerze hinter einem orangefarbenen Papierschirm die Krippe von hinten wie eine heilige Grotte erleuchtete. Der kleine hölzerne Stall, Maria und Josef en miniature vor einer Krippe, in der ein zugedeckter Fingerhut lag (das Jesuskind war längst abhanden gekommen), die drei Könige aus dem Morgenland, und, besonders geliebt, die Schafe, denen er jedes Jahr einen frischen Pelz aus Watte machte, und das Kamel mit dem geleimten Bein. Die Zeit trägt einen Ranzen auf dem Rücken, worin sie Brocken wirft für das Vergessen. Sein eigener Ranzen war randvoll, übervoll mit längst vergessen Geglaubtem, so daß die Brocken, sobald er einmal anhielt und sich bückte, herauspurzelten und ihm in den Weg fielen und er darüber stolperte.
Es war dasselbe warme orangefarbene Licht, das aus dem Atelier strahlte, und darin, scherenschnittartig, die schmalen Silhouetten von zwei Mädchen, oder besser gesagt jungen Frauen, die beide Mitte Zwanzig sein mochten. Die eine saß an einer Staffelei und malte, die andere lag mit angezogenen Beinen auf dem Sofa, ein Buch in der Hand. Er konnte sich kaum sattsehen an den langsamen, fließenden Bewegungen der Schwestern, an dem warmen Licht zwischen den grünen Ranken und an der Farbenpracht der Bilder, die die Rückwand des Ateliers ganz bedeckten, und einige quälende Momente lang wünschte er sich nichts mehr, als stummer Bestandteil dieser Szenerie sein zu dürfen, ein Statist in diesem orangefarbenen frühsommerabendlichen Idyll: er, in einen Schafspelz aus Watte gehüllt, regungslos in einer Ecke des Ateliers; in die glückliche Lage versetzt, die Geborgenheit im Haus der beiden Schwestern tief einatmen und daran gesunden zu dürfen.
Die Verandatür stand auf, und wenn er auch nicht verstehen konnte, über was sie miteinander sprachen, hörte er doch, wie zwei einander ähnelnde Stimmen, die eine kräftiger, die andere samtiger, harmonisch ineinandergriffen, Tonlagen aufnahmen und weiterführten, unterbrochen dann und wann von Lachen. Er hatte keine Geschwister gehabt, aber er stellte sich vor, daß nur Schwestern, nicht Brüder, so miteinander redeten, sich zärtlich entgegenkommend, weiterhelfend, wenn eine Stimme stockte, sich über jede Übereinstimmung freuend und manchmal sogar einen Satz gemeinsam beendend. Es klang fast wie ein Duett, wie die beiden miteinander sprachen – oder aber wie zwei Vögel, die seit langem im selben Käfig eingesperrt sind und abwechselnd dieselbe Melodie flöten, um sich die Zeit zu vertreiben.
*
Caroline Bardua, Portraitmalerin, und Wilhelmina Bardua, Schwester der Vorgenannten. So hatte er die Akte überschrieben, die er zwischenzeitlich angelegt hatte. Caroline; ein Name, der unbefangen hüpfte wie ein kleines Kind auf dem Trottoir und der zugleich aalglatt war wie ein professioneller Betrüger, sich nicht festlegend, jede Silbe ein anderer Vokal. Er würde acht geben müssen, daß er sie nicht Ca-ro-li-ne nannte, wenn sie sich das erste Mal begegneten. Überhaupt würde er größte Vorsicht im Umgang mit ihr walten lassen müssen. Auf der anderen Seite hatte er sich bereits zum Ende vergangenen Jahres vom Geheimdienst pensionieren lassen, für den er nun nur noch sporadisch tätig wurde. Folglich war er niemandem mehr verpflichtet, seine Entdeckungen – wenn es denn welche zu machen gab – mitzuteilen; eigentlich.
Die Liebe endet nimmer: Vor zwanzig Jahren hatte ihr Vater diese Inschrift aus geschwungenen vergoldeten Messinglettern daheim am Grabstein ihrer Mutter in Ballenstedt anbringen lassen. Kürzlich jedoch, berichtete Papa nun in seinem Brief, den Caroline heute empfangen hatte, habe sich das n aus dem nimmer verabschiedet, oder jemand habe sich einen sehr üblen Scherz mit ihnen erlaubt. Entweder sei es also gestohlen worden, oder es habe sich grundlos aus der Verankerung im Stein gelöst und sei in den Friedhofstorf hinabgefallen, von wo es dann vermutlich der Hund des Friedhofsgärtners verschleppt hatte; jedenfalls sei das n unauffindbar, und es hätten ihn schon mehrere Friedhofsnachbarn darauf angesprochen, ob es seine Absicht sei, sich Scherze auf Kosten seiner verstorbenen Gemahlin zu erlauben.
Er sei nun ein wenig verzweifelt und wisse nicht, was zu tun sei, fügte er hinzu. Die Preise für Brot und Kartoffeln beispielsweise seien in Ballenstedt wie überhaupt im ganzen Fürstentum Anhalt-Dessau diese Woche erneut gestiegen. Entweder also ein paar Sack Kartoffeln, ein Pfündchen Butter und einen Scheffel Kaffee, womit es sich den Juli über leben ließ, denn häufig durfte er als Kammerdiener auch im Schloß speisen – oder das n, ein neues n, sicherlich anders geschwungen als das immer, denn auch der Schmied von damals war vermutlich längst schon dahingeschieden. Außerdem würde die frische Vergoldung eines neuen n unangenehm von den verwitterten übrigen Buchstaben des immer abstechen und am Ende sicher peinlich wie ein neuer Goldzahn aus einem morschen Greisengebiß herausleuchten. Damit aber sei der Mutter doch auch nicht gedient, oder was meine sie dazu, Caroline? Ihre Schwester frage er lieber gar nicht erst, denn Mina hätte zweifellos vehement dafür plädiert, dem Andenken der Mutter zuliebe den Sommer über von Kleeblättern und Vogelbeeren zu leben.
Caroline entzündete eine zweite Kerze und setzte sich mit dem Brief auf die von der Tageshitze noch warmen Steinstufen, die von der Veranda ihres Ateliers hinab in den nun schon dunklen Garten führten, und entfaltete den zweiten Teil des Briefes, der auch an ihre Schwester Mina gerichtet war. Der Herzog ließe beide, wie Papa weiter schrieb, herzlich grüßen und wünsche insbesondere ihr das Beste für die Ausstellung. Es sei allerdings auch an der Zeit, eine Auszeichnung zu erhalten. Für den Fall, daß man ihr einen Preis vorenthalte, kündige er schon jetzt eine militärische Intervention in Preußen an. Kammerherr Kügelgen habe ihn nur mit Not davon abhalten können, schon jetzt die zwei Dutzend im Hofdienst kläglich verfetteten Schweizergarden sicherheitshalber in Marschbereitschaft gegen Berlin zu versetzen.
Caroline kniff die Augen zusammen. War es wirklich so, daß Vaters Brief unnatürlich hell in der Sommernacht leuchtete? War es also doch möglich, daß jene seltsame Atmosphäre von mildem Wahn, der, vom Schloß des Herzogs aus penetrant wie Harzer Käse ausdünstend, über Ballenstedt lag und sich nicht verflüchtigen wollte, als läge eine luftdicht abschließende Käseglocke über dem Fürstentum – war es also doch möglich, daß dieser Irrsinn sich pulverisieren und sich auf Briefe legen konnte, um sich dann, wenn der Brief in einer fernen Stadt entfaltet wurde, wie der Blütenstaub einer giftigen Pflanze aufzuwirbeln und sich staubfein in sämtliche Sinnesorgane des Lesenden einzuschleichen?
Schon die Erwähnung des Herzogs und Herrn von Kügelgens genügte, um ihre Nähe selbst hier in ihrem nächtlichen Garten in Berlin zu spüren. Konturen schälten sich aus dem Dunkel heraus. Jener in so viele Richtungen merkwürdig verkrümmte und verdorrte Strauch dort – das war der arme, liebe Herzog. Der behäbige, rundliche und blühende Busch: Kammerherr von Kügelgen. Das bescheidene Bäumchen mit dem winzigen Ableger gleich nebenan: Papa mit seiner Schildkröte Isidor; Isidor, der mit einem in Tinte getauchten Beinchen sämtliche i in Papas Briefen an die fernen Töchter mit einem fürstlichen i-Punkt versehen durfte; der nach solchen Briefen den Holzboden im Haus mit einem abnehmend intensiven tintenblauen Punktmuster überzog, bis der Samstag und damit der Waschtag kam und auch Isidor, in einer Salatschüssel neben Papas Badezuber, seiner Sehnsucht nach dem nassen Element huldigen durfte; Isidor, der von den drei alten Herren in Ballenstedt, dem spindeligen Herzog, dem behäbigen, Zigarre schmauchenden Kügelgen und dem zarten alten Papa, an jedem Tag des Jahres nach dem Mittagessen durch den Park der Residenz Ballenstedt an einem Bindfaden spazieren geführt wurde. Er galt für den Herzog als Wiedergeburt eines belgischen Ministers für Angelegenheiten des Kongo, weswegen man höflichst nur französische Worte an die Schildkröte zu richten hatte, solange der Herzog, der ein Beispiel für gute Gastfreundschaft geben wollte, anwesend war.
Von klein auf hatte sie eine tiefe Verbundenheit mit dem armen Isidor verspürt. Nicht daß der Herzog auch sie an Bindfäden durch Alexisbad gehetzt hätte. Schlimmer noch, sie galt in Ballenstedt als Wiedergeburt eines toten Malers, ein weiterer Untoter in seiner Residenz, die der Herzog von Caesaren, Kreuzrittern und so fort bevölkert glaubte. Alles hatte mit dem unglücklichen Zufall begonnen, daß der Vater von Kammerherr Kügelgen gleichfalls Maler gewesen war, Hof- und Portraitmaler, zuletzt beim Zaren in Sankt Petersburg, und an ebenjenem Tag vor siebenundzwanzig Jahren, an dem Caroline geboren worden war, dem zweiten März des Jahres 1820, hatte man Kügelgen senior durch einen Messerstich umgebracht.
Herr von Kügelgen, damals noch jung, hatte sich bereits in jenen Tagen in Ballenstedt aufgehalten und dort Mitte April die schreckliche Nachricht erhalten. Der Herzog teilte es ihm auf seine übliche Art vollkommen umständlich mit, raufte sich die ohnehin wirren Haare, stieß merkwürdige Flüche aus, und plötzlich hatte er sich an seinen Kammerherrn, der neben ihm geduldig wartete, gewandt und gerufen:
»Bardua! Ist Ihm nicht an ebenjenem Tag ein Kind geboren worden?«
»Jawohl, Hoheit. Ein kleines Mädchen, Caroline mit Namen.«
»Um welche Stunde?«
Vater räusperte sich. »Zur Kaffeestunde, Hoheit,« sagte er, peinlich davon berührt, daß in der Stunde, in der man in den vornehmen Häusern auf dem ganzen Kontinent gemütlich beisammensaß und Torte mit weißer Sahne aß, ein blutverschmiertes Kind geboren worden war.
»Zur Kaffeestunde starb auch Kügelgen«, stellte der Herzog jedoch unbeirrt fest, um dann, nach einem Moment irren Schweigens, triumphierend auszurufen:
»Kügelgen! Der Geist Ihres Vaters ist in die kleine Caroline Bardua übergegangen.«
Das war der Beginn ihres Lebens. Noch am selben Tag orderte der Herzog Stifte, Papiere, Leinwände und Farben und ließ sie ins Haus seines Kammerdieners schaffen; jede noch so nichtige Krakelei, die Caroline von da an verfertigte, mußte Papa im Schloß abliefern, wo der Herzog sie stundenlang mit angestrengter Miene nach Spuren vom Kügelgenschen Genie prüfte. Wie oft, wenn sie wieder einmal ins Schloß gerufen und dort Fremden vorgestellt worden war, hatte sie sich gewünscht, sie wäre nicht Caroline Bardua, in der möglicherweise der Geist Gerhard von Kügelgens wohnte, sondern Isidor! Sie betete damals zum lieben Gott, er möge ihr einen Panzer wachsen lassen, in den sie sich jederzeit zurückziehen konnte. Der Herzog oder wer auch immer könnte dann ruhig von außen auf ihren Panzer klopfen, um sie herauszulocken und vorzuführen – sie jedoch würde alles ignorieren und statt dessen friedlich auf dem Rücken in ihrem kleinen Panzer liegen und diesen bei Kerzenschein mit den schönsten Höhlenmalereien verzieren.
Zu allem Überfluß stellte sich nämlich mit der Zeit heraus, daß Caroline tatsächlich malen konnte, ja, daß sie sogar ein besonderes Talent dafür besaß, und der Herzog konnte bald befriedigt feststellen, daß er sich, natürlich, nicht geirrt habe – auch wenn Mina ihr damals manchmal, wenn sie böse aufeinander waren, gesagt hatte, sie habe gar kein Talent, es sei nur die beständige Übung, die alles ausmache, und wer weiß, was aus ihr, Mina, geworden wäre, wenn sie zufällig an dem Tag auf die Welt gekommen wäre, an dem Napoleon starb. Einmal ertappte Caroline Mina, wie sie in der herzoglichen Bibliothek einen Almanach ihres Geburtsjahres durchforstete, als bemerkenswertesten Verstorbenen am Tag ihrer eigenen Geburt jedoch nur eine hochfromme Stiftsdame verzeichnet fand, was ihr nach einer kurzen Phase des Betens zu fünf verschiedenen Tageszeiten jedoch schon bald zu unbequem wurde.
Der Herzog zitierte Herrn Bardua und Herrn von Kügelgen jeden Monat unbeirrt ins Schloß, um im Rahmen von Vollmond-Séancen den Ermordeten anzurufen und zu fragen, wie mit dem begabten Kinde weiter zu verfahren sei. Caroline entdeckte derweil, daß das Malen selbst ein Panzer sein konnte. Die starke Konzentration auf eine Zeichnung oder ein Bild ließ ihre Wahrnehmungsfähigkeit für die Außenwelt sinken und eine Art durchsichtige Wand schob sich zwischen sie selbst und den Rest der Welt, eine Wand aus durchscheinender weißer Gaze, ein Schutz vor Herzögen und anderen lästigen Begleiterscheinungen des Lebens.
Als Caroline sieben und Mina neun Jahre alt waren, starb Frau Bardua an einem plötzlichen Fieber. Kaum, daß die goldenen Lettern auf dem Grabstein angebracht und die Blumen davor abgelegt waren, rief der Herzog den verzweifelten Witwer zu sich ins Schloß, um ihm, unbeeindruckt von dessen Trauer, mit einer gewissen ehrlichen Begeisterung mitzuteilen, dies sei das erwartete Zeichen. Der Tod der Mutter bedeute das Sprengen der familiären Fesseln an das kleine Ballenstedt. Das Kind müsse hinaus in die Welt und das Zeichnen bei Meistern lernen. Es solle am besten nach Weimar, dort sei das Genie zu Hause, und bei Schopenhauers sei ein Pensionsplatz frei. Das wolle er mit seinen hiesigen fürstlichen Verwandten besprechen. Und Herr Bardua mochte noch so betteln, der Herzog möge doch Einsehen haben und ihm nicht auch noch ein Kind nehmen: Ein paar Wochen später reiste Caroline ab, immerhin gemeinsam mit Mina, das hatten Kügelgen und ihr Vater gerade noch durchsetzen können.
Es dauerte nicht lange, bis die Schwestern schon voll und ganz vom Leben in Weimar in Beschlag genommen und vor allem beide zutiefst erleichtert waren, dem Ballenstedter Spukzirkus entronnen zu sein. Das ganze Gerede über Kügelgen und seine Rückkehr unter die Lebenden hatte Caroline so verunsichert, daß sie, obwohl sie eine große Begabung für das Portraitfach zeigte, niemals in ihrem Leben ein Portrait von sich selbst versucht hätte. Noch heute befürchtete sie insgeheim, schon nach wenigen Strichen könne ihr vielleicht der Verstorbene die Hand fuhren, und vom Papier würde ihr nicht ihr vertrautes schmales Gesicht mit den vereinzelten Sommersprossen, sondern ein älterer Mann mit mächtigem schwarzen Schnurrbart entgegenschauen, in den düsteren Augen blanker Zorn über sein zu früh beendetes Leben und die unwürdige« Person, in die er sich verwandelt haben sollte. Schon allein deshalb freute sie heute der Verlust des n: Es war gut und sehr erfreulich, wenn Dinge auch einmal endeten.
Zurück in Ballenstedt blieben Vater und Herr von Kügelgen, die sich ebenfalls eng aneinander anschlossen, um sich in dem absurden Welttheater des Herzogs nun, da die Kinder fort waren, ab und an gegenseitig daran zu erinnern, daß zum Beispiel Goldfische keine Musik verstünden, obwohl sie täglich das Gegenteil behaupteten, und daß Isidor nur eine einfache Schildkröte war. Vor allem mußten sie sich zeitweilig vergegenwärtigen – und dabei halfen die Briefe und Erzählungen der Mädchen aus Weimar, später auch aus Dresden und Halle, wo Caroline bei weiteren Malern lernte, enorm – daß es tatsächlich noch ein Leben außerhalb dieses Herzogtums gab; ja, daß es auch noch Herrscher geben sollte, die verständig waren und bei klarem Verstand. Im Garten ihres Ateliers wuchs, das fiel Caroline erst jetzt auf, zwischen den Steinstufen Löwenzahn, und sie beschloß, gleich morgen früh ein paar Blätter zu sammeln und sie Isidor zu schicken, als Gruß aus Berlin.
Manchmal hatte sie Heimweh nach Ballenstedt, nach stillen Nachmittagen mit Papa, seiner kleinen Wohnstube mit Blick auf die Hauptstraße, auf der selten jemand ging; Heimweh nach dem süßlichen Zigarrenduft, der Herrn von Kügelgen stets wie ein bräutlicher Schleier umhüllte, und Heimweh selbst nach solchen Tagen, an denen ganz Ballenstedt in Aufruhr war, weil der Herzog allen Bürgern befohlen hatte, sich mit Knüppeln zu bewaffnen und gemeinsam jenem bösen Drachen entgegenzutreten, der sich schnaufend und keuchend am herzoglichen Kräutergarten vorbeiwälzte (es mußte dann immer einer der Staatsminister herbeigeholt werden, um sich bei dem jungen Ingenieur, welcher die wöchentlich hier verkehrende Eisenbahn lenkte, für die Störung des Bahnbetriebs zu entschuldigen). Alles war verrückt in Ballenstedt, aber innerhalb der Ballenstedter Ordnung hatte andererseits alles seinen Platz und seine Richtigkeit, gab es Rituale und vorhersehbare Ereignisse.
Ganz anders als in Berlin, wo vergangene Woche ein Trupp verzweifelter hungriger Menschen kurzerhand den Marktplatz gestürmt und die hochmütigen Händler ihrer Kartoffeln beraubt hatte. Sie und Mina waren gerade auf dem Weg zum Einkaufen gewesen und hatten sich mit letzter Not in einem Hauseingang in Sicherheit bringen können, als das Getümmel begann. Das war ein Glück, denn kurz darauf waren Soldaten gekommen und hatten auf die Menschen eingeprügelt, und Mina und sie hatten zu Tode erschrocken an eine Mauer gedrückt dagestanden und zugesehen, wie die Menge in aller Eile auseinandergetrieben wurde und schon nach zehn Minuten nichts auf dem Platz blieb als hölzerne Trümmer eingestürzter Marktstände und auf dem Kopfsteinpflaster ein ganzer Teppich von zu Brei zertretenen Kartoffeln, dann und wann durchsetzt mit Sprenkeln von Blut.
Was würde er zu ihr sagen?
Fräulein Bardua, mein Kompliment zu diesem gelungenen Werk.
Leerodt schauderte, kaum daß er das letzte Wort probehalber ausgesprochen hatte, seinem eigenen Spiegelbild zugewandt. Er wollte alles Aufgesetzte vermeiden, weil es verdächtig machte und auch ihr nicht gefallen würde, bestimmt nicht. Wer auf einem Bild nichts von sich zeigte außer seinem Rücken, liebte solch einen geckenhaften Tonfall nicht. Er versuchte eine andere Haltung, die ihn, zumindest in dem Spiegel über seiner Kommode, weniger steif erscheinen ließ. Dieses Norddeutsch-Unbewegliche saß ihm leider in den Knochen, daran ließ sich nichts mehr ändern, aber vielleicht würde sein Gesicht ihr – als Malerin mit einem italienisch klingenden Nachnamen – gefallen? Er hatte ein französisch anmutendes Gesicht, einen ins mediterrane gehenden, olivefarbenen Teint, was ihm von großem Vorteil gewesen war in seiner Jugendzeit, als Napoleon das Land besetzt hielt.
Er hatte auch dunkle Augen, mit denen er häufig durch die Leute hindurchsah, als gäbe es sie überhaupt nicht. Frauen, die er dann und wann einmal mit zu sich nahm, sagten ihm häufig mit aufdringlich teilnahmsvoller Stimme, er habe so traurige Augen. Wenn sie ihm dabei auch noch zärtlich-beschützend übers Haar strichen, war dies ein dringendes Signal, sie nach Hause zu schicken. Es war nämlich nicht so, daß er traurig war; nur, weil man nicht glücklich war, mußte man noch lange nicht traurig sein.
Seine Haare hatten ihre ursprüngliche schwarze Farbe verloren, dabei aber nicht das schüttere Schlohweiß vieler Nordeuropäer angenommen, sondern waren wie mit kräftigen Pinselstrichen grau meliert. Er war nicht dick und hielt sich gerade. Die Falten abgerechnet: War er nicht, seinen fünfzig Jahren zum Trotz, ein ansehnlicher Mann?
Er würde diese Frage ohne jede Einschränkung bejaht haben, wenn da nicht diese leicht fahle Gesichtsfarbe gewesen wäre, die sich mittlerweile nicht mehr als olivefarben entschuldigen ließ. Er müßte mehr Spazierengehen und sich an der frischen Luft bewegen, aber im Freien, speziell auf der Straße, hielt er sich nicht sonderlich gerne auf. Ständig traf man auf Leute, die man hatte beobachten lassen, und von denen man durch die ausführlichen Berichte der Konfidenten alles, auch die peinlichste Intimität wußte. Es war ja nicht einmal so schlimm, wenn er ins Theater ging und unten Frau von Arnim in der Loge saß, deren ketzerische Briefe an George Sand er gestern erst gelesen hatte. Viel unangenehmer war es, im Café zu sitzen und am Tisch nebenan einen Herrn Schokoladentorte bestellen zu hören, von dem er wußte, daß er nicht nur liberaler Gesinnung war, sondern zugleich an Verstopfung litt, so daß man sich mühsamst beherrschen mußte, ihm nicht zuzurufen: Unterlassen Sie’s, sich selbst zuliebe!
Fräulein Bardua, der Preis für das beste Bild der Ausstellung gebührt ausschließlich Ihnen.
Auch nicht gut. Sie würde sich erkundigen, auf welchem Grad von Sachverstand sein Urteil beruhte, und wenn er Lücken in seinem Wissen über Malerei offenbarte, wäre er blamiert. Der Satz, den er ihr gegenüber äußern würde – man bedenke, zwei Fremde, die zufällig miteinander ins Gespräch kommen, so mußte es schließlich wirken –, sollte in jedem Fall eine Überleitung auf die Feder ermöglichen. Es müßte etwas gesagt werden, das es ihm erlaubte, auf die Feder zu deuten und sein Erstaunen darüber zu äußern, daß im Verlauf der Ausstellung aus der Gänsefeder eine Häherfeder geworden war.
Ob Kunstschänder hier am Werke sind?
Ihre Reaktion auf diese mitfühlend ausgesprochene Frage würde sie verraten. Vielleicht wußte sie ja tatsächlich nicht, daß an ihrem Bild manipuliert worden war.
Fräulein Bardua, Sie haben einen erstaunlichen Blick für das Detail.
Das könnte er sagen und unmittelbar danach auf die Feder überschwenken.
Sie haben einen erstaunlichen Blick für das Detail.
Der Satz gefiel ihm, denn auch er hätte sich gefreut, wenn man ähnliches ihm selbst gegenüber äußern würde. Es war etwas, das sie verband und das vielleicht sogar, ganz unabhängig von ihrer Reaktion auf die Feder, ihr Interesse weckte und ein Gespräch ermöglichte. Vielleicht würden ihre Augen dann aufleuchten ob dieses nicht belanglosen Kompliments, plötzliches Licht in der Nacht, eine Kerze, die in eine Kammer mit einer ungeordneten Masse von geheimen Papieren fiel und mit ihrer Wärme die Siegel zum Schmelzen brachte.
Ca-ro-line: Französisch ausgesprochen, klang es nach einer Girlande auf einem Gartenfest, nach Weinlaub, das eine geschickte Gastgeberin um einen silbernen Leuchter drapiert hat. Die Silben beschrieben einen Bogen, aber es fehlte das Unverbindliche, das ihn in der deutschen Aussprache störte. Falls er jemals in die Verlegenheit kam, würde er sie mit der französischen Variante ihres Namens ansprechen, bevor er ihren Nacken berührte …
»Haben Sie nach mir geklingelt, Herr Oberregierungsrat?«
Seine alte Haushälterin stand mit gefalteten Händen im Türrahmen.
»Mariechen«, sagte er, »es ist fürchterlich stickig zur Zeit in der Wohnung; ich hätte gern ein Glas kaltes Wasser.«
»Verzeihung«, sagte sie, »aber wir haben kein Wasser mehr im Haus. Ich hab Ihnen gerade alles aufgekocht für Ihr Bad, und …«, sie knickste verlegen, »jetzt ist es schon dunkel, und ich hab Angst, zum Brunnen zu gehen.«
Kein Wasser mehr im Haus.
Er spürte, wie sein Mund sekundenschnell austrocknete: ein Flußbett, durch das plötzlich kein Wasser mehr rann. Pflanzen gingen binnen weniger Augenblicke ein, die Erde brach in staubige Schollen auseinander, Geier gingen auf die Jagd nach den Körpern der letzten Überlebenden, die in der sengenden Hitze nicht mehr vom Fleck kamen.
»Mariechen«, sagte er, »du mußt mir Wasser bringen.«
»Ginge denn nicht auch ein Glas Wein?«
Mariechens Augen flehten ihn stumm an, die vom heißen Badewasser geröteten Hände gefaltet, aber sah sie denn nicht, wie seine Augen stumm zurückflehten? Er hatte nur noch den uralten Portwein im Keller, der süßlich und samtigschwer wie ein schwarzes Leichentuch auf der Zunge lag und der den Durst noch bis ins Unendliche verschlimmern würde.
»Ich werde selbst gehen«, sagte er und erhob sich. »Sag mir, wo ich den Eimer finden kann.«
»Um Gottes willen, Herr Oberregierungsrat, Sie am Brunnen, das geht nicht. Lassen Sie nur, ich gehe schon«, fügte sie hinzu.
Er griff in seine Jackentasche.
»Hier«, sagte er, »nimm eine Droschke zum Brunnen, oder vielleicht findest du auf der Straße ja auch noch jemanden, den du nach Wasser schicken kannst.«
»Einen Taler für einen Eimer Wasser«, entgegnete sie und schüttelte besorgt den Kopf, ohne die Münze anzunehmen. »Ich geh schon, Herr Oberregierungsrat, und ich geh auch gerne, weil ich denke, daß Sie vielleicht krank sind und Fieber haben.«
Sie lief davon.
Leerodt sah auf die Uhr und hoffte, daß es nicht zu lange dauern würde, bis sie zurückkam.
Kein Wasser im Haus: Das erweckte ein ungutes Gefühl. Er ging zur Eingangstür und drückte vorsichtig die Klinke; zum Glück hatte ihn niemand von außen eingesperrt. Konnte man wissen, ob nicht ein Gefolterter Rache nehmen wollte? Ob nicht Mariechen bestochen und Gehilfin des Rächers war? Seit einigen Wochen lebte er in der Angst, daß man ihn selbst heimlich auf Salz setzen könnte: Erst hungern lassen, dann die salzigsten Speisen verabreichen, in Salz eingelegte Makrele, salzigen Schinken, salziges Trockenfleisch, salziges Brot, und kein Wasser dazu geben. Wieder hungern lassen, dann eine Suppe, die Flüssigkeit verspricht, aber noch viel stärker versalzen ist. Kein Wasser dazu. Und so weiter, bis das Vögelchen sang, bis es nach Wasser schrie und in seiner Verzweiflung alle Geheimnisse, wegen derer es in Zimmer zehn saß, mit heraus spie. Offiziell war es keine Folter, sondern ein Versagen des trottelhaften Lehr jungen in der Küche des Ministeriums und eines bedauernswerten alten Dieners, der beständig den Wunsch des Inhaftierten nach Wasser vergaß.
Das Salzen war die Idee seines jetzigen Nachfolgers Oppeln gewesen und mit ein Grund, warum er seinen Dienst quittiert hatte. Er ertrug die durchwachten Nächte nicht mehr, die Träume, durch die die Gesichter der Verdächtigen geisterten; Träume, aus denen er schweißnaß auffuhr. Aber selbst, wenn er wach war, hörte er noch die Stimmen, die um Wasser flehten und irgendwann schließlich Geständnisse wisperten, heiser, brüchig, immer wieder unterbrochen von den langen, fast träumerischen Pausen, wenn sie, selbst schon fast nicht mehr als ausgedorrtes Pökelfleisch, auf das große Glas Wasser auf der anderen Seite des Schreibtisches starrten wie auf eine Marienerscheinung oder eine Fata Morgana oder eine Frau, auf die sie, ohne es zu wissen, ihr ganzes Leben lang gewartet hatten.
Sind Sie bereit?«
»Bereit«, wiederholte Caroline kreidebleich. »Ja, bin ich.«
Doktor Thümel, Leiter der geburtshilflichen Abteilung der Charité, tunkte seine Hände tief in die Schale mit Ochsenblut ein, zog sie dann ruckartig heraus und präsentierte sie auf Brusthöhe, klauenhaft gespreizt. Das Ochsenblut troff auf seinen weißen Überrock und dann weiter auf die Lappen, die sie auf dem Fußboden des Ateliers ausgebreitet hatten. Er wünschte ein Portrait von sich, das ihn bei der Arbeit zeigte, und das er als beispielhaft für seine Lebensumstände ansah. Carolines Hand zitterte, während sie eilig die blutrote Farbe auf ihrer Palette mit einer Nuance schwarz vermischte und dann den Pinsel eintauchte. Roch die Farbe nicht genauso faulig, muffig-süßlich wie das Blut an den Händen des Arztes, obwohl er versichert hatte, es sei ganz frisch, eben erst vom Schlachter geholt? Es ekelte sie davor, die Farbe auf die weiße Leinwand aufzutragen, und sie sehnte den Moment von Herzen herbei, an dem sie das Portrait – so sehr sie den freundlichen Herrn Thümel auch schätzte – aus dem Haus geben könnte. Auf der anderen Seite mußte es ein gutes Bild werden. Er war einer ihrer ersten Auftraggeber in Berlin, sogar einer, der nicht versucht hatte, den Preis durch Verhandlungen zu drücken, und er konnte ihnen vielleicht eine Menge von Folgebestellungen verschaffen.
Mina stand neben dem Topf mit Ochsenblut und hielt einen Kerzenleuchter so, daß die Blutstropfen auf den Arzthänden wie eine Überzahl geschliffener Rubine, von einem Dieb mit vollen Händen aus einer orientalischen Schatzkiste geschöpft, auf seinen Fingern glänzten. Es schien ihr nichts auszumachen; einer der zahlreichen Unterschiede zwischen ihnen, aber ihre eigene Geburt hatte ja auch keine für sie nachteiligen Konsequenzen gehabt, an die Caroline sich durch Thümel beständig erinnert fühlte. Sie waren überhaupt sehr verschieden, obwohl Mina, neunundzwanzig in diesem Winter geworden, nur zwei Jahre älter war als sie. Minas Haar war kraus, ihres glatter, Minas Augen lebhaft grün-braun gesprenkelt, wie ein hüpfender Laubfrosch, ihre eigenen grün ohne Beimischung, ein Teich mit schwerem, smaragdfarbenem Wasser, das nicht einmal ein Sturm in Bewegung bringen kann.
Minas Gesicht war runder, ihres schmaler im Vergleich; Mina hatte eine Stupsnase, ihre war gerade. Zudem blinzelte Mina häufig, weil sie ein wenig kurzsichtig war. Kamen Fremde ins Atelier, um sich portraitieren zu lassen, trat sie furchtlos ganz nah an sie heran. Sie selbst dagegen suchte eher Abstand zu wahren, gerade wegen jener merkwürdigen Intimität mit den Portraitierten. Wochen, manchmal Monate verbrachte man zusammen mit einem Unbekannten, der sich vollkommen preisgab und kurz darauf wieder aus dem Leben verschwand, ohne danach jemals Nachricht von sich zu geben. Und dennoch: Wenn man ihr Portrait und das Minas auf durchsichtiges Papier pausen und übereinander legen würde, hätten die Augen vermutlich den gleichen suchenden Ausdruck gehabt, und der Mund wäre auf dieselbe Weise zu einem Lächeln verzogen.
Ob dies so blieb, wenn sie älter würden? Sie sah sich, wie sie und Mina alle paar Monate wieder in der Bahn oder Kutsche saßen und bei der Einfahrt in eine neue Stadt, in der sie erneut ihr Glück zu machen hofften, immer wieder – das war ein Ritual – einander stumm die Hand drückten; und dann sah sie plötzlich zwei Alte-Frauen-Hände ineinander verschränkt, mit braunen Flecken, mager und faltig. Vater wäre tot, Herr von Kügelgen wäre tot, der Herzog wäre tot; nur Isidor würde immer noch leben, und sie würden altjüngferliche Gespräche mit ihm führen, ihm speziellen Löwenzahn aus Dänemark kommen lassen und überhaupt merkwürdig und verschroben sein.
Angeblich sollten demnächst auf dem Jahrmarkt die berühmten Siamesischen Zwillinge gezeigt werden. Sie würde gerne hingehen, um sie anzusehen, die gruseligen Zwillinge, die, wie man sich sagte, rückwärtig vom Brustkorb an über die ganze Länge des Oberkörpers miteinander verwachsen waren, so daß sie im Grunde eine einzige Person mit zwei Köpfen, vier Armen und vier Beinen darstellten. Eigentlich praktisch, dieses vielarmige, vielbeinige Wesen konnte miteinander Canasta spielen, ohne sich gegenseitig in die Karten sehen und vorzeitig eine Partie beenden zu können.
Doktor Thümel, den sie nach den Zwillingen gefragt hatte, hatte ihr erzählt, in der jüdischen Schöpfungsgeschichte seien Adam und Eva selbst zunächst ein einziges vierarmiges, vierbeiniges, zweiköpfiges und geschlechtsloses Wesen gewesen, am Rücken miteinander verwachsen, bis Gott es am Rücken auseinanderschnitt und seitdem die zwei Teile der Hälfte erfolglos versuchten, einander wieder so nahe wie im Ursprungszustand zu sein.
Sie stellte sich Mina und sich selbst vor, wie jede von ihnen einen dieser beiden siamesischen Zwillingsmünder küßte und sie sich bei diesem Kuß jedoch selbst in die Augen sahen, so, als küßten sie einander und als wären die Münder der Zwillinge nur Übermittlungsstationen eines Kusses, eine Art Relais, ein Telegraphenmast aus zuckenden menschlichen Nerven für eine zärtliche Botschaft unter zwei Schwestern, die jede von klein an sorgfältig darauf achtete, daß die andere sich nicht löste und Bestandteil einer fremden Verbindung wurde.
In den Regalen der Pathologischen Abteilung der Charite lagerten, das hatte Doktor Thümel ihnen bei einem anfänglichen Besuch im Krankenhaus gezeigt, in großen, mit Säure gefüllten Glaswannen eingelegt und von fahlem Gaslicht beleuchtet, die schrecklichsten Irrtümer der Menschwerdung, ein Säugling mit einem dritten Auge auf der Stirn beispielsweise, ein Ungeborenes fast ohne Gliedmaßen; aber diese Ungeheuerlichkeiten waren alle tot, tot und in Formalin begraben, schwammen nun, nachdem der Mutterleib ihnen kein Glück gebracht hatte, friedlich im Bauch der Wissenschaften. Diese Siamesischen Zwillinge jedoch lebten, ein schrecklicher Beweis für die Grausamkeit der Natur.
Wenn sie und Mina eines Tages sterben würden: Ob man sie, zwei alte Frauen dann mit faltigem Gesicht und weißem Haar, ebenfalls in große Glaswannen mit durchsichtiger Flüssigkeit einlegen würde, wo sie dann, nebst Isidor, mit starrem Blick durch Zeit und Raum schwammen? Ein Schildchen unten an der Wanne würde besagen, dies seien die Schwestern Bardua, die zwar im Gegensatz zu den Siamesischen Zwillingen zwei Körper und zwei Herzen besessen hätten, jedoch nie den Mut, sich zu trennen. Es gab Tage, an denen Caroline sich wünschte, daß etwas geschah, daß sie auseinanderriß. An anderen Tagen fürchtete sie nichts mehr.
Es würde beiden sicher guttun, in Berlin eine Weile lang am selben Ort zu leben und wie in Weimar nach und nach einen ganzen festen Kreis von Gleichgesinnten um sich zu versammeln, so daß sie weniger auf die gegenseitige Gesellschaft der Schwester angewiesen waren.
Berlin war die größte Stadt, in der sie sich bislang aufgehalten hatten, und so schnell wie in Halle oder Krefeld beispielsweise würde die Nachfrage nach ihren Portraits sicher nicht verebben. Sie hatten sich nicht davon entmutigen lassen, daß es in Berlin bereits an die vierhundert Portraitmaler geben sollte. Woche für Woche kamen neue Glücksritter in die Stadt, die vielleicht ein Portrait von sich wünschten. Das war zur Zeit große Mode, und durch ihr bekanntes Portrait des Komponisten Carl Maria von Weber hatte sie sich einen gewissen Ruf erworben. Es war ihr liebstes und gleichzeitig erfolgreichstes Bild, vielfach als Stich wiederabgedruckt, gewesen: Weber mit seinem wunderschönen schmalen Gesicht mit der langen, feinziselierten Nase und einer italienischen, fast weiblichen Note, wie er den einen Arm abstützte und mit der zugehörigen Hand sein linkes, dem Betrachter entgegengeneigtes Ohr verdeckte, ja beinahe verschloß; und wie er das andere Ohr, den Kopf leicht vom Betrachter fortgedreht, der Weite des Himmels im Bildhintergrund zuwandte, als lausche er auf nur ihm verständliche Töne aus dem Kosmos und halte sich das für die irdischen Mißtöne reservierte Ohr zu. Man hatte sie immer wieder gefragt, was den eigentümlichen Reiz dieses Portraits ausmachte. Es hatte eine Art Schmelz, übte einen nicht erklärlichen Zwang aus, es wieder und wieder anzusehen, und das, obwohl sie es nicht nach dem lebenden Modell, sondern nur nach seiner Totenmaske im Auftrag eines Opernhauses gemalt hatte.
Grund dafür war, daß Weber zwei gänzlich unterschiedliche Gesichtshälften besaß, denen sie nach und nach auf die Schliche kam. Natürlich, es war nichts Ungewöhnliches, daß sich die rechte Gesichtshälfte eines Menschen von der linken ein wenig unterschied, aber bei Weber klaffte förmlich ein Abgrund zwischen beiden Hälften, der nur durch die sehr feine Nase in der Länge und den nachdenklich wirkenden Mund in der Breite überbrückt werden konnte. Die irdische Gesichtsseite war die eines aufgeschlossenen, harmlosen und noch jungen Mannes. Die auf dem Bild dem weiten Horizont zugewandte Gesichtsseite hingegen gehörte einem erfahrenen Lebemann mit dem kühl sezierenden, wissenden und zugleich mißtrauisch-müden Blick derer, die alles Schöne und alles Scheußliche auf der Erde bereits zur Gänze erfahren haben. Beinahe ein Wunder, daß ein Mensch in zwei so unterschiedliche Teile zerfallen konnte.
Es sollte in Berlin eine halbgeheime Verbindung von Literaten und Kunstinteressierten geben, den Tunnel über der Spree. Vielleicht würde es ihr ja gelingen, hier als Portraitmalerin auf sich aufmerksam zu machen, wenn schon eine Mitgliedschaft als weibliche Künstlerin ausgeschlossen war, was Mina als spießbürgerliche Attitüde abtat. In anderen Kreisen sei man an einer gleichberechtigten Mitarbeit von Frauen in allen Belangen aufrichtig interessiert. Welche Kreise das waren, wollte sie jedoch nicht verraten. Immerhin hatte Professor Streckfuß Caroline zur Teilnahme an der Jahresausstellung des Berlinischen Künstlervereins eingeladen, obwohl Bilder von weiblicher Hand dort der Bequemlichkeit halber häufig als Dilettantismus abgetan wurden.
»Fräulein Bardua«, sagte Thümel und räusperte sich. »Ich denke, ich tunke jetzt noch einmal, oder?«
Auf dem Portrait rann die Blutfarbe, die sie stark verdünnt hatte, in kleinen Bächen die Arzthände hinab.
»Danke«, entgegnete Caroline, grün im Gesicht schon beim Gedanken an den neuerlichen Blutgestank, »aber wir können die Sitzung für heute wohl doch beenden.«
Dann stand sie auf und rannte auf die Veranda hinaus, in die frische Luft.
Eine ganze Weile später – Thümel war nach einem Schwatz mit entschuldigenden Worten davonspaziert und hatte den Topf mit dem Ochsenblut im Rinnstein auf der Jägerstraße ausgegossen – kehrte Caroline ins Atelier zurück.
Dort saß Mina auf dem Hocker vor der Staffelei und betrachtete nachdenklich das Portrait. Das Gesicht war bereits fertig ausgeführt; ein freundliches Gesicht, rundlich und ohne bemerkenswerte Unebenheiten, abgesehen von den buschigen weißen Augenbrauen und dem auf den ersten Blick seltsam anmutendem zufriedenen Lächeln, mit dem er auf seine Geburtshelferhände sah.
Caroline ließ sich auf das Sofa sinken.
»Ein netter Mensch, aber daß er heute das Blut mitbringen mußte, finde ich ekelhaft«, sagte sie und schüttelte sich.
Mina wandte sich um.
»Weißt du«, begann sie lebhaft, »an wen er mich auf deinem Bild entfernt erinnert?«
»Nein.«
»An Kügelgens Mörder. Dachtest du an ihn, als du sein Gesicht gemalt hast?«
In uns selbst entdecken wir, was uns die anderen verbergen; was wir vor uns selbst verbergen, finden wir in den anderen. Diesen Satz hatte man ihr beim Abschied aus Weimar mit auf den Weg ins Portraitmalerleben gegeben. Aber malte man überhaupt irgend etwas anderes, konnte man überhaupt irgend etwas anderes malen, als sich selbst in tausend Variationen, sich selbst in Millionen von Facetten? Sie selbst würde dieses tief erleichterte Lächeln auf dem Gesicht tragen, wenn es ihr eines Tages gelänge, den Geist Gerhard von Kügelgens zu töten. Sie war mit dem Auftrag geboren, ein Leben, das vor seiner Zeit beendet worden war, weiterzuleben und die Mission eines anderen zu erfüllen. Ob sie nicht Portraits, sondern zum Beispiel Landschaften gemalt hätte, wenn da nicht Kügelgen gewesen wäre, oder Stilleben? Jedenfalls Dinge, für die sie jetzt blind war, noch? Sie hoffte, sie würde nicht auch noch zur Kaffeestunde sterben, schicksalhaft erstochen auf dem weißen Prospekt am Ufer der Newa von einem angetrunkenen Russen in Geldverlegenheit.
Mina kam herüber zu ihr auf das Sofa und legte den Arm um sie.
»Wenn du möchtest, könnte ich seine Hände fertigmalen, und du müßtest dich nicht mehr damit quälen.«
Caroline seufzte.
»Habe ich dir übrigens Vaters Brief gezeigt?«
»Ja«, sagte Mina, »und ich bin, ehrlich gesagt, in Sorge, daß der Herzog seine Drohung wahrmacht und tatsächlich auf Berlin zumarschiert, aber andererseits wird er dazu vielleicht gar keinen Anlaß haben«, Mina machte eine bedeutungsvolle Pause, »denn du hast gute Aussichten auf einen Preis.«
»Dann wüßtest du mehr als ich.«
»Ich weiß sehr häufig mehr als du, nur bekommst du das meist nicht mit, weil du so oft so be-schäf-tigt bist.« Mina imitierte ihren gereizten Tonfall, den sie manchmal hatte, wenn sie an der Staffelei saß und in ihren Überlegungen nicht gestört werden wollte. Be-schäf-tigt, be-schäf-tigt, be-schäf-tigt sang Mina vor sich hin und tupfte dabei rote Blutstropfen auf die klauenartigen Hände.
»Nun sag schon, was du über die Preisverleihung weißt.«
»Sie werden dein Bild auswählen.«
»Wer sagt das?«
»Und dann schicken sie den Herzog von Ballenstedt gemeinsam mit lauter anderen Bildern auf Ausstellungsreise quer durch Europa.«
»Mina!«
»Und du wirst berühmt und begehrt und vielleicht noch viel häufiger be-schäf-«
Caroline riß ihr den Pinsel aus der Hand.
»Nun sag mir endlich, woher du das angeblich weißt!«
»Von Köttgen. Er kennt einige Professoren aus der Kommission, die die Preise vergibt.«
»Du meinst Wilhelm Köttgen?«
»Kennst du einen anderen?«
»Ich wundere mich nur, was du mit einem Portraitmaler aus – aus Wuppertal zu schaffen hast.«
»Ach«, sagte Mina und lachte, »ich traf ihn vor einigen Tagen, als ich den Herzog am späten Abend noch einmal ansehen gegangen bin, zufällig vor deinem Bild in der Gemäldegalerie, und da er mich auf dem Bild wiedererkannte, kamen wir eben ins Gespräch.«
*
Wilhelm Köttgen: Gemeinsam mit seinem Namen tauchte seine beleibte Gestalt aus ihrer Erinnerung auf, sein speckig wirkendes Haar, sein leutseliges Lachen, die flinken Augen und, als allererster Eindruck, sein warmer Atem in ihrem Nacken. Es war an die zehn Jahre her; sechzehn oder siebzehn war sie gewesen, als sie nach der Weimarer Zeit in Dresden in der Lehre war, wo man sie in die Gemäldegalerie zum Kopieren alter Meister geschickt hatte. Sie saß schon seit Stunden in der kaum besuchten Zimmerflucht mit den mittelalterlichen Mariendarstellungen und quälte sich mit greisenhaft wirkenden Jesuskindern, als plötzlich ein warmer Hauch in ihrem Nacken anzeigte, daß wieder einmal ein Besucher haltgemacht hatte, um die Kopie der jungen Malschülerin mit dem Original zu vergleichen und wohlmeinende Verbesserungsvorschläge auszusprechen. Jedesmal schrak sie zusammen.
Dieser Besucher, man merkte es gleich, war vom Fach. Er fragte sie, wessen Schülerin sie sei, und stellte sich dann vor. Er selbst sei Portraitmaler, aus Wuppertal, nicht unerfolgreich und auch im Ausland tätig. Sogar in dieser Galerie hänge ein Bild von ihm, allerdings wohl weniger wegen seiner Malkunst denn wegen der Prominenz des Portraitierten, aber damit müsse ein Portraitmaler leben. Ob sie es anschauen gehen wolle?
Sie wollte, und darum durchwanderten sie gemeinsam den holländischen, den flämischen und viele andere Säle. Beim Gehen steckte er die Hände in die Taschen, pfiff leise vor sich hin und genoß dabei sichtlich das rhythmische Klappern seiner Schuhe auf dem Parkett der Galerie. Sein Schritt war beschwingt, beinahe tänzerisch.
Als sie vor Köttgens Portrait standen, war Caroline enttäuscht. Es zeigte einen bekannten Naturforscher, den sie selbst einmal in Weimar gesehen hatte. Sie hatte ihn als verschlagen dreinblickenden Menschen mit meckerndem Ziegenlachen und schlechten Zähnen in Erinnerung, aber auf Köttgens Bild blickte er sanft und friedlich drein wie ein Engel, milde lächelnd und mit einem properen weißen Gebiß.
»Ihr Bild ist gelogen«, sagte sie schließlich.
»Na und? Die Menschen wollen betrogen werden.«
»Niemals«, sagte Caroline empört.
Daraufhin lachte er sie tatsächlich schallend aus und ließ sie einfach vor dem Bild stehen; sicher weil er sich über ihre Kritik geärgert hatte. Seine Absätze entfernten sich beschwingt klappernd durch die Säle. Caroline blieb eine ganze Weile vor dem Bild stehen und fragte sich, ob sie ihm Unrecht getan hatte, aber ihre Meinung änderte sich nicht. Immerhin hatte sie ihre Dresdner Begegnung nicht vergessen, und vielleicht war es ja auch das, was er mit seinem dramatischen Abgang bezweckt hatte.
Der Tag der Preisverleihung! Es war später Nachmittag, und in der Galerie herrschte weihevolle Stille, als wäre dies kein lichter Saal, sondern eine Sakristei. Einige hundert geladene Gäste standen dichtgedrängt, während die aus Vertretern der verschiedenen Berliner Künstlervereine gebildete Kommission, die über die Vergabe der Preise entschied, feierlich von Bild zu Bild schritt. Es waren dies fünf Herren, Kunstprofessoren, ganz in schwarz und angeführt von Professor Streckfuß; alle wußten, daß sie sich im stillen bei vorangegangenen Besuchen längst eine Meinung über das ihrer Ansicht nach beste Bild gemacht hatten, aber die Tradition verlangte, daß sie wie die Pinguine einer nach dem anderen durch die Räume watschelten und taten, als sähen sie die Bilder zum ersten Mal. Ebenso war es erforderlich, daß sie ab und an innehielten und sich dann und wann mit wichtiger Miene besprachen. Es war unerträglich heiß, doch der größeren Feierlichkeit wegen hielt man die Fenster geschlossen, als könne der Gesang der Vögel draußen in den Bäumen vor der Galerie die Preisrichter ablenken und auf unnütze Gedanken bringen.
Über den Rücken der Portraitmalerin rannen Schweißperlen, deren Lauf Leerodt mit Wonne verfolgte. Sie lösten sich langsam unter ihrem hochgesteckten, bronzefarbenen Haar, verfolgten dann jeder ihre eigene Bahn über ihre helle, weiche Haut, zäh, aber stetig, und mündeten schließlich im schon feuchten Saum des am Rücken tief ausgeschnittenen, geblümten Sommerkleides. Daran hatte er erkannt, daß sie es war, die drei Reihen vor ihm stand: Das Kleid war dasselbe, das sie auf dem Gemälde trug.
Sie haben einen erstaunlichen Blick für das Detail. In Gedanken sprach er den Satz so lange durch, bis er wieder den richtigen, beiläufigen Klang angenommen hatte. Verwirrend, daß sie ihm plötzlich so nah war, daß es überhaupt keine Mühe kosten würde, auf sie zuzutreten, sobald der Preis vergeben war und sich die Reihen der Gäste zerstreuten.
Er konnte seine Augen so wenig von ihrem Nacken abwenden, daß er befürchtete, sie würde seinen Blick, festgekrallt in ihren Rücken, spüren. Sie leuchtete förmlich aus der Menge heraus, ein einzelnes weißes, frisches, unbeschriebenes Blatt Papier inmitten einer Hundertschaft von vergilbten Akten, Seite um Seite von folgsamen Konfidenten mit engen Zeilen bedeckt, Passagen von ihm selbst auch mit roter Tinte hervorgehoben. Nicht viele in diesem Raum kannten ihn und hatten ihn mit leichtem Nicken gegrüßt. Er jedoch kannte Ansichten und Gewohnheiten fast aller hier im Raum Versammelten und fühlte sich daher wie ein einzelner zahlender Gast in einem vielköpfigen Kasperltheater. Wie viele von diesen Hanswürsten, die heute artig in den Knien eingeknickt waren, sobald der König eintraf, führten daheim große Reden für die Abschaffung der Erbmonarchie! Wenn er jetzt aufsehen würde zur Decke, würde er einen ganzen Wald von Fäden erblicken, mit denen eine unsichtbare Hand jegliche Bewegung unten im Saal lenkte. Schnitt jemand diese Fäden mit einem Mal durch, würden sie alle in sich zusammensinken und schlaff auf den Boden fallen – nur sie nicht, vielleicht.
