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Liebe und Leid einer umschwärmten Tänzerin Berlin 1744. Friedrich der Große gilt nicht nur als genialer Militärstratege - er ist auch ein Liebhaber der schönen Künste. Mitten in die Stadt läßt er die prachtvolle Oper Unter den Linden erbauen. Leider fehlt ihm ein Star für seine Bühne, denn welche Tänzerin mag sich ins noch reichlich provinzielle Preußen bequemen? Kurzerhand läßt der König eine Ballerina aus Venedig entführen: Die schöne Barbara Campanini wird von seinen Agenten nach Berlin verschleppt. Dort bringt die eigenwillige Frau schon bald die Stadt und den Hofstaat des Königs in Aufruhr. "Pirouetten zwischen Paris, Venedig und Berlin. Tanz als Flucht und Möglichkeit der Selbstverwirklichung. Wie selbstverständlich wird der Leser in die Welt des höfischen Theaters hineingezogen." Maxi
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Seitenzahl: 533
Veröffentlichungsjahr: 2016
Liebe und Leid einer umschwärmten Tänzerin
Berlin 1744. Friedrich der Große gilt nicht nur als genialer Militärstratege – er ist auch ein Liebhaber der schönen Künste. Mitten in die Stadt läßt er die prachtvolle Oper Unter den Linden erbauen. Leider fehlt ihm ein Star für seine Bühne, denn welche Tänzerin mag sich ins noch reichlich provinzielle Preußen bequemen? Kurzerhand läßt der König eine Ballerina aus Venedig entführen: Die schöne Barbara Campanini wird von seinen Agenten nach Berlin verschleppt. Dort bringt die eigenwillige Frau schon bald die Stadt und den Hofstaat des Königs in Aufruhr.
»Pirouetten zwischen Paris, Venedig und Berlin. Tanz als Flucht und Möglichkeit der Selbstverwirklichung. Wie selbstverständlich wird der Leser in die Welt des höfischen Theaters hineingezogen.« Maxi
Susanne Fengler
Die Ballerina
Historischer Roman
Inhaltsübersicht
Informationen zum Buch
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Epilog
Anmerkungen
Über Susanne Fengler
Impressum
Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …
Es ging wie immer um den Schuh, Viazemskys Hirngespinst, diesen obskuren chaussure à point, und es war wie jedesmal derselbe betont belanglose Satz, mit dem Viazemsky versuchte, sie dazu zu überreden, ihn auszuprobieren.
»Mein neues Modell ist fertig. Ich glaube, das ist jetzt der Durchbruch. Willst du ihn nicht rasch einmal überziehen?«
Barbara sah ihn an. Sie mußte lachen, denn es war immer dieselbe Ausrede, mit der sie ihn abwimmelte. Warum fragte er sie überhaupt noch?
»Heute geht es nicht«, antwortete sie leichthin. »Ein anderes Mal vielleicht.« Dieses andere Mal würde es wohl nie geben. »Ich habe heute Vorstellung.«
»Du glaubst nicht an mich.« Viazemsky spielte den Beleidigten.
»An dich schon. Aber nicht an deinen Schuh.«
»Das ist ein und dasselbe«, entgegnete Viazemsky streng.
Sie hätte es wissen müssen, denn er tat nun schon seit Wochen wieder sehr geheimnisvoll, und dann war klar, daß zwangsläufig der Tag kommen würde, an dem er ihr stolz seinen neuen Schuh präsentierte. Sie hätte gleich nach der Probe nach Hause fahren sollen, aber aus Gewohnheit schaute sie jeden Tag nach der Oper bei ihm in seiner Werkstatt vorbei, um ein wenig zu plaudern, bevor sie sich für die abendliche Vorstellung ausruhte.
Außerdem roch es hier so gut nach Leim, Holz und Tinkturen. Durch die vergitterte Luke schien die warme Septembersonne in den Keller hinab, und es machte immer wieder Spaß, in dem Durcheinander zu stöbern, das Viazemsky hier unten angerichtet hatte. Holzstücke, Sägen, Feilen und Stoffe türmten sich überall, auf den Stühlen, Bänken und in den Regalen, und selbst der goldene Rahmen um das Gemälde von Barbara diente als Ablage für Nägel.
Das Bild war jetzt vier Jahre alt, angefertigt zu Weihnachten 1739, als Barbara gerade, mit sechzehn, ihr sensationelles Debüt als erste Tänzerin der Pariser Oper gefeiert hatte. Die Kellerluft war der Leinwand schlecht bekommen: Sie wellte sich, und die Farbe war bereits an einigen Stellen gesprungen – eigentlich eine Schande, denn das Gemälde war damals im Salon des Fürsten von Ligne gezeigt worden, wo ganz Paris es bewundert hatte, dieses Bildnis der Mademoiselle Barbara Campanini, Primaballerina des Pariser Balletts, mit den dunklen, orientalischen Augen, schweren Lidern und langen Wimpern, den schwarzen Haaren, die sie gegen die Mode der Zeit stets à la nature, ohne Perücke, trug, dem frischem Teint und dem feinem Lächeln. Neben ihrem Bild hingen technische Skizzen, Federzeichnungen von Beinen und Füßen, teils verblaßt, teils noch ganz frisch.
Zbigniew Viazemsky, ihr Meister und Impresario, hatte sich hier in dem großen Mietshaus an der Rue de Gascogne eine Werkstatt gemietet, um sich unbehelligt seinen Forschungen widmen zu können. Er arbeitete seit Jahren an einem Schuh, der den Tänzerinnen mehr Eleganz und Leichtigkeit beim Ballett verschaffen sollte, indem er sie mittels einer Holzkonstruktion auf ihre durchgestreckten Zehenspitzen erhob. Viazemsky nannte den Schuh eitel chaussure à point Viazemsky oder auch Fußspitzen-Tanzschuh und war besessen von der fixen Idee, durch seine Erfindung den Balletttanz zu revolutionieren. Inzwischen war er Mitte vierzig, ein schlanker, eleganter Mann und mäßig begabter Ex-Tänzer, der früher an der Petersburger Hofoper aufgetreten war, mit stechenden grünen Augen, Sommersprossen und dem leicht gewellten, rotbraunen Haar der Polen. Bei passender Gelegenheit gab sich Viazemsky gern charmant, als ritterlicher Kavalier, den die Frauen liebten, obwohl er selbst nichts mit ihnen anfangen konnte; nur Barbara gegenüber tat er sich keinen Zwang an.
»Ich unternehme meine Anstrengungen ausschließlich für dich«, sagte Viazemsky gekränkt. »Diese Pantinen, mit denen ihr Mädchen auftretet, sind schrecklich: keine Spur von Eleganz. Bei dir ist es am allerschlimmsten, da du Beine wie ein englischer Dachshund hast.«
»Ich kann nichts dazu.« Immer wieder fing er von ihren Beinen an. Wenn sie einen Schnupfen hatte, verlor er kein Wort darüber.
»Überleg es dir«, sagte Viazemsky und hielt ihr sein neuestes Modell hin. »Es ist auch bestimmt nicht gefährlich.«
»Viazemsky«, sagte Barbara und seufzte, »wir arbeiten jetzt seit sechzehn Jahren zusammen. Seitdem ich dich kenne, brütest du über diesem Schuh; dennoch hat er bislang kein einziges Mal funktioniert, und darüber hinaus zahlst du immer noch Regreß an diese polnische Tänzerin, die sich wegen deines chaussure die Hüfte gebrochen hat.«
»Damals war ich noch nicht so weit, und, nebenbei bemerkt, wenn ich vorher gewußt hätte, wie störrisch du dich aufführen würdest, dann hätte ich dich in Parma bei deinen Eltern sitzengelassen und dich nicht zu mir in die Ausbildung genommen.«
»Ich bedauere dich kein bißchen. Du hast schon genug verdient mit mir.«
»Heißt das, du beklagst dich über mich? Findest du, daß ich dir zu wenig von deiner Gage auszahle?«
»Das habe ich nicht gesagt. Ich bin lediglich der Ansicht, daß du ein sehr angemessenes Auskommen hast durch mich.«
Viazemsky sah ein, daß seine Drohungen nichts nützten. Er stand auf, trat hinter Barbara und legte seine Hände auf ihre Schultern.
»Es tut mir leid, Barbara, und ich wollte dich ganz gewiß nicht bedrängen, aber wenn du, die schönste und berühmteste Ballerina von Paris, mithin die beste Tänzerin der Welt, Liebling des Prinzen von Carignan, des Marquis von Thebouville und vieler weiterer, höchst bedeutender Herren, mit meinem Schuh auftreten würdest, könntest du mir wirklich sehr helfen, da ich –«
Es klopfte an der Tür. Barbara sah Viazemsky erstaunt an.
»Erwartest du Gäste?«
Viazemsky sprang auf.
»Wir erwarten Gäste.«
»Wir?« Barbara runzelte die Stirn. Bekannte lud Viazemsky höchst ungern ein, und Barbara konnte sich auch nicht daran erinnern, jemals einen Familienangehörigen von Viazemsky kennengelernt zu haben. Er kam aus einer Tänzerfamilie aus Warschau. Schon sein Großvater war beim Ballett gewesen, damals, als noch keine Frauen die Bühne betreten durften, soviel wußte sie gerade noch. Doch Viazemsky reiste oft, ohne zu sagen, wohin, und kehrte zurück, ohne ihr zu berichten, wo er gewesen war, wie ein Spion, der zwischen geheimnisvollen, nebeligen Fronten operiert.
Obwohl sie sich so gut wie täglich sahen und Barbara ihm in Geschäftsdingen blind folgte, war Viazemsky im Grunde ein Unbekannter für sie geblieben. Soweit sie sich erinnern konnte, hatte er sie nie nach den kleineren Dingen des Lebens gefragt, ob sie zum Beispiel nach anstrengenden Proben erschöpft war. Ihre Konversation beschränkte sich auf das Ballett, auf Choreographen, Komponisten und Spielpläne. Seit sie aus Parma fortgegangen waren, hatte Barbara jemanden gesucht, an dessen Schulter sie sich anlehnen konnte, wenn sie müde oder traurig war. Früher hatten ihre Eltern sie getröstet, aber beide waren leider längst verstorben. Erst im vergangenen Jahr hatte sie bei einem Gastspiel in London zufällig jemanden kennengelernt, Mackenzie, den dreiundsechzigjährigen Lord Stuart Wortley Mackenzie, der besorgt an ihrem Bett ausharrte, wenn sie erkältet war, ihr riet, an Regentagen nur mit Schirm auszugehen, und sich dafür interessierte, welche Belanglosigkeiten ihr ihre früheren Nachbarn aus Parma schrieben.
»Frag nicht so viel. Es ist Herr Mendrich aus Berlin, ein äußerst wichtiger Mann am dortigen Hof.« Viazemsky war mit einem Mal nervös. »Steh auf, wenn er hereinkommt, und vergiß keinesfalls, zu knicksen.«
Gehorsam erhob sich Barbara. Viazemsky ging zur Tür und richtete dort sein schwarzes Seidencape, das an mehreren Stellen gestopft werden mußte. Barbara unterdrückte ein schadenfrohes Grinsen. Viazemsky warf Barbara noch einen mahnenden Blick zu und öffnete dann schwungvoll die Tür.
»Enchanté.«
Ein dicklicher Herr stand vor der Tür, mit rundlichem Gesicht und treuherzigen blauen Augen, gewandet in einen bodenlangen braunen Reisemantel. Auf Viazemskys Geheiß hin trat er in die Werkstatt ein, mit langsamen, schwerfälligen Bewegungen nach Art eines dressierten Tanzbären vom Jahrmarkt. Kaum, daß er Barbara entdeckt hatte, blieb er stehen und starrte sie ehrfurchtsvoll an, so daß Viazemsky ihn mit dem Ellbogen in die Seite stoßen mußte, um ihn daran zu erinnern, daß er eine Mitteilung für Barbara hatte, und zwar eine dringliche.
Mendrich räusperte sich.
»Bonjour, Mademoiselle Barbara.«
Er sprach ein bedächtiges Französisch, mit dem schweren Akzent wenig weltläufiger Menschen, die selten ins Ausland reisen und keinen Umgang mit Fremden pflegen. Barbara knickste, wie Viazemsky es ihr aufgetragen hatte, und Mendrich beeilte sich ebenfalls, sich vor Barbara zu verbeugen.
»Ich habe schon viel von Ihnen gehört, Mademoiselle«, begann Mendrich zaghaft.
»Das freut mich.« Jedermann hatte schon viel von ihr gehört, ganz Europa kannte sie, und Barbara fand, für einen ihr als wichtig angekündigten Gast aus Berlin machte dieser Herr reichlich einfallslose Komplimente, aber er stammte natürlich, was man berücksichtigen mußte, aus Preußen, einem Land weit draußen im fernen und barbarisch rohen Osten, wo man in Ermangelung jeglicher verfeinerten Kultur vor allem auf seine Armee stolz war oder sein mußte.
»Daß Sie jeden Tag fleißig üben, wie mir Monsieur Viazemsky erzählt hat«, fuhr Mendrich jedoch unbeirrt fort, »und daß Sie auch ansonsten nicht ganz so sind wie … wie die anderen Mädchen vom Ballett.« Nun, er hatte recht, es war eher die Regel denn die Ausnahme, daß sich die Tänzerinnen der Oper im Nebenberuf als kommerzielle Liebhaberinnen betätigten, aber dieses Thema in den ersten Minuten einer Plauderei mit einer Fremden aufzugreifen, erschien Barbara ebenfalls wenig geschickt. Sie fragte sich, was der Sinn dieses seltsamen Besuchs sein konnte.
Viazemsky, den die unbeholfene Konversation seines Gastes enervierte, fiel ihm nun jedoch kurzerhand ins Wort, während Mendrich Luft holte, vermutlich, um zu einer weiteren Schmeichelei eines in der Galanterie völlig Unerfahrenen anzusetzen.
»Herr Mendrich beehrt uns im Auftrag Seiner Majestät, des Königs von Preußen, dessen wichtigster Mitarbeiter er ist.«
»Nun ja«, sagte Mendrich, »eigentlich –«
»Herr Mendrich, bitte teilen Sie Mademoiselle Barbara doch den Anlaß Ihres Besuches mit, so daß sie sich mit uns freuen kann.«
»Nun, Mademoiselle«, Mendrich räusperte sich erneut, »im Namen Seiner Majestät, Friedrich des Zweiten, König von Preußen, Markgraf zu Brandenburg, des Heiligen Römischen Reiches Erzkämmerer und Kurfürst, Souverän Prinz von Oranien, Neuchâtel und Valengin, in Geldern, zu Magdeburg, Cleve, Jülich, Berg, Stettin, Pommern, der Kaschuben und Wenden, zu Mecklenburg, auch in Schlesien, zu Crossen Herzog, Burggraf zu Nürnberg, Fürst zu Halberstadt, Minden, Cammin, Wenden, Schwerin, Ratzeburg und Mörs –«
»Kommen Sie doch bitte zum Punkt«, sagte Viazemsky, worauf Mendrich, der seinen Vortrag offenbar sorgfältig einstudiert hatte und den die unvorhergesehene Unterbrechung sichtlich verwirrte, beschämt errötete.
»Nun, Seine Majestät, der König von Preußen, ist also hocherfreut, daß Sie, Mademoiselle, unsere Opernbühne von der kommenden Saison an als Primaballerina zieren werden, und läßt Ihnen durch meine Wenigkeit bereits ein Verzeichnis der in der königlichen Hofoper Unter den Linden derzeit aufgeführten Werke zukommen, die Sie zur Vorbereitung auf der Fahrt nach Berlin bitte studieren mögen.«
»Entschuldigung«, sagte Barbara, »aber ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen.«
»Von Ihrem Engagement in Berlin, das Monsieur Viazemsky freundlicherweise mit dem Direktor unserer Oper, Graf Gotter, ausgehandelt hat.«
»Es beginnt erst im November«, sagte Viazemsky.
»Schließlich ist bis Mitte Oktober der sehr berühmte Monsieur Voltaire in Berlin zu Besuch, weshalb Seine Majestät derzeit Zerstreuung genug hat«, erklärte Mendrich. »Und bis Oktober ist die Oper ohnehin geschlossen, da wir derzeit Hoftrauer um die Patin Seiner Majestät tragen, Marie Dorothee, eine geborene Prinzessin von Kurland und Witwe des Markgrafen Friedrich.«
»Du hast also noch einige Wochen Zeit, deine Sachen zu packen und mit Herrn Mendrich und mir nach Berlin zu reisen«, sekundierte Viazemsky.
Barbara erstarrte.
»Und das sagst du mir jetzt?« platzte sie laut heraus.
Viazemsky warf Mendrich einen entschuldigenden Blick zu, nahm dann Barbara am Arm und zerrte sie rasch mit sich vor die Tür.
»Du bist wohl verrückt geworden«, flüsterte Viazemsky. »Was fällt dir ein?«
Barbara riß sich los.
»Diese Sache in Berlin kannst du dir an den Hut stecken«, zischte sie und hockte sich trotzig auf die steile Stiege, die in die Werkstatt hinabführte.
»Ich habe bereits unterschrieben.«
»Ohne mich zu fragen.«
»Ich habe dich noch nie gefragt.«
»Ja, aber bisher hast du mich auch immer irgendwohin geschickt, wo es gut für mich war, Paris, London und so weiter.«
»Was hast du gegen Berlin?«
»Das ist nicht dein Ernst. Ich bin erste Tänzerin an der Pariser Oper, und du schickst mich nach Berlin. Warum sagst du mir nicht gleich, ich solle aufhören zu tanzen?«
»Der König von Preußen hat persönlich verlangt, daß du nach Berlin kommst. Das ist eine Sensation.«
»Ich fühle mich sehr geehrt«, antwortete Barbara bissig.
»Es ist eine neue Stadt.«
»Eine Stadt, aus der ich nie wieder herauskomme. Ein Gefängnis.«
»Du redest Unsinn.«
»Unsinn?« Barbara klammerte sich an Viazemskys Arm. »Nach einem Engagement in Berlin bin ich in der Welt des Balletts vollkommen vergessen. Wer engagiert schon eine Tänzerin aus Berlin? Gibt es dort überhaupt ein Ballett?« Barbaras Stimme wurde zunehmend schriller. »Gibt es da überhaupt Leute, die sich für das Ballett und die Oper interessieren? Was –«
»Barbara«, herrschte Viazemsky sie an. »Ich habe unterschrieben, schon vor sechs Wochen. Es bleibt dabei.«
»Aber ich –«
»Und jetzt fährst du nach Hause und ruhst dich für deine Vorstellung heute abend aus.«
»Bitte, Viazemsky, ich –« bettelte Barbara, aber er hatte sich schon von ihr abgewandt.
»Nach Hause«, sagte er streng. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloß.
Jetzt ist alles aus, dachte Barbara verzweifelt. Und Mackenzie. Ich muß ihn heute abend sofort sprechen. Lieber Gott, hoffentlich ist er wenigstens heute pünktlich.
*
»Hallo, Barbara. Ich habe gehört, du gehst nach Berlin? Herzlichen Glückwunsch!«
Das war die Stimme von Marie Cochois, trügerisch sanft und interessiert. Schlange, dachte Barbara. Paris ist die Kapitale der Intriganten, und du bist ihr Oberhaupt. Marie war plötzlich hinter ihr im Ballettsaal aufgetaucht und hatte mit unschuldigem Lächeln begonnen, sich für die Vorstellung aufzuwärmen.
Marie war zwei Jahre jünger als Barbara und galt im Ensemble als Talent. Sie stammte aus Lyon, ein blasses, blondes Geschöpf mit Stupsnase, Sommersprossen und fanatisch ehrgeizig funkelnden Augen. Heute abend, in La Reine de Grenade, tanzte sie in den Balletteinlagen eines von mehreren Mädchen des karibischen Eingeborenenstammes, deren Königin Barbara darstellte. Maries Kostüm, ein steifes, braunes Bastkleid, war mit großen, bunten Stoffblumen besetzt, Gesicht, Hals und Arme waren braun geschminkt.
Barbara drehte sich verdutzt um.
»Vielen Dank.«
»Und du reist kommende Woche?« fragte Marie denn auch tatsächlich und versank in ein plié.
»Du kannst es ja anscheinend kaum erwarten«, antwortete Barbara ärgerlich. Ein Unding war das von Viazemsky, sie so nebenher davon in Kenntnis zu setzen, daß sie demnächst nach Berlin engagiert war, aber der halben Oper zum nämlichen Zeitpunkt ebenfalls davon zu berichten. Barbara ließ die Stange los und ging quer durch den Ballettsaal zum Standspiegel, der neben dem Clavier stand, um ihr weißes, perlenbesetztes Kostüm zu überprüfen, aber Marie ließ nicht locker und verfolgte sie.
»Wird Lord Mackenzie nicht sehr traurig sein?« fragte sie dreist und begann eine pirouette. Daß Mackenzie Barbara abgöttisch anhimmelte, war seit dem Londoner Gastspiel im gesamten Ensemble bekannt und stets Anlaß für neidische Sticheleien.
Barbara sah Marie wütend an.
»Belaste dich nicht mit solchen Problemen.«
Die anderen Mädchen, die sich dehnten und streckten, spähten herüber. Es dämmerte schon, und der Kronleuchter an der Decke reichte nicht aus, um den ganzen hohen Übungssaal zu erhellen.
»Überhaupt, Marie, bevor du deine Zeit mit Überlegungen dieser Art vertust, rate ich dir dringend, lieber noch einmal den Sternentanz im zweiten Akt durchzugehen. Du patzt andauernd beim pas de chat.«
Bevor Marie antworten konnte, drehte sich Barbara auf dem Absatz um und lief zurück in ihre Garderobe. Von draußen drang nun eine männliche Stimme herein, vermutlich der römische Tenor, der vor der Tür munter rief:
»Eh, Barbara, ich habe schon gehört, daß du nach Berlin – «
»Ruhe!« brüllte Barbara und drehte den Schlüssel im Schloß um. Dann lehnte sie sich erschöpft an die Tür. Ihr Blick wanderte durch ihre Garderobe mit der dunkelroten Wandbespannung, dem durchgesessenen, russisch-grünen Sofa und dem Schminkspiegel in dem goldverzierten Rahmen. Alles war plüschig und abgewetzt in diesem Zimmer, wie das Boudoir einer aus der Mode gekommenen Kurtisane.
Sie hatte am Nachmittag nicht schlafen können angesichts ihrer bedrückenden Perspektiven und daher gleich nach dem Gespräch mit Viazemsky versucht, Mackenzie in der Akademie abzufangen. Dort bemühte sich dieser um die Entschlüsselung der mysteriösen ägyptischen Hieroglyphen – seine Lieblingsbeschäftigung und zugleich ein guter Vorwand, nach der Bekanntschaft mit Barbara für einige Zeit von London nach Paris umzusiedeln. Leider hatte sie ihn jedoch nicht mehr in der Akademie erreicht, da Mack sich bereits in Begleitung einiger anderer Forscher in ein Kaffeehaus begeben hatte, wie der Pförtner ihr bedauernd mitteilte.
Um die Zeit bis zur Vorstellung totzuschlagen, hatte sie sich daher in der Bibliothek der Akademie einige Berichte Reisender über Preußen und besonders Berlin angesehen. Berlin wurde dort stets als eine der saubersten Städte Europas beschrieben, nie jedoch als Treffpunkt von Liebhabern der schönen Künste. Viazemsky würde es bestreiten, da er für diesen Vertrag sicher eine hohe Provision erhalten hatte, aber ein Engagement in Berlin kam einer Verbannung ins Exil gleich. Sie hatte nicht einmal gewußt, daß es in Berlin wieder ein Ensemble gab, nachdem der vormalige Herrscher Preußens, König Friedrich Wilhelm I., alle seine Musiker und Komödianten aus Gründen der Sparsamkeit entlassen hatte, woraufhin diese sämtlich nach Paris reisten und dort die Preise verdarben.
Barbara hatte sich gerade gesetzt, um den Direktor der Pariser Oper in einer Notiz um ein Gespräch zu bitten; vielleicht wußte er ja noch gar nichts von Viazemskys Plänen und würde, um sie zu halten, in eine Erhöhung ihrer Gage einwilligen, wovon auch Viazemsky profitieren und Berlin vielleicht sausen lassen würde, aber in diesem Moment läutete es zum dritten Mal, das Zeichen für die Sänger und Tänzer, sich nun wirklich schleunigst auf ihre Plätze hinter der Bühne zu begeben. Barbara sprang auf, griff nach ihrer weißen Perücke mit den kostbaren Palmblättern, die mehrmals im Monat mit einem der Überseeschiffe aus den neuen Ländern angeliefert wurden, sowie das Szepter, einen geschnitzten Holzstab mit einem züngelnden Seeungeheuer als Knauf, und lief den Gang entlang.
Oben stimmte das Orchester bereits seine Instrumente, und von der anderen Seite des Vorhangs her hörte man das Murmeln des Publikums, das auch während der Vorstellung niemals abbrach, ebensowenig wie das fortwährende Lorgnettieren, das Stühlerücken und das Rascheln von Konfektpapier. Barbara würde den ersten, zweiten und dritten Akt jeweils mit einem solistischen divertissement eröffnen, bei dem sie aus einem Schiffswrack aus Pappmaché hervortanzte.
Barbara ging an ihren Platz, beugte und streckte noch einmal ihre Knie, dann wurde es für einen Moment sehr still, der Dirigent zählte un – deux – trois, die Musik setzte gewaltig ein, der schwere Vorhang teilte sich wie ein samtenes Meer, und Barbara flog unter Applaus hinaus in das helle Licht.
*
In der ersten Pause wartete Mackenzie auf dem Sofa in ihrer Garderobe auf sie. Er war müde und döste mit offenem Mund, den Kopf in den Nacken gelegt.
»Bonsoir Mack«, flüsterte Barbara ihm ins Ohr und zupfte ihn am Ohrläppchen. Mackenzie schrak aus seinem Schlummer auf. »Hast du einen guten Tag gehabt?«
Mackenzie strahlte, als er Barbara sah, und streckte beide Hände nach ihr aus.
»Mein Goldkind«, rief er. »Wie habe ich dich vermißt!«
Er zog sie zu sich heran und gab ihr einen Kuß.
»Und ich dich erst«, antwortete sie und ließ sich neben ihm auf dem Sofa nieder.
Der Lord war ein hagerer älterer Herr mit spitzer Nase und klugen Augen. Er sah noch immer sehr gut aus, und die anderen Mädchen im Ensemble machten ihm zu seinem heimlichen Vergnügen hinter Barbaras Rücken schöne Augen. In seiner Jugend hatte er von einem Abenteurerleben in den westindischen Kolonien geträumt, aber statt dessen verbrachte er dann vierzig Jahre mit Ausnahme der Londoner Parlamentssitzungen auf seinem abgeschiedenen, verregneten Landgut hinter Edinburgh, mit einer dürren, rothaarigen und schmallippigen Gattin namens Melvina; vierzig Jahre, in denen Mackenzie vor Langeweile damit begonnen hatte, sich mit der Ägyptologie zu befassen.
Er hatte es in dieser Disziplin zu bescheidenen Erfolgen gebracht und stand in brieflichem Kontakt mit einigen anderen Ägypten-Forschern Großbritanniens. In einer Dachkammer seines Schlosses hatte er sich ein Studierzimmer eingerichtet, in dem er den größten Teil seiner Ehejahre verlebte. Dort war er vor Melvina sicher gewesen, denn sie haßte den trockenen, staubigen Geruch seiner Bücher und die Gipsabgüsse der Tafeln mit ägyptischer Schrift.
Melvina war jedoch vor zwei Jahren verstorben. Nach Ablauf der Trauerzeit war Mackenzie nach London gereist. Dort trat zu diesem Zeitpunkt Barbara im Covent Garden Theatre auf. Man gab die Oper Venus und Mars. Um den frischgebackenen Witwer war es auf der Stelle geschehen. Schüchtern hatte er eines Abends an Barbaras Garderobentür geklopft.
Seit er die Ballerina kannte, war er wie ausgewechselt. Er hatte mit ihr bei flackerndem Kerzenschein in der langen, zugigen Halle seines Londoner Stadtpalais mit den ausgestopften Wildschweinköpfen an den Wänden gespeist und ihr dabei ulkige Anekdoten von den Parlamentssitzungen erzählt, die er insgesamt zum Gähnen langweilig fand. Der Lord sehnte sich nach einem letzten Frühling des Herzens mit der jungen und bezaubernd übermütigen Mademoiselle Campanini, bevor man ihn neben Lady Melvina in die kalte Familiengruft der Mackenzies senken würde. Daher gab er sich viel Mühe mit ihr, und auch heute lag auf seinen Knien ein kleines Paket.
»Für dich«, sagte Mack und fügte hinzu: »Es ist nichts Besonderes, nur eine Kleinigkeit.«
Barbara löste die Schleife. Ein Stich kam zum Vorschein, schon verblaßt und an den Rändern eingedunkelt, mit einem trutzigen Schloß auf einem Hügel, Zinnen und einer Zugbrücke über einen Wassergraben.
»Das ist unser Familiensitz in Schottland, Datchet. Melvina hat die Bilder vor zwanzig Jahren anfertigen lassen, und dies war das einzige, was ich hier in meiner Wohnung in Paris noch finden konnte.«
Barbara umarmte ihn.
»Das ist sehr lieb von dir. Vielen Dank.«
»Irgendwann werde ich dir alles einmal persönlich zeigen, nicht wahr, Barbara?«
Plötzlich war alles wieder da, der Nachmittag, Mendrich, das drohende Engagement in Berlin. Sie hatte nicht mehr daran gedacht, solange sie tanzte, aber jetzt kam alles auf sie zurück, und mit der Erinnerung kam die Angst.
»Was ist?« fragte Mackenzie, der bemerkt hatte, daß Barbara nun bedrückt auf der Kante des Sofas hockte.
»Viazemsky«, sagte sie. »Er will mich fortschicken. Ein neues Engagement. Wieder einmal.«
»Und wo?«
»In Berlin.«
»My god. Er ist verrückt geworden.«
»Das habe ich ihm auch gesagt.«
»Wann sollst du fortgehen?«
»Irgendwann in den nächsten Wochen. Sie erwarten mich dort Anfang November.«
»Sag ihm, du gehst nicht.«
»Viazemsky ist mein Vormund.«
»Wenn du nach Berlin gingest, würden wir uns nicht mehr sehen können.«
Natürlich, sie hatte es geahnt. Barbara starrte unverwandt auf das wacklige Bein ihres Toilettentisches. Wenn sie sich nicht sehr zusammennahm, würde sie gleich anfangen zu weinen, und dann würde er bemerken, wie verletzt sie war, und zu allem Überfluß würde der Theaterdirektor sie später für ihre verlaufene Schminke rügen. Sie war es leid, herumgeschubst zu werden, zuerst von Viazemsky und nun auch noch von Mack.
»So leid es mir tut, Barbara, aber ich kann nicht nach Berlin«, fuhr Mack derweil fort. »Ich hatte schon genug Mühe, hier an der Pariser Akademie eine Forschungserlaubnis zu bekommen. In Berlin kümmert sich vermutlich niemand um die Ägyptologie. Der vormalige preußische König, Seine Majestät Friedrich Wilhelm der Erste, hat sich so gut wie gar nicht mit den Belangen der Akademie der Wissenschaften befaßt, und ob es überhaupt –«
»Auf Wiedersehen, Mack«, fiel ihm Barbara ins Wort, »es war sehr schön, dich kennengelernt zu haben.«
Sie versetzte ihren Tanzschuhen einen Tritt.
»Barbara«, sagte Mackenzie verblüfft. »Was ist denn nun?«
»Ich will dir nur ersparen, daß du dich um scheinheilige Ausreden bemühen mußt. Ich weiß schon Bescheid. Unsere Wege trennen sich, und das ist auch gut so. Deinen Stich kannst du behalten.«
Sie drückte ihm das Bild in die Hand. »Schenke ihn meinetwegen einem anderen Mädchen, das auf dein Geschwätz über Liebe hereinfällt.«
»Das ist kein Geschwätz«, sagte Mackenzie.
»Ach ja?«
Mackenzie störte ihr gereizter Tonfall, aber er war zu alt und zu abgeklärt, um sich darüber zu ärgern. Vor allem kam es ihm jetzt auf andere Dinge an, darauf, daß ihn das Glück seiner späten Jahre nicht verließ, ein Glück, das sich zu gleichen Teilen aus der Beschäftigung mit der ägyptischen Schrift und Barbara zusammensetzte.
»Ich werde dich heiraten«, erklärte er.
»Wie originell. Erwarte bitte nicht, daß ich über deine Späße auch noch lache.«
»Ich meine es ernst.«
Mack sah sie an, aufrichtig, doch Barbara wich seinem Blick aus. Sie hatte ihn gern. Sie mochte ihn sehr. Er war weltläufig und gewandt und ungemein belesen. Er war sehr anziehend mit seiner überlegenen Art. Seine Zuneigung schmeichelte ihr, und sie fühlte sich wohl, wenn er bei ihr war. Es war auch lustig, wenn die Leute auf der Straße rätselten, ob sie Vater und Tochter waren oder nicht. Aber heiraten? Daran hatte sie noch nie gedacht, denn daß er sie um ihre Hand bitten würde, lag vollkommen außerhalb des Bereichs des Möglichen.
Außerdem hatte sie natürlich eine ganze Reihe weiterer Verehrer, und es machte Spaß, sich mit ihnen zu verabreden, ihre Huldigungen entgegenzunehmen und, wenn sie Gefallen fand, ein kleines Techtelmechtel zu beginnen. Morgen beispielsweise gedachte sie den Herzog von Durfort zu treffen, mit dem sie bereits zweimal eine Spazierfahrt unternommen hatte. Es war aufregend, von allen Seiten so umschmeichelt zu werden und beständig Einladungen zu Soupers mit bedeutenden Persönlichkeiten wie beispielsweise Prinz Conti und Lord Arundel zu erhalten, die ihre Tafel gern mit ihr, der berühmten Ballerina, schmückten. Schließlich war sie auch erst zwanzig; sie wollte sich amüsieren und die Bekanntschaft der unterschiedlichsten Leute machen, um ihre Menschenkenntnis zu schulen. Längst hatte sie zwar festgestellt, daß niemand ein so angenehmer und geistreicher Gesellschafter war wie Mack. Aber auf der anderen Seite war Mack eigentlich nicht feurig genug für eine Liebesheirat, was sowohl an seinem Alter als auch an seinem englisch-besonnenen Temperament lag.
»Barbara, ich habe dich etwas gefragt.«
Barbara zögerte.
»Willst du, daß der König dir dein Schloß entzieht? Deinen Sitz im Parlament?«
»Das kann er gar nicht.«
»Deine Familie wird dich für unzurechnungsfähig erklären. Du wirst enterbt«, sagte sie halbherzig.
»Es gibt nichts mehr zu erben. Meine Eltern sind seit dreißig Jahren tot.«
Barbara holte tief Luft.
»Du kannst mich nicht heiraten«, sagte sie ehrlich. »Ich bin die Tochter eines Gerichtsbüttels aus Parma, und wenn ich nicht zufällig Viazemsky getroffen hätte, dann würde ich heute, so, wie meine Eltern es sich ausgemalt hatten, einer betagten Kaufmannswitwe vorlesen und aufwarten.«
»Meine Liebe, ich habe in meiner Ehe mit Lady Melvina erkannt, daß es darauf nicht ankommt. Daher bitte ich dich, meine Gemahlin zu werden, ganz ungeachtet der Frage, ob Viazemsky meinen Plänen zustimmt oder nicht. Wir könnten gleich nächste Woche irgendwo in aller Stille heiraten und dann zur Parlamentssaison nach London zurückkehren. Wir leben abgeschieden auf meinem Schloß Datchet oder, wenn du willst, in London mit gesellschaftlichem Verkehr, oder meinetwegen auch in Paris. Wir führen ein offenes Haus und empfangen alle, die von Lady Barbara Mackenzie empfangen werden möchten. Alle anderen können uns den Buckel herunterrutschen. – Du mußt nur zustimmen«, fügte er hinzu.
Barbara zögerte. Wenn sie es täte, wäre plötzlich alles geklärt: Sie müßte keine Angst mehr vor einem Unfall haben und keine Furcht davor, zu alt zum Tanzen zu sein. Statt von Viazemsky bevormundet zu werden, hieße das Bälle in rauschender Krinoline und Töchter aus angesehenem Hause, die einen Knicks vor ihr machten, und vor allem würde es bedeuten: kein Berlin. Macks Vorschlag war, genauer betrachtet, ein Geschenk des Himmels, denn er kam genau zum richtigen Zeitpunkt. Dafür konnte sie auch auf den Herzog von Durfort, Prinz Conti, Lord Arundel und alle anderen gut verzichten, zumindest vorübergehend, und sie hatte Mack, wenngleich sie nicht überschwenglich in ihn verliebt war, sehr, sehr gern.
»Für den Fall, daß du es wirklich ernst meinst, sage ich vorsichtshalber ja«, entgegnete sie.
In diesem Moment schrillte auf dem Gang die Glocke. Der zweite Akt würde in wenigen Minuten beginnen.
»Ich hoffe, ich habe vor lauter Aufregung nicht sämtliche Schritte vergessen.« Sie gab Mackenzie einen Kuß und erhob sich dann. »Wartest du hier auf mich?«
»Selbstverständlich.«
Die Oper war an diesem Abend besonders gut besucht, denn vor einigen Tagen hatte der Mercure in seiner chronique scandaleuse wieder einmal eine dieser scheußlichen Geschichten über sie gedruckt. Schon seit einiger Zeit kursierte in Paris das Gerücht, die Mademoiselle Campanini sei mit dem Prinzen von Carignan, dem Generalinspekteur der Königlichen Akademie für Musik, liiert, und der Mercure hatte nun kürzlich folgenden Absatz gebracht:
»Seine durchlauchtigste Hoheit, der Prinz von Carignan, erhielt vor einigen Tagen eines Morgens die Nachricht, daß bei der Demoiselle Barbarina, die er vollständig aushält, etwas vorgehe, das sich auf keinen Fall mit seinen Wünschen vereinigen ließe. Er verließ daraufhin durch eine Hintertür in einem Fiaker sein Haus und fuhr zu der Demoiselle, wo er unbemerkt eintrat, da er sich vorsichtigerweise doppelte Schlüssel zu allen ihren Räumen verschafft hatte. Er fand sie selbst fast entkleidet bei ihrer Toilette, unterstützt von einem Mylord Mackenzie, dessen Anzug den Glauben erweckte, daß er die Nacht nicht in seiner Wohnung zugebracht hatte. Alle drei waren sehr überrascht, und ihre Unterhaltung konnte man nicht gerade ›glänzend‹ nennen.«
Nun, sie hatte tatsächlich einmal eine Affäre mit Carignan gehabt, jedoch bereits vor mehr als zwei Jahren, als sie noch ganz neu in Paris und dementsprechend unerfahren gewesen war. Es war eine Zeitlang gutgegangen, bis sie herausfand, daß Prinz Carignan eine überaus windige Person war, einmal die Einnahmen der Oper veruntreut hatte und aus Sportsgeist, wie er meinte, noch der letzten Choristin nachstellte.
Obwohl sie ihm daraufhin verboten hatte, sie zu besuchen, hatte er Barbara dennoch weiterhin hartnäckig verfolgt und ihr immer wieder kostspielige Geschenke gesandt, um ihre Gunst wieder zu erringen, obwohl sie sich in Gesellschaft längst mit anderen Begleitern sehen ließ. Schließlich hatte er, was Barbara nicht wußte, einen ihrer Domestiken bestochen und sich Nachschlüssel für ihre Wohnung anfertigen lassen. Als Barbara nun mit Mack von ihrem Gastspiel in London zurückkehrte, hörte der Prinz davon und schlich sich – hier traf der Bericht mit der Wahrheit zusammen – in ihre Wohnung, wo sich besagte Szene ereignet hatte. Es war nur eine harmlose Plauderei gewesen, und sowohl Barbaras als auch Macks Garderobe genügten allen Erfordernissen der Schicklichkeit, aber der eifersüchtige Prinz, der seine Chancen bei Barbara endgültig schwinden sah, nahm den Vorfall zum Anlaß, dem Mercure eine pikante Geschichte zuzuspielen, und jedermann in Paris las sie gern.
Barbara hatte daraufhin ernsthaft erwogen, sich bei König Ludwig über den Zeitungsschreiber und Carignan zu beschweren, aber Viazemsky hatte ihr abgeraten. Jeder Klatsch und vor allem jeder Skandal – kurz zuvor hatte man Barbara nachgesagt, einem Bischof vollständig den Kopf verdreht zu haben – steigerte Barbaras Marktwert beträchtlich. Sogar an Tagen wie heute, einem Dienstag, an denen die Oper traditionell schlecht besucht war, stand man nun Schlange, um die skandalumwitterte Demoiselle Campanini zu bewundern, und die anzüglichen Billets, die vor der Vorstellung bereits in ihrer Garderobe eingetroffen waren, gaben Anlaß zur Befürchtung, daß ihr im Anschluß an diese Vorstellung wieder einmal zahllose Herren die Aufwartung an ihrer Garderobentür machen würden. Der Applaus, der ihrer Balletteinlage folgte, war besonders herzlich, und sie mußte sich dreimal verbeugen, ehe die Sänger zu ihrem Einsatz anheben konnten.
Dort jedoch lauerte bereits Viazemsky.
»Canaille!« zischte er, packte sie am Arm und zog sie mit sich in eine dunkle Ecke.
»Laß mich los!«
»Ich habe nicht sechzehn Jahre auf dich verschwendet, damit du mit dem erstbesten reichen Trottel davongehst, der um deine Hand anhält. Hast du das verstanden?«
»Ich weiß nicht, was du –«
»Natürlich weißt du, wovon ich spreche, aber nach dieser Vorstellung nehme ich dich mit zu mir in die Werkstatt. Ich lasse dich keine einzige Minute mehr aus den Augen, bis wir in Berlin sind. Notfalls werde ich dich bis dahin einsperren!«
»Viazemsky, ich –«
Sie wollte ihm sagen, daß sie genug hatte von seinen Vorschriften und Anweisungen, die sie lange genug treu und brav befolgt hatte, doch sie kam nicht dazu, denn der römische Tenor hielt gerade den letzten Ton seines Rezitativs aus, worauf eine Sarabande des Balletts folgte, und Viazemsky, der alle Auftritte und Abgänge in diesem Stück genau kannte, schubste sie wieder auf die Bühne hinaus.
*
Mack saß in der zweiten Pause noch immer auf dem Sofa in ihrer Garderobe, nun mit einem Brief in der Hand, den ihm Kibbock, sein Diener, in die Oper gebracht hatte.
»Stell dir vor, Barbara, ausgerechnet heute erhalte ich Nachricht von meinem Vetter Hyndford aus Berlin, wo er Gesandter ist, und er schreibt –«
»Mack«, unterbrach ihn Barbara, »Viazemsky weiß Bescheid.«
Sie riß sich die Perücke vom Kopf und warf sie auf den Boden, aber Mackenzie hob sie wieder auf.
»Barbara, du darfst doch die gute Perücke nicht –«
»Mack, wolltest du nicht schon immer mit mir nach Ägypten?«
»Ja, eh – natürlich, aber – eine solche Expedition sollte selbstverständlich vorbereitet werden, und –«
»Wir müssen fort, Mack, egal wohin!«
Barbara griff nach ihrem Umhang und schlüpfte hinein, gleichzeitig streifte sie ihre Tanzschuhe ab und suchte nach ihren Straßenschuhen.
»Barbara, was –«
»Wir müssen fliehen, jetzt sofort. Irgend jemand muß uns gerade belauscht haben. Nach dieser Vorstellung will Viazemsky mich bei sich zu Hause einsperren, und dann ist es wirklich aus mit uns und unserer Hochzeit.«
»Das, liebe Barbara«, sagte Mack erschrocken, während er nun ebenfalls seinen Umhang nahm, »dürfen wir natürlich keinesfalls riskieren.«
Vorsichtig öffnete Barbara nun die Tür und spähte auf den Gang hinaus. Vor ihrer Garderobe lag eine rote Stoffblume, eine Amaryllis. Barbara hob sie auf und suchte nach der Stelle an ihrem Kleid, von der sich die Blume gelöst hatte, aber es fehlte nichts. Barbara zuckte die Achseln und heftete die Blume dennoch nach alter Gewohnheit an ihren Ausschnitt.
Dann gab sie Mackenzie ein Zeichen, und sie huschten auf Zehenspitzen den Korridor entlang, in entgegengesetzter Richtung zur Bühne, wo es am Büro des Opernleiters einen zweiten Hinterausgang gab.
Die Glocke läutete das erste Mal zum dritten Akt.
Barbara und Mack faßten einander wie ängstliche Kinder bei der Hand und begannen zu rennen.
*
Vom vierten Rang aus beobachteten Mendrich und Viazemsky derweil, wie die Musiker nun auf ihre Plätze zurückkehrten und die Instrumente noch einmal stimmten. König Ludwig XV. war heute abend nicht anwesend, dafür saß der Graf von Paris in der herrscherlichen Loge, wie Viazemsky dem eifrig lorgnettierenden Mendrich erläuterte. Mendrich fand die Eleganz der Damen und Herren vom Hof in den Logen atemberaubend und stellte Viazemsky tausend Fragen, wer der Herr in der Kardinalsrobe dort unten sei und wer der schneidig aussehende Herr neben ihm, worauf ihm Viazemsky mit abnehmender Geduld erklärte, es handele sich, wie man sich wirklich leicht denken könne, um den berühmten Staatsmann Fleury nebst dem Marschall Broglie.
Mendrich war aufgeregt, denn er besuchte heute abend zum ersten Mal in seinem Leben eine Oper. In Berlin war den Bürgerlichen der Zugang nur auf besondere Einladung von Intendant Graf Gotter oder Oberhofmarschall Poellnitz hin gestattet, auf die er sich als einfacher Rat im preußischen Justizministerium nie Hoffnungen zu machen gewagt hatte. Nun, bald würde sich seine Situation natürlich ändern, denn man hatte ihm einen Orden samt Adelspatent versprochen, zeitgleich mit einer Beförderung und einem Platz auf der Kadettenschule für seinen elfjährigen Sohn, wenn es ihm gelänge, die berühmte Ballerina nach Berlin zu bringen.
»Die kommende Saison in Berlin wird sicher ganz hervorragend«, sagte Mendrich daher und bemühte sich dabei um den souveränen Tonfall des intimen Kenners und Experten. »Herr Graun, unser Kapellmeister, ist unlängst von einer Reise nach Italien zurückgekehrt, auf der er viele wohlbekannte Sänger und Sängerinnen an unseren Hof engagiert hat, beispielsweise den berühmten Kastraten, Herrn Solibene.«
»Er heißt Salimbeni, und ich kenne ihn. Ein entsetzlich eingebildeter Mann, dabei exzentrisch. Er steht steif wie ein Brett auf der Bühne. Seine Majestät wird sicher nicht viel Freude an ihm haben und ihn nach einer Saison davonjagen, so wie er es mit Ballettmeister Poitier getan hat.«
»Ich gestehe«, sagte Mendrich, »daß ich dem lieben Gott sehr dafür danke, daß Poitier des Landes verwiesen wurde und dabei unsere erste Tänzerin, das Fräulein Rolland, mit sich nahm, denn sonst hätte ich ja keine Gelegenheit gehabt, bei Graf Gotter vorstellig zu werden mit dem Vorschlag, Mademoiselle Campanini nach Berlin zu holen. Graf Gotter sah mich wirklich sehr ungläubig an, als ich zu ihm sprach, und fragte sich wohl im stillen, wie es dazu kommt, daß ausgerechnet ich Verbindungen dieser Art besitze; ich habe ihm natürlich nicht verraten, daß wir uns von Krakau her kennen.«
»So war es auch abgemacht«, beeilte sich Viazemsky, der es nicht liebte, wenn man ihn daran erinnerte.
»Ja, aber einen Moment lang war ich doch versucht, es ihm zu gestehen, damit er mich nicht für einen Hochstapler hält. Ich hätte natürlich nicht alles erzählt, nur daß wir damals in Krakau gemeinsam –«
»Ich will«, fuhr Viazemsky ihn mit solcher Heftigkeit an, daß Mendrich zusammenzuckte, »das Wort Krakau nie wieder hören!«
»Entschuldigung. Es soll auch nicht wieder vorkommen«, sagte Mendrich leise und senkte schuldbewußt den Kopf.
Joachim Mendrich war vor zwanzig Jahren erst in Halle und dann in Krakau Student der Rechts- und Kameralwissenschaften gewesen. Er hatte bei einer Wirtin gewohnt, und zwar in demselben düsteren Mietshaus, in dem auch die reiche polnische Witwe Abramov zu Hause gewesen war, bei welcher der damals junge Viazemsky regelmäßig verkehrte. Gelegentlich war er Viazemsky spätabends im Gasthaus Zum Löwen begegnet und hatte dort einige belanglose Sätze mit ihm gewechselt.
Eines Nachts fand man die Witwe plötzlich tot auf, erhängt unter nicht ganz eindeutigen Umständen. Mendrich war in derselben Nacht wieder im überfüllten und von Tabakschwaden durchzogenen Löwen gewesen. Auch Viazemsky hatte er dort gesehen. Mendrich, Sohn eines Richters aus Storkow in Preußen, hatte an diesem Abend nach einem erfolgreichen Examen viel zu viel getrunken und deshalb begonnen, unstandesgemäß mit dem Tänzer zu plaudern. Noch im Laufe der Nacht ließ die Polizei, die von der Bekanntschaft des Tänzers mit der Witwe wußte, Viazemsky verhaften und führte ihn an den Tatort.
Im Dämmerlicht des Treppenhauses trafen Viazemsky und die Wachtmeister auf den jungen Mendrich, der gerade von einem nächtlichen Spaziergang nach Ausschankschluß im Löwen heimgekehrt war, und man befragte ihn, ob er den Beschuldigten in dieser Nacht gesehen habe. Die Polizisten hatten Viazemsky die Hände erbärmlich auf dem Rücken gefesselt und ihm dabei die Schulter ausgerenkt, und da Mendrich der Tänzer wegen seines schmerzverzerrten Gesichts leid tat, gab er, noch immer reichlich betrunken, mit größter Selbstverständlichkeit an, er habe zum fraglichen Zeitpunkt mit Viazemsky im Gasthaus geschwatzt. Die Aussage des jungen Ehrenmannes rettete Viazemsky vor einem Mordprozeß.
Mendrich warf Viazemsky, der gerade einer Dame in der Loge gegenüber galant zulächelte, einen raschen Blick von der Seite zu. Seit Krakau waren sie Freunde, doch Mendrich durchschaute Viazemsky bis heute nicht. Als er an dem Morgen nach der denkwürdigen Nacht erwachte, war ihm siedendheiß eingefallen, daß Viazemsky das Gespräch mit ihm im Löwen irgendwann beendet und das Gasthaus verlassen hatte. Mendrich konnte sich beim besten Willen nicht mehr genau erinnern, wann das gewesen war und wie lange Viazemsky fortblieb. Er lag vor Schreck steif im Bett: Er, Joachim Mendrich, hatte vor der Polizei erklärt, er sei den ganzen Abend bis zum Schließen des Gasthauses mit Viazemsky zusammengewesen, obwohl sich der Tänzer vorher von ihm verabschiedet hatte. Oder war er danach noch einmal zurückgekommen?
Mendrich rieb sich verzweifelt seinen schmerzenden Kopf und verfluchte sich, denn jetzt war es zu spät. Wenn er heute zur Polizei gehen würde, würde dies unvermeidlich zu Verwicklungen führen. Es bestand die Gefahr, daß man Mendrich der Mittäterschaft bezichtigte. Die Polizei von Krakau galt als scharf und unberechenbar. Zumindest war ein Skandal unvermeidlich. Das jedoch konnte sich Mendrich nicht leisten. Sein Vater hatte ihm bereits eine Stelle bei Hofe gesichert. Also schwieg er und sprach auch Viazemsky nie wieder auf die Nacht in Krakau an.
In den ersten Jahren, als er seinen Dienst bei Hofe begann, bereute Mendrich seine Falschaussage täglich, die ihm, kam sie einmal ans Licht, zum fürchterlichen Verhängnis werden konnte. Später wurde er ruhiger, auch wenn ihn eine verborgene, nagende Angst nie ganz verließ. Die Leute vom Ballett, die ihn bislang zum Träumen gebracht hatten, betrachtete Mendrich nun mit einiger Skepsis. Sie waren so leicht, so engelhaft schön, wenn sie im Rausch der Musik über die Bühne flogen, aber welcher Abgrund steckte hinter manchem dieser lächelnden Gesichter?
Die Musik setzte nun ein, Musik von Rameau, dem größten Komponisten Frankreichs, und Mendrich, der sich bemühte, seinen fauxpas bezüglich der Erwähnung Krakaus zu überspielen, wippte mit dem Fuß im Takt der Musik. Auch Viazemsky grollte nicht länger, denn trotz seiner provinziellen Art war ihm Mendrich wieder einmal sehr nützlich gewesen. Barbara würde gleich mit einem grand jeté aus dem Schiff auf die Bühne springen, und er lehnte sich zufrieden zurück, denn er hatte sie für einen ausgesprochen guten Preis an die Berliner Hofoper verkauft.
Doch Barbara erschien nicht.
Das Orchester spielte drei Takte lang unbeirrt weiter, bis sich der Dirigent sichtlich irritiert umsah und den Taktstock sinken ließ. Die Musik wurde langsamer, leierte. Als erste verstummten die Geiger, als letzter der Mann an der Pauke. Das Publikum begann, erregt zu tuscheln. Viazemsky wich das Blut aus den Adern.
»Ist das immer so in der Oper?« fragte Mendrich arglos.
Der Vorhang wurde nun eilends per Hand geschlossen. Das Flüstern und Raunen im Publikum schwoll zu einem Brausen an. Die Zuschauer in den Logen erhoben sich. Damen fächerten sich aufgeregt Luft zu, Herren lehnten sich weit über die Brüstung. Die Musiker legten ihre Instrumente auf den Holzstühlen ab und gafften zur Bühne hinauf. Ratlose Tänzer und Sänger lugten aus den Kulissen hervor.
»Skandal!« schrie schließlich einer aus dem Parkett, und man begann zu buhen. Der Graf von Paris, der fast jeden Abend in die Oper kam und sich mit dem Ballett auskannte, flüsterte seiner Schwester etwas zu und zeigte dabei mit dem Finger auf Viazemsky, der sich krampfhaft am Geländer der Brüstung festhielt. Er war wächsern wie eine Leiche.
»Barbara«, sagte er. »Sie ist fort.«
Mendrich sah ihn fassungslos an und sprang auf, stieß dabei jedoch das silberne Tablett mit dem Konfekt von der Brüstung, und mit einem vernehmlichen Klirren prallte es auf das Messinggeländer der Loge unter ihnen. Das Tuscheln und Buhen verstummte schlagartig. Hunderte von Augen richteten sich auf Mendrich und Viazemsky. Dieser sank in sich zusammen, aber Mendrich achtete nicht darauf.
»Seine Majestät wird toben«, sagte er und stürzte davon.
Sie hatte es satt. Es regnete nun schon seit vier Tagen ohne Unterbrechung, und keine Postkutsche wagte es, die Rhône zu überqueren, die bei Sion die Brücke in Richtung Göschenen überflutet hatte. Das Passieren der Alpen schien bei diesem Wetter ohnehin vollkommen aussichtslos. Das Gasthaus, in dem Barbara und Mackenzie logierten, war mit jedem Tag voller geworden, ganz so, als ob der Fluß eine Verabredung mit den Inhabern des Deux Moulins getroffen hätte, einen Reisenden nach dem anderen in die Arme der Wirte, Madame und Monsieur Gröss, zu schwemmen.
»Ich halte das alles nicht mehr aus«, murrte Barbara und starrte mißmutig aus dem Fenster der niedrigen Gaststube. Die Gebirgshänge draußen waren braun und kahl. Das Feuer im Kamin brannte jetzt schon seit dem frühen Morgen. Aus Monsieurs Küche wehte ein scharfer Suppengeruch. Die anderen Gäste, vorwiegend Söldner und Handelsreisende, zogen an ihren Tabakspfeifen und schwadronierten quer durch den Raum mit der gutmütigen Madame.
»Außerdem ist mir kalt«, fuhr Barbara fort.
»Möchtest du meinen Mantel haben?«
»Dein Mantel nützt mir nichts. Ich brauche ein Kleid, ein warmes Kleid. Und warme Wäsche. Ich hole mir den Tod, wenn ich noch lange in diesem …«, sie senkte die Stimme, »diesem Kostüm hier herumsitze.« Sie trug zwar noch ihren Umhang über ihrem perlenbesetzten Ballettrock, aber der Umhang reichte aus für die Strecke zwischen dem Bühnenausgang und der Kutsche, nicht für den Herbst in den Alpen.
»Du wirst warten müssen, bis wir in Venedig sind und genügend Zeit haben, daß du einen Schneider aufsuchst«, stellte Mackenzie fest.
»Dann ist es zu spät«, entgegnete Barbara düster.
Mackenzie seufzte.
»Glaubst du etwa, ich habe Freude daran, mit dir und vier weiteren, mir gänzlich unbekannten Personen in einem Bett zu schlafen?«
Das Gasthaus besaß einen Herbergsraum mit zwei großen Betten. Normalerweise wurden hier höchstens sechs zahlende Schlafgänger untergebracht, aber durch die Unwetter der vergangenen Tage war die Anzahl der Übernachtungsgäste auf fünfzehn angeschwollen. »Außerdem: Denke doch bitte auch einmal an mein Alter«, fügte Mackenzie hinzu.
»Ja. Natürlich.«
»Wenn wir erst einmal über die Alpen sind, wird es besser.«
»Wird es nicht.«
»Wieso?«
»Weil wir jeden Tag weniger Geld haben.«
»Ich habe die englische Gesandtschaft brieflich angewiesen, mir eine größere Summe in Venedig bereitzustellen.« Mack schüttelte den Kopf. »Barbara, ich verstehe dich nicht. Es war doch deine Idee, aus Paris fortzulaufen. Wenn dir dies alles so unangenehm ist, hättest du besser nach Berlin gehen sollen. Viazemsky und dieser Mendrich hätten sicherlich große Sorgfalt darauf verwandt, daß es dir an nichts fehlt.«
»Ich weiß«, sagte Barbara. »Es tut mir leid.«
Natürlich war der arme Mackenzie nicht schuld an dem Regen. Aber hier, in Sion, Tausende von Meilen entfernt von der nächsten Bibliothek mit ägyptischer Schrift, ohne Kammerdiener und Lakai, war er weniger der charmante, reifere Herr aus Pariser Tagen, sondern eigentlich nur ein alter Mann; einer, der nachts unruhig schlief und Stroh als Matratze nicht vertragen konnte, dem das Essen in den kleinen Landgasthöfen nicht bekam, der keine Lust hatte, im Regen spazierenzugehen und den es verdroß, wenn sein gewohnter Tagesablauf plötzlich aus den Fugen geriet. Sie versuchte, diesen Gedanken beiseitezuschieben, aber seit ein paar Tagen kam ihr immer wieder der Verdacht, daß es übereilt und nicht besonders klug gewesen war, Hals über Kopf mit Mack davonzulaufen.
»Barbara«, Mackenzie sah sie an, »du solltest etwas unternehmen.«
»Was denn? Tanzen etwa? Eine Vorstellung geben für die Bauern von Sion?«
»Geh nach draußen. Miete dir ein Pferd. Dir macht der Regen nichts aus, und ein bißchen Ausreiten kann doch nicht so teuer sein.«
»Wer weiß. Außerdem, ich friere.«
»Dann bittest du die Madame, ob sie dir etwas Warmes zum Anziehen gibt.«
»Ich habe aber keine Lust.« Barbara starrte vor sich hin. Mackenzie legte den Arm um sie.
»Du langweilst dich doch«, sagte er. »Den ganzen Tag mußt du hier mit mir herumsitzen. Warum unterhältst du dich nicht mit den anderen Gästen?«
»Ich … ich mag nicht.« Er brach ihr das Herz mit seiner Bescheidenheit und Rücksicht. »Und mit wem sollte ich schon reden?« fügte sie hinzu und beäugte die anderen Reisenden, derbe Männer, die sich auf den langen Bänken um den zweiten Tisch in der Stube versammelt hatten, Bier tranken und sich über das seltsame Paar da am Nebentisch amüsierten.
»Wie wäre es mit der Madame?«
»Lieber nicht.«
»Oder du plauderst mit dem jungen Herrn aus Neuchâtel, Monsieur sonstwie, ich habe nicht ganz genau hingehört.«
»Einen jungen Herrn habe ich nirgendwo gesehen.«
»Das kannst du auch gar nicht. Er ist nämlich erst gestern mitten in der Nacht eingetroffen, als du schon tief und fest geschlummert hast und ich noch ein Glas Wein in der Gaststube nahm. Er macht sehr nette Konversation. Ich kann ihn dir sehr empfehlen, aber nun wird er wohl im Stall sein oder unten im Dorf. Sein Pferd hat einen Huf verloren, und er erzählte mir gestern, er wolle sich heute als erstes darum kümmern.«
»Nein, vielen Dank.«
»Ich gebe auf. Ich habe dir jetzt eine ganze Reihe von Dingen vorgeschlagen, denn ich selbst möchte die Gelegenheit nutzen und mich ausruhen. Wenn alle Gäste hier unten in der Stube sind, kann ich es mir oben im Herbergsraum ein wenig gemütlich machen.«
»Ja«, sagte Barbara unglücklich, »geh nur hinauf.«
»Warum gehst du nicht ein wenig spazieren? Es täte dir sicher gut. Hauptsache, du bist pünktlich zum Nachtessen.«
Mack drückte Barbaras Hand und verschwand mit eingezogenem Kopf die Stiege nach oben.
Bislang war die Reise bei weitem nicht so reibungslos verlaufen, wie sie es sich erhofft hatte. Natürlich, sie waren Viazemsky glücklich entronnen mit der Droschke, die sie und Mack in der Nacht vor dem Theater angehalten hatten und die sie in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages in St. Germain-en-Laye abgesetzt hatte. Danach waren sie unter falschem Namen per Postkutsche weitergereist, doch sie mußten an jeder Station einige Tage Rast machen, denn in jeder Kutsche konnte ein Reisender aus Paris sitzen, der Barbara möglicherweise erkannte. Nur eine flüchtige Tagesfahrt lang war es glaubhaft, daß Barbara mit einem großen Kopftuch, das beinahe ihr gesamtes Gesicht verhüllte, unterwegs war und Mackenzie auf die teilnahmsvollen Fragen ihrer Reisegefährten antwortete, Madame habe erst vor kurzem glücklich die Pockenkrankheit überstanden und schäme sich nun, ihr entstelltes Gesicht bloßzulegen. Reiste man länger miteinander, stellte sich unweigerlich eine gewisse Vertrautheit ein, man kam in prekäre Situationen, wenn die Kutsche plötzlich in einen Graben fuhr und das Tuch vom Gesicht rutschte oder einer der Anwesenden sich als ambitionierter Arzt entpuppte.
Mackenzie hatte sich anfangs gegen Barbaras Vorsicht gesträubt, aber schon in den ersten beiden Wochen der Reise geschah es mehrfach, daß ihn Weggenossen launig auf diesen unglaublichen Skandal an der Pariser Oper, von dem sie durch Bekannte oder den Generalanzeiger gehört hatten, ansprachen. Ob der Herr auch davon vernommen habe? Mackenzie wand sich, denn er war im Schwindeln ungeübt. Also wiederholte er fortan zu Beginn eines jeden neuen Reisetages die traurige Geschichte von seiner einst so hübschen jungen Gattin und den schrecklichen Pocken. Danach schwiegen die Zuhörer betroffen, und er hatte seine Ruhe.
Erst seit sie die Schweizer Grenze passiert hatten, reiste Barbara wieder ohne Kopftuch, wenngleich Mack und sie es sorgfältig vermieden, im Gespräch mit anderen Reisenden ihre Namen zu nennen. Ließ sich ein gegenseitiges Vorstellen partout nicht vermeiden, traten sie als Lord und Lady Milham auf, einer mit den Mackenzies verwandten, prominenten, allerdings weitverzweigten Familie. Dennoch fühlte sich Barbara in der Schweiz sicherer. Die Stiche von ihr, die in ganz Europa im Handel waren, schienen ihr ein wenig mißlungen, und niemand, der sie nicht selbst auf der Bühne gesehen hatte, würde wohl auf die Idee kommen, daß die spitzmausige Tänzerin auf dem Papier und Barbara ein und dieselbe Person sein könnten. Zudem wurde sie in der Schweiz nicht wegen Vertragsbruchs gesucht, aber alles in allem hatte diese verzögerte Reisetaktik viel Zeit gekostet.
Dazu kamen all die Schwierigkeiten, an die weder sie noch Mack bei ihrem übereilten Aufbruch aus Paris gedacht hatten. Keiner von beiden hatte eine größere Summe dabei, und erst der Verkauf von Macks Siegelring, einem uralten und wertvollen Stück, von dem er sich – und das hatte Barbara bemerkt, obwohl er natürlich versucht hatte, es vor ihr zu verbergen – nur schweren Herzens trennen konnte, hatte es den beiden ermöglicht, ihre Reise fortzusetzen. Sie hatten keine Kleidung zum Wechseln und keine Zeit, sich neue anfertigen zu lassen. Sie hatten Macks Diener Kibbock nicht nachholen können, denn es war davon auszugehen, daß Viazemsky, Mendrich sowie der Operndirektor sogleich die gens d’armes einschalten und diese natürlich zuerst an Macks Pariser Adresse nach den beiden suchen würden. Zunächst hatten sie nicht einmal gewußt, wohin sie reisen sollten, denn an der französischen Küste würde möglicherweise jedes Schiff über den Ärmelkanal überprüft werden.
Daher hatte Barbara schließlich vorgeschlagen, in Richtung Süden zu fahren. Mack war einverstanden, denn von Venedig aus gingen häufig Schiffe nach Alexandria, und sie einigten sich darauf, im Anschluß an ihre für Venedig geplante Heirat ein Jahr im Orient zu verbringen. Danach, wenn also Viazemskys Frist verstrichen war, als ihr Vormund Klage gegen die Ehe mit Mack (von der Viazemsky natürlich nie erfahren würde) einzureichen, wollten sie nach Europa zurückkehren, und Barbara würde wieder an einem erstklassigen Opernhaus gastieren. Viazemsky und Mendrich könnten ihr dann nichts mehr anhaben. Zunächst würden sie in Venedig jedoch eine Weile ausruhen und vor allem endlich heiraten.
Wenn sie endlich in Venedig angelangt waren. Barbara sprang auf. Sie hielt es nun wirklich nicht länger in der dunstigen Stube aus. Es regnete zwar immer noch, aber im Moment schien es am Ende des Tals doch ein wenig aufzuklaren.
*
Daher entschloß sich Barbara, ins Dorf hinunterzugehen, zum Händler en détail, denn Mack hatte in der Nacht noch einen Brief mit Instruktionen an seinen Diener Kibbock verfaßt, der auf die Post gebracht werden konnte. Viel zu sehen gab es nicht: Ein paar schlammfarbene Häuser mit Schieferplatten auf dem Dach duckten sich in das Tal längs der Rhône. Die Berge ringsum waren öde und kahl. Wenn sie nicht bald von hier fortkamen, würde es schneien.
Immerhin war der Händler gut sortiert, so daß Barbara sich ein wenig Zeit damit vertreiben konnte, sich den Hausrat und das landwirtschaftliche Gerät anzusehen, das man anbot, ebenso einige Zeitungen älteren Datums und, unter einer gläsernen Haube, seltsame weiße Küchlein. Barbara ließ sich eines von ihnen geben und hatte gerade hineingebissen, als plötzlich jemand hinter ihr freundlich bemerkte:
»Bon appetit, Madame, mit Ihrem Nonnenfürzchen.«
Barbara verschluckte sich vor Schreck, worauf sich der junge Herr, der sich unbemerkt zu ihr gesellt hatte, erbötig machte, ihr hilfreich auf den Rücken zu klopfen.
»Pardon«, sagte er und grinste. »Ich hatte nicht vor, Sie beim Verzehr zu behindern, indem ich Ihnen verriet, welch unappetitlichen Namen diese Speise in meiner Heimat trägt.«
Er war hochgewachsen, mit blondem Haar und einem, wie Barbara fand, sehr verschmitzten Lächeln. In seinem Reitermantel und den Reitstiefeln machte er einen schneidigen Eindruck, und Barbara vermutete, daß es sich bei ihm folglich um jenen jungen Mann handeln mußte, von dem Mack ihr erzählt hatte.
»Nun, jedenfalls ist es Ihnen gelungen, mir die Lust auf dieses … nun ja, gründlich zu verderben«, sagte Barbara und legte den Kuchen angeekelt beiseite.
»Ich bin untröstlich, Lady Milham. Erlauben Sie mir dennoch, daß ich mich Ihnen vorstelle? Charles Louis de Cocceji.«
Er verbeugte sich vor ihr und küßte ihre Hand. Barbara fand, daß er wirklich ungemein nett lächeln konnte. Bestimmt war er nicht viel älter als sie. Unwillkürlich lächelte sie zurück.
»Woher kennen Sie meinen Namen?« fragte sie.
»Ich gestehe, daß ich gerade, während Sie nach Luft rangen, einen neugierigen Blick auf den Brief, den Sie da in Ihrer Hand halten, warf und als Absender Mylord Milham ausmachte, den ich gestern nacht kennenlernen durfte, wie Sie vielleicht bereits wissen.«
»Er erzählte es mir, nannte mir jedoch nicht den Grund, der Sie in diesen entlegenen Winkel der Welt treibt.«
»Ich befinde mich auf dem Weg vom Gut meiner Familie in Neuchâtel zu einem weiteren in Valengin, wo wir Experimente zur Zucht von Maulbeerbäumen und Seidenraupen anstellen, und das es gleichfalls von Zeit zu Zeit zu inspizieren gilt, Mylady.«
»Ich hoffe für Sie, daß die klimatischen Bedingungen dort günstiger sind als hier«, sagte Barbara und seufzte. »Dieses Wetter treibt mich in den Wahnsinn.«
»Sie sind nicht aus England, oder?«
»Wie kommen Sie darauf?«
»Wenn Sie aus England wären, würde Ihnen der Regen nichts ausmachen. Und Sie sehen auch nicht englisch aus.«
»Wie sehe ich denn aus?«
»Ich würde eher vermuten, Sie stammen aus dem Süden. Zum Beispiel aus Florenz.«
»Nicht ganz«, antwortete Barbara leichthin.
»Aus Mailand? Genua? Venedig?«
»Nein.«
»Rom?«
»Richtig«, log Barbara.
»Dann sind Sie eine Colonna.«
Barbara erschrak. Mit einem Verhör hatte sie nicht gerechnet. Mack und sie waren jetzt schon so lange niemandem mehr begegnet, der möglicherweise Kontakte nach Paris hatte, daß Barbara die Schwindeleien während des französischen Teils der Flucht beinahe vergessen hatte, und bisher hatte sich auch noch niemand eingehender nach der Herkunft von Lady Milham erkundigt.
»Colonna? Nein«, sagte sie verunsichert.
»Eine Ghiberti.«
»Auch nicht.«
»Sie machen es sehr spannend«, sagte Cocceji. »Aber so schnell gebe ich mich nicht geschlagen. Sie haben in den Milham-Clan eingeheiratet, also müssen Sie aus einer sehr prominenten Familie stammen. Da Sie mir sagen, Sie seien keine Colonna, tippe ich nun auf Farnese.«
Barbara schüttelte stumm den Kopf. Ihr mußte jetzt schnell eine glaubhafte Antwort einfallen, sonst würde er mißtrauisch werden. Aber sich selbst als Kuckucksei irgendeinem Geschlecht aus dem Süden ins Nest legen? Das wäre unklug, denn er schien sehr gut Bescheid zu wissen, und womöglich kannte er am Ende die Familie, der sich Barbara anhängte, noch persönlich.
»Dann sind Sie eine Altieri«, fuhr Cocceji unterdessen fort. »Eine Borghese. Eine Chigi. Eine –«
»Ich – ich bin zwar in Rom aufgewachsen, aber eigentlich stamme ich aus – aus der Familie Viazemsky. Aus Petersburg.« Hoffentlich war er nicht zufällig auch Spezialist für russischen Adel.
»Petersburg.« Cocceji hielt inne und machte eine ehrfürchtige Pause. »Dann verkehren Sie sicher am Zarenhofe.«
»Nein«, beeilte sich Barbara, »das ist nur – nur Landadel. Ganz weit draußen auf dem Land.« Sie lächelte entschuldigend.
»Viazemsky«, wiederholte er. Gleich würde er ihr vermutlich mitteilen, daß die Viazemskys seines Wissens nach 1544 ausgestorben waren. »Seien Sie mir nicht böse, aber, damit kann ich im Moment kaum etwas anfangen.«
»Das macht gar nichts«, sagte Barbara. »Wir sind sehr unbekannt. Selbst in Rußland – ganz so, als ob es uns gar nicht gäbe.«
»Sind Sie denn im Petersburger Adelskalender verzeichnet?«
»Warum fragen Sie?«
»Wenn dem so wäre, könnte ich dort nachschlagen, um mehr über Sie herauszufinden.«
»Monsieur, Sie sind sehr neugierig.«
»Wer wäre das nicht, Mylady, wenn er die Bekanntschaft einer so wunderschönen und charmanten jungen Dame machte?«
Barbara mußte lachen. Er war ungemein direkt. Seine Fragerei fand sie lästig, aber er überlegte nicht lange, was er sagte, genau wie sie. Das gefiel ihr, und als er ihr nun den Arm bot, um sie nach Aufgabe des Briefes zurück zum Gasthaus Deux Moulins zu begleiten, nahm sie gerne an.
Der Weg war nicht weit, und da der Regen mittlerweile wieder mit unverminderter Heftigkeit eingesetzt hatte, gingen sie sehr schnell, was Barbara heimlich bedauerte, denn während sie durch das Gewitter eilten, gab er sich besorgt, daß sie auf dem morastigen Weg stürzen könnte und erbat sich daher die Erlaubnis, sie mit einem Arm umfassen zu dürfen – selbstverständlich nur, wie er betonte, um sie im Fall des Falles zu stützen.
Barbara ließ ihn vergnügt gewähren, wobei sie sich einer angenehmen Gänsehaut nicht erwehren konnte. Schon bald sahen sie jedoch nach einer Wegbiegung den Schornstein des Gasthofs und die Lichter des Deux Moulins in der einsetzenden Dämmerung.
Sie schwieg. Cocceji begann, leise zu pfeifen. Es war eine seltsame Melodie, die sie noch nie gehört hatte, vielleicht eine Art Marsch. Barbara prägte sich die Melodie sorgfältig ein. Sie hatte ein gutes Gedächtnis für Musik, und wenn sie irgendwann wieder einmal an einer Oper war, würde sie den zuständigen Kapellmeister danach fragen.
*
Mack saß bereits wieder in der Stube und legte den Anzeiger fort, den ihm ein anderer Reisender geschenkt hatte, als Barbara eintrat.
»Endlich, Barbara«, sagte er. »Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, als ich es in der Ferne blitzen und donnern hörte.« Barbara schlüpfte rasch auf den Platz neben ihm auf der Bank. »Aber die frische Luft hat dir doch offenkundig gutgetan«, fügte Mack freundlich hinzu und strich Barbara über ihre geröteten Wangen.
»Herr von Cocceji war so freundlich, mich vom Dorf hier hinauf zu begleiten.«
»Du hast seine Bekanntschaft gemacht? Reizend. Und wo befindet er sich nun?«
»Er wollte im Stall noch einmal nach seinem Pferd sehen.«
»Ein ausgesprochen netter junger Mann, nicht wahr?«
»Nett schon«, sagte Barbara, »aber auch sehr neugierig. Unten beim Détailhändler befragte er mich auf das genaueste nach meiner Herkunft, aus welchem Land und aus welcher Familie ich stamme, worauf ich ihm antwortete, ich sei ein russisches Edelfräulein, genauer eine geborene de Viazemsky.«
»Brillant.« Mackenzie fand allmählich Gefallen an der Schwindelei. »Viazemsky. Das kann ich mir leicht merken, falls er mich noch einmal darauf ansprechen sollte.«
In diesem Moment öffnete sich die Tür der Gaststube, und Cocceji trat ein. Er sah sich um, näherte sich dann Barbara und Mack, und Barbara setzte rasch ein unverbindliches Lächeln auf.
»Mylord, Mylady«, sagte Cocceji und deutete eine Verbeugung an. »Dürfte ich mich zu Ihnen setzen?«
