Die psychoanalytische Ambulanz -  - E-Book

Die psychoanalytische Ambulanz E-Book

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Beschreibung

Die psychoanalytische Forschungs- und Versorgungsambulanz am Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt am Main blickt auf eine 60-jährige Tradition zurück. Vorgestellt werden ihre Aufgaben und Arbeitsweisen, zentrale klinische Themen wie die psychoanalytischen Theorien und Techniken des Erstinterviews, das Konzept des "szenischen Verstehens" oder auch die Diagnostik und Dynamik von Übertragungsprozessen. Im Zentrum steht dabei eine praxisnahe und fallbezogene Illustration der klinischen Erfahrungen mit unterschiedlichen Patientengruppen und ihren speziellen Herausforderungen. Ein Einblick in aktuelle Forschungsprojekte macht die enge Verzahnung von klinischer Praxis und wissenschaftlicher Forschung deutlich.

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Seitenzahl: 409

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Lothar Bayer Heinz Weiß (Hrsg.)

Die psychoanalytische Ambulanz

Aufgaben und Arbeitsweisen am Beispiel des Sigmund-Freud-Instituts

Verlag W. Kohlhammer

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Pharmakologische Daten, d. h. u. a. Angaben von Medikamenten, ihren Dosierungen und Applikationen, verändern sich fortlaufend durch klinische Erfahrung, pharmakologische Forschung und Änderung von Produktionsverfahren. Verlag und Autoren haben große Sorgfalt darauf gelegt, dass alle in diesem Buch gemachten Angaben dem derzeitigen Wissensstand entsprechen. Da jedoch die Medizin als Wissenschaft ständig im Fluss ist, da menschliche Irrtümer und Druckfehler nie völlig auszuschließen sind, können Verlag und Autoren hierfür jedoch keine Gewähr und Haftung übernehmen. Jeder Benutzer ist daher dringend angehalten, die gemachten Angaben, insbesondere in Hinsicht auf Arzneimittelnamen, enthaltene Wirkstoffe, spezifische Anwendungsbereiche und Dosierungen anhand des Medikamentenbeipackzettels und der entsprechenden Fachinformationen zu überprüfen und in eigener Verantwortung im Bereich der Patientenversorgung zu handeln. Aufgrund der Auswahl häufig angewendeter Arzneimittel besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit.

Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.

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1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-036624-4

E-Book-Formate:

pdf:        ISBN 978-3-17-036625-1

epub:     ISBN 978-3-17-036626-8

mobi:     ISBN 978-3-17-036627-5

Autorinnen und Autoren

 

 

 

Lothar Bayer, Dr. phil. habil., Dipl.-Soz., Dipl.-Psych., Psychoanalytiker (DPV/IPV)Seit 2010 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sigmund-Freud-Institut und stellvertretender Ambulanzleiter, tätig in eigener Praxis in Frankfurt a. M.Veröffentlichungen zur Theorie der Psychoanalyse und zu deren Entwicklung nach Freud, insb. bei J. Lacan und J. Laplanche; Psychoanalytische Kulturtheorie, Psychoanalyse und Kunst, Metapsychologie ästhetischer Erfahrung.

Heinz Weiß, Prof. Dr. med., Psychoanalytiker (DPV, BPS, DGPT) und Facharzt für Psychotherapeutische MedizinChefarzt der Abteilung für Psychosomatische Medizin am Robert-Bosch-Krankenhaus, Stuttgart, sowie Leiter des Medizinischen Fachbereichs und der Ambulanz am Sigmund-Freud-Institut, Frankfurt a. M. Chair der Education Section des International Journal of Psychoanalysis.Zahlreiche Veröffentlichungen zur Theorie, Geschichte und Behandlungstechnik der Psychoanalyse, darunter »Das Labyrinth der Borderline-Kommunikation« (Stuttgart: Klett-Cotta 2009) sowie »Trauma, Schuldgefühl und Wiedergutmachung« (Stuttgart: Klett-Cotta 2017, engl. Übersetzung London, New York: Routledge 2020).

Ralph J. Butzer, Dipl.-Soz., Dipl.-Psych., Dr. phil.Als Psychoanalytiker in eigener Praxis in Frankfurt/M. niedergelassen. Ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter von Alfred Lorenzer am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der J. W. Goethe-Universität und Mitarbeit in der von Stavros Mentzos geleiteten Abteilung für Psychotherapie und Psychosomatik des Klinikums der Universität Frankfurt.Dozent am Institut für Psychoanalyse, Fachbereich Psychologie, Goethe-Universität (Tilmann Habermas), freier Mitarbeiter an der Ambulanz des Sigmund-Freud-Instituts.Buchveröffentlichung zu Heinz Kohut; versch. Aufsätze (u. a. zum Triebbegriff Freuds und Lorenzers, der Aggression bei Mentzos, Freuds Psycholamarckismus).

Anna Lea Docter, Dr. med., Dipl.-Psych.In Weiterbildung zur Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Frankfurt a. M. In Weiterbildung zur Psychoanalytikerin am Frankfurter Psychoanalytischen Institut (DPV).Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Studie zur psychodynamischen Therapie bei Zwangserkrankungen sowie in der Ambulanz am Sigmund-Freud-Institut.

Carla Sophie Messmann, Dipl.-Psych.Seit 2019 wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Ambulanz des Sigmund-Freud-Instituts, davor mehrjährige Tätigkeit in der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Darmstadt. In der Ausbildung zur Psychoanalytikerin (DPV) und psychologischen Psychotherapeutin am Frankfurter Psychoanalytischen Institut.

Bernd Pütz, Dipl.-Psych., Psychoanalytiker (DPV/IPA, DGPT)In Frankfurt als Psychoanalytiker und psychologischer Psychotherapeut niedergelassen in eigener Praxis. Lehranalytiker am Frankfurter Psychoanalytischen Institut. Seit 2002 freier Mitarbeiter in der Ambulanz des Sigmund-Freud-Instituts.

Sigrid Scheifele, Dr. phil., Dipl.-Soz., Dipl.-Psych., Psychoanalytikerin (DPV/IPA)Langjähriger Schwerpunkt in der Arbeit mit aus dem nordafrikanischen bis vorderasiatischen Raum Stammenden sowie mit Opfern von Krieg und politischer Verfolgung. Seit Mitte der 1990er Jahre freie Mitarbeiterin in der Ambulanz des Sigmund-Freud-Instituts.Von 1984 bis 1994 wissenschaftliche Mitarbeiterin von Alfred Lorenzer am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der J. W. Goethe-Universität.Veröffentlichungen zu weiblichen Lebensentwürfen, Kulturanalyse und Migration.

Felix Schoppmann, Dipl.-Psych.Seit 2018 Mitarbeiter in der Ambulanz des Sigmund-Freud-Institutes und davor mehrjährige Tätigkeit in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Friedberg. In der Ausbildung zum Psychoanalytiker (DPV) und psychologischen Psychotherapeuten am Frankfurter Psychoanalytischen Institut.

Annabelle Starck, Psych. Msc.In Weiterbildung zur Psychoanalytikerin am Frankfurter Psychoanalytischen Institut (DPV).Seit 2018 wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Studie zur psychodynamischen Therapie bei Zwangserkrankungen sowie in der Ambulanz am Sigmund-Freud-Institut.Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der psychosozialen Beratungsstelle für Flüchtlinge am Zentrum für Psychotherapie der Goethe-Universität Frankfurt.

Inhalt

 

 

 

Autorinnen und Autoren

Vorwort der Herausgeber

1   Die Ambulanz des Sigmund-Freud-Instituts Theorie und Praxis psychoanalytischer Erstgespräche

Lothar Bayer

1.1   Einleitung – zur Geschichte des SFI

1.2   Die Ambulanz des Sigmund-Freud-Instituts

1.3   Das Erstinterview

1.3.1   Zur Anwendung der psychoanalytischen Behandlungsmethode in der diagnostischen Praxis

1.3.2   Widerstand und Übertragung

1.3.3   Das szenisch-situative Verstehen

1.3.4   Indikationsstellung, Behandlungsvorbereitung und Prognose

1.4   Abschließende Bemerkungen: zum Stellenwert der Subjektivität des Analytikers und der Gegenübertragung im Erstinterview

2   »Szenisches Verstehen« – zur Begriffs- und Konzeptgeschichte bei Lorenzer und Argelander

Ralph J. Butzer

2.1   »Szene« bei Freud

2.2   Das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut

2.3   Hermann Argelander

2.4   Alfred Lorenzer

2.4.1   Zum »Gegenstand« der Psychoanalyse

2.4.2   »Teilhabe an der Szene«

2.4.3   Das szenische Verstehen ist die via regia

2.4.4   Verstehen von Szenen

2.4.5   Die »lebenspraktischen Vorannahmen« und die Regression des Analytikers

2.5   Abschließende Bemerkungen

3   Idealisierungstendenzen in Theorie und Praxis des psychoanalytischen Erstinterviews, Skizzen zu einem dialektischen Modell von Erstinterview und Rahmen

Bernd Pütz

3.1   Normorientierte und dialektische Ansätze in der Behandlungstheorie

3.2   Das Dilemma des nicht existierenden Rahmens im analytischen Erstinterview

3.3   Die dialektische Spannung zwischen der Einmaligkeit und Besonderheit der Begegnung im Erstinterview einerseits und der Offenheit und Unverbindlichkeit der Situation andererseits

3.4   Die dialektische Spannung zwischen Entwicklung eines psychoanalytischen Denkraums und der Notwendigkeit des Handeln-Müssens des Analytikers

3.5   Der psychoanalytische Rahmen als gemeinsam geteiltes Übergangsobjekt

3.5.1   Was versteht man im Allgemeinen in der Psychoanalyse unter dem Rahmen?

3.5.2   Das Übergangsobjekt nach Winnicott

3.5.3   Rahmen als Übergangsobjekt für den Patienten

3.5.4   Rahmen als Übergangsobjekt für den Analytiker

3.5.5   Welche Folgen hat ein gemeinsam geteilter Rahmen?

3.5.6   Verschiedene psychoanalytische Konzepte des Rahmens

3.6   Zusammenfassung

4   Die (un-)erkennbaren Gesichter des Sturms – Typische Sackgassen in der psychoanalytischen Sprechstunde aufgrund von Schwierigkeiten in der Gegenübertragung

Felix Schoppmann

4.1   Übertragung und Gegenübertragung in der ersten Begegnung

4.2   Möglichkeiten und Gefahren bei der Übersetzung der äußeren Realität in die innere psychische Welt

4.3   Typische Sackgassen aufgrund der Gegenübertragung

4.3.1   Unterlegenheit

4.3.2   Hilflosigkeit und Ärger

4.3.3   Hoffnungslosigkeit und Angst

4.3.4   Verwirrung oder »Wo ist mein Denken? Was ist das in mir?«

4.4   Abschließende Bemerkungen

5   Gedanken zum psychoanalytischen »Zweitgespräch«

Carla Sophie Messmann

5.1   Einleitung

5.2   Die Besonderheiten von Erst- und Zweitgespräch

5.3   Der Analytiker als »permanenter Anfänger«? Verstehens- und Erkenntnisprozesse im psychoanalytischen Interview

5.4   Die Rolle der Ambulanzkonferenz

5.5   Die Bedeutung von Zeit und (Zwischen)räumen

5.6   Der Umgang mit Trennung und Wiederbegegnung – »Randphänomene« im analytischen Interview

5.7   Zusammenfassung

6   Die Choreografin – Klinisches Beispiel einer Diskussion in der Ambulanzkonferenz

Annabelle Starck

7   Innen und Außen – Zum analytischen Raum in Psychotherapien mit Menschen, die aus ihrer Heimat geflohen sind

Sigrid Scheifele

7.1   Aus den erschütterten Leben

7.1.1   Erstes Fallbeispiel: Der Mangel an intimen Räumen und der Versuch, anzukommen

7.1.2   Zweites Fallbeispiel: Die Erschütterung des Geschlechterverhältnisses und verschiedene Versuche, damit zurechtzukommen

7.1.3   Drittes Fallbeispiel: Das Erkunden von Behandlungsmöglichkeiten mit Traumatisierten

7.2   Innere und äußere Realität in der Begegnung. Eine erste Annäherung

7.3   Innere und äußere Realität in der Begegnung und die Konstitution des analytischen Raums

7.3.1   Zur Bedeutung der Arbeit für die Geflüchteten

7.3.2   Die Arbeit mit Dolmetscherinnen – eine Veränderung der Intimität des psychotherapeutischen Gesprächs

7.3.3   Die Frage ärztlicher Stellungnahmen

7.4   Zwischenwelten – Heimatlosigkeit und das Ankommen im analytischen Raum

7.4.1   Realitätsprüfung

7.4.2   Die Sprache

7.4.3   Veränderungen in den Beziehungen zwischen Eltern und Kindern und die Erschütterung der elterlichen Autorität

7.4.4   Veränderungen des Geschlechterverhältnisses

7.4.5   Damals und jetzt, hier und dort und die Hoffnung auf die Zukunft

7.5   Der Zeitpunkt, zu dem jemand Hilfe sucht, und seine Bedeutung für die Begegnung im analytischen Raum

7.6   Psychotherapien mit Extremtraumatisierten und die Bedeutung der offenen Tür

7.7   Ausblick

8   Studie zur Psychodynamischen Therapie von Zwangserkrankungen – Psychodynamic Therapy for Obsessive-Compulsive Disorder (PDT-OCD-Studie)

Annabelle Starck

8.1   Was verstehen wir unter Zwangserkrankungen?

8.2   Psychodynamische Therapie von Zwangserkrankungen

8.3   Diagnostik

8.4   Studientherapie

9   Die Ambulanzdokumentation – Auswertung der Daten eines Jahres

Anna Lea Docter

9.1   Anzahl der Patientinnen im Erhebungszeitraum und im zeitlichen Verlauf

9.2   Soziodemographische Daten

9.3   Krankheitsbelastung und Funktionsniveau der Patientinnen, Diagnosen

9.4   Vorbehandlungen und Einnahme von Psychopharmaka

9.5   Biografische Aspekte und Bewältigungskompetenz

9.6   Gegenübertragung und Prognose

9.7   Therapieempfehlung

9.8   Fazit

         

Anhang

 

 

 

Institutsneubau des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt am Main.

Vorwort der Herausgeber1

 

 

 

Mit der Eröffnung des Sigmund-Freud-Instituts (SFI) im April 1960 durch Alexander Mitscherlich sollte die Freudsche Psychoanalyse nach ihrer Vertreibung durch die Nationalsozialisten in Deutschland wieder ansässig werden und in Frankfurt a. M. einen Ort finden, an dem sie ihren verlorengegangenen Anschluss an die internationale Psychoanalyse wiedererlangen konnte. Als Wissenschaft vom Unbewussten und Behandlungsmethode für bestimmte seelische Erkrankungen sollte die Psychoanalyse wieder öffentliche Beachtung und Anerkennung finden. Dieses Anliegen fand im Nachkriegsdeutschland der späten 1950er Jahre, jener »intellektuellen Nachkriegswüste«, wie Jürgen Habermas (vgl. Plänkers et al. 1996, S. 30; S. 337) den damaligen Zustand der BRD fasste, eine selektive, aber äußerst zugkräftige Unterstützung aus politischen wie universitären Kreisen. Hierbei spielten die damalige hessische Landesregierung unter Leitung von Ministerpräsident Georg-August Zinn sowie das renommierte Frankfurter Institut für Sozialforschung (IfS) eine wichtige Rolle, dem in den 1950er und 1960er Jahren namhafte Intellektuelle wie Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Jürgen Habermas und Ludwig von Friedeburg, der später selbst Kultusminister Hessens wurde, angehörten. Die Unterstützung Mitscherlichs als designiertem Institutsgründer war mit gemeinsamen kultur- und wissenschaftspolitischen Interessen verknüpft. Als Reflexions- und Aufklärungswissenschaft sollte die Psychoanalyse zur Aufarbeitung der deutschen Geschichte und zur Erforschung irrationaler, destruktiver sozialer Kräfte beitragen.

Auf diesem Gebiet hatte der 1908 geborene, fachübergreifend forschende Alexander Mitscherlich schon zum damaligen Zeitpunkt beachtliche wissenschaftliche Expertise erworben. Als habilitierter Neurologe setzte er sich in deutlicher Abgrenzung zur naturwissenschaftlich-positivistisch orientierten Ärzteschaft für eine an Sinnzusammenhängen, an biografischen und sozialen Prozessen ausgerichtete Medizin ein und konnte 1950 in Heidelberg die erste psychoanalytisch orientierte psychosomatische Klinik Deutschlands gründen, die er bis 1967 leitete.

In den 1947 und 1949 gemeinsam mit Fred Mielke veröffentlichten Büchern »Diktat der Menschenverachtung« und »Wissenschaft ohne Menschlichkeit« untersuchte er die Verflechtung der deutschen Mediziner mit dem Naziregime und zeigte auf, wie eine im Geist der Aufklärung und der Humanität entstandene Wissenschaft, aus ihren inneren objektivistischen Denk-Strukturen heraus, sich ins Verdinglichende, Dehumanisierende und letztlich Menschenverachtende verkehrte.

Genau an diesem Punkt konvergierten Mitscherlichs Arbeiten mit dem Denken von Adorno und Horkheimer, die in ihrem gemeinsamen Hauptwerk »Dialektik der Aufklärung« (1947) die Selbstzerstörungskräfte des abendländischen Rationalismus analysierten, die in den modernen, aufgeklärten Industriegesellschaften entlang ihrer instrumentellen Zielsetzungen wirksam werden. Die Autoren zeigten, wie der spezifische Rationalitätstypus der Aufklärung ins Gegenteil seiner selbst, ins Totalitäre und Irrationale umschlägt und in die Barbarei des Faschismus münden konnte.

Mitscherlich hatte diese Dialektik am Beispiel der Medizin in Nazideutschland erfasst und herausgearbeitet und damit einen wesentlichen Beitrag zu den Entstehungs- und Aufarbeitungsbedingungen totalitärer, faschistisch-rassistischer Systeme geleistet.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die führenden Mitglieder des Instituts für Sozialforschung – Horkheimer, Adorno und aus der jüngeren Generation Habermas – auf ihn aufmerksam wurden, Kooperationen mit ihm anstrebten und in ihm die geeignete Person sahen, die den Wiederaufbau der Psychoanalyse in Deutschland repräsentieren und die Verbindung von Soziologie und Psychoanalyse, die seit den 1930er Jahren ein zentrales Arbeitsfeld des IfS war, interdisziplinär weiterentwickeln sollte.

Abb.: Jürgen Habermas und Alexander Mitscherlich im Gespräch, anlässlich der Feier zu Mitscherlichs 60. Geburtstag, September 1968.Mit freundlicher Genehmigung des Sigmund-Freud-Instituts

Aber nicht nur die Frankfurter Schule sondern auch einige wichtige Vertreter der Politik, so der damalige hessische Ministerpräsident Georg August Zinn, erkannten die politisch aufklärerische Bedeutung der Psychoanalyse und sprachen ihr prophylaktischen Wert gegen zivilisations- und freiheitsgefährdende soziale Kräfte zu. In seiner Rede zur Gründung des Instituts würdigte er den Beitrag der Psychoanalyse gegen ein erneutes Abrutschen der Gesellschaft in die Diktatur: »Ein Staat, in dem die Erkenntnis und das Verfahren der Tiefenpsychologie nicht nur bis tief in die Kliniken und ärztlichen Praxisräume, sondern auch in die Strafgesetze, in den Strafvollzug, in die Schulzimmer und die sozialen Berufe eindringen können, ist wahrscheinlich irgendwie immun gegen Diktatoren« (zit. nach Bareuther, S. 23). In dieser politisch verantwortungsvollen Funktion als Aufklärungs- und Reflexionswissenschaft erlebte die Psychoanalyse in den 1960er–1970er Jahren in Deutschland einen bislang einzigartigen Zuwachs an intellektueller Popularität, der nicht zuletzt durch Alexander Mitscherlich und das von ihm gegründete und bis 1976 geleitete Sigmund-Freud-Institut ermöglicht wurde.

Das »Institut und Ausbildungszentrum für Psychoanalyse und Psychosomatische Medizin«, so der ursprüngliche Name der 1964 in »Sigmund-Freud-Institut« umbenannten Einrichtung, war in drei wissenschaftliche Bereiche gegliedert: den sozialpsychologischen, den psychologisch-grundlagenwissenschaftlichen und den medizinisch-klinischen Bereich, zu dem eine psychotherapeutisch-psychoanalytische Institutsambulanz gehörte. Die Wahl dieser dreiteiligen Institutsform zeigt an, dass die Freudsche Psychoanalyse nicht »nur« als eigenständige Wissenschaft vom Unbewussten reetabliert und interdisziplinär weiterentwickelt werden sollte. Auch als Behandlungsmethode für seelische Erkrankungen sollte sie wieder Geltung erlangen und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Mit der Einrichtung der Ambulanz trug der Institutsgründer zudem der Tatsache Rechnung, dass die Erforschung des Unbewussten in der psychoanalytischen Klinik gründet und diese als originäres Forschungsfeld unabdingbar voraussetzt. Wissenschaft als Suche nach Erkenntnis und psychotherapeutische Praxis bilden in der Psychoanalyse eine unlösbare Einheit.

Mit der damals schnell zunehmenden Popularität und Anerkennung psychoanalytischen Denkens im wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs stieg auch die Nachfrage nach psychoanalytischen Behandlungen. Dadurch ergaben sich neue Anforderungen an die Institutsambulanz. Ihr damaliger Leiter Hermann Argelander schrieb 1967: »Das Frankfurter Sigmund-Freud-Institut steht – wie auch andere poliklinisch tätige psychoanalytische Institute – vor der schwierigen Aufgabe, aus einer großen Zahl von Behandlungssuchenden die Patienten auswählen zu müssen, für die die vorhandenen psychotherapeutischen Verfahren2 geeignet und erfolgversprechend erscheinen« (Argelander 1967 S. 341).

Es ist wichtig, in diesem Zusammenhang festzuhalten, dass die Psychoanalyse 1967 als analytische Psychotherapie und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie in den Leistungskatalog der Krankenkassen, in die GKV-Richtlinien, aufgenommen wurde. Parallel zu diesen gesundheitspolitischen Veränderungen, denen weitere folgen sollten (z. B. die Einführung des Delegations- und Kostenerstattungsverfahren für Psychologen, das Psychotherapeutengesetz) traten die Aufgaben der Diagnostik und der Indikationsstellung in den Fokus der Ambulanztätigkeit.

Diese Ausrichtung prägt bis heute die klinische Arbeit der Institutsambulanz. Sie wurde in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich ausgebaut und auf unterschiedlichen Ebenen zum Gegenstand wissenschaftlicher Studien gemacht.

Mit ca. 500 Erstgesprächen, die wir pro Jahr mit Patienten mit unterschiedlichsten Störungsbildern durchführen, gehört die Ambulanz des SFI zu den bundesweit größten Einrichtungen ihrer Art. Sie weist gegenüber Ambulanzen im Klinikbereich als auch gegenüber Ambulanzen im Bereich psychoanalytischer Ausbildungsinstitute Besonderheiten auf, die in den folgenden Beiträgen zur Darstellung kommen sollen.

Es gilt hervorzuheben, dass das SFI in den 1960er–1970er Jahren mit der Begründung und Entwicklung eines spezifischen Verfahrens zur psychoanalytisch-psychotherapeutischen Erstuntersuchung von Patienten behandlungstechnisches Neuland betreten und wissenschaftliche Pionierarbeit geleistet hat. Das von Hermann Argelander, dem damaligen Leiter der klinischen Abteilung, begründete Erstinterview-Verfahren, in dessen Zentrum ein neu entwickeltes sinnverstehendes Verfahren, das »szenisch-situative Verstehen«, steht, stellt bis heute ein zentrales Untersuchungsinstrument dar und bildet die Grundlage unserer klinischen Arbeit. Es ermöglicht eine erweiterte Anwendung der von Freud entwickelten psychoanalytischen Methode und ist auf die initiale Begegnung zwischen Analytiker und Patient unter institutionellen Ambulanzbedingungen abgestimmt.

Das Verfahren geht in mehrfacher Hinsicht über Freuds Konzeption des Zusammenspiels von Behandlungstechnik, Übertragung und Gegenübertragung hinaus (Kap. 1).

Hierbei geht es kurz gesagt um die Überschreitung der bei Freud angelegten intrapsychischen Perspektive hin zu einer interaktiv-interpersonellen Konzeption der Psychoanalyse. Diese akzentuiert in weitaus stärkerem Maß die Beziehungsvorgänge zwischen Analytiker und Patient und erklärt sie zum eigenständigen Gegenstand der Forschung.

Bei seiner Neuausrichtung des psychoanalytischen Verfahrens stand Argelander im wissenschaftlichen Austausch mit englischen Analytikern, vor allem mit Michael Balint und Paula Heimann. In seinen zahlreichen Studien zum szenisch-situativen Verstehen nahm er objektbeziehungstheoretische Konzepte auf (zur Bedeutung der Gegenübertragung, zur intersubjektiven Basis des analytischen Geschehens, zur Zwei-Personen-Psychologie etc.), die in England in den 1940er und 1950er Jahren entwickelt wurden und in den folgenden Jahren und Jahrzehnten die Weiterentwicklung der Psychoanalyse, auch am SFI, maßgeblich prägen sollten.

Der von Argelander eingeleitete Perspektivwechsel führte am SFI dazu, dass sich die klinische Forschung in der Institutsambulanz immer dezidierter dem interaktiven, oftmals averbal und aktional ablaufenden, affektiv geprägten Beziehungsgeschehen zwischen Patient und Analytiker, dem Hier und Jetzt der analytischen Situation, zuwendete.

Die minutiöse Erforschung der intersubjektiv strukturierten und unbewusst aufeinander bezogenen Übertragungs- und Gegenübertragungsprozesse, die sich, nach unserer Überzeugung, nicht nur in langwierigen Analysen, sondern auch schon im Erstinterview einstellen und seinen Verlauf prägen, begreifen wir als eine der Hauptaufgaben der Institutsambulanz.

Integraler Bestandteil der klinischen Arbeit ist deshalb die wöchentlich stattfindende Ambulanzkonferenz. Die als intervisorische Gruppensitzung angelegte Ambulanzkonferenz hat seit den Gründungstagen des Instituts »die wichtige Funktion (…) sowohl das angebotene Material wie auch die in der Gruppe während des Gesprächs auftauchenden emotionellen Konstellationen miteinander zu integrieren und daraus eine dynamische Hypothese über die Struktur des Patienten zu formulieren« (Argelander 1967, S. 342).

Die Gruppe erweist sich als ein außerordentlich sensibles Organ zur Wahrnehmung und Aufnahme jener ›emotionellen Konstellationen‹, die im Erstgespräch zwischen Analytiker und Patient unbewusst zur Wirkung kommen und dem Gespräch seine einzigartige Verlaufsgestalt geben. In der Fallbesprechung gilt der Grundsatz, dass der vorstellende Analytiker stets mehr von den aufgenommenen Beziehungs- und Austauschvorgängen, den Gefühlen und Reaktionen, die der Patient bzw. das Interview in ihm ausgelöst hat, vermittelt, als ihm selbst bewusst ist (»implizites Beziehungswissen«, vgl. Mertens 2013, S. 817). Die unbewusst gebliebenen emotionalen Reaktionen des Analytikers, seine Gegenübertragungsgefühle können im Gruppenprozess ins Vorbewusste, ins Denkbare und schließlich in Sprache gehoben werden. Der bewusst gemachten Gegenübertragung entnehmen wir entscheidende Einblicke in die innere Welt des Patienten. Damit wird die Gegenübertragung, die höchst subjektive Resonanz des Analytikers auf seinen Patienten, zum wesentlichen Werkzeug analytischer Erkenntnisprozesse. Aus unserer Sicht ist die Fallbesprechung in der Gruppe ein konstitutiver Bestandteil des analytischen Verstehensprozesses. Ihr entnehmen wir unsere psychodynamischen, diagnostischen, indikatorischen und prognostischen Schlussfolgerungen.

Parallel zu diesen behandlungstechnischen wie -theoretischen Neueinstellungen hat sich das Indikationsgebiet der Psychoanalyse in den letzten Jahrzehnten erheblich erweitert. Dieser Entwicklungstrend gilt nicht nur für die Ambulanzarbeit am SFI, sondern für die Entwicklung der Psychoanalyse überhaupt. Ihre klinische Anwendung ist heutzutage nicht mehr auf die klassischen Neurosen, die sog. Übertragungsneurosen, beschränkt. Mit weiter entwickelten Behandlungsmethoden und neuen Konzepten, vor allem aus dem Umfeld des kleinianischen und postkleinianischen Denkens, wendet sie sich verstärkt den sog. nicht-neurotischen Störungen, den Borderlinestörungen, den narzisstischen Störungen, den Psychosen, den schweren Traumatisierungen und dissoziativen Störungen zu. Bei der psychoanalytischen Erforschung und Behandlung dieser Erkrankungen stehen nicht mehr die klassischen Verdrängungsprozesse, das aufzudeckende Verdrängte und seine symbolischen Ersatzbildungen im Vordergrund der Psychodynamik, sondern ein seelisches Material, das sich auf andere und gravierendere Weise der symbolischen Repräsentation entzieht und nach anderen Gesetzmäßigkeiten individuelles Leiden verursacht und zum Ausdruck bringt: borderline-typische Zustände der Leere, der Dissoziation, der psychosenahen Verfolgungs-, Vernichtungs- und Ichverlustängste, der Verwirrung, der mehr oder weniger gravierenden Auflösung von Subjekt-Objekt-Grenzen usw. Innere Zustände dieser Art, das zeigen neuere Forschungen, kommen nicht im Medium »erzählenden Erinnerns«, der freien Assoziation und des Widerstands zum Ausdruck, vielmehr werden sie vom Patienten auf der Handlungs- und Verhaltensebene unbewusst inszeniert, agiert, werden aus dem Inneren ausgestoßen und projektiv in den anderen hineinverlagert.

Die sog. projektive Identifizierung (vgl. Frank, Weiß 2007) ist zum Schlüsselkonzept psychoanalytischer Behandlungstheorie geworden. In Abgrenzung zur Verdrängung, dem Leitmechanismus der Neurose, bezeichnet sie einen unbewussten Abwehrmechanismus, durch den eigene Anteile abgespalten und in den anderen, z. B. den Analytiker, hineinverlagert werden. Die projektive Identifizierung stellt einerseits einen archaischen Abwehrmechanismus dar, andererseits ein basales Interaktionsmodell zur Erfassung präsymbolischer, auf konkrete Entledigung bedrohlicher Gefühle ausgerichteter Austauschvorgänge zwischen Analytiker und Patient oder aber auch in entwicklungspsychologischer Perspektive zwischen Mutter und Säugling (kommunikative Funktion der projektiven Identifizierung). Durch das Konzept der projektiven Identifizierung wurde das psychoanalytische Verständnis nicht-verbaler Interaktions- und Austauschvorgänge außerordentlich erweitert und ein Zugang zu Patienten eröffnet, die früher als unbehandelbar galten.

Beim Erforschen und therapeutischen Bearbeiten dieser Vorgänge ist die Aufnahmefähigkeit des Analytikers, seine Fähigkeit die Gegenübertragung wahrnehmen, erkennen und bearbeiten zu können, besonders gefragt. Die Gegenübertragungswahrnehmung stellt das wichtigste Instrument dar, um die fraglichen, unzureichend repräsentierten inneren Zustände und Prozesse des Patienten zu erahnen, zu erfassen und ihnen im intersubjektiven Austausch eine Bedeutung verleihen zu können, die beim Patienten zum Ausgangspunkt seelischer Transformation werden kann. Neben den Arbeiten der kleinianischen Schule zur projektiven Identifizierung und zur Gegenübertragung ist die Container-Contained-Theorie des Denkens von Wilfred Bion zum wichtigen Referenzpunkt psychoanalytischer Theorie und Praxis geworden.

Die vorliegende Aufsatzsammlung hat die klinisch-wissenschaftliche Arbeit der Institutsambulanz des SFI zum Gegenstand. Die von den Ambulanzmitarbeitern verfassten Beiträge beschäftigen sich aus unterschiedlichen Blickrichtungen mit der diagnostischen Arbeitsweise des Psychoanalytikers, mit der Theorie und der Praxis des psychoanalytischen Erstinterviews. Von besonderem Stellenwert ist die am SFI begründete Methode bzw. Methodologie des »szenisch-situativen Verstehens«, die einen interaktions- und intersubjektivitätsbezogenen Zugang zur Dynamik unbewusster Prozesse im Hier und Jetzt der Erstinterview-Situation ermöglicht. Das unbewusste Zusammenspiel von Übertragungs- und Gegenübertragungsprozessen prägt von Beginn an, so der gemeinsame Nenner der vorgelegten Beiträge, die Begegnung von Analytiker und Patient.

Ein weiterer Schwerpunkt des vorliegenden Buches gilt den umfangreichen klinischen Erfahrungen, die in der Institutsambulanz mit unterschiedlichen Patientengruppen und unterschiedlichen Störungsbildern (Folgen chronischer Traumatisierung, Borderlinestörungen, Psychosen, Zwangsneurose etc.) gesammelt werden. In den entsprechenden Beiträgen soll die psychoanalytische Ambulanztätigkeit, unter dem Aspekt störungsspezifischer Anforderungen, möglichst praxisnah und fallbezogen veranschaulicht werden.

Einen weiteren Schwerpunkt bildet das für die Institutsambulanz charakteristische Zusammenspiel von »Forschen und Heilen«, von Wissenschaft und klinischer Praxis. Hierbei geht es u. a. um die Vernetzung der Ambulanztätigkeit mit Forschungsprojekten unterschiedlicher Art (Therapiewirksamkeitsstudien, Evaluations-, Präventions- und Katamnesestudien), die das SFI in Kooperation mit anderen Forschungseinrichtungen oder Universitäten durchführt (z. B. die aktuelle »Studie zur psychodynamischen Therapie von Zwangserkrankungen«).

Abschließend werden erste Ergebnisse der im November 2018 neu eingeführten fragebogengestützten Patientendokumentation vorgestellt. Neue Forschungsperspektiven, die diese Dokumentationsform ermöglicht, werden diskutiert.

Eine Besonderheit der Ambulanz am Frankfurter Sigmund-Freud-Institut liegt gerade darin, dass sie die Aufgaben einer Versorgungsambulanz mit denjenigen einer Forschungsambulanz verbindet. Dazu gehört auch die Mitwirkung in der Ausbildung und Lehre. Durch die regelmäßige Teilnahme niedergelassener Kolleginnen und Kollegen an der Ambulanzkonferenz, der Kooperation mit klinischen Einrichtungen sowie anderen, am Haus angesiedelten Ambulanzen (des Frankfurter Psychoanalytischen Instituts, des Anna-Freud-Instituts für Kinder und Jugendliche sowie des Jüdischen Psychotherapeutischen Beratungszentrums) kommt eine enge Vernetzung mit dem ambulanten und stationären Versorgungssektor zustande. Diese Besonderheit spiegelt sich in den Beiträgen des vorliegenden Bandes wider.

Nach einer Einführung in die Geschichte des SFI geht Lothar Bayer den Besonderheiten der Institutsambulanz in ihrer Doppelfunktion als Forschungs- und Versorgungsambulanz nach (Kap. 1). Gerade in dieser Verklammerung besitzt die Institutsambulanz Modellcharakter für vergleichbare Einrichtungen. Besonderes Augenmerk legt Bayer auf das von Herrmann Argelander entwickelte szenisch-situative Verstehen, das im Mittelpunkt des Erstinterviewverfahrens steht. Die unbewusst stattfindenden Beziehungs- und Austauschvorgänge zwischen Analytiker und Patient werden hier zum zentralen Untersuchungsgegenstand und zur Grundlage therapeutischer Erkenntnis- und Transformationsprozesse. Das »Argelandersche Verfahren« wird hinsichtlich seiner Verbindung zum Freudschen Denken wie zur Objektbeziehungstheorie diskutiert und an ausgewählten Beispielen erläutert.

Ralph J. Butzer stellt das Konzept des szenischen Verstehens bei Alfred Lorenzer vor (Kap. 2). Während Argelanders Forschungsschwerpunkt in der psychoanalytisch-klinischen Praxis, insbesondere dem psychoanalytischen Erstgespräch, liegt, verwendet Lorenzer das »Szenische« als metatheoretischen Vermittlungsbegriff, der die soziale Konstitution des Unbewussten im Spannungsverhältnis von Natur und Kultur erfassen soll.

Im Rahmen der von ihm entwickelten materialistischen Sozialisationstheorie versucht er zu zeigen, wie sich im Kind von Beginn an, schon vor der Spracheinführung, soziale Interaktionen als »sinnliches Praxisgefüge« niederschlagen. Diese sog. Theorie der Interaktionsformen bildet nach Lorenzer die Grundlage einer besonderen Form der Hermeneutik, einer »Hermeneutik des Leibes«, die ihrerseits das psychoanalytische Verstehen theoretisch fassbar und soziologisch anschlussfähig machen soll. Im deutschsprachigen Raum haben Lorenzers Entwürfe als »Tiefenhermeneutik« die sozialwissenschaftliche Anwendung der Psychoanalyse beeinflusst.

Der Aufsatz von Bernd Pütz behandelt die Frage der Einrichtung des sog. Behandlungsrahmens (Kap. 3). Die Frage ist gerade auch deshalb relevant, da psychoanalytisches Arbeiten, so die gängige Lehrmeinung, die Stabilität eines explizit geklärten Rahmens voraussetzt, das Erstinterview aber durch das weitgehende Fehlen einer expliziten Rahmenvereinbarung charakterisiert ist. Gegenüber den weitverbreiteten normativen Konzeptionen der Rahmenvereinbarung plädiert Pütz für eine dialektische Konzeption des Rahmens. Die prinzipiell kooperativ konzipierte Rahmenvereinbarung bewegt sich zwischen grundsätzlich widersprüchlichen Anforderungen (Stabilität und Flexibilität, Absichtslosigkeit und Zielorientierung, Asymmetrie und Gegenseitigkeit) und hat sich als ein in sich widersprüchliches Gebilde zu bewähren. In diesem Sinne entfaltet der Autor ein Konzept des Rahmens als Übergangsraum und gemeinsames Übergangsobjekt im Sinne Winnicotts (1953).

Felix Schoppmann beschreibt vor dem Hintergrund kleinianischer und postkleinianischer Konzepte typische Übertragungs-Gegenübertragungs-Konstellationen, die sich in Erstgesprächen mit schwerer gestörten Patienten einstellen (Kap. 4). Sein Beitrag stellt in gewisser Weise eine Weiterentwicklung des Konzepts des »szenischen Verstehens« dar, indem er die Transformationsfunktion des Erstinterviews beleuchtet. Das vom Analytiker bereitgestellte aufnehmende Verstehen bzw. ›Containment‹ im Sinne Bions (1962) ermöglicht die Aufnahme und Modifikation abgespaltener, wenig symbolisierter Gefühlsinhalte, die der Patient via projektiver Identifizierung in den Analytiker hineinverlagert. Im besten Fall kann der Analytiker die aufgenommenen Projektionen in psychische Bedeutungen verwandeln, die er verstehen, kommunizieren und an den Patienten in erträglicherer Form als Deutungen zurückvermitteln kann. Solche Austauschvorgänge können beim Patienten zum Ausgangspunkt innerer Aneignungs- und Transformationsprozesse werden.

Carla Messmann geht in ihrem Beitrag der Bedeutung des psychoanalytischen Zweitgesprächs nach (Kap. 5). Anhand eines Fallbeispiels einer jungen Patientin sowie weiterer kurzer Fallsequenzen wird dargestellt, wie bedeutsam ein zweites oder drittes Gespräch im Rahmen einer psychoanalytischen Sprechstunde, wie sie am Sigmund-Freud-Institut angeboten wird, sein kann. Dabei werden die Unterschiede zwischen Erst- und Zweitgespräch sowie die, für den Verstehens- und Verdauungsprozess wesentliche, Zeit zwischen den Gesprächen betrachtet und – auch vor dem Hintergrund der Einschätzung von Indikation, Prognose, Diagnose sowie psychodynamischen Überlegungen – diskutiert.

Der Beitrag von Annabelle Starck »Die Choreografin – Klinisches Beispiel einer Diskussion in der Ambulanzkonferenz« vermittelt einen Eindruck von der Arbeitsweise der wöchentlich stattfindenden Ambulanzkonferenz (Kap. 6). Dieser auf der Grundlage von Tonbandaufnahmen erstellte Abschnitt gewährt einen unmittelbaren Einblick in den sich entfaltenden Diskussionsprozess und lässt den Leser damit zum Teilnehmer der Gruppe werden.

Um die Herstellung eines ausreichend flexiblen und zugleich ausreichend haltgebenden Rahmens, durch den ein Raum für psychoanalytisches Arbeiten auch unter erschwerten Bedingungen entstehen kann, geht es im Aufsatz von Sigrid Scheifele. Sie berichtet aus der »Flüchtlingsambulanz«, die 2015 am SFI angesichts des stark erhöhten Bedarfs an psychotherapeutischer Hilfe für Geflüchtete und Asylsuchende ins Leben gerufen wurde (Kap. 7).

Ausgehend von drei Fallbeispielen – einer schwer depressiven afghanischen Patientin, die mit ihrem Mann und den beiden jüngsten Kindern länger als ein Jahr in einer Sammelunterkunft lebt, einem afghanischen Mann, dessen Ehe in Deutschland zerbricht, und einem in der Heimatstadt in Sippenhaft genommenen und misshandelten Syrer im fortgeschrittenen Alter – geht die Autorin der Besonderheit der Konstitution des analytischen Raums in der Arbeit mit Geflüchteten nach. Wie lassen sich Behandlungsmöglichkeiten erkunden, wenn das Außen unsicher ist, und die Perspektive auf das subjektive Leiden festgehalten werden soll? Wie kann trotz Unsicherheit des Aufenthalts, ohne intimen Lebensraum, ohne – hinreichende – Kenntnis der Sprache, bei Erschütterung der Geschlechterkultur und der elterlichen Autorität ein analytischer Prozess in Gang kommen?

Annabelle Starck stellt die aktuelle »Studie zur psychodynamischen Therapie von Zwangserkrankungen« vor (Kap. 8). Anhand von Fallbeispielen aus den Erstinterviews mit Studienteilnehmern arbeitet sie spezifische Übertragungs-Gegenübertragungs-Dynamiken bei zwangserkrankten Patienten heraus. Ihre Arbeit ist ein Beispiel einer Forschungskooperation der Institutsambulanz mit den Universitäten Gießen und Göttingen. Dabei geht es um Evaluation der Wirksamkeit psychodynamischer Verfahren und der ihnen zugrundeliegenden spezifischen Prozesse.

Abschließend präsentiert Anna Lea Docter erste Ergebnisse der im November 2018 eingeführten fragebogengestützten Patientendokumentation (Kap. 9). Die sich dadurch eröffnenden Forschungsperspektiven werden erläutert und beispielhaft diskutiert. Besonderheiten der Patientenpopulation werden dargestellt und im Kontext bisheriger Forschungsergebnisse betrachtet. Die Häufigkeitsverteilungen der im Untersuchungszeitraum erstellten Diagnosen und Indikationen werden dargelegt und erörtert. Ein besonderes Augenmerk gilt der Erhebung der Übertragungs-Gegenübertragungs-Dynamik und den sich daraus eröffnenden Forschungsperspektiven.

Unser Dank gilt den Autorinnen und Autoren, die mit ihren Beiträgen an der Entstehung und Gestaltung des vorliegenden Buches mitgewirkt haben. Die Beiträge repräsentieren nicht nur die unterschiedlichen Aufgabenbereiche der Institutsambulanz sondern auch die lebendige Vielfalt an wissenschaftlichen, behandlungstechnischen und behandlungstheoretischen Perspektiven, die die klinische Arbeit und Forschung am Sigmund-Freud-Institut seit 60 Jahren auszeichnet.

Die Idee, das vorliegende Buch zu schreiben, ist dem besten Wortsinne nach das Ergebnis einer Gruppenarbeit. Sie ist hervorgegangen aus der wöchentlich stattfindenden Ambulanzkonferenz.

Danken möchten wir allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Ambulanzkonferenz, die mit ihrer klinischen Erfahrung und wissenschaftlichen Kreativität in der allwöchentlichen Arbeit am Fallmaterial zur Vertiefung und Verfeinerung psychoanalytischer Verstehensprozesse und Erkenntnisbildung beitragen: Ralph J. Butzer, Anna Lea Docter, Reinhard Hildisch, Alexandra Litinskaya, Beate Lorke, Carla Messmann, Bernd Pütz, Sigrid Scheifele, Felix Schoppmann, Annabelle Starck, sowie den Praktikantinnen und Praktikanten: Laura Harth, die die Transkripte erstellt hat, Stefan Coels, der an der Patientendokumentation mitarbeitete, sowie Sofie Schleicher und Anja Wedemeier. Danken möchten wir auch Frau Kroll, der Ambulanzsekretärin, die einen großen Teil der Verwaltungs- und Organisationsaufgaben durchführt und den Klinikern den Arbeitsalltag erleichtert.

Last but not least danken wir Herrn Dr. Ruprecht Poensgen und Frau Dipl.-Psych. Annika Grupp für ihr engagiertes und zugleich geduldiges Lektorat sowie dem Kohlhammer Verlag für seinen Einsatz für die Wissenschaft vom Unbewussten.

 

Lothar Bayer, Heinz Weiß

Im November 2020

Literatur

Adorno, T. W. & Horkheimer, M. (1947). Dialektik der Aufklärung. Frankfurt, Fischer (1969).

Argelander, H. (1967). Das Erstinterview in der Psychotherapie. Psyche-Z Psychoanal., 21 (5), 341-368.

Bareuther, H. et al. (Hrsg.) (1989). Forschen und Heilen. Frankfurt: Suhrkamp.

Bion, W.R. (1962). Lernen durch Erfahrung. Frankfurt: Suhrkamp (1992).

Frank, C. & Weiss, H. (2007). Projektive Identifizierung. Ein Schlüsselkonzept der psychoanalytischen Therapie. Stuttgart: Klett-Cotta.

Leuzinger-Bohleber, M. & Plänkers, T. (2019). The struggle for a psychoanalytic research institute: The evolution of Frankfurt’s Sigmund Freud Institute. Int. J. Psychoanal., 100 (5), 962-987.

Mertens, W. (2013). Das Zwei-Personen-Unbewusste – unbewusste Wahrnehmungsprozesse in der analytischen Situation. Psyche-Z Psychoanal., 817f.

Mitscherlich, A. & Mielke, F. (1947). Diktat der Menschenverachtung. Heidelberg: Schneider.

Mitscherlich, A. & Mielke F. (1949). Wissenschaft ohne Menschlichkeit. Heidelberg: Schneider.

Plänkers, T. et al. (Hrsg.) (1996). Psychoanalyse in Frankfurt am Main. Tübingen: edition diskord.

1     Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im Folgenden die generische Geschlechtsform Maskulinum oder Femininum verwendet. Sie bezieht sich auf Personen aller Geschlechter.

2     Mit den »vorhandenen psychotherapeutischen Verfahren« meinte er die im Institut praktizierten, zum Teil in eigenen Forschungsprojekten neu- oder weiterentwickelten Verfahren: »langfristige Psychoanalysen, psychoanalytisch orientierte Psychotherapie, Kurztherapie (Fokaltherapie), Gruppentherapie und Beratungen« (vgl. ebd.).

1          Die Ambulanz des Sigmund-Freud-Instituts Theorie und Praxis psychoanalytischer Erstgespräche

Lothar Bayer

1.1       Einleitung – zur Geschichte des SFI

Die klinische Arbeit in der Ambulanz des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts weist einige Besonderheiten auf, die nur vor dem Hintergrund der historischen Entwicklung des Instituts verstanden werden können.

Am 27.4.1960 konnte Alexander Mitscherlich in Frankfurt am Main mit Unterstützung der hessischen Landesregierung und ihres früheren Ministerpräsidenten Georg-August Zinn, sowie des renommierten Instituts für Sozialforschung und des damaligen Leiters Max Horkheimer, das »Institut und Ausbildungszentrum für Psychoanalyse und Psychosomatische Medizin« eröffnen, das 1964 in »Sigmund-Freud-Institut« (SFI) umbenannt wurde.

Die Gründung des Instituts diente vor allem dazu, die von den Nationalsozialisten als jüdische Wissenschaft verfolgte und vertriebene Freudsche Psychoanalyse in Deutschland zu reetablieren und den verlorengegangenen Anschluss an die Internationale Psychoanalytische Vereinigung wiederherzustellen.

Mit der Institutsgründung wurde zudem an das 1929 gegründete und 1933 von den Nationalsozialisten zerstörte »Frankfurter Psychoanalytische Institut« angeknüpft , dem die Psychoanalytikerin Frieda Fromm-Reichmann und die Psychoanalytiker Erich Fromm, Siegmund H. Fuchs und die beiden Gründer Heinrich Meng und Karl Landauer angehörten. Sie alle mussten unter dem Nazi-Terror fliehen und Deutschland verlassen. Landauer, der ein Schüler Sigmund Freuds und enger Vertrauter Max Horkheimers war, wurde kurz vor Kriegsende im Konzentrationslager Bergen-Belsen ums Leben gebracht.

Für Mitscherlich war die Reetablierung der Freudschen Psychoanalyse im Nachkriegsdeutschland untrennbar mit der Aufarbeitung der deutschen Geschichte und politischer Aufklärung verbunden. In seinem Verständnis hatte die Psychoanalyse mit ihren spezifischen Untersuchungsmethoden und ihrer Entdeckung unbewusster Triebkräfte einen unverzichtbaren Beitrag zur Erforschung destruktiver gesellschaftlicher Prozesse zu bieten. Diesen Beitrag sollte sie in ihre humanwissenschaftlichen Nachbardisziplinen (Soziologie, Anthropologie, Kulturwissenschaften, Friedens- und Konfliktforschung, Pädagogik etc.), aber auch in die Öffentlichkeit und ins politische Handeln einbringen. Aufklärung als Bewusstmachung unbewusster Strukturen erschien ihm als die einzig greifbare Option, um sich gegen die Gefahren einer sich wiederholenden Ausbreitung irrationaler Kräfte, nationalistischen Terrors und der Menschenverachtung zu schützen: »Die Suche nach der Wahrheit über uns selbst, ist das einzig verlässliche Mittel, um uns gegen die Inhumanitäten zu verteidigen, die uns unter der Decke der Zivilisation drohen« (vgl. Bareuther 1989, S. 286 und S. 300: Ansprachen zur Eröffnung des Instituts am 27. April 1960). Wie kaum ein anderer Psychoanalytiker hat Mitscherlich der Psychoanalyse außerklinische – soziologische, kulturkritische, politische – Aufgaben zugewiesen und als unermüdlicher Publizist psychoanalytische Erkenntnisse in die Öffentlichkeit getragen und zur Diskussion gestellt. Dabei sollte der Anspruch Sigmund Freuds zur Geltung gebracht werden, nach dem die Psychoanalyse nicht nur als fachärztliche Profession, als Therapieverfahren, »sondern wegen ihres Wahrheitsgehalts« (Freud 1933a, S. 169) Anerkennung verdiene. Als Wissenschaft vom Unbewussten, so die Einschätzung ihres Begründers, strebt die Psychoanalyse nicht nur über die engen Grenzen der Psychopathologie hinaus ins allgemein Psychologische, sondern auch über das Individualpsychologische ins Kollektive, zur Erkenntnis der kulturellen Bildungen und ihrer affektiven unbewussten Grundlagen. Mit seiner berühmten Formulierung »Der Gebrauch der Analyse zur Therapie der Neurosen ist nur eine ihrer Anwendungen; vielleicht wird die Zukunft zeigen, daß sie nicht die wichtigste ist« (Freud 1926e, S. 283) betonte Freud den genuin wissenschaftlichen Wert der Psychoanalyse und ihre Bedeutung als Subjekt- und Kulturtheorie sowie als Aufklärungswissenschaft sui generis.

Diesen Leitlinien Freuds fühlte sich Mitscherlich verpflichtet. Sie sollten in dem neu gegründeten Institut mit seinen außerklinischen, den sozialpsychologischen und kulturtheoretischen Forschungsschwerpunkten zum Ausdruck kommen und weiterentwickelt werden. In dieser besonderen interdisziplinär-wissenschaftlichen Ausrichtung findet das Sigmund-Freud-Institut seit nunmehr 60 Jahren breite internationale Anerkennung. In ihrer feierlichen Eröffnungsrede anlässlich der Einweihung des Institutsneubaus 1964 bezeichnete Anna Freud das Institut als »a new home for the new psychoanalytic era in Germany« (vgl. Plänkers 2011, S. 86).

Obwohl der Name Alexander Mitscherlichs in der Öffentlichkeit vor allem mit seinen zahlreichen und höchst einflussreichen sozialpsychologischen Studien (»Die Unfähigkeit zu trauern« (1967), »Die Unwirtlichkeit unserer Städte« (1965), »Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft« (1963)) verknüpft ist, blieb für ihn als praktizierendem Arzt und Psychoanalytiker unstrittig, dass das Herzstück des Instituts die klinische Psychoanalyse war (vgl. Plänkers ebd.). Dieser Grundeinstellung entsprach, dass neben den drei Abteilungen des Hauses: klinische Psychoanalyse, Psychologie und Sozialpsychologie von Beginn an eine psychoanalytische Ambulanz eingerichtet wurde, die bis heute unverzichtbares Zentrum der klinischen Tätigkeiten des Sigmund-Freud-Instituts ist. Sie betraf nicht nur die therapeutische Versorgung der Bevölkerung und die klinische Forschung im engeren Sinne, sondern auch die psychoanalytische Ausbildung. Die Ambulanz sollte den Ausbildungskandidatinnen und -kandidaten, die bis 1995 – bis zur Gründung des neuen Frankfurter Psychoanalytischen Instituts – am SFI ihre Ausbildung absolvierten, die Möglichkeit bieten, unter Supervision erfahrener Psychoanalytiker erste Behandlungserfahrungen zu sammeln und sich die notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten der Anamnese- und Befunderhebung, der Diagnose- und Indikationsstellung im direkten Kontakt zum Patienten anzueignen.

Abb. 1.1: Anna Freud und Herrmann Argelander bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die J.W. Goethe-Universität an Anna Freud, Februar 1982 Mit freundlicher Genehmigung des Sigmund-Freud-Instituts

Die Ausbildung am Sigmund-Freud-Institut wurde nach den Richtlinien der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV) und der International Psychoanalytic Association (IPA) gestaltet. Alexander Mitscherlich, der 1956 DPV/IPA-Mitglied (vgl. Plänkers ebd.) wurde, engagierte sich sehr erfolgreich für die internationale Vernetzung des neuen Instituts und konnte führende Psychoanalytiker der IPA (u. a. Michael Balint, Paula Heimann, Béla Grunberger, Jeanne Lampl-de Groot) für Forschungs- und Ausbildungkooperationen gewinnen (vgl. Hoyer 2008).

Seit 2016 übernimmt das Sigmund-Freud-Institut in Zusammenarbeit mit dem FPI wieder Funktionen in der Ausbildung zum Psychoanalytiker.

Mit seiner doppelten Verankerung in der Wissenschaft und in der klinischen Praxis entsprach die Institutsstruktur einer weiteren zentralen Vorgabe Sigmund Freuds, die er 1926 in seinem »Nachwort zur Frage der Laienanalyse« als »Junktim von Heilen und Forschen« formulierte: »In der Psychoanalyse bestand von Anfang an ein Junktim zwischen Heilen und Forschen, die Erkenntnis brachte den Erfolg, man gewann keine Aufklärung, ohne ihre wohltätige Wirkung zu erleben. Unser analytisches Verfahren ist das einzige, bei dem dies kostbare Zusammentreffen gewahrt bleibt. Nur wenn wir analytische Seelsorge treiben, vertiefen wir unsere eben aufdämmernde Einsicht in das menschliche Seelenleben« (Freud 1927a, S. 293–294). Ganz im Sinne dieses für Freud ebenso unverbrüchlichen, wie ständig durch Aufspaltungen bedrohten Junktims von Forschen und Heilen, dieser dialektischen Verzahnung von Theorie und Praxis, von Reflexion und Emanzipation ist die klinische Tätigkeit am SFI stets Ausgangspunkt wissenschaftlicher Arbeiten unterschiedlichster Ausrichtung gewesen: Die analytische Arbeit mit den Patienten stellt den nicht zu ersetzenden Erfahrungsbereich dar, durch den die Analytiker ihre Einsichten in das menschliche Seelenleben, in die unbewussten Prozesse erlangen, überprüfen, vertiefen und erweitern. Die analytische Praxis ist so gesehen der »Königsweg zur Kenntnis des Unbewußten« (Freud 1900a, S. 613 und 1927a, S. 291).

Die Forschungsprojekte, die in der Ambulanz des Sigmund-Freud-Instituts ihren Ausgang nahmen und nehmen, sind so zahlreich und vielfältig, dass sie an dieser Stelle nicht annähernd zur Darstellung kommen können. Ich verweise auf die Übersichtsarbeiten von Tomas Plänkers (2011) und Herbert Bareuther (1989). Zwei Forschungslinien mit besonderer Bedeutung für die Aufgaben der Institutsambulanz möchte ich herausstellen:

1.  In den 1970er bis 1990er Jahren sind eine Reihe von Studien am SFI entstanden, die die analytischen Prozesse zwischen Analytiker und Patient selbst zum Gegenstand der Forschung gemacht haben. Von besonderer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang die Arbeiten von Hermann Argelander, Alfred Lorenzer und Rolf Klüwer, die als klinisch tätige Psychoanalytiker und Wissenschaftler dem Institut angehörten (ebd.) und mit unterschiedlichen Schwerpunkten die Besonderheiten der psychoanalytischen Erkenntnisprozesse, die spezifischen Untersuchungsmethoden und Verstehensoperationen des Analytikers im Rahmen unterschiedlicher analytischer Settings untersucht und teilweise begrifflich neu gefasst und systematisiert haben. Diese Studien haben in den folgenden Jahren und Jahrzehnten erheblichen Einfluss auf die Anwendung der psychoanalytischen Methode in unterschiedlichen klinischen wie außerklinischen (»Tiefenhermeneutische Kulturanalyse«) Gebieten gewonnen. Auf Hermann Argelanders Arbeiten zur Technik der Psychoanalyse im psychoanalytischen Erstinterview werde ich weiter unten näher eingehen.

2.  Zum anderen sind zahlreiche Studien zu spezifischen psychischen Störungen und ihrer Behandlung am SFI entstanden. Die Bandbreite dieser Forschungsarbeiten ist ebenfalls beträchtlich und reicht von Mitscherlichs Arbeiten zur Psychodynamik psychosomatischer Erkrankungen über die Erforschung traumatischer Störungen bis hin zu umfangreichen Evaluationsstudien, bspw. einer Studie über die Wirksamkeit der psychoanalytischen Langzeittherapie bei chronisch-depressiven Patienten (LAC-Studie).

Die Vielfalt der vorgelegten Studien (Plänkers 2011, Bareuther 1989) schließt analytisch-klinische Einzelfallstudien, klinisch-theoretische Konzeptforschung und empirische Studien ein, die den einheitswissenschaftlichen Ansprüchen der evidence based medicine (Leuzinger-Bohleber 2011) genügen. Das aktuelle Forschungsprojekt dieser Art ist eine Studie zur Psychodynamischen Therapie von Zwangserkrankungen, die die klinische Abteilung des Sigmund-Freud-Instituts unter Leitung von Heinz Weiß durchführt (Kap. 6).

1.2       Die Ambulanz des Sigmund-Freud-Instituts

In der psychoanalytischen Sprechstunde der Ambulanz des SFI werden jährlich rund 500 Patienten mit unterschiedlichsten psychischen Störungen behandelt, Voraussetzung ist die Volljährigkeit. Ein Teil der Patienten konsultiert die Ambulanz aus eigener Initiative oder auf Empfehlung von Bekannten, Freunden und Verwandten. Ein anderer Teil kommt auf Überweisung von Haus- und Fachärzten, die konsiliarische Beratung wünschen, oder ihre Patienten in psychotherapeutische bzw. psychoanalytische Behandlungen vermitteln möchten. Einige Patienten haben dezidierte Vorstellungen über die Störung, an der sie leiden, andere nicht (zur Statistik Kap. 9). Die Patienten erhalten in der Institutsambulanz psychoanalytische Erstinterviews und bei Bedarf bis zu sechs Folgegespräche, in denen eine erste Diagnose- und Indikationsstellung erfolgt. Sofern am Institut keine Behandlungsmöglichkeit besteht, werden die Patienten bei der Suche nach einem geeigneten Therapieplatz unterstützt. Dies umfasst bei Bedarf eine aufklärende Beratung über die Unterschiede der Therapieformen mit Blick auf die vorliegende Indikationsstellung. In einigen Fällen, bspw. im Zusammenhang mit klinischen Studien, werden psychotherapeutische/psychoanalytische Behandlungen im Rahmen der Institutsambulanz durchgeführt.

Seit 1979 ermöglicht ein mit der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen abgeschlossener und regelmäßig erneuerter Institutsvertrag, dass die Erstinterviews, die probatorischen Sitzungen sowie die am Institut stattfindenden Behandlungen über die Krankenkassen abgerechnet werden können. Auf dieser Grundlage sichert die Ambulanz des SFI ihren Status als Versorgungs- und Forschungsambulanz. In besonderen Fällen, wenn keine Krankenversicherung vorliegt, werden probatorische und therapeutische Leistungen von Sozialämtern übernommen oder auch aus Institutseigenen Mitteln angeboten, bspw. in der Behandlung von Geflüchteten (Kap. 7). Die Ambulanz des SFI hat in der gesamten Region einen hohen Bekanntheitsgrad (Kerz-Rühling 2005). Ihre Vernetzung mit niedergelassenen Kollegen, aber auch mit Kliniken wurde in den letzten Jahren und Jahrzehnten kontinuierlich ausgebaut. Die Nachfrage an die Institutsambulanzleistungen ist permanent hoch und übersteigt bei weitem die Kapazitätsgrenzen. Ohne die Mitarbeit niedergelassener Psychoanalytiker wären die Ambulanzleistungen nicht annähernd zu erbringen.

Die Kontaktaufnahme der Patienten zur Ambulanz des SFI erfolgt über das Ambulanzsekretariat. Vor dem Erstinterview werden sie gebeten, einen Dokumentationsbogen auszufüllen. Dieser umfasst die Erhebung soziodemografischer Daten, der psychotherapeutischen und psychiatrischen Vorbehandlungen, der Medikation etc. Danach erfolgt das 50-minütige Erstinterview. Nach dem Interview erstellt jeder Therapeut einen schriftlichen Bericht über das stattgefundene Gespräch. Dieser enthält anamnestische Angaben, sowie Angaben zum psychischen Befund, zur Psychodynamik der Erkrankung, zur psychischen Struktur, zur Diagnose, zur Indikationsstellung und zu den, mit den Patienten besprochenen Therapieempfehlungen. Die Diagnose besteht abgekürzt gesagt aus zwei Teilen: einer symptomatisch orientierten ICD-10 Diagnose und einer psychodynamisch orientierten Diagnose, die in der Regel Aussagen zum vorrangigen psychischen Konflikt, zu den Abwehrmechanismen, dem Strukturniveau etc. beinhaltet. Der in freier Form abgefasste Bericht des Therapeuten wird seit November 2018 durch einen Fragebogen, den der Therapeut ausfüllt, ergänzt. Er enthält skalierte Einschätzungen zur psychischen Struktur des Patienten, zur Art des Kontakts, zu Übertragung und Gegenübertragung, zur Prognose usw. Der Hintergrund dieser Neueinführung ist der Bedarf an Forschungsdaten zur empirischen Untersuchung bestimmter Fragestellungen bspw. des Einflusses bestimmter Übertragungs- und Gegenübertragungsstrukturen auf die Indikationsstellung (Kap. 9).

In einer einmal wöchentlich stattfindenden Ambulanzkonferenz, an der die klinisch tätigen Ambulanzmitarbeiter teilnehmen, werden die Patienten der Woche vorgestellt. Ausgewählte Fälle werden eingehender besprochen und hinsichtlich der vorliegenden Psychodynamik, der Diagnose-, der Indikationsstellung und der Vermittlung der Patienten an geeignete Weiterbehandler diskutiert. Die vertiefenden Fallbesprechungen können der Vorbereitung auf weiterführende Gespräche dienen, falls diese erforderlich werden. In der Fallvorstellung gibt der Interviewer den Gesprächsverlauf wieder, d. h. die Spontanangaben des Patienten, die Schilderung seiner Symptomatik sowie seiner Lebens- und Krankengeschichte; zusätzlich vermittelt er der Gruppe einen Eindruck des Kontakts und der Interaktionsszenen, die sich mit dem Patienten konstelliert haben. Die Art und Weise, wie die Übertragungsangebote vom Behandler aufgenommen, innerlich verarbeitet und ggf. in verarbeiteter Form als Deutung dem Patienten (zurück-)vermittelt und bewusst gemacht werden konnten, und welche Konsequenzen daraus fürs weitere Gespräch folgten, sind die Hauptgegenstände der Fallvorstellung. Dass der Gruppe der Konferenzteilnehmer in der anschließenden Falldiskussion eine wesentliche Erkenntnisfunktion zukommt, versteht sich von selbst. Neue Einsichten und Erweiterungen des Fallverständnisses ergeben sich nicht nur durch die unterschiedlichen konzeptuellen (z. B. objektbeziehungstheoretischen, trieb-, selbst-, ichpsychologischen) Perspektiven, mit denen die Gruppenmitglieder auf das vorgestellte Material schauen. Vielmehr zeigt sich, dass sich bestimmte Strukturen des Interviewverlaufs, die ihrerseits mit den Strukturen des Falles zu tun haben, unbewusst in der Dynamik des Gruppenprozesses abbilden und im Idealfall erkannt und in den fallbezogenen Erkenntnisprozess integriert werden können (Kap. 8). Die Kenntnisse und die langjährigen klinischen Erfahrungen der Ambulanzmitarbeiter im Umgang mit Übertragungs- und Gegenübertragungsprozessen verdichten sich hier zu psychodynamischen Hypothesen zur Fallstruktur, zu diagnostischen und indikatorischen Schlussfolgerungen. Durch die umfangreiche, jahrzehntelang gewachsene Vernetzung, die die Ambulanz des SFI, sowohl mit psychiatrischen, psychosomatischen und psychotherapeutischen Kliniken, als auch mit niedergelassenen Psychoanalytikern, Psychiatern und Psychotherapeuten unterhält, die in regelmäßigen Abständen ihre freien Plätze an die Ambulanz melden, gelingt es in den meisten Fällen, den Patienten geeignete Behandlungsempfehlungen zu geben.

An der Durchführung der Erstgespräche sind die klinisch tätigen, festangestellten Mitarbeiter des Instituts sowie eine Gruppe niedergelassener Psychoanalytiker und einige Ausbildungskandidaten beteiligt. Alle Mitarbeiter der Institutsambulanz sind Ärzte und/oder Psychologen, die in der Regel eine Weiterbildung zum Psychoanalytiker nach den Richtlinien der Deutschen und Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung abgeschlossen haben oder gerade absolvieren.

Abb. 1.2: Die ersten Mitarbeiter v.l.n.r.: Prof. Dr. H. Vogel, Fr. Müller-Reitsch, Dr. Munder, Prof. Dr. H. Argelander, Hr. Seifert, Fr. Gentes, Prof. Dr. W. Loch. 1960 Mit freundlicher Genehmigung des Sigmund-Freud-Instituts

1.3       Das Erstinterview

1.3.1     Zur Anwendung der psychoanalytischen Behandlungsmethode in der diagnostischen Praxis

Im Zentrum der Ambulanztätigkeit des SFI steht das sogenannte Erstinterview. Es dient einer ersten Verständigung zwischen Analytiker und Patient hinsichtlich einer möglicherweise vorliegenden seelischen Störung und der Möglichkeit bzw. der Notwendigkeit, diese psychotherapeutisch oder psychoanalytisch zu behandeln. Es eröffnet meist einen initialen Zugang zu den seelischen Konflikten, die hinter den Symptomen und Beschwerden stehen, und gestattet einen ersten Einblick in die vorhandenen Entwicklungsmöglichkeiten des Patienten, in seine Ressourcen, sich auf ein psychoanalytisches Arbeitsbündnis mit dem Ziel, unbewusste Konflikte und Strukturen aufzudecken, einlassen und davon profitieren zu können. Als unser zentrales Untersuchungsinstrument erfüllt das Erstinterview diagnostische, indikatorische und prognostische Funktionen (Eckstaedt 1995, Argelander 1970) und bildet die Grundlage für die Behandlungsempfehlung, die wir in aller Regel dem Patienten geben.

Die Erfahrungen, die die Patienten im Erstinterview machen, haben einen entscheidenden Einfluss darauf, ob sie sich anschließend in eine psychoanalytische oder psychotherapeutische Behandlung begeben werden. Ihre Entscheidung wird maßgeblich davon beeinflusst, ob sie sich im Erstinterview in ausreichendem Maß vom Analytiker verstanden und dadurch gehalten fühlen (Kerz-Rühling 2005).

Das 50-minütige Erstinterview stellt eine situationsangepasste Anwendung des von Sigmund Freud begründeten psychoanalytischen Untersuchungs- und Behandlungsverfahrens (Argelander 1968) dar und sollte sowohl am Gesprächsauftrag des Patienten (Hohage 1981) als auch an seinen störungs- und persönlichkeitsabhängigen Gegebenheiten und Möglichkeiten ausgerichtet sein. Die Art und Weise, wie wir am SFI dieses Erhebungs- und Erkenntnisinstrument, in Abgrenzung zu anderen diagnostischen Verfahren (tiefenpsychologische Anamnese, Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik OPD II, Kernbergs strukturiertem Interview, vgl. Mertens 2015) einsetzen, wie wir seine methodologischen Voraussetzungen, seine Funktionen und Erkenntnisziele verstehen, geht in wesentlichen Zügen auf Hermann Argelander zurück, der als Wissenschaftler und Ambulanzleiter des SFI in den 1970er und 1980er Jahren höchst einflussreiche Studien zur Fundierung eines psychoanalytischen Interviewverfahrens vorgelegt hat.

In diesen Studien ging es ihm vor allem darum, die Freudsche psychoanalytische Methode3 auf die Besonderheiten eines ambulatorischen Erstgesprächs zu übertragen und diese in einer relational-intersubjektivistischen Perspektive weiterzuentwickeln. Ich komme darauf zurück.

Am prägnantesten lassen sich die Eigenarten eines psychoanalytischen Erstgesprächs in Abhebung zu einer psychiatrischen Anamnese- und Erhebungssituation verdeutlichen. Lorenzer sprach angesichts dieser Differenz von der »radikalen Umkehrung des Arzt-Patient Verhältnisses« (Lorenzer 1984a, S. 117). »Hatte sich ehedem der Patient einem vorab festgelegten medizinisch-diagnostischen Schema fügen müssen …, so kehrt sich nun die diagnostisch-therapeutische Situation um. Der Patient erhält das Recht, in freier Themenwahl sein Leiden selbst darzustellen« (ebd., S. 118). Der Patient soll seinen Einfällen folgen dürfen, egal ob er mit der Aufzählung seiner Symptome, seiner Krankengeschichte, seiner Kindheit, seinen Beziehungskonflikten, mit aktuellen oder weit zurückliegenden Problemen beginnt, ob er frei und spontan spricht oder von einem Notizblatt abliest.

Der sich im klassischen medizinischen Setting als objektiver, außenstehender Beobachter verstehende, sich seinem Gegenstand mit standardisierten Mitteln, festen Schablonen und deskriptiven Klassifikationssystemen nähernde Diagnostiker verwandelt sich im psychoanalytischen Erstgespräch in einen subjektiv und interaktiv »beteiligten« (Argelander 1967, S. 350) Zuhörer, der sich der ungewöhnlichen Situation »überlässt« (Argelander 1970, S. 42). »Der Erstinterviewer kritisiert und urteilt nicht, sondern nimmt alles hin, wie es angeboten wird, und forscht nur nach seinem Sinn« (ebd.).

Diese empathisch-mitschwingende Beteiligung des Psychoanalytikers und seine Prozessverwobenheit werden nicht als störend, sondern als konstitutiv für den Erkenntnisprozess betrachtet.

Die Gestaltungsfreiheit, die der Analytiker bereitstellt, eröffnet nicht nur den Raum für das subjektive Erzählen des Patienten, sondern auch für die Besonderheiten des Interaktionsgeschehens, das sich auf je einmalige Weise herstellt. Es vollzieht sich oft unbewusst und nimmt unterschwellig Einfluss auf die Reaktionen, die Erwartungen, die Empfindungen und die Befindlichkeit der Akteure. Hinter der möglichst unvoreingenommenen, aufnehmenden Haltung des Analytikers steht die erfahrungsgestützte Überzeugung, dass diese zumeist unwillkürlich und unreflektiert ablaufenden interaktiven Prozesse sinnhaft strukturiert sind, dass sie einer unbewussten Sinnstruktur folgen, die sich im weiteren Gesprächsverlauf konturieren und ins Bewusstsein treten wird.

Die Grundhaltung der ›gleichschwebenden Aufmerksamkeit‹, als Bereitschaft auch auf das vermeintlich Nebensächliche, Nicht-Intendierte (z. B. der Versprecher oder das unwillkürlich auftretende Handlungsmuster) zu achten, gilt als die einzige Möglichkeit, etwas vom Patienten zu verstehen, das über sein Selbstverständnis und sein bewusstes Erleben hinausgeht. Im analytischen Erstgespräch geht es ums Erschließen unbewusster Konflikt- und Sinnstrukturen, um die Erfassung dessen, was der Patient nicht weiß und der Analytiker zunächst ebenso wenig weiß.

1.3.2     Widerstand und Übertragung