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Das Schicksal führt an einem heißen Sommertag in Barcelona zwei sehr unterschiedliche Menschen zusammen: Die Architektin Mariam und Tjomme, den Arzt im Ruhestand. Die junge Frau ist selbstmordgefährdet. Tjo gelingt es, dass Mariam sich ihm öffnet und über ihre traurige und turbulente Vergangenheit erzählt. Das Leben der beiden gerät durch dieses Treffen gründlich aus den Fugen. Obwohl sie füreinander Fremde sind, werden Mariam und Tjo feststellen, dass sie viel mehr verbindet, als sie ahnen.
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Seitenzahl: 381
Veröffentlichungsjahr: 2021
Rita Maffini
Die Puppe wusste es
© 2021 Rita Maffini
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-42177-6
Hardcover:
978-3-347-42178-3
e-Book:
978-3-347-42179-0
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Dieses Buch ist ein Werk der Fantasie. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen sowie Tatsachen ist rein zufällig.
Für Wilma in Verbundenheit
sowie für Annelie, Gertrud, Sylvia und Wiltrud.
Freundschaft ist etwas Kostbares
So wie ein Regenbogen nach dem Gewitter entsteht,
wird es auch wieder Freude nach schwerem Leid geben
Teil 1
Mariam
1
Die junge Frau hatte kein Ziel, lief einfach umher und ließ sich von ihren Beinen tragen. Sie erschauerte und nahm den Schmerz in seiner ganzen Stärke wahr. Ihr Herz klopfte und fühlte sich schwer wie ein Stein in ihrer Brust an. Die Sonne brannte auf ihrem Kopf, das strähnige Haar verdeckte ihr Gesicht, das Kleid klebte unangenehm an der Haut. Sie ließ ihren Tränen freien Lauf.
Am liebsten wäre es ihr gewesen, sich in Luft aufzulösen, um vom heißen Wind in eine andere, gefälligere Welt geweht zu werden.
Das Atmen war mühselig, sie konnte kaum noch weitergehen. Völlig erschöpft schaute sie sich nach einem kühlen Plätzchen um. Für einen Moment war sie so beschäftigt damit, nach Schatten zu suchen, dass sie keine innere Pein mehr spürte. Erleichtert erblickte sie eine Holzbank unter einem Schatten spendenden Baum. Rasch begab sie sich dorthin, setzte sich seufzend, strich die Haare aus der Stirn und wischte sich die Tränen und den Schweiß mit dem Handrücken ab. Ihre Augenlider senkten sich vor Müdigkeit. Der Kampf dagegen war zwecklos, sie legte sich auf das harte Holz und schlief ein.
Irgendwann öffnete sie die Augen und hatte kurz die Illusion, dass alles in Ordnung sei. Sie rührte sich zuerst nicht und genoss die positive Wende, die der Schlaf hervorgerufen hatte. Viel zu schnell ergriff die Realität erneut von ihr Besitz.
Sie erhob sich von der unbequemen Liegeposition, dehnte und streckte ihre schmerzenden Glieder und setzte sich wieder hin. Die Ruhepause war vorbei. Eine heftige Verbitterung überfiel sie.
Ständig schwirrten ihr dieselben Gedanken durch den Kopf: Verdammt, wie kann das Schicksal immer so brutal mit mir umgehen? Ich stehe vor einem Scherbenhaufen … Wozu und für wen soll ich weiterkämpfen? Mir fehlen sowohl der Wille als auch die Kraft dazu. Ich kann nur eine letzte Entscheidung treffen, die mir das Leben ermöglicht: den Tod.
Der Park war menschenleer. Jung und Alt hatten sich offensichtlich vor der erdrückenden Hitze in ihre Häuser zurückgezogen. Zu ihrer Verwunderung sah sie jemanden auf sich zukommen. Ihre Sorgen gerieten für einen Augenblick in den Hintergrund. Sie schirmte ihre Augen mit der Hand vor dem gleißenden Sonnenlicht ab und versuchte die herankommende Gestalt zu erkennen. Es dauerte ein paar Minuten, bis sie feststellen konnte, dass es sich um einen älteren Mann handelte. Er war groß, schlank, trug einen schlohweißen Vollbart und stützte sich auf einen Stock. Sein Schritt war langsam und vorsichtig, er schien leicht zu schwanken. Als er sie erreichte, merkte sie, dass er sehr alt war. Seine Kleidung war altmodisch, aber sauber. Er schnaufte. Seine Stirn war schweißüberströmt, ein Rucksack hing über seinen Schultern.
Sie staunte, als er sie auf Englisch ansprach: »Darf ich mich neben Ihnen auf die Bank niederlassen?«
Sie hielt eine Sekunde inne. »Natürlich, bitte setzen Sie sich.«
»Oh, danke. Ich hoffe, ich störe Sie nicht?« Die nächste Bank ist zu weit weg für mich. Bei der Wärme muss ich erst mal Atem schöpfen.«
Die kehlige Stimme des Alten beruhigte ein wenig das Durcheinander in ihrem Inneren. »Sie stören mich nicht. Ja, es ist in der Tat furchtbar heiß. Wie kommt es, dass Sie um diese Zeit und bei der Hitze unterwegs sind?«
Der Fremde reagierte nicht, ließ sich schwerfällig nieder und deponierte den Rucksack neben sich. Er holte ein weißblau kariertes Taschentuch aus der Hosentasche und trocknete sich damit das Gesicht ab. Danach seufzte er und richtete stumm seinen Blick nach vorne.
Beide schwiegen. Nirgendwo sonst war eine Regung zu vernehmen. Sie beäugte den Alten von der Seite. Er atmete jetzt ruhiger. Sie spürte den Drang, die Stille zu unterbrechen. »Der Baum spendet zwar Schatten, aber die hohe Lufttemperatur macht uns dennoch arg zu schaffen.«
Von seiner Seite kam kein Kommentar. Unvermittelt drehte er sich zu ihr um. »Ihre Körperhaltung ist stark angespannt.« Aufmerksam betrachtete er ihr Gesicht. »Und Sie scheinen verzweifelt zu sein.«
Verblüfft setzte sie zu einer Erwiderung an, kam jedoch nicht dazu, etwas zu sagen, da der alte Mann sofort weiterredete.
»Es tut mir im Herzen weh, eine junge Dame so traurig zu sehen. Sie sollten fröhlich und dem Leben mit einem Lächeln zugewandt sein. Stattdessen sitzen Sie hier, mutterseelenallein und niedergeschlagen. Was ist mit Ihnen los?
Ich möchte nicht indiskret sein, allerdings scheint mir Ihr Kummer so groß, dass er zum Himmel schreit.«
Wut erfasste sie, weshalb sie heftig auf seine Frage reagierte. »Hören Sie auf, hören Sie bloß auf. Was wollen Sie überhaupt von mir?«
»Um Gottes willen, bitte beruhigen Sie sich.« Er bewegte beschwichtigend seine rechte Hand auf und ab. »Ich möchte gar nichts von Ihnen. Ich sehe nur, wie Sie sich grämen. Würden Sie mir eine Chance geben, könnte ich Ihnen beistehen. Meine Lebenserfahrung hat mich gelehrt, dass viele Probleme gar nicht so ausweglos sind, wie sie zuerst erscheinen. Bitte erzählen Sie mir den Grund, weshalb Sie so dermaßen verzweifelt sind.«
Sie rang nach Luft, betrachtete ihn. Sein mitfühlender Blick spiegelte ehrliche Anteilnahme wider. Sie fing herzzerreißend zu weinen an. Schluchzend schleuderte sie ihm die Worte entgegen: »Mein Leben ist bisher wie eine einzige Katastrophe verlaufen. Da gibt es nichts mehr zu helfen. Ich wünschte, es gäbe mich überhaupt nicht.«
Schweigend beugte er sich zu seinem Rucksack, öffnete ihn und holte zwei kleine Flaschen Mineralwasser heraus, dann drehte er sich zu ihr. »Sie sind bestimmt durstig nach den vielen Tränen. Bitte nehmen Sie das Wasser. Übrigens, wie ist Ihr Name?« Er hielt die Wasserflaschen in den Händen und musterte sie mit sanfter Neugier. Sie weigerte sich zuerst, seiner Bitte nachzukommen. Er drückte ihr behutsam eine Plastikflasche in die rechte Hand.
Sie umschloss sie und spürte eine angenehme Kühle. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie sich regelrecht nach Flüssigkeit sehnte. Mit einem nervösen Ruck schraubte sie den Verschluss auf, setzte die Flasche an die Lippen und trank in einem Zug die Hälfte des Inhalts. Diese kleine Erfrischung tat ihr gut. »Besten Dank. Es stimmt, ich war am Verdursten. Und ja, Sie haben recht: Ich bin mehr als verzweifelt. Mein Name ist Mariam. Und wie heißen Sie?«
Der Fremde lächelte. »Tjomme, das ist ein skandinavischer Name. Für meine Freunde bin ich Tjo, Sie dürfen mich ebenfalls so nennen. Wie alt sind Sie, Mariam?«
»Ich bin achtundzwanzig und Sie?«
»Das ist ein witziger Zufall, lesen Sie Ihr Alter von rechts nach links und Sie kennen meines. Mariam, warum sitzen Sie auf einer Bank in diesem kleinen Park hier in Barcelona und leiden offensichtlich Höllenqualen? Möchten Sie mir die Ursache anvertrauen?«
Sie schloss kurz die Augen. »Den Ablauf meines bisherigen Lebensweges kann man nicht so auf die Schnelle schildern, es ist keine leichte Kost. Das Elend zieht sich seit Langem wie ein roter Faden durch mein Leben. Sie sind bestimmt nicht darauf erpicht, Zeit zu verschwenden, um sich meine Geschichte anzuhören. Trotzdem danke für Ihr Mitgefühl.«
»Warum denn nicht? Mein größter Luxus ist es, Zeit zu haben. Nutzen Sie diesen Umstand. Ich bin ehrlich daran interessiert, zu erfahren, warum Sie so deprimiert sind.«
Sie bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und wartete einen Moment. Inzwischen hatte sich ihr Herzrhythmus normalisiert.
»Okay, wenn Sie sich das antun wollen! Vielleicht sollte ich endlich die bleierne Last, die auf meiner Seele liegt, loswerden.«
»Prima. Bevor Sie beginnen, habe ich eine letzte Frage. Mariam, Sie sind keine Spanierin?«
»Ja, Tjo, ich bin keine Spanierin, ich bin Deutsche und verbringe meinen Urlaub hier in Barcelona.«
»So ein Zufall. Wir können uns auf Deutsch unterhalten. Meine Mutter war Deutsche und hat großen Wert daraufgelegt, dass ich ihre Muttersprache lerne. Auch ich verbringe hier zurzeit meinen Urlaub bei guten Freunden. Vorhin deuteten Sie eine "bleierne Last" an. Was hat es damit auf sich, Mariam?«
Mariam war nun tatsächlich bereit, die Geister ihrer Vergangenheit aufleben zu lassen. Dieser warmherzige alte Mann schaffte es mit seiner sanften Dickköpfigkeit, die Schleusen ihrer Seele zu entriegeln und die Wucht ihrer Emotionen zu entfesseln. »Noch vor wenigen Wochen dachte ich, mein Leben hätte sich zum Besseren gewendet. Bedauerlicherweise hat sich das nur als eine Illusion herausgestellt. Warum Tjo, warum ist das Schicksal so grausam zu mir? Ich scheine das Pech anzulocken, so wie eine Blume die Bienen. Mit meiner Weisheit bin ich am Ende und muss gestehen, dass Sie mir wie meine letzte Hoffnung erscheinen. Ich händige Ihnen jetzt das Buch meines Lebens aus. Was werden Sie damit anfangen?«
Tjo dachte nach. »Natürlich schlage ich es sofort auf. Aber lesen Sie mir lieber von Anfang an daraus vor, Mariam. Wie lautet denn der Text des Buches?«
Mariam trank einen Schluck Wasser, stand auf, lief ein paar Schritte und setzte sich wieder neben Tjo auf die Bank. »Eingangs möchte ich zum besseren Verständnis unterstreichen, dass mir meine Herkunft und die Vorgeschichte meiner Familie unbekannt sind. Die einzige Person, die Auskunft hierüber hätte geben können, war meine Mutter. Das geschah jedoch nie.«
Sie ordnete ihre Gedanken und suchte den Anfang des Weges. Vorsichtig unternahm sie den ersten Schritt.
2
Meine Mutter und ich lebten in einer winzigen Zwei-ZimmerDachgeschosswohnung in der Frankfurter Innenstadt. Im Winter war es dort kalt und im Sommer heiß. Ausgestattet war sie mit spärlichen Möbeln, allerdings kann ich nicht behaupten, dass es ungemütlich bei uns war. Meine Mutter beteuerte, dass wir Glück hatten, dort wohnen zu dürfen.
Als meinen Lieblingsplatz hatte ich mir einen uralten Sessel ausgewählt. Hier saß ich manchmal stundenlang und spielte mit meinen zwei Stoffpuppen. Spielzeug hatte ich wenig. Diese Puppen, die eine blond, Anna, und die andere dunkelhaarig, Susi, waren mein Ein und Alles.
Meine Mutter und ich schliefen gemeinsam in einem Doppelbett. Wenn sie gesund war, kuschelte ich am Abend gerne mit ihr und lauschte gespannt ihren Geschichten. Mal erzählte sie von einem Schmetterling, der gefangen in einem Terrarium lebte. Mal von einem stolzen Löwen, der in der Savanne Gazellen jagte, oder von einem frechen Affen, der seinen Artgenossen die Bananen stahl. Anna und Susi, die Puppen, Flaff, der Schmetterling, King, der Löwe und Poppi, der Affe, waren meine einzigen Freunde. Real waren Anna und Susi, die sonstigen mir vertrauten Gestalten existierten nur in meiner Fantasie, dennoch liebte ich sie, weil sie meinen Alltag bereicherten.
Wir verließen die Wohnung nicht oft. Zweimal die Woche ging meine Mutter abends in einem nahen Supermarkt einkaufen und ich durfte sie ab und an begleiten. Meist kaufte sie die gleichen Dinge ein. Sie kochte nicht gerne, folglich aßen wir häufig Fertiggerichte, wenig Obst, kaum frisches Gemüse. Hatte meine Mutter gute Laune, was selten vorkam, buk sie Pfannkuchen. Ich bestrichsie mit einer Schokocreme und sie schmeckten wirklich herrlich. Wurden Pfannkuchen serviert, war ich zufrieden. Meine Kindheit war sehr eintönig und einsam. Von Kindergärten, Schwimmbädern und Treffs, wo sich die Kinder mit Gleichgesinnten zum Spielen trafen, hatte ich nie erfahren. Während des Tages guckten wir endlos Fernsehen, vorwiegend Talkshows, Filme oder Nachrichten, die ich nicht verstand und die für mich total langweilig waren. Die Idee, auf einen Zeichentrickfilm umzuschalten, kam meiner Mutter nie.
Im Sommer wurde die Hitze in der Wohnung unerträglich. Deshalb war ich immer froh, wenn meine Mutter mich ab und zu am späten Nachmittag zu einem nahegelegenen Park brachte. Hier befanden sich ein paar Holzbänke und ein kleiner Brunnen. Sofort sprang ich ins Wasser, das mir im Stehen bis zum Knie und beim Hinsetzen bis zu den Schultern reichte. Beim Planschen quietsche ich vergnügt.
Währenddessen ruhte sich meine Mutter auf einer Bank aus und las irgendeine Zeitschrift.
Später, als die Zeit zum Gehen nahte, kam sie zu mir, legte die Hände ins Wasser und lächelte mich an. »Oh ja, schön kühl! Dir gefällt es hier, nicht wahr, meine Kleine?«
Daraufhin spritzte ich ihr Wasser ins Gesicht und jauchzte. »Ja, Mami, noch ein bisschen hierbleiben.«
»Gut, du Wasserratte, in fünf Minuten müssen wir aber heim.« Sie stellte sich daraufhin neben den Brunnen und schaute mir zu, wie ich mich fröhlich aus tobte.
Diese himmlische, wenn auch kurze Phase der Erfrischung war mein Sommer-Highlight und hat sich für immer in meiner Erinnerung festgesetzt. Es tat mir gut, an der Luft zu sein, etwas Anderes zu sehen als die vier Wände, die mich umgaben, die blöde Glotze und den Supermarkt.
Seltsamerweise habe ich in diesem Park niemals andere Kinder getroffen, nur Erwachsene, die mit ausdruckslosen Gesichtern herumlungerten und sich nicht um uns kümmerten. Aus heutiger Sicht bin ich sicher, dass dort ein Treffpunkt für Drogenabhängige war.
Wenn ich mich recht entsinne, muss noch eine Person bei uns gewohnt haben. In meinem Gedächtnis formen sich dazu gelegentlich Umrisse einer Gestalt, die mich in den Arm nimmt. Worauf eine weibliche Stimme, die nicht meiner Mutter gehörte, nebulös in meinem Ohr erklang. Ich dürfte so um die zwei Jahre alt gewesen sein, als diese Person auf einmal nicht mehr da war. Ich weiß bis heute nicht, ob es sich hierbei nur um einen Traum handelte, oder ob diese andere Frau jemals existiert hat.
Mit knapp fünf Jahren lebte ich gefangen in einer beschränkten und anspruchslosen Welt. Meine einzige Bezugsperson war meine Mutter. Sie schirmte mich von der Außenwelt ab. Indes hatte ich damals nicht den Eindruck, dass mir was fehlte, da ich nur dieses bescheidene Leben kannte.
Wir hatten nur von einem einzigen Menschen Besuch: Mister Pig, unserem Vermieter.
Meine Mutter hatte ihn mir ausführlich beschrieben: Er war ein fetter Mann mit einer permanent roten Knollennase, fast kahl, hatte kleine, kalte blaue Augen und lachte nie. Sie meinte, er würde einem Schwein ähneln, deshalb nannte sie ihn Mister Pig.
Dieser Mister Pig hatte einen enormen Einfluss auf unser Leben. Er meldete sich nie an, klingelte einfach an unserer Tür und wurde hereingebeten.
Er durfte nicht erfahren, dass ich existiere. Aus diesem Grund musste ich mich bei seinen Besuchen im Kleiderschrank verbergen und durfte keinen Mucks von mir geben, bis er weg war. Eingesperrt zu sein, fand ich grausam, deshalb versuchte ich mich jedes Mal dagegen zu wehren.
Daraufhin pflegte meine Mutter klischeehaft zu sagen: »Engelchen, du musst dich verstecken. Falls Mister Pig dich entdeckt, wird er dich mitnehmen und für immer einsperren. Wir könnten uns nie wieder sehen. Willst du das?«
Meine Mama nie wiedersehen? Das wollte ich auf keinen Fall. Deshalb tat ich, was mir aufgetragen wurde, obwohl ich eine panische Angst hatte, im Kleiderschrank zu kauern. Die aufgehängten Kleider glichen in der Dunkelheit Gespenstern, die mich von allen Seiten umstellten und mich zu ersticken drohten. Ich nahm stets meine zwei Puppen mit, drückte sie an meine Brust, schloss die Augen und hoffte, dass ich bald aus dieser misslichen Lage befreit werden würde. Meine Ohren konnte ich mir nicht andauernd zuhalten, so nahm ich merkwürdige Geräusche wahr, die aus dem Wohnzimmer stammten. Schweres Atmen, schrille Laute, Gestöhne und Worte wie: »Ja, ja, ja«, »oh mein Gott« und »weiter, weiter« wurden ausgerufen.
Es war zum Fürchten. Ich malte mir aus, wie meine Mutter und Mister Pig sich wehtaten. Irgendwann kehrte plötzlich Ruhe ein und Minuten später wurde die Wohnungstür zugeschlagen. Unmittelbar danach holte mich meine Mutter aus dem Schrank.
Nach Mister Pigs Fortgang war sie wie verstört. Sie hielt sich lange im Bad auf.
Die Dusche und die Toilettenspülung rauschten ununterbrochen. Irgendwann kam sie heraus, klagte über Kopfschmerzen und trank aus einer Flasche eine Unmenge ihrer Medizin und erklärtemir: »Das ist Medizin gegen Kopfweh, meine Kleine. Du darfst niemals davon trinken, ansonsten stirbst du. Und anfassen darfst du die Flaschen überhaupt nicht!«
Ich ging davon aus, dass der Inhalt der zahllosen, in der Wohnung verstreuten Flaschen ein wichtiges Medikament sei. Also machte ich einen riesigen Bogen um sie.
Häufiger geschah es, dass sie den ganzen Tag ihre Medizin trank. Ich stellte fest, dass dieses Medikament nicht half, sie gesund werden zu lassen. Sie benahm sich eher seltsam, brachte undeutliche Worte hervor, kochte nichts zum Essen, schlief pausenlos ein, ließ tagsüber unentwegt das Fernsehgerät laufen und registrierte mich während dieser Zeit kaum. Folglich musste ich mich selbst versorgen, so gut ich konnte. War ich hungrig, aß ich in der Küche, was vorrätig war. War ich durstig, stieg ich auf einen Hocker, um an den Wasserhahn zu gelangen. Musste ich aufs Klo, verrichtete ich meine Notdurft unter Schwierigkeiten allein. Ansonsten bemühte ich mich, so leise wie möglich zu sein, um meine Mama nicht zu belästigen.
Manchmal dauerte es drei Tage, bis sie zur Normalität zurückfand. Hinterher befasste sie sich wieder mit mir. Sie wusch mich, zog mir frische Sachen an, kochte, putzte die Wohnung, war liebevoll zu mir. Mit Erleichterung stellte ich daraufhin fest, dass die Medizin letzten Endes gewirkt hatte.
***
Mariam seufzte, Tränen kullerten über ihre Wangen.
Tjo legte eine Hand auf ihren Arm. »Meine Liebe, ich kann es verstehen. Deine Kindheit war nicht einfach. Darf ich dich überhaupt mit ʺDuʺ anreden, oder ist es ungehörig von mir?«
»Ja, Tjo, Sie können Du sagen. Ich entblöße meine Seele vor Ihnen, dieser Umstand erlaubt sicherlich ein Du.«
»Danke Mariam. Der Einfachheit halber solltest du mich ebenso duzen. Apropos, hattest du Umgang mit irgendwelchen Nachbarn? Gab es keine Kinder im gesamten Haus, mit denen du spielen konntest?«
Mariam verneinte mit einer Kopfbewegung und schniefte. »Nein. Später erfuhr ich, dass das Haus ein Bordell war. Manche Wohnungen wurden ständig von weiblichen oder männlichen Prostituierten bewohnt und andere nur als Arbeitsstätte genutzt. Meine Mutter pflegte keinerlei Umgang mit anderen Menschen. Wir lebten wie Einsiedler in unserer kleinen Welt.«
Tjo holte sein kariertes Taschentuch und trocknete sich den Schweiß von der Stirn. »Habt ihr nicht Geburtstag, Weihnachten, Ostern oder dergleichen gefeiert?«
»Nein, die Tage waren für uns einerlei und von Monotonie geprägt. Du wirst es nicht glauben, ich weiß bis heute nicht, wann genau ich geboren wurde. Meine Mutter hat meine Geburt nie angezeigt. Mein Geburtstag wurde irgendwann seitens der Behörden geschätzt. Demnach erblickte ich am 1. August 1989 in Frankfurt am Main das Licht der Welt.«
Tjo machte ein entsetztes Gesicht. »Das ist nicht zu fassen! Es ist mir schleierhaft, wie deine Mutter die Geburt verheimlichen konnte. Als du größer wurdest, musstest du jedenfalls zur Schule, spätestens dann wäre sie gescheitert, sie hätte dich nicht geheim halten können!«
»Ich glaube es auch, Tjo. Allerdings sind wir nie so weit gekommen, denn es ist ganz anders verlaufen, als du für möglich hältst.«
***
Der letzte Besuch von Mister Pig erfolgte in der Weihnachtszeit und veränderte grundlegend unser Leben.
Es klingelte. Meine Mutter schaute durch den Türspion und zuckte. Sie rief mir leise zu: »Engelchen, versteck dich im Kleiderschrank und halte still.« Ich starrte sie angsterfüllt an, wollte etwas sagen, aber sie führte ihren Zeigefinger an die Lippen und mit einem »schhh, schhh, geh, geh«, hinderte sie mich daran weiterzusprechen.
Unverzüglich rannte ich ins Schlafzimmer, öffnete den Kleiderschrank, ließ mich auf das für mich vorgesehene Kissen fallen und drückte meine zwei Puppen fest an meine Brust. Mit einer Hand zog ich die Schranktür zu. Ein Spalt blieb offen, um einen Luftaustausch zu ermöglichen. Ich hatte eine schwere Erkältung, ein schlimmer Husten quälte mich. Krampfhaft unterdrückte ich den Hustenreiz, und hoffte, dass das Geschäft, wie meine Mutter es bezeichnete, zwischen ihr und Mister Pig nicht lange dauern würde.
Ich hörte, wie Mister Pig in die Wohnung eintrat und meine Mutter ihn ins Wohnzimmer lotsen wollte.
»Nein, diesmal gehen wir ins Schlafzimmer auf das Bett, ich erkläre dir, wie ich mir das vorstelle«, sagte er bestimmt.
Meine Mutter versuchte ihn zu überreden, auf der Couch Platz zu nehmen. Er wurde wütend und schrie sie an. »Du tust, was ich bestimme, du Nutte, wir vergnügen uns im Schlafzimmer, basta.«
Die Schlafzimmertür ging auf, meine Mutter weinte, Mister Pig schubste sie aufs Bett. »Zieh dich aus, ich will dich nackt.«
Durch den Spalt sah ich, dass meine Mutter sich auszog und Mister Pig es genauso tat.
Ein erneuter Hustenanfall ließ meine Brust beben, ich konnte es nicht vermeiden, ich hustete los.
Die Schranktür wurde mit Wucht aufgerissen. Vor mir stand ein dicker nackter Körper. Zwei kalte Augen fixierten mich von oben herab. Panisch umklammerte ich meine Puppen, richtete meine Augen nach unten und machte mich so klein wie ich konnte.
»Wen haben wir denn da? Das ist ja eine nette Überraschung. Ein kleines Mädchen, wie süß. Du wolltest mir dieses Zuckerpüppchen vorenthalten, na komm, komm zu Onkel Anton.«
Meine Mutter kreischte los. »Lass meine Tochter in Ruhe, du Schwein.« Daraufhin sagte sie zu mir: »Engelchen bleib, wo du bist, bewege dich nicht, das ist kein guter Onkel, er will dir nur wehtun.«
Mister Pig wandte sich von mir ab. Mit einer Hand holte er aus und schlug meiner Mutter mit Wucht ins Gesicht. Sie taumelte und fiel zu Boden. Ich hustete mir die Seele aus dem Leib und wurde von Weinkrämpfen gequält.
»Weine nicht mein Püppchen, du brauchst keine Angst vor mir zu haben.« Mister Pig strich über mein Haar, hob mich hoch und legte mich aufs Bett. Ich hustete, weinte, schlug um mich, versuchte aufzustehen. Mister Pig hielt mich mit einer Hand fest und schaute zu meiner Mutter. »So du blöde Nutte, jetzt amüsieren wir uns zu dritt. Wenn ihr nicht tut, was ich verlange, könnt ihr ab morgen Abend unter einer Brücke schlafen.«
Von ihrer Seite kam keine Reaktion. »Schluss mit dem Theater, steh auf, zieh das Kind aus und leg es neben mich. Und während du mir einen bläst, werde ich die junge Muschi anfassen.«
Inzwischen hatte ich es geschafft, mich so zu drehen, dass ich meine Mutter sehen konnte. Sie lag immer noch da, Blut floss ihr aus der Nase. Hysterisch schrie ich sie an: »Mami, Mami, komm zu mir.«
Mister Pig ließ mich los und versetzte ihr einen Fußtritt. »Steh auf, du blöde Kuh. Steh auf und gehorche, ansonsten schlag ich dich tot.«
Sie wimmerte, rührte sich aber nicht. Mister Pig bekam einen knallroten Kopf, Speichel rann ihm aus dem Mund. Er glich einem widerlichen, hässlichen Ungeheuer, plärrte Unverständliches, schlug meine Mutter wieder und ohrfeigte mich ebenfalls. Sein Ziel erreichte er allerdings nicht.
Unverhofft brach Mister Pig seine Toberei ab und zog sich an. »Wie du willst. Morgen packst du deine Siebensachen, nimmst das Balg und verschwindest aus meiner Wohnung. Bleib wo der Pfeffer wächst, du Schlampe.«
Nachdem er diese Worte ausgespuckt hatte, lief er hinaus, die Eingangstür wurde zugeschlagen.
Ich schluchzte noch ein paar Mal, entspannte mich und horchte, ob er wirklich weg war. Es schien so.
Vorsichtig näherte ich mich meiner Mutter, die seitlich gekrümmt auf dem Boden lag. Ihr Gesicht war blutverschmiert, die Augen geschlossen. Vorsichtig tippte ich ihre Schulter an: »Mami, wach auf, Mister Pig ist weg.« Keine Reaktion. Immer lauter wiederholte ich, dass Mister Pig weg sei. Sie regte sich trotzdem nicht.
In meiner Hilflosigkeit setzte ich mich neben sie, weinte und wartete, dass sie ein Lebenszeichen von sich gab. Ich streichelte sie und redete vergeblich auf sie ein: »Mami, Mami wach auf.« Langsam wurde es dunkel im Zimmer. Müdigkeit und Erschöpfung übermannten mich. Mit letzter Kraft kletterte ich auf das Bett und schlief ein.
Als ich wach wurde, war es hell. Meine Mutter lag nicht mehr auf dem Boden und war auch nicht im Zimmer. Verängstigt rief ich nach ihr. Es kam keine Antwort. Als ich Wasserrauschen aus dem Bad hörte, beruhigte ich mich ein wenig.
Auf einmal quälten mich Hunger und Durst. Ich trottete in die Küche, trank Wasser und suchte anschließend nach etwas Essbarem. Im Brotkasten befand sich ein Stück hartes Brot. Es war zu hart für meine Zähne, deshalb füllte ich ein Glas mit Wasser und tunkte es hinein. Meine Mutter stürzte plötzlich in die Küche. Mir blieb das letzte Stück Brot im Halse stecken. Ihr Gesicht war geschwollen und gerötet. Zornig schimpfte sie: »Es ist deine Schuld, du hast Mister Pig geärgert. Nun verlieren wir unser Zuhause und ich weiß nicht, wo wir hinsollen.«
Ich verstand nicht, schluckte das Brot herunter und starrte sie entgeistert an. »Mami, bitte nicht böse sein.«
»Schweig, du gemeines Kind. Warum warst du nicht lieb zu Mister Pig? Nun müssen wir unsere Wohnung verlassen.«
Mein kindliches Gehirn erfasste den Sinn ihrer Wut nicht. Vor Angst zuckte ich zusammen, zitterte, weinte, konnte nichts erwidern. Ich war ein trauriges Kind ohne Wärme im Herzen, ein Häufchen Elend, das nicht auf die Hilfe von irgendjemandem zählen konnte.
***
Tjo war fassungslos. »Mein Gott, Mariam, wie kann man mit einem Kind so umgehen? Deine Mutter war verrückt, es war absurd, dich für eure Misere verantwortlich zu machen. Entsetzlich.«
»Ja, Tjo, es war absurd. Sie gab mir die Schuld, obwohl sie für unsere beiden Leben die Verantwortung trug. Offensichtlich war sie zu schwach und unfähig, dieser Verantwortung gerecht zu werden.« Mariams Gesicht verfinsterte sich. Ein unbändiger Zorn ihrer Mutter gegenüber stieg in ihr auf.
»Richtig. Brauchst du eine Pause? Ich kann mir vorstellen, dass das unfaire Verhalten deiner Mutter dir heute noch zusetzt?«
Mariam holte tief Luft »In der Tat, Tjo. Wie feinfühlig du bist! Aber nein, ich brauche keine Pause.«
»Ah, okay. Wie ging es denn weiter?«
»Das Schlimmste kommt noch,« flüsterte Mariam.
***
In den nächsten Stunden schimpfte meine Mutter ständig und trank ihre Medizin. Irgendwann hörte sie auf, kam mit schwankenden Schritten auf mich zu und umarmte mich. »Nicht mehr weinen, mein Engelchen. Vergessen wir Mister Pig. Möchtest du eine Kleinigkeit essen?«
Meine Stimmung hellte sich auf und mein Magen knurrte. »Ja Mami, ich habe viel Hunger.«
Sie schaffte es, Nudeln zu kochen, spritzte Ketchup darauf und servierte sie mir. Ausgehungert, wie ich war, empfand ich dieses Gericht als köstlich und aß es mit Appetit. Meine Mutter ließ mich zurück in der Küche und torkelte ins Wohnzimmer.
Für eine geraume Zeit war mit ihr nichts mehr anzufangen. Sie lag auf dem Sofa und schnarchte. Zwei leere Flaschen befanden sich auf dem Boden.
Es machte mir nichts aus, auf mich allein gestellt zu sein. Mein Hunger war gestillt und endlich war Frieden eingekehrt. Ich holte eine Bürste aus dem Bad, setzte mich auf das Bett und striegelte die Haare meiner zwei Puppen. »So, bald seid ihr hübsch und dann singe ich euch ein schönes Lied.« Mit dem Frisieren klappte es noch gut. Danach, bevor ich anfangen konnte zu singen, überwältigte mich der Schlaf.
Ein penetrantes Geräusch weckte mich. Jemand läutete Sturm. Ich sprang aus dem Bett und rannte zu meiner Mutter. Sie ging zur Eingangstür und blieb davorstehen. Ich stand hinter ihr. Mit einer Handbewegung deutete sie mir an, ich solle schweigen. Das Läuten hörte auf. Stattdessen wurde mit den Fäusten gegen die Tür geschlagen. »Mach auf, du blödes Weib, ich weiß, dass du da bist.«
Das war Mister Pig. Ich fing an zu zittern wie Espenlaub, rannte wieder ins Schlafzimmer und horchte angestrengt, was sich im Flur abspielte.
Meine Mutter öffnete und schon polterte er in unsere Wohnung. »Hast du gepackt?«, fragte er ohne Umschweife.
Meine Mutter erwiderte in weinerlichem Ton: »Wie gepackt? Was meinst du denn Anton?«
Mister Pig äffte ihr nach. »Wie gepackt? Wie gepackt?« Und sofort wurde seine Stimme laut und hart. »Ich habe dir gestern befohlen, deine Siebensachen zu nehmen und mit deiner dämlichen Tochter zu verschwinden.«
Kurze Pause, ein gepresster Seufzer. »Wo soll ich denn hin, Anton?«
»Ist mir doch schnuppe, Hauptsache du haust ab.«
»Nein, nein, ich hatte nicht mitbekommen, dass du so etwas gesagt hast. Ich lag besinnungslos auf dem Boden. Können wir uns denn nicht einigen?«
Ein höhnisches Lachen. »Wie willst du dich mit mir denn einigen, du Kuh, was schlägst du vor?«
Meine Mutter atmete schwer ein und aus. »Sag mir, was du willst. Was soll ich tun? Ich tue alles. Wirf uns um Gottes willen nicht raus. Gib uns ein wenig Zeit und ich werde eine Lösung finden, aber bitte, bitte nicht heute und nicht so plötzlich!«
Für einen Moment herrschte Ruhe. Ich dachte Mister Pig wäre gar nicht mehr da und wollte schon in den Flur gehen, da hörte ich ihn wieder. »Okay, geh ins Schlafzimmer, ziehe dich und deine Tochter aus und wir amüsieren uns ein bisschen. Hinterher entscheide ich, ob ich Mitleid haben kann. Es kommt darauf an, wie ihr euch anstellt.«
Meine Mutter schwieg. Sie erschien im Schlafzimmer, gefolgt vom Ungeheuer. Dort entkleidete sie sich und kam danach zu mir. Ich versuchte, mich gegen das Unvermeidliche zu wehren. »Mami bitte nicht, ich will nicht.«
Sie kam meiner Bitte jedoch nicht nach. Dicke Tränen rannen über ihr Gesicht. Wortlos nahm sie mir die Kleidung ab. Wir standen beide nackt da. Mir war scheußlich kalt, ich klapperte mit den Zähnen. Sie küsste mich auf die Wange. »Engelchen, sei lieb, wir müssen unbedingt die Wünsche von Onkel Anton erfüllen. Es wird nicht so schlimm. Leg dich hin und halte still.«
»Na, es geht doch«, brummte Mister Pig.
Er warf sich nackt auf das Bett und befahl meiner Mutter: »So, die Kleine soll links von mir liegen und du rechts. Auf geht’s.«
Stumm befolgte meine Mutter seinen Befehl. Ich lag nun neben dem fetten Mann. Er roch nach Schweiß, mir wurde übel. Ich kniff meine Augen zusammen und wartete auf das Ende des Albtraums. Trotz meiner Angst weinte und wehrte ich mich nicht, als Mister Pig anfing mich überall zu streicheln.
»So ist es prima, meine Kleine, Onkel Anton wird sich nun mit dir und deiner Mutter vergnügen. Aaaah, es ist herrlich, so eine kleine, unverdorbene Muschi.«
Als ich fühlte, dass Mister Pig meine Vagina betastete, biss ich mir auf die Lippen, um nicht zu wimmern.
»So du dreckige Nutte, mein Schwanz steht. Nimm ihn in den Mund und sauge daran«, hörte ich ihn zu meiner Mutter sagen.
Neugierig öffnete ich meine Augen. Meine Mutter hielt das Glied des Mannes mit ihrem Mund umschlossen und ihr Kopf bewegte sich auf und ab. Mister Pig schnaufte, war knallrot im Gesicht und leckte sich mit seiner Zunge die Lippen. Er verstärkte den Druck auf meine Vagina und probierte, mich mit seinem Finger zu penetrieren. Es tat weh. Ich schrie vor Schmerzen auf. Er nahm den Finger raus und rieb an meiner Klitoris.
Meine Mutter bewegte sich schneller, Mister Pig zuckte gewaltig, nuschelte vor sich hin, dann blieb er ganz stillliegen. Entsetzt, war ich unfähig auch nur einen Mucks von mir zu geben. Seine Hand lag immer noch auf meinem Geschlechtsteil.
Meine Mutter sprach zuerst: »Hat es dir gefallen, Anton ? Können wir bleiben?«
Er nahm seine Hand von mir weg und drehte sich zu ihr hin. »Bleiben will die Madame? Vorher entspanne ich, danach geht’s weiter. Sobald ich richtig befriedigt bin, gebe ich dir Bescheid.«
Sie verzog das Gesicht zu einer Grimasse. »Was heißt denn das? Du hast mir versprochen, uns nicht fortzuschicken, wenn wir nach deinen Regeln spielen, und das haben wir getan.«
Ein gehässiges Lachen ertönte. »Das soll ich dir versprochen haben? Nichts habe ich dir versprochen, du Luder. So, lass mich jetzt in Ruhe, geht weg, ihr kotzt mich an.« Er deckte sich zu und schloss die Augen.
Meine Mutter schwieg, stand auf, nahm mich in den Arm. Ich umschlang ihren Hals, legte meinen Kopf an ihr Ohr. »Mami, es tut so weh.«
Sie küsste meine Wange. »Das weiß ich, mein Engelchen. Ich werde dich mit warmem Wasser waschen und mit Salbe einreiben, nachher wird es dir bessergehen. Mister Pig ist ein böser Mensch. Allerdings wird er dir nicht nochmals weh tun, das verspreche ich dir.« Sie ging mit mir ins Badezimmer. Wir duschten uns lange. Als wir wieder angezogen waren, versetzte sie mir einen leichten Klaps auf den Po. »Engelchen, geh ins Wohnzimmer, schließ die Tür, ich habe einiges mit Mister Pig zu erledigen und später komme ich zu dir.« Ich kam ihrer Aufforderung nach, setzte mich aufs Sofa, nahm meine zwei Puppen, drückte sie an die Brust und wartete.
Sonderbare Geräusche wurden plötzlich aus dem Schlafzimmer vernehmbar. Die Neugierde trieb mich dazu nachzuschauen. Meine Mutter saß auf der Bettkante neben Mister Pig. Sie hatte ein Kissen in der Hand, das sie mit aller Kraft auf das Gesicht des Mannes presste. Seine Arme und Beine ruderten in der Luft und er röchelte.
Meine Mutter atmete angestrengt. Verbissen drückte sie mit ihrem ganzen Gewicht das Kissen weiter auf Mister Pigs Kopf, bis er aufhörte zu zucken.
Als meine Mutter mich bemerkte, lächelte sie mich an: »Mister Pig konnte nicht einschlafen, darum bat er mich, ihm behilflich zu sein. Nun schläft er ruhig und wird in der nächsten Zeit nicht aufwachen. Wir müssen uns nicht mehr sorgen. Seine Schikanen sind zu Ende.«
Daraufhin holte sie verschiedene Dinge aus dem Schlafzimmer und deponierte sie im Wohnzimmer. Kleidungsstücke wurden säuberlich gefaltet und auf einen Stuhl gelegt, sonstige Objekte überall im Raum verteilt. Anschließend sperrte sie die Schlafzimmertür mit dem Schlüssel zu.
»Wir werden heute Nacht auf der Couch schlafen, sodass Mister Pig sich erholen kann. Inzwischen werde ich für uns einkaufen. Du bleibst besser hier, das Wetter ist zu kalt. Wir schalten den Fernseher ein, damit du dir nicht einsam vorkommst. Engelchen, ich komme ganz schnell zurück.«
Sie zog ihren Mantel und ihre Stiefel an, küsste mich und in ein paar Minuten war sie fort.
Ich war so durcheinander, dass ich mich nicht fürchtete, allein mit Mister Pig zu sein. Der Fernseher lief, ich lag unter einer warmen Decke, meine Puppen waren bei mir. Meine strapazierten Nerven beruhigten sich nach und nach. Die Müdigkeit siegte, ich schlief ein und irgendwann spürte ich den Körper meiner Mutter neben mir. Sie hatte einen Arm um mich gelegt, schnaufte und roch säuerlich. Ich drehte mich weg und sank erneut in den Schlaf.
***
Tjo bewegte sich auf der Bank hin und her. »Gütiger Gott, sie hatte ihn umgebracht!«
Mariam saß in einer geraden Haltung, drehte nur leicht den Kopf in seine Richtung. »Ja, Tjo, sie hatte ihn umgebracht. Wir haben mit einer Leiche in der Wohnung geschlafen. In meinem zarten Alter von fünf Jahren war mir die Tragweite ihres Tuns nicht bewusst.«
»Mariam, ich bin bestürzt.«
»Tjo, du bist ein alter Mann. Hast du bisher nichts Schlimmes erlitten?«
Er sah sie forschend an. »Mariam, mein Leben war nicht nur ein Zuckerschlecken, doch ich denke gerne an meine Kindheit zurück. Ich musste nicht den Horror erleben, den du hinter dir hast.«
Mariam sackte leicht in sich zusammen. Leise fragte sie: »Soll ich mit meiner Erzählung fortfahren oder halten es deine Nerven nicht aus?«
Er holte sein Taschentuch heraus, um sich die Stirn abzutrocknen. »Du hattest die Kraft, es zu ertragen, dann will ich ebenfalls Stärke beweisen, jedes noch so beklemmende Detail von dir zu erfahren.«
***
In dieser Nacht erlebte ich einen Albtraum. Riesige Hände kamen auf mich zu. Sie packten und entkleideten mich. Anschließend wurde ich auf einer Liege festgeschnallt. Die Hände wanderten über meinen Körper. Unter ihrer Berührung brannte meine Haut wie Feuer. In höchster Angst und von Schmerz gepeinigt schrie ich gellend um Hilfe. Ein höhnisches Lachen ertönte.
Entsetzt hörte ich meine Mutter sagen: »Meine Kleine, beruhige dich, es tut nicht weh …«
Am nächsten Morgen wachte ich schweißgebadet auf. Ich lag allein auf dem Sofa. Der Albtraum war Gott sei Dank zu Ende, dennoch spürte ich immer noch eine innere, quälende Beklemmung. Ich schrie nach meiner Mutter, die sofort zu mir kam.
Erstaunt stellte ich fest, dass sie bereits fertig angezogen und gutgelaunt war. Sie bückte sich und küsste meine Stirn. Es lagen keine Flaschen ihrer sogenannten Medizin herum und es duftete vorzüglich aus der Küche.
»Hier bin ich, mein Engelchen. Du hast bestimmt Hunger, ich habe etwas Tolles gebacken, das dich gewiss erfreuen wird.«
»Pfannkuchen?«, fragte ich erwartungsvoll.
»Ja, Pfannkuchen.«
Ich sprang auf, schnappte meine Puppen und rannte begeistert in die Küche. Mutter servierte mir meine Lieblingsspeise dick mit Schokocreme bestrichenen. Mit atemberaubender Geschwindigkeit aß ich alles auf und verlangte Nachschlag. Sie erfüllte meine Bitte und reichte mir dazu ein Glas Milch. Danach setzte sich meine Mutter auch an den Tisch, trank einen Kaffee und warf mir liebevolle Blicke zu.
Das war einer der wenigen Momente, in denen ich völlig ausgelassen und glücklich war. Die Erinnerung an Mister Pig, an die mir zugefügte Qual und an den bösen Traum wurde von dem schmackhaften Frühstück verdrängt. Ein Sturm war in den letzten Stunden über mich hinweggefegt, nun hatte er sich gelegt. Ich empfand sogar einen Anflug von Geborgenheit.
Nachdem ich den letzten Bissen hinuntergeschluckt hatte, umarmte mich meine Mutter, küsste mich rechts und links auf die Wangen und auf die Nasenspitze.
Sie war beschwingt, trällerte ein Lied und schlug vor, den Weihnachtsmarkt zu besuchen.
Das Wort Weihnachtsmarkt, das sehr schön klang, war mir allerdings kein Begriff und ich konnte nur noch meine Augen aufreißen.
»Meine Kleine, du verstehst nicht, was ein Weihnachtsmarkt ist, richtig? Das kommt von Weihnachten, einem wunderbaren Fest, das im Winter stattfindet. An diesem Tag haben sich alle Menschen lieb, die Familien sind zusammen und essen an einer feierlich gedeckten Tafel und besuchen gemeinsam den Weihnachtsmarkt.«
Meine Augen wurden immer größer und das Glücksgefühl wuchs. »Mami, wo ist dieser Weihnamart?«
Sie lachte. »Es heißt Weihnachtsmarkt, wiederhole es mit mir, bis du es aussprechen kannst.« Wir übten länger und hatten Spaß dabei. Es war mühevoll für mich, aber letztendlich schaffte ich es, mich fehlerlos auszudrücken.
Meine Mutter klatschte in die Hände. »Bravo meine Kleine, du kannst es. Ich werde dir jetzt genau erklären, was dort auf dich wartet: Dieser Weihnachtsmarkt findet an einem magischen Ort statt. In der Mitte dieses Ortes wurde eine hohe Tanne aufgestellt. Sie ist mit hunderten bunten Kugeln und Lametta geschmückt. Auf ihrer Spitze sitzt ein Engel, der dir ähnlich sieht. Dieser Engel schaut auf den Platz, auf dem viele Lichter brennen und Musik gespielt wird, auf die kleinen Holzhäuser, in denen sich eine Unmenge Spielzeug, buntgemischte warme Schals und Wollmützen befinden. Es duftet nach Zuckerwatte, nach Äpfeln, nach Zimt.Die Menschen sind fröhlich, sie spazieren von einem Häuschen zum anderen, bestaunen den Baum und den Engel. Sie trinken heiße Schokolade, essen Lebkuchen und gebrannte Mandeln, sind heiter und singen die berühmtesten Weihnachtslieder. Der Weihnachtsmann kommt auf seinem Schlitten gefahren und bringt eine Überfülle an Geschenken für die Kinder mit und verteilt sie an diejenigen, die brav und artig waren.«
Ich hörte meiner Mama mit offenem Mund zu. Solche ungewöhnlichen Dinge waren mir fremd. Während ihrer Erzählung versuchte ich, diese Flut von Neuigkeiten aufzuarbeiten. Dazu war ich leider nicht imstande. War es womöglich ein neues Märchen, das sich meine Mutter ausgedacht hatte? Ich schloss den Mund und schwieg.
»Mein Engelchen, möchtest du mit mir zu diesem Ort fahren, all diese Schönheiten bewundern und vom Weihnachtsmann Geschenke erhalten?«
Meine Augen fingen an zu leuchten. Eine innere Erregung nahm mir fast den Atem. »Ja, Mami, ich möchte dahin. Wann gehen wir? Bald Mami, ja?«
Sie stand vom Tisch auf. »Wollen wir gleich hingehen?«
»Ja, ja, ja gleich.« Ich schrie meine Freude heraus.
Plötzlich schien der gesamte Raum von Aufregung und Tatendrang erfüllt zu sein. Meine Mutter wirbelte herum und holte aus einer großen Papiertüte ein rotes Kleidungsstück mit Kapuze heraus. »Ist es nicht bezaubernd, meine Kleine? Das habe ich dir vorhin besorgt. Das ist ein Schneeanzug, mit weichem Fell gefüttert, damit dir auf dem Weihnachtsmarkt nicht kalt wird. Komm, wir ziehen uns an und ab geht die Post.« Im Nu waren wir angekleidet. Der Schneeanzug war leicht und warm.
Meine Mutter nahm mich an der Hand. Ich blieb stehen. »Kann ich Anna und Susi mitnehmen?«
Sie überlegte kurz. »Nein, mein Engelchen, Anna und Susi haben keine warmen Sachen, sie würden im Freien erfrieren. Lass sie hier. Ich werde dir eine neue, hübsche Puppe kaufen.«
Ich war zwar traurig, dass Anna und Susi den Weihnachtsmarkt nicht mit besuchen konnten, jedoch verdrängte der Gedanke an eine neue Puppe meinen Kummer.
Meine Mutter brachte mich zur Tür, öffnete sie und schloss sie mit einem Ruck wieder. Hinter dieser verschlossenen Tür lagen auf einem uralten Sessel meine zwei Lieblingspuppen, die ich jetzt schon furchtbar vermisste.
3
Beim Einbruch der Abenddämmerung traten wir auf die Straße. Ein eisiger Wind wehte und es schneite leicht. Überall brannten Lichter. Viele in Form von Ketten oder Sternen, manche blinkten und andere wechselten die Farbe. An der Straßenecke sangen drei Frauen von einer Gitarre begleitet. Meine Augen tanzten hin und her, um möglichst alle mir bisher unbekannten Eindrücke einzufangen.
»Brr, es ist verdammt kalt.« Meine Mutter setzte mir die Kapuze des Schneeanzugs auf. Sie schritt mit mir voran und musste mich hinter sich herziehen, da ich mit dem Bestaunen der vielen Lichter beschäftigt war.
»Komm Engelchen, wir werden mit der Straßenbahn fahren. Da ist es warm.« Das Wort Straßenbahn war mir genauso fremd wie das Wort Weihnachtsmarkt, deshalb war ich sehr gespannt.
In der vollbesetzten Bahn standen die Menschen dicht gedrängt. Wir mussten uns hineinzwängen. Nach wenigen Minuten wurde es mir heiß. Ich duckte mich, presste meinen Körper gegen den meiner Mutter und sehnte mich danach, bald am Ziel zu sein. An der ersten Haltestelle meinte ich, schon angekommen zu sein. Dem war leider nicht so. Es stieg niemand aus, im Gegenteil, zusätzliche Fahrgäste kamen herein. Es war wie eine Folter.
Ich hatte Brechreiz und war einer Ohnmacht nahe. Das erlösende Gefühl stellte sich erst ein, als meine Mutter endlich sagte: »Wir sind da.«
Nachdem wir den Straßenbahnwagen verlassen hatten, atmete ich tief die frische Luft ein und dachte nur noch: Nein, die Straßenbahn gefällt mir gar nicht.
»Engelchen wir müssen nur ein paar Meter laufen. Dort um die Ecke ist der Weihnachtsmarkt.« Und tatsächlich, ein wenig später bückte sich meine Mutter zu mir herunter: »Schau da, meine Kleine.«
Vor uns befand sich ein Platz. Ein Lichtermeer stürmte auf mich ein. Musik und Gesang ertönten. Fremdartige, mir unbekannte Gerüche kitzelten mir in der Nase. Ich öffnete den Mund und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.
Das war ein Märchenland und so viele Menschen bewegten sich darin! Wir schlenderten durch die Menschenmenge. Ich drehte pausenlos den Kopf von rechts nach links. Wie meine Mutter es mir vorausgesagt hatte, waren kleine Holzhäuser aufgebaut. Jedes Häuschen präsentierte die fabelhaftesten und buntesten Dinge. Es gab Spielzeuge, die ich zuvor nie gesehen hatte und von denen ich niemals geglaubt hätte, dass sie existieren. Und auf einmal nahm ich ihn wahr, den Riesenbaum mit hunderten vielfarbigen Kugeln. An seiner höchsten Stelle thronte tatsächlich ein Engel, wie ihn meine Mutter beschrieben hatte.
Es war sagenhaft. So viele Lichter, Farben, Gerüche, die Menschen und die Musik versetzten mich in eine nie dagewesene Begeisterung. Unvermittelt war ich in Tränen aufgelöst.
»Mein Engelchen, was ist mit dir los? Du weinst ja, gefällt es dir hier nicht? Ist dir kalt?«
Kalt? Ich spürte keine Kälte, eher Angst, dass der Traum sich verflüchtigen könnte. Deshalb flüsterte ich nur: »Mami, es ist so schön.«
Meine Mutter lachte und streichelte zärtlich meine Wange. »Du weinst, weil alles so wie in einem Märchen ist, richtig?« Sie fügte sofort hinzu: »Siehst du, ich habe dir nicht zu viel versprochen. Weißt du was? Wir werden uns zuerst gebrannte Mandelnund Zuckerwatte holen, danach trinken wir eine heiße Schokolade. Was meinst du dazu?«
Ich konnte nur noch nicken und schluchzen.
Die Mandeln und die Zuckerwatte schmeckten köstlich. Wir hielten uns abseits des Gewühls auf und genossen die Süßigkeiten. Meine Mutter kaufte uns hinterher zwei Becher gefüllt mit heißer Schokolade und Schlagsahne obendrauf. Um den Becher halten zu können, musste ich ihn mit beiden Händen umfassen. Ich führte ihn gierig an den Mund. Ein bisschen Schokolade und Sahne schwappten über und ergossen sich auf meinen Schneeanzug. Dennoch schimpfte meine Mutter nicht über das Missgeschick.
Wir tranken zu Ende, brachten die Pfandbecher zurück und bummelten anschließend ziellos hin und her.
Auf einmal ertönte eine aufdringliche Musik. Die Kinder um uns herum wurden hektisch. Sie klatschten mit den Händen und riefen im Chor: »Der Weihnachtsmann kommt, der Weihnachtsmann kommt.«
Die Menschen drängten auseinander, um die Mitte des Weges freizumachen. Wir konnten uns einen Platz in der ersten Reihe erkämpfen.
Mit einer Kutsche, gezogen von einem Pferdegespann, traf der Weihnachtsmann ein. Welch eine imponierende Erscheinung! Mit seinem weißen Bart, seiner Mütze und seinem Kostüm in Rot und Weiß erschien er mir wie ein Wesen von einem anderen Stern. Ich war hellauf begeistert. Er hielt an und in Windeseile rannten die Kinder auf ihn zu.
Meine Mutter und ich liefen ebenfalls zu der Kutsche. Der Weihnachtsmann hatte einen riesigen Sack bei sich. Er fischte mehrere Päckchen heraus und warf sie mit Schwung in die Menge. Die Geschenke wurden sogleich in der Luft aufgefangen.
Meine Mutter versuchte anfangs, eine Kleinigkeit für mich zu ergattern. Sie ruderte mit den Armen, schwang ihren Kopf hin und her, vergeblich, die Kinder waren geschickter.
Ich beobachtete aufmerksam das Geschehen, bis ich einsah, dass ich es selbst probieren musste. Ich tat es den Kindern nach und schaffte es tatsächlich mit Ausdauer und List ein Päckchen zu erbeuten. Sobald meine Mutter bemerkte, dass ich ein Geschenk an mich reißen konnte, holte sie mich aus dem Getümmel heraus. »Bravo, mein Engelchen, zeig mir deinen Fang.«
Wir rissen die Verpackung auf. Ein winziger goldener Engel kam zum Vorschein. Ich schrie vor Freude, küsste ihn und behielt ihn in meiner Hand.
»Prima, meine Süße, wir haben erreicht, was wir wollten. Bist du glücklich?«
»Ja Mami, glücklich, glücklich.«
4
