Die Putzi Diaries - Max Urlacher - E-Book

Die Putzi Diaries E-Book

Max Urlacher

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Beschreibung

»Putzi hatte beschlossen, mich zu mögen. Uneingeschränkt. Bedingungslos. Mit Wucht. Und so wurde die Putzfrau Marianne Schneider – mit ihren dicken Armen für die Arbeit und ihrem prallen Herz fürs Übrige – Teil meines Lebens.« Und wo Putzi nun schon einmal da ist, bleibt es nicht beim Putzen. Ehe Max sich versieht, kutschiert er sie quer durch Deutschland zu ihrem 40-jährigen Klassentreffen. Die Reise entlang der Romantischen Straße hat es in sich: Der Einbeinige Erwin tanzt, die dicke Karin brät Bouletten und Inge Meysel und der Gestiefelte Kater sind auch dabei.

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Seitenzahl: 239

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Max Urlacher

Die Putzi Diaries

Knaur e-books

Inhaltsübersicht

Für Mary [...]Abbildung 1 [...]Sie meinen, ich würde [...]Abbildung 2 [...]ITrallali Trallahey Tralla HoppsassaAdornoDuschvorhang à la MarianneLianes scharfe ZipfelSitzende Putzi, sich den Fuß trocknendIch bin dann mal putzenErwinP-P-P-utzi-Porno-OléTränen bei DouglasAufbruchIIPoppenhausenIsch größe sie, isch putze sieEntenjakobDas geschissene GlückPutzi und Hubsi auf dem Bock oder ›Ficken, sie ist eine Dame‹Neuralgische PunktePutzi im GlückHimmelslaternen und AllwetterjackenIIIChez UliDas Ziel vor AugenLauraDer Gerhard ist halt nur ein GerhardGrande Finale

 

 

 

 

 

Für Mary

 

 

 

 

 

Abbildung 1

 

 

 

 

 

Sie meinen, ich würde eine Figur erfinden? Putzi kann man nicht erfinden.

 

 

 

 

 

Abbildung 2

[home]

I

Trallali Trallahey Tralla Hoppsassa

Ich hab kein Haus, kein kunterbuntes Haus, kein Äffchen und kein Pferd, und niemand schaut bei mir zum Fenster raus. Stattdessen hab ich einen Plasma-HD-Fernseher, vor dem ich die Weihnachtstage verbracht habe, gemeinsam mit Pippi Langstrumpf und dem Aschenbrödel. Blöde Fotzen die beiden, mit ihrem Trallali Trallahey Tralla Hoppsassa, mit ihren spießigen Freunden und ihren beschissen glücklichen Zukunftsentwürfen!

»Was ist denn mit Ihnen verkehrt?«, fragte mich das einzig reale Wesen in meinem Umfeld, meine Putzfrau Marianne Schneider (Schneider ist nicht ihr richtiger Name, aber ich sehe keinen Grund, warum ich den verraten sollte), die mir zwischen den Jahren Nudelsalat und Würstchen vorbeibrachte.

»Eigentlich alles!«

»Für jeden gibt es Zeiten, da fühlt man sich nicht zugehörig«, meinte sie dazu.

»Es ist ja nicht so, dass mir die Handhabung fürs Leben verloren gegangen wäre oder das profunde Wissen darum. Viel schlimmer. Ich habe den dumpfen Verdacht, ich habe Derartiges nie besessen.«

»Papperlapapp, Max. Sie haben sich verlegt und finden sich grad nicht wieder. Sie sind einsam und haben zu viel Zeit zum Nachdenken! Sie pflegen Marotten und werden sonderbar …«

Meine Putzi genießt Gedankenfreiheit. Denken darf sie, was sie will. Aber sie denkt es nicht nur, sie sagt es auch.

»Sie müssen sich das einfach anhören, Max …«, fuhr sie fort.

Wenn ich sonst was müssen muss, bin ich nicht gewillt zu müssen. Bei Putzi mache ich Ausnahmen. Ich wundere mich selbst darüber. Ganz ehrlich: Manchmal bin ich zu feige, ihrer Putzi-Kraft entgegenzutreten, für ihre Geradlinigkeit bin ich aber meist empfänglich. Kurz: Meine Putzi ist ein strammer Brummer, einundsechzig, Hartz IV, mehr Proll als Dame, und ihr Herz ist so breit wie ihr Arsch. Sie ist zuverlässig und unverantwortlich, einnehmend und enervierend, null geheimnisvoll und sehr rätselhaft. Und sie mag es nicht, wenn man ihr widerspricht.

»Nein Max, unterbrechen Sie mich nicht! Es stimmt, Sie haben sich ein paar eigenartige Macken zugelegt.«

»Macken?«

»Eine davon ist, Sie tun sich selber leid.« Dabei sah sie mich mit einem Ausdruck von Abscheu an.

In meinem tiefsten Innern wusste ich, dass Putzi Recht hatte. Aber diese Erkenntnis half mir nicht. Im Gegenteil, sie breitete sich wie ein Gift in meinem Körper aus und ließ mich noch träger werden. Ich gammelte schon seit Wochen übellaunig auf meiner Couch vor mich hin, hackte gnadenlos auf meinen Laptop ein, verplemperte meine Zeit mit dem Erstellen von Wiedergabelisten für mein I-Pod und nahm die Welt außerhalb meiner vier Wände nur verschwommen wahr. Ich war ständig müde und konnte trotzdem nicht schlafen. Meine Wohnung verließ ich nur, um beim Chinesen meines Vertrauens die immer gleiche Nummer siebzehn zu ordern. Nichts war im Lot.

»Es klingt vielleicht ein wenig brutal, aber Sie stecken in einer gewaltigen Midlife-Krise«, meinte Putzi. »Übrigens kenne ich keinen in Ihrem Alter, der diese Phase nicht durchläuft. Eier habt ihr dick wie mit zwanzig, aber längst weiße Haare am Sack. Ihr wolltet die Welt erobern und stellt fest, ihr macht sie täglich nur ein Stückchen mediokrer. Nun gilt es, das Unkraut zu jäten, damit das Bäumle wieder Platz und Nahrung hat, gell? Dieses Rupfen auszuhalten, das ist die wahre Mannwerdung!«

»Bei mir gibt’s nichts mehr zu rupfen«, jammerte ich.

»Das ist großer Unfug. Reißen Sie sich zusammen. Schluss mit dem Schlendrian! Das ist diese moderne Lebenseinstellung unter Ihresgleichen. Der Vorteil am Älterwerden ist doch: Man kann sich nicht mehr so gut belügen.«

»Ein Vorteil?«

»Keine Selbstbeschummelei mehr. Verstanden?! Ab jetzt wird der Wahrheit ins Auge geblickt.«

»Ist das denn gut?«

»Natürlich! Und ganz einfach.«

»Aha.«

»Sie haben die Unschuld verloren, die Dinge zu Ihnen sprechen zu lassen. Das konnten wir alle mal, aber dann werden wir in die Schule geschickt und lernen Algebra.«

Meine Putzi ist weise.

Und die weltweit beste Putzfrau sowieso. Sie klaut nicht, spricht deutsch und telefoniert nicht auf meine Kosten. Sie geht voll in die Tiefe, wischelt hinter, über und unter den Sachen. Das Putzen ist ihr nicht nur Mittel zum Zweck, sondern Passion.

 

Putzi wurde mir von meiner Kollegin Franka empfohlen, die sie wiederum von Matt Damon übernommen hatte: »She is a hell of a Putzlady.« Angeblich bestand noch immer reger E-Mail-Kontakt zwischen den beiden. Das wollte mich nicht sonderlich beeindrucken. Was sollte ausgerechnet ich mit einer Promi-Putze? Aber meine letzte, Ilonka aus Weißrussland, erwartete ein Kind und hatte mir als Ersatz ihren Bruder Sergej vorbeigeschickt. Bei unserem ersten Treffen fragte mich Sergej, ob ich das Arschloch sei, das seine Schwester geschwängert hätte, beim nächsten Mal brachte er einen zwielichtigen Kumpel mit, der einen Rucksack mit Nummernschildern bei mir stehen ließ.

Ich rief Putzi an: »Man hat Sie mir als weltbeste Haushaltshilfe angepriesen!«

»Man macht eben das Beste aus dem, was Gott einem so mitgegeben hat. Und ich habe nun mal einen Blick für Staub, Flecken und Unrat. Ich sehe auch gleich, ob jemand falsche Zähne hat. Oder einen Fifi!«

»Meine Wohnung ist unkompliziert. Sparsam möbliert. Bedarf also nur einer regelmäßigen Grundreinigung.«

»Erst einmal müssen wir uns kennenlernen, dann sehe ich, ob Sie mir überhaupt sympathisch sind. Ich arbeite nur für Leute, die ich mag. Und als Nächstes schau ich mir Ihre Wohnung an.«

»Ob die Ihnen auch sympathisch ist?«

»Hei ja.«

»Ach …«

»Und über Geld sollten wir auch gleich reden. Ich nehme zwölf Euro die Stunde!«

»Zwölf?«

»Qualität hat ihren Preis.«

Adorno

Ich kam mir vor, als ginge ich zum Vorsprechen. Die Haare gekämmt. Das Deo sorgfältig aufgetragen. Mit Listerine gegurgelt. Ich trug gebügelte Baumwollhose und Jackett. Putzi hatte mir genaue Anweisungen gegeben: »Dreimal klingeln, sonst gehe ich nicht an die Tür. Ich renne doch nicht den ganzen Tag hin und her für Werbefuzzis, Zeugen Jehovas und Telekomvertreter. Ignorieren Sie Frau Bode im Parterre, die macht hier den Blockwart. Und keine Angst vor dem Köter. Der fletscht die Zähne und knurrt. Aber normalerweise ist er ganz lieb.«

Oben angelangt, suchte ich nach dem Klingelknopf. Es gab keinen. Also klopfte ich. Drei Mal. Auf der anderen Seite waren Schritte zu hören, die hinter der Tür verharrten. Nichts passierte. Also klopfte ich noch einmal und sagte: »Hallo? Ich bin auf der Suche nach Marianne Schneider.«

»Sie sind zu spät!«, antwortete sie scharf.

Wie gerne würde ich den Tonfall ihrer Stimme vermitteln können, aber mir fallen keine passenden Vergleiche oder Adjektive ein. Am ehesten knatschig, nicht wirklich versoffen, aber auch nicht gesund, mit Seufzern versetzt, ein wenig gequetscht, sich manchmal überschlagend. Von Marianne Faithfull gibt es einen Song, ›The Ballad of Lucy Jordan‹. Wie die Faithfull in diesem Lied die Wörter zieht, das kommt der Melodie von Putzis Stimme recht nah.

»Ich hatte mich schon wieder ausgezogen«, rief Putzi. Ihr Vorwurf klang wie eine freundliche Ohrfeige. »Einen Moment!«

Und dann stand ich ihr gegenüber und war sehr verlegen.

 

Sie füllte die ganze Tür aus. Gewaltig und gutmütig wie eine Marianne Sägebrecht in rustikal. Mit schwarzen Leggins und weitem Shirt, mit pinkem Frottee-Stirnband und großer Sophia-Loren-Brille. Sehr retro. Weiche, fleischige Züge und kullerrunde, ausdrucksstarke Augen.

»Hallo, ich bin die Mary!«

Sie nahm das Stirnband ab, strich sich die Haare zurecht und half mir beim Ablegen meiner Jacke, die sie ordentlich auf einen Bügel mit Namen ›Gast‹ hinter die Eingangstür hängte. »Sie müssen die Schuhe nicht abstreifen!« Dann führte sie mich gleich links in die Küche.

Meine Putzi hat einen Gang, der an einen Hobbit erinnert.

»Ich hätte mir auch ein Kleid überziehen können«, sagte sie, »ich trage gerne Kleider. Aber ich wollte, dass Sie mich so sehen, wie ich arbeite. Nicht, dass Sie später einen Schreck bekommen!«

Sie rückte mir den vordersten Küchenstuhl zurecht. Der Sitz war gepolstert und aus grünem Samt. Wie in einem Kaffeehaus. Sehr bequem.

»Habe ich selber gestopft«, sagte Putzi. »Der Samt war mal gerissen. Ich bin sehr gut im Reparieren!«, und schob mir einen Teller mit kandierten Orangenscheiben hin. »Die sind aus dem KaDeWe. So hervorragende gibt’s sonst nirgends.«

Ich nahm eine aus Höflichkeit.

»Ingwer-Ananas-Tee?«, fragte sie. »Frisch aufgebrüht! Oder vielleicht ein Schnäpsle? Purer Sauerstoff.« Und da ich darauf offenbar ein ziemlich verständnisloses Gesicht machte, fügte sie hinzu: »Natürlich nur, wenn Besuch da ist. Köstlich.«

Ich schüttelte den Kopf.

Sie verzog den Mund. »Nicht wenigstens eine ganz kleine Williams Birne? Die beste. Aus der Schweiz! Ich möchte Sie doch gebührend begrüßen.«

»Danke, aber um diese Uhrzeit habe ich noch nicht viel übrig für harte Getränke.«

»Dann vielleicht einen Kaffee? Mein Automat hat ein ›Sehr gut‹ bei Stiftung Warentest. Und er spricht! Meine Antworten versteht er noch nicht. Aber daran arbeiten wir, gell mein Kleiner?« Sie strich dem Automaten liebevoll über die Chromkante. »Er kriegt nur gutes Wasser. Leitungswasser, aber gefiltert! Der Filter war Testsieger bei Öko-Test. So viele Hormone und Arzneien im Trinkwasser, könnte man glatt als Verhütungsmittel verabreichen. Auch ein Glas?«

»Lieber einen Kaffee. Danke.«

Sie wusch eine Tasse aus, schob sie unter die Düse und drückte ›Start‹.

»Programm zwei läuft«, verkündete der Automat mit blecherner Stimme.

»Ich musste Sie googeln«, sagte Putzi, »als Schauspieler kannte ich Sie nicht.«

»Tja …«

»Aber Ihre Fotos haben mir gefallen. Zumindest das eine auf Facebook.«

»Sie sind bei Facebook?«

»Ich arbeite multimedial. Das ist die Zukunft, gell? Und zu Ihrer Karriere habe ich auch eine Meinung.«

»Aha.«

»Ich sage immer, bei YouTube aufzutauchen ist keine Kunst. Aber im Fernsehen. Das hat Niveau!«

Mir fiel keine Replik ein.

»Ich sage auch immer, ich bin zwar schwer von Gewicht, habe aber eine leichte Seele, gut, gell?«

Ich nickte.

»Und wenn mich jemand ärgert, dann sage ich immer: Ich bin zwar dick und könnte abnehmen, aber du bist doof, und da kann man gar nichts machen.«

Sie lachte. Voluminös. Ihr Körper vibrierte dabei wie der einer dicken Opernsängerin, wenn diese im Schweiße ihres Angesichts die Koloratur hoch- und runterrast. Ich erschrak ein wenig ob der gewaltigen Kapazitäten ihrer Lunge und hielt mich reflexartig am Tisch fest. Aber sie schien das gar nicht zu bemerken, so sehr amüsierte sie sich über sich selbst.

Meine Putzi kann über ihre eigenen Witze am lautesten lachen.

Ich reichte ihr mein Taschentuch. »Zucker?«, fragte sie und trocknete sich die Tränen. »Weiß oder Rohrzucker? Oder glauben Sie etwa an Süßstoff?«

»Schwarz bitte.«

»Ein Schwarztrinker!«

Vor mir brannte eine Lavendel-Duftkerze. Daneben stand ein frischer Strauß Lilien.

»Ich kaufe mir jede Woche frische Blumen«, sagte Putzi.

»Das habe ich auch mal ne Zeit lang gemacht«, antwortete ich, »aber dann kam ich mir vor, als würde ich mich selbst im Krankenhaus besuchen.«

»Was für Blödsinn. Aber jedem Tierchen sein Pläsierchen. Dann bringe ich eben ab sofort welche mit. Ich habe ja einen grünen Daumen, müssen Sie wissen!«

Auf einem schmalen Regal über der Fliesenkante waren unzählige Gläschen mit getrockneten Kräutern aufgereiht, alphabetisch geordnet, von Anis über Blaumohnsamen, Lavendelblüten und rosa Pfefferbeeren bis Zimt.

Meine Putzi ist eine Kräuterhexe.

Daneben allerlei Küchenhelfer wie Schneebesen, Muskatreibe, gehäkelte Topflappen und zwischen all dem eine billige Kopie der Oscar-Statue: ›For the best Putzlady ever‹ stand auf dem Sockel.

Auf der Fensterbank zwischen Porzellan-Nippes und üppigen Zimmerpflanzen steckten in mit Wasser gefüllten Schnapsgläsern Kugeln aus schwarzen Jutesäcken mit drolligen Gesichtern und Frisuren aus echtem Gras. Eine war mit Nasenring geschmückt, die anderen mit Ohrclip, Fliege oder Schnurrbart.

»Meine Grasneger«, erklärte Putzi. »Meine Freundin Liane und ich wollten damit groß rauskommen. Originell, gell? Und hundert Prozent Bio! Eine Schweinearbeit. Waren der totale Hit auf dem Kunstmarkt Neukölln. Bis sich eine Kundin an dem Begriff ›Grasneger‹ störte. Dabei hatten wir den gar nicht selbst verwendet. Wären überhaupt nicht auf die Idee gekommen. Nie. Aber eine unserer Käuferinnen meinte: ›Wie niedlich, die kleinen Grasneger!‹ Danach hieß es nur noch, ›Wir wollen auch so nen Grasneger‹. Das hat der Marktpächterin nicht gefallen. Politisch unkorrekt, meinte sie und erzählte, sie sei nicht achtzehn Jahre lang mit einem Marokkaner verheiratet, um ihren Kunstmarkt in einen Umschlagplatz für rassistisches Spielzeug abgleiten zu sehen. Wir protestierten natürlich, aber da hatte sich der Sturm schon formiert. Mit Unterschriftensammlung und Transparenten und so. Im Grunde wollte man uns nur unseren lukrativen Stand entziehen, um ihn anderweitig zu vermieten. Aber vorgeschoben hat man, dass die Nasen negroid wären und die Figuren despektierlich. Da nützte es auch nichts, dass wir weiße, gelbe und orangene Grasneger als Ausgleich herstellten. Gekauft wurden eh nur die schwarzen. Es half auch nicht, dass Lianes Freundin vorbeikam. Die ist mit einem Angolaner zusammen, und der fand die klasse, die Grasneger. Liane und ich galten ab sofort als Rassisten und waren nicht länger geduldet. Die Liane war richtig verletzt und hat selber schon angefangen zu glauben, es hätten sich über Nacht die Nazigene ihrer Eltern durchgesetzt. Niemals vorher sei sie sich selbst so fremd gewesen, erklärte sie. Die Arme. Das hat mich ganz traurig gemacht. Obwohl ich ja schon seit Langem beschlossen hatte, fröhlich durchs Leben zu laufen. Wir lassen uns doch von so einer Kotzkuh nicht aus der Bahn werfen, hab ich der Liane gesagt. Dann ist die Welt halt noch nicht reif für unsere Grasneger. Hauptsache, wir haben Freude an ihnen. Aber so einfach ist das natürlich nicht, mit meinem Vorsatz der Fröhlichkeit. Man kann sich ja auch nicht selber kitzeln.« Putzi seufzte.

 

Rechts über dem Tisch hing ein Kruzifix. Putzi folgte meinem Blick. »Ich bin spirituell.« Dahinter, auf dem Kühlschrank links außen thronte ein kleiner Buddha aus Jade (Putzi hat drei Kühlschränke: einen nur für Flaschen, einen für »normal« und eine extra Kühltruhe, »wegen dem Einfrieren meiner Pilze und der selbst gefangenen Fische aus Norwegen!«). Putzi berührte den Buddha liebevoll am Kopf. Eigentlich hatte sie dieses Jahr mit ihren Poker-Freundinnen Liane und der dicken Karin von Karin’s Eck, der Kneipe unten im Haus, nach Thailand in Urlaub fliegen wollen, erzählte sie, aber dann war sie beim Pilzesuchen im Tegeler Forst vom Moped gefallen, hatte sich arg ihr Knie verletzt, und jetzt waren die Freundinnen ohne sie verreist.

»Pilze suchen?«

»Meine Leidenschaft. Seit die Mauer weg ist, rennen alle nur noch in die Wälder Brandenburgs, aber ich bleibe. Hier kenne ich mich aus wie in meinem Hosensack.«

Dummerweise sei nun auch ihr Moped kaputt, und sie lehne es kategorisch ab, mit der BVG zu fahren, »Proletenraupe«, schimpfte sie.

Meine Putzi ist etepetete.

Und bevor sie sich samt ihres fülligen Selbst zu Fuß auf den Weg mache, würde ihr Rüdiger, ein befreundeter Taxifahrer, helfen und sie in den Wald oder zur Arbeit fahren. »Nicht ganz selbstlos, weil der Rüdiger nur rauskriegen will, wo meine Pilzplätze sind.« Aber wenn der mal keine Zeit hätte, wegen seiner Alten, die sei nämlich chronisch eifersüchtig, wenn der Rüdiger also nicht dürfe, müsste ich mich halt erbarmen, wie bitte schön käme sie, Putzi, sonst zu mir nach Moabit, sie sei mit ihren einundsechzig Jahren ja schließlich nicht mehr die Jüngste.

Damit wäre sie, überlegte ich, zumindest meines Wissens, die einzige Putzfrau mit Chauffeur, und ich Auftraggeber und Bediensteter in Personalunion.

Meine Putzi ist anspruchsvoll.

Sie putzt nicht bei jedem. Sowieso nur bei Junggesellen, nur im Westen von Berlin und in gepflegten Altbauwohnungen in der ersten oder zweiten Etage. »Aber dafür lese ich im Schmutz wie andere im Kaffeesatz oder in einer Kristallkugel oder wie die von CSI im Müll, um den Mörder zu überführen. Zeigen Sie mir Schmutz, und ich identifiziere Ihnen den Verursacher. Gewisse Arten von Dreck verweisen einfach auf gewisse Typen Mensch.«

Ich versuchte, mir Putzi als Forensiker vorzustellen in einer neuen Show, nicht CSI, sondern CSP, ›Crime Scene Putzi‹.

»Man darf natürlich nicht verallgemeinern«, fuhr sie fort, »aber es gibt bestimmte Indizien. Abspülen ohne Abtrocknen, das Bett ungemacht liegen lassen, nur Getränke im Kühlschrank deuten auf …?« Sie blickte mich herausfordernd an, »… na?«

Ich zuckte die Schultern.

»Junggeselle. Was sonst! Glasreinigersprühflasche und Mikrofasertuch fürs Fenster: eindeutig Wessi! Spiritus und Zeitung: Ossi! Auslegware in der ganzen Wohnung: über fünfzig!«

Meine Putzi ist eine Quatschliesel.

»Vielleicht sollten Sie damit bei Wetten, dass …? auftreten?«, schlug ich vor.

»Gute Idee!«

Ich pulte an dem heißen Wachs der Duftkerze.

»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich die Kerze woanders hinstelle?«, fragte sie mich und brachte sie in Sicherheit.

»Wer ist das?« Ich zeigte auf ein Foto, das Putzi in Jung mit einem älteren Herrn zeigte.

»Adorno.«

»Der Adorno?«

Putzi nickte. »Meine Freundin Liane glaubt, Adorno wäre Gründungsmitglied von Adoro. Ich lasse sie in dem Glauben, das freut sie nämlich ganz wahnsinnig, dass ich persönlich jemanden von Adoro kenne. Habe ihr schon eine Autogrammkarte gefälscht, ›dein Adorno von Adoro‹, im Fälschen bin ich spitze, im Fall von Liane habe ich allerdings ein ganz schlechtes Gewissen.«

»Kann ich mir vorstellen.«

»Aber Liane ist happy.«

»Wo haben Sie denn Adorno kennengelernt?«

»In Frankfurt. Ich war dabei damals! Kannte sie alle. Schauen Sie!«

Sie zeigte auf eine andere Fotografie, auf der sie, ähnlich jung wie auf dem vorherigen Bild, nun umringt von einigen mehr oder weniger gleichaltrigen Männern, dem Betrachter breit entgegenlachte. Ihr Blick war offensichtlich schon damals so offen wie jetzt, wo sie mir gegenübersaß.

»Die Putztruppe …«, erklärte sie, »spielten Weltrevolution und waren doch nur kleine Jungs auf Partytour. Sauber gemacht habe immer nur ich.« Ein trauriger Unterton schlich sich in ihre Stimme. »Im Wienerwald am Hauptbahnhof habe ich damals gearbeitet und die Jungs nach Feierabend mit den Resten versorgt. Schmarotzer. Ich war die Einzige, die g’schafft hat. Die andern bekamen Geld von zu Hause. Wirtschaftswunderkinder. Ständig wurde diskutiert, aber kontrovers war das eigentlich nie. Nur ein sich gegenseitiges Überbieten, und nix kam dabei raus. Ich fand’s langweilig. Aus fast allen ist was geworden. Wirtschafter, Politiker. Die Einzige, die dem Namen Putztruppe heute noch Ehre macht, bin ich.«

»Und dennoch lächeln die hier noch von der Wand.«

»Ich bring’s nicht übers Herz, sie abzuhängen. Wir wollten doch die Welt verändern.«

Meine Putzi ist eine Idealistin.

»In letzter Zeit«, sagte sie, »verspüre ich so einen Drang, meine Erinnerungen an diese Jahre zu ordnen. So viel wird darüber berichtet. Und dann die ganzen Verfilmungen, dass ich bald gar nicht mehr weiß, was wirklich war. So viel war nämlich gar nicht.«

 

Vor ihrem Küchenfenster hat Putzi eine Konstruktion aus einem Drahtkorb und Halterketten angebracht, ausgelegt mit Erde, damit das Wasser ablaufen kann. »Mein Vorgarten. Für meine Freunde, die Vögel. Keine Nischen und Luken in der modernen Großstadt. Furchtbar. Da ist man doch verpflichtet; da muss man sich doch kümmern.«

Meine Putzi ist eine Lebensretterin.

»Und bei mir kommen ja nicht nur Spatzen, sondern auch Amseln, Meisen, Grünlinge, Rotkehlchen, Stare, Nebelkrähen, Elstern. Mich besuchen manchmal sogar Eichelhäher, ein Pärchen. Weil sie mein Futter so lieben. Nicht einfach aus der Tüte. Nein. Ich brate es kurz in Kokosfett an, lasse es erkalten und forme dann Kugeln, die ich rauslege, damit die Kleinen im Winter genügend Fettreserven haben. Riecht köstlich. Soll ich Ihnen was einpacken?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Äpfel gibt’s auch. Än Äpple ä day keeps the Doctor äwäy. Jeden Tag än Äpfele, brauchst kein Doktor. Und Eier, rohe, Bio. Und Rosinen. Als Leckerli. Nicht alle essen alles, gell?«

Ich betrachtete die Plattform aus Edelstahl. Genügend Fläche, damit auch größere Vögel sich trauten zu landen. »Mein kleines Kräutergärtle. Die Natur vorm Fenster«, sagte Putzi, »da können sich die Augen erholen. Und der Geist natürlich auch.«

In der Mitte ein Vogelhaus. Daneben ein künstlicher Miniaturweihnachtsbaum mit Lichterkette. »Mein persönlicher Leuchtturm. Der strahlt das ganze Jahr. Wenn man alt wird, meint man eh, es sei ständig Weihnachten!« Sie servierte mir den Kaffee und verbesserte sich: »Wenn man älter wird, ich werde älter, nicht alt! Wollen Sie nicht ein Stück Kuchen? Ich habe gestern gebacken! Apfel-Streusel. Ich mache hervorragenden Kuchen.«

Sie bückte sich, um die Kühlschranktür zu öffnen. Das Hinunterbeugen fiel ihr schwer.

»Brauchen Sie Hilfe?«

»Um Gottes willen nein. Das ist mein Dauerzustand. Kein Problem. Meine Gelenke schmerzen zwar, mein linkes Knie ist kaputt, aber der Motor läuft. Nur die Karosserie rostet.«

Zum Beweis schob sie den Ärmel ihres T-Shirts über die Schulter, winkelte den Arm an, ballte die Hand zur Faust und ließ den erschlafften Trizeps träge hin und her schlenkern. »Früher war ich eine Botero-Figur, üppig, sinnlich und straff, ein BummBumm-Geschoss, heute bin ich ein DummDumm-Geschoss, nur noch üppig.«

Ich überlegte, wie sie bei ihrem Gewicht putzen könnte, ob sie, einmal auf den Knien, auch wieder hochkommen würde und ob man ihr überhaupt zumuten dürfte, auf eine Leiter zu steigen. Als ob sie meine Gedanken erraten hätte, sagte sie: »Keine Sorge. Jahrelanges Training und eiserner Wille. Ich habe meinen Körper im Griff. Wir haben uns miteinander arrangiert. Da sind nur Kleinigkeiten, die mir an mir missfallen. Mein Arbeitsarm ist kräftiger als der linke, ich probiere auch öfter mal zu wechseln, aber na ja, rechts geht halt schneller. Und meine Finger gefallen mir nicht. Richtige Wurstfinger!« Sie streckte mir ihre Hände hin. »Wenigstens kriegen die jedes Glas auf.«

 

Mir schwirrte der Kopf. Dabei hatte ich gar nichts getrunken. Hätte ich bloß die Williams Birne akzeptiert. Dann hätte ich zumindest eine Begründung für meine Verwunderung. Als halbwegs Kreativer bilde ich mir ein, mich mit Verrückten auszukennen. Aber in Putzis Welt flogen mir Grasneger, Adorno, Streuselkuchen und BummBumm-Geschosse so unvermittelt um die Ohren, dass ich die Orientierung verlor.

Jetzt führte sie mich durch ihre Wohnung den schmalen Flur entlang, vorbei am Bad mit einer auf silbernen Füßen frei stehenden Wanne, auf die sie mich aufmerksam machte: »Wenn die reden könnte«, sagte Putzi und zwinkerte mir zu. Vor der nächsten Tür links blieb sie kurz stehen. »Hier wohnt Erwin, mein Untermieter. Der ist Tänzer. Hat nur noch ein Bein. Tanzt aber immer noch. Auf meinen kleinen Piraten ist Verlass. Ist ein ganz Sauberer. Sonst würde er auch nicht bei mir wohnen. Den Erwin habe ich abgecheckt. So wie ich Sie abchecke.«

Dann öffnete sie mir ihr Schlafzimmer und ließ mich eintreten. Ein kleiner, verwohnter Raum, vollgestopft mit viel zu viel Möbeln und Krimskrams. Das krasse Gegenteil von meiner Einrichtung zu Hause, die eigentlich keine ist, da ich ja nur das Allernötigste besitze: Tisch, Schrank, Bett – womit auch schon mein gesamtes Inventar aufgezählt wäre – und viel Platz drum rum. Aber hier: Regale vom Boden bis zur Decke, voll mit Schallplatten und Büchern, Erinnerungsstücken, bunten Vasen, Stofftieren und Knetfiguren mit mächtigen Phalli. In der Ecke tickte sehr laut eine Kuckucksuhr. Da standen ein grünsamtener Fauteuil samt Fußhocker, zwei gelebte braune Ledersessel, die sich mit deutlichem Abstand gegenüberstanden wie bei einem Therapeuten, ein wuchtiger Fernseher, noch aus den Achtzigern, ein schwerer Couchtisch mit Marmorplatte. Ich ließ meine Hand über die Regale gleiten und spürte die Bücher unter meinen Fingern. Kein Staub.

Putzi blieb im Türrahmen stehen, lehnte sich, die Hände in die Hüften gestemmt, mit ihren breiten Schultern dagegen und wies auf ihr Bett. »Schau’n Sie, ein Wasserbett!« Offenbar ihr ganzer Stolz. »Das ist ein Freiflutbett, also ein nicht gedämmtes. Eine Wiege. Fühlt sich an wie im Mutterleib. Und es gluckert nicht. Auch gut für den Sex im fortgeschrittenen Alter. Muss man nicht viel machen, man schubst sich nur kurz an, dann geht der Rhythmus von ganz alleine. Wobei …«, sie überlegte, »seemannstauglich veranlagt muss man schon sein wegen der Balance, sonst haut’s einen über Bord.«

Ihre plötzliche Vulgarität schockierte mich. Sie kam aus heiterem Himmel, aber Putzi lachte über die Vorstellung, in ihrem Wohnzimmer zu kentern, wie ein junges Mädchen.

Das Bettzeug war mit Kühen bedruckt, einer ganzen Herde. »Designerbettwäsche. Ich liebe Kühe. Man sagt immer ›die dumme Kuh‹. Aber das stimmt nicht. Kühe sind nicht dumm. Die sind mir einfach sympathisch. Nicht gewalttätig, finden alleine zum Stall zurück, geben Milch. Ich mag auch Schweine. Nur ein Schwein sieht nicht so hübsch aus wie ne Kuh. In Schweinebettwäsche würde ich auch nicht schlafen wollen.«

An der Decke leuchteten Phosphorsterne. Auf dem Nachttisch stapelten sich Tigerbalm, antiquierte Puderdosen, Duftprobenfläschchen, Räucherstäbchen und der erste Teil der Vampirsaga Bis(s) zum Morgengrauen. »Ich wäre auch so gerne in einen freundlichen Vampir verliebt«, sagte Putzi. »Vorgestern habe ich mir die Version im Kino angeschaut. Der Robert Pattinson ist schon ein knackiger Bursche. Nicht so kernig wie der Russell Crowe, aber für einen Vampir sehr knusprig.«

»Ich finde, der Typ hat immer so was Ungewaschenes an sich.«

»Zu sauber ist auch nicht gut.«

»Das sagen Sie als Putzfrau?«

»Man muss auch mal alle fünfe grade sein lassen.«

»Aha.«

»Wenn Sie wünschen, schaue ich mir den Film gerne noch mal mit Ihnen an. Wollen Sie?«

»Danke, ganz reizend, wirklich, aber ich stehe weder auf Vampir- noch auf Teeniefilme.«

»Dann vielleicht die Fortsetzung? Läuft ab Winter. Da sind die Kinder dann schon älter, und es gibt auch Werwölfe.«

»Vielleicht.«

»Wie schön.«

Dann erklärte mir Putzi die verschiedenen Knöpfe der Fernbedienung zu ihrem Bett: »Heizung. Massage. Wellengang«, und schilderte en detail die Vorzüge ihres Wasserbettes gegenüber einer herkömmlichen Matratze, gleichermaßen unter Berücksichtigung der gesundheitlichen als auch der lustgewinnenden Aspekte. Wobei Putzi hier keinerlei Unterschiede sieht. »Was gut ist für die Libido, ist auch gut für die Gesundheit, gell?« Fast vierzig Minuten dauerte der Vortrag. Ohne Übertreibung – ich hatte eine klare Sicht auf die Kuckucksuhr. Putzi hat mir natürlich alles viel ausführlicher berichtet, als ich es hier zusammenzufassen vermag.

»Ich habe so beunruhigende Träume, manchmal«, sagte sie. »Dann zieht so eine heftige Sehnsucht durch meine Brust, dass mir ganz eng wird, und dann liege ich wach und schaukele in meinem Wasserbett, bis die Angst weg ist. Ich lasse auch immer den Fernseher laufen, damit ich mich nicht so alleine fühle. Wenn ich mal weg bin, können Sie hier schlafen. Wollen Sie?«

»Sehr freundlich. Vielen Dank. Aber ich werde schnell seekrank.«

Sie strich mir über den Ärmel meines Jacketts. »Schick!«

»Danke.«

»Mit edler Garderobe kenne ich mich auch aus. Ich hätte Stylistin werden können. Übrigens, ich weiß Ihren Vornamen nicht.«

»Max.«

»Ich darf Sie doch Max nennen, gell?«

»Sicher.«

»Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Max.«

Dass sie mich jetzt mit Vornamen anredete und dabei weiterhin siezte, war gewissermaßen das Entree für ihre Zugangsbefugnis in mein Leben, denn viel privater, als dass jemand einem die Laken wechselt, könnte es ja nicht werden, dachte ich damals und fragte: »Bin ich Ihnen denn nun sympathisch?«

»Würde ich Ihnen sonst mein Wasserbett anbieten?« Ihr dunkles Lachen brach wieder los, und ich lachte unversehens mit. Ich dankte ihr herzlich und verabschiedete mich – doch nicht bevor ich Putzi meinen Ersatzschlüssel ausgehändigt hatte. »Sonst hat niemand einen Schlüssel zu meiner Wohnung.«

Putzi ging in die Küche und holte einen Schlüsselanhänger aus Plastik in Form eines Herzens. In Rot. »Sie sind eigentlich ein Blau-Typ«, sagte Putzi, »aber Sie haben Herz.« Darauf schrieb sie meinen Namen und dahinter ein Ausrufezeichen, ganz dick, als wollte sie damit unser gegenseitiges Einvernehmen besiegeln. »Die zufällige Begegnung mit einem fremden Menschen kann das ganze Leben verändern«, sagte sie, »wobei ich gar nicht an Zufall glaube. Nur an Schicksal! Und fremd fühlen Sie sich sowieso nicht an.«

Zum Abschied bekam ich sowohl eine Umarmung als auch einen Kuss. Eigentlich drei. Rechts, links, rechts. »Ich bin vom Bodensee«, sagte Putzi, »gleich gegenüber von der Schweiz. Da küsst man dreimal. Also darf ich das auch.« Damit schloss sie die Tür.

 

Putzi hatte beschlossen, mich zu mögen. Uneingeschränkt. Bedingungslos. Mit Wucht. In dieser Unabdingbarkeit lag etwas Kindliches, das in mir ein unverhofftes Gefühl wachkitzelte – Geborgenheit. Und so wurde die Putzfrau Marianne Schneider – die mit ihren Füßen so fest auf dem Boden steht, als hätte sie nicht zwei, sondern drei, deren Rüstung ihr Optimismus und deren stärkste Waffe ihre Schnauze ist – mit ihren dicken Armen für die Arbeit und ihrem prallen Herzen fürs Übrige – Teil meines Lebens.

Duschvorhang à la Marianne

Man kann Putzi getrost die Aufsicht über Haus und Hof überlassen, wenn nötig auch die über die Handwerker.

Meine Putzi ist eine Kontakterin.