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Die siebzehnjährige Judith steht kurz vor dem Abitur an einem Berliner Gymnasium. Sie hat noch keine Ideen für die Zukunft und genießt die Zeit mit Freunden. Bei einem Osterbesuch im Rheinland erfährt sie von ihrem Großvater, dass er in den 1930er Jahren bei Pflegeeltern aufgewachsen ist und als Erwachsener zwar seine leibliche Mutter kennengelernt, aber nie erfahren hat, wer sein Vater war. Judith findet im Nachlass der Urgroßmutter eine merkwürdige Quittung aus dem Jahr 1937 über mehrere hundert Reichsmark. Welche Rechnung wurde dafür beglichen und was hat sie mit dem Urgroßvater zu tun? Wer ist der geheimnisvolle Unbekannte, von dem sie abstammt? Die Frage lässt Judith nicht mehr los. Mit Unterstützung von ihrem Bruder Ben und ihrem Mitschüler Karim, der so anders zu sein scheint als ihre Freunde, begibt sie sich auf Spurensuche. Ein spannender Roman über das Erwachsenwerden und die Bedeutung der Judenverfolgung im Dritten Reich auch für die Generation der Urenkel.
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Seitenzahl: 474
Veröffentlichungsjahr: 2018
Dorothee Bernhardt
Die Rechnung
Roman
Copyright: © 2018: Dorothee Bernhardt
Umschlag & Satz: Sabine Abels
Titelbild: © pixabay
Hintergrundbild: ArtsyBee
Verlag und Druck:
tredition GmbH
Halenreie 40-44
22359 Hamburg
978-3-7482-0658-3 (Paperback)
978-3-7482-0659-0 (Hardcover)
978-3-7482-0660-6 (e-Book)
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Für meine Familie
PROLOG
Der große Raum ist in der Mitte durch einen dunklen Vorhang abgetrennt. Spärliches Licht erhält er von mehreren Leuchtern an den Wänden, deren flackernde Kerzenflammen der Szenerie etwas Unwirkliches geben. Dazu fällt etwas Tageslicht von draußen durch die schmalen vergitterten Rundbogenfenster auf der Eingangsseite. War es bisher totenstill, öffnet sich nun eine breite Tür und ein an den Händen auf den Rücken gefesselter Mann wird von zwei anderen Männern in schwarzen Anzügen in den Raum geführt. Der Gefangene ist mittelgroß und schmal, mit einem zerlumpten Anzug bekleidet und viel zu weiten Holzpantinen an den Füßen, mit denen er nur langsam schlurfen kann. Er ist nicht mehr jung, vielleicht an die fünfzig Jahre. Das Auffallendste an ihm sind seine Haare, kräftige, hellblonde Locken, wie sie nicht dem Geist der Zeit entsprechen.
Der Mann hebt seinen Kopf und schaut sich um. In seinem Gesicht sind Angst und auch Trauer zu lesen und das fassungslose Erstaunen eines Menschen, der nicht glauben kann, was ihm gerade widerfährt. Hinter ihm haben weitere Männer den Raum betreten. Einer trägt einen schwarzen Gehrock, ein weiterer eine rote Richterrobe, ein dritter einen schwarzen Talar, diesem folgt ein Mann im weißen Kittel und die beiden letzten Männer sind in olivgrüne Uniformen gekleidet. Sie tragen Waffen.
Der mit der Richterrobe sagt etwas zu dem zerlumpten Mann; dieser antwortet leise und senkt den Kopf.
Nun wird der Vorhang zur Seite geschoben und gibt den Blick frei auf die andere Hälfte des Raumes, in deren Mitte eine große Konstruktion aus Holzbalken, Metallverstrebungen und Seilen steht, mit einer Holzbank davor. Rechter Hand befindet sich eine Metalltür mit Riegel und Vorhängeschloss. Das Schloss hängt offen und durch die halb geöffnete Tür ist im Nebenraum eine Holzkiste auf dem Boden zu sehen, länglich wie ein Sarg. Aber dieser Sarg hat eine ungewöhnliche Größe. Für einen erwachsenen Mann ist er nicht lang genug, aber für einen Kindersarg zu lang und zu breit. Einer der Olivgekleideten macht sich an den Seilen des Holzaufbaus zu schaffen, der andere löst dem Gefangenen die Handfesseln, zieht ihm das viel zu weite Oberhemd über den Kopf und macht den Männern in den schwarzen Anzügen Zeichen, woraufhin diese den Mann wieder fesseln. Sie führen ihn nach vorn, schieben ihn mit entblößtem Oberkörper bäuchlings auf die Holzbank und legen seinen Kopf in die Vorrichtung. Der Gefangene lässt es widerstandslos geschehen. Hinter seinem Kopf steht ein Weidenkorb auf dem Boden, daneben ein Zuber mit Sägemehl, in dem eine Schaufel steckt. Der Mann im Gehrock sagt etwas und die Olivgrünen schreiten zur Tat. Die übrigen Männer schauen hin. Nur der im weißen Kittel wendet sich ab.
I DIE ENTDECKUNG
Sommersprossen sind auch Gesichtspunkte.Hannah Arendt
1
Judith wachte schweißgebadet auf. Sie starrte auf den Traumfänger über sich, der staubbehangen unter dem mittleren Deckenbalken ihres Zimmers schwebte und sich wie stets auch in dieser Nacht konsequent seiner Zweckbestimmung verweigert hatte. Ein Souvenir aus einem Indianerreservat in den Staaten. Auf dem Weidenreifen klebte ein schmaler Papierstreifen mit dem Aufdruck Traditional Dreamcatcher, Made in China. Natürlich konnte er nicht funktionieren. Was hätte ein chinesisch-indianisches Joint-Venture-Produkt auch ausrichten sollen gegen die skurrilen Einfälle ihres Unterbewusstseins? Sie setzte sich auf, nahm das Messgerät vom Nachttisch, drückte es auf die Kuppe des linken Ringfingers, strich einen Tropfen Blut ab und wartete auf das Erscheinen der Zahl. Knapp über 140 Milligramm pro Deziliter, nicht gut, aber auch nicht schlecht. Sie griff blind in die Schublade und entnahm ihr einen Insulinpen, dessen Kappe sie einhändig entfernte. Sie kontrollierte die Flüssigkeit in der Patrone, schraubte eine neue Nadel auf, entfernte die Nadelschutzkappe, hielt die Nadelspitze nach oben und drückte einen Tropfen heraus. Dann stellte sie die Einheiten ein, schob mit dem linken Handballen das Schlafshirt ein Stück hoch, drückte mit Daumen und Zeigefinger oberhalb des Hüftknochens einen kleinen Hautwulst heraus und spritzte das Insulin unter die Haut, während sie bis zehn zählte. Die leere Spritze legte sie auf den Nachttisch zurück. Dann ließ sie sich aufs Bett zurückfallen.
Sie hatte die ständigen Albträume so satt, die ihr schon morgens die Stimmung verdarben. Welchem schlechten Film oder Zeitungsartikel hatte sie nun diesen Horrortrip zu verdanken? Der Traum hatte sie in eine öde Landschaft katapultiert. Ringsherum Steine, Sand, Trümmer, in der Ferne zerstörte Häuser, Autoskelette, dahinter gelbe Hügel. In der Luft der Geruch von Staub, verbranntem Holz und totem Vieh.
Der Wind trieb ihr den Sandstaub direkt in die tränenden Augen. Nur verschwommen, wie eine Fata Morgana, sah sie die Gruppe, die sich näherte. Drei Vermummte und einer in der Mitte, ein Europäer offenbar, den sie vor sich hertrieben. Er stolperte vorwärts, hielt sich kaum auf den Beinen. Für den Bruchteil einer Sekunde streifte sein Blick Judith, traurig und leer. Der Mann strauchelte, fiel und wurde von zwei der Vermummten hochgerissen, die ihn zu einem Mauervorsprung schleiften. Der Dritte zog einen Säbel und schwang ihn über dem Kopf.
Genau hier war sie aufgewacht.
Erst jetzt schaute sie auf das Display ihres Radioweckers. Es war kurz vor sechs Uhr. Im Haus herrschte vollkommene Stille. Der Schreck saß ihr noch in den Gliedern und sie atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Sie fröstelte, obwohl das Fenster geschlossen und die Heizung bereits angesprungen war.
An Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken und lesen mochte sie auch nicht. Sie schlug die Bettdecke ganz zurück, schwang sich mit einer schnellen Bewegung aus dem Bett und öffnete die Tür zum Treppenhaus. Das Bad gegenüber war frei. Immer noch fröstelnd stieg sie unter die Dusche und ließ das heiße Wasser lange in einem kräftigen Strahl an sich herunter rauschen, als ob es die schlechten Gedanken mit sich nehmen und im Abfluss versenken könnte. Doch es half nichts, weder das Wasser noch der blumigfrische Duft des Shampoos konnte die Bilder des Traums verjagen.
Dabei war doch alles perfekt geplant. Die nun beginnende letzte Schulwoche sollte die beste ihrer ganzen Schulzeit werden und jede einzelne Stunde davon wollte Judith auskosten, so als habe es die unzähligen quälend langweiligen Stunden und Tage und Jahre nie gegeben, an denen Lehrer mit selbstgerechter Monotonie Erkenntnisse der letzten 4000 Jahre Menschheitsgeschichte vorgetragen hatten. Für jeden Tag der Woche hatte der Abiturjahrgang ihrer Schule ein besonderes Motto ausgerufen. „Einschulung“ war das Motto des ersten Tages. Nach dieser Woche standen nur noch die Abiturprüfungen an und was dann kommen würde, war vielversprechend: Freiheit, Selbstbestimmung, Zeit und deren gewollte Verschwendung.
Beinahe lustlos zog Judith den bereit gelegten blaubeige karierten knielangen Rock aus dem Ein-Euro-Shop an, dazu eine weiße Rüschenbluse und eine dunkelblaue Trachtenjacke mit braungrauen Hornknöpfen aus dem Altkleiderbestand ihrer Mutter. Wie eine Erstklässlerin sah sie zwar nicht aus, aber sie hoffte, dass die Absicht zu erkennen wäre. Sie schminkte sich vor dem Spiegel wie sonst auch und band die dunkelbraunen, leicht gewellten Haare mit einfachen Haargummis zu zwei Zöpfen. Das Ergebnis gefiel ihr nicht, aber sie beließ es dabei und begab sich nach unten.
Ihre Mutter saß bereits am Frühstückstisch und sah von ihrem Smartphone auf, als Judith in die Küche kam. Sie erfasste Judiths Stimmung sofort. „Du scheinst ja deiner Schulzeit jetzt schon nachzutrauern“, spottete sie. Judith erwiderte nichts. Hastig stürzte sie einen lieblos angerührten Kakao hinunter, schnappte sich eine Banane und zog sich in ihr Zimmer zurück. Weitere Kommentare von mütterlicher Seite wollte sie nicht riskieren. Es war viel zu früh für die Fahrt zur Schule, also griff sie ein Buch und versuchte, sich abzulenken. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte der Thriller sie vielleicht gefesselt, aber heute erschien er ihr zäh und unlogisch. Sie legte das Buch wieder beiseite und begann, herumliegende Socken zu sortieren, um sie in den blaukarierten Wäschesack zu stopfen, der längst in den Waschkeller gehört hätte.
Der Mann aus dem Traum wollte ihr nicht aus dem Kopf gehen. Sein Blick hatte sie getroffen wie ein Blitz und auf eigenartige Weise berührt. Er hatte sie angeschaut, als ob er ihr etwas mitteilen wollte. Aber was? Wollte er sie um Hilfe bitten? Was sie mindestens genauso beunruhigte, war der Umstand, dass sie sein Gesicht schon einmal gesehen hatte. Nicht in einem Film oder im Internet oder in der Zeitung; irgendwo war sie diesem Mann persönlich begegnet. Mehr noch, sein Gesicht war ihr vertraut erschienen wie das von jemand, der ihr nahestand. Aber so sehr sie sich den Kopf zerbrach, es fiel ihr nicht ein.
Endlich war es Zeit und sie beeilte sich, aus dem Haus zu kommen, ohne ihrer Mutter nochmals über den Weg zu laufen. In der Nacht hatte es geregnet und der leicht nebelverhangene Himmel schien noch nicht bereit für das ausgelassene Spektakel eines Abiturjahrgangs, der seinen ersten Schultag wiederaufleben lassen wollte. Judith holte ihr Fahrrad aus der Garage und klemmte ihre Tasche auf den Gepäckträger. Auf dem Weg zur Schule versuchte sie, die düsteren Gedanken abzuschütteln und sich auf den Tag zu freuen. Aber der Traum folgte ihr wie ein lästiges Insekt. Am Eingang zum Schulgelände standen ihre Freunde: Judiths beste Freundin Tessa, dann noch Jolante und Sina sowie Malte und Fred.
Schon von weitem winkte ihr Tessa zu. „Hey, welche Laus ist dir über die Leber gelaufen? Du siehst total fertig aus.“
Judith wartete mit der Antwort, bis sie die Gruppe erreicht hatte. „Alles bestens, hab bloß nicht gut geschlafen, war zu warm im Zimmer“, log sie.
„Unsere heiße Judith wieder“, lachte Tessa, „immer unter Strom. Jetzt wollen wir aber feiern.“ Sie zog aus dem Schultornister eine rote Kindertrinkflasche, auf der ein schwarzer Rabe abgebildet war. Judith war sicher, dass die Trinkflasche nicht mit Saft oder Limonade gefüllt war. Danach kam ein Stapel kleiner Plastikbecher zum Vorschein, die Tessa an die Gruppe verteilte. Sie zögerte kurz, bevor sie Judith einen reichte. Die griff sofort zu und ließ sich eine kleine Menge eingießen. Normalerweise verzichtete sie auf das Vorglühen, erst recht ohne vorher ihre Zuckerwerte gemessen zu haben. Heute aber kam ihr das hochprozentige Getränk aus dem Keller von Tessas Eltern gelegen. Wie die anderen leerte sie ihren Becher in einem Zug und genoss den kurzen Schauder und den Wärmestrom, den der Alkohol auslöste. Tessas grenzenlose Energie und immergute Laune wirkten zusätzlich befreiend auf Judith und nach wenigen Augenblicken schienen die dunklen Gedanken weggewischt.
Tessa war kaum zu erkennen in ihrem albernen Kostüm. Geflochtene Zöpfe, geblümtes Kleid, rote Strickstrumpfhose. Neben ihr stand Jolante, die nicht zufällig von allen Jolo genannt wurde. Als Tochter eines hochrangigen Diplomaten hatte sie schon in mehreren Ländern gelebt und dort Schulen besucht, auch in Afrika und Asien. Sie war die Einzige unter ihnen, die bereits in einer eigenen Wohnung lebte, seitdem ihr Vater vor einem Jahr wieder ins Ausland versetzt worden war. Sie hatte etwas Haltloses, typisch für Diplomatenkinder, wie Judiths Mutter fand, war spontan, sprunghaft, unpünktlich und voller Ideen. Es war unmöglich, sie nicht zu mögen. Judith bewunderte Jolos Unabhängigkeit, allerdings waren ihr die Vorteile, bei ihren Eltern leben zu können sehr wohl bewusst.
Auch Jolo war dem Tagesmotto entsprechend gekleidet. Zu einem weißgepunkteten, dunkelblauen Kleid mit weißem Kragen trug sie eine weiße Schürze und eine riesige weiße Schleife im offenen schulterlangen Haar.
„Wo bist du denn eingeschult worden?“, fragte Judith spitz, „Das sieht aus wie eine Schuluniform.“
Jolo konterte sofort: „Komm schon, J.J., dafür sieht dein Outfit aus, als wolltest du nicht deine eigene Einschulung feiern, sondern die deiner Großmutter.“
Jolo zu provozieren, war immer gefährlich. Vor ihrer Schlagfertigkeit fürchteten sich sogar die Lehrer. Sie wusste, dass Judith es hasste, wegen ihres zweiten Namens Johanna so gerufen zu werden. Aber heute kam Judith alles gelegen, was sie von den düsteren Traumbildern ablenken konnte, sogar Freundinnenärger. Das ließ Tessa jedoch nicht zu: „Hört auf zu streiten, Mädels, wir brauchen unsere Energie für die Schlacht des heutigen Tages. Kommt mit, wir treffen uns alle um Acht in der Aula. Kati und Florian wollen eine Fotosession mit uns machen.“
Die ganze Gruppe trottete ihr nach. Die Verkleidung der Jungs war eher angedeutet. Einzig Maltes Aufzug verriet Humor. Er trug offenbar seinen Konfirmationsanzug, aus dem er deutlich herausgewachsen war. Die winzige Krawatte dazu stammte vielleicht wirklich von seiner Einschulung und gab den Freunden Anlass zu anzüglichen Bemerkungen. Auch er hatte seine erste Schultasche dabei, einen kastenförmigen grünen Scout mit Fußbällen. Sie alle bewegten sich Richtung Aula, und von allen Seiten kamen nun Zwölftklässler, die mit ihrer Verkleidung von den anderen in die Schule strömenden Schülern belustigt und neidvoll angestarrt wurden.
Noch immer wollte die Erinnerung an den Blick des Mannes, der ihr so seltsam vertraut erschienen war, Judith nicht loslassen. Sie hielt einen Moment inne und beschloss, den Gedanken nicht zu verdrängen, sondern nur auf den Abend zu verschieben. Damit ging es besser und es gelang ihr plötzlich, sich auf das Geschehen des Tages zu konzentrieren.
In der Aula herrschte ein buntes Treiben. Das Fotografenteam kam kaum hinterher, alle neu eintreffenden Schüler mit ihren Spiegelreflexkameras abzulichten. Schließlich teilte Kati über ein Mikrofon hörbar für alle mit, dass sich alle Abiturienten fünfzehn Minuten später zu einer Gesamtaufnahme auf der Schulhoftreppe versammeln sollten. „Seid bitte pünktlich, ihr wollt ja alle, dass wir tolle Aufnahmen fürs Abibuch haben. Danach könnt ihr in eure Kursräume gehen. Wir machen das jetzt jeden Tag so bis Freitag. Auf geht’s, viel Spaß!“
Nach dieser Ansage stieg der Geräuschpegel in der Aula zunächst wieder an, bis sich die Schüler einzeln und in Gruppen langsam nach draußen bewegten. Die Lehrer nahmen das Treiben der Schüler freundlich bis gleichmütig zur Kenntnis, schließlich wiederholten sich diese Vorgänge mit jedem Abiturjahrgang. Regulärer Unterricht fand nicht mehr statt, aber die Kursleiter gaben Tipps zur Vorbereitung auf die Prüfungen. Judith lauschte mit mäßigem Interesse den Ausführungen ihres Biologie-Tutors, der seinen Leistungskurs schon im letzten Semester bestens vorbereitet hatte. Nach zwölf Schuljahren waren die Schüler ohnehin kaum noch zu überraschen. Nach der 6. Stunde traf sich Judith mit den anderen am Ausgang des Schulgeländes.
„Welches Motto haben wir morgen?“, fragte Fred.
„Morgen ist Bad-taste-Day“, sagte Sina.
„Ist ja echt geil“, sagte Fred gelangweilt. „Da kenne ich einige Leute, die sich dafür nicht mal verkleiden müssen.“
Jolo musterte ihn kritisch. „Naja, viel verändern musst du auch nicht.“
Auf dem Nachhauseweg war Judith zufrieden wie lange nicht mehr. Die schlechte Stimmung war wie weggeblasen. Alles war perfekt gelaufen, so konnte es weitergehen. Selbst das Wetter wollte es ihnen offensichtlich recht machen. Der Himmel war längst aufgeklart, die Sonne hatte den Nebel vertrieben und dem kühlen Märztag ein wenig Frühlingswärme eingehaucht. Nur ein kleines dunkles Wölkchen klebte noch hartnäckig am Himmel und weigerte sich, seinen Platz aufzugeben.
Zu Hause angekommen, hatte Judith nach einem Blick in den Kühlschrank beschlossen, auf ein Mittagessen zu verzichten. Stattdessen ging sie in ihr Zimmer, ließ sich, wie sie war, aufs Bett fallen und schloss die Augen. Nach kurzer Zeit schlief sie ein und wachte erst zwei Stunden später erfrischt durch einen traumlosen Schlaf wieder auf. Inzwischen war ihre Mutter von der Arbeit zurückgekommen und hatte sich wie üblich mit einer Tasse Kaffee, einer Schale mit geschnittenem Obst und mit ihrem Notebook im Esszimmer niedergelassen. Auf dem Bildschirm tanzte ein Nachrichtenticker, während die Mutter gedankenverloren an der Kaffeetasse nippte und aus dem Fenster starrte. Judith setzte sich dazu und griff sich ein Stück Apfel.
„Falls es dich interessiert: Der Schultag war richtig gut, fast alle aus der Jahrgangsstufe kamen verkleidet. Auch die Lehrer waren super drauf. Morgen kann kommen.“
Judiths Mutter steckte sich ein Stück Orange in den Mund und kaute abwesend darauf herum. „Viel zu sauer. Zurzeit schmecken nur die Tiefkühlfrüchte.“ Sie lachte, als sie Judiths irritierten Blick bemerkte. „Das ist schön zu hören. Ich kann mich an meine letzten Schultage überhaupt nicht mehr erinnern“, sagte sie nachdenklich, „nur an den Abistreich. Aber der hatte es in sich. Erzähle ich dir, wenn ihr euren hinter euch gebracht habt.“
„Okay, ich muss jetzt auch los, das Programm geht noch weiter heute“, sagte Judith und stand auf.
„Warte mal, wir müssen etwas besprechen“, rief Mutter ihr nach.
„Ich bin verabredet, können wir das schnell abhandeln?“. Judith war in Gedanken bereits beim Treffen mit den Mädels in einem Café in der Stadt und hatte wenig Lust auf eine Konversation mit ihrer Mutter. Solche „Besprechungen“ dauerten meistens länger als geplant und endeten oft in Meinungsverschiedenheiten und Missstimmung.
„Das hängt von dir ab“, sagte Mutter und schaute sie herausfordernd an. „Wenn es nach mir geht, sind wir in einer Minute fertig.“
Sofort schrillten bei Judith die Alarmglocken. Wenn Mutter so anfing, hatte das nichts Gutes zu bedeuten. „Also?“
„Wir fahren zu Beginn der Osterwoche zu deinen Großeltern ins Rheinland und feiern mit ihnen das Osterfest.“
Judith war erleichtert. Alles halb so schlimm. „Ja gerne, tut das. Mir macht es nichts, ich habe zu lernen und kann mich hier mit meinen Leuten treffen.“
„Mit wir meine ich uns drei, Vater, dich und mich. Dein Vater muss zu einer Konferenz in Bonn und ich war schon lange nicht mehr richtig in meiner Heimat.“
„Das ist jetzt nicht euer Ernst“, stöhnte Judith. Eine Woche bei Oma und Opa in der Provinz? „Die haben nicht mal ein anständiges WLAN. Mal abgesehen von den hundert anderen Gründen, die dagegensprechen.“
„Jetzt lass uns mal vernünftig reden“, sagte Judiths Mutter. „Wenn du schon dabei bist, dann nenn mir deine Argumente.“
„Ich brauche keine Argumente“, sagte Judith. „Nenne du mir ein sinnvolles Argument, warum eine nahezu volljährige Abiturientin aus der geilsten Hauptstadt der Welt ausgerechnet in den Ferien in ein viele hundert Kilometer entferntes katholisches Provinznest reisen sollte, um dort abgeschnitten vom Rest der Welt, insbesondere von Freunden und Internet, endlose sieben Tage zu verschwenden.“
„Vielleicht, weil dort die liebenswürdigsten Großeltern der Welt darauf warten, ihre Enkelkinder willkommen zu heißen und mit Aufmerksamkeit und leckerem Essen zu verwöhnen? Vielleicht, weil es ein Geschenk ist, Großeltern zu haben, und du niemals weißt, für wie lange sie dir noch erhalten bleiben werden? Vielleicht, weil in diesem Provinznest die Wurzeln deiner Familie liegen? Vielleicht auch, weil es gelegentlich guttut, eine Welt jenseits von coolen Clubs, Shopping Center und Menschenmassen zu erleben und dabei eine zauberhafte Hügellandschaft mit Augen, Ohren oder Fahrrad zu erkunden?“
„Aber muss es gleich eine ganze Woche sein? Drei Tage wären doch genug“, bettelte Judith, doch ihre Mutter blieb hart. „Ich habe dir bereits erklärt, dass Vater auch dienstlich in die Gegend muss und wir endlich wieder ein paar alte Freunde treffen möchten, die wir viele Jahre nicht gesehen haben, weil wir immer nur für ein verlängertes Wochenende angereist sind. Onkel Arthur und seine Familie werden wir natürlich auch sehen.“
„Und was ist mit Ben?“, fragte Judith. „Für große Brüder gelten sicher wieder Sonderregeln. Der arme Benny hat wahrscheinlich Klausuren oder muss arbeiten oder engagiert sich bei irgendeinem sozialen Projekt oder was weiß ich.“
„Stimmt nicht ganz. Sein Semester hat dann gerade erst begonnen, da kann er nicht gleich eine Woche in Leipzig fehlen. Sicher kommt Benedikt zum Osterfest nach.“
Wer’s glaubt, dachte Judith. Als ob Ben für ein Nest mit Schokoladenosterhasen und ein paar hartgekochte Eier fast 600 Kilometer fahren würde.
„Es ist entschieden“, beharrte ihre Mutter, „und für dein Internetproblem wird sich auch eine Lösung finden. Wir haben die Reise zugesagt und können die Großeltern nicht enttäuschen.“
Judith war sauer. Erst dieser unangenehme Traum, dessen Bilder nicht von ihr weichen wollten, und nun die Aussicht auf einen Zwangsaufenthalt bei der Verwandtschaft, so hatte sie sich den Beginn der besten Woche ihres Schülerlebens nicht vorgestellt. Vor allem ärgerte sie sich darüber, dass ihre Eltern sie nicht vorher gefragt hatten.
„Warum kann ich nicht zusammen mit Ben zu Ostern nachkommen?“, wagte Judith einen letzten Versuch. Aber ihre Mutter war auch auf dieses Argument vorbereitet. „Dann müsste Ben erst nach Berlin zurück, anstatt direkt anzureisen. Und dass du über Leipzig fährst oder allein anreist, ist umständlich und teuer. Außerdem sind Vater und ich davon überzeugt, dass es sich leichter lernt, wenn man nicht durch Freunde abgelenkt wird.“
Judith gab auf. Mit Mutter zu diskutieren, war selten erfolgreich. Missmutig kramte sie in ihrer Tasche nach der Monatsfahrkarte und verließ wortlos das Zimmer. Dabei schloss sie die Tür heftiger als sonst, aber es war ihr egal. Im Flur schnappte sie ihre Jacke und das Smartphone. Nach einem kurzen Chat in die Gruppe machte sie sich auf den Weg. Immerhin hielt sich das Wetter und der Bus kam sofort, als Judith die Haltestelle erreicht hatte. Sie malte sich aus, was ihre Freundinnen für Ferienpläne haben würden und wie sie ihnen die Pläne ihrer Familie beibringen sollte.
Das Café war ziemlich voll mit jungen Leuten, obwohl es weder besonders gemütlich noch billig war. Judith traf als letzte ein und konnte nicht verbergen, dass die gute Stimmung vom Mittag bei ihr verflogen war.
„Heute ist irgendwie nicht dein Tag, oder?“, bemerkte Jolo.
„Zwischendurch in der Schule schon, aber vorher und nachher kannst du vergessen“, gab Judith zu. Sie berichtete von der Diskussion mit ihrer Mutter. Judiths Befürchtung, dass alle Freundinnen tolle Urlaube vor sich hätten, traf keineswegs zu. Folglich hielt sich auch deren Mitleid in Grenzen. Jolo würde zu ihren Eltern nach Brüssel reisen und freute sich vor allem darauf, ihre kleine Schwester wiederzusehen. Tessas Eltern hatten ein Apartment mit Frühstück auf der Insel Usedom gemietet. „Hauptsache kein Pflichtprogramm“, meinte sie, „aber viel unternehmen kann man da nicht. Und Strandspaziergänge bei zwölf Grad Außentemperatur und Wind sind nicht mein Ding.“
Es zeigte sich, dass wegen der bevorstehenden Prüfungen niemand es gewagt hatte, größere Reisen für Ostern zu planen. Einzig Sina standen zwei Wochen in einem tunesischen Club bevor. Eigentlich hatte sie gar nicht so viel Lust, weit zu reisen, wäre lieber zu Hause geblieben. „Du kannst dich ein paar Tage von deinen Großeltern verwöhnen lassen, das ist doch super, Judith“, fand sie. „Und wenn du keinen Bock auf Familie hast, ziehst du dich zum Lernen zurück. Ich weiß jetzt schon, dass es mit dem Lernen am Strand nichts wird. Wie soll ich das hinkriegen unter lauter halbnackten Jungs frisch aus der Muckibude? Außerdem werde ich bei dem All-you-can-eat-Programm und den kostenlosen Cocktails an der Strandbar als fette Kuh zurückkommen.“
Die Mädchen lachten laut bei der Vorstellung. Sina war so zart gebaut, dass selbst die zierliche Judith neben ihr wie eine ältere Schwester wirkte. Sie aß wie ein Vögelchen und vertrug absolut keinen Alkohol. Und was Jungs anging … Aber das war jetzt nicht so wichtig. Obwohl sie eigentlich nicht über die Schule reden wollten, kam die Sprache doch bald auf die bevorstehenden Prüfungen. Die Mädchen diskutierten, auf welche Prüfungsthemen sie in den verschiedenen Fächern gefasst sein müssten und mit wie viel Entgegenkommen sie bei den verschiedenen Prüfern rechnen könnten. Irgendwann war auch die letzte Latte macchiato ausgetrunken und die Truppe begab sich auf den Heimweg.
2
Erwartungsgemäß verging die Woche viel zu schnell. Jeder Tag hatte sein Motto und seine Besonderheit. Die ganze Schule nahm Anteil am Verkleidungsspektakel der sonst so modisch gekleideten Abiturienten, die an einem Tag in Schlafanzügen und Nachthemden erschienen, am nächsten wie aus einem Rotlichtviertel entlaufen. Es machte allen Spaß, die jungen Männer dabei zu beobachten, wie sie in High Heels und Seidenstrümpfen über den Schulhof staksten, während die Damen mit karierten Flanellhemden, Bootcut-Jeans und Basecaps oder im dunklen Anzug mit Krawatte das andere Geschlecht imitierten. Am „Tag der Kindheitshelden“ waren einige Schüler so grandios verkleidet, dass sie von Lehrern gebeten wurden, in der Großen Pause den nahe gelegenen Grundschulbereich zu besuchen und die Kleinen zu erfreuen. So trotteten Benjamin Blümchen, Bibi Blocksberg, Harry Potter, Barbie und Bart Simpson, angeführt von zwei Lehrern, über die Straße, immer begleitet von einem Fotografenteam, das sensationelle Schnappschüsse für das Erinnerungsbuch der Abschlussklasse witterte.
Am letzten Tag gab es bei einigen auch ein paar Tränen. Allen war bewusst geworden, dass mit dieser genialen Woche ein Lebensabschnitt zu Ende ging.
3
Judith spielte mit Begeisterung Volleyball, erst recht, seit sie in die erste Damenmannschaft ihres Vereins aufgenommen worden war, obwohl sie für eine Volleyballerin nicht besonders groß war. Trotzdem konnte sie sich nach einem anstrengenden Schultag oft nur schwer aufraffen, zum Sporttraining zu fahren. Auch an diesem Freitagnachmittag hätte sie nichts dagegen gehabt, zu Hause zu bleiben und in Ruhe zu chatten und zu surfen. Aber wenn sie ihren Platz im Leistungsteam behalten wollte, durfte sie keine Trainingseinheit verpassen. Außerdem war es die letzte Trainingseinheit vor den Osterferien. Also schwang sie sich um zwanzig vor Fünf erneut aufs Fahrrad und radelte zur Sporthalle. Die Hälfte der Mädchen war bereits umgezogen, als sie die Umkleide betrat, einige spielten sich ein. Alle waren schon in Ferienstimmung und die Gespräche drehten sich um das Ferienprogramm. Judith bemühte sich, nicht hinzuhören. Sie war immer noch aufgebracht wegen der Auseinandersetzung mit ihrer Mutter und hoffte, dass das Training sie davon ablenken würde. Tatsächlich fühlte sie sich nach eineinhalb Stunden Training ausgepowert, aber viel zufriedener als vorher.
Auf dem Heimweg fuhr sie kurz entschlossen einen kleinen Umweg und hielt an der Bibliothek, um Bücher für die Vorbereitung der schriftlichen Abiturprüfung auszuleihen. Das am See gelegene Gebäude war hell erleuchtet und vor dem Eingang standen noch viele Fahrräder. Sie schloss ihr Fahrrad an, betrat das Gebäude durch den schlauchförmigen Gang mit automatischen Türen. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt da gewesen war. Als Kind war sie wohl mit Mutter gelegentlich hier gewesen, aber sie erinnerte sich weniger an die große Halle als an die geheimnisvollen Zeichen auf den Bücherrücken der Leihgaben, die Eingeweihten ihren Standort verrieten. In der Mitte der Eingangshalle befand sich der Informationsstand, den sie zielstrebig ansteuerte, um keine Zeit zu verlieren. Die freundliche ältere Dame hinter dem Tresen sah Judith offenbar an, dass sie keine Lust auf eine weitschweifige Einführung in die Nutzungsbestimmungen hatte, und wies sie in zwei Sätzen auf die Garderobe, die Schließfächer, den Getränkeautomaten, das Handyverbot und die Computerplätze hin. „Wenn Sie Ihren Personalausweis dabeihaben, kann ich Ihnen noch heute einen neuen Ausweis kodieren.“
Judith legte den Ausweis auf den Tresen und die Dame versprach ihr, alles fertig machen, während sie sich nach Büchern umsah.
Unerwartet genoss sie das Gefühl, von Büchern umgeben zu sein. Es war ziemlich ruhig, eigentlich ein guter Ort zum Lernen, dachte Judith. Die Bezirksbibliothek war ein gewölbeförmiger Bau mit riesigen Glasfronten und einer breiten Galerie ringsum, die dem Saal die Atmosphäre eines kleinen Bahnhofs gab, dem der Ton abgedreht war. Durch die großzügig verteilten Bücherregale wirkte der Raum nicht überfüllt und es war schwer vorstellbar, dass hier mehr als hunderttausend Bücher untergebracht waren. Judith wanderte im Erdgeschoss an einigen Arbeitstischen vorbei in Richtung der Abteilung Geschichte und Erdkunde.
„Hallo Judith, was machst du denn hier?“ Der Junge, der sie ansprach, saß an einem der Tische, vor sich sein Tablet und links und rechts Bücherstapel, in denen Zettel steckten. Es war Karim aus der ehemaligen Parallelklasse, ein eher unauffälliger Typ. Einige hielten ihn für einen Nerd. Judith hätte nicht erwartet, dass er ihren Namen wusste. Zu ihrer Überraschung wirkte er hier kein bisschen schüchtern, sondern selbstbewusst, da er sich offenbar auskannte.
„Ich brauche Bücher“, sagte Judith betont desinteressiert.
„Das trifft sich gut, da bist du hier genau richtig. Was für Bücher denn?“
„Geschichte.“ Judith fühlte sich durch Karims leichte Ironie provoziert.
„So, also Geschichte. Das engt die Suche beträchtlich ein. Hast du ein Thema?“
Judith war schon ein bisschen genervt, aber sie gab sich einen Ruck und blieb freundlich. „Mündliches Abi. Was die Themen halt so sind. Griechische Antike, Rom, Weimarer Republik, Drittes Reich, vielleicht noch Kubakrise und Ostverträge, was weiß ich. Ich weiß noch nicht, wie ich mich vorbereiten soll. Hab eigentlich keinen Bezug dazu. War wohl die falsche Entscheidung.“ Sie wusste selbst nicht, warum sie ihm so offen berichtete. „Und was führt dich hierher?“
„Ich bin ziemlich oft hier, so ungefähr jeden zweiten Tag. Die Bib ist quasi mein Arbeitszimmer. Hier bereite ich mich aufs Abi vor und arbeite an meinem Projekt. Unsere Wohnung ist ziemlich klein und meine Schwestern müssen sich ein Zimmer teilen. Wenn ich hier arbeite, kann eine meiner Schwestern mein Zimmer nutzen.“ Das klang logisch.
„Was ist das für ein Projekt?“, fragte Judith. Nicht dass es sie wirklich interessiert hätte, aber es wäre ihr unhöflich erschienen, nicht zu fragen.
„Naja, das ist so ein Jugend-forscht-Ding. Ich arbeite an einer neurologischen Fragestellung. Kann ich dir bei Gelegenheit mal genauer erläutern, falls es dich interessiert.“
Das kannst du gern für dich behalten, dachte Judith, sagte aber nichts.
„Wenn du Schwierigkeiten hast, dich zurechtzufinden, helfe ich dir gern.“
„Danke, das ist lieb, aber ich komme schon klar.“ Das war nun der richtige Zeitpunkt, sich abzusetzen. Judith ging in den vorderen Bereich der Halle zurück, ließ sich an einem der Computerplätze nieder und überlegte, welchen Suchbegriff sie zuerst verwenden sollte. Sie rief Kategorien und Buchtitel auf, machte sich Notizen und versuchte, die bibliographischen und bibliothekarischen Hinweise zu deuten. Nach einer halben Stunde hatte sie etwa zwanzig Buchtitel ausgesucht, deren Inhalt sie bestenfalls ahnen konnte und von deren Standort in der Bibliothek sie keine Ahnung hatte.
Als der spärliche Rest von Tageslicht, der durch die riesige Fensterfront fiel, die mit ihrer wuchtigen Rundung an ein romanisches Kirchenfenster erinnerte, zum Lesen nicht mehr genug Licht hergab, gingen auf den Schreibtischen überall die Lampen an und verliehen dem Raum jene geheimnisvoll intellektuelle Gemütlichkeit, die Bibliotheken eigen ist. Judith fing an, schläfrig zu werden und gähnte herzhaft. Sie drehte sich zu Karim um, der nicht weit von ihr saß, und musterte ihn unauffällig von der Seite. Eigentlich sah er nicht übel aus mit seinem schwarzen Wuschelkopf und den tiefbraunen Augen hinter randlosen Brillengläsern. Ein schlaksiger Typ, nicht gerade muskulös, aber auch nicht unsportlich. Er kleidete sich unauffällig, aber wie alle Nerds immer haarscharf an der Mode vorbei. Judith hatte eigentlich keine große Lust, das Gespräch mit ihm wieder aufzunehmen; er konnte ihr sowieso nicht weiterhelfen. Aber jetzt nach alten Geschichtsbüchern zu suchen, schien ihr noch weniger attraktiv. Daher beschloss sie, das Gespräch fortzusetzen, vorausgesetzt natürlich, Karim ließ sich darauf ein. Sie erhob sich und schlenderte wie zufällig an seinem Tisch vorbei. „Machst du dieses Projekt, von dem du gesprochen hast, weil du in die Richtung einen Beruf suchst? Weißt du schon, was du studieren willst?“
Karim zögerte. „Naja, im Prinzip schon. Ich möchte gerne an etwas forschen und versuche herauszufinden, welche Aspekte mir am meisten liegen und Spaß machen.“
„Und? Schon irgendwelche Ergebnisse?“
„Die meisten Forschungsprojekte sind heute interdisziplinär angelegt, das heißt, daran arbeiten Leute mit verschiedenen Spezialisierungen, an einem Thema wie meinem zum Beispiel würden Biologen, Chemiker, Mediziner, Statistiker und Informatiker mitwirken. Oft werden ganz bewusst Denkmodelle aus anderen Fachrichtungen auf ein Fachgebiet übertragen, um zu neuen Ergebnissen zu kommen. Ich kann noch nicht sagen, was mir besonders liegt. Momentan würde ich zur Chemie tendieren.“
„Wieso das?“
„Die Chemie erscheint mir als die kreativste und ästhetischste Naturwissenschaft. In der Physik bleiben die Bestandteile eines Stoffes immer sie selbst. In der Biologie passieren Veränderungsprozesse entweder von selbst oder sie werden angeschoben durch bestimmte äußere Einflüsse und Entwicklungen. Das dauert seine Zeit. Die Medizin hingegen orientiert sich immer an dem, was nicht in Ordnung ist, an Krankheiten, Missbildungen oder Fehlfunktionen. In der Chemie kannst du mit verschiedenen Zutaten innerhalb kürzester Zeit völlig neue Stoffe und Verbindungen mit unterschiedlichsten Eigenschaften erfinden, das ist fast ein bisschen wie Kunst.“
„Stimmt, Liebe ist schließlich auch bloß Chemie“, sagte Judith und ärgerte sich im selben Moment über die unbedachte Äußerung. Karim grinste leicht. „Das ist eine Frage der Betrachtung. Zumindest sind die chemischen Prozesse ein Aspekt davon.“
Blöd ist er nicht, dachte Judith und vergaß, dass sie eigentlich keine längere Unterhaltung mit Karim geplant hatte.
„Wie kommst du zurecht? Hast du schon geeignete Bücher gefunden?“, fragte Karim. Judith deutete auf ihre Notizen.
„Ich weiß nicht. Es gibt superviel zu den Themen, aber die Titel sagen oft wenig über den Inhalt aus. Außerdem kann ich mich nicht entscheiden, womit ich anfangen soll.“
„Wahrscheinlich beginnst du zur Vorbereitung am besten mit dem Lesen über das ausgehende Kaiserreich. Du solltest die Weltlage kennen, wie sie beim Ausbruch des ersten Weltkriegs vor gut 100 Jahren war. Dann ein bisschen über den Versailler Vertrag und welche Auswirkungen er auf die Politik der Weimarer Republik und für den Aufstieg Hitlers hatte. Beim Thema Drittes Reich, Judenverfolgung und Zweiter Weltkrieg musst du natürlich ein bisschen tiefer einsteigen, aber das ist alles machbar.“
„Danke, Herr Professor, mir wird jetzt schon schlecht. Kannst du nicht für mich in die Prüfung gehen? Ich bin überzeugt, du könntest das ganz ohne Vorbereitung.“
Karim reagierte nicht auf die Ironie in ihrer Stimme. „Das hört sich schlimmer an, als es ist. Außerdem sind das doch Dinge, die man wissen sollte, auch ohne Prüfung, oder?“
„Kann sein“, sagte Judith, „bloß habe ich keinen Bezug dazu. Meine Familie war von diesen Dingen im Dritten Reich kaum betroffen. Einer meiner Großväter ist wohl in den letzten Kriegstagen als Jugendlicher noch eingezogen worden, aber er ist gestorben, als ich noch klein war, ich kann mich kaum an ihn erinnern. Der andere Großvater war ein kleines Kind, als der Zweite Weltkrieg anfing. Über meine Urgroßväter weiß ich so gut wie nichts. Und die Frauen waren doch fast alle unpolitisch und haben nur geschaut, dass sie genug zu essen für die Kinder hatten.“
Judith versuchte sich zu erinnern, wann sie mit den Eltern oder Großeltern über die Zeit vor der Bundesrepublik Deutschland gesprochen hatte, und kam zu keinem Ergebnis. Eigentlich ungewöhnlich, dass diese Epoche an einer Familie vorbeigelaufen war. Kein Soldat, keine Krankenschwester, keine politische Verstrickung. Die Geschichte war schlicht Vergangenheit, nichts weiter. Aber mit etwas Vorbereitung würde die Geschichtsprüfung schon gutgehen. Sie musste einfach die historischen Fakten lernen wie mathematische oder chemische Formeln und in der mündlichen Prüfung einen kleinen Text analysieren und erklären. Und reden konnte sie. Dank einem großen Bruder, dem sie körperlich immer unterlegen gewesen war, und rhetorisch geschulten Eltern, die Diskutieren als Hobby betrieben, war Reden können in ihrer Familie schon immer eine Überlebensfrage gewesen.
„Was ist mit deiner Familie, ist sie auf irgendeine Weise von der Nazizeit betroffen gewesen?“, fragte Judith.
„Eher weniger, aber das ist ein bisschen speziell. Wenn du heute noch Bücher aussuchen und ausleihen willst, solltest du es jetzt tun, denn die Bib schließt in einer halben Stunde.“
Mit Karims Hilfe fand Judith schnell ein paar geeignete Bücher. Nachdem die Dame an der Information ihr den neuen Ausweis ausgehändigt und die Bücher gescannt hatte, verstaute Judith sie in ihrer Sporttasche und verließ dann gemeinsam mit Karim die Bibliothek. Inzwischen war es stockdunkel geworden und Karim bestand darauf, sie mit dem Fahrrad bis nach Hause zu begleiten. Judiths Argument, dass sie die Strecke immer allein vom Training abends nach Hause fuhr, ließ er nicht gelten. So fuhren sie zu zweit durch die dunklen Straßen und Judith fühlte sich nicht unwohl dabei. Wenn du als Mädchen keinen Jungsstress willst, suchst du dir als Begleitung einen Schwulen oder einen Nerd. Hauptsache, keiner ihrer Freunde bekam etwas davon mit.
„Nett wohnst du“, bemerkte Karim, als sie an ihrem Haus ankamen. Er stieg nicht ab, wünschte ihr nur schöne Ferien und fuhr weiter. Im Grunde kein übler Typ, jedenfalls nicht aufdringlich, dachte Judith.
Was für eine Woche, was für ein Tag. Am Ende war die Reise zu den Großeltern doch gar keine schlechte Idee, um Abstand zu gewinnen und sich dann in die Prüfungsvorbereitungen zu stürzen. Der Traum vom Wochenbeginn war längst vergessen.
4
Als Judith am Samstag um zwölf Uhr vom Mittagsleuten der nahe gelegenen Kirche aus einem traumlosen Schlaf erwachte und instinktiv nach der Fernbedienung griff, um das Smart-TV an ihrer Zimmerwand mit seiner beachtlichen Bildschirmdiagonale einzuschalten, war sie guter Dinge. Auch wenn die Promi-News nichts enthielten, was sie nicht schon gewusst oder zumindest geahnt hätte, fand sei es amüsant, die Geschichten der Reichen und Schönen zu hören. Ihre Mutter sah indessen nicht so fröhlich aus, als Judith eine halbe Stunde später barfuß in die Küche tapste, um sich ein Glas Sojamilch aus dem Kühlschrank zu holen.
„Es ist schade, dass wir es nicht schaffen, wenigstens am Wochenende gemeinsam zu frühstücken“, sagte sie seufzend. „Irgendwann werden wir das bedauern. Wenigstens haben wir die kommende Woche gemeinsam. Sieh zu, dass du bis heute Abend fertig gepackt hast, denn wir wollen morgen zeitig aufbrechen.“
„Ich brauche nicht mehr als eine halbe Stunde zum Packen. Sagt mir eine Zeit und ich bin dann fertig.“
Das Klingeln des Festnetztelefons unterbrach ihre Unterhaltung. Nach den ersten Sätzen stellte Judiths Mutter das Telefon laut, damit Judith mithören konnte. Es war ihr Bruder Ben, der aus Leipzig anrief. „Ich würde so gerne mit euch kommen und beneide dich jetzt schon um das geniale Programm, das du haben wirst, Schwesterchen“ dröhnte er durchs Telefon. Sie sah sein geschwisterlich schadenfrohes Grinsen buchstäblich vor sich.
„Seit wann interessierst du dich für mein Freizeitprogramm?“ sagte Judith. „Lass das einfach meine Sorge sein. Und welchen Hirnschmalz fressenden Tätigkeiten wirst du dich in der Zeit hingeben? Für Komasaufen bist du zu alt. Was bleibt da noch? Politische Diskussionen mit deinen oberschlauen Kommilitonen, wie ihr die Republik retten könnt? Oder zieht ihr euch zehn Folgen Game of Thrones hintereinander rein mit zwanzig Bier und dreißig Chipstüten? Dankeschön, da mache ich doch lieber einen Spaziergang mit Oma und Opa und lasse mich mit gutem Essen verwöhnen.“
„Schön, dass du das so siehst, dann sind wir uns ja wieder einmal vollkommen einig.“, antwortete Ben. Seine Mutter beendete die Auseinandersetzung, indem sie den Lautsprecher ausschaltete.
Gerade als sich Judith wenige Minuten später in ihr Zimmer zurückziehen wollte, um noch etwas auszuruhen und den Tag durchzuplanen, klingelte das Telefon erneut. Diesmal waren es die Großeltern, besser gesagt, die Großmutter, die letzte Absprachen für die gemeinsame Woche treffen wollte. Ihre Mutter hatte bereits das Haus verlassen, also war es an Judith, die Details zu klären. Die Freude der Großmutter auf den Besuch und die Bedeutung, die sie ihm beimaß, war aus jeder ihrer Äußerungen heraus zu hören. Sie wollte nichts dem Zufall überlassen und es dauerte eine Weile, bis sie sich alle Fragen vom Herzen geredet hatte und mit Judiths Antworten einigermaßen zufrieden war. „Dann bleibt mir nur noch, euch eine gute Fahrt zu wünschen“, sagte Judith schließlich und Großvater, der wie üblich schweigend im Hintergrund mitgehört hatte, rief noch ein „Gott schütze euch!“ ein.
„Wir freuen uns auf die Reise und auf das Zusammensein mit euch“, sagte Judith pflichtgemäß und drückte die Trenntaste, legte das Telefon auf dem Küchentisch ab, schlurfte in ihr Zimmer zurück und ließ sich mit ausgebreiteten Armen auf ihr Bett fallen. Familie ist so anstrengend, dachte sie, während ihr Smartphone im Sekundenabstand summend den Eingang neuer Textnachrichten signalisierte.
Am nächsten Morgen konnten sie tatsächlich zu der frühen Zeit aufbrechen, die sie sich vorgenommen hatten, obwohl Judiths Mutter wie üblich in letzter Minute noch mehrere Dinge einfielen, deren Erledigung auf keinen Fall bis zur Rückkehr nach Berlin aufgeschoben werden konnte. Währenddessen saß Judiths Vater bereits im Auto und programmierte umständlich das alte Navigationsgerät, dessen Halterung sich nach mehreren vergeblichen Anläufen erfolgreich an der Windschutzscheibe festgesaugt hatte.
„Hat sich irgendetwas an der Strecke geändert, Friedrich, gibt es gesperrte oder neue Autobahnen oder warum brauchst du ein Navi, um den Weg zu finden, den wir in den vergangenen fünfzehn Jahren schon zigmal gefahren sind?“ Judiths Mutter hatte endlich alles erledigt, was ihr noch in den Sinn gekommen war, und zeigte nun ungeduldig, dass es losgehen sollte. Anstelle einer Antwort prüfte Judiths Vater zum letzten Mal seinen E-Mail-Postkorb, steckte das Smartphone in die Mittelkonsole zwischen die Getränkeflaschen und stellte das Radio an, bevor er den Motor startete. Judith hatte sich bereits in ihre Musik eingehüllt, lehnte den Kopf gegen Reisekissen und Seitenscheibe und schloss die Augen. Sie stellte sich vor, dass die Woche dem Ende zuginge und sie bereits auf dem Rückweg nach Berlin seien. Mit diesem beruhigenden Gefühl döste sie nach kurzer Zeit ein.
Als sie nach mehr als sechs Stunden in die Einfahrt des großelterlichen Grundstücks einbogen, stand die Großmutter wie zufällig am Wohnzimmerfenster und winkte ihnen freudig zu. Ihr Großvater stapfte aus dem hinteren Teil des Gartens herbei, in Gummistiefeln, mit einem Spaten in der Hand. Es war das Bild, das Judith noch vom letzten Besuch in Erinnerung hatte und einen Moment lang fühlte sie, welches Glück es bedeutete, solche Großeltern zu haben.
5
Am nächsten Morgen begleitete Judith ihre Großmutter zu Fuß ins Zentrum, um frische Zutaten fürs Abendessen zu besorgen, während ihr Vater zu einem dienstlichen Termin aufgebrochen war und ihre Mutter sich mit einer alten Freundin verabredet hatte. Manchmal blieb die Großmutter stehen, um ein paar Worte mit Bekannten zu wechseln. Sie tauschten sich aus über das Wetter, über anstehende und vergangene Feste, natürlich auch über die Kinder und Enkel, und einmal musterte eine Frau sie freundlich und sagte: „Du bist aber groß geworden. Als ich dich zuletzt gesehen habe, wurdest du noch von der Oma im Kinderwagen geschoben.“
Judith lächelte freundlich und sagte nichts, offenbar wurde auch keine Antwort erwartet, denn die Dame wechselte sogleich das Thema und berichtete ausführlich von der Beerdigung eines Nachbarn, an der sie teilgenommen hatte.
Nach dem gemeinsamen Einkauf machte sich die Großmutter sogleich ans Kochen. Sie setzte die Kartoffeln auf, zerpflückte Blumenkohlröschen, wälzte Fleischscheiben in selbst zubereiteter Marinade und begann, eine Sauce für den Salat anzurühren. Judith bot an, den Tisch zu decken. Nachdem das erledigt war, zog sie sich in ihr kleines Gästezimmer im Obergeschoss zurück, das einmal das Kinderzimmer von Mutters Bruder Arthur gewesen war. Die ganze Etage des Hauses atmete den Charme der frühen Siebziger Jahre mit der Einbausitzecke in der Küche und dem olivfarbenen Badezimmer. Judith fühlte sich auf einmal eingeengt. Was machte sie eigentlich hier? Wie sollte sie so eine Woche überstehen? Sie checkte die zwischenzeitlich eingegangenen Nachrichten. Da nichts Wichtiges angekommen war und sie selbst nichts zu berichten hatte, suchte sie im Internet nach Veranstaltungsprogrammen und blieb beim Kinoprogramm hängen. Nachdem sie festgestellt hatte, dass keiner der aktuellen Kinofilme in Frage kam, blieb fast nichts mehr übrig. Judith beschloss, den Film vorzuschlagen, der zu früher Abendzeit in einem Bonner Programmkino gezeigt würde, einen britischen Spielfilm mit dem Titel „Philomena“ über eine pensionierte Krankenschwester, die sich zusammen mit einem gefeuerten Reporter auf die Suche nach ihrem vor Jahrzehnten unfreiwillig zur Adoption gegebenen unehelichen Sohn macht.
Als die Großmutter an den Abendtisch rief, waren auch die Eltern inzwischen zurückgekehrt. Judith brachte das Gespräch sogleich auf das Programm für den folgenden Tag. Die Großeltern schienen zunächst nicht sonderlich angetan von Judiths Idee.
„Ich weiß nicht“, sagte Großvater, „Kino ist doch eher etwas für junge Leute. Da sitzt man lange im Dunkeln und kann gar nicht miteinander reden.“
Als Judith das Thema des ausgesuchten Spielfilms vorstellte, herrschte für einen kurzen Moment Schweigen. Judiths Eltern tauschten seltsame Blicke aus.
„Wenn euch das nicht interessiert, können wir auch einen anderen Film aussuchen“, sagte Judith ein wenig enttäuscht.
Ihre Großmutter sprang ihr bei: „Du hast den Film ausgesucht, jetzt gehen wir auch dahin. Das ist schon in Ordnung.“
Nach dem Abendessen zog sich Judith bald zurück und überließ das Feld ihren Eltern, die sich sicherlich noch stundenlang mit den Großeltern austauschen würden.
Der Folgetag verging erstaunlich schnell. Judith konnte sich noch nicht überwinden, die mitgebrachten Lernmaterialien auszupacken. Nach einem kurzen Verwandtenbesuch im Nachbarort machten sie sich am Spätnachmittag zu fünft im Auto auf den Weg nach Bonn. Sie parkten das Auto in einer Tiefgarage am Rhein und liefen die kurze Strecke zum Kino vorbei am Hauptgebäude der Universität. Die Abendsonne warf ein mildes Licht auf die Straßen und Plätze und ließ die Stadt noch beschaulicher erscheinen, als sie es an normalen Tagen war. Am Markt deutete Mutter auf ein ehrwürdiges rosa und weiß gestrichenes Gebäude mit einem rautenförmigen Treppenaufgang hinter einigen Obst- und Gemüseständen. „Dort auf der Treppe haben Politiker wie Charles de Gaulle, John F. Kennedy und Michail Gorbatschow zu den Menschen gesprochen und sich in das Goldene Buch der Stadt Bonn eingetragen und hier haben wir vor mehr als einem Vierteljahrhundert gestanden und gegen den Umzug der Bundesregierung nach Berlin demonstriert“, sagte sie, und es klang ein bisschen stolz. Judith fand es schwer, sich vorzustellen, dass dies einmal die deutsche Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland gewesen sein sollte. Auch zu einem der anderen Gebäude, in dessen Erdgeschoss sich eine Buchhandlung befand, wusste Mutter etwas zu erzählen. „Hier war früher das Metropol-Theater, eines der beliebtesten Bonner Kinos. 1982 haben wir hier den Film „Ghandi“ angeschaut. In der Reihe vor uns saßen zwei damals sehr prominente Menschen, Gerd Bastian und Petra Kelly, Gründungsmitglieder der Grünen.“
Alle erinnerten sich, außer Judith natürlich, die nichts Besonderes dabei fand. „Warum sollen Politpromis nicht auch mal in der Hauptstadt ins Kino gehen?“, wunderte sie sich.
„Stimmt!“, sagte Mutter, „das Erlebnis ist mir auch nur deshalb so gut in Erinnerung geblieben, weil später der General Bastian Petra Kelly und sich selbst erschossen hat und man nie den Grund herausgefunden hat. Das war hier, ganz in der Nähe, in Tannenbusch. Ich habe mich immer gefragt, wie das zu dem Film passte, den wir gemeinsam gesehen hatten. Aber wahrscheinlich hatte Beides nichts miteinander zu tun.“
Beim Erzählen waren sie am Kino angekommen. Judiths Mutter holte die vorbestellten Tickets und nahm Getränkewünsche entgegen. Während ihr Vater mit den Großeltern direkt zu dem kleinen und einzigen Kinosaal durchging, warteten Judith und ihre Mutter auf die Getränke und ließen zwei Tüten salziges Popcorn abfüllen. Schon wenige Minuten nach Beginn des Films wusste Judith, dass sie die richtige Wahl getroffen hatte. Die Großeltern ließen sich einfangen von den klaren Dialogen, von den wunderbaren Hauptdarstellern und von der Geschichte. Wie gebannt schauten sie auf die Leinwand und übersahen das angebotene Popcorn. Nach einer halben Stunde bemerkte Judith überrascht, dass die Großmutter Tränen in den Augen hatte, während ihr Großvater mit unbewegtem Blick nach vorn starrte. Am Ende des Films war auch Judith berührt, die sich eher selten von Emotionen auf der Leinwand mitreißen ließ, allerdings weniger von der Geschichte selbst als von den Reaktionen der Großeltern. Im Strom der anderen Kinobesucher gingen sie langsam nach draußen, wo es inzwischen kühl, aber noch nicht sehr dunkel geworden war.
„Das war ein ganz wunderbarer Film“, sagte Großmutter, die sich inzwischen wieder gefangen hatte, als sie über den Rathausplatz in Richtung Hofgarten schlenderten.
„Danke für diese schöne Idee“, bemerkte auch Großvater, „allein wären wir nicht ins Kino gegangen.“
In einer Weinstube neben dem Rathaus setzten sie sich auf ein Getränk hin und hatten auf einmal das Bedürfnis, über den Film zu sprechen. Nur Großvater blieb merkwürdig still.
„Mich hat sehr beeindruckt, dass die Mutter den Nonnen verzeihen konnte, nach allem, was ihr angetan wurde. Damit hat sie wahre Größe bewiesen. Schließlich haben die ihr das Kind nicht nur weggenommen, sondern auch verhindert, dass der Sohn seine Mutter finden konnte, als er erwachsen war“, meinte Judiths Großmutter.
„Beeindruckend ist das schon“, wandte Judith ein, „aber ich denke eher wie der Journalist, der gesagt hat, dass er das nicht verziehen hätte. Natürlich waren die Umstände schwierig, aber das Lügen bis zum Tod hat die Dinge erst wirklich schlimm gemacht. Die alte Nonne hat der Mutter das Kind sozusagen zweimal weggenommen. Das war einfach nur grausam und unnötig. Denselben Fehler zweimal zu begehen, ist unentschuldbar.“
Als Judith auf ihr Zimmer ging, fiel ihr ein, dass sie seit fast sechs Stunden nicht mehr auf ihr Smartphone geschaut hatte. Als sie den Chat abrief, waren mehr als 30 Nachrichten eingegangen. Seltsam, sie hatte gar nichts vermisst. War im Kino, postete sie in die Gruppe. Der Film war eher was für die Älteren. Hab‘ schon Schlechteres gesehen.
Dann schaltete sie das Gerät aus, ohne auf eine Reaktion zu warten.
6
Im Grunde war alles genauso gekommen, wie sie es sich vorgestellt hatte. Leckeres Essen bis zum Abwinken, aber ansonsten vor allem Ratlosigkeit, wie sie den Tag verbringen sollte. Beim Versuch zu lesen waren ihr schon nach kurzer Zeit beinahe die Augen zugefallen. Zum Lernen für die Abiturprüfung konnte sie sich nicht durchringen, die ausgeliehenen Bücher lagen unangetastet im Koffer. Wenn wenigstens Ben mitgekommen wäre. Mit ihm zu streiten wäre immer noch besser gewesen als diese Zeitvergeudung.
Die Eltern waren zu Mutters Schulfreund eingeladen und Großmutter hantierte in der Küche, vom Großvater keine Spur.
„Opa ist auf dem Dachboden und sortiert alte Sachen aus“, bemerkte Großmutter, als ob sie Judiths Gedanken erraten hätte. „Magst du hochgehen und mitschauen? Vielleicht gibt es etwas, das du gebrauchen kannst.“
Judith legte ihr Buch beiseite und erhob sich lustlos. Warum nicht zum Großvater auf den Dachboden gehen, dachte sie. Wo ich mich langweile, ist schließlich egal. Von der Treppe im Obergeschoss stieg sie die Treppe zum Dachboden hoch, deren letzte Biegung so niedrig war, dass selbst Judith den Kopf einziehen musste. Durch eine einfache Brettertür betrat sie den fast quadratischen Raum, der sein Licht durch ein breites zweiflügeliges Gaubenfenster erhielt. Das Fenster war geschlossen und die Luft schmeckte nach Staub. Judiths Großvater war so sehr in seinem Element beim Räumen, dass er sie nicht gleich bemerkte. Sie schaute sich um. Möbel unterschiedlichster Stilrichtungen gab es hier oben, teilweise verpackte Stehlampen, Umzugskisten, gestapelte Stühle und vieles andere. Keine Antiquitäten, keine Schätze, aber eine Reihe von Dingen, die sicherlich eine Geschichte erzählen konnten. Am merkwürdigsten erschienen Judith die Umzugskisten, denn sie wusste aus den Erzählungen der Eltern, dass ihre Großeltern in ihrem Leben niemals gemeinsam umgezogen waren. Eine Kiste stand etwas abseits und trug keinen Aufdruck einer Umzugsfirma, war etwas kleiner als die anderen und schien älter. Vielleicht war es auch kein Umzugskarton, sondern bloß ein Verpackungskarton. Großvater hatte alle Kisten mit weißen Aufklebern versehen, die den Inhalt der jeweiligen Kiste bezeichnete. Nur auf der kleinen ältesten Kiste stand nichts.
„Was ist da drin?“, fragte Judith und deutete auf die Kiste, und jetzt erst bemerkte Großvater sie.
„Schön, dass du mir beim Aussortieren helfen willst“, sagte er. „In diesen Kisten sind lauter Sachen, die wir eigentlich nicht mehr brauchen, von denen ich mich aber noch nicht trennen möchte. Irgendwann habe ich bei dem Versuch, die alten Sachen zu reduzieren, festgestellt, dass ich mir die Mühe sparen kann, bei jedem Ding abzuwägen, ob es erhaltenswert ist. Da ich nie mehr abgelegt habe, als auf diesen Dachboden passt, war es egal. Und als deine Mutter und ihr Bruder Arthur eigene Häuser mit einem Dachboden hatten, konnten sie alles mitnehmen, was ihnen gehörte. Dadurch ist hier genug Platz für alles.“
„Was ist mit der alten Kiste da drüben, die kleinere, die mit den verbeulten Ecken?“, fragte Judith noch einmal.
„Die da? Ach ja, da habe ich nichts draufgeschrieben. Die alte Kiste enthält alles, was ich von Tante Anna geerbt habe. Leider ist nichts Interessantes dabei, es sind nur alte Zeitschriften, etwas Kleinkram und ein paar belanglose Unterlagen.“
„Wer ist Tante Anna? Eine Schwester deiner Mutter oder deines Vaters?“
„Weder noch. Natürlich, wie solltest du das wissen. Ich kannte sie nicht gut, habe sie nur wenige Male in meinem Leben getroffen. Sie war, nun ja, im Grunde keine Tante.“
Irgendetwas in seiner Stimme bewog Judith, weiter zu fragen.
„Wenn sie keine Tante war, was war sie dann? Eine Freundin deiner Eltern vielleicht?“
„Meine Eltern haben sie erst kennengelernt, als sie schon ältere Leute waren.“ Judiths Großvater zögerte kurz. „Also meine Eltern, du weißt, Opa Johann und Oma Sophia, sie waren nicht meine richtigen Eltern. Sie haben mich in Pflege genommen, als ich ein kleiner Junge war. Weil meine leibliche Mutter nicht für mich sorgen konnte. Meine Mutter war …“
„Anna!“, fiel Judith ein.
„Richtig. Sie war nicht verheiratet und du kannst dir sicher vorstellen, was es vor über achtzig Jahren bedeutete, wenn eine unverheiratete Frau ein Kind bekam.“
„Opa, jetzt verblüffst du mich aber.“ Judith war ehrlich überrascht. Ihr Großvater ein uneheliches Kind? Das fing an, interessant zu werden. Seltsam, dass sie erst jetzt und durch diesen Zufall davon erfuhr. „Das muss schlimm für deine Mutter gewesen sein, ihr Kind weggeben zu müssen. Man stelle sich vor, ihr einziges Kind, oder? Bestimmt wollte sie dich später zu sich holen, wenn sie einen passenden Mann gefunden hätte.“
Judiths Großvater zuckte die Schultern. „Das weiß ich nicht. Soweit mir bekannt ist, hat sie sich während meiner Kindheit nie nach mir erkundigt. Ich habe sie zum ersten Mal getroffen, als ich erwachsen war. Da hatte sich das Thema natürlich erledigt.“
„Aber sie hat dich nur in Pflege gegeben. Warum hätte sie das tun sollen, wenn sie nicht die Absicht hatte, dich irgendwann zu sich zu nehmen? Dann hätte sie dich auch zur Adoption freigeben können.“
„Vielleicht hätte sie das, ich weiß es nicht. Rein rechtlich wäre das wohl möglich gewesen. Obwohl sie sich geweigert hat, gegenüber der Behörde den Vater zu nennen.“
Judith schaute verständnislos.
Großvater fuhr fort: „Für eine Adoption wäre es besser gewesen, wenn die Herkunft beider Eltern festgestanden hätte.“
„Aha, ich verstehe, es war ihr peinlich, den Namen des Vaters preiszugeben. Oder der Mann wollte das nicht.“
„Es wäre ihr bestimmt peinlich gewesen, aber das muss nicht der einzige Grund gewesen sein. Auch nicht der Umstand, dass der Mann, dem sie das Kind zu verdanken hatte, wahrscheinlich verheiratet war. Er hätte sein Einverständnis für eine Adoption bestimmt gegeben. Damit hätte er ja die Verantwortung für das Kind abgeben können, er wäre seine Unterhaltsverpflichtung losgeworden. Aber vielleicht hätte es ihm geschadet, seine Vaterschaft zuzugeben. Er könnte zum Beispiel ein katholischer Priester oder in einer gewissen gesellschaftlichen Position gewesen sein oder Beides.“
„Heißt das, du weißt überhaupt nicht, wer dein Vater war?“
Judiths Großvater setzte die Kiste, die er gerade angehoben hatte, wieder ab. „Das ist richtig. Meine leibliche Mutter hat es mir nie gesagt.“
Judith war verwirrt. „Wie konnte sie das tun? Jeder Mensch hat doch ein Recht zu erfahren, von wem er abstammt.“
„So sehen wir das heute, Judith. Bedenke die Zeit, in der ich geboren wurde.“ Er hob die kleine Kiste auf und setzte sie auf einer kleinen Kommode ab. „Es könnte sein, dass mein leiblicher Vater nicht so war, wie sich die Behörden damals einen Mann vorstellten, dessen Kind in eine deutsche Familie vermittelt wird.“
„Na ja, schwul wird er wohl kaum gewesen sein.“ Judith grinste. „Oder du meinst, er war Ausländer?“
Ihr Großvater schaute irritiert. „Meine liebe Judith, etwas mehr Geschichtskenntnisse hätte ich dir schon zugetraut. Nein, er könnte Jude gewesen sein, das wäre auch eine logische Erklärung. Aber das ist keineswegs sicher. Es gibt keine konkreten Anhaltspunkte. Alles reine Spekulation.“
Judith schaute ihn zweifelnd an. „Du bist doch 1934 geboren worden. Da gab es doch noch nicht die Rassengesetze der Nazis. Soweit kenne ich mich aus.“
„Das will nichts heißen. Sofort nach der Machtübernahme Anfang 1933 hatten die Nazis damit begonnen, alle Juden aus dem öffentlichen Leben heraus zu drängen. Wusstest du, dass das erste Konzentrationslager bereits 1933 eröffnet wurde? In München war das.“
Judith hatte es nicht gewusst. In der zehnten Klasse hatten sie eine Exkursion nach Auschwitz und Birkenau gemacht, dem größten Arbeits- und Vernichtungslager der Nazis in Polen, in der Nähe von Krakau. Davon war ihr in Erinnerung geblieben, dass die meisten Lager erst nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs errichtet worden waren.
„Natürlich sprach man damals noch nicht von der so genannten Endlösung der Judenfrage“, fuhr Großvater fort, „aber die Diskriminierung hatte schon überall eingesetzt.“
Er zog die ineinander gesteckten Deckellaschen der Kiste auseinander und hielt die Kiste Judith so hin, dass sie hineinschauen konnte.
Judith nahm den obersten Stapel Blätter in die Hand und begann, sie Blatt für Blatt durchzuschauen. Die Papiere schienen ungeordnet, es waren amtliche Schreiben mit Behördenstempel, handgeschriebene Briefe verschiedener Personen aus verschiedenen Zeiten. Die verblasste Schrift war auf den vergilbten Blättern teilweise schlecht zu lesen. Aber alles, was mit Schreibmaschine geschrieben war, konnte man entziffern. Die handgeschriebenen Texte dagegen sahen aus wie in einer fremden Sprache, bis auf einen, der an Großvater gerichtet war und im März 1978 verfasst war. Bei den ganz alten Briefen hatte Judith schon Mühe, den Monatsnamen zu erraten. Auf dem Dachboden war es stickig und der Staub, den das Räumen der Kisten und Stapel aufgewirbelt hatte, kitzelte in ihrer Nase. Sie blinzelte in das durch das Dachfenster einfallende Licht und musste niesen. Dabei rutschten ihr die Blätter aus der Hand und fielen auf den Boden. „Sorry, Opa“, entfuhr es ihr und sie begann sofort, die Blätter wieder einzusammeln. Zwischen den letzten Blättern segelte auf einmal ein kleines Blatt heraus auf den Boden. Judith hob es auf und las die verblichene Schrift. Darauf war ein Stempeldruck Bezahlt, darüber eine Nummer und an der linken Seite stand hochkant das Wort Quittung. Oben stand das Wort Reichsmark und in das rechts davon mit grauen Linien markierte Feld hatte jemand den Betrag eingetragen, 583 Reichsmark und 80 Pfennige. In den Stempel war eine Unterschrift geschrieben, so dass weder die Unterschrift noch der Stempel leicht zu lesen war. „Postscheckamt Köln“, las Judith, und das handschriftliche Datum 16. August 1937.
„Warum hast du das hier aufbewahrt, Opa? Was ist das?“
„Den Zettel meinst du? Er war wohl in der Kiste. Es gab keinen Grund, etwas daraus fortzuwerfen.“
„Aber es steht nichts weiter darauf, nur ein Betrag und zwei Nummern. Was ist damit?“
