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Wenn du in Somaliland lebst, kannst du schon mal auf seltsame Tiere treffen. Aber als Amir auf dem Schulweg der sprechenden Säbelzahnwurstkönigin Mufti begegnet, kommt er aus dem Staunen nicht mehr heraus. Mufti ist nicht nur ungewöhnlich und selten hässlich, sie benimmt sich überhaupt nicht königlich. Kein Wunder, dass sie sich mit ihren Untertanen zerstritten hat und nun Amir begleiten will. Selbstverliebt, streitsüchtig und hochnäsig stellt sie kurzerhand Amirs Leben auf den Kopf. Dann kündigt auch noch sein bester Freund Sadiq an, das Dorf zu verlassen, seine freche Schwester Laila wirft mit Skorpionen und die Erwachsenen sollen von alldem nichts erfahren. Schon bald hat Amir genug und bringt die kleine Königin in ihr unterirdisches Reich Mulland zurück. Doch dann wird Mulland von seinen gefährlichsten Feinden bedroht und Amir muss mit seinen Freunden einschreiten. Amir und die Säbelzahnwurstkönigin ist die erste deutschsprachige Erzählung über Nacktmulle. Mit Landkarte und Begriffserklärungen. Erfahre mehr über die faszinierenden Tiere und Somaliland auf www.dorotheebernhardt.de.
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Seitenzahl: 203
Veröffentlichungsjahr: 2021
Dorothee Bernhardt
Amir
und die
Säbelzahnwurstkönigin
Mit Illustrationen von Katrin Merle
Copyright: © 2021 Dorothee Bernhardt
Illustrationen: Katrin Merle
Verlag und Druck:
tredition GmbH
Halenreie 40-44
22359 Hamburg
978-3-347-16754-4 (Paperback)
978-3-347-16755-1 (Hardcover)
978-3-347-16756-8 (e-Book)
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Für alle sprechenden Tiere,
besonders die Leseratten
und Bücherwürmer
Inhalt
I. Die Begegnung
1. Das Pfeifen auf dem Heimweg
2. Amir findet ein seltsames Tier
3. Mufti, die Königin der Säbelzahnwürste
4. Sadiq der Ziegenhirt und seine Zukunftspläne
5. Laila, die äthiopische Prinzessin
6. Im Reich der Säbelzahnwürste
II. Alltagschaos mit Mufti
7. Mufti in der Schule
8. Mufti bekommt eine Verkleidung
9. Mufti will einen Ausflug machen
10. Der Ausflug
11. Vom Essen und Verdauen
III. Lauter Probleme und ein Geheimnis
12. Bei Jack – Das Geständnis
13. Streit mit Sadiq
14. Das Dorffest – Mufti ist verschwunden
15. Jack lüftet sein Geheimnis und Mufti trifft die britische Königin
16. Amir wagt ein Experiment
IV. Jeder Besuch hat ein Ende
17. Mufti macht einen Fehler
18. Amir platzt der Kragen
19. Abschied und Rückkehr
20. Zurück nach Mulland
21. Alarmzeichen aus Mulland
V. Die Säbelzahnwürste in Gefahr
22. Amir schmiedet einen Plan
23. Sadiq, Jack und Tante Edna greifen ein
24. Wo ist Latifa?
25. Die Jagd geht weiter
26. Beste Freunde
27. Das große Fest
Landkarte
Begriffserklärungen
Danksagung
I. Die Begegnung
1. Das Pfeifen auf dem Heimweg
Amir rannte über den staubigen Weg, um schnell nach Hause zu kommen. Seine Schulmappe hielt er fest an sich gedrückt. Seine Gedanken kreisten wie immer um Fußball, genauer um die neusten Erfolge seines Lieblingsfußballclubs. Obwohl die Sonne unbarmherzig vom Himmel brannte, lief Amir ohne Pause immer weiter. Für den Heimweg brauchte er ziemlich genau eine Stunde. In seinem Dorf Morongo gab es keine Schule, wie in vielen Dörfern von Somaliland. Deshalb musste er jeden Morgen bis zur nächsten Stadt laufen. Das war Gudubi. Und am Nachmittag natürlich wieder zurück.
Ein ganzes Stück vor dem Dorf war der Platz, an dem er sich immer mit seinem Freund Sadiq zum Fußballspielen traf. Er befand sich nicht weit von der Landstraße, die in die großen Städte des Landes führte.
Als Amir an seinem Fußballplatz eintraf, war niemand zu sehen. An der einzigen schattigen Stelle neben einem großen Felsen regte sich nichts.
»Salam, sei gegrüßt mein Freund, bist du da?«, rief Amir. Sein Ruf verhallte am Felsen. Sadiq war nicht da, vielleicht war es noch zu früh für ihn und er musste seine Ziegen noch ins Nachtlager bringen. Sollte er hier auf ihn warten? Nein, besser war es, er würde zuerst nach Hause laufen, etwas essen und trinken und später zurückkommen. Amir fächelte sich mit seiner Mappe Luft zu und setzte dann seinen Weg fort.
Wenn Amir woanders gelebt hätte, zum Beispiel in Europa, hätte er vermutlich einen Kopfhörer aufgehabt oder im Gehen auf seinem Smartphone getippt. Dann wäre ihm das Pfeifen entgangen, das hinter dem Platz und kurz vor dem Abzweig nach Morongo auf einmal aus dem Boden drang. Aber in Amirs Leben gab es keine Smartphones, jedenfalls noch nicht. Es gab die Geräusche der Natur und die Gespräche der Menschen. Und Fußball natürlich. Fußball gab es schließlich überall, sogar im entlegensten Winkel der Welt.
Amir hatte also ein Pfeifen gehört und ging ihm nach. In diesem Moment ahnte er noch nicht, dass er bald vom ungewöhnlichsten Königreich der Welt erfahren und dessen einzigartige Königin kennenlernen würde. Er war bloß neugierig. So nahm das Schicksal seinen Lauf.
2. Amir findet ein seltsames Tier
Zuerst dachte Amir, er hätte sich verhört. Es war ausnahmsweise beinahe windstill und obwohl die Nachmittagssonne sich bereits auf den Horizont zubewegte, lag eine flirrende Hitze über der Ebene, durch die sein täglicher Weg führte. Amir blieb stehen und schaute in den wolkenlosen Himmel. Kein Vogel war zu sehen, von dem das Pfeifen hätte kommen können. Soweit er blicken konnte, gab es keinen Baum und keinen Strauch, nur ein paar trockene Gräser und einen großen Felsbrocken, an dem er abgebogen war.
Da war es wieder. Ein langgezogener heller Ton und dann mehrere kurze Töne hintereinander, fast wie ein Vogelzwitschern. Er hatte sich nicht verhört. Amir blieb stehen und suchte mit den Augen den Boden ab. Auch hier war nichts zu sehen. Alles wie ausgestorben. Gerade als er sich zum Gehen wenden wollte, nahm er in höchstens zwei Metern Entfernung eine Bewegung wahr. Amir näherte sich vorsichtig der Stelle und bemerkte ein wenige Zentimeter breites Loch, in das vom Rand her Sand rieselte. Konnte das Pfeifen aus diesem Loch gekommen sein? Er überlegte, welches Tier solche Pfiffe von sich geben konnte, wenn es kein Vogel war. Eine Schlange bestimmt nicht, Schlangen zischten oder rasselten. Insekten, Käfer oder Spinnen konnten surren oder knacken, aber nicht pfeifen. Und für eine Ratte war das Loch zu klein. Unmittelbar neben dem Loch hockte er nieder und legte die Schulmappe ab. Eine Weile tat sich gar nichts. Eigentlich konnte es Amir egal sein, was da war. Er hatte Hunger und Durst und dann wollte er schließlich mit Sadiq Fußball spielen. Aber zuerst wollte er der Sache auf den Grund gehen. Wie jedes Kind war Amir extrem neugierig und wollte alles wissen. Schon als kleiner Junge hatte er mit seinen hartnäckigen Fragen die Geduld der Erwachsenen oft auf die Probe gestellt. Einmal hatte er sich sogar Schläge eingehandelt, als er keine Ruhe geben wollte.
Inzwischen hatte er begriffen, dass es nicht so klug war, jede Frage zu stellen, die ihm in den Sinn kam. Daher fragte er nur noch seinen Lehrer Jack, denn dem waren alle Fragen willkommen. Manchmal wurde er sogar von Jack gelobt, wenn er eine besonders kluge Frage gestellt hatte. Jack war ein Engländer, der irgendwann in die Stadt Gudubi gekommen war. Und weil es dort noch keine Schule gab, fing er an, den Kindern aus Gudubi und den Dörfern ringsum Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Auch aus Amirs Dorf Morongo kamen Kinder zu ihm. Zuerst hatte Jack nur auf Englisch unterrichtet, aber inzwischen sprach er perfekt Somali und Arabisch.
Der nächste Pfeifton riss Amir aus seinen Gedanken. Die Erde um das Loch herum bewegte sich, und der Sand, der vorher hineingerieselt war, wurde nun zusammen mit kleinen Steinen von innen herausgedrückt. Amir verstand: Das Tier, das da in der Erde steckte, versuchte offenbar, sich auszugraben. Bloß gelang es ihm nicht. Vielleicht versperrte ein dicker Stein oder eine alte Wurzel ihm den Weg. Amir überlegte nicht lange. Wie stets war seine Neugierde größer als die Angst. Mit beiden Händen schob er Sand und kleine Steine vom Rand des Lochs weg. Er sah sich nach einem kleinen Ast um, um das Loch im Boden zu verbreitern. Da aber keine Bäume oder Sträucher in unmittelbarer Nähe waren, fand sich nichts, was ihm tauglich schien. Sollte er es wagen, mit den Fingern hineinzugreifen? Er verwarf den Gedanken sofort wieder. Ein Biss oder Stich eines unbekannten Tieres konnte tödlich sein, das wusste jedes kleine Kind.
Aber natürlich, er hatte doch alles dabei. Amir nahm den längsten Bleistift aus seiner Mappe und steckte ihn in das Loch. Mit dem Stift ertastete er nah an der Oberfläche einen Stein und versuchte, ihn zu lockern. Der Stein schien nicht besonders groß, aber er bewegte sich kaum. Amir lauschte. Das Tier rührte sich nicht. Begriff es, dass er ihm helfen wollte? Er nahm einen zweiten Stift aus der Mappe und steckte beide Stifte zusammen von zwei Seiten in das Loch. Er drehte sie und allmählich gelang es ihm, sie soweit in den Boden zu bohren, dass ihre Spitzen unter den Stein gelangten. Mit aller Kraft drückte er die oberen Enden der Stifte gegen den äußeren Rand. Plötzlich flog der Stein in einem hohen Bogen heraus. Das Loch war nun deutlich größer geworden und es dauerte nicht lange, bis Amir eine Bewegung wahrnahm. Er blickte wie gebannt auf die Öffnung und wartete. Dann sah er es. Kein Schnäuzchen mit Barthaaren oder schuppige Krallenfüße oder Insektenbeine. Stattdessen nur ein kugelrundes Ding mit graurosafarbener Haut, das sich nach und nach aus der Öffnung herauswölbte. Ein merkwürdiges Mondgesicht ohne Augen und Mund, nur mit einem dicken Rüssel mittendrin. Verblüfft starrte er darauf. Dann wurde ihm klar, was er sah. Das war kein Kopf, das war ein Hinterteil mit einem langen Schwanz. Das Tier schob sich mit dem Hinterteil zuerst aus seinem Bau. Millimeter für Millimeter. Nun konnte Amir sich nicht länger zurückhalten. Er fasste oberhalb des Schwanzes ein Stück Haut und zog das Tier vorsichtig ganz heraus. Mit Daumen und Zeigefinger hielt er es vor sich und betrachtete es.
Es baumelte ein wenig, zappelte aber nicht. Das Wesen war etwas kleiner als seine Hand, hatte einen wurstförmigen Körper, einen abgerundeten Kopf und vier ungefähr gleich lange Beine. Aus seiner Schnauze ragten zwei große gebogene Zähne, die wie Säbel aussahen. Seine Augen waren nur als schmale Schlitze zu erkennen. Ein Stück hinter den Augen, da wo sich bei den meisten Tieren die Ohren befinden, hatte es zwei runde Vertiefungen. Das Tier war fast nackt, sein ganzer Körper war von einer faltigen, staubüberzogenen Haut bedeckt. Nur vereinzelt standen Haare ab, die meisten davon seitlich am Kopf. So ein komisches Tier hatte Amir noch nie gesehen und er fragte sich sofort, wie es sein Fell verloren haben könnte. »Wer bist du denn?«, fragte er laut. Plötzlich hatte er das Gefühl, dass das Tier ihn anstarrte.
3. Mufti, die Königin der Säbelzahnwürste
»Mufti«, krächzte das Tier auf einmal laut und vernehmlich. Es schien ihn von oben bis unten zu mustern, dabei waren seine weit auseinander stehenden Augen nur einen winzigen Spalt geöffnet.
Amir erschrak so sehr, dass er es beinahe fallengelassen hätte. Er brachte keinen Ton heraus. Ein sprechendes Tier war das Letzte, was er erwartet hatte. Mit der freien Hand fasste er sich an den Kopf, um zu testen, ob die sengende Sonne vielleicht einen Sonnenstich verursacht haben könnte. Aber er fühlte nichts, alles war wie immer, bis auf den Umstand, dass gerade etwas eingetreten war, das vollkommen unmöglich war. Hatte das Tier wirklich das gesagt, was er verstanden hatte? Mufti? Was sollte das heißen? Ein Name? War das seltsame Wesen vielleicht ein verzauberter Mensch? Oder hatte er sich das nur eingebildet und das Tier hatte nur geniest?
Plötzlich fing es an zu strampeln und Amir setzte es auf dem Boden ab, wo es sich schüttelte, so dass es für wenige Sekunden von einer Staubwolke umgeben war. Dann kroch es unter Amirs Tasche und blinzelte Amir von dort zu. Der zweifelte immer noch an seinem Verstand. Er musste herausfinden, ob das Tier tatsächlich sprechen konnte. Gefährlich wirkte es jedenfalls nicht. Amir gab sich einen Ruck. »Entschuldigung, aber so ein Tier wie dich habe ich noch nie gesehen. Im Naturkundebuch in meiner Schule gibt es kein Bild, das so aussieht wie du.«
Das Tier bewegte sich nicht. Entweder hatte es ihn nicht gehört oder nicht verstanden. Alles in Ordnung, es war ja ein Tier und kein Mensch. Amir überlegte, ob er einfach seine Mappe nehmen und den Nachhauseweg fortsetzen sollte.
»Des Lebens Wahrheit steht nicht in einem Buche«, tönte es da unter der Mappe hervor.
Amir erstarrte. Jetzt war er sich sicher, dass er doch einen Sonnenstich bekommen hatte, ohne es zu merken. Wahrscheinlich befand er sich gerade in einem Fiebertraum und seine Tante Edna machte lauwarme Umschläge, um das Fieber zu senken. Das machte sie immer, wenn er und seine kleine Schwester krank waren. Wahrscheinlich würde er in einigen Stunden aufwachen und über diesen Traum lachen. Das Beste für den Augenblick war, so zu tun, als ob das hier wirklich passierte.
»Schön, dich kennen zu lernen. Ich bin Amir. Ich habe eine Schwester, die heißt Laila, und wir leben im Dorf Morongo, nicht weit von hier. Und wer bist du?«
»Er rede nur, wenn er gefragt ist«, schnarrte es zurück. Amir riss die Augen auf. Das kleine Tier war nicht nur frech, es redete auch ziemlich geschwollen daher. Es hatte sich nun unter der Mappe aufgerichtet und drückte sie mit seinem Kopf nach oben. Ob es noch etwas sagen würde? Oder war es etwa beleidigt?
»Er steht vor der ehrwürdigen Mufti, Königin der Säbelzahnwürste, Herrscherin im Reiche Mulland.« Bei diesen Worten hob sich die Mappe noch ein Stückchen, das Tier schien ein klein wenig zu wachsen.
Amir zwang sich, nicht laut loszulachen. Ehrwürdige Mufti, haha. Königin sogar. So ein hässliches kleines Wesen wollte eine Königin sein? Wie war das, Mulland? Nie gehört. Ein ganzes Land beherrschen? Sehr witzig. Der Traum fing an, ihm Spaß zu machen.
»Wo sind denn deine Leute und wo ist dieses Reich, von dem du sprichst?« Oje, jetzt hatte er wieder etwas ohne Aufforderung gesagt. Unverzeihlich. Aber die Königin schien es nicht zu bemerken.
Sie machte eine Kopfbewegung in Richtung des Lochs, aus dem sie gekommen war. »Dort unten, jenseits der Sonnenwelt«, antwortete sie. »Aber der Weg dorthin liegt in der Zukunft verborgen. Es ist nicht an ihm zu fragen. Er sei von nun an mein Begleiter. Er schweige jetzt.«
Was sollte das nun wieder heißen? Wenn die ehrwürdige Königin mit ihrem dicken Po durch das Loch nach draußen gepasst hatte, würde es auch möglich sein, wieder hineinzukriechen. Offenbar wollte sie das nicht. Warum auch immer. Amir dachte an seinen Plan für den Abend. So wie die Dinge lagen, würde daraus heute nichts werden. Was hatte er sich da nur eingebrockt? Dann fiel ihm wieder ein, dass es ja nur ein Fiebertraum sein konnte, und mit Fieber hätte er ohnehin nicht Fußball spielen können. Auf keinen Fall wollte er der Begleiter dieser Witzfigur von einer Königin sein. Aber wie sollte er sie wieder loswerden? Er konnte sie wohl kaum schutzlos in der brütenden Sonne zurücklassen.
»Ich muss jetzt nach Hause«, sagte er. »Von mir aus kannst du mitkommen. Sollen wir das Loch so offenlassen?«, fragte er.
Mufti reagierte sofort. »Verschließe er es, auf der Stelle. Oder will er, dass ein Unbefugter sich Zutritt nach Mulland verschaffen kann?«
Es war prima, dass man sich mit der Säbelzahnwurst so leicht verständigen konnte. Aber ein freundlicherer Ton hätte ihr nicht geschadet, fand Amir. Er suchte einen dicken Stein und verschloss das Loch damit. Dann sammelte er einige andere Steine und legte sie kreisförmig um die Stelle herum. Schließlich nahm er einen besonders scharfkantigen Stein, ging damit zu einem Felsen, der genau an der Stelle lag, an dem er von seinem üblichen Weg abgebogen war, um dem Geräusch nachzugehen, und ritzte einen Kreis in die Oberseite.
Mufti hatte nichts dagegen, dass Amir sie in seine Mappe steckte, im Gegenteil. Mehr als die Hitze schien das Sonnenlicht sie zu stören, deshalb blinzelte sie ununterbrochen.
Das letzte Stück zum Dorf ging Amir etwas langsamer, um Mufti nicht durchzuschütteln, die sich in seiner Schulmappe ganz ruhig verhielt. Ihm war mehr als mulmig zumute. Er war nicht sicher, ob es eine gute Entscheidung gewesen war, ein solches Tier mitzunehmen. Hoffentlich würde dieser seltsame Traum bald zu Ende sein.
4. Sadiq der Ziegenhirt und seine Zukunftspläne
Bei Amirs Ankunft im Dorf saß Tante Edna vor ihrer Hütte auf einem Hocker. Vor ihr auf dem Boden stand ein Krug, der mit einer Schale abgedeckt war.
Seit Amirs Mutter bei der Geburt von Laila gestorben war, trug Tante Edna die Verantwortung für beide Kinder. Sie war selbst nicht verheiratet, was im Dorf ungewöhnlich war. Aber weil sie die Kinder ihres Bruders versorgte, wurde das akzeptiert. Ihr Bruder, also Amirs und Lailas Vater, hatte im Nachbarland Dschibuti Arbeit gefunden und verbrachte deshalb nur wenige Wochen des Jahres in Morongo. So lebten sie fast wie eine normale Familie und immer, wenn Amirs und Lailas Vater nach Hause zurückkehrte, gab es ein großes Festessen.
»Du kommst spät, Amir«, sagte Tante Edna. »Bestimmt hast du Hunger. Iss etwas und dann holst du bitte neues Wasser vom Brunnen, ja?«
Amir nickte und verschwand wortlos nach drinnen. Sollte er Mufti aus seiner Schulmappe nehmen? Konnte er sie längere Zeit alleine im Haus lassen? Was, wenn sie herauskrabbelte und Tante Edna, oder noch schlimmer, seine kleine Schwester erschreckte? Er beschloss, zunächst etwas zu essen und Wasser zu holen, wie Tante Edna gesagt hatte. Wenn er danach sofort aufbräche, könnte er es noch knapp zum Fußballplatz schaffen. Er hasste den Gedanken, dass Sadiq vergeblich auf ihn warten müsste, wenn er nicht käme.
»Auf dich ist Verlass«, lobte Tante Edna ihn, als er einige Minuten später mit einem randvollen Wasserkanister zurückkam. »Ich weiß, du willst dich bestimmt mit Sadiq treffen. Nun lauf schon los, aber bei Einbruch der Dunkelheit kommst du zurück, hörst du? Und denk an den Maisfladen für deinen Freund.«
Amir hängte seinen Proviantbeutel an den Gürtel und ging noch einmal in die Hütte. Etwas unschlüssig stand er vor seinem Regal, auf das er die Schulmappe gelegt hatte, und überlegte, ob er Mufti herausholen sollte. Bekam sie genug Luft darin? Die Mappe war aus Hirseblättern geflochten und wurde durch einen Holzknebel verschlossen, der durch ein kleines Loch an der Vorderseite der Mappe geschoben wurde. Nein, ersticken würde das Tier darin auf keinen Fall. Amir öffnete die Mappe vorsichtig einen Spalt, um nachzusehen. Ein kurzes scharrendes Geräusch verriet ihm, dass Mufti noch lebte.
»Ich treffe mich jetzt mit meinem Freund und dann komme ich zurück«, sagte er in die Mappe und klappte den Deckel wieder zu, ohne auf eine Antwort zu warten. Dann packte er seinen Fußball unter den Arm und rannte los.
Das Fußballtraining mit Sadiq nach der Schule war eindeutig das Wichtigste in seinem Leben. Ein Tag ohne Fußball erschien ihm wie ein verlorener Tag. Sadiq war Amirs bester Freund. Und sein einziger. Sadiq war schon zwölf Jahre alt. Sagte er jedenfalls. Vielleicht war er auch schon dreizehn oder vierzehn. So genau wusste das niemand, denn er war ohne Familie aufgewachsen. Eine Gruppe vom Jiiddu-Klan hatte auf der Durchreise in Morongo Halt gemacht und Sadiq dagelassen, hatte Tante Edna einmal erzählt. Keiner wusste, warum. Da war Sadiq noch ein kleiner Junge gewesen. Vielleicht hatten sie ihn einfach vergessen. Er war fortan da und rannte mit den anderen kleinen Kindern durchs Dorf. Seine Sprache war anders, denn seine Muttersprache war nicht Somali, sondern Jiiddu, und Somali lernte er nur von den Dorfkindern. Niemand hatte ihm Somali richtig beigebracht.
Sadiq konnte viele tolle Sachen, aber nicht lesen und schreiben. Und etwas rechnen, was er von Amir gelernt hatte. Er ging nicht in die Schule, weil er arbeiten musste. Den ganzen Tag lief er mit den Ziegen aus dem Dorf durch die Wüste und suchte für sie frisches Grünzeug. Ein bisschen war Sadiq schon ein Mann, er kaute sogar Khat-Blätter. Das machten normalerweise nur die erwachsenen Männer, wenn sie zusammensaßen und die berauschende Wirkung der Blätter spüren wollten. Sie wurden dann ganz ruhig und bekamen glasige Augen. Amir hatte den Verdacht, dass Sadiq mit den Blättern auch seinen Hunger betäuben wollte. Sadiq war sehr dünn und der Qamis, sein langes Hemd, schlotterte um seinen Körper. Trotzdem war er stärker als Amir und sehr ausdauernd. Fast jeden Tag, wenn die Ziegen grasten und ihm langweilig war, schnitt Sadiq von den Khat-Büschen die jungen Zweige mit den frischen Blättern ab und band sie mit Grashalmen zu festen Bündeln. Die Bündel verkaufte er im Dorf an die Erwachsenen. Meistens bekam er etwas zu essen dafür, manchmal aber auch Schillinge, die er aufsparte für seinen großen Traum: ein Spiel seines Lieblingsfußballteams Al Ahly Cairo anzuschauen, oder noch besser die ägyptische Nationalmannschaft bei der großen Afrikameisterschaft. Aber dafür musste man viel Geld haben und Amir ahnte, dass es noch lange dauern würde, bis der Traum seines Freundes Wirklichkeit werden könnte. Ihm ging es genauso mit seinem Lieblingsclub Canon Yaoundé aus Kamerun. Die spielten nicht nur tollen Fußball, sie hatten sogar ein erfolgreiches Frauenteam, während Somaliland überhaupt keine bekannten Fußballteams vorzuweisen hatte.
Auch Amir hatte schon ein paar Khatblätter gekaut, die er natürlich von Sadiq bekommen hatte. Außer einem tauben Gefühl im Mund und Müdigkeit hatten die bitter schmeckenden Blätter keine Wirkung gehabt. Jack und Tante Edna waren strikt dagegen, dass er sie kaute. »Solange du wächst und lernen willst, ist das reines Gift für dich. Aber auch als Erwachsener lass am besten die Finger davon«, hatte sein Lehrer ihm geraten. Und weil Jack und Tante Edna eigentlich immer recht hatten, hielt er sich einfach daran.
Als Amir am Treffpunkt eintraf, hockte Sadiq im Schatten neben dem großen Felsen. Ihr Trainingsfeld war eine ebene Fläche von etwa fünfzehn mal dreißig Metern, auf der sie mit schweren Steinen Ecken und Tore markiert hatten. Von der Spielfläche hatten sie dagegen alle größeren Steine entfernt, sodass sie auch mit nackten Füßen darauf laufen konnten, ohne sich zu verletzen. Sadiq erhob sich bei Amirs Eintreffen und strahlte ihn an. »Ich habe gute Neuigkeiten«, sagte er. »Ist eine besondere Überraschung. Wirst du sehen.«
Amir war verwirrt. Eigentlich war er es doch, der außergewöhnliche Dinge zu erzählen hatte. Schließlich begegnete man nicht jeden Tag einem sprechenden Tier. Oder war am Ende doch alles nur geträumt?
»Komm, lass uns zuerst Fußball spielen, sonst ist es nachher zu dunkel dafür.«
»Nein, muss ich dir sofort sagen.« Normalerweise redete Sadiq nicht viel, aber heute war ihm anzusehen, dass er darauf brannte, endlich loszuwerden, was ihn bewegte. Was konnte so wichtig sein, dass es nicht warten konnte, bis sie ein paar Bälle gespielt hatten? Amir legte den Fußball auf den Boden und holte zwei Maisfladen aus dem Beutel, der an seinem Gürtel hing. Sie setzten sich in den Schatten und Amir gab Sadiq seinen Fladen.
»Danke«, sagte Sadiq, »aber bald muss Tante Edna kein Essen nich mehr für mich machen. Sadiq geht nämlich fort von hier.«
»Was?« Amir ließ vor Überraschung beinahe seinen Maisfladen in den Staub fallen. »Du gehst weg? Einfach so? Wieso das denn? Und wohin?«
»Ich fahre auf einen Schiff in fremdes Land«, sagte Sadiq und es klang triumphierend. »Ich werde dort arbeiten.«
»Aber was wird aus den Ziegen? Die brauchen dich doch.«
»Ich fahr mit die Ziegen. Paar wenigstens.«
Amir wusste dazu nichts zu sagen.
»Da staunst du, nich?«, fuhr Sadiq fort. »Ich war mit den Männer aus den Dorf in Berbera, an die Küste, um Ziegen verkaufen. Da sind die große Schiffe aus Saudi-Arabien. Ein Händler hat mit mir geredet. Der kommt aus Saudi-Arabien, aus die Hafenstadt Dschidda. Da suchen sie junge Männer wie ich bin, hat er gesagt. Solche, die mit Tiere Erfahrung haben. Wenn ich mitgehe, bekomme ich dort Arbeit und Zimmer, hat er gesagt. In einen richtigen Haus mit mehrere Etagen. Und noch Geld dazu. Damit kann ich kaufen alle Sachen.«
So viele Sätze hatte Sadiq noch nie auf einmal gesagt. Amir starrte ihn entgeistert an. »Weißt du, was das bedeutet? Wir können uns nicht mehr sehen und auch nicht mehr zusammen Fußball spielen. Mit wem soll ich dann trainieren?« Den letzten Satz hatte er ganz leise gesagt.
Sadiq zögerte. »Vielleicht mit die Jungs aus den Dorf. Die sind nich mehr so klein. Oder die Mädchen«, sagte er etwas verunsichert. »Vielleicht kann ich zu Besuch hier sein. Komm, lass uns mal trainieren, bevor die Nacht ist«, sagte er. Amir nahm lustlos den Ball in die Hand und ging zur Mitte des Platzes. Sie machten ein paar Ballübungen, aber Amir war nicht bei der Sache. Er ließ einfache Bälle durch und einmal schoss er den Ball so fest, dass Sadiq weit über den Spielfeldrand hinauslaufen musste, um ihn wieder zurückzuholen. War Sadiq eigentlich klar, was er eben gesagt hatte? Bedeutete ihm ihre Freundschaft so wenig, dass er bereit war, sie einfach aufzugeben, um alleine woandershin zu gehen und dort unter lauter fremden Menschen zu leben? Was hatte er sich nur dabei gedacht? Amir betrachtete seinen Freund verstohlen. Sadiq ließ sich nichts anmerken. Er tat, als ob nichts passiert wäre.
