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Bei einem Spaziergang am Strand entdecken Lips und Phips einen riesengroßen Schuh. Schnurstracks klettern sie hinein und segeln damit nach Riesenland zu dem Riesen Donnerkeil. Der verspeist zwar gerne Menschenkinder zum Frühstück, aber Lips und Phips lassen sich nicht abschrecken. Wird es ihnen gelingen, das gefährliche Abenteuer im Riesenland heil zu überstehen? Und was für eine Rolle spielen dabei der Wassermann Schlammhuhn und der Elf Gondikop? Märchen aus verschiedenen Ländern Europas und der ganzen Welt entführen auf abenteuerliche Reisen zu Riesen, Zwergen und Feen und erzählen fantasievolle Geschichten von entführten Prinzessinnen, tapferen Helden sowie Zauberwesen und sprechenden Tieren, die den Menschen in der Not zu Hilfe kommen.
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Seitenzahl: 549
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Die vier lustigen Gesellen
Volksmärchen aus dem Kanton Wallis
Der Wundervogel
Irisches Volksmärchen
Der lustige Schwanda
Böhmisches Volksmärchen
Die Goldkinder
Deutsches Volksmärchen
Die stolze Prinzessin
Französisches Volksmärchen
Der alte Hahn
Finnisches Volksmärchen
Die weise Isabel
Englisches Volksmärchen
Der Junge und sein Ochse
Volksmärchen der Oraon (Indien)
Der standhafte Zinnsoldat
Dänisches Märchen von Hans Christian Andersen
Der fette und der magere Lollus
Deutsches Volksmärchen
Die Kängurukönigin
Australisches Märchen
Vom Mädchen, das Rosen lachte und Perlen weinte
Albanisches Märchen
Der fliegende Mantel
Englisches Märchen
Das Erdmännlein
Irisches Volksmärchen
Die drei Jägerburschen
Norwegisches Volksmärchen
Die Zauberflöte
Volksmärchen der Oraon (Indien)
Die zertanzten Schuhe
Deutsches Volksmärchen
Der kleine Tim
Englisches Volksmärchen
Der Jüngling im Feuer und die drei goldenen Federn
Deutsches Volksmärchen
Das kluge Brüderlein
Schwedisches Volksmärchen
Der kleine Schweinehirt
Ungarisches Volksmärchen
Pansy im Wald
Englisches Volksmärchen
Der überkluge Schneider
Armenisches Volksmärchen
Gevatter Hase
Englisches Volksmärchen
Die drei Böcke Brausewind
Norwegisches Volksmärchen
Die vier geschickten Brüder
Deutsches Volksmärchen
Rübezahl und der Schneidergeselle
Deutsches Volksmärchen
Das Geschenk des Buchfinken
Deutsches Volksmärchen
Die drei Orangenperis
Türkisches Volksmärchen
Die Prinzessin im Zelt
Spanisches Volksmärchen
Der reiche Peter
Norwegisches Volksmärchen
Die guten Söhne
Japanisches Volksmärchen
Sir Guy und der Riese
Englisches Volksmärchen
Die beiden Stiefschwestern
Rumänisches Volksmärchen
Die alte Frau und ihr Huhn
Norwegisches Volksmärchen
Von dem frommen jungen Mann, der nach Rom ging
Sizilianisches Volksmärchen
Prinzessin Wunderhold
Indisches Volksmärchen
Der kühne Jack
Englisches Volksmärchen
Der Einarm
Deutsches Märchen nach Hackländer
Im Reich der Katzenkönigin
Irisches Volksmärchen
Die getreue Frau
Felsisches Volksmärchen
Feenprinzessin Goldhaar
Ungarisches Volksmärchen
Der Dumme und seine Brüder
Bosnisches Volksmärchen
Der törichte Weber
Indisches Volksmärchen
Zwei kleine Jungen gingen einmal am Meeresstrand spazieren. Da kamen sie plötzlich an einem riesengroßen Schuh vorüber. Sie konnten sich gar nicht denken, was der hier zu suchen hatte.
»Lips«, sagte Phips, »schau dir mal diesen Quadratlatsch an! Ist das nicht der herrlichste Kahn, den man sich denken kann? Wollen wir uns nicht hineinsetzen und auf Entdeckungsreise gehen?«
»Gut, können wir machen«, meinte Lips. »Aber das Ding hat keine Segel, und ohne Segel geht es nicht.«
»Die sind doch leicht beschafft«, entgegnete Phips. »Wir nehmen dazu unsere Taschentücher. Und wenn die nicht ausreichen, holen wir uns von zu Hause noch mehr Stoff.«
Gesagt, getan! Die Taschentücher reichten aber für den Riesenschuh bei weitem nicht aus. Also marschierten die beiden nach Hause, holten ganz leise ihre Schlafanzüge aus ihrem Zimmer, schlichen sich dann in die Küche und nahmen einen Laib Brot, eine Handvoll Rosinen und eine große Flasche Wasser mit. Schnell stahlen sie sich wieder aus dem Haus, ehe jemand fragen konnte, wohin sie denn mit den Sachen wollten.
Es dauerte gar nicht lange, da waren ihre Spazierstöcke zu einem Mast zusammengebunden und die Schlafanzüge zu Segeln gespannt. Dann stießen Phips und Lips das fertige Boot ins Wasser, stiegen hinein und fuhren weg und segelten, bis nicht einmal mehr das kleinste Stückchen Land zu sehen war.
Als aber nach langer Zeit immer noch kein neues Land in Sicht war und es ringsum nichts als Wasser gab, da sagte Lips zu Phips: »Ach, Bruder, ich glaube, wir müssen sterben! Das wird schlimm!«
Und da saßen nun die beiden zusammengekauert im Riesenschuh und fingen an zu weinen. Die Tränen liefen ihnen über die Wangen, und da sie keine Taschentücher mehr hatten, ließen sie sie über Bord ins Wasser fallen. So traf eine dicke Träne genau das Augenlid eines Wassermannes, der tief unten auf einem Felsen saß und seine Unterwasserpfeife rauchte.
Sie schmeckte ihm diesmal gar gut, denn selten hatte das Wasser in der Pfeife so prächtig Feuer gefangen. Es kam auch nicht oft vor, dass das Salz aus dem Rauch so schön in der Kehle biss. Wie jetzt aber die Kinderträne auf sein Auge fiel, nahm der gutmütige Wassermann seine Pfeife aus dem Mund und dachte darüber nach, was das wohl gewesen sein könnte. Und in dem Moment traf ihn noch eine. Da wandte er sich seinem Nachbarn zu und sprach: »Lieber Seestern, eine Menschenträne! Das ist eine Seltenheit hier zur See! Ich muss doch mal hinauffahren und nachsehen, was das zu bedeuten hat.«
Schon hatte er seine gute Pfeife weggesteckt und gab sich einen ordentlichen Schubs, so dass er wie ein Korken aus dem Wasser auftauchte. Da sah er Lips und Phips, die so bitterlich weinten, dass sie ihn gar nicht bemerkten.
»Holla!«, rief der Wassermann.
Die beiden Jungen blickten auf, und obgleich sie noch nie mit einem Nix Bekanntschaft gemacht hatten, fanden sie, dass dieser da besonders hässlich aussah. Trotzdem sagten sie aber nichts, denn sie waren unendlich froh, überhaupt jemand zu sehen.
»Holla!«, sagte der Wassermann noch einmal. »Was ist denn los?«
»Ach bitte, Herr«, entgegneten die beiden, »wir sind losgesegelt, um neue Länder zu entdecken, aber wir wissen nicht, wo wir jetzt sind.«
Der Wassermann ließ sich von einer Welle hin- und herschaukeln. Doch nachdem er eine Weile nachgedacht hatte, brummelte er schließlich:
»Hm, was für ein Land wollt ihr denn auskundschaften?«
Am liebsten hätten Lips und Phips gesagt: die Heimat. Aber weil sie sich ein bisschen voreinander schämten und nun schon eher doch etwas Neues erleben wollten, sagten sie: »Wo es Abenteuer gibt. Deshalb sind wir ja ausgezogen.«
»Dann seid ihr am besten im Riesenland aufgehoben, dort gibt’s genug Abenteuer«, meinte der Wassermann. »Ich will euch den Weg dahin zeigen. Aber schiebt die Schuld nicht auf mich, wenn man euch dort auffressen will!«
»O, wir lassen uns nicht so schnell verspeisen«, riefen Lips und Phips voll Entzücken. »Bitte führen Sie uns hin, Herr Fisch!«
Bei dieser Anrede tat der Wassermann aber ganz beleidigt und betrachtete die kleinen Jungen würdevoll von oben bis unten.
»Ich bin Schlammhuhn, der Wassermann«, rief er, »und kein Fisch!«
Das sagte er in einem so ernsthaften Tonfall, dass Lips und Phips einander ganz beschämt ansahen.
Der Wassermann aber fuhr fort:
»Ich will euch diesmal noch verzeihen. Ich hätte ja allerdings gedacht, dass mein Name mehr bekannt ist.«
Ohne noch ein Wort zu verlieren, fasste nun Herr Schlammhuhn den Riesenschuh und schob ihn auf dem Wasser vor sich her. Er schwamm so ungeheuer schnell, dass die beiden Jungen bereits nach ganz kurzer Zeit Land auftauchen sahen.
»Das ist Riesenland«, sprach Schlammhuhn und schaute über den Rand des Schuhs. »Wollt ihr wirklich dort an Land gehen? Oder wollt ihr nicht doch lieber umkehren und zu eurer Mutter zurück? Ihr könnt mir wirklich leidtun, ihr armen, heimatlosen Seefahrer. Es ist sehr traurig, wenn so kleine Leute wie ihr ganz allein in der Welt umherziehen und sich niemand um sie kümmert.«
Lips und Phips wurden ganz rot vor Ärger, und jedem blitzte ein Zornfünkchen im Auge.
»Danke! Sie brauchen uns überhaupt nicht zu bedauern!«, sagte Lips. »Wir sind ausgezogen, um Abenteuer zu erleben, und da können wir kein Mitleid brauchen.«
»Wir sind Ihnen aber trotzdem für die Hilfe sehr dankbar, Herr Schlammhuhn«, fügte Phips hinzu, um den Wassermann nicht zu beleidigen.
Der gute Wassermann war aber gar nicht gekränkt, sondern sagte: »Ich habe auch zwei so übermütige Söhne gehabt, bin selber ein richtiger Draufgänger gewesen und bewundere euren Mut außerordentlich. Aber trotzdem will ich euch nicht eher an Land gehen lassen, bis ich euch nicht meinem Freund Gondikop, dem Elfen des Landes, vorgestellt habe. Er wird auf euch aufpassen, damit euch nichts Schlimmes zustößt.«
Kaum hatte die Schuhspitze das Land berührt, so steckte Herr Schlammhuhn zwei Finger in seinen großen Mund, zog ihn breit und pfiff, dass es nur so gellte. Und im nächsten Augenblick tauchte hinter einer dichten Hecke ein ganz merkwürdiger kleiner Geselle auf.
Er hatte große, vorstehende Augen, eine kleine, spitze Nase und einen sehr breiten Mund. Er trug ein goldbraunes Gewand, und an seinem spitzen Hütchen ragte eine purpurrote Feder empor.
Er sah höchst erstaunt aus, als er langsam zum Ufer hinabstieg. Dann rief er:
»Nanu, Schlammhuhn, was bringst du mir denn da?«
»Zwei wundervolle, kleine Kerlchen, die der Menschheit entwischt und auf Entdeckungen ausgezogen sind«, antwortete der Wassermann schmunzelnd. »Gib dir keine Mühe, sie zur Umkehr zu überreden. Es nützt nichts. Sieh ihnen nur in die Augen! Hast du schon einmal zwei so ausgemachte Herumtreiber gesehen? Ich nicht. Aber was kannst du für sie tun, wenn sie unter die Riesen geraten?«
Gondikop schaute die Kinder eine Weile nachdenklich an, dann sagte er:
»Ich kann ihnen das Aussehen von zwei tapferen Rittern geben und sie mit einer Rüstung versehen, die sie vor allen Unannehmlichkeiten schützt, solange der Riese Donnerkeil sie nicht durch sein Zauberglas betrachtet. Da freilich merkt er, wen er wirklich vor sich hat – und dann könnten sie in Lebensgefahr geraten.«
»Das ist das Unangenehme bei den Abenteuern, dass sie einen leicht in Gefahr bringen«, bemerkte Schlammhuhn.
»Ich denke noch mit Schrecken daran, wie mich mal ein Walfisch, der sehr nachtragend war, zweitausend Meilen weit verfolgt hat, nur weil ich unter ihm ein Unterseespringbrunnen losgelassen hatte.«
Lips und Phips fanden das gar nicht so besonders interessant. Und da sie es kaum erwarten konnten, etwas Richtiges zu erleben, sprangen sie mitten in Schlammhuhns Rede aus dem Schuh und liefen den Strand hinauf.
»Da siehst du, wie sie sind«, schmunzelte der alte Seebär.
»Nun, Gondikop, sieh zu, dass du etwas für sie tun kannst!«
»Das will ich gern«, gab dieser zur Antwort, denn es sind wirklich zwei prima Kerlchen.«
»Das stimmt!«, sagte der Wassermann und versteckte den Riesenschuh unter dem überhängenden Buschwerk am Ufer und ließ sich dann wieder auf den Meeresgrund sinken.
»He, ihr beiden«, sagte Gondikop, als er Lips und Phips eingeholt hatte, »wisst ihr denn auch, dass euch von allen Seiten Gefahren drohen?«
Doch Lips und Phips taten, als hätten sie nichts gehört. Nicht die Spur kümmerten sie sich um Gefahren und rannten kichernd Hand in Hand vorwärts.
»Ist auch gut«, murmelte Gondikop und blieb stehen, als ob er nicht weiter mit ihnen gehen wollte. »Also wollt ihr eben keine Ritter in schönen Rüstungen sein, mit einem ordentlichen Schwert an der Seite?«
»Aber ja, das wollen wir schon!«, riefen Lips und Phips wie aus einem Munde, blieben sofort stehen und schauten Gondikop mit erwartungsvoll leuchtenden Augen an.
»Schön! Kommt näher!«, rief der Elf und berührte jeden an der Schulter. Sofort verwandelten sie sich in zwei stolze Ritter mit glänzender Rüstung. »So, weiter kann ich jetzt nichts für euch tun. Ihr seht ja auch ganz gut aus. Übrigens, geht zu Donnerkeils Schloss und sagt ihm, ihr gehört zu einem Volk, das so zahlreich sei wie Sand am Meer. Er möge sich ja hüten, euren Zorn zu erregen.
Donnerkeil ist zwar so groß wie ein Kirchturm, aber ein entsetzlicher Feigling. Wenn er euch vielleicht auch nicht traut, so wird er euch doch nicht anrühren – besonders wenn ihr ganz beiläufig von eurer Zauberrüstung sprecht.
Aber nehmt euch in Acht, tut nichts, was sein Misstrauen erregen könnte. Sonst nimmt er sein Zauberglas und sieht dann, dass ihr nur zwei kleine Jungs seid.«
Er wollte noch vieles hinzufügen, doch Lips und Phips hatten keine Lust, sich noch länger gute Ratschläge anzuhören, und liefen ihm einfach davon.
»Wenn ihr in Not seid, so ruft: ›Gondikop, Gondikop, hilf!‹«, schrie der kleine Mann ihnen nach. Und dann brummelte er vor sich hin: »Ich will ihnen doch nachgehen und sehen, was geschieht. Halt, meinen Nebelmantel darf ich nicht vergessen, damit sie nicht wissen, dass ich da bin. Wenn mich nicht alles täuscht, werden sie dem Riesen einen schönen Schreck einjagen!«
Also zog Gondikop seinen Nebelmantel an, und es war nichts mehr zu sehen von ihm. Lips und Phips aber, als sie merkten, dass sich niemand mehr um sie kümmerte, blieben stehen und lachten sich erst einmal ordentlich aus.
Sie kamen sich sehr drollig vor in ihren kriegerischen Rüstungen mit den Helmen und den wallenden Federbüschen auf den Köpfen. Andererseits waren sie sehr stolz auf ihr Aussehen.
Bald hatten sie einen Hügel überschritten und erblickten ein unermesslich großes Gebäude vor sich, das aus den größten Quadern gebaut war, die man sich denken konnte. Dahin richteten sie ihre Schritte.
Das Tor stand weit offen, die Halle war voll Rauch und zugleich erfüllt von Bratenduft. Man hörte riesige Füße schallend hin- und hergehen. Unsere beiden Helden blieben zögernd stehen. In diesem Moment sagte jemand mit lauter, aber etwas zitternder Stimme: »Nanu, nanu, was ist denn das dort für ein Schatten im Tor? Wer ist denn das?«
Lips und Phips hatten ausgemacht, dass Phips immer der Sprecher sein sollte; deshalb raffte dieser all seinen Mut zusammen und schrie, so laut er konnte:
»Zwei tapfere Ritter von jenseits des Meeres!« Daraufhin traten sie mit großen Schritten ein und freuten sich über das Klirren der Rüstung beim Aufstampfen ihrer Füße.
Da saß ein großer, dicker Riese am oberen Ende einer Steintafel, der war so breit wie ein Heuschober und hatte Messer und Gabel in der Hand. Vor ihm auf dem Tisch lag ein halber gebratener Ochse.
Er hatte eine ziemlich flache Stirn und seine großen Augen stierten dumm nach vorn; wenn er sprach, schwabbelten seine fetten Wangen wie zerfließende Butter. Sein Gesicht war für gewöhnlich fast purpurrot, aber als er Lips und Phips so kühn in die Halle stolzieren sah, wurde er leichenblass.
Das große Stück Fleisch, das er eben aufgespießt hatte, fiel wieder auf den Teller, und sein riesiger Mund blieb vor Entsetzen offen.
»Soll ich ihm sagen, dass wir hier sind, um ihm den Garaus zu machen?!«, flüsterte Phips.
»Ja!«, nickte Lips.
Phips stellte sich drohend auf und rief aus vollem Halse: »Wir sind über das Meer gefahren, um den Riesen Donnerkeil zu töten, da wir gehört haben, dass er ein sehr böser Mann ist. Wo ist er zu finden? Können Sie uns das sagen?«
»Ach, sagen Sie so etwas nicht, Herr! Sagen Sie nicht so etwas Schreckliches«, bettelte Donnerkeil, und sein Gesicht wurde grün vor Angst und seine Glieder schlotterten. »Der Riese Donnerkeil ist eigentlich gar kein so schlechter Mann. Ihr meint es doch nicht wirklich böse mit ihm?«
»Nun, bevor wir ihn nicht gefunden haben«, antwortete Phips, »kann ich nicht sagen, was wir tun werden.«
Da stand der Riese schwerfällig von seinem Sitz auf, verneigte sich vor ihnen so tief, wie es sein Umfang gerade noch zuließ, und sagte:
»Wenn Eure Herrlichkeiten so gnädig sein wollten, sich an die Tafel zu setzen, so könnten wir diese schwierige und schmerzliche Angelegenheit besser besprechen.«
Dann zog er zwei hohe Stühle an den Tisch, und Lips und Phips setzten sich. Für sie schien es ein gewaltiges Erlebnis zu sein, mit einem Riesen zu Tisch sitzen zu können. Daher konnten sie ein kleines, leises Kichern nicht unterdrücken, als sie glücklich ihren Platz ein-genommen hatten. Doch leider war dieses Kichern dem Riesen nicht entgangen und er wurde sofort misstrauisch.
Er sagte zunächst nichts, sondern legte ihnen unmenschlich große Stücke Fleisch vor. Lips und Phips, statt tapfer draufloszuessen, blickten einander schmunzelnd an, denn ihnen machte die offenkundige Angst des Riesen Spaß.
Donnerkeil fragte sie nun, woher sie seien und wie sie herübergekommen wären. Sie beantworteten die Fragen so, wie es ihnen Gondikop gesagt hatte.
Der Riese tat, als ob das alles großen Eindruck auf ihn mache. In Wirklichkeit aber wurde er immer misstrauischer.
»Es ist eine große Ehre für mich«, sagte er, »zwei solch edle Ritter in meinem Schloss begrüßen zu können, doch ich fürchte, ich werde nicht genug Sehenswürdigkeiten oder Seltenheiten zur Unterhaltung von Euer Gnaden aufweisen können. Darf ich fragen, was Euer Gnaden gewöhnlich zu Hause tun, wenn sie sich ein Vergnügen gönnen wollen?«
Lips und Phips hatten mittlerweile alle Angst verloren und fingen an, sich hier ganz wohl zu fühlen. Deshalb antwortete Phips ganz unschuldig:
»Nun, da laufen wir um die Wette oder spielen Fußball, wir lieben jede Art von Spiel, ich glaube – «
Auf einmal hielt er inne, denn er merkte, dass Lips ihm drohend zuwinkte, und da wurde er ganz rot im Gesicht. Der Riese Donnerkeil aber stand plötzlich vom Stuhl auf, machte einen langen Schritt zum Kamin hin, nahm dort vom Sims ein großes Glas und hielt es vor seine Augen. Kaum hatte er das getan, da schrie er:
»Oho! Ihr seid ja gar keine Krieger! Ihr seid nur kleine Jungen!«
»Lauf, Phips!«, schrie Lips, als er diese Worte hörte, die ihm wie Donnerrollen vorkamen. Er und Phips sprangen sofort von ihren Stühlen auf und eilten zum Tor, denn sie merkten, dass die Rüstung von ihnen abgefallen war und dass sie als kleine Jungen vor dem Riesen standen.
»Hoho! Ein paar kleine Knaben! Nein, solche Frechheit!«, rief Donnerkeil. »Aber dick, gesund und zum Essen wohl geeignet, das sind sie. Gebt mir meine Keule, dass ich sie erschlage!«
Lips und Phips aber hatten Glück, denn Donnerkeil war wirklich sehr dick und schwerfällig, sodass sie einen tüchtigen Vorsprung gewannen. Nur wussten sie vor Angst nicht, wohin sie laufen sollten. – Und dass Gondikop da war, um sie zu beschützen, ahnten sie nicht. Denn der Elf stand in der Ecke und lachte aus vollem Halse, als er sie so rennen sah.
Jetzt trafen die beiden auf einen schmalen Gang, der von der Halle in die Küche führte. Das Gebrüll des Riesen hatte die Aufmerksamkeit der Köchin erregt. Sie war seine einzige Dienerin und kam heraus, um zu sehen, was es gäbe. Aber sie war mindestens noch einmal so dick wie ihr Herr, und Lips und Phips, obgleich höchst erschrocken über ihr Erscheinen, konnten an ihr vorbeihuschen.
Die Küche lag genau vor ihnen, die Tür stand offen, und der Speiseschrank war nicht verschlossen. Mit ein paar Sprüngen huschten die Jungen in den Schrank hinein, um sich zu verstecken, und zogen die Tür schnell hinter sich zu.
Im nächsten Augenblick hörten sie den Riesen und die Köchin miteinander reden.
»Sie sind hier hineingelaufen, Herr, in die Küche«, sagte die Köchin. »Ich werde sie gleich haben.«
Und der Riese brummte: »Schön, Köchin! Dann spießt du sie zehn Minuten lang auf den Rost, denn sie schließen wunderbar den Magen, nachdem ich die süße Speise gegessen habe.«
Hierauf ging er wieder in die Halle zurück und grollte: »Solch drollige Idee! Zwei kleine Menschenknirpse kommen daher und haben die Keckheit, mich so frech zu beschwindeln!«
Lips und Phips wünschten im tiefsten Herzen, sie wären jetzt zwei kleine Mäuse und könnten durch einen Spalt im Speiseschrank entwischen. Sie hörten, wie die Köchin hinter Töpfen und Pfannen, in Kisten und Körben nach ihnen suchte und dem Versteck immer näher kam. Und da war nicht die kleinste Ritze im Schrank und kein Ausweg!
Nur eine mächtige Pastete stand da auf einer Schüssel, und ein Teil der Kruste war schon aufgegessen. Als sie die Köchin nun an der Schranktür rütteln hörten, sprangen die beiden blitzesschnell in das Loch der Kruste und standen dort auf einmal bis über die Hüften im Erdbeersaft.
Da riss die Köchin den Schrank auf und guckte hinein. Sie duckten sich etwas, und die Frau merkte nicht im Geringsten, was mit der Pastete geschehen war. Verdrießlich schloss sie den Schrank, um weiterzusuchen, und die beiden Jungen atmeten auf. Es dauerte aber nicht lange, da brüllte der Riese ein paar Worte von der Halle her. Im Nu wurde der Schrank wieder aufgemacht und die Schüssel mit der Pastete in die Höhe gehoben und fortgetragen. Nun konnten die Jungs kaum noch stehen und mussten sehr aufpassen, nicht im Erdbeersaft zu ertrinken, denn der schlug beim Tragen ordentliche Wellen.
Ach wären sie doch nicht von zu Hause fortgesegelt! Hätten sie doch kein Boot aus dem Riesenschuh gemacht! Doch jetzt war es zu spät für diese Überlegung, und zwei Minuten später standen sie schon, unter dem Pastetendeckel gebückt, auf dem Tisch des Riesen.
»Hast du die beiden Knirpse gefunden?«, fragte der Riese die Köchin.
»Nein, Herr«, erwiderte sie. »Sie müssen geradezu unter der Tür durchgeschlüpft sein.«
»Nun gut, wenn du sie noch erwischst, so weißt du ja, wie du sie zuzubereiten hast.«
Bei diesen Worten hatte Donnerkeil sorgsam die Kruste abgehoben, und da standen Lips und Phips leibhaftig vor ihm in der Pastete. Sie schauten ihn mit ängstlich aufgerissenen Augen an, und ihre Herzen klopften laut. Der Riese aber ließ vor Verblüffung Messer und Gabel fallen, lehnte sich im Stuhl zurück und lachte los, dass die ganze Halle dröhnte.
»Hoho, kleine Knaben, das habt ihr gut gemacht! Hoho, das muss ich sagen! Was denkt ihr wohl, was ich jetzt mit euch mache?«
Und er fischte erst Phips und dann Lips aus dem Saft und setzte sie nebeneinander auf seinen Teller.
»Komm mal her, Köchin!«, brüllte er. »Komm schnell her und sieh mal, wie leicht mir diese zwei unverschämten Kerlchen die Kehle hinunterrutschen.«
Die Köchin kam, so schnell sie konnte, herbeigelaufen, und Donnerkeil drehte sich grinsend zu ihr hin, griff aber zugleich mit der Hand nach Lips und Phips, um sie in den Mund zu stecken.
Aber in demselben Augenblick warf Gondikop eine Ecke seines Nebelmantels über die Jungen, und nichts mehr war von ihnen zu sehen.
Die Köchin kreischte laut auf, der Riese stieß ein fürchterliches Gebrüll aus und rieb sich die Augen. Da nahm Gondikop die ganze Pastete und schleuderte sie Donnerkeil mitsamt dem Erdbeersaft ins Gesicht.
Unterdessen waren Lips und Phips über den Tisch gesprungen, erreichten die Stühle, auf denen sie vorhin gesessen hatten, kletterten wie der Blitz an deren Beinen herunter und flogen ins Freie.
Gondikop folgte ihnen dicht auf den Fersen und dachte, nun würden sie vor Angst jammern. Aber als er mit ihnen draußen vor dem Schloss stehen blieb, brachen die Jungen in schallendes Gelächter aus.
»Nehmt euch in Acht!«, warnte er. »Die Gefahr ist noch nicht ganz vorüber!« Dabei ließ er zwei kleine Schwerter vor ihnen ins Gras fallen und sprach: »Die werdet ihr gleich brauchen.« Dann verschwand er wieder.
Einen Moment später warf der Riese einen Blick um die Ecke seines Hauses und ließ seine Augen über den Garten schweifen. Aber selbst wenn er nicht so stumpfsinnig dreingeschaut hätte, so hätte er die Kinder zwischen dem Gemüse genauso wenig gefunden wie eine Nadel im Heuhaufen.
Lips und Phips säuberten sich, so gut es ging, von dem Erdbeersaft, der an ihren Sachen klebte. Phips sagte zu seinem Bruder: »Kannst du dir denken, warum der Elfenmann uns diese Schwerter gegeben hat?«
»Nein«, antwortete Lips. »Aber sieh mal dort! Kannst du mir sagen, was das für ein komisches Tier ist, das da zwischen dem Gras auf uns zukommt?«
Da schlich sich wirklich ein Tier heran. Man konnte seinen Rücken über den Kohlköpfen sehen, und es schien, als wolle es die Jungen überfallen.
»Das ist gewiss eine Katze!«, rief Phips. Und so war es auch! Aber im Riesenland sind die Katzen so groß wie bei uns die Tiger. Die Katze rollte drohend mit ihren glühenden, gelben Augen, klapperte mit den Krallen und machte einen Buckel, als ob sie gleich auf die beiden Jungen losspringen wollte.
Lips und Phips, zu allem entschlossen, hielten ihre Schwerter fest in den Händen. Sie dachten nicht im Geringsten daran, dass die Katze sie höchstwahrscheinlich so leicht wie zwei kleine Vögel verschlingen könnte, und stellten sich der Mäusefängerin so unerschrocken entgegen, dass sie dadurch Gondikops Herz im Nu völlig eroberten. Darum ergriff er die Katze, als sie zum Sprung ansetzte, am Schwanz und hielt sie fest, sodass sie nicht weiterkonnte und eine Weile in der Luft zappelte. Als sie jedoch merkte, dass ihr dies nichts nützte, legte sie sich ganz ruhig und ergeben auf die Erde nieder.
Lips und Phips schwangen noch immer ihre Schwerter, denn sie trauten der Katze nicht recht. Sie aber sagte: »Ich ergebe mich! Ich dachte, ihr wärt eine neue Art von Ratten, die auf den Hinterbeinen laufen können. Aber ich sehe, ihr seid Zauberer, und ich bitte um Entschuldigung.«
»Wir sind keine Zauberer, aber wir sind Feinde des Riesen Donnerkeil!«, riefen Lips und Phips.
»Wenn ich die Wahrheit sagen soll«, meinte die Katze, »ich kann ihn auch nicht leiden. Er misshandelt mich schrecklich. Stellt euch vor, seit einiger Zeit kann ich nicht mehr in die Halle kommen, ohne dass er mir irgendetwas an den Kopf wirft. Nein, mein Freund ist er nicht.«
»Der unsere erst recht nicht!«, versicherten die Jungen.
»Wenn ihr ihm einen tüchtigen Schabernack spielen wollt«, meinte die Katze, »so will ich euch verraten, dass er oben im Schloss zwei kleine Mädchen gefangen hält. Seht, dort oben, hinter dem großen Efeubaum. Er hat sie vor acht Tagen am Strand erwischt, wo sie in einem seiner Schuhe landeten, die er in der Menschenwelt verloren hatte.«
»Spaßig«, sagten die Jungen, »wir sind auch in einem herübergesegelt gekommen.«
»Das ist vielleicht der andere vom Paar«, sprach die Katze.
»Aber was ist mit den kleinen Mädchen?«, sagten die Jungen.
»Die sollen da oben gemästet werden; wie sie ankamen, waren sie dem Riesen zu mager, weil sie auf ihrer Reise nichts zu essen gehabt hatten«, erzählte die Katze. »Jetzt sind sie aber schon ganz mollig und rund und müssen eigentlich prächtig schmecken.«
»Diese Mädchen müssen wir retten!«, rief Phips. »Natürlich«, antwortete Lips, »die Frage ist nur, wie wir das anstellen wollen.«
»Lasst mich nur machen«, sagte die Katze, »ich kann am Efeu hinaufklettern und sie ganz sicher in meinem Maul heruntertragen.«
»Das ist schön«, antwortete Phips, fügte aber gleich drohend hinzu: »Aber merke dir, wir stehen unter dem Efeu, und wenn du einem der kleinen Mädchen das Geringste zu Leide tust, durchbohren wir dich mit unseren Schwertern, sobald du auf dem Erdboden bist!«
»Und ich reiße dir den Schwanz mit der Wurzel aus!«, rief Gondikop und ließ sich einen Augenblick lang sehen, um gleich wieder zu verschwinden.
Die Katze zitterte am ganzen Körper. Man sah es ihr an, dass sie am liebsten auf und davon gelaufen wäre, dann aber rief sie: »Ich will es treu und brav erledigen, seid ohne Sorge!«
Nun kletterte sie wie der Blitz an den Efeuranken hoch, verschwand oben in einem der Fenster, und die beiden Jungen, die unten warteten, hörten einen Schrei.
Sie blickten einander entsetzt an, und Phips sagte: »Frisst sie die Mädchen?« Aber im nächsten Augenblick sahen sie die Katze wieder aus dem Fenster steigen. Sie trug ein weiß gekleidetes kleines Mädchen im Maul, kletterte vorsichtig herab und legte ihre Last vor den beiden Jungen nieder.
Dann sagte sie: »Es kommt noch eine!«
Und wie ein abgeschossener Pfeil war sie wieder oben am Fenster und erschien bald mit dem zweiten kleinen Mädchen, das ebenso niedlich war wie das erste und ebenso laut schrie, als sie unten ankam.
»Still, still!«, riefen Lips und Phips, aber es war schon zu spät. Ein Fenster klirrte, und der hässliche Kopf der Köchin schaute spähend heraus. Ein Blick – dann kreischte sie: »Herr! Meister! Unser Sonntagsbraten entwischt uns gerade!«
»Um Gottes willen«, rief die Katze, »das gibt einen schönen Handel. Es wird mir wohl nichts übrigbleiben, als mich nach einem anderen Land umzusehen.«
Jetzt zeigte sich Gondikop wieder und löste die Verwirrung. »Also, Katze«, sagte er, »du nimmst die vier Kinder auf den Rücken und läufst, was du kannst, bis an den Strand, wenn du nicht Lust hast, deinen Schwanz loszuwerden.«
»Aber mein Rückgrat wird das nicht aushalten«, entgegnete die Katze.
Ohne ein Wort zu sagen, setzte Gondikop erst die kleinen Mädchen, dann die beiden Jungen auf den Rücken des großen Tieres. »Nun lauf!«, sagte er. »Folge mir, so schnell du kannst!« Während er noch sprach, nahm Gondikop die Gestalt einer Schwalbe an und flog mit Windeseile voran.
Die Katze blieb knurrend stehen und hatte keine Lust zu gehorchen. Aber plötzlich hörte sie ein donnergleiches Zorngebrüll hinter sich. Da machte sie einen Satz, dass die Kinder fast von ihrem Rücken gefallen wären, und rief:
»O Schreck! Da kommt Donnerkeil!«
Jetzt stürmte sie wie ein Wirbelwind davon und folgte der Schwalbe. Ihr hinterher rannte Donnerkeil mit Riesenschritten. Die Schwalbe und die Katze waren aber viel schneller als er. Und kaum hatten sie das Meeresufer erreicht, da rief die Schwalbe:
»Schlammhuhn, Schlammhuhn, wo steckst du?«
»Hier bin ich«, antwortete der Wassermann und steckte seinen Kopf aus dem Meer.
»Hier sind die beiden Jungen, die du hergebracht hast, und noch zwei kleine Mädchen dazu. Und hinterher kommt Donnerkeil und will sie schlachten!«, sagte Gondikop.
»So schnell geht das nicht«, zischte Schlammhuhn, »da habe ich auch noch ein Wörtchen mitzureden. Da ist übrigens der Riesenschuh reisefertig. Steigt ein!«
Es war ein schreckliches Gedränge, aber Gondikop und Schlammhuhn brachten doch alle vier Kinder in dem Schuh unter.
Kaum saßen sie drin, da packte der Wassermann das Boot und stieß es mit aller Kraft hinaus aufs Meer. Und als endlich Donnerkeil am Strand ankam, sah er die vier Flüchtlinge nur noch in meilenweiter Ferne.
Trotzdem aber stieg er noch ins Wasser und watete ihnen nach. Als jedoch das Meer so tief wurde, dass es ihm bis an die Kehle reichte, schrie er:
»Wartet nur! In der Nacht komme ich hinüber und stehle euch alle vier, und dann ist ’s aus mit euch!«, und schüttelte drohend die Faust. Dann aber kehrte er um und ging brummend und knurrend zu seinem Schloss zurück.
Da legte die Katze, die sich im Gebüsch versteckt hatte, ihren Kopf zwischen die Vorderpfoten und begann zu jammern, dass es einen Stein erweichen konnte.
»Was ist denn los?«, fragte Gondikop, der bei ihr stand.
»Mich werden sie nun töten, wenn ich nach Hause zurückkomme. Denn ich bin eine schwarze Katze, die sie sowieso schon nicht leiden konnten. Und nun habe ich ihnen auch noch den Braten entführt. Ja, wenn ich eine gestreifte Katze wäre, ginge es mir vielleicht besser!«
»So sei von nun an eine Tigerkatze«, sprach Gondikop und berührte sie an der Schulter, »dann wird dich niemand erkennen.«
»O, ich danke dir, guter Elf!«, rief die Katze. »Und wenn du jemals ein gesundes Gebiss mit scharfen Zähnen oder ein paar Pfoten voll gewetzter Krallen brauchst, dann rufe mich, ich stehe dir zur Verfügung.« Und mit einem gewaltigen Freudensprung war sie verschwunden.
Gondikop blieb lächelnd am Ufer zurück und wartete, bis endlich Herrn Schlammhuhns bärtiger Kopf aus dem Wasser auftauchte.
»Sicher?«, fragte Gondikop und meinte die Kinder.
»Ganz sicher, ich habe sie bis in ihre Heimat gebracht«, antwortete Schlammhuhn.
»Weißt du, es ist ganz hübsch, dass es noch solche tapferen Jungs gibt wie die zwei. Aber ein bisschen viel Sorge machen sie uns doch. Meinst du nicht?«
»Nun«, schmunzelte Gondikop, »ich kenne da jemand, der sich die zwei am liebsten sofort wieder holen möchte!«
Da lachte Schlammhuhn und verschwand. Weil Gondikop nun aber nichts mehr zu tun hatte, legte er sich hin und schlief ein. Der Riese aber musste in Zukunft zu Hause bleiben, weil er nur noch einen Riesenschuh hatte; denn den anderen behielten die Kinder zum Andenken an ihre abenteuerliche Fahrt ins Riesenland.
Eine Witwe, die abseits des Bergdorfes im »Turtelti« wohnte, hatte einen halb erwachsenen Sohn, der alle Leute im Dorf an Größe und Stärke weit übertraf.
Eines Tages schickte sie ihn in den Wald, um Brennholz zu holen. Er sammelte aber nicht dürres Reisig wie die anderen, sondern riss gleich ganze Tannen aus und trug sie auf einen Haufen.
Viel später, als er dann wieder mal Holz sammeln sollte und wie gewohnt gerade dabei war, eine dürre Tanne mitsamt der Wurzel herauszudrehen, da kam ein fremder Gesell des Weges.
Als dieser sah, wie der Halbstarke mit den Bäumen umging, blieb er stehen und redete ihn an: »Oho, du bist aber stark! Mit dir möchte ich nicht ringen! Willst du mit mir kommen? Ich glaube, wir beide kämen schon durch die Welt!«
Der Bub fuhr sich mit der Hand über die nasse Stirn und erwiderte: »Na gut, zu Hause halte ich es ja doch nicht mehr lange aus, und in die weite Welt hinauszuwandern, das wäre schon nach meinem Geschmack. Aber ich muss meiner Mutter erst noch einen Arm voll Holz nach Hause bringen, damit sie feuern und kochen kann!«
»Mach, wie du willst«, sagte der Fremde, »ich warte schon!«
Der Bub nahm die gefällten Tannen, so viel er fassen konnte, wie ein Bündel Rebstichel unter den Arm, dann stapfte er, vom Fremden begleitet, heimwärts. Zu Hause warf er das Holz vor den Speicher auf einen Haufen und wandte sich zur Mutter, die in der Tür stand:
»So, Mutter, da hast du Holz! Ich glaube, es langt, bis ich wieder zurückkomme! Ich sage dir ade, denn ich will mit diesem Mann auf Wanderschaft gehen und mir die Welt ansehen!«
»Wer wird denn für mich sorgen, wenn du fortgehst?«, jammerte die Mutter.
»Mach dir darum bloß keine Sorgen, Mutter, und lass mich gehen! Ich werde für dich sorgen, und du sollst bald wieder von mir hören!«
»So geh in Gottes Namen«, tröstete sich die Mutter, »aber gib Acht, dass dir kein Unglück zustößt!«
Da nahm er Abschied von seiner Mutter und von »Turtelti« und zog mit dem Fremden von dannen. Dieser aber war ein Stelzfuß, der den Unterschenkel des linken Beines nach oben gebunden hatte, was der Bub erst jetzt bemerkte. Denn der Fremde humpelte gleichwohl so schnell davon, dass er ihm kaum folgen konnte.
Als sie eine ganze Weile gewandert waren, verspürten beide großen Hunger. Der Bub sagte:
»Wir wollen mal sehen, wo es etwas zu essen gibt, aber ich habe kein Geld, und du?«
»Was, Geld? Das habe ich nie!«, erwiderte der Gefährte. »Ich habe noch nie Geld gebraucht. Sobald wir in den Wald kommen, gibt es Wild in Hülle und Fülle!«
»Aber wir haben ja kein Gewehr bei uns«, warf der Bub ein, »da laufen uns die dicken Hasen davon!«
»Gewehr brauchen wir auch keins, wart nur, bis wir einen Hasen aufstöbern, dann wirst du schon sehen, wie ich ihn am Genick packe!«
»Du mit deinem hochgebundenen Bein, das möchte ich sehen!«
»Ja, gerade damit«, erwiderte der Stelzfuß. »Ich habe das eine Bein nur hochgebunden, damit ich nicht zu schnell laufe; mit dem geraden Bein jage ich das Kleinwild, und mit beiden zusammen fange ich das Hochwild!«
Damit hatten sie den Wald betreten, wo sie gleich einen Hasen aufschreckten. Der Stelzfuß sprang ihm so schnell hinterher, dass der Bub seinen Augen nicht traute. Nach einigen Sprüngen schon hatte der Kamerad das Langohr an den Läufen gepackt und ihm das Genick gebrochen. Dann zog er ihm das Fell ab, entfachte ein Feuerchen und briet den Hasen am Spieß. Und die zwei aßen sich vorzüglich satt. Als sie den Hunger gestillt hatten, zogen sie weiter und schnitten sich feste Stöcke, mit denen es sich gut wanderte. Doch die Sonne brannte und sie litten sehr unter der Hitze.
Nach einiger Zeit sahen sie auf einem Nebenweg, der in die Straße einmündete, einen Mann daherkommen, der ihnen auffiel, weil er den Hut ganz auf dem linken Ohr trug.
Und was war das für ein Hut! Statt der Krempe lief ein wiesengrünes Band um eine hohe Kupfe; es war eher ein Hut, wie ihn die Frauen und Mädchen tragen, denn er war oben und unten gleich breit. Dazu glänzte er bald rot, bald gelb, bald blau, bald in allen Farben des Regenbogens.
Sie blieben stehen und kamen mit dem Mann ins Gespräch. Schließlich luden sie ihn ein, sich ihnen anzuschließen, da sie in ein Land zögen, wo es keine Berge mehr gebe, sondern nur große Städte, schöne Dörfer und vornehme Leute, bei denen es mehr als nur Käse und Brot zu essen gebe.
Der fremde Geselle sagte: »Zu dritt wandert es sich sowieso besser als ganz allein, und da ich noch nie aus den Bergen herausgekommen bin, ziehe ich mit euch!«
Als sie nun zusammen marschierten, fragte der Stelzfuß den neuen Gefährten:
»Jetzt sag mir aber mal, warum bist du so eitel und trägst den Hut ganz auf der Seite?«
»Eitel?«, erwiderte der Angeredete. »Ich bin doch nicht eitel! Ich trage den Hut nur deshalb schief auf dem Kopf, damit die Sonne daneben hindurch auf die Erde scheinen kann. Trüge ich ihn mitten auf dem Kopf, so wie ihr, so käme die Sonne nicht durch, und dann würde es so kalt auf der Erde, dass alles geradezu erfrieren müsste!«
Da sagten die zwei anderen: »Nun, wir sind froh, dich gefunden zu haben; morgen gegen Mittag, wenn es wieder so heiß wird, rückst du den Hut höher, dann marschieren wir im Schatten!«
Die drei Gesellen wanderten nun gemeinsam und schlossen echte Freundschaft. Sie ließen den Wald hinter sich und kamen in eine Gegend, wo die hohen Berge nach und nach zurückblieben, ein großer See von fern zu sehen war und sich grüne, von Reben umsponnene Hügel zeigten. Der Stelzfuß fing das Wildbret, der Turteltibub trug es zum Feuer und der Mann mit dem Sonnenhut sorgte für Wärme und Schatten, genau so, wie sie es sich wünschten.
Eines Tages stiegen sie auf einen Hügel hinauf, um sich ein bisschen umzusehen. Sie waren gerade dabei, sich ein Plätzchen für ihr Mittagsmahl zu suchen, als sie einen Burschen auf dem Rücken liegen sahen, der alle viere von sich streckte – geradeso wie zu Hause in den Alpen die Bauern, wenn sie das Vieh hüten.
Der Faulenzer fiel ihnen gleich auf, der fürchterlich großen Nase wegen. Und als sie näher kamen, bemerkten sie, dass er eines der Nasenlöcher mit einem Wattebausch verschlossen hatte. Nicht weit von ihm entfernt, unmittelbar unten in der Ebene, standen drei Windmühlen, deren Räder sich lustig drehten, obwohl sich nicht das leiseste Lüftchen regte.
»Was liegst du hier so faul auf dem Boden?«, fragten sie ihn. »Und was fehlt dir, dass du ein Nasenloch zugestopft hast?«
»Das seht ihr doch wohl, wenn ihr nicht allzu dumm seid«, entgegnete der Geselle.
»Ich treibe die drei Windmühlen an! Hätte ich das andere Nasenloch nicht sorgfältig zugestopft, so würde ich die Mühlen mit allem, was drum und dran ist, und euch – bums! – in die Luft blasen!«
Die drei zuckten zusammen und wichen einige Schritte zurück. Da fing der im Grase so laut zu lachen an, dass der Boden bebte. Bald aber sahen sie, dass der Mann nicht so gefährlich war, wie er aussah. Traten wieder an ihn heran und fragten ihn, ob er mit ihnen Kameradschaft schließen wolle. Grad so einer, wie er sei, fehle noch in ihrer Gesellschaft.
Der Mann erhob sich, verschloss auch das andere Nasenloch, worauf die Windmühlen ihr lustiges Treiben einstellten, und sagte: »Mit dem Antreiben der Mühlen verdiene ich nur ein knappes Essen. Wenn ihr mir zu einer Frau verhelfen könnt, so komme ich mit. Die hiesigen Mädchen mögen mich alle nicht, weil ich so hässlich bin im Gesicht!«
»Das versprechen wir schon!«, riefen alle drei wie aus einem Munde und der Turteltibub am lautesten. »Eine Frau sollst du bekommen. Uns ist es bis jetzt gut ergangen, und wir sind erst am Anfang unserer Reise!«
Da zogen sie alle vier zusammen durch die Dörfer und Städte, weit, weit hinaus in das Hügelland und die Ebene, von wo sie die Berge in der Ferne nur noch ganz schwach zu erkennen vermochten. Sie freuten sich der schönen Wanderschaft und führten ein flottes Leben.
Eines Tages erblickten sie die Türme einer schönen, großen Stadt, der mächtigsten, die sie bis jetzt gesehen hatten. Da gab es Plätze, Gärten, Springbrunnen und gepflasterte Straßen. Auf einem großen Platze stand viel Volk. Die vier drängten sich hinzu und bemerkten auf einem Gerüst einen vornehm gekleideten Mann, der mit tönender Stimme etwas verkündete.
»Wer ist der Mann, der da ausruft?«, fragten die vier Gesellen die Nebenstehenden.
»Ihr seid wohl Fremde, dass ihr das nicht wisst?«
»Wir kommen von den Schweizer Bergen!«
»Ei was, die sind wohl hoch, die Schweizer Berge? Höher als die unsrigen?«
»Wo eure Berge aufhören, da fangen unsre erst an«, sagte der Bub. Die Leute rissen die Augen auf, und das Volk bildete einen Kreis um die vier Fremden.
»Und was macht ihr so das ganze Jahr hindurch in den Bergen?«
»Wir machen nichts«, erwiderte der Stelzfuß, »wir jagen nur das Wild!«
Die Umstehenden riefen: »Seht diese Leute, die kommen von den Schweizer Bergen und jagen nur das Wild! Was treibt ihr denn sonst immer?«
Die vier sahen sich an und lachten. Da rief der Bläser: »Nichts treiben wir, es geht alles von selbst!«
»Und im Winter fressen wir Eis und Schnee, und im Sommer trinken wir Gletschermilch«, fügte der mit dem Sonnenhut hinzu. »Und wenn wir schönes Wetter haben wollen, so rücke ich mit der Rechten am Hut, und wenn es regnen soll, ziehe ich ihn wieder herunter!«
Die Zuhörer sperrten den Mund auf, und das Volk scharte sich so dicht um die vier Kameraden, dass sie stillhalten mussten.
»Nun, wenn ihr alles könnt«, riefen wieder einige, »warum fegt ihr nicht die Wüste rein und verwandelt sie in ein fruchtbares Land!«
»Wo, was?«, fragten die vier fast zugleich.
»Ei, ja! Der König hat soeben durch seinen Herold, den ihr gesehen habt, ausrufen lassen, dass er demjenigen seine Tochter zur Frau gäbe, dem es gelänge, die große Wüste jenseits des Waldes in guten Boden zu verwandeln!« – Da kam die Polizei und trieb die Menge auseinander.
Die vier Gesellen traten in eine Wirtsstube, wo sie sich an einen Tisch setzten und sich vom Wirt bestätigen ließen, was sie soeben gehört hatten.
»Das wäre etwas für dich, Bläser«, sagten sie, »jetzt kommst du zu einer Frau, wie du es dir gewünscht hast, und dazu noch zu einer Königstochter!«
»Ihr Narren«, erwiderte der Bläser. Mühlenflügel antreiben und Sandwüsten ausblasen, das ist zweierlei. Doch wenn ihr glaubt, dass ich euch damit nicht blamiere und ihr keine Schwierigkeiten bekommt, so könnte ich es schon mal probieren!«
»Das könntest du wohl, und wir begleiten dich«, sagten sie. Und so stiegen sie eine lange, breite Marmortreppe zur Hofburg hinauf und ließen sich vor den König führen. Dort sagten sie, wenn es wahr sei, was der Herold ausgerufen habe, dass der die Prinzessin zur Frau erhalte, der die Wüste ausblase, so wollten sie es versuchen.
Der König war hocherfreut über das Anerbieten und ließ den vier Gesellen Braten und Wein auftischen. Dann fragte er, wer von ihnen das Wagestück unternehmen wolle. Da wiesen sie alle drei auf den Bläser: »Der da wird es machen, der hat schon ganz andere Arbeiten erledigt!«
Da winkte der König einen Diener, und es wurde der beste Wein aufgetragen. Dann ließ man eine Kutsche vorfahren, in der die vier Kameraden Platz nahmen und sich durch die Stadt und den Wald bis an den Rand der Wüste hinausfahren ließen. Drei der Freunde stiegen hier aus und legten sich in den Schatten der Bäume, der Bläser aber fuhr weiter, stopfte sich unterwegs beide Nasenlöcher zu und hielt erst mitten in der Wüste an. Dann stieg auch er aus, wartete aber noch einige Stunden, bis er glaubte, der Wagen sei wieder in Sicherheit. Nun sog er die Lungen voll, nahm die beiden Stöpsel heraus und begann zu blasen. Da wurde es stockfinstere Nacht. Der Sand flog in großen, schweren Staubwolken weit durch die Lüfte, man wusste nicht, wohin. In der Stadt zündeten sie überall die Lichter an und glaubten, das Ende der Welt sei herbeigekommen. Als die Staubwolken sich verzogen hatten, war der Boden rein gefegt. Anstelle der grauen Sandschicht zeigte sich schwarzer Lehm, der von selbst anfing zu grünen, sodass sich die ehemalige Wüste schon nach wenigen Tagen in fruchtbares Wiesenland verwandelt hatte.
Der Bläser war nun mit seinen Gefährten in die Hofburg eingezogen, wo ihnen die herrlichsten Speisen und die feinsten Weine aufgetragen wurden und man sie mit großen Ehren auszeichnete. Bald hatten sie sich an die vornehme Lebensweise gewöhnt. Der Bläser jedoch ließ sich eines Tages vor den König führen und verlangte von ihm den Lohn für seine Arbeit: die Prinzessin. Das passte dem König nicht, denn der Bläser war auch gar zu hässlich im Gesicht und von zu niederer Herkunft. Deshalb sagte er: »Meine Tochter will jetzt noch nicht heiraten, sage mir lieber, wie viel ich dir bezahlen soll!«
Da stieg dem Bläser das Blut ins Gesicht und er erwiderte in hellem Zorn: »Ich habe die Arbeit nicht um Geld getan. Wenn ich so herumreise, ist das Geld bald aufgebraucht; ich verlange Eure Tochter zur Frau, denn ich habe die Bedingung erfüllt, die Ihr durch den Ausrufer habt öffentlich verlauten lassen!«
Der König war in großer Verlegenheit. Er ließ die Gefährten des Bläsers zu sich bestellen und bewog sie, ihren Freund zu überreden, dass er sich mit einem Haufen Geld, den er selbst bestimmen könne, zufriedengäbe. Die Gesellen versprachen es, und es gelang ihnen auch, den Bläser zu besänftigen, so dass er einverstanden war, auf die Königstochter zu verzichten.
Der König hatte mächtige Strohsäcke in den Hof tragen lassen, und der Schatzmeister brachte nun alles Geld, das sich in der Schatzkammer befand. Aber das füllte nur spitz den ersten Sack.
Der Bläser, der seine Arme trotzig in die Seite stemmte, verlangte viel mehr, und so ließ der Schatzmeister sämtliches Geld im Reich in großen Wagen herbeibringen. Nun wurden die Säcke der Reihe nach gefüllt. Der Bläser verlangte noch mehr und noch mehr, aber als sieben Säcke voll waren, klopften ihm seine Kameraden auf die Schultern und sagten: »Jetzt ist’s gut! Damit haben wir alle vier für unser ganzes Leben genug!«
Der Bläser schaute sich um und fragte, wer nun das Geld forttragen wolle. Da trat der Turteltibub vor und sagte: »Das nehme ich wohl noch!« Er ließ die Säcke von einem Sattler oben zusammennähen, dann warf er sie alle sieben auf die Schulter. Und so zogen sie fort, ohne sich bei jemandem zu bedanken.
Kaum waren sie fort, reute den König das viele Geld und er klagte es seinen Ministern:
»Hätte ich doch noch die Wüste und dafür das viele Geld! Könnt ihr mir helfen?« Keiner der Minister wusste Rat. Da befahl der König einem General, mit seiner Armee den fremden Gesellen nachzujagen und sie in die Pfanne zu hauen.
Die vier Kameraden waren unterdessen ein schönes Stück weit vor die Stadt hinausgewandert, und nun hielten sie an und freuten sich ihres großen Reichtums.
Als sie zurückschauten, gewahrten sie das Heer, das ihnen auf flinken Pferden nachjagte, und sie fingen an zu jammern: »Jetzt schlagen sie uns tot, und wir haben nichts von unserem Reichtum!«
»Nur ruhig«, rief der Bläser, zog schnell seine Stöpsel aus der Tasche, verstopfte sich die Nasenlöcher und lief der Armee entgegen. Als die Spitze derselben ganz nahe gekommen war, nahm er die Stöpsel heraus und blies. Da flog die ganze Reiterarmee in die Luft, und Mann und Pferd fielen auf den Platz nieder und waren tot. Die vier Gesellen aber waren gerettet und konnten ungefährdet ihres Weges ziehen.
Der König war trostlos über die schlimme Nachricht, ließ abermals die Minister zu sich berufen und fragte sie, was er wohl anstellen könnte, um wieder zu seinem Geld zu kommen. Keiner wusste Rat. »Mit List vielleicht«, sagte der König, »mit List könnte es gelingen!«
Er sandte berittene Freundschaftsboten zu den Gesellen und ließ ihnen sagen, der König sei bereit, dem Bläser die Tochter zur Frau zu geben, aber dafür müssten sie ihm einen Teil des Geldes zurückerstatten. Die anderen Gefährten wollten davon nichts wissen, doch der Bläser erhob Protest und sagte: »Ich habe das Geld gewonnen, und jetzt, wo man mir eine Prinzessin zur Frau anbietet, will ich sie auch – und gebt euch nur zufrieden, wenn ich einmal König bin im Lande, dann soll es euch nicht schlecht ergehen!«
Da machten die vier kehrt. Der Turteltibub trug die sieben Säcke in die Hofburg zurück und stellte sie der Reihe nach an die Wand. Der König aber hatte einen eisernen Käfig herbringen lassen, den er für die wilden Tiere benutzte. Die vier Gesellen wurden auf der Stelle von starken Männern gepackt und hineingeworfen. Dann trug das Volk mächtige Stöße dürren Holzes zusammen, das um den Käfig aufgeschichtet und mit brennendem Stroh angezündet wurde.
»Jetzt sollen sie es haben, die vier Lumpen! Den Lohn wollen wir ihnen gönnen!«, rief man, und das Volk klatschte in die Hände und tanzte um den Käfig herum, als die Flammen hoch aufloderten.
Aber je mehr man draußen feuerte, desto lustiger wurden die vier Gefangenen in dem Käfig. Sie sangen, johlten und pfiffen, denn der Gefährte mit dem Sonnenhut schob die Kupfe immer höher und höher hinauf auf den Kopf, je kräftiger die Flammen züngelten, sodass zuletzt das Volk draußen vor dem Käfig und auf dem Platz ganz elend fror, vor Kälte zitterte und mit den Zähnen klapperte, während die drinnen nicht mehr als eine behagliche Wärme verspürten.
Der König sah nun ein, dass den vier Gesellen nicht beizukommen war, ergab sich in sein Schicksal und ließ den Käfig wieder öffnen.
»Ich bin jetzt überzeugt«, sagte er zu ihnen, »dass ihr mehr leisten könnt als alle meine Minister und Beamten zusammen! Von dem Turteltibub, dem Bläser und dem Gesellen mit dem Sonnenhut weiß ich es ganz gewiss. Nur den Stelzfuß möchte ich noch fragen, was er eigentlich zu leisten imstande ist und warum er das linke Bein stets hochgebunden trägt?«
»Der Jagd wegen«, erwiderte der Angeredete. »In der Ebene muss ich das Bein hochbinden, da ich sonst über das Kleinwild hinauslaufen und nichts erhaschen würde. Mit beiden Beinen zusammen gehe ich auf die Hochjagd und fange die Rehe und Gämsen mit den Händen ein!«
Da musste der König lachen und sagte: »Du musst mir eine Probe deines Könnens ablegen!«
Er ließ ihn in den Wald geleiten, wo Füchse und Hasen hausten. Dort fing der Stelzfuß in kurzer Zeit so viele davon, wie er nur mit den Händen erwischen konnte. Und in einem anderen Wald, wo er beide Beine gebrauchte, fing er eine große Anzahl Hirsche und Rehe und überbrachte sie dem König lebendig.
Der König war nun zufrieden. Der Bläser erhielt die Prinzessin zur Frau, die Minister wurden entlassen und die drei Gesellen zu Ministern ernannt.
Da meldete sich der Turteltibub zu Wort. »Ich danke sehr für die große Ehre, doch habe ich noch etwas auf dem Herzen. Meine Mutter, die oben im Bergtal lebt und ohne mich darben muss und jetzt auch kein Holz mehr hat zum Feuern, die möchte ich auch hier in der Hofburg sehen!«
»Die kannst du holen, wenn du willst«, entgegnete der König. »Du brauchst die Hofkutsche nur anspannen zu lassen!«
Am nächsten Tag schon traten die neuen Minister ihr Hofamt an, und man erzählt, noch nie sei ein Staat vortrefflicher regiert worden als von den vier lustigen Gesellen aus dem Wallis.
In einem fernen Land, in dem noch niemand von uns gewesen ist noch je irgendwer jemals hinkommen wird, lebte einst ein kleiner Junge, der hieß Kurt. Er hatte weder Vater noch Mutter noch sonst eine Menschenseele auf der Welt, die sich um ihn kümmerte.
Ein Holzfäller fand ihn im Wald, gab ihm etwas zu essen und erlaubte ihm dann, bei ihm zu bleiben. Das wiederholte sich im Laufe des Jahres einige Male. Als der Mann aber eines Tages wieder mal Holz genug geschlagen hatte, sagte er dem Kleinen für immer Lebewohl. Denn der Holzfäller hatte eine Frau und schon recht viele Kinder. So ließ er also den armen, kleinen Kurt im Wald zurück. Der sollte sehen, wie er allein zurechtkäme.
Kurt flehte den Mann an, ihn doch mitzunehmen, aber dieser antwortete, er habe daheim schon Mäuler genug zu stopfen. Er gab ihm noch etwas Brot und Käse und ein wenig Ziegenmilch, dann jedoch begab er sich heimwärts.
Eine Weile lief Kurt dem Holzfäller hinterher. Da ihm aber dieser mit dem Stock drohte, sah sich der arme Kleine gezwungen umzukehren.
Als sich unser Kurtchen nun im Wald allein und ganz verlassen sah, wurde er sehr traurig.
Bisher war es wohl manchmal vorgekommen, dass der Holzfäller ihn für kurze Zeit allein gelassen hatte, doch da hatte sich der Kleine nie gefürchtet. Nun aber, da er wusste, dass sein bisheriger Beschützer nie wiederkommen würde, war er ganz verzweifelt.
Den ganzen Tag über wanderte Kurt traurig umher und weinte. Als die Nacht anbrach, setzte er sich unter einen Baum und schaute zum hellen Mond empor.
Traurigen Herzens saß er da, doch plötzlich hörte er ein süßes Stimmchen:
»Kurt! Kurt! Was bekümmert dich so?«
Kurt schaute sich um, aber da war niemand. Er blickte hinauf: Da waren nur der nachtdunkle Himmel und der lichte Mond, der freundlich zu ihm herablächelte.
Kurt glaubte zu träumen.
Da, ein Zweiglein an dem Baum, unter dem er lag, bewegte sich ganz leicht und wieder hörte er dieselbe Stimme:
»Kurt, sag mir, was dich so traurig macht!«
Da schaute er zum Ast hinauf und erblickte ein winziges Wesen in einem Gewand hell wie das Mondlicht. Das Wesen hatte bunt schimmernde Schmetterlingsflügel und eine Krone auf dem Haupt, die in allen Regenbogenfarben glänzte. Gütig blickte es auf ihn herab und sprach mit süßer Stimme:
»Was fehlt dir, kleiner Kurt? Sag es mir, ich bin die Elfenkönigin!«
Da fürchtete sich der Junge gar nicht mehr und fasste Zutrauen zu dem kleinen, so zarten Geschöpf mit der süßen Stimme und den freundlichen Augen, das noch dazu eine Königin war.
Und er erzählte ihr, wie der Holzfäller ihn im Walde allein zurückgelassen habe. Dass es keine Menschenseele auf der Welt gebe, die sich um ihn kümmere, und dass er fürchte, im Walde umzukommen. Gütig lauschte die Elfenkönigin seinen Worten, dann sprach sie:
»Komm mit mir, Kurt, ich will dir helfen!«
Sie schwebte vom Baum herab und winkte ihm, ihr zu folgen.
Der Junge gehorchte. Ihre hellen Schwingen leuchteten ihm voran, und er wanderte nun zwischen den Waldbäumen hinter ihr her, bis sie an ein sehr dichtes Gebüsch kamen, in das kein Weg zu führen schien.
Aber plötzlich teilten sich vor ihm die Zweige, und er stand auf einer schönen Wiese. Alles war vom Mondlicht überflutet, hell und klar; Wasserquellen, rein wie Kristall, funkelten gleich Juwelen in dem hellen Licht; Vögel, deren Gefieder mit Rubinen und anderen Edelsteinen besetzt schien, schwirrten fröhlich auf und ab und sangen milde, süße Weisen, die die Seele des Jungen mit Entzücken erfüllten.
Blumen, viel schöner, als sie in seinem Wald wuchsen, blühten unter seinen Schritten auf oder hingen in langen Ranken von Baum zu Baum. Zahlreiche liebliche Wesen wiegten sich in den Blumenkelchen oder versteckten sich unter den Blättern. Manchmal schwangen sie sich auf die Blumenstängel, fassten sich bei den Händen und sangen:
»Wenn der Mond am Himmel steht
und ihr Kinder schlafen geht,
tanzen Elfen ihren Reigen,
den ihr dann im Traum erlebt.«
Mit staunendem Entzücken blickte Kurt um sich. Er war im Land der Elfen, das noch kein Fuß eines Menschen betreten hatte. Nun führte ihn die Elfenkönigin auf einen Hügel und befahl, ihm Honig und Früchte vorzusetzen, während sie aus einem Becher, der aus einem einzigen Diamanten geschnitten war, einen Tropfen Blumentau trank. Als Kurt sich ausgeruht hatte, eilte er unter die Bäume zu den kleinen Elfen und nahm an ihrem Spiel teil.
Er war glücklich und vergaß all seinen Kummer und wünschte sich, für immer hier leben zu können. Tiefe Traurigkeit zog in sein Herz, als die Königin ihn rief und freundlich zu ihm sagte:
»Du musst uns nun verlassen, denn bald wird der Morgen dämmern; aber wähle dir ein Geschenk zur Erinnerung an deinen Aufenthalt bei uns im Elfenland aus!«
Kurt wäre am liebsten geblieben. Die Elfenkönigin aber schien seine Gedanken in seinen Augen zu lesen.
»Du glaubst«, sprach sie, »du würdest glücklicher sein, wenn du für immer bei uns leben könntest, aber da irrst du dich sehr. Du bist kein Elf und wirst nach und nach zu einem Mann heranwachsen. Dann würdest du bald unseres Lebens müde sein und zu den Menschen zurückkehren wollen. Darum wähle dir etwas zur Erinnerung aus - und dann musst du uns verlassen.«
Kurt sah, dass es keinen Sinn hatte, sich dem Willen der Elfenkönigin zu widersetzen, und warf seufzend einen letzten Blick über das schöne Elfenland. Da flog ein kleiner Vogel auf einen nahen Zweig und zwitscherte eine bezaubernde Melodie. Das Gefieder des kleinen Sängers glich purem Gold, und seine Flügel schimmerten im Mondschein jeden Augenblick in anderen Farben.
Da streckte Kurt seine Hände aus und bat: »O Königin, gib mir diesen Vogel!«
»Du hast weise gewählt, Kurt«, sprach sie. »Der kleine Sänger wird dich aufmuntern. Und wenn er seine Lieder aus dem Wunderland singt, wirst du dich in Zukunft niemals allein fühlen!«
Während sie so sprach, flog das Vöglein auf ihre Hand; sie band einen zarten Silberfaden unter seine Flügel und forderte Kurt auf, sich das andere Ende des Fadens um seine Hand zu wickeln. Das tat er, und da kam auch schon das Vöglein und schlüpfte in die Brusttasche seiner Jacke.
Dann winkte die Elfenkönigin dem Jungen und er folgte ihr, bis sie wieder zu dem Dickicht kamen, durch welches sie eingetreten waren. Dort versammelten sich alle Elfen um sie und riefen mit ihren zarten Stimmen:
»Lebe wohl, kleiner Kurt! Lebe wohl, kleiner Kurt!«
Gerade als er ihnen antworten wollte, fiel der erste Strahl der Morgensonne auf ihn, und sofort verschwand alles. Kurt befand sich zu seiner großen Überraschung wieder unter den grünen Bäumen, wo ihn die Königin gefunden hatte.
Er stand auf und schaute sich um. Alles war noch still. Die Vögel hatten ihre Nester noch nicht verlassen, aber die Sonne sandte schon ihre ersten zaghaften Lichtstrahlen in den Wald.
»Ach, habe ich schön geträumt!«, seufzte er. »Was soll ich bloß machen? Ich werde sterben, wenn ich hierbleibe. Wie aber kann ich aus dem Wald herausfinden?«
Da hörte er auf einmal ein so wunderbar süßes Stimmchen, dass sich sein Herz mit Freude füllte, und in dem Flöten und Trillern konnte er deutlich die Worte unterscheiden:
»Der Sonne folg nach Westen zu
und wandre ohne Rast und Ruh,
dann auf dem rechten Weg bist du!«
Das war die Stimme des Wundervögelchens, das aus der Tasche herausgeschlüpft war und nun über unserem Kurt schwebte und sein wunderbares Lied sang.
Da verspürte er neuen Lebensmut.
»So hätte ich doch nicht geträumt«, sprach er, »und dieser Vogel wird mir den Weg aus dem Wald weisen. Wie wunderbar, dass ich ihn habe!«
Dann nahm er Brot und Käse aus der Tasche, aß ein wenig, wandte sich nach Westen und wanderte leichten Herzens davon.
Des Öfteren ließ sich der schöne Vogel auf seine Schulter nieder, dann wieder flatterte er vor ihm her, so weit der silberne Faden ihn fliegen ließ. Dabei sang er seine wunderschönen Melodien, die Kurts Gedanken in das Elfenland und zu der bezaubernden Elfenkönigin zurückführten. So wanderte er diesen und den nächsten Tag, ruhte in der Nacht unter Bäumen und erwachte bei frühester Dämmerung durch den Gesang des Wundervogels.
Als er aber am dritten Tag seine letzte Brotrinde verzehrt hatte und rings um ihn immer noch nichts anderes als grüne Bäume waren, da schwand ihm der Mut. Müde und matt sank er auf die Erde und weinte laut.
»O«, sagte er zum kleinen Vogel, »ich kann dir nicht mehr trauen, du hast mich getäuscht. Wäre ich geblieben, wo ich war, wüsste ich wenigstens Beeren und Nüsse zu finden. Jetzt muss ich Hunger leiden und werde umkommen, da ich nirgends den Weg aus dem Wald finde. Und das ist deine Schuld!« Und Kurt vergrub sein Gesicht in den Händen und weinte noch heftiger. Das Vöglein aber schwang sich hoch in die Luft und sang:
»Frisch auf, gewandert!
Gar bald zu Ende ist der Wald!«
Und obgleich Kurt eben gesagt hatte, er würde dem Vöglein nie mehr trauen, sprang er auf und sein Herz fasste neuen Mut. So setzte er seinen Weg fort. Nach einigen Stunden lichteten sich die Bäume, und er sah in der Ferne eine kleine Stadt. Da strömte frische Kraft durch seine Adern, und er eilte vorwärts, bis er den Ort erreichte.
Bald fand er auch ein Haus, wo ihm ein Mann freundlich entgegenkam. Er bekam von diesem ein warmes Abendbrot und ein Nachtquartier.
