Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Die Zeitreisende Dara Scope wird von der spirituell hochentwickelten Frau Viktoria gefragt, ob sie in das Jahr 2012 reisen möchte. Dies sei eine wichtige Mission, weil sie in dieser Zeit ihr positives Karma zum Nutzen der Menschen und Tiere einsetzen könnte. Sie lässt sich darauf ein ohne zu wissen, was genau auf sie zukommt. Als Viktoria sie in der Nähe von Berlin absetzt und anschließend in die zeitlose feinstoffliche Dimension zurückkehrt, ist Dara auf sich allein gestellt…
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 146
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Prolog
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Mein Name ist Dara. Vor nicht all zu langer Zeit lebte ich in Berlin, hatte eine Katze und ging einen ganz normalen Job als Shuttlepilotin nach. Ich war ein Mensch aus Fleisch und Blut.
Das ist jetzt anders. Ich befinde mich in einer Welt, die ich bisher nur aus Träumen kannte. Es ist eine Geisteswelt, die wirklich existiert. Es gibt hier keine Materie, wir sind reine Energie und bewegen uns durch Raum und Zeit. Nein, ich bin nicht gestorben, aber ich könnte mir vorstellen das man sich nach den Tod kurzfristig in einer geistigkörperlosen Welt befindet.
Wie ich hier her gekommen bin, ist eine längere Geschichte auf die ich später noch zurückkomme. Jedenfalls befinde ich mich nun in Begleitung einer Dame. Sie heißt Viktoria.
Nun hat sie mich gefragt ob ich nicht wieder für eine gewisse Zeit in die physikalische Welt zurück möchte. Zuerst lehnte ich ab, aber sie sagte, dass es eine sehr wichtige Mission sei und versprach mich danach wieder abzuholen.
Ich ging darauf ein...
Wir landeten dann im Frühjahr 2012 per Raumschiff in der Nähe von Berlin. Völlig unbemerkt von den Überwachungssystemen. Vielleicht hatte uns jemand gesehen, als wir lautlos und unbeleuchtet an einer einsamen Stelle landeten.
„Wenn ich schnell wieder weg bin, wird das keine Auswirkungen haben“, erklärte Viktoria und wollte damit unterstreichen, dass dies eine geheime Mission war.
„Erfülle hier dein karmisches Potenzial“, antwortete sie auf meine Frage was ich denn nun konkret zu tun habe. „Achte auf deine innere Stimme und auf versteckte Hinweise“, waren ihre letzten Worte, als sie das Raumschiff bestieg.
Bevor ich die feinstoffliche Lichtwelt verließ, hatte ich mir die wichtigsten Dinge spontan herbei gezaubert. Geld und einen Personalausweis mit dem Geburtsdatum 1976. Solange die Papiere in Ordnung sind und Geld da ist, fragt keiner nach.
Ich quartierte mich in einem kleinen Hotel in der Vorstadt Berlins ein und blickte etwas melancholisch in die sternklare Nacht, als ich den Lichtschweif aufblitzen sah. Viktoria hatte soeben die Lichtgeschwindigkeit überschritten und befand sich nun in einer für mich unerreichbaren Dimension. Vielleicht hat jemand gerade zum Himmel geschaut und sich etwas gewünscht. Ich hätte mir am liebsten gewünscht das Viktoria zurück kommt. Aber ich wusste, sie würde es nicht tun, selbst wenn ich meinen flehenden Gedanken in die unendlichen Weiten des Alls schicken würde.
Wie es nun weitergehen soll, nachdem ich mich hier häuslich eingerichtet hatte, wusste ich nicht und die Innere Stimme schwieg. Ich wartete auf eine Eingebung, ein Signal. So geht es aber nicht. Wenn man verkrampft auf was wartet, kommt es meistens nicht. Es sei denn es ist klar was wann kommt. Zum Beispiel ein Bus. Der kam und ich stieg ein, fuhr quer durch Berlin und ließ die Atmosphäre auf mich wirken. Ich kannte diese Stadt ja aus einem vergangenen Leben. Eine Vergangenheit die vom jetzigen Zeitpunkt in der Zukunft liegt. Manches erkannte ich wieder, zumindest Teile davon. Es war verwirrend und schön zugleich. Viktoria hatte es mir überlassen den Ort und den Zeitpunkt auszuwählen.
Entscheide ohne lange nachzudenken, aus den Bauch heraus.
Aus Tagen wurden Wochen und mein Startkapital aus dem Himmelreich verschwand fast genauso schnell wie ich es herbei gezaubert hatte. Mittlerweile hatte ich das teure Hotel gegen eine Wohnung getauscht. Mit einer Mitbewohnerin des Hauses verstand ich mich sofort sehr gut und hätte sie am liebsten gleich gefragt ob sie auch „von oben“ kommt.
Sei vorsichtig mit solchen direkten Fragen, hatte Viktoria immer eindringlich gemahnt, die können nicht nur Verwirrung bei den entsprechenden Personen verursachen sondern auch die Zeitlinie beeinflussen. Die Mitbewohnerin hieß Anna, eine liebenswerte Frau. Sie verhalf mir zu einen Job und von nun an verteilte ich früh morgens Zeitungen. Ich tat es mit fester Überzeugung, dass dies mit der Erfüllung meines karmischen Potenzials zu tun hat. Das war gut so, denn nicht immer machte es Spaß und nicht immer war des Wetter freundlich.
Eines Tages blitzte während einer Meditation eine Idee in mir auf: Verreise! Hau mal ab! Diese hektische Stadt ist nicht gut für dich!
Mein Verstand sagte mir das ich mir das im Moment nicht leisten kann, mein Bauch sagte mir das ich es mir nie leisten könne und es deshalb tun sollte und zwar sofort. Ich sehnte mich nach einem Ort an dem es ruhig ist und meine Innere Stimme eine Chance bekommt sich zu melden.
Nach Hinweisen suchend erregte ein Flyer, eingeklemmt zwischen allerlei Katalogen und Werbeprospekten, meine Aufmerksamkeit. Dieser wies auf ein kommendes buddhistisches Festival in England hin. Ich wertete dies als Zeichen und buchte kurz darauf den Flug.
Es war ein kleiner Ort an der Westküste Englands, ein altes Schloss, das die Buddhisten gekauft und mit viel Fleißarbeit restauriert hatten, wo wie immer in den Sommermonaten ein zweiwöchiges Festival stattfand. Ich schlug mein Zelt in einem zum Schlosspark gehörenden Wald auf.
Meine Zeltplatznachbarin wusste gleich einen geeigneten Ansprechpartner, als ich erwähnte, dass ich nach einem abgeschiedenen Ort für ein längeres Meditations-Retreat suchte.
„Du kennst John nicht?“, wunderte sich die nette Dame und gab mir den Rat ins Café zu gehen. Dort werde ich ihn bestimmt treffen.
Das klang doch ganz erfolgversprechend, nämlich nach einem Zeichen.
Die Begegnung mit John bestätigte meine Hoffnung, auf den richtigen Weg zu sein. Es war leicht mit ihm ins Gespräch zu kommen, denn es schien der Grund seiner Existenz zu sein.
„Du musst selbst herausfinden, wann und wo es für dich am besten ist“, erklärte er in der Schlossca feteria nachdem wir an der Kaffeeausgabe zuerst über belanglose Dinge plauderten und uns dann an einem kleinen runden Tisch setzten. Ich nippte aus dem Fenster blickend an der Kaffeetasse. „Über das Wann bin ich mir im klaren, aber wo, dass weiß ich noch nicht“, gab ich ihm nachdenklich zu verstehen.
John hatte eine kräftige Statur, schwarze Lederjacke, eine Sonnenbrille mit rot getönten Gläsern. An seinen Armen gab es keine Stelle die nicht tätowiert war. Bei einem Rocker-Treffen wäre er nicht sonderlich aufgefallen. Hier auf dem buddhistischen Festival zwischen Nonnen und Mönche schon, aber im positiven Sinne, denn man betrachtete die öffentlichen Veranstaltungen im Tempel auch als Anlaufstelle derjenigen, die sich gewöhnlich nicht mit Spiritualität befassen. Mir schien John alles andere als ein spiritueller Anfänger zu sein...
Er schmunzelte, stützte den Ellbogen auf und drückte die geschlossene Faust unter das Kinn. „Also wenn du einen idealen Ort für die Meditation suchst, da kann ich dir vielleicht weiterhelfen.“
Ich überlegte kurz, weil ich nicht wusste was ich von seinem Angebot halten sollte. Schließlich kannte ich John erst seit ein paar Minuten. Die Geschichten die man über ihn erzählt, konnten unterschiedlicher nicht sein. Als ehemaliger Fremdenlegionär ohne festen Wohnsitz reist er quer durch die Welt, sagt man. Oder er ist Chef einer Firma in Schottland. Wieder andere erzählten, er hätte eine Farm in Amerika und betreibe eine spirituelle Sekte.
„Prima“, sagte ich. „Ist bestimmt weit weg und teuer“, fügte ich vorsichtshalber hinzu, um zu signalisieren das meine finanziellen Möglichkeiten sehr beschränkt sind. Er schüttelte den Kopf. „Nicht so weit wie du vielleicht denkst. Es ist eine Blockhütte in Finnland. Bezahlen brauchst du nur die Anreise, sonst nichts. Für den Aufenthalt bekommst du sogar Geld und Verpflegung.“ Er nahm seine Sonnenbrille ab und zwinkerte mir zu. Im ersten Moment wollte ich unter einen Vorwand schnell abhauen, denn mir wurde die Sache unheimlich.
„Wo ist der Haken?“
„Haken?“
„Na, was muss ich dafür tun?“, fragte ich, „schließlich bekommt man auf dieser Welt nichts geschenkt.“
„Du sollst nur auf die Hütte aufpassen und hier und da ein paar kleine Reparaturen erledigen.“ John faltete die Hände und spreizte die Daumen zur Seite. „Das ist alles.“
Ich schmunzelte. „Ist das deine Hütte?“
„Sie gehört einem Freund von mir. Er ist dieses Jahr viel unterwegs und möchte nicht das sein Häuschen monatelang unbewacht ist.“ Er lachte.
„Wenn du willst, kannst du gleich von hier aus anreisen.“
„Nein ich muss vorher noch zurück nach Deutschland“, wehrte ich ab. „Danke für das Angebot. Nach Finnland wollte ich schon immer.“ Die anfängliche Skepsis verflüchtigte sich wie Nebel im Wind. Es gab einfach keinen Grund das nicht zu tun. Ich war mir sicher. In einer Blockhütte, weit weg von irgendwelchen Ablenkungen werde ich die Botschaft empfangen. John erhob sich und reichte mir seine Visitenkarte auf der nur sein Vornahme, eine Email und eine Mobilfunknummer stand. „Okay, kein Problem. War nett dich kennen zu lernen.“ Er klopfte mir auf die Schulter. „Melde dich, sobald du zu Hause bist.“
„Ja, mach ich und danke für alles“, gab ich zurück während er sich entfernte.
Am folgenden Tag machte ich mich mit einem prallen Rucksack und einer Reisetasche zu Fuß auf den Weg zum Bahnhof. Die Taxiunternehmen konnten zum Festivalende über Auftragsmangel nicht klagen. Mittlerweile betrug die Wartezeit fast zwei Stunden. Der Weg kam mir angesichts der schweren Reisetasche quälend lang vor. Immer wieder wechselte ich die Tasche von der rechten auf der linken Schulter. Zum Glück hatte ich noch genug Zeit, und so setzte ich mich nach gut halber Strecke schnaufend auf eine Bank am Straßenrand. Ich beobachtete die Menschen die vorbei liefen, wechselte einen kurzen Blick mit ihnen. Manche schienen regelrecht berauscht von ihren Erlebnissen auf dem Festival zu sein. Sie schwebten in einer Welt, jenseits ihrer alltäglichen Realität. Noch. Den spätestens wenn am Bahnhof der Stress auf sie einschlägt, wird der Rausch verfliegen und ein Kater der Ernüchterung weichen. Lasst euch nicht entmutigen hätte ich ihnen am liebsten hinterher gerufen.
Als ich ein paar Kekse verputzt hatte, marschierte ich zügig zum Bahnhof.
Viele Stunden später stand ich eng gedrängt in einer S-Bahn, die mich vom Hauptbahnhof zu meiner Wohnung brachte. Eine frische Böe erfasste mich, als ich zwischen ungeduldig drängelnden Menschen auf den Gehweg trat. Erleichtert atmete ich tief durch. Nur noch ein paar Minuten Fußweg. Mein Blick streifte das jetzt leere Wartehäuschen der Haltestelle. Auf den Sitzbänken lag allerlei Müll herum, obwohl es gleich um die Ecke ein leerer Abfalleimer gab. Nachdem ich mich angewidert auf den Weg machte, kehrte ich nochmal zurück, denn ich hatte neben den Müllhaufen etwas gesehen. Ein Buch. Die Seiten flatterten im Wind. Auf dem blauen Buchdeckel klebte ein Zettel: Zum Mitnehmen. „Na wenn das keine Botschaft ist“, dachte ich während ich darin herumblätterte. Es war ein Roman mit den Titel „Welt ohne Zeit“.
In meiner Wohnung angekommen, griff ich sofort zum Telefon um John anzurufen und wunderte mich nicht darüber, dass sein Handy ausgeschaltet war, denn er schien nicht der Typ zu sein der ständig erreichbar ist. So beschloss ich erst ein entspannendes Bad zu nehmen, bevor ich mich an den Computer setze um John eine Email zu schreiben.
„Wieso können wir nicht einfach in die Zeitlinie einsteigen wo wir wollen“, fragte Vera und schaute Viktoria dabei zu, wie sie eine Anordnung aus Kristallen neu ausrichtete.
„Weil die Zeitlinie von der physikalischen Seite geöffnet werden muss. Wir brauchen immer einen Verbündeten von der anderen Seite. Sonst haben wir keinen Zugang zu der physikalischen Welt.“ Viktoria schob vorsichtig eine gläserne Pyramide zwischen zwei auf dem Kopf stehende Tetraeder. Anschließend summte sie ein Mantra und gestikulierte mit den Händen. Die Anordnung begann zu leuchten. Ein warmer sphärischer Klang erfüllte den Raum. Viktoria wandte sich Vera zu, die mit gekreuzten Beinen auf einem freischwebenden roten Kissen saß. „Meinst du ich hätte euch damals einfach dort abgeholt, weil es mir gerade in den Sinn kam? Ihr habt mich dazu eingeladen.“ Viktoria schmunzelte.
„Eingeladen? Wir hatten zu den Zeitpunkt nicht den geringsten Beweis für deine Existenz und dieser faszinierenden Welt hier“, wandte Vera ein.
„Eure Visionen, Denkansätze und besonders der feste Glaube daran waren Einladungen an uns. Dadurch habt ihr euren Geist auf etwas gerichtet, das noch jenseits eurer Wahrnehmung war.“
„In der Vergangenheit hatten die Menschen auch Visionen und glaubten an Gottheiten. Warum haben sie diese nicht wahrgenommen“, überlegte Vera weiter. Viktoria lachte spöttisch. „Das haben sie doch. Denkst du vielleicht ihr seit die Ersten die Kontakt mit uns haben?“
Vera glitt von ihrem Sitzkissen herunter und sank sanft wie eine Seifenblase herab. Sie brauchte nur die Beine auszustrecken bis sie den Boden berührten. Fasziniert betrachtete sie die Kristalle. „Ich wundere mich nur darüber warum in der Geschichtsschreibung nichts darüber berichtet wurde.“
„Es wurde darüber berichtet. Aber es gibt verschiedene Interpretationen. Dadurch entstanden die verschiedenen Religionen. Religionen sind ein gutes Mittel, Weisheiten zu überliefern bis sie in der Zukunft entschlüsselt und angewandt werden können. Aber das weißt du ja. Du gehörst dieser glücklichen Generation an, die aus Glaube Wissen gemacht hat.“
Vera ging zu einer großen runden Scheibe, die im Mittelpunkt einer Kommandozentrale frei in der Luft schwebte. Die glatte Oberfläche glich einem Brunnen, der randvoll mit klarem Wasser gefüllt ist. Der Blick in diesen Zeitspiegel, wie Viktoria die Scheibe nannte, faszinierte Vera immer wieder. Anfangs fand sie es beängstigend dort hinein zu schauen, denn sie blickte in einem Schacht der Unendlichkeit. Es gab kein Fluchtpunkt in der Ferne in dem alles zusammen lief. Sie hatte erst immer das Gefühl sie würde hineingezogen. Im Grunde genommen war es auch so, denn sie selbst bestand nicht aus Materie, sondern aus reiner Energie. Die Gefahren die sie noch als fleischliches Wesen ausgesetzt war, existierten nun nicht mehr. Dafür gab es andere unbekannte Abgründe, in die sie ohne Viktorias wachsame Hilfe längst gefallen wäre.
„Könnte es für Dara gefährlich werden?, fragte Vera während sie in den Zeitspiegel vergebens nach ihrer Tochter suchte.
„Wenn du arg besorgt bist und Zweifel aufkeimen, könnten schon problematische Strömungen entstehen.“ Viktoria legte sanft ihre Hand auf Veras Schulter und beugte sich über den Rand der Scheibe. Ihre weißen Engelshaare fielen ihr dabei ins Gesicht. Sie deutete in den Spiegel. „Dort ist sie. Kannst du sie auch sehen, Vera?“
„Ja, jetzt kann ich sie sehen.“ Vera kicherte. „Sie sitzt in der Badewanne.“
*
John ließ sich zwei Tage Zeit, bis er endlich auf meine Mail antwortete. Ich hatte die Blockhütte in Finnland schon fast aufgegeben und damit begonnen, nach anderen Hinweisen zu suchen.
Die präzise Wegbeschreibung zum Treffpunkt in Finnland druckte ich mir aus und kündigte mein Apartment. Ich verkaufte alles was nicht in meiner Reisetasche passte.
Blicke nur nach vorne und breche immer alle Brücken hinter dir ab, sonst musst du wieder zurück und kommst in deiner Mission nicht weiter, hatte Viktoria während meiner Einweisung zu meinen ersten Soloabenteuer mehrmals betont. Verhalte dich so, dass die Ereignisse sich ganz von selbst zu deinem Vorteil entwickeln. Versuche nicht die Welt deinen Willen zu unterwerfen. Das das nicht funktioniert habe ich in Viktorias Welt oft erfahren, weil dort alles sehr sensibel auf Gefühle reagiert. Je intensiver ich was forderte, desto mehr richtete sich alles gegen mich. Hier in der physikalischen Ebene ist das im Grunde genauso, auch wenn das nicht so spontan passiert.
Mit solch einer einfachen aber weisen Erkenntnis im Hinterkopf machte ich mich auf den Weg nach Finnland und nahm das erste Problem gelassen entgegen. Es kommt schon mal vor, dass man wegen technischer Mängel eineinhalb Stunden auf den Zug warten muss. Ich hatte viele interessante Reisebekanntschaften. Mit Männern kam ich immer sehr leicht ins Gespräch. Es genügte sie länger als zwei Sekunden an zulächeln, oder hilflos vor einem Fahrscheinautomaten zu stehen. Dann fragten sie meistens ob sie helfen können. Lieb gemeint, eigentlich. Manchmal aber auch anstrengend, besonders wenn man gerade keine Lust auf Smalltalk hat.
Wenn man die Zukunft kennt, ist es nicht leicht so zu sprechen als dass man sie nicht kennt. Ich weiß nun mal, dass in rund dreißig Jahren eine Genkrankheit weltweit alle Männer unfruchtbar werden lässt, die dazu führt das in weiteren achtzig Jahren diese Gattung Mensch aus-stirbt.
Einmal hatte ich mich verplappert als ich mit einem jungen Mann über die Zukunft philosophierte und von der Genkrankheit sprach, als wäre sie bereits Tatsache. Ich konnte gerade noch ins Hypothetische wechseln als er mich Stirn runzelnd ansah. Sei vorsichtig, wenn du ins Plaudern kommst. Das kann weitreichende Folgen haben, wenn du versehentlich Tatsachen aus der Zukunft ausplauderst, erinnerte ich mich an Viktorias Worte.
Als der Zug endlich los fuhr, nahm ich ein Buch zur Hand. Jenes, dass ich an der Bushaltestelle gefunden habe. Schon die erste Seite überraschte mich. Ich erkannte mich sofort selbst als Protagonistin, denn die erste Beschreibung entsprach meinem früheren Leben als Shuttlepilotin in der Zukunft. Wie konnte das sein? Über den Autor konnte ich keine näheren Informationen in dem Buch finden. Ich las weiter. Auch wenn die Handlung nicht exakt die Ereignisse aus meiner Vergangenheit wiedergaben, so stimmte das soziale Umfeld. Zum Beispiel Luxa meine virtuelle Freundin. Als ich neugierig weiterblätterte und diagonal die Seiten überflog, überraschte es mich nicht meine Mutter Vera zu finden. Auch wenn die Vorbereitung zu unseren ersten interstellaren Flug anders verlaufen war und der Name des Raumschiffes anders lautete, so viele Übereinstimmungen konnten nicht zufällig sein. Seitdem ich in Viktorias Welt lebe, sehe ich die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft etwas anders. Aber wenn dies eine Botschaft ist, was soll ich damit anfangen?
Ich blickte aus dem Fenster. Grüne Wiesen, auf denen Kühe weideten, zogen langsam vorbei.
„Das Leben in der Natur wird mir sicherlich gut tun“, dachte ich und schlief ein.
Durch das Quietschen der Bremsen wachte ich auf. Der erste Teil der Reise näherte sich dem Ende. Gerade lief der Zug in Travemünde ein. Jetzt beginnt die lange Schiffsreise quer durch die Ostsee nach Helsinki auf die ich mich schon sehr freute. Zu meiner Zeit gab es diese Art zu reisen nicht mehr. Nur aus diesem Grund habe ich die Schiffsreise gebucht.
