Welt ohne Zeit - Michael Abenath - E-Book

Welt ohne Zeit E-Book

Michael Abenath

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Beschreibung

Eine mysteriöse weltweite Veränderung der Gene führte Mitte des 21. Jahrhunderts dazu, dass die Männer unfruchtbar wurden, und so die Frauen sich schnell was einfallen lassen mussten, um den Fortbestand der Menschheit zu sichern. Die Lösung fand sich unerwartet in einer sogenannten Khartangarfrucht. Schlussendlich entstand eine Frauenwelt, die technisch und spirituell hoch entwickelt, im Jahr 2196 ins Weltall aufbricht. Ziel ist das Sternsystem Alpha Centauri. Zwischen dieser Khartangafrucht und was die Frauen auf ihrer Reise erleben, besteht ein Zusammenhang...

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Seitenzahl: 249

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhaltsverzeichnis

Besuch aus der Vergangenheit

Die Großstadt im All

Welt ohne Zeit

Phänomen-freier Raum

Real? Nicht Real?

Besuch aus der Vergangenheit

Die Sonne stand hoch am Himmel und brannte erbarmungslos. Heiße Luft stieg auf, der Horizont glitzerte. An weißen Bungalows, die friedlich in einer paradiesisch anmutenden Parkanlage lagen, funkelten goldbraun getönte Fensterscheiben im Licht. Hier und dort parkten schnittige Solarautos und Fahrräder, kein Mensch weit und breit.

An diesem Sommertag im Jahr 2196 befand sich Dara Scope auf dem Weg zum U-Bahn-Lift. Am Eingang wehte ihr angenehm kühle Luft entgegen. Sie atmete tief durch und strich sich mit der Hand durch ihr langes schwarzes Haar. In wenigen Sekunden sauste der Lift in die Tiefe und öffnete mit einem sanften melodischen Klang die Tür. Die Stadt pulsierte tief unter der Erde. Große lichtdurchflutete Erlebnisplätze, kühle Eleganz aus Stahl, Chrom und Marmor.

Aus einem blau beleuchteten Tunnel sauste eine Bahn heran und stoppte vor den Wartenden, während sich die chromglänzende Seitenwand des Zuges öffnete. Dara bestieg den Zug und dachte an das neue Projekt, überlegte, was es für sie als Mitarbeiter in von Transpace an neuen Herausforderungen geben könnte.

Als ihre Mutter vor fünf Jahren vorschlug sich bei TS als Shuttlepilotin zu bewerben, befolgte sie ihren Rat. „Der Job dort ist interessant. Du hast im wahrsten Sinne Aufstiegschancen“, hatte sie augenzwinkernd gesagt.

Eine phantasievoll angelegte Pflanzenwelt schmückte die Flughafenhalle. Hoch unter der Decke hing ein historisches Shuttle. Darüber prangte ein blau leuchtender Schriftzug: Weltraumbahnhof. Dara trat in die Kontrollschleuse für Flughafenpersonal und legte die linke Hand auf den Sensor. Eine Tür aus silbern glänzenden Stahl glitt surrend auf. „Identität erfolgreich abgeschlossen, Person zugangsberechtigt“, tönte eine strenge Computerstimme. Sie betrat das Cockpit des Shuttles und ließ sich schnaufend in den Sitz fallen.

„Luxa, bist du da?“

„Aber klar und alle Systeme sind aktiviert“, antwortete die Frau im Computer. Sie war Daras virtuelle Assistentin und Ansprechpartnerin für Informationen und gleichzeitig eine treue immer präsente Freundin.

„Ich musste durch drei Barrieren, um mich einloggen zu können. Die Sicherheitsbestimmungen sind erhöht worden. Hackerinnen sind jetzt in der Endphase der Baustelle sehr aktiv“, fügte Luxa hinzu.

„Denkst du, es gibt Sabotageversuche.“

„Eher blinde Passagiere. Die Chance, unter den glücklichen Tausend zu sein, ist gering.“

„Mich interessiert, wie groß meine Chance ist“, antwortete Dara, während sie auf das Display schaute, welches eine lange Tabelle herunterkurbelte..

„Sehr hoch, Dara.“

Luxa erschien im Display, sie hatte ein zierliches Gesicht mit einer kurzen, frechen Frisur.

„Vera hat eine Stellenzusage.“ Sie schmunzelte.

„...und ihre Tochter darf mit“, fügte Dara hinzu und sprang vor Freude aus dem Sitz.

„Andockschleuse 104“, raunte eine strenge Stimme des Sicherheits - und Koordinierungssystems. Das Startzeichen. Dara betätigte einen großen Sensor. Das Rangiertriebwerk erwachte mit einem leisen aufsteigenden Summton zum Leben brachte das Shuttle an Schleuse 104, wo Arbeitskräfte und Orbit-Touristinnen bereits auf den Einstieg warteten.

Wenig später sah Dara durch die getönte Frontscheibe auf die Rollbahn, die schnurgerade, flankiert von reflektierenden Begrenzungsmarken, zu einem Fluchtpunkt zusammenliefen. Konzentriert und Kaugummi kauend saß sie im Sitz, als das Shuttle beschleunigte und die Nase schon nach wenigen Sekunden gegen den blauen Himmel streckte. Sie spürte den Druck, der sie tief in das Polster drückte, als sich die Maschine vom Boden löste, schnell an Höhe gewann und wie ein Pfeil den Himmel entgegen driftete.

„Alles ok“, meldete Luxa wenig später, „wir verlassen gleich die Atmosphäre.“ Am Horizont konnte Dara jetzt die Krümmung der Erde zu erkennen. Das blaue Licht der Oberfläche verlor sich in den pechschwarzen Weltraum und machte sich auf den Weg in die Unendlichkeit. Die Schwerkraft ließ nach. Das Triebwerk verstummte und das Shuttle ging in einem stillen Gleitflug über. Eine silbern glänzende Konstruktion lag vor ihnen. Das erste interstellare Raumschiff mit dem Namen Profectio stand unmittelbar vor der Vollendung. Ein riesiges Rad mit acht dicken Speichen. Rechts und links gigantische neu entwickelte Triebwerke, die das Schiff auf ein Drittel Lichtgeschwindigkeit beschleunigen sollen.

Tausende kleine Lichtpunkte verwandelten sich zu einem faszinierenden optischen Schauspiel, in dass das Shuttle eintauchte, als es an den Lichterreihen entlang schwebte und mit mechanischer Präzision an den gleichmäßig rotierenden Außenring an Einflugschleuse sechs andockte. Nach wenigen Minuten setzte es auf die Lande-Plattform auf.

Als die Touristinnen neugierig ihrer Reiseleiterin folgten und die Monteurinnen sich zur Arbeitsstelle begaben, beschloss Dara ihre Mutter zu besuchen, die hier oben ein kleines Apartment eingerichtet hatte. Sie lief mit großen Schritten durch halbfertige dunkle Korridore, in denen bunte Kabel aus Schächten hingen und ineinander verknotet auf dem Boden lagen. Die Türen der Quartiere standen offen. Monteurinnen, in ihrer Arbeit vertieft, hoben kurz den Kopf als Dara mit ihren hartbesohlten Schuhen laut über den nackten Metallboden stelzte. Sie gelangte endlich an Tür Nummer 157 an der rechts daneben ein aktiviertes Display leuchtete, auf dem im violetten Schriftzug „Vera S. Ingenieurin von TS“ stand. Die Tür glitt mit einem leichten Surren auf, nachdem Dara den Sensor mehrmals betätigt hatte.

Vera wirkte im ersten Moment etwas gereizt, doch ihr müdes Gesicht erstrahlte mit neuer Energie, als sie Dara sah.

Sie umarmten sich.

„Grüß dich, Ma.“

„Du, ich freue mich, dass du gekommen bist. Wie lang kannst du bleiben?“

„Zehn Minuten, dann muss ich wieder zum Shuttle.“

„Willst du was essen?“

„Nein, gib mir nur einen Vitaminshake.“ Dara setzte sich auf ein aufblasbares Sofa, welches zusammen mit einem gelben Pilztisch am Fenster stand, beugte sich vor und genoss für einen Moment den Blick auf die Erde.

Sie wandte sich Vera zu, die mit zwei Gläser Saft aus der Versorgungsnische kam. Das Sofa quietschte, als sie sich neben Dara setzte.

„Willst du dich nicht etwas netter einrichten“, fragte Dara

„Mir reicht es. Ich komme nur noch zum Schlafen hierher.“

„Du siehst schlecht aus, Ma.“

„Kein Wunder bei den Überstunden. Im Moment sind wir in der Endphase der Fertigstellung. Wenn das geschafft ist mache ich erst mal Urlaub.“ Vera schmunzelte und ihre müden Augen funkelten kurz auf.

„Was machst du danach?“

„Der Konzern bietet mir eine weitere Beschäftigung auf diesem Raumschiff an.“

„Das heißt du kannst mitfliegen?“

„Ja“. Vera nippte an den fruchtigen Saft. „Ich habe noch nicht zugesagt.“

„Aber warum nicht!“

„Es ist eine endgültige Entscheidung. Es gibt kein Zurück. Das Risiko ist hoch, keiner kann sagen, was uns wirklich erwartet, Dara.“

Vera sah nachdenklich durch das Fenster.

„Ich bin jedenfalls dabei, wenn du den Job annimmst“, sagte Dara und schmunzelte.

„Kannst du dir vorstellen, fünfzehn Jahre in einem Raumschiff zu sein und draußen nichts als schwarze Leere?“

„Ma, sieh dir das gigantische Bauwerk hier an. Du hast das Gefühl du lebst in einer Stadt. Da merkst du die Leere des Weltraums nicht.“

Vera lehnte sich weit in das Sofa zurück und starrte zur Decke.

„Lass uns ein anderes mal darüber reden, ich bin jetzt zu müde!“, sagte sie und gähnte.

Dara stand auf, und leerte das Glas.

„Ich muss gleich los, soll ich noch etwas für dich besorgen?“

„Nein danke.“

Sie umarmten sich. Das Schiff hatte sich weitergedreht. Das letzte Stück der Erdoberfläche verschwand am oberen Rand des Fensters. Vera erschrak, als sie durch das Fenster blickte und die Erde verschwunden war.

*

Lydia, eine reife, dunkelhäutige Frau, gehörte zu dem höchsten Führungsteam der Reise und Forschungsgesellschaft Transpace und lebte im Sektor 2 der vereinigten Kontinente, den man in der Vergangenheit Afrika nannte.

Daxa, Lydias Assistentin, eine mit Juwelen und Türkise geschmückte Schönheit und kunstvoll gestylten gelben Haaren, erschien auf der Projektionswand.

„Die Raumüberwachung meldet ein unbekanntes Flugobjekt, ist einfach aus dem Nichts aufgetaucht“, sagte sie.

„Analyse?“ , fragte Lydia

„Es ist eine kleine Raumfähre. Die Materialanalyse deutet auf eine ältere Bauweise aus dem 21. Jahrhundert hin.“

„Sind Menschen an Bord?“

„Ja, eine Frau, zwei Männer.“

Lydia fiel vor Schreck die Kinnlade herunter. Sie ging zum Schreibtisch, füllte aus einer edlen farbigen Karaffe ein Glas mit Wasser, lehnte sich nachdenklich zurück und beobachtete durch das Fenster eine Palme, die sich im Wind wiegte.

„Das Schiff ist manövrierunfähig und wird entweder die Profectio rammen, oder in der Erdatmosphäre verglühen. Ich schlage vor, wir lassen es von S 5567 abfangen. Sie ist gerade dort“, fügte Daxa hinzu. Für einen Augenblick manifestierte sich in Lydias Kopf der Gedanke sie einfach verglühen zu lassen und das Problem wäre erledigt. Sekunden später entschuldigte sie sich innerlich für diesen widerwärtigen Gedanken.

„Ok, veranlasse das bitte und gib mir sofort bescheid sobald das Raumschiff geborgen ist. Verbinde mich jetzt mit der Präsidentin“, sagte Lydia.

„Wird gemacht“, antwortete Daxa und verschwand mit einer höflichen Verneigung vom Bildschirm.

Die Fähre hatte drei Räume, die luftdichte Türen voneinander getrennten. Der Schlafraum mit einem Sanitär-Bereich befand sich der Mitte. Gerry Andersson saß vorne im Steuerraum und kontrollierte noch einmal alle Systeme. Er dachte an seine Frau Linda. Ein Urlaubsfoto von ihr, auf der Konsole befestigt, zeigte sie bei einem Cocktail am Swimmingpool.

Er seufzte.

Claudia, die Geologin, schwebte schwerelos herein. Mit beiden Händen drückte sie sich von der Decke weg auf den Kopiloten-Sitz.

„Und?“ fragte sie. Verblüfft starrte sie auf das riesige Rad, welches im Orbit der Erde langsam rotierte. Gerry konzentrierte sich auf die Konsole. Seine Finger tippten sanft auf verschiedene Sensor-Punkte.

„Wir sind irgendwie zurückgeschleudert worden“, sagte Gerry mit gepresster Stimme.

„Was war das da gerade überhaupt, durch das wir geflogen sind?“

Gerry schüttelte den Kopf. „Ich habe keine Ahnung, möglicherweise ein Wurmloch.“

John Lindmann kam hinzu, indem er sich vorsichtig an der Wand entlang tastete. Leicht übergewichtig schnaufte er vor sich hin. Durch die starken runden Brillengläser wirkten seine weit aufgerissenen kastanienbraunen Augen groß wie Walnüsse. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Gerry hör zu, es kommt noch schlimmer! Auch die Navigationstriebwerke geben keinen Laut von sich. Die ganze Energie aus den Batterien scheint neutralisiert! Wir bekommen nur noch Saft aus den Sonnenkollektoren. Damit kann ich nicht die Triebwerke starten.“

Gerry blickte mit einer versteinerten Miene aus dem Fenster und sah die Erde immer näher kommen.

„Wir haben zwei Möglichkeiten zu sterben. Verglühen oder an der Raumstation dort zerfetzt zu werden.“ John lachte bitter.

„Hast du keine Antwort auf den Notruf erhalten“, warf Claudia ein.

„Im Moment kann ich noch nicht mal sagen, ob der Notruf rausgegangen ist“, sagte Gerry.

„Die ganze Technik verhält sich recht merkwürdig“, ergänzte er und tippte dabei auf der Konsole herum.

„Das wird mit diesem Phänomen zu tun haben“, sagte John und deutete aus dem Fenster.

„Wenn ich mir die Raumstation da ansehe, haben wir einen ordentlichen Sprung in die Zukunft gemacht.“ John beruhigte sich. Die Konstruktion faszinierte ihm und ließ für ein Moment die prekäre Situation vergessen.

„Wir können nur noch warten bis die uns entdecken“, sagte Gerry.

„...und uns abschießen“, fügte John hinzu.

„Du bist wirklich aufbauend“, schimpfte Claudia, stand auf und rammte sich den Kopf am Türrahmen, als sie den Steuerraum verließ.

John und Gerry sagten nichts, saßen einfach da und betrachteten das Bauwerk, welches jetzt ganz dicht vor ihnen lag und immer näher kam.

„Ich glaube das war es wohl“, brummelte John vor sich hin.

„Du bist wirklich zu pessimistisch, John. Sie müssen uns längst entdeckt haben und werden alles versuchen um uns zu retten.“

„Die machen es aber spannend.“

Claudia kam wieder zurück. Alle drei starrten angespannt aus dem Fenster, als plötzlich ein Ruck durch das Schiff ging. Die Geschwindigkeit verlangsamte sich.

„Wir wurden offensichtlich in Schlepptau genommen.“ Gerry versuchte einen sachlichen Ton zu behalten, obwohl er am liebsten vor Freude an die Decke gesprungen wäre. Kein Problem in der Schwerelosigkeit. Claudia umarmte John und küsste ihn auf die Wange. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Na dann wollen wir mal sehen was uns die Zukunft so bringt“, sagte er und atmete erleichtert aus.

Dara musste vorsichtig manövrieren, damit die Raumfähre, welche durch ein Traktor-Kraftfeld in einer gleichbleibenden Position zu ihr eigenes Shuttle gehalten wurde, nicht abdriftete. Sie hatte die Automatik abgeschaltet und bewegte sanft den Joystick, bis die Nase des Shuttles genau auf den oberen Rand des Einflughangars zeigte. Die Steuerdüsen summten. Sie setzte das geborgene Schiff weich auf die Ladeplattform ab, löste das Kraftfeld und flog aus dem Hangar.

„Was soll ich jetzt machen, hier im Orbit warten?“, fragte sie an die Leitstelle.

„Sie können den regulären Rückflug nach Berlin fliegen.“

„Was war das, was ich gerade geborgen habe?“

„Kein Kommentar“, wehrte die virtuelle Flugkoordinatorin ab.

„Wo bleibt der rote Teppich?“ Claudia rutschte angespannt auf seinen Sessel herum. An die Schwerkraft musste sie sich erst wieder gewöhnen. Gerry unternahm noch mal ein paar erfolglose Kontaktaufnahmen, als sie einen kleinen Wagen auf sie zurollen sahen, der genau vor ihnen anhielt. Er projizierte ein Hologramm in die Luft, das Anweisungen in mehreren Sprachen zeigte, mit der Aufforderung das Raumschiff zu öffnen und auszusteigen.

„Dann bleibt uns wohl nichts anderes übrig. Oder ist von euch jemand anderer Meinung?“, fragte Gerry

„Vielleicht gibt es hier keine Menschen mehr, nur noch Maschinen“, spekulierte John.

„Vielleicht ist das eine Falle“, meinte Claudia.

„Die Antwort werden wir gleich erfahren.“ Garry öffnete die Verriegelung der Ausstiegsluke. Sie stiegen nacheinender aus und sahen sich vorsichtig um.

„Luft zum Atmen haben wir jedenfalls.“ John schnaufte.

„Haben sie keine Angst und bleiben sie ruhig stehen. Wir werden sie abtasten, um sicher zu gehen das sie keine unbekannten Krankheiten mitbringen“, meldete sich Lydia Traor durch die Sprechanlage des Scout-Robotters, der daraufhin einen breiten spektral-farbigen Lichtkegel auf die drei verblüfft dastehenden Personen richtete.

„Seien sie herzlich willkommen“, begrüßte Lydia die Gäste und zeigte sich visuell im Hologramm.

„Ich bin der Kommandant dieses Schiffes, Madam. Wir wissen nicht wie wir hier hergekommen sind. Ich bedanke mich vielmals für die Rettung. Wir wären verloren gewesen, nochmals vielen Dank.“ Gerry ging, während er dies sagte, auf das Hologramm zu und senkte den Kopf zu einer höflichen Verneigung.

Lydia lachte, ihre weißen Zähne strahlten.

„Na das ist doch selbstverständlich. Ich freue mich schon darauf, sie persönlich kennen zu lernen. Bitte folgen sie einfach unseren Scout-Roboter.“

Lydia beendete die Verbindung.

Die Präsidentin der vereinigten Kontinente hatte das Gespräch mitgehört.

„Die zwei Männer müssen bis auf weiteres auf der Profectio bleiben“, betonte sie und deutete mit dem Zeigefinger nach oben, beugte sich vor und blickte überlebensgroß von der Projektionswand auf Lydia herunter. Sie hatte kleine Falten um die Augen, ihre schneeweißen Haare lagen breit auf den Schultern.

„Wir haben in einer parlamentarischen Sitzung mit Delegierten aller Länder und der virtuellen Welt beschlossen, die Sache geheim zu halten. Das ist bei einer Präsenz der beiden Männer in unserer weiblichen Bevölkerung etwas schwierig. Auf der Profectio könnten wir einen Weg finden, sie in unserer Gesellschaft einzugliedern. Was meinen sie?“

„Ich werde morgen zur Profectio fliegen, und mit ihnen persönlich sprechen, Frau Präsidentin. Wir können aber davon ausgehen, dass sie sich stark für das zukünftige Leben auf der Erde interessieren, schließlich sindes Wissenschaftlerinnen, äh . . . , ich meine Wissenschaftler.“

„Ob sie ihren Wunsch nachkommen wollen oder nicht, überlasse ich ihnen, Frau Traor. Aber ich betone hiermit ausdrücklich, dass die Anwesenheit von Besuchern aus der Vergangenheit unbedingt geheim bleiben muss.“

„Frau Präsidentin, ich glaube nicht das es dahingehend Probleme geben wird. Wir werden sie entsprechend für einen Besuch auf der Erde vorbereiten. Und zwar so, dass sie nicht auffallen werden“

Die Präsidentin schmunzelte und zog leicht ihre rechte Augenbraue hoch.

„Ok, meinetwegen! Ich verlasse mich auf sie, Frau Traor. Das mir da nichts schief geht.“

Nach einer respektvollen Verbeugung trennte sie sofort die Verbindung.

Daxa meldete, dass die Männer einquartiert wurden und sich ausruhen.

„Das werde ich jetzt auch tun, wecke mich morgen um sieben“, sagte Lydia.

*

Yvonne Andersson, Raumschiff Kommandantin von Transpace, flog regelmäßig Erde - Mars und zurück. Jetzt lief, wegen der Annäherung der beiden Planeten, der Marstourismus auf vollen Touren.

Sie schlenderte mit ihrer Lebenspartnerin Anna über den Marktplatz von New Paris. Die beiden Frauen fuhren den Eiffelturm hinauf, ein verkleinerter Nachbau des alten zum Schrotthaufen zusammengesunkenen historischen Bauwerks auf der Erde. Imposant streckte er seine Spitze hundertsechzig Meter hoch bis knapp unter den Scheitelpunkt der Kuppel, umringt von fünfzig Stockwerke Apartmentwohnungen und Hotels. Die Stockwerke verjüngten sich gemäß der Form der Kuppel nach oben hin und glichen einem gigantischen Zylinder aus übereinander gelegten Ringen. An der Innenseite sausten gläserne Lifte an dicken Gleitschienen in die Höhe. Yvonne und Anna fuhren bis in die Spitze des Eifelturms. Dort bot sich ihnen ein Panoramablick auf die rote Marswüste, die im silbrigen Glanz der untergehenden Sonne rot schimmerte. Hin und wieder hörten sie Stimmen, die von unten heraufstiegen und an der Kuppel widerhallten. Sie betraten ein chinesisches Restaurant nahmen an einem kleinen Tisch Platz.

Sie saßen sich stumm gegenüber betätigten die Order auf den Speisekarten mit ausgeprägter Ruhe. Kurz darauf servierte eine hübsch aussehende Roboterin mit einer demütigen Verbeugung ein vegetarisches Gericht.

„Na dann guten Appetit“, sagte sie mit einer sanften erotischen Stimme.

„Den werden wir haben“, gab Anna zurück und grinste breit.

Yvonne schaufelte Reis zuerst auf Annas und dann auf ihren eigenen Teller.

„Anna“, begann sie. „Hast du dir schon Gedanken darüber gemacht, wie wir uns entscheiden sollen, wenn die Profectio startklar ist?“

„Wir?“, fragte Anna kühl.

„Ja, wir! Ich werde das Angebot der Transpace nur zustimmen, wenn du mitfliegst.“

„Was ist, wenn ich nein sage?“

„Dann bleibe ich hier und behalte diesen Job“, sagte Yvonne.

Anna musste sich eingestehen, dass sie noch nicht ernsthaft darüber nachgedacht hatte. Eine Reise zu einem anderen Sonnensystem, das konnte sie sich nicht richtig vorstellen. Andererseits sitzt sie jetzt mit Anna in einem Restaurant auf den Mars, was vor nicht allzu langer Zeit auch schwer vorstellbar war.

„Hast du eine Ahnung worauf wir uns da einlassen“, fragte sie und sah Yvonne dabei in die Augen.

„Wir fliegen heim zu unseren Müttern“, antwortete Yvonne, während sie Anna Weinnektar aus der Karaffe nachschenkte.

„Du glaubst die Göttinnen, die uns vor Jahrtausenden besuchten, erwarten ihre Kinder.“

„Ich bin davon überzeugt.“

Anna blickte nachdenklich aus dem Fenster und empfand eine spontane Freude. „Was für Lebewesen könnten dort wohnen“, fragte sie und nippte vorsichtig an den Weinnektar.

„Sie sind uns sicher sehr ähnlich, eine weibliche Spezies wie wir es jetzt sind“, spekulierte Yvonne. „Wir tragen ihre Gene, ihr Programm. Oder glaubst du es war Zufall, dass die Männer unfruchtbar wurden?“

„Das könnte auch ganz andere Gründe haben, was macht dich so sicher?“

„Mein Gefühl. Na was ist? Bist du dabei.“

„Sag ich dir, wenn wir wieder zu Hause sind“, sagte Anna.

Am nächsten Morgen erwachte Yvonne aus einem Traum, deren Erinnerung sich nach wenigen Sekunden auflöste wie eine Wolke. Anna schlief noch und schnaufte leise vor sich hin. Durch das Fenster ihres Apartments erblickte Yvonne den rötlich schimmernden Horizont. Am nachtschwarzen Marshimmel verdecken vereinzelte von der Sonne angestrahlte Schleierwolken aus Eiskristallen die Sterne. Sie stand auf und schaute in die unendliche Weite der roten Wüste. Mit einem langen Seufzer atmete sie aus. Ein unbeschreiblich schöner Anblick. Die spirituelle Kraft, die von der Landschaft ausging, versetzte sie in einem meditativen Zustand. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich einsgerichtet auf die Welt da draußen, versuchte ein Teil von ihr zu werden. Ihr Geist durchdrang die luftdichte Scheibe, schwebte durch die dünne Atmosphäre, wurde eins mit den Hügeln und Bergen, sie sah ihren eigenen nackten Körper in einem der vielen Apartmentfenster stehen. Ihre lange, blonde Mähne, die sie sich tagsüber immer zu einem Zopf bindet, lag offen auf den Schultern und bedeckte teilweise ihre Brüste. Durch das Licht der aufgehenden Sonne wirkte sie wie eine vergoldete Statue einer außerirdischen Schönheit.

„Es wird Zeit“, durchschnitt Yvonne2, ihre virtuelle Assistentin, die meditative Stille des Apartments.

„Was möchtet du heute frühstücken?“ Sie blendete sich in einem Wanddisplay ein, welches über einer kleinen Sitzecke mit stilvollen Möbeln aus geschwungenen Chromteilen und Kunstglas hing.

„Das Übliche“, sagte Yvonne abwesend. Sie duschte sich, nahm das Tablett mit dem Frühstücksmenü Nummer 54 aus dem Ausgabefach, setzte sich und ließ sich die News anzeigen. Anna, mittlerweile aufgewacht, lag noch ausgestreckt auf dem Bett und blickte zur Decke, die mit Diagrammen aus übereinander gelegten Dreiecken verziert war. Sie seufzte.

„Wenn du mit zurück zur Erde willst, solltest du jetzt aufstehen“, ermahnte Yvonne.

Anna rappelte sich langsam auf, schlich in die Reinigungszelle, betrachtete sich eine Weile im Spiegel und versuchte einen klaren Kopf zu bekommen. Sie gähnte. Ihre müden, vom Schlaf verklebten grünen Augen blickten sie aus dem Spiegel an. Die Lieder noch halb gesenkt, strich sie sich mit der Hand durch ihr schulterlanges, dunkelblondes Haar. Die feinen Massage-Strahlen der Dusche belebte die Haut und sie fühlte sich anschließend angenehm frisch, als sie zu Yvonne ging, die immer noch die News studierte und von hinten ihre Schulter massierte.

„Anna, wir müssen gleich weg“, sagte Yvonne und versuchte sich Annas Annäherungsversuch zu entziehen, aber sie wollte es nicht wirklich. Anna streichelte sanft Yvonnes Brust, beugte sich vor und küsste ihr Ohr. Yvonne wurde schwach, drehte sich Anna zu und zog sie zu sich herunter.

„Die Virtuellen können uns sehen“, flüsterte sie, bevor sie ihre Lippen zu einen leidenschaftlichen Kuss ansetzte. Yvonne2 erschien abermals im Wanddisplay und forderte auf sich zu beeilen. Anna richtete sich auf und zog ihren Umhang zu. „Na, mal nicht so hektisch, junge Frau. Oder bist du vielleicht eifersüchtig?“, provozierte sie, da die virtuelle Frau sich schon öfters in intimen Situationen bemerkbar gemacht hatte. Diese glich Yvonne wie eine Zwillingsschwester.

„Eifersüchtig? Anna, du ja so beschränkt“, zischte sie zurück. „Die sexuellen Vereinigungen, die ihr Menschen pflegt, sind nichts gegenüber unseren erotischen Erfahrungen in unserer virtuellen Welt“, spottete sie.

„Unsere Welt ist real, wir haben Substanz“, konterte Anna.

„Real, was ist real? Das ist doch nur eine Sichtweise.“

„Meine Damen, ich darf daran erinnern das wir los müssen“, beendete Yvonne mit einem Befehlston die Zankerei.

Plötzliche Aufbruchstimmung.

Hier schnell die wichtigsten persönlichen Sachen gepackt, dort die letzten Spuren der Nacht beseitigt. Ein E-Car brachte sie bis zum Hangar. Die beiden Frauen betraten das Raumschiff, trennten sich und lächelten sich noch einmal zu. Yvonne fuhr mit dem Lift direkt auf die Kommandobrücke.

Die Navigatorin, Kommunikatorin, Sicherheitschefin und die zweite Kommandantin hatten bereits ihre Plätze eingenommen, als Yvonne sich in ihren Schalensessel fallen ließ.

„Einen wunderschönen guten Morgen, Frau Andersson“, begrüßte sie Michaela, die zweite Kommandantin in einem übertriebenen höflichen Ton.

„Ich hoffe du hast gut geschlafen.“

„Vortrefflich! Statusbericht“, antwortete Yvonne kühl.

„Die Triebwerke laufen im Bereitschaftsmodus, wir könnten sofort starten“, sagte die Navigatorin, während sie auf Monitore und Schalttafeln der Steuereinheit sah.

„Das Startfenster bleibt noch siebenundneunzig Minuten offen“, fuhr sie routinemäßig fort.

„Wir brauchen nur 68 Stunden Flugzeit, vier Stunden weniger als beim Hinflug“, sagte Michaela und nahm neben Yvonne platz.

„Na dann.“ Yvonne schlug die Beine übereinander, tippte mit den Fingern auf die Armlehne, drehte leicht den Sessel hin und her.

Michaela drückte mit einer übertriebenen Handbewegung auf das rot blinkende Feld der Konsole. Ein leichtes Vibrieren bestätigte den Start der Triebwerke, gleich gefolgt von einem sanften Ruck. Auf den großen Bildschirm konnten sie beobachten, wie sich das gigantische Hangar-Tor öffnete und den Blick in die Unendlichkeit freigab. Sie beschleunigten, und fast sah es so aus als würden sie gegen die noch öffnenden Tore stoßen, aber die vollautomatischen Steuerungssysteme taten wie immer perfekt und präzise ihre Arbeit.

*

Das Zimmer, erfüllt von schwachem blauen Licht. Sushi saß majestätisch schön wie eine Gottheit mit gekreuzten Beinen auf dem Meditations-Kissen, die Augen fast geschlossen, ihr langes schwarzes Haar bedeckte den Rücken bis zur Taille. Auf ihrem Bauchnabel funkelte ein prachtvoller Diamant. Sie saß einem Altar mit Darbringungsschalen, Kerzen, Statuen und Büchern gegenüber, der im Kerzenlicht eine sakrale Stimmung erzeugte. In der Mitte Statuen von Buddha, welche erhabene Weisheit und Spiritualität ausstrahlten.

Ein dezenter Klang einer Glocke unterbrach die Stille. Sushi erwachte aus der Meditation, verbeugte sich demütig, erhob sich und zog sich an, während das Licht in Weiß wechselte.

„Geshe Tra Longri möchte dich sprechen, kannst du gleich rüberkommen? Sie ist in der großen Gompa“, meldete sich Sushis Assistentin mit sanfter Stimme.

„Ok, sag ihr ich komme in zehn Minuten.“

Der Tempel lag umgeben von einem eisernen Zaun weit draußen am Rande New Yorks in einer riesigen Parkanlage. Außerhalb der Reichweite der U-Bahnen konnte man das Anwesen nur mit dem Solarauto oder Fahrrad oder mit dem Shuttle erreichen. Die Zufahrtswege verliefen eingesäumt von Alleen aus exotischen Pflanzen in geschwungenen Bögen auf Tore mit Ornamenten in vollendeter und ausgeprägter Schönheit zu. Ein Sicherheitssystem erlaubten nur angemeldete Besucherrinnen, oder Bewohnerrinnen der Tempelanlage Zutritt.

Sushi wohnte seit rund zehn Jahren hier und unterrichtete als voll ausgebildete Meditationsmeisterin in den Fächern Buddhismus, Quantenphysik und die endgültige Wahrheit der Realität.

Die Gompa hatte die Größe eines Saales, der rund tausend Frauen aufnehmen konnte, um dort die tägliche Meditations-Praxis ausüben zu können. Sushi begegnete eine kleine Gruppe, die lächelnd den hinteren Ausgang passierten. Eine große Bühne lag auf der gegenüberliegenden Seite die, von Scheinwerfern erleuchtet, prachtvoll glänzte.

Geshe Tra Longri saß auf ihrem Thron in der Mitte der Bühne, rechts und links von zwei großen Altären flankiert.

„Mögest du lang leben“, sagte Sushi und verbeugte sich dreimal, indem sie auf die Knie sang und mit der Stirn den Boden berührte.

„Du auch“, sagte Tra Longri, faltete die Hände und neigte leicht den Kopf.

„Das, worum ich dich jetzt bitte erfordert viel Zeit.“

„Wohin geht es diesmal?“

„Nun ist die Zeit gekommen, Samsara zu verlassen und zu einer vollkommenen Welt, dem Reinen Land der Dakinis, zu gehen.“

„Werde ich sterben?“ Sushi sprach mit ruhiger und entspannter Stimme, so als würde sie sich lediglich nach dem Ziel einer Reise erkundigen.

„Nein, aber du wirst diesen Ort für immer verlassen.“

„Ich soll hier weg? Ein neuer Tempel?“

„In gewisser Weise ja, aber nicht hier auf der Erde und auch nicht auf dem Mars oder Mond.“

Sushi zog die Augenbraue hoch, wie sie es immer tat, wenn sie irgendwas stark beeindruckte.

„Du hast sicher von diesem Projekt gehört. Eine Mission zu einem Planeten außerhalb unseres Sonnensystems“, fuhr Tra Longri fort.

„Ich bitte dich hiermit, dort mitzufliegen, auf dem Raumschiff ein Tempel zu eröffnen und Unterweisungen zu geben. Es wird keine leichte Aufgabe sein, aber du bist eine sehr qualifizierte Meditationsmeisterin und ich setze großes Vertrauen in dir, dass du die Aufgabe meistern wirst.“

„Du sagtest, ich werde Samsara verlassen. Das verstehe ich nicht. Auf diesem Raumschiff gibt es alle möglichen weltlichen Verblendungen, die mich an meiner Praxis hindern.“

Tra Longri schmunzelte, ihre braunen Augen funkelten und gaben der ehrwürdigen Dame eine überirdische Ausstrahlung.

„Das ist ja gerade der Grund warum ich dich bitte dort aktiv zu werden, Sushi. Die Verdienste, die du durch diese Praxis ansammeln wirst, sind unendlich groß. Es geht nicht nur um die Menschen auf dem Schiff, sondern viel mehr um die Wesen auf dem Planeten, die du nach der fünfzehn Jahre langen Reise antreffen wirst. Vom Erfolg deiner Unterweisungen ist es abhängig, was euch dort erwartet. Vergiss das nie.“ Tra Longri erhob sich aus ihrem Sitz ging auf Sushi zu und legte ihre Hand auf ihre Schulter.

„Es gibt keinen Grund, Anhaftung an dein Heim und deinen Freundinnen oder an deine Besitztümer zu empfinden. Du kannst dieses Gefängnis von Samsara nur verlassen, wenn du von Vajrayogini geführt, zu Neuen Welten aufbrichst.“

Sushi presste die Lippen zusammen und war nahe daran loszuheulen. Sie wusste, dass sie nicht ewig hier bleiben konnte, hatte in den vergangenen Jahren immer darüber meditiert und versprochen den tugendhaften Geist zu bewahren. Jetzt reifte das Gesetz des Karmas, welches sie selbst geschaffen hatte. Mit wässrigen Augen umarmte sie Tra Longri und hielt sie lange fest in den Armen.

„Mögest du inneren Frieden erfahren und die wahre Bedeutung menschlichen Lebens erfüllen“, sagte Tra Longri

*

Luxa hat jetzt Zeit, überlegt noch was sie tun soll. Dara kann sie von überall her erreichen, es gibt unzählige Schnittstellen. Wenn sie was will soll sie sich melden. Sie beschließt in die alte Stadt zu fliegen. Das ist ganz leicht. Sie braucht es sich nur vorzustellen und schon fliegt sie. Früher hatte sie das noch nicht gewusst das dass geht und deshalb war es schwierig gewesen, irgendwo hin zu kommen. Die alte Stadt ist schön, sie strahlt Ruhe aus. Sie liegt fern ab vom hektischen Treiben der restlichen virtuellen Welt.

Sie fliegt, sieht die zwei monumentalen Torbögen auf sich zukommen. Eine Stadt der wahren, beständigen Existenz, in der es kein Anfang und kein Ende gibt. Sie ist anders, nicht so täuschend wie die anderen Orte, die keine eigenständige Existenz haben und flüchtig sind wie eine Luftblase im Wasser.

Luxa schlendert durch kleine Gassen, begegnet unterschiedliche Wesen: Katzen, Hunde, Mischwesen, reptilienartige aufrecht gehende Geschöpfe mit rot leuchtenden Augen, alles was der Geist sich vorstellen kann, wurde irgendwann in der virtuellen Welt realisiert und seit dem sind sie hier. Menschen, Kopien aus Daras Welt, teils schon verstorben leben hier weiter, sie sind alle hier und hoffen eine neue Existenz auf einer physikalischen Ebene zu erreichen. Phantasieprodukte auf der Suche nach dem Sinn ihrer Wesenheit. Sie selbst war am Anfang auch nur eine Idee. Von wem eigentlich, von Dara, ihrem eigenen Geist, oder die Synthese von beiden? Sie kann sich an einer Geburt nicht erinnern.

Dort ist der Tempel, ein großes achteckiges Gebäude mit spiralförmig geschwungenen Türmen an den vorderen und hinteren vier Ecken. Die Türflügel öffnen sich, als sie daran dachte einzutreten. Sie tritt ein, und sieht den Altar, von dem ein rötliches Licht ausstrahlt und den ganzen Raum durchdringt, bis alles langsam zu schmelzen beginnt, wie Eis in der Sonne. Luxa schließt die Augen und spürt, wie sich ihr eigener Körper in Milliarden Atomen auflöst und den Raum durchdringt. Diese sammeln sich wieder und setzen sich mit Lichtgeschwindigkeit in Bewegung. Als roter Punkt, frei im Raum schwebend, rast sie auf einen gefräßigen Strudel zu, überschreitet die Lichtgeschwindigkeit und versetzt sie in einem Rauschzustand. Plötzlich wird sie gestoppt, endet in einem Schwebezustand. Vor ihr rotiert eine Säule. Starkes Licht, wie der Lichtkegel eines Leuchtturmes, strahlt in die tiefblaue Unendlichkeit, durchdringt ihren Geist und sie erfährt ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Eine gewaltige Klangkaskade aus unzähligen Stimmen und synthetischen Tönen erfüllt den Raum. Hin und wieder erheben sich einzelne tiefe und hohe Stimmen aus dem gesamten Klangspektrum heraus, die dann wieder verschwinden. Erst nach einer Weile – Luxa kann nicht feststellen ob es Sekunden, Minuten oder gar Stunden sind – bemerkt sie, etwas spricht zu ihr!