Die Reißzwecke in der Regenrinne - Pascal Debra - E-Book

Die Reißzwecke in der Regenrinne E-Book

Pascal Debra

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Beschreibung

Carl Pieznik, 33 Jahre alt, bezieht seine neue Wohnung in Manhattan, aber nur er kennt die wirklichen Gründe seines Umzugs. Seiner Schwester Emilia verschweigt er seine Neurose, weiß sie doch nur von seiner nervigen Hypochondrie. Wie sich so oft etwas Unbedeutendes zu etwas erheblich Großem auswächst, muss auch Carl erleben, was seinem Bestreben, den Doktortitel zu erlangen, in die Quere kommt und einige Fragen aufgeworfen werden: Welche Rolle spielt die Reißzwecke, die ihm letztendlich zum schicksalshaften Verhängnis wird? Welche Bedeutung hat die Schaufensterpuppe hinsichtlich Carls Psychotherapie? Dieser Roman ist die erste Tragikomödie von Pascal Debra. Er verarbeitet in diesem Buch die ironische Art und Weise wie das Schicksal zuschlagen kann und verfrachtet den ganzen Plot nach Manhattan, einer seiner bevorzugten Städte in seinen Romanen.

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Seitenzahl: 73

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Über das Buch:

CARL PIEZNIK, 33 Jahre alt, bezieht seine neue Wohnung in Manhattan, aber nur er kennt die wirklichen Gründe seines Umzugs. Seiner Schwester Emilia verschweigt er seine Neurose, weiß sie doch nur von seiner Hypochondrie.

Wie sich so oft etwas Unbedeutendes zu etwas erheblich Großem auswächst, muss auch Carl erleben, was seinem Bestreben, den Doktortitel zu erlangen, in die Quere kommt …

„Am Ende war mein armer Analytiker derart verzweifelt, dass er in seiner Praxis einen Stehimbiss aufgemacht hat.“

(Woody Allen)

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

1

Als der junge Mann die knarzenden Treppen nach oben, in den Licht durchfluteten verwinkelten Flur stapfte, war er eigentlich bereits schon wieder müde, bzw. noch,… oder er muss irgendwie komisch gelegen haben, denn sein Nacken schmerzte. Es war 10.10 Uhr, genauer 10.12 Uhr, eine gar unchristliche Zeit zum Arbeiten, bedenkt man, wie viel Schlaf ein Mensch zum Gesundbleiben tatsächlich benötigt. Er bezog zu diesem Zeitpunkt seine neue Wohnung, war gerade nach New York gezogen, hatte sich an der Columbia University immatrikuliert und freute sich, einen neuen Lebensabschnitt beginnen zu können. Immer noch fühlte er sich etwas diesig, er hätte eine kleine Pause auf den unteren Treppen abhalten sollen, aber es sollte anders kommen.

Mit lautem Lachen und unangenehm polterndem Geräusch rauschte seine Schwester mit ihrer besten Freundin durch den Eingangsflur unten an der Tür, schlug dabei die empfindlichen Umzugskisten gegen wohl jede Klinke, Mauer und im Flur geparkte Mountainbikeräder, die es dort unten gab. Inzwischen war der junge Mann im dritten Stock angelangt. Also verblieben noch zwei. Hechelnd hatte er sich bereits hingesetzt, war hingesunken wie ein nasser Sack Reis und blieb dort erst mal. So hörte er Emilia, seiner Schwester und Carol zu, wie sie die Treppen hochspurteten. Dagegen war er ja hochgekrochen. Was war los? Er war doch nun nicht sooo viel älter als sie. Genau vier Jahre trennten sie.

Ähem,…dreieinhalb…Nein.

„Emiiiiliiaaaaaa. Wie alt bist du denn eigentlich?“ schrie er betont laut durch das gesamte Treppenhaus.

Es wurde still.

Er wiederholte seine ihm wichtig und dringlich vorkommende Frage.

Von weiter unten drang es dann etwas miesepeterig: „Sag mal, hast du keine anderen Sorgen? Komm und hilf uns, Carl! Die Kisten sind schwer und schleppen sich nicht von selbst. Was hast du da überhaupt eingepackt? Ich dachte, du hättest Mom gesagt, du würdest nicht soviel Kram horten.“

Etwas verdutzt und total verschwitzt erhob er sich unter eigenartigen Schmerzen des großen Rundmuskels am Rücken. Eigentlich aber könnte man das etwas genauer analysieren, dachte er kurz, bzw. den Diagnoserahmen eingrenzen; er würde sogar vermuten, dass der vordere Wirbelbogen der gegenüber des Dornfortsatzes T3 oder T4 liegt, einen Riss bekommen hatte. Zumindest aber musste er feststellen, und dies mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, dass die Schmerzen thorakal sein mussten. So!

Durch die Hilfeschreie seiner Schwester wurde er aus seinen reflektorischen Tagträumen gerissen.

„Kommst Du jetzt runter, oder was?!?!“ schrie sie ihm hoch.

„Schrei doch nicht so, Emilia!“ ermahnte er sie, etwas hilflos, „was sollen denn die Leute im Haus denken.“

-„Äh…die sind arbeiten, oder nein warte: die sitzen heute alle zu Hause, haben sich alle, ausnahmslos, frei genommen, weil oh –ho der Neue zieht ja ein. Das dürfen wir ja nicht verpassen. Lass uns noch Chips oder Nachos kaufen.“

Ungesehen schob er schmollend die Unterlippe vor. „Pfffff….“

So, dachte er, dann bleib ich mal noch etwas sitzen.

Als beide im fünften Stock angekommen waren, war er dann doch etwas ermuntert und gelinde gesagt, etwas beruhigt, dass nun auch die beiden schwer atmeten. Dabei waren sie ja jünger. Vielleicht war er doch nicht so unsportlich, wie er zunächst angenommen hatte. Er fühlte sich plötzlich so leicht. Als er dies gerade gedacht hatte, hörte er bereits das schnelle Klacken der Absätze der beiden Frauen auf den Treppenstufen, denn sie waren bereits wieder hinunter gehuscht….

Na toll!

2

Sieben Stunden später.

Carl versuchte neuerdings abwechselnd die Treppenstufen jeweils in Zweiergruppen einzuteilen, nicht dass er sie bloß zählte und ihrer Paritätswürdigkeit wegen fleißig berechnete; nein, die Sache ging noch tiefer: eingebunden in seine mathematischen Errungenschaften wurde die vitale, körperliche Tätigkeit dahingehend erweitert, dass er nun jede zweite Stufe zu überspringen versuchte.

Dieser Aufgabe fühlte er sich mehr als gewachsen. Sie schien ihm so klar, als hätte sie auf ihn gewartet…auf Pieznik.

Auf Carl Pieznik.

Und das war kein Scherz. Er wusste um die Beschwerlichkeit. Aber gerade deshalb erschien es ihm wichtig, ja gewichtig, bedeutend…exorbitant bemerkenswert.

Emilia und Carol halfen zwar, waren jedoch mehrfach im Treppenhaus ins Quatschen geraten und mussten mehrmals von Carl ermahnt werden, das doch bitte bleiben zu lassen. Der Lieferwagen schien nicht leer werden zu wollen und ewig konnte er ihn auch nicht so quer über dem Bürgersteig geparkt lassen…

Daher: sollte er zwei Stufen auf einmal erwischen, würde es schneller gehen. Die Idee, somit noch etwas mehr Fitness zu betreiben, stieß entgegen jeder Erwartung nicht auf offene Ohren, obgleich seine Begeisterung die beiden Frauen vielleicht hätte überzeugen können. Aber dem war mitnichten so.

Er solle froh sein, dass sie sich überhaupt für ihn abplagen würden, schnauzte Emilia Carl mit kläffender Stimme an.

Er musste eingestehen, ein Quäntchen Wahrheit konnte er dem nicht absprechen.

Also trat er in die Straße, die zu dieser Zeit noch von der Sonne beschienen wurde, hievte die nächste Ladung auf die Schulter, mit der kurzen Erwartungshaltung eines baldigen Stechens nahe der Wirbelsäule, oder eines Knackens, das ihn zur Aufgabe dieser mühseligen Arbeit drängte. Aber sein Rücken war stärker.

Die Wohnung lag in den Morningside Heights, wo auch die Columbia in der Nähe war, genauer gesagt, in der Amsterdam Avenue. Allerdings war seine Wohnung, wie bereits erwähnt, im oberen, fünften Stockwerk, und er wusste noch nicht so genau, ob es ihm als Glücksfall in den Schoß gefallen war, oder ob die Plackerei nur einen riesengroßen Haufen Probleme hinterlassen hatte. Das würde er in näherer Zukunft sehen, wobei er recht behalten würde.

Nun aber wollte er die restlichen Pappkartons, die immer mehr zu wiegen schienen, schnellstens ins Innere dieses graubraunen Gebäudes befördern, wobei die neue Strategie ihm ein mutiges Grunzen entlockte. So geschah es, dass er den ersten und zweiten Stock erschreckend schnell erreicht hatte, begleitet von der doch nicht geringen Bewunderung, die sich mit Erstaunen paarte, die die beiden Mädels ihm entgegenbrachten, die schon wieder auf dem Weg durchs Treppenhaus nach unten waren.

Als beide mit weiteren mittelgroßen und kleinen Kartons die ersten Stufen hocheilten, hörten sie das bereits schon irgendwie erwartete Krachen, Poltern und elendige Schimpfen. Die Frauen würdigten der Erwartungshaltung wegen, diesem „malheur“ insofern, dass sie augenrollend am Treppengeländer gestützt standen, der letzten Hoffnung beraubt, etwas Vernunft stecke vielleicht doch in diesem schusseligen Kerl, obgleich Emilia sich nun tatsächlich Sorgen machte. Nicht so sehr über Carl, als vielmehr über die unüberbrückbare Gewissheit, dass sie wohl eine ähnliche DNA in sich tragen würde, wie dieser Dummkopf, der mit hochrotem Kopf, wütend und mit den Händen wedelnd, zwischen den gebrochenen Tellern, Tischauflagen und dem Geschirr, lag, schimpfend, tobend, die unsichere Gegend beleidigend. Hätte der Hausmeister seinen Worten gelauscht, er wäre gekränkt gewesen. Der Hausmeister übrigens, ein dünner, zitternder, wohl annähernd siebzigjähriger Mann, der bedeutend älter aussah als er war, verhärmt und mit fusseligem, weißem Resthaar, war morgens noch neugierig zum Van gekommen, zwecks obligatorischer Begrüßung. Er stellte Fragen, die zu diesem Zeitpunkt aber noch keiner beantworten konnte. Das Wie, Was und Warum des Einzugs war noch der einfachere Teil, jedoch hörte man ihn sehr schlecht, was nicht zuletzt an seiner kaum wahrnehmbaren fast lautlos krächzenden Stimme lag, wobei er die letzten vier oder fünf Wörter kategorisch verschluckte, anstatt sie laut dem Zuhörer preiszugeben. So ergab sich, dass ein Satz, den man angestrengt zu hören versuchte, immer leiser wurde, wie ein Radio das langsam aber stetig immer leiser gedreht wurde, so dass man am Ende zwar noch die sich bewegenden Lippen sah, aber kein Ton über diese mehr kam. Schnell geriet man in Erstaunen, rätselnd was wohl gemeint sein könnte, und wie der Satz wohl endete. Darüber waren Carl, Emilia und Carol am Morgen fast in einen handfesten Streit geraten. Sich auf die übergeordnete Aufgabe konzentrierend, konnte man dieser Auseinandersetzung noch ausweichen.