DIE RESIDENZ IN DEN HIGHLANDS -  - E-Book

DIE RESIDENZ IN DEN HIGHLANDS E-Book

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Auch Teddybären, Geister, Feen, Vampire, Werwölfe und Wasserwesen werden alt und gebrechlich. Ein herkömmliches Altersheim wäre nicht geeignet, ihnen den Lebensabend wirklich schön zu gestalten. Deshalb wurde eigens für diese Wesen in den schottischen Highlands eine Altersresidenz errichtet. Die Bewohner des entlegenen Ortes, in dem die Residenz steht, berichten hinter vorgehaltener Hand über seltsame Ereignisse, wie weißen Frauen, die über den Friedhof wehen, oder qualvollen Schreien in Vollmondnächten, die angesichts der Tatsache, dass die Residenz früher einmal eine Irrenanstalt gewesen ist, nicht verwundern mögen. Machen Sie sich Ihr eigenes Bild und seien Sie Gast in unserer Residenz in den Highlands. Den Gästen passiert nichts. Zumindest nicht oft. Versprochen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 293

Veröffentlichungsjahr: 2021

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Marianne Labisch & Gerd Scherm (Hrsg.)

Die Residenz in den Highlands

Ein Roman in Episoden

Ausser der Reihe 56

Marianne Labisch & Gerd Scherm (Hrsg.)

DIE RESIDENZ IN DEN HIGHLANDS

Ein Roman in Episoden

Außer der Reihe 56

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: September 2021

p.machinery Michael Haitel

Titelbild & Illustrationen: Gerd Scherm

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat: Marianne Labisch

Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 257 7

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 840 1

Lady Banshee de LilyOuvertüre

Eigentlich sollte ich Sie bitten, das Buch zuzuschlagen, es auf die Seite zu legen und nie wieder einen Blick hineinzuwerfen, aber da Sie nun schon einmal Geld dafür ausgegeben haben, wird meine Bitte aller Wahrscheinlichkeit nach ungehört verklingen. Dabei habe ich mich nicht umsonst an diesem Ort zur Ruhe gesetzt. Die Gegend in den schottischen Highlands, wo die Menschen so rau sind wie die Natur, ist weitestgehend verlassen und das kommt mir sehr entgegen. Ich darf nicht auffallen, denn sonst werden sie mich töten, ohne zu wissen, dass dieser Tod bei mir nur wenige Sekunden dauert. Sie werden mich, wie schon so oft, davonjagen, mir Schmähungen hinterherschreien und sich bekreuzigen, als wenn ich das Böse in Person wäre. Von den Bewohnern meiner Residenz droht keine Gefahr; niemand von ihnen hat den Aufenthalt je überlebt. Kaum einer aus der Dorfbevölkerung hat nachgefragt, wie es sein kann, dass die Lady hier schon so lange, mittlerweile weit über dreihundert Jahre, residieren kann. Nicht, dass wir uns falsch verstehen; selbstredend tue ich alles, was in meiner Macht steht, um zu verschleiern, dass es immer noch dieselbe Eigentümerin ist, aber es hätte jemandem auffallen können, wenn es ihn interessiert hätte. Bislang scheint das noch nicht der Fall gewesen zu sein, und mir ist sehr daran gelegen, dass es auch so bleibt.

Was? Sie finden, dreihundert Jahre sei eine sehr lange Zeitspanne für einen Menschen? Da mögen Sie recht haben, aber es ist nichts im Vergleich zu meinem wahren Alter. Vor langer Zeit war ich die Gattin eines Herbergsbetreibers in Nazareth und wir nahmen nicht jeden auf. Zu oft hatte man uns geprellt, bestohlen und betrogen. Ich hatte also keinerlei Gewissensbisse, als wir die Schwangere und ihren Mann, die so armselig auf einem Esel daherkamen, abwiesen, denn wir ließen sie ja im Stall nächtigen.

Hätte ich geahnt, wie mir dieses Entgegenkommen gelohnt werden würde, ich hätte mein eigenes Bett für sie hergegeben, aber wie heißt es so schön? Nachher ist man immer schlauer.

Eines Nachts erschien mir ein Engel und erklärte: »Du hast diesen Menschen in Not nicht geholfen …«

Ich wusste sofort, wen er meinte, und unterbrach ihn: »Ich habe sie beim Vieh übernachten lassen!«

»Du hast sie abgewiesen, obwohl ihr freie Zimmer hattet, du magst die armen Leute nicht, die nicht für ein Dach über dem Kopf zahlen können, ohne je darüber nachgedacht zu haben, was diese Menschen in diese Situation gebracht hat.« Er bemerkte, dass ich erneut versucht war, Einspruch zu erheben und wischte meinen Einwand mit einer Armbewegung fort. »Sag nichts, ich kenne deine Gedanken, mir kannst du nichts vormachen. Ich gebe dir nun Gelegenheit, deine Vorurteile abzubauen. Liebe jeden Menschen, jedes Wesen so, wie Gott es schuf, und wir werden uns wiedersehen.«

Ich habe meine Lektion wahrlich gelernt, lasse Menschen aller Hautfarben hier wohnen, nehme Wesen aus anderen Dimensionen auf, mache vor Schreckfiguren keinen Halt und biete sogar Fabelwesen Unterschlupf, aber diesen Engel habe ich nie wieder gesehen.

Als sich eines Tages ein Doktor Lazarus hier bewarb, sah ich das als Omen und stellte ihn selbstverständlich ein. Wir verstehen uns gut und treffen uns ab und an zu einem feinen Dinner, aber der Engel kehrte nicht zurück.

Inzwischen weiß ich, dass auch Doktor Lazarus länger lebt, als es der gemeine Mensch sonst zu tun pflegt, und so werden wir sicherlich noch eine Weile Weggenossen bleiben, aber ich bin mir sicher, dass auch er eines Tages von mir gehen wird. Wie jeder, den ich in meinem langen Leben kennengelernt habe.

Der dumme Mensch sehnt sich nach dem ewigen Leben, ohne auch nur eine annähernde Vorstellung davon zu haben, was es bedeutet. Es heißt nämlich endlose Müdigkeit und Verlust. Immer wieder Abschied nehmen. Ich habe versucht, meine Gefühle einzukerkern, damit das Scheiden nicht jedes Mal aufs Neue so schmerzt, aber in diesen Zeiten gesellte sich zur Müdigkeit und dem Schmerz noch eine tiefe innere Kälte, die mich zwang dieses Verhalten aufzugeben.

Ob es mir jemals gelingen wird, den Engel wiederzusehen weiß ich nicht, denn gestern erst habe ich eine Stechmücke erschlagen. Auch eine Schnake ist ein Geschöpf Gottes, das ich hätte ins Herz schließen sollen, aber wer von uns schafft es schon, eine Mücke zu lieben, die einen beißt und beißt?

Nun, da Sie schon einmal hier sind, schauen Sie sich um und fragen Sie sich, ob meine Toleranz und Hilfsbereitschaft gegenüber den merkwürdigsten Wesen mir nicht endlich Erlösung schenken sollte.

Sascha DinseAcheron

Mehr als einmal während der Reise ertappe ich mich dabei, in der wilden Schönheit der Landschaft zu versinken. Die Limousine gleitet flüsterleise dahin, während ich erneut den Blick über menschenleeres Land genieße und mich daran erfreue, weit und breit kein Haus zu sehen. Die ganze Zeit über halte ich den Brief in Händen, der mich vier Wochen zuvor erreichte und dessen Worte mich hierher führen sollten, in die Abgeschiedenheit der Highlands. Etwa eine Stunde ist es her, seit wir Inverness hinter uns ließen und seitdem wirkt es, als hätten wir dort die Grenze zu einer anderen Welt überquert, in der alles langsamer und angenehmer verläuft. Ab und an bricht die Sonne durch die ansonsten dichte Wolkendecke und verleiht der Umgebung ein märchenhaftes Flair.

Auf meinem Schoß ruht die lederne Aktentasche, die mir seit vielen Jahren treue Dienste leistet. Sie hat mich bereits meine gesamte Karriere über begleitet und nun trägt sie die Früchte meiner Arbeit in sich, eine mit summa cum laude bewertete Dissertation zu den Diagnosemöglichkeiten paranormal bedingter Schizophrenie und ihren Auswirkungen auf das Sozialverhalten, sowie etliche meiner weiteren Forschungsarbeiten.

»Wie weit ist es noch?«, frage ich nach vorn.

Der Fahrer bewegt den Rückspiegel ein wenig, sodass er mich durch ihn anschauen kann. Er trägt eine sonderbare Brille, die seine Augenpartie komplett bedeckt und selbst zu den Seiten hin abschließt.

»Noch ungefähr fünfzig Meilen, mein Herr«, gibt der Mann zurück. »Wir werden in etwa einer Stunde dort sein.«

»Vielen Dank, Cyrus«, entgegne ich und lasse ein weiteres Mal den Blick über die letzten der handgeschriebenen Zeilen gleiten.

»Ich erwarte Ihr Eintreffen am siebzehnten November gegen Nachmittag und kann Ihnen versichern, dass auch Doktor Lazarus sich schier vor Begierde verzehrt, Sie und Ihr medizinisches Genie bald persönlich kennenzulernen.

Bis dahin verbleibe ich hochachtungsvoll

Lady Banshee de Lily«

»Sie finden sie gleich dort hinten, den Gang entlang«, flüstert Schwester Moira. Sie hält an der Ecke inne, deutet auf die große Holztür und macht keine Anstalten, weiterzugehen.

»Wenn ich es nicht besser wüsste, Schwester, würde ich denken, dass Sie Angst vor ihr haben«, sage ich lächelnd.

Die Frau verzieht das Gesicht. »Wenn Sie gesehen hätten, was ich gesehen habe, würden Sie keinen Fuß dort hinein setzen«, gibt sie zurück, macht auf dem Absatz kehrt und entfernt sich mit schnellen Schritten. »Keine zehn Pferde kriegen mich noch mal da rein.«

Während ich Moira nachschaue, blitzt es draußen und gleißendes Licht flutet durch die Fenster auf der linken Seite des Ganges. Dann kracht ein Donnerschlag und lässt den Boden beben. Das perfekte Wetter, um meine spezielle Patientin kennenzulernen.

Den Ordner mit der Krankenakte unter den Arm geklemmt, öffne ich die Tür, die den Übergang in den Westflügel der Residenz darstellt. Nach wenigen Schritten bleibe ich stehen und mustere verwundert die Umgebung. Waren die Räumlichkeiten der Residenz bislang von moderner Einrichtung dominiert, so wirkt der Westflügel, als wäre hier die Zeit stehen geblieben. Statt elektrischer Beleuchtung erhellen Kerzenleuchter an den Wänden die Umgebung, alt wirkende Gemälde säumen die Wand zur Linken, alles scheint irgendwie aus der Zeit gefallen.

Einige Meter voraus schwingt eine Tür auf. »Moira hat sie nur bis zur Ecke gebracht, nicht wahr?«, höre ich eine weibliche Stimme fragen. »Keine Sorge, mein lieber Doktor, es besteht kein Grund, Angst vor mir zu haben. Treten Sie ein.«

Noch vor Sonnenaufgang schreite ich durch Morgennebel, der den gesamten Friedhof überzieht. Die halbe Nacht lang lag ich wach, dennoch fühle ich mich so ausgeruht wie selten zuvor. Meine Schritte teilen das Wabern und drängen es für kurze Zeit zurück, doch unmittelbar hinter mir schließen sich die milchigen Wogen erneut. Schemenhaft ragen Grabsteine aus dem Dunst hervor, weiter hinten sehe ich die Silhouette eines Engels, die sich vor dem rötlich leuchtenden Horizont abzeichnet. Den Blick gebannt darauf gerichtet, verharre ich eine Weile, bis sich schließlich genau hinter dem Kopf der geflügelten Figur die Morgensonne emporschiebt. Goldene Strahlen verleihen der Statue des himmlischen Wesens eine Ehrfurcht gebietende Aura und bringen den Nebel zum Glühen.

Ein Knurren ertönt hinter mir, wie das eines großen Hundes. Ich fahre herum. In den noch immer dichten Nebelschwaden kann ich nichts Konkretes ausmachen, doch mit einem Mal durchzuckt Schrecken meine Glieder. Unmittelbar vor mir flammt ein glutrotes Augenpaar auf, gleichzeitig vernehme ich erneut das Knurren. Mir läuft es kalt den Rücken runter, und bereits im nächsten Augenblick, noch bevor ich irgendeinen Gedanken fassen kann, stürmt aus dem Dunst eine Kreatur auf mich zu. Ihr wuchtiger Körper wirkt wie eine schauderhaft entstellte Mischung aus Hund und Bär, bewehrt mit mächtigen Pranken, die sich mit jedem Satz tief in den Boden graben. Seinem mit zwei Reihen messerscharfer Zähne besetzten Maul entfährt ein Brüllen, dass wie Donner grollt und den Boden beben lässt. Von Panik ergriffen taumle ich rückwärts, drehe mich um und stürze in Richtung des Engels davon, hoffend, hinter ihm in irgendeiner Weise Schutz zu finden. In meinem Rücken höre ich das Fauchen der Kreatur, das lauter wird von Sekunde zu Sekunde, meine schon seinen Atem im Nacken zu spüren, als ich die marmorne Figur erreiche. Im nächsten Augenblick bereits begräbt mich irgendetwas Gewaltiges unter sich, ich spüre Kälte, meine Sinne schwinden und Dunkelheit umfängt mich.

Jill steht am Fenster, hat mir den Rücken zugewandt und schaut hinaus in die Nacht. Sie trägt ein opulent verziertes schwarzes Kleid und wirkt wie eine elegante Dame aus längst vergangener Zeit, ihre Haare sind mit silbernen Nadeln hochgesteckt. Regentropfen prasseln gegen die Scheiben, dann und wann blitzt es, Donnergrollen folgt.

»Manchmal wünschte ich, dass der Regen niemals versiegen möge und seine Fluten alles Oberflächliche hinfort spülten, bis zum Vorschein kommt, was darunter liegt«, sagt sie.

Währenddessen lasse ich meinen Blick durch den Raum schweifen, der jeder Kulisse eines historischen Films Ehre machen würde. Vom silbernen Kerzenleuchter auf dem Tisch, über die große Standuhr in der Ecke und den in die Wand eingelassenen Kamin, bis zum hölzernen Notenpult vor dem Bücherregal wirkt alles authentisch und alt. Teppich, Wände und der filigrane Stuck an der Decke erscheinen nicht wie Repliken, vielmehr überkommt mich das Gefühl, dass dieser Ort wirklich in der Vergangenheit liegt.

»Lady de Lily hat Sie hierher eingeladen, um eine Diagnose zu stellen, nicht wahr?«, fragt Jill und wendet sich mir zu.

»Deswegen bin ich hier«, bestätige ich. »Allerdings …«

»Dann lassen Sie uns keine Zeit verlieren«, unterbricht sie mich. »Ich nehme an, Sie kennen meine Akte und wissen, dass Doktor Lazarus seine Versuche mich zu heilen, schon vor Langem aufgegeben hat. Und das will einiges heißen, wenn Sie seine tadellose Reputation selbst bei den bizarrsten Fällen bedenken.« Jill nimmt ein Päckchen langer Streichhölzer zur Hand und macht sich daran, die Kerzen im Leuchter auf dem Tisch anzuzünden. »Ganz sicher ist vermerkt, dass ich ab und an dazu neige, gewisse Ausbrüche emotionaler Natur zu haben. Fragen Sie Keith, der Arme kann Ihnen ein Liedchen davon singen. Einmal hätte ich ihn fast in Stücke gerissen, weil er mich nicht spielen lassen wollte. Nachtruhe, sagte er, da gäbe es auch für mich keine Ausnahme.« Jill rollt mit den Augen. »Doktor Lazarus nennt es wahnhaft bedingte Gewaltausbrüche, die aus einem defizitären Verhältnis zur Wirklichkeit resultieren.« Sie tritt an ein kleines Pult neben dem Bücherschrank, fördert einen Geigenkoffer zutage und wirft mir einen flüchtigen Blick zu. »Vielleicht sollten sie doch Angst vor mir haben.«

»Ich bin zunächst nur hier, um mir einen ersten Eindruck von Ihnen zu verschaffen«, erwidere ich. »Grundsätzlich bin ich kein Freund vorschneller Urteile, sondern mache mir gern ein differenziertes Bild von den Dingen.«

»Ich schätze diese Einstellung«, gibt Jill zurück und klemmt die Violine unter ihr Kinn. »Oft sehen wir einfach das, was wir erwarten, statt dem, was wirklich da ist, nicht wahr?« Sie spannt den Bogen und trägt etwas Kolophonium auf. »Lauschen Sie, dies hier wird Ihnen mehr offenbaren, als jede Akte es könnte.«

Ein unangenehmes Gefühl der Anspannung ergreift Besitz von mir.

»Nicht nur über mich«, fügt Jill hinzu. Mit spielerisch anmutender Leichtigkeit entlockt sie ihrem Instrument Melodien, die mich sofort gefangen nehmen und meinen ganzen Körper durchdringen. Ich betrachte meine Hände und könnte schwören, dass sie an einigen Stellen durchscheinend werden. Jill tänzelt durch den Raum, wirft sich im Rhythmus ihres Spiels hin und her, springt und dreht Pirouetten wie eine Ballerina. Ich vermag den Blick nicht von ihr abzuwenden und so bemerke ich eine Zeit lang nicht einmal, was um uns herum geschieht. Erst lange, nachdem der letzte Ton verklungen ist, sind meine Sinne wieder ausreichend klar.

Entgeistert schaue ich die Frau an, die nun mit einer weißen Bluse und einem knielangen schwarzen Rock bekleidet ist, die Haare zu einem Zopf geflochten trägt und mir einen erwartungsvollen Blick zuwirft. Der Raum um uns ist hell erleuchtet, keine Spur mehr von dunklem Holz, Kerzenschein oder einem Kamin. An ihre Stelle sind moderne Einrichtungsgegenstände getreten, alles wirkt wie in einem dieser nahezu unbezahlbaren Apartments in der Großstadt.

»Nun, mein Lieber, wie ist Ihr erster Eindruck von mir?«, fragt sie mit einem verschmitzten Lächeln. »Wir sollten das bei einem Drink besprechen, finden Sie nicht auch? Whisky oder Gin?«

Ich öffne die Augen und sehe leicht benommen weißlich schimmernde Nebelschwaden über mich hinwegziehen. Der Geruch von Erde dringt in meine Nase und einen Augenblick später werde ich erschrocken der Tatsache gewahr, dass ich rücklings in einem frisch ausgehobenen Grab liege.

»Doktor?«, höre ich eine Stimme rufen. »Wo sind Sie?«

»Ich bin hier unten«, gebe ich zurück und rapple mich auf. Der Himmel ist dunkel. Sollte es nicht helllichter Tag sein? Unbeholfen mache ich mich daran, aus dem mannshohen Loch zu klettern, doch das gestaltet sich schwieriger als erwartet. Meine Hände gleiten durch feuchte Erde, die ich kaum zu greifen vermag.

»Ah, ich sehe Sie«, ruft die Stimme, die mir seltsam vertraut vorkommt. »Warten Sie, ich helfe Ihnen heraus.«

Eine Frau in einem schwarzen Kleid taucht neben dem Grab auf, sie hält eine Laterne in der Hand und wirft mir einen amüsierten Blick zu. »Normalerweise würde ich misstrauisch, wenn jemand mitten in der Nacht aus einem Grab klettert, aber bei Ihnen mache ich eine Ausnahme.« Sie stellt die Laterne ab, reicht mir ihre Hände und hilft mir beim Hinausklettern.

»Vielen Dank«, sage ich und klopfe die Erde von meiner Kleidung. »Wie haben Sie mich gefunden?«

»Nun, es ist nicht das erste Mal, dass Sie sich verlaufen haben«, erwidert sie. »Normalerweise finde ich Sie irgendwo im Keller oder einem der alten Behandlungsräume. Auf dem Friedhof sind Sie allerdings zum ersten Mal. Deswegen hat es länger gedauert.« Sie lacht. »Die meisten hier brauchen eine Weile, bis sie sich eingelebt haben.«

»Für wen ist dieses Grab?«, möchte ich wissen.

»Keine Ahnung«, gibt die Frau zurück. »Ich bin in das operative Geschäft der Residenz nicht eingebunden. Aber eines ist sicher, gestorben wird immer. Da findet sich bestimmt jemand.«

Aus den Büschen zu unserer Linken ist ein Knurren zu vernehmen. Schlagartig kehrt meine Erinnerung wieder. Oh nein, die Bestie war keine Einbildung! Schon will ich die Flucht ergreifen, als die Frau ihre Hand auf meinen Arm legt und mir einen beruhigenden Blick zuwirft. Dann tritt sie näher an die Sträucher und beleuchtet mit der Laterne das unheimliche Monstrum, das sich darin verborgen hält. Die Frau im schwarzen Kleid stößt ein raubtierhaftes Fauchen aus, das ganz und gar nicht menschlich klingt und mich einen Schritt zurückweichen lässt. Das scheußliche Wesen mit den rot glühenden Augen gibt ein Winseln von sich, sprengt davon und verschwindet in der Dunkelheit.

»Die Schrecken der Nacht entspringen einzig dem, was Menschen menschlich macht«, stellt die Schwarzgewandete lächelnd fest und bietet mir ihren Arm zum Unterhaken dar. »Sich ihnen zu stellen, sie zurückzudrängen, sie nicht die Oberhand gewinnen zu lassen, das ist der ewige Kampf, nicht wahr?« Beschienen vom fahlen Licht des abnehmenden Mondes steuern wir auf den rückwärtigen Eingang der Residenz zu. »Wie verlockend es scheint, einfach liegen zu bleiben, einige Fuß tief unter der Erde und sich dem Verfall hinzugeben. Doch Sie und ich, wir haben andere Dinge zu tun, nicht wahr?«

Jill schenkt mir ein Glas Gin ein, während ich noch immer ungläubig sowohl sie, als auch das nunmehr vollkommen umdekorierte Zimmer betrachte.

»Wie haben Sie das gemacht?«, frage ich beeindruckt.

Jill greift nach einer anderen Flasche, gießt sich selbst ein Glas Whisky ein und nimmt dann im Sessel mir gegenüber Platz. Zwischen uns steht ein ovaler Glastisch, neben den beiden Korkuntersetzern für unsere Gläser liegt nur Jills Krankenakte darauf.

»Bevor ich Ihnen diese Frage beantworte«, hebt sie an, »möchte ich etwas wissen.« Sie trinkt einen Schluck. »Was haben Sie gesehen? Vorher, meine ich. Beschreiben Sie es.«

Ich nehme einen Schluck aus meinem Glas, genieße das würzig-scharfe Aroma des Gins und versuche zu ergründen, warum sie mir diese Frage stellt. Was habe ich gesehen? Sollte sie das nicht wissen? Dann, einige Sekunden später, wird es mir klar. Wir sehen das, was wir erwarten. So oder ähnlich hatte sie sich ausgedrückt. Vielleicht hat sie recht.

»Der Raum war eingerichtet wie in vergangenen Zeiten, kein elektrisches Licht, stattdessen Kerzen und ein Kamin«, antworte ich. »Sie trugen ein Kleid, auch Ihre Haare waren anders. Alles wirkte absolut überzeugend.«

Jill schaut zum Fenster und verharrt eine Weile in dieser Position. Noch immer schlagen Regentropfen dagegen, doch das Donnergrollen entfernt sich mehr und mehr. »Ich werde Ihnen zeigen, wie meine Welt aussieht«, sagt sie mit einem Unterton in der Stimme, der mir eine Gänsehaut beschert. »Nur für einen Augenblick.« Sie tippt dreimal mit einem ihrer schwarz lackierten Fingernägel auf die gläserne Tischplatte. Tock, Tock, Tock. Von ihrer auf der Platte ruhenden Fingerspitze ausgehend, durchziehen dunkle Schlieren das Glas, bis es vollkommen davon erfüllt ist. Unvermittelt birst das Glas und die in alle Richtungen davon stiebenden Splitter hinterlassen hauchfeine Spuren in der Luft. Schnitte durch Leinwand, schießt es mir durch den Kopf. Sofort darauf bricht ein tosender Sturm um uns los, ohrenbetäubendes Dröhnen erfüllt auf einen Schlag den Raum, Hitze dringt von allen Seiten auf mich ein. Was Sekunden zuvor noch ein hell erleuchtetes Zimmer war, ist nun nicht mehr als eine von Flammen verzehrte und zu schwarzer Asche verbrannte Ruine in einer Welt, die höllischer nicht sein könnte. Reste von Mauerwerk zeugen noch davon, dass hier dereinst ein Gebäude stand, doch alles in seinem Innern ist ein Opfer der Flammen geworden. Lediglich die Sessel, auf denen wir sitzen, scheinen unversehrt.

Ich reiße den Kopf herum und betrachte zutiefst erschüttert die grauenhaften Wunder dieser Welt. Kein Stern leuchtet am Firmament und einzig die den Feuerschein zurückwerfenden Schwingen gigantischer fliegender Wesen deuten an, dass dort oben überhaupt irgendetwas außer endloser Schwärze existiert. Funken wirbeln durch die Luft, während sich aus den Tiefen der Schatten allerorten Tentakel in unsere Richtung winden und die riesenhafte, schlangenartige Kreatur, deren Körper weite Teile des Bodens auszumachen scheint, uns aus Tausenden rot glühenden Augen anstarrt, die jeden Quadratzentimeter ihres Körpers bedecken.

»Es ist wundervoll, nicht wahr?«, fragt Jill und klingt ergriffen. »So voller Harmonie.« Unwillkürlich wandert mein Blick zurück zu ihr und ich spüre, wie irrationale Furcht meinen Verstand zu übermannen droht, doch kurz bevor ich ihrer Gestalt gewahr werde, endet das Inferno so plötzlich, wie es begann.

Jill zieht ihre Hand von der Tischplatte zurück und lehnt sich nach hinten in den Sessel. »Reichen Sie mir bitte die Violine«, haucht sie und wirkt erschöpft. »Ich muss spielen, muss den Riss versiegeln, damit uns nichts auf diese Seite folgt.«

Ich erhebe mich, um Jills Bitte nachzukommen, und sehe beim Aufstehen, dass der Nagel ihres Zeigefingers, kurz zuvor noch schwarz lackiert, nun klar erscheint, als hätte ihn etwas der aufgetragenen Farbe beraubt. Auf dem Schreibtisch liegt die Violine, die als einziges Element im Zimmer nach wie vor unverändert erscheint und nicht durch ein modernes Gegenstück ersetzt wurde. Das Instrument sieht sehr alt aus und ist in tadellosem Zustand, soweit ich das beurteilen kann. Meine Finger berühren das lackierte Holz, gleiten darüber und ich habe das Gefühl, dass irgendeine Energie davon ausgeht.

»Wissen Sie, welcher Tag heute ist?«, fragt Jill.

»Heute ist der siebzehnte November«, gebe ich zurück, nehme die Violine sowie den Bogen vom Tisch und reiche ihr beides.

»Schauen Sie in meine Akte«, erwidert sie amüsiert, steht auf und klemmt das Instrument unter ihr Kinn. »Vielleicht sehen Sie es jetzt.«

Hatte ich mich bisher überwiegend mit den Eintragungen von Doktor Lazarus auseinandergesetzt, so schlage ich nun die erste Seite auf. Wie konnte mir das entgehen? Habe ich es tatsächlich übersehen? Der siebzehnte November, Jills Geburtstag.

»Ich bin davon überzeugt, dass Stradivari sich der Macht bewusst war, die seinen Instrumenten innewohnt«, fährt diese fort und legt den Bogen auf die Saiten. »Ob Musik, Worte, Malerei oder irgendetwas anderes, die Kunst vermag Welten zu erschaffen, Mauern einzureißen und den Tod zu überdauern.«

Jill spielt ein Stück, so mitreißend und dynamisch, dass bereits nach kurzer Zeit Tränen meine Wangen hinabgleiten. Hätte ich früher versucht, diese Emotionen zu verbergen, sie als Schwäche angesehen, so wird mir nun mit jedem Ton klarer, wie töricht ich war, Menschliches der Ratio zu opfern. Einige Minuten später endet ihr Spiel und lässt mich als anderen Menschen zurück, bebend und von Ehrfurcht erfüllt.

»Lady de Lily schenkte mir diese Violine vor vielen Jahren«, sagt Jill, während sie das Instrument wieder in den Geigenkoffer legt. »Sie hatte weder Kosten noch Mühen gescheut und unter Aufbietung all ihrer Überzeugungskraft dieses Prachtstück erworben. Sie glaubte daran, dass ich seiner würdig wäre, und muss ein wahres Vermögen dafür ausgegeben haben.« Sie nimmt wieder mir gegenüber Platz. »Doch dieses Jahr, mein Lieber, hat sie es tatsächlich fertiggebracht, sich selbst zu übertreffen und mir etwas geschenkt, das mit allem Geld der Welt nicht aufzuwiegen ist.«

»Eine gute Suppe vermag den Schmerz der Welt für eine Weile zurückzudrängen, finden Sie nicht auch?«, fragt Jill, während wir in der Küche sitzen. Eine einzelne Kerze in der Mitte des Tisches erleuchtet unsere Mahlzeit, ansonsten ist es stockdunkel. »Und Schwester Lavinia ist eine großartige Köchin. Ich hatte sie gebeten, uns etwas davon aufzuheben.«

Mit einer hölzernen Kelle fülle ich unsere Teller und reiche Jill ein wenig Brot. Dann essen wir, allein in der Küche, mitten in der Nacht. Die Wärme der Suppe strömt belebend durch meinen Körper und vermag sogar den Geruch feuchter Erde endgültig aus meiner Nase zu vertreiben.

»Das Einzige, was noch besser ist als Suppe«, hebt Jill an, nachdem ich ihren Teller zum zweiten Mal gefüllt habe, »ist die Kunst. Sie erlaubt es, unserer Finsternis Form zu verleihen, sie zu packen und ins Licht zu zerren. Vor dem zu fliehen, was uns des Nachts auflauert, formlos und unheimlich, ist nicht der richtige Weg. Vielmehr müssen wir uns ihm stellen, bewaffnet mit Pinsel, Feder oder eben einer Violine, dürfen nicht zurückweichen.« Sie tunkt etwas Brot in die Suppe. »Wir alle stemmen uns auf unsere Weise der Dunkelheit entgegen.«

»Ich weiß nicht, wie lange ich dem noch standzuhalten vermag«, flüstere ich. »Es ist, als käme die Finsternis unaufhaltsam näher, jeden Tag ein Stückchen, bis sie mich irgendwann vollständig eingehüllt haben wird.«

Jill hebt die Hand, ballt sie zur Faust und streckt sie mir entgegen. »Ich habe etwas für Sie, ein Geschenk«, sagt sie und öffnet ihre Hand. »Es wird Ihnen helfen, die Finsternis zu bezwingen.« Ein pechschwarzer Schmetterling sitzt auf ihrer Handfläche, bewegt die Flügel, erhebt sich gleich darauf in die Luft, flattert eine Runde über dem Tisch und landet schließlich auf meinem Handrücken.

Jill beugt sich nach vorn. »Bald schon müssen wir uns nicht mehr auf diese Art treffen«, flüstert sie und löscht die Kerzenflamme zwischen Daumen und Zeigefinger. »Gute Nacht, mein Lieber.«

»Nun Doktor, Sie sind hier, um eine Diagnose zu stellen«, sagt Jill in aufforderndem Ton, nachdem sie unsere Gläser gefüllt hat. »Aber die spannende Frage ist nicht, wie sie lautet …«

»… sondern wem ich sie stelle«, beende ich ihren Satz. Ich bin hier nicht der Arzt, ich bin der Patient.

Ein breites Lächeln liegt auf dem Gesicht der Frau, die mir gegenübersitzt und ein Whiskyglas in der Hand hält. »Das ist keine Antwort, die ich heute von Ihnen erwarte, mein Lieber«, setzt sie an, »wir haben viel Zeit dafür.« Sie prostet mir zu. »Heute lassen Sie mich Ihnen ein wenig von mir erzählen, gerade genug, um Ihr Interesse auch langfristig zu wecken.« Wir trinken und Jill fährt fort. »Als ich in dieser Welt ankam, fühlte sich jeder Atemzug, jeder Gedanke, einfach alles, an, wie flussaufwärts zu schwimmen, gegen die Strömung zu kämpfen, ringend um jeden Zentimeter. Jedes Innehalten, jedes Zögern, jeder Moment der Schwäche schwemmt uns davon, dem Herz der Finsternis entgegen. Einzig die Kunst, der Funke in uns, ist das rettende Seil, an dem wir uns festklammern. Dennoch schlucken wir Wasser aus dem Acheron, Tag für Tag. Das, was in ihm liegt, all der Schmerz, das Leiden und die Verzweiflung, breitet sich in uns aus, wuchert und bringt Monster hervor, wenn wir nicht dagegen ankämpfen.«

»Warum sind Sie hier?«, unterbreche ich Jills Vortrag. Sie schaut mich an und deutet dann auf den Schreibtisch.

»Meine Tochter Zoe«, sagt sie, während ich das Foto mustere, auf dem Jill neben einem Mädchen mit einer wirklich wilden Frisur zu sehen ist. »Sie sagte, hier würde ich etwas finden, das unsere Welt nicht bieten könne. Aber … sie und ich, wir …« Zum ersten Mal bemerke ich so etwas wie Unsicherheit in ihrer Stimme. »Nun, sagen wir, es ist …«

»Kompliziert?«, biete ich an.

»Ja, das trifft es ziemlich gut«, lacht Jill. »Es ist kompliziert.« Sie leert ihr Glas. »Wenn wir mehr Zeit haben, mein Lieber, erzähle ich Ihnen von meinen Schwestern und unserer dunklen Mutter jenseits der Sterne, von Welten, so fantastisch, dass Ihnen der Verstand übergehen wird. Das ist eine Geschichte für einen anderen Tag, aber jetzt sollten Sie aufwachen.«

»Mein Herr, wir sind gleich da«, sagt Cyrus.

Ich schrecke hoch, war wohl eingenickt. »Danke«, murmle ich und richte den Blick nach vorn, während wir auf den Vorplatz der Residenz fahren. Ein altertümlich gekleideter Mann mit einem imposanten Schnauzbart steht im Eingangsbereich und winkt uns zu. Der Fahrer hält direkt davor, steigt aus und öffnet mir die Tür.

»Cyrus, wie immer pünktlich auf die Minute«, ruft der Mann und lässt eine goldene Taschenuhr in einer seiner Westentaschen verschwinden. Er trägt eine Brille, die der meines Fahrers zum Verwechseln ähnlich sieht. »Ich bin Doktor Renato Lazarus«, begrüßt er mich freundlich, kaum dass ich aus dem Wagen gestiegen bin. »Es ist mir ein großes Vergnügen, jemanden Ihres wissenschaftlichen Kalibers in unseren bescheidenen Hallen begrüßen zu dürfen.«

Ich stelle mich ebenfalls vor und mustere den Mann, der absolut dem Klischee des exzentrischen Wissenschaftlers zu entsprechen scheint. In der Ferne grollt ein Donnerschlag, die dunklen Wolken über der Residenz künden ebenfalls von einem nahenden Gewitter. Cyrus hat derweil mein Gepäck aus dem Kofferraum geholt und ist dabei, es in die Residenz zu tragen.

Erste Tropfen fallen, wenige zunächst, doch schon Augenblicke später nimmt die Intensität des Regens zu. Erst jetzt denke ich daran, dass ich die ganze Zeit über den Brief von Lady de Lily in der Hand halte, und bin einen Moment lang verwirrt, als ich das Schriftstück betrachte. Ich erwartete verlaufene Tinte und nasses Papier, doch die Regentropfen fallen einfach hindurch, so wie durch meine Hände und Arme, meinen gesamten Körper.

»Machen Sie sich deswegen keine Sorgen«, lacht Doktor Lazarus, »ich arbeite daran und schon bald können Sie sich wie alle anderen den Kopf am Eingang zur Bibliothek stoßen, wie es sich gehört.« Er deutet auf seine Brille. »Und dann brauchen wir auch die hier nicht mehr.« Erneut lacht er. »Aber jetzt kommen Sie erst mal rein, ich führe Sie ein wenig rum und zeige Ihnen Ihre Räumlichkeiten. Herzlich willkommen in der Residenz.«

Ansgar SadeghiDer griesgrämige Herr Butzemann

Dies sind die ersten Seiten des Tagebuchs von Bartholomäus Butzemann. Der ausrangierte Nachtmahr und zum Clown gewordene Kinderschreck ist neuer Bewohner der Residenz. Falls Sie einige Zeilen in seinem Tagebuch als Worte eines frustrierten Griesgrams empfinden: Sie haben wahrscheinlich recht.

Die Ankunft

Das ist also mein Ende, die letzte Lebensetappe: eine Residenz im Nichts. Das Nichts liegt im äußersten Nordwesten Schottlands am kleinen und einsamen Ort Shegra. Ich bin jetzt ein Bewohner der Residenz. »Das sei besser so«, meinte mein Manager nach meinem Nervenzusammenbruch. Ich hätte genug gearbeitet. Es sei Zeit für die Rente. Er habe nur Gutes im Sinn. Klar. Mein Geld zum Beispiel.

Die Residenz kommt mir vor wie ein überdimensionierter Schuhkarton, eine Aufbewahrungsbox für hässliche Nutzlosigkeiten, ein Restedepot für abgehalfterte Monster. Das Gebäude ist angemessen reich verziert. Schließlich ist diese Altersresidenz weltweit bekannt und beliebt. Für mich bleibt sie ein Schuhkarton. Vielleicht ist sie etwas besser als die Schulen und Kindergärten, in denen ich im Kreis herumgetanzt bin, weil ein Butzemann nun einmal im Kreis herumtanzt. EIN BUTZEMANN IST EIN KINDERSCHRECK! Keine Witzfigur. Kein Wunder, dass man irgendwann zusammenbricht.

Mein feiner Herr Bruder arbeitet erfolgreich als Horrordarsteller in den USA: der »Bogeyman«. Mein bescheuerter Bruder, der sich mit sechs Jahren noch eingenässt hat, der, blöde Grimassen schneidend, gegen den Laternenpfahl gelaufen ist und der sich vor Zwergkaninchen fürchtet. Mein toller Bruder. Ich mag ihn NICHT. Ich mag ihn wirklich nicht.

Doktor Lazarus habe ich bei meiner Ankunft in der Residenz nicht gesehen. Ist wohl zu beschäftigt, die berühmte Koryphäe. Polt Menschen und Monster um, verwandelt Bischöfe in Satanisten und Kannibalen in Veganer. Toll! Toll! Toll! Ausgerechnet er leitet die Residenz. Der soll versuchen, mich umzupolen, der Gute. Dann gibt es was auf die Mütze! Das schwöre ich. Persönlich begrüßt hat mich der Manager der Residenz, was mich gefreut hat (nicht!). Er war so freundlich wie ein Metzger, der ein Schwein willkommen heißt. Komm rein. Fühl dich wie zu Hause. Du siehst lecker aus, du Kotelett. Er hat gemerkt, dass ich mich unwohl fühle. »Sie gewöhnen sich schnell ein«, meinte er jovial. »In einigen Tagen werden Sie die Residenz lieben.« Klar. Ich liebe ja auch Jauchegruben. Und Fußpilz. Und Mundgeruch.

Es ist nicht schlimm in der Residenz. Es ist schlimmer.

Mittlerweile sind einige Tage vergangen. UND? ICH WILL RAUS! Alle sind schrecklich vornehm. Dieser Graf aus Rumänien beispielsweise, der wohltemperierte blutige Steaks liebt, diese Wind-, Wald- und Feuergeister, überzeugt von eigener Großartigkeit, dieser Basilisk, der sich für den König aller Schlangen hält. Gott! Das ist nicht meine Welt: zu viel Noblesse. Zu wenig Dreck. Matsch. Moder. Morast.

Alles hier ist kompliziert. Gestern hätte ich draußen fast eine Fee erschlagen, weil ich sie für eine Motte gehalten habe. »Das ist Pit«, sagte mir später ein alter Mann. PIT! Kann ich etwas dafür, dass diese Fee derart klein ist und wie eine Motte aussieht? Gegen sie bin selbst ich ein Riese. Und dann diese Tomaten. In einer Ecke des Geländes wachsen Tomaten in einem kleinen Gewächshaus und ich hätte fast … fast hätte ich eine gepflückt. Aber bevor ich zugreifen konnte, schrie sie mich an: Ich solle es nicht wagen. Ansonsten mache sie Ketchup aus mir. Sie sei eine berühmte Schauspielerin und verdiene Respekt. Klar! Ich habe nachgeschaut: C-Movie mit D-Promis. Killertomaten. Furchtbar. Alles sehr furchtbar. Und es regnet hier unaufhörlich, als wollte Gott den Ort ersäufen. Ich verstehe das, Gott. Aber bitte: Es nervt. Hör auf!

Bisher habe ich nur wenige Residenzbewohner kennengelernt. Da ist diese kleine Frau. Sie ist kleiner als ich. Nicht so klein wie die Elfenmotte. Aber sehr klein. Sie kam auf mich zu und erzählte mir ungefragt, als ob es mich interessieren würde, dass sie ein Holzfräulein sei. Oh, wie schön. Ein Holzfräulein. Was für ein bescheuerter Name. Dann fragte sie mich, ob ich sie sehe. Natürlich habe ich »Nein« gesagt. Da zuckte sie zusammen, schnitt ein Gesicht, als würde sie losheulen, und zog von dannen. Holzfräulein. Ernsthaft? Jemand erzählte mir, sie entstamme der fränkischen Sagenwelt und sei bisweilen traurig, weil niemand mehr an sie glaube. Ich solle einfach sagen, dass ich sie sehe. »Sie freut sich darüber.« Einen Teufel werde ich tun.

Franky ist interessant. Wie dieses Holzfräulein ist er verrückt. Merke: Monster im fortgeschrittenen Alter neigen dazu, absonderlich zu werden (Butzemänner ausgenommen!). Franky wohnt seit vielen Jahren in der Residenz und ist ein Frankenstein-Monster. Ich dachte, dass es nur eins gibt. Aber es wurden mehrere produziert. Franky gehört zur Serie 4.2.1. »Wir besitzen eine verbesserte Laufleistung und rudimentäre Schweißdrüsen«, sagte er mir. Ernsthaft. Wer braucht das? Welcher bescheuerte Produktdesigner verpasst einem Monster Schweißdrüsen?

Aber das Beste kommt noch: FRANKY GLAUBT, ER SEI EINE ELFE! Kann man sich das vorstellen? Zwei Meter zwanzig groß, ein wandelnder Schrank mit Kantenschädel. Aber er ist davon überzeugt, eine zarte, zierliche Elfe zu sein. Er hasst Spiegel. Verwundert das? Mich nicht. Er erschrickt jedes Mal, wenn er in einen Spiegel schaut. Was er sieht, passt nicht zu dem, was er sehen möchte. Verwundert das irgendwen? Na ja, er ist O. K. Und ein wandelnder Blog, der viel über die Bewohner der Residenz weiß: fast alle Wahrheiten, Halbwahrheiten, angeblichen Wahrheiten, Verschwörungstheorien, fast allen Klatsch und Tratsch und Trallala. Fast ALLES.

Dann ist da noch diese Todesfee, diese dünne, fast dürre Frau namens Elodie mit roten Haaren und blauen Strähnchen, ebenfalls eine langjährige Bewohnerin der Residenz. Hübsch. Intelligent, wie mir scheint. Sie wäre eine würdige Freundin eines Butzemanns. Aber sie ist fast einen Kopf größer als ich. Also … zwei Köpfe. Mindestens. Franky hat mir erzählt, dass sie es spürt, wenn irgendwer in ihrer Nähe bald stirbt, auch wenn sie selten genau weiß, wer es ist. Ihre Vorahnungen bereiten ihr großen physischen Schmerz. »Irgendwann schreit sie«, hat Franky gesagt, »so laut, dass etwas im Hirn derer zersplittert, die es hören.« Was soll ich nur davon halten? Ich glaube, ich hätte jetzt gern einen guten schottischen Whisky. Oder zwei. Es soll einen Pub in der Nähe geben.

Ein Spaziergang mit der Todesfee

Heute klarte der Himmel auf und ich ging spazieren. Bei besserem Wetter wirkt zumindest die Landschaft attraktiver. Sie besteht aus Hügeln, Weiden, einzelnen Bäumen. Ich wanderte bis zum See, der mir wie ein Relikt aus vormenschlicher Zeit vorkam. Auf dem Rückweg begegnete ich dieser Todesfee. Sehr seltsame Person. Wirklich.

»Du bist ein Butzemann?«, fragte sie mich.

»Bin ich«, antwortete ich stolz.

»Wie süß«, fuhr sie fort. »Aber dann bist du kein Monster, oder? Du bist ein Clown!«

Ha. Ha. Ha. Sie zwinkerte mir zu und genoss es, dass ich mich ärgerte. ICH HASSTE SIE. Ein bisschen.