4,99 €
Auf der Suche nach Mrs. Right «Kannst dir ja überlegen, ob ich überhaupt noch die richtige Frau für dich bin», hat sie gesagt, bevor sie mich vor die Tür setzte. Was für ein bescheuerter Satz. Und was für eine Nacht. Morgen früh um neun erwartet sie eine Antwort. Ultimativ. Jetzt ist es schon halb elf. Die richtige Frau – darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Mal sehen, was ich herausfinde. Viel Zeit habe ich nicht mehr, und kalt ist es, saukalt. «Das richtige Buch, wenn man sich davon überzeugen will, dass das mit den Frauen und Männern schon seine Richtigkeit hat.» (Brigitte) «Höchst amüsant!» (Freundin) «Abgedreht und verblüffend. Männer sind gar nicht so holzklotzig, wie sie manchmal tun.» (Hamburger Morgenpost) «Ein Geheimtipp!» (Bücher)
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 230
Veröffentlichungsjahr: 2009
Mark Kuntz
Die richtige Frau
Roman
21.45Uhr: Regen on the rocks und die Sache mit dem Hund
Vielleicht hätte ich das mit dem Spitz nicht sagen sollen, vielleicht war das der Fehler gewesen. Andererseits hatte sie mit den Hunden angefangen, und das zu dem denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Ich weiß es nicht, hinterher ist man immer schlauer. Ich überlege, ob ich überhaupt, so wie die Dinge lagen, eine Chance gehabt hätte, das Gespräch in eine einigermaßen konstruktive Richtung zu lenken, ohne mir den Vorwurf einzuhandeln, abwiegeln zu wollen. Ich weiß es nicht. Augenblick, ich muss mich gerade mal unterstellen, da kommt so ein unangenehm piksiger Nieselregen runter, der tut richtig weh auf der Haut. So, jetzt stehe ich in einem Hauseingang.
Also, wie gesagt, im Nachhinein kann man viel spekulieren. Tatsache ist, dass ich wirklich saumüde war, und sie auch. Freitagabend, wir hatten beide eine harte Woche hinter uns, und es war nicht so, dass sie ein Beziehungsgespräch angekündigt und ich mich künstlich gähnend ins Bett geflüchtet hätte. Nein, wir haben abgrundtief schön zusammen Löffelchen gelegen, und ich war unmittelbar davor wegzuratzen, als ich schon mit so einem unguten Gefühl bemerkte, wie sich ihr Körper leicht anspannte und sie so wahnsinnig betont durchatmete. Ohne sie zu sehen, spürte ich, dass sie die Augen offen hatte und nachdachte – und das nicht zu meinen Gunsten. Worüber genau, konnte ich nicht wissen, ich bin ja kein Telepath. Aber es hatte definitiv mit uns zu tun.
Ein komischer Regen ist das, fällt kerzengerade vom Himmel. Hört sich an wie brennende Wunderkerzen, wenn er auf den Boden prasselt. Dabei ist es völlig windstill und eigentlich viel zu kalt für Regen. Jedenfalls sagte sie plötzlich, ohne sich zu mir umzudrehen – das tut man eigentlich auch nicht, finde ich. Man dreht sich um und sieht den Menschen an, mit dem man redet. Aber sie sagte in die andere Richtung: «So, wie wir zusammenleben, könnten wir noch nicht mal gemeinsam einen Hund haben.»
Ich weiß noch, dass mir in diesem Augenblick verschiedene, überwiegend ärgerliche Gedanken durch den Kopf schossen. Der erste: Diesen Satz hast du irgendwo schon mal gehört und/oder gelesen. Ich fand ihn abgegriffen und ärgerlich; die richtige Frau verwendet unreflektiert ein schlechtes Zitat, um darauf aufmerksam zu machen, dass sie ein ernstzunehmendes Beziehungsproblem hat. Und das zu einem Zeitpunkt, als ich gerade dabei war einzuschlafen.
Hätte sie gesagt: «Du, meiner Oma geht’s gesundheitlich gerade richtig dreckig» oder «Mein Bruder hat Schulden» oder «Ich habe einen Auffahrunfall verursacht» – ich schwöre, ich hätte sofort das Licht angemacht, mir den Sachverhalt genau schildern und schnelle unbürokratische Hilfe folgen lassen.
So allerdings fühlte ich mich – tja, wie soll ich sagen – ungerecht behandelt, das trifft es vielleicht. Ich fand es einfach nicht in Ordnung, ein Thema in dieser Preisklasse zu einem solchen Zeitpunkt aufzumachen.
Meine Verärgerung mag dazu beigetragen haben, dass ich mich zu dem Satz mit dem Spitz hatte hinreißen lassen, ich sagte:
«Woran hast du dabei gedacht, an einen Spitz vielleicht?» Ein blöder Satz, an dem mich im Nachhinein am meisten ärgert, dass er weder witzig noch originell, ja beschämend vorhersagbar war und natürlich verletzend. Sie nahm den Spitz wörtlich, ich unterzog die Situation einer gründlichen Kommunikationsanalyse. Mir wurde vorgeworfen, ich zöge mich in solchen Augenblicken immer fein aus der Affäre, ich brüllte zurück, wie denn aus ihrer Sicht «diese Affäre» zu skizzieren sei, und auf einmal trat eine seltsame Stille ein. Sie verschränkte die Arme vor der Brust, sah zum Fenster hinaus und sagte: «Ich möchte, dass du jetzt gehst. Kannst dir ja überlegen, ob ich überhaupt noch die richtige Frau für dich bin.»
Ich hätte das als rhetorische Floskel abtun und liegen bleiben können. Aber sie schnippte mit dem rechten Fuß meinen Klamottenhaufen in Richtung Tür, drehte sich auf die andere Seite und sagte: «Wenn dir bis morgen früh um neun eine Antwort eingefallen ist, können wir ja nochmal reden, ansonsten: gute Nacht.»
Nun ist es so, dass ich mir so ein Benehmen unter normalen Umständen nicht bieten lasse. Ich lasse mir keine Ultimaten stellen und mich schon gar nicht einfach so vor die Tür setzen. Unter normalen Umständen– Augenblick mal, was macht der denn da? Ist der wahnsinnig? Die Kurve geht scharf rechts ab, und der Idiot fährt schnurstracks auf die Litfaßsäule zu! Ist der etwa am Steuer eingepennt? Oh, oh, das sieht nicht gut aus, der Wagen ist hin, das kann ich von hier aus sehen, der qualmt ja richtig heftig. Jetzt fängt der Zossen auch noch an zu brennen. Ich glaube, ich muss da gleich mal nach dem Rechten sehen, wenn ich diesen Gedanken zu Ende gebracht habe.
Unter normalen Umständen hätte ich ihr schon noch klargemacht, dass man Konflikte nicht durch Klamotten-mit-dem-Fuß-Schnippen, Rausschmeißen und Auf-die-Seite-Drehen löst. Das Problem war nur, dass wir im Prinzip zwar zusammen waren, allerdings in zwei verschiedenen Städten wohnten, was rein berufliche Gründe hatte. Wir hatten also zwei Wohnungen, «ihre» und «meine». Wir taten so, als ob ihre auch meine war, und meine ihre, aber in Wahrheit fühlte ich mich bei ihr als Gast, und sie sich bei mir vermutlich auch. Völlig bescheuert, aber so war es nun mal. Und wenn man das Gefühl hat, zu Gast zu sein, ist man eben empfindlicher, als wenn man Heimrecht hat. Insofern stellte sich bei diesem unerfreulichen Gespräch bei mir schnell und zuverlässig das Gefühl ein, zumindest für den Rest der Nacht nicht mehr erwünscht zu sein.
Ich erzähle das in dieser Ausführlichkeit – eigentlich hätte ich mich schon längst um den brennenden Wagen an der Litfaßsäule kümmern müssen–, weil ich aus diesem Gefühl der Kränkung heraus nicht so geistesgegenwärtig war, die der Jahreszeit und den aktuellen Witterungsbedingungen angemessene Kleidung anzulegen. Ich hatte hastig meine Jeans übergestreift, war ohne Socken in meine Schuhe geschlüpft, hatte mir mein Steely-Dan-T-Shirt und mein Sakko angezogen und das Haus verlassen. Schuhe, Jeans, Sakko – ich trug im klassischen Sinne «nichts drunter». Was ich gerade, da dieser komische Nieselregen nachlässt und der Himmel aufklart, wenig sexy, sondern einfach nur saukalt finde.
Ich sehe gerade mal zu dem Totalschaden hinüber. Gott sei Dank, da regt sich was. Die Tür geht auf, jemand beugt sich nach draußen, will jetzt aussteigen, pardauz, da haut es ihn von den Füßen. Mensch, hoffentlich hat der sich nicht wehgetan. Was ist denn mit dem Typen los? Erst setzt er seinen Wagen gegen die Säule, dann schlägt er bei dem Versuch, das Auto zu verlassen, der Länge nach hin. Der Mann braucht wirklich Hilfe, ich gehe mal hin.
***
Ich kann leider gerade nicht besonders gut reden, aber ich versuch’s trotzdem mal. Also, als ich den Hauseingang verlassen wollte, um Erste Hilfe zu leisten, flog der erste Fuß, mit dem ich den Bordstein berührte – ich glaube, es war der linke, ist aber auch egal–, derart unwiderstehlich in die Luft, dass der Rest meines Körpers keinen anderen Ausweg sah, als ihm zu folgen. Ich schwebte einige Zehntelsekunden lang waagerecht in der Luft und hatte Gelegenheit, nachzudenken. In solchen Momenten scheint die Zeit ja stillzustehen. Man kennt diese Erlebnisberichte von Grenzerfahrungen: Menschen, die für Augenblicke klinisch tot waren und ihr Leben im Zeitraffertempo vorbeirauschen sahen, die das Gefühl hatten, durch einen dunklen Tunnel geschoben zu werden, dabei aber gar keine Angst verspürten, weil am Ende des Tunnels dieses warme, weiße Licht aufleuchtete und sie die Gewissheit hatten, dass alles gut würde.
Ich hatte in dem kostbaren Augenblick, als ich in der Luft schwebte, auch eine Gewissheit, genauer gesagt zwei:
Erstens, dass ich eben gerade bei der richtigen Frau rausgeflogen war. Zweitens, dass ich mich gleich gepflegt auf die Fresse legen würde.
Letzteres geschah dann auch. Es ist schon verrückt, wie klar man in solchen Situationen die Lage einschätzen und sogar noch in die Zukunft sehen kann.
Der Augenblick des Aufpralls ist relativ unspektakulär, ein bisschen wie beim Zahnarzt, wenn er einem mitteilt, dass eine Betäubungsspritze nicht wirken wird, weil die Entzündung schon zu weit fortgeschritten ist, weshalb es jetzt gleich «ein bisschen wehtun» wird.
Alles ist ganz still, und es tut tatsächlich nur ein bisschen weh. Meine rechte Hand findet mit traumwandlerischer Sicherheit die Wunde am Wangenknochen, ziemlich genau auf halber Strecke zwischen Nase und Ohr. Ein Blick auf meine Hand sagt mir, dass ich stark blute. Komischerweise wertet das meine momentane Situation immens auf. Das Demütigende am Vor-die-Tür-gesetzt-Werden und das abgrundtief Lächerliche am Sich-auf-die-Fresse-Legen wird durch die Feststellung, dass man stark blutet, wettgemacht. Das hat irgendwie was Desperadohaftes, sofort fallen einem massenhaft grandiose Filmszenen ein, in denen Ikonen des großen Kinos stark blutend auf der Straße liegen.
Ich sehe zu ihrem Fenster hoch. Vielleicht hat die richtige Frau ihren Entschluss doch schon ein wenig bereut und sieht mich jetzt stark blutend auf dem Asphalt liegen, gleich wird die Haustür auffliegen, sie wird mit wehenden Haaren über die Kreuzung stürmen, sich über mich beugen, ihre Bluse ausziehen, meinen Hinterkopf ganz behutsam anheben, ihn auf ihre hastig zusammengeknüllte Bluse betten, mich mit tränenbenetzten Augen ansehen und sagen: «Liebling, verzeih mir, das habe ich nicht gewollt.»
Ich sehe in den dritten Stock, viertes Fenster von links: stockdunkel. Die Alte ratzt behaglich, während ich hier in meinem eigenen Blut liege.
Die seelische Grausamkeit, zu der Frauen fähig sind, die sich ihre Unzufriedenheit von der Seele geredet haben, darüber müde geworden sind und völlig normal schlafen gehen, wäre mal ein ganzes Buch wert. Ich muss mich jetzt aber wirklich um den Totalschaden kümmern, der Typ liegt neben dem brennenden Wrack und rührt sich nicht.
***
Ich bin schon wieder gestürzt. Und zwar nach vorn, was immer besonders bescheuert aussieht. Leute, die die Treppe herunterfallen, sehen schon recht deppert aus. Leute, die die Treppe hinauffallen, weil sie eine Stufe falsch eingeschätzt haben, werden in der Regel – völlig zu Recht – offen und laut verlacht. Bei mir war es so, dass ich bei dem Versuch, mich aufzurappeln, keinen Kontakt zum Boden mehr aufnehmen konnte, was dazu führte, dass ich mich wie ein Hamster im Laufrad bewegte und meine Hände verzweifelt nach Halt suchten.
Wie ich gerade durch vorsichtiges Abtasten feststellen konnte, ist wohl nichts gebrochen, ich blute aber weiterhin stark, jetzt auch aus der Nase. Was mich ein wenig tröstet: Mir ist nun klar, warum der Regen so seltsam geknistert, der Fahrer die Kurve ignoriert hat und ich so stark blute. Dieser eigenartige Regen muss sich unmittelbar nach dem Aufprall in zentimeterdickes Eis verwandelt haben. Eisregen, Blitzeis, und zwar richtig heftig. Was bedeutet das für meine Beziehung? Was bedeutet das für meinen Auftrag, mir zu überlegen, wie die richtige Frau beschaffen sein muss?
Ich weiß es nicht. Die Straße zum Unfallort steigt leicht an, da komme ich nie rauf. Tut mir echt leid, allerdings liegt mein letzter Erste-Hilfe-Kurs jetzt auch schon locker zehn Jahre zurück, ich glaube nicht, dass ich vor Ort viel ausrichten könnte. Zumal sich da oben echt nichts mehr regt, der Wagen sieht wirklich übel aus, würde mich wundern, wenn da überhaupt noch was zu machen ist. Mal sehen, was in der anderen Richtung los ist: Hotel Imperial – na bitte. Die Straße geht bergab, da könnte ich doch elegant hingleiten, mir ein schönes Zimmer nehmen, ein heißes Bad einlaufen lassen, mir aus der Zimmerbar ein paar gepflegte Drinks nehmen, vielleicht noch einen kleinen Imbiss und ein Fläschchen Rotwein kommen lassen und dann ganz in Ruhe, in einen flauschigen Bademantel gewickelt, über die richtige Frau nachdenken. Na, wer sagt’s denn: Wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Hotel Imperial – großartig, ich rutsch da mal schnell runter, checke ein und melde mich gleich wieder.
22.15Uhr: Kaffee Cognac und das richtige Timing
Ja, hallo, da bin ich wieder, leider nicht im Hotel Imperial, sondern in der Gaststätte Bei Uschi und Heinz, das ist – freundlich formuliert – eine Marktschänke, meine Eltern würden sagen, eine Kaschemme. Ich sehe auch weit und breit weder eine Uschi noch einen Heinz, sondern eine völlig unfähige, Augenblick mal: «Fräulein, hallo, ich hatte zwei Kaffee Cognac bestellt, zwei, ja?» Die hört mich einfach nicht.
Nirgendwo außer im Rheinland wird man ordentlich bedient. Im Rest der Republik wird die erste Bestellung zügig erledigt, danach ist man erst mal abgemeldet. Völlig unverständlich, die Gastronomie lebt vom Trinken, aber das Personal lässt einen verdursten. Deshalb hatte ich auch zwei Kaffee Cognac auf einmal bestellt, ich hatte sogar noch Zeige- und Mittelfinger hochgehalten, damit die Schlafmütze das Wort «zwei» auch visuell abspeichern konnte, und natürlich nur einen Kaffee Cognac bekommen – aus Sicht der tauben Nuss, die hier bedient, völlig schlüssig: Da sitzt ein leicht bekleideter, stark blutender Stoffel am Tisch und will Kaffee Cognac. Ein Stoffel. Was wollte der Stoffel nochmal? Genau: Der Stoffel wollte einen Kaffee Cognac, sitzt ja schließlich allein am Tisch. Genau so hat die Frau gedacht.
Ja, ich bin gereizt, das gebe ich zu. Ich sollte jetzt eigentlich aus dem Bad meines Hotelzimmers kommen, mir mit dem Handtuch die Haare trockenrubbeln, eine dünn geschnittene Scheibe Roastbeef in ein Schälchen mit Remoulade tunken, mich mit einem großen Glas Rotwein aufs Bett legen und mir eine gute Antwort überlegen.
Das hat wohl nicht hingehauen. «Wir haben Weltjugendtag, Urologen-Kongress und Blitzeis – im Umkreis von dreihundert Kilometern finden Sie heute Nacht kein Hotelzimmer», hatte mir die Frau an der Rezeption des Imperial mitgeteilt, eine Frau, die aussah, als ob sie ihr Leben lang geschlagen, betrogen und ausgenutzt worden war und genau diesen Job angenommen hatte, um sich zu rächen und Menschen wie mich nachts raus in die Kälte schicken zu können.
Ich musste also meinen Plan ändern. Bei der nächsten überdachten und beheizten Unterkunft handelte es sich um besagte Marktschänke Bei Uschi und Heinz, sie lag im Prinzip nur ein paar Schritte quer über die Straße, die ich hinabglitt. Unmittelbar vor dem Eingangsbereich konnte ich mich mit der rechten Hand noch gerade in einem Gully festkrallen und hätte vielleicht noch mit einem letzten Rest von Würde die Gaststätte betreten, wenn nicht dieser betrunkene Idiot genau in dem Augenblick aus dem Laden gekommen und «Taxi!» krähend auf meine Hand gelatscht wäre. Ich habe es nur meinen guten Reflexen zu verdanken, dass ich blitzschnell umgreifen konnte, mich zu einem einarmigen Handstand emporschwang und mit einem sauber gestandenen Überschlag korrekt Bei Uschi und Heinz aufschlug. Natürlich hatte kein Schwein dieses Kunststück bemerkt, ist ja immer so im Leben.
Jetzt warte ich auf einen Kaffee Cognac; Roastbeef und Rotwein gibt’s Bei Uschi und Heinz nicht. Hört sich an, als ob ich sauer bin, oder? Stimmt gar nicht. Natürlich wäre ich lieber im Imperial, aber ich bin ja ein moderner und flexibler Typ. Bin ich eben Bei Uschi und Heinz, und die ganze Nacht liegt noch vor mir. Im Übrigen bin ich schon deshalb nicht sauer, weil ich gar nicht rausgeflogen bin, ich lasse mich nicht mal eben so vor die Tür setzen. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich gesagt: «Nicht in diesem Ton und schon gar nicht auf diese Tour» oder: «Jetzt pass mal auf, jetzt hörst du mir mal zu», hätte ich gesagt und dann, ja, dann, weiß ich auch nicht so genau, was ich dann gesagt hätte. Auf jeden Fall war es meine Entscheidung zu gehen, das muss ich an dieser Stelle nochmal ganz klar sagen. Ich bin hier, weil ich gehen wollte; klar, etwas überstürzt, was die Wahl meiner Kleidung angeht, aber aus freien Stücken. So. Außerdem lasse ich mir keine Ultimaten stellen. Weder von der richtigen Frau noch von der falschen, noch von sonst wem. Was heißt hier überhaupt «die richtige Frau»? Auf so einen Scheiß können nur Frauen kommen, die im Umfeld von «Sex and the City» und ähnlichem Schmarrn sozialisiert worden sind, wobei ich die eine oder andere Episode sogar selbst gesehen und im Prinzip sogar ganz okay fand. Letzte Weihnachten habe ich ihr die Staffeln eins bis sechs auf DVD geschenkt, ein erstaunlicher Ankommer war das, und dann halt mitgeguckt. Das war handwerklich gar nicht mal schlecht gemacht. Bloß: Suggeriert dieses ganze Gerede von «Mr.Right» und «Big» nicht, dass irgendwo da draußen der eine Traumpartner wartet, mit dem alles bene wird? Wer sagt denn das eigentlich? Und ich kann mir jetzt Gedanken darüber machen, wie die richtige Frau sein soll. Das sehe ich nicht, schon gar nicht bis morgen früh um neun. Was soll überhaupt diese bescheuerte Uhrzeit: morgen früh um neun? Warum nicht um sieben, elf oder übermorgen um drei?
Also, ich werde mir im Rahmen meiner Möglichkeiten vielleicht den einen oder anderen Gedanken machen, mehr aber auch nicht. Was mich richtig ärgert, Augenblick, gerade kommt die Bedienung vorbei, «Entschuldigung, wenn Sie vielleicht an meinen Kaffee Cognac denken, ich hatte zwei bestellt, zwei Kaffee Cognac, einen hatte ich schon bekommen…» Die sieht und hört nichts, geht einfach weiter, aber so ist das eben, wenn man selbst in einer bodenständigen Schankwirtschaft eine studentische Aushilfskraft statt einer gestandenen Kellnerin beschäftigt. Jedenfalls: Sie hat so getan, als ob man mit mir nicht reden kann. Als ob ich dieser stoffeligen Gattung von Typen angehöre, die außer Fußball und Job nichts interessiert und die sich über diese Themen im Prinzip auch lieber mit ihrem Kumpel unterhält. Nun finde ich auch, dass Fußball und Job zwei absolut essenzielle Themen sind, aber ich mache mir auch über andere Dinge Gedanken und spreche darüber. Ich finde, sie hat sich benommen wie damals die Mädchen in der Pubertät, wenn ihnen etwas nicht passte und sie schon allein hormonell bedingt nicht mehr ganz sauber tickten. Prototypischer Dialog:
Er: «Hast du was?»
Sie: «Nö.»
Er: «Du hast doch was.»
Sie: «Ich hab nichts.»
Er: «Ich merk doch, dass du was hast.»
Sie: «Also wenn du nicht selber weißt, was ich hab, dann tust du mir leid.»
Hätte ich merken müssen, was sie hat, hätte ich es gar wissen müssen, als sich ihr Körper bedrohlich anspannte und sie mit dem Hund anfing? Und tue ich ihr leid?
Kaffee Cognac, das wäre die richtige Antwort gewesen, und zwar ein bis zwei Stunden früher. Aber für das richtige Timing haben selbst richtige Frauen manchmal ein lausiges Gefühl. Streng genommen wäre es viel zu früh für diese Getränkekombination gewesen, wer zu früh am Abend Kaffee Cognac trinkt, kann übel enden. Selbst jetzt, ich guck mal, was die Wanduhr sagt, um 22.23Uhr, ist es im Grunde noch zu früh. Kaffee Cognac ist optimal zwischen zwei und vier Uhr morgens, wenn man die Dinge schon Revue passieren lassen, aber auch noch ein wenig nach vorn schauen will. Kaffee weckt die müden Sinne, Cognac (kann auch Osborne, Veterano oder ähnlicher Dreck sein) erdet und schärft gleichzeitig den Blick, was man nur von wenigen alkoholhaltigen Erfrischungsgetränken sagen kann.
«Ich finde, wir sollten mal reden, Kaffee ist aufgesetzt, Cognac/Osborne/Veterano hab ich auch da, ist das okay für dich?» Diese Ansage, bis spätestens 21.30Uhr, wäre absolut akzeptabel gewesen; nicht dass ich jubelnd aus dem Bett gesprungen wäre, aber ich wäre doch immerhin bereit für ein Gespräch gewesen. Stattdessen kommt sie mir mit Hunden, richtigen Frauen und einem Ultimatum, das ist doch zum Weinen. Ich meine, das muss man sich mal vorstellen: Sie beschließt, dass mit mir nicht zu reden sei, noch bevor das Gespräch überhaupt begonnen hat.
Okay, eine Teilschuld trägt sicher die einschlägige Ratgeberliteratur – spätestens seit den achtziger Jahren die Pest unserer Zeit. Amerikanische Psychologen fanden heraus, dass – Donnerkeil! – Männer und Frauen unterschiedliche Kommunikationsstile pflegen, und seitdem sind Buchtitel wie «Du kannst mich einfach nicht verstehen – Warum Männer und Frauen aneinander vorbeireden» kollektiver Aberglaube geworden. Tatsächlich verstehen Männer ihre Frauen in der Regel ganz gut, sie sind aber gelegentlich anderer Meinung und sagen das auch. Damit haben sie sich den Vorwurf eingehandelt, rechthaberisch und unfähig zu sein, auf die Gefühls- und Bedürfnislage von Frauen einzugehen. Da ist ein zehn- bis vierzehnstündiges Telefonat mit der besten Freundin natürlich eine prima Alternative – kettenrauchend versichern sich die beiden in einem Exzess von Geistes- und Seelenverwandtschaft noch des steilsten Unfugs.
«Mmh», «genau», «ganz genau», «kenn ich, kenn ich, kenn ich», «bei mir auch», «furchtbar, ganz furchtbar», «ja, ja, ja» – mit diesen und anderen rhetorischen Minimalaussagen versichern sich zwei Frauen der universellen Wahrheit ihrer Ansichten und der geradezu telepathischen Übereinstimmung ihrer Einschätzungen. Vor allem dieses lang und immer länger gezogene «Jaaaah!» – wenn ich nicht das eine oder andere Mal besorgt bis verärgert nachschauen gegangen wäre, hätte ich schwören können, die beiden hätten gerade Telefonsex.
Nun finde ich es auch ärgerlich, wenn ich von etwas ganz fest überzeugt bin und mein Partner anderer Meinung ist. Und natürlich kenne ich auch ein paar Typen, denen ich meine Ansichten am Tresen darlege und die mir immer recht geben. Gut, sie stöhnen vielleicht nicht «Jaaaaah!», sondern bestätigen eher knapp und halblaut mit «Jipp» oder «Joh» oder «Kenne ich auch, das», aber damit löst man doch keine Probleme.
Ich glaube, dass Frauen vor schwierigen Gesprächen mit ihren Männern Angst haben. Es ist nicht die Angst, laut und selbstgefällig verbal plattgemacht zu werden, dafür sind Frauen schon lange stark genug, Gott sei Dank. Es ist im Gegenteil die Angst, möglicherweise eine ihrer lang tradierten Kernkompetenzen aufgeben oder zumindest überdenken zu müssen: In Beziehungsfragen weiß ich es besser als er, in der Liebe muss ich die Führung übernehmen, sonst wird das nichts.
So denkt die richtige Frau, noch immer. Und in einem solchen Gespräch, na ja, da könnte ja unter Umständen herauskommen, dass das gar nicht so ist, dass er vielleicht Gedanken hat, die weit über das hinausgehen, woran sie so glaubt – und was dann? Vielleicht vergießen Frauen bei solchen Gesprächen deshalb so oft Tränen – aus Trauer, weil sie eine ihrer letzten Bastionen aufgeben müssen?
Na, war nur so ein Gedanke, mit dem ich morgen früh die Stimmung bestimmt nicht heben werde, ich stell ihn schnell mal zurück und gehe zum Tresen. Die gute Frau steht da und sieht elegisch in die Nacht hinaus, vielleicht kann ich meiner Bestellung etwas Nachdruck verleihen, wenn ich sie persönlich vor Ort formuliere.
«Entschuldigung, könnte es sein, dass Sie meinen zweiten Kaffee Cognac vergessen haben…»
Die Frau dreht sich zu mir um und sieht mich ganz ruhig an. Aus ihren Augen fließen kräftige, gleichmäßige Tränenbäche.
Darauf war ich nicht vorbereitet.
«Geht’s Ihnen nicht gut?»
Sie hat sich jetzt mit den Händen auf die Spüle gestützt und schluchzt hemmungslos.
«Kann ich Ihnen irgendwie helfen?»
Sie schüttelt den Kopf, schnäuzt heftig in eine Serviette und weint weiter.
Ich bin kurz davor, die Frau in den Arm zu nehmen, obwohl ich sie gar nicht kenne, bin mir aber nicht sicher, ob ihr das recht wäre. «Wollen wir nicht erst mal einen Kaffee Cognac zusammen trinken?» wäre jetzt sicher auch die falsche Frage. Obwohl mir echt danach wäre.
Sie schnäuzt sich schon wieder und sieht mich an.
«Sie sehen ja furchtbar aus, was ist Ihnen denn passiert?», fragt sie.
«Nichts weiter, ich bin rausgeflogen, und draußen ist es plötzlich ziemlich glatt geworden.»
Daraufhin bricht sie wieder in Tränen aus.
«Ist nicht so schlimm», versuche ich sie zu trösten, «morgen um neun kann ich wieder heim.» Vielleicht.
Das hatte sie offenbar nicht gemeint. Sie reicht mir einen Zettel über den Tresen: «Lesen Sie mal, kann man so etwas glauben?»
«Liebe Schnecke», entziffere ich die ziemlich krakelige Schrift – welcher Typ nennt seine Frau denn «Schnecke»?, na – «wenn du das hier liest, bin ich schon weg. Es tut mir leid. Ich hab dich echt geliebt, und die Zeit mit dir werde ich nicht vergessen.»
Mir wird ganz schlecht, ich ahne, was gleich kommt. «Aber seit einiger Zeit habe ich das Gefühl, dass sich mein Leben nicht mehr richtig anfühlt und dass wir uns und unsere Liebe irgendwo auf dem Weg verloren haben. Ich habe lange darüber nachgedacht und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass ich eine Weile wegmuss, um meinen Kopf wieder klarzukriegen. Küss die Kleine von mir, wenn ich wieder Boden unter den Füßen habe, kümmere ich mich um sie. Um die Kohle kümmere ich mich dann auch, wenn ich wieder welche habe, versprochen. Dein Matti.»
Das ist nicht auszuhalten. Ich spüre, wie mir die Tränen aufsteigen, verfüge aber über einen Akkupressur-Punkt – er befindet sich auf Höhe des Mittelohrs–, den ich immer aktiviere, wenn ich heulen muss, aber nicht will. Es sieht dann so aus, als ob ich nachdenke und mir dabei das Ohr reibe. Es funktioniert, ich kann wieder einigermaßen pragmatisch reagieren.
«Wo ist denn die Kleine jetzt?»
«Bei einer Freundin, aber das geht auch nur diese Nacht. Keine Ahnung, was ich morgen Abend machen soll, ich hab nur diesen einen Job, und die Kohle reicht schon jetzt hinten und vorne nicht.»
Schlagartig bin ich wieder völlig nüchtern. Ich greife unauffällig mit der rechten Hand in die linke Innentasche meines Sakkos. Ja, gut.
«Ich komme gleich wieder, in Ordnung?»
Draußen halte ich mich an der Kneipentür fest und spähe auf die Straße. Direkt gegenüber sehe ich hell erleuchtet das Zeichen der örtlichen Sparkasse mit einem EC-Automaten-Schild. Prima. Ich springe vom Treppenabsatz, breite die Arme aus, gleite auf dem Brustkorb über die spiegelglatte Straße und schlage mit der Schläfe an der Bordsteinkante auf. Ich wische mir das Blut ab und ziehe mich zum Automaten hoch. Wie viel Geld soll ich abheben? 50 bis 350Euro bietet mir der Automat an. Erscheint mir zu wenig. Ich drücke «anderer Betrag» und gebe 3000Euro ein. «Ausgabe nicht möglich. Tageslimit überschritten», teilt mir der Automat mit.
Ich probiere es mit 2000Euro. Ich warte. Ja! Die Maschine rotiert, der Automat mischt das Geld. Nach ein paar Sekunden nehme ich einen dicken Packen Euro-Scheine entgegen und stopfe ihn mir in die Hosentasche.
«Mein Gott, Sie bluten ja!», sagt die Frau Bei Uschi und Heinz entsetzt. Ihre Augen sind gerötet.
«Hätten Sie vielleicht einen Zettel und was zu schreiben?», frage ich.
Ich setzte mich in eine freie Ecke und schreibe:
Liebe Frau hinterm Tresen,
ich kann Ihnen nicht sagen, wie leid es mir tut, was ich eben von Ihnen erfahren habe. Ich würde Sie wahnsinnig gern trösten, aber ich finde es nahezu unmöglich, jemanden zu trösten, den ich kaum kenne. Außerdem würde ich diesen Matti am liebsten unangespitzt in den Boden rammen, nach allem, was ich von ihm weiß, aber vermutlich würden Sie das gar nicht wollen. Nun löst ja Geld bekanntlich keine Probleme, aber in bestimmten Situationen kann es ein Problem zu viel sein. Vielleicht verschafft Ihnen dieses Trinkgeld ein paar Tage Ruhe, um zu überlegen, wie es weitergehen soll.
Ich fühle mit Ihnen und wünsche Ihnen alles Gute,
Ihr Kaffee-Cognac-Nörgler.
Ich falte den Zettel zusammen, schiebe die Kohle rein und gehe zum Tresen.
«Tut mir leid, Sie hatten ja einen zweiten Kaffee Cognac bestellt. Wollen Sie den noch? Ich hätte ihn gerade fertig», sagt die Frau.
Ich kippe den Cognac in den Kaffee, schütte tüchtig Zucker dazu und rühre um.
«Schmeckt das?», fragt sie etwas irritiert.
«Nein», sage ich und trinke in einem Zug aus. «Tut aber gut. Gute Nacht.»
«Ihnen auch eine gute Nacht. Sie müssen noch zahlen.»
«Ich weiß.» Ich schiebe ihr den Zettel über den Tresen.
«Stimmt so», sage ich, verlasse die Kneipe und setze mich auf die Bordsteinkante.
So. Ich habe mir einen Bierdeckel mitgenommen und einen Kuli. Ich werde mir in Stichworten notieren, was mir heute Nacht zur richtigen Frau einfällt. Und ich werde dabei den jeweils passenden Drink einnehmen, zumindest passender als Kaffee Cognac. Wird nicht leicht werden, bei dem Blitzeis. Was soll ich notieren? Kann natürlich immer nur ein Stichwort sein, ist ja nicht viel Platz auf so einem Bierdeckel. Vielleicht so: «Erst Kaffee Cognac, dann reden. Oder Veterano». Das müsste reichen, die Details kann ich morgen um neun ja in Ruhe erklären.
