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Die Sache mit dem modernen Mann Eigentlich war ich ein ganz normaler Mann. Bis ich beschloss, mein Leben zu ändern. Ich würde meinen gutbezahlten Job kündigen, morgens ausschlafen, endlich wieder meine Hobbys pflegen, mich um mein Kind kümmern, für meine Frau kochen, leidenschaftlichen Sex mit ihr haben und nebenbei kreative Konzepte am Schreibtisch entwickeln. So der ehrgeizige Plan. Vier Jahre später. Ich sitze in der Küche auf der Waschmaschine und denke nach. Warum ist das eigentlich so schwer mit der berufstätigen Frau und dem modernen Mann? Wer hat uns gezeigt, wie wir das alles auf die Reihe kriegen? Was blieb von meiner Männlichkeit übrig, als ich mein Leben änderte? Und vor allem: Was blieb von unserer Liebe übrig? Moment, ich stell mal kurz auf Schleudern und melde mich dann wieder.
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Seitenzahl: 177
Veröffentlichungsjahr: 2009
Mark Kuntz
Mein Leben auf der Waschmaschine
Roman
Für den Spieler mit der Nummer 10 bei Tschechien, Vaclav Finnimanski, Frau Dr.Bauschenheimer und Emre.
Und für Richy natürlich.
Auf die Sache mit der Waschmaschine und den Wirbelblockaden bin ich durch Zufall gekommen. Ich brauchte damals dringend eine neue Waschmaschine, bekam aber nur eine gebrauchte – das muss ich gleich mal in Ruhe erzählen. Jedenfalls zeichnete sich die neue gebrauchte durch drei wesentliche Merkmale aus: 7-Kilo-Trommel, beim Schleudern 1600Umdrehungen pro Minute und eine leichte Unwucht in der Statik: Ich konnte so viel an den Füßen herumschrauben, wie ich wollte, an einer Ecke kippelte die Maschine immer, und 1600Umdrehungen pro Minute bei 7Kilo sind eben kein Pappenstiel: Der Koloss setzte sich in Bewegung und machte dabei Geräusche wie ein Helikopter, der auf meinem Balkon notlanden muss. Noch nie habe ich erlebt, dass ein technisches Gerät einen derartigen Radau veranstaltet.
Eine Hitze ist das, nicht auszuhalten. Schon halb elf nachts und draußen immer noch 28Grad – ich schalte mal kurz den Trockner aus; wenn der auch noch läuft, werden das locker 40Grad in der Küche. Als Emre – so habe ich damals die Maschine getauft – einmal wieder wie entfesselt durch die Küche toben wollte, sah ich keinen anderen Ausweg mehr, als mich auf ihn zu setzen, mich mit beiden Beinen von einem Küchenschrank abzustützen und ihn so kraft meines Körpergewichts in Zaum zu halten. Da vibriert einem die Schädeldecke, und die Augen flackern, das kann ich euch sagen. Aber immerhin, Emre blieb, wo er war. Doch dann passierte das Seltsame: Kurz vor Ende des Schleudervorgangs machte es bei mir im Rücken, etwa kurz oberhalb des Steißbeins, ein kleines, kaum wahrnehmbares «pling»; dann, viel weiter oben, auf Höhe der Halswirbel, zweimal kurz nacheinander «pling, pling», und als ich von Emre abstieg, fühlte ich mich ganz komisch, irgendwie so normal. Mein Kopf war nicht mehr wie in einen Schraubstock gespannt, mein Rücken gerade und locker. Offenbar hatte Emre nach etwa sieben Minuten bei 1600Umdrehungen genau die richtige Frequenz gefunden, um meine diversen Rückenwirbel-Blockaden zu lösen, die ich mir als moderner Großstadtmensch, der zudem viel vor dem Bildschirm sitzt, eingehandelt hatte. Natürlich nie wirklich dauerhaft – Emre ist ja kein ausgebildeter Physiotherapeut oder Osteopath. Aber nach diesem Schlüsselerlebnis habe ich immer wieder seine Dienste in Anspruch genommen. Manchmal, wenn mich der Rücken zu sehr plagte und nicht genug Schmutzwäsche da war, habe ich einfach eine halbe Trommel durchlaufen lassen. Kommt aber nicht oft vor.
Wahnsinn, was für Wäscheberge in einem völlig normalen Vier-Personen-Haushalt anfallen. Ohne Trockner wären die gar nicht zu bewältigen, und wenn ich mir vorstelle, ich müsste die sechs bis sieben Trommeln Wäsche, die ich pro Tag durch Emre jage, zierlich auf Klammern aufhängen – nein danke. Wobei alles seinen Preis hat. Der Trockner dünnt die Textilien aus. Nach jedem Trockengang «Schranktrocken plus» zieht man einen Filter mit daumendickem Flusenabrieb aus dem Gerät, das hat natürlich Konsequenzen: Ich schlüpfe morgens beherzt in meine Lieblingsjeans, und «knaarrzzz!» steige ich mit dem Fuß durch das Knie. Eine Zeitlang kann man die Hose noch als trendiges Designer-Stück durchgehen lassen, dann wird sie allmählich zum Penner-Teil.
Nun ist es so, dass der Trockner seit Jahren einwandfrei funktioniert, die Maschine aber nicht immer. Gerade jetzt zeigt Emre auf seinem Display «UE» an und piept, allerdings anders, als wenn er ordentlich zu Ende geschleudert hat. Das macht er im Schnitt jeden siebten Waschgang. Warum, konnte ich bisher noch nicht herausfinden, ich habe keine Gebrauchsanweisung: Die Maschine habe ich, wie gesagt, gebraucht gekauft, ich befand mich damals in einer Notlage. Es handelt sich um ein amerikanisches Modell, und «UE» könnte «Unknown Error» heißen, was mich beruhigen würde: Die Maschine konnte diesen Waschgang nicht mit Schleudern und Abpumpen beenden, weiß aber selbst nicht, warum. Das hieße ja, dass sie im Prinzip voll funktionstüchtig ist, nur dass dies eine Mal ganz am Ende irgendwas schiefgelaufen ist – was man ja niemandem vorwerfen kann. Oder aber es heißt so etwas wie «Urgent! Emergency!», und ich soll mich umgehend mit dem Hersteller in Verbindung setzen. Da wüsste ich überhaupt nicht, an wen ich mich jetzt wenden sollte, außer an meinen Zwischenhändler Emre von «Agadir Electronics», dem Namenspatron der Maschine. Könnte auch sein, dass «UE» bedeutet: «Umgehend Emre anrufen».
Emres Telefonnummer habe ich sicher noch irgendwo, auf der Quittung oder auf einem Zettel, den ich mit der Quittung irgendwo hingelegt habe. Aber bis ich die gefunden habe… Entweder ich zerre die triefend nasse Wäsche jetzt aus der Trommel und hänge sie doch auf dem Wäscheständer auf, oder ich probiere es mal mit dem Kurzwaschgang (35Minuten). Das habe ich schon mal versucht. Wenn ich Glück habe, schleudert Emre dann zu Ende. Wenn nicht, kann ich den ganzen Vorgang wiederholen und weitere 35Minuten wie blöd vor der Waschmaschine hocken und darauf warten, dass sie endlich «End» oder wieder nur «UE» anzeigt. Die Zeit habe ich eigentlich gar nicht. Ich bin ja kein depperter Hausmann, Spüli-Eumel, Schürzen-Sepp oder Wäsche-Wichtel. Ich bin der super Mann. Ich bin angetreten, den Mann neu zu erfinden und die Gesellschaft zu revolutionieren. Nichts und niemand wird mich davon abhalten, schon gar nicht Emre. Ich versuch’s nochmal mit dem Kurzwaschgang und melde mich gleich wieder.
Emre spült gerade und dreht sich dabei. Nicht so irre spannend. Ich gehe mal auf den Balkon und checke, ob die Pflanzen genug Wasser haben. Schon lustig, wie sich die Rollen- und Aufgabenverteilung in einer Beziehung entwickelt. Als die richtige Frau – sprich: meine Frau, die Frau, für die ich mich entschieden hatte – vor ein paar Jahren mal im Krankenhaus lag, wollte ich sie bei ihrer Heimkehr überraschen und hatte den Balkon komplett begrünt: Blumenkästen, Kräutergarten und eine opulent bestückte mediterrane Abteilung mit Lavendel, Oliven- und diversen Zitrusbäumen. Das kam auch irre gut an, nur: Seitdem kann ich mich komplett um den ganzen Scheiß kümmern – an heißen Tagen wie heute dauert es locker eine Stunde, das ganze Gelump ordentlich zu wässern, die Zeit habe ich eigentlich auch nicht.
Wie viele gute Ideen – na ja, vielleicht sollte ich sagen: wie viele Ideen – entsprang die Sache mit dem super Mann einer lange fortgesetzten Langeweile. Ich hatte das, was man einen richtig guten Job nennt: sattes Gehalt, ein bisschen Verantwortung, gesellschaftliches Ansehen. Klasse Büro übrigens auch. Sagenhafter Blick auf eine der schönsten Ecken der Stadt. Zwei Türen weiter unser Konferenzraum. Von da aus: der beste Blick auf die Stadt. Unglaubliche Sonnenuntergänge, vor allem im Winter. Im Kühlschrank des Sekretariats: immer erstklassige Weißweine; rauchen durfte man damals übrigens auch noch. Die kreativsten und anständigsten Kolleginnen und Kollegen des Landes. Einigkeit in allem. Gute Ideen, schnelle Entscheidungen, jeden Tag, jede Minute – ein Traum.
Leider füllt dieser Traum keinen Arbeitstag. Die entscheidende und triste Erkenntnis nach ein paar Jahren in der Arbeitswelt bestand für mich darin, dass optimale Arbeitsbedingungen unendliche Langeweile zur Folge haben.
Langeweile im Job ist echt hart; nicht nur, dass der Tag nicht rumgehen will und man schleichend verblödet, man kann noch nicht mal darüber reden. Denn nichts ist so tabuisiert wie Langeweile im Job. Redet man mit Leuten, ist der Job grundsätzlich «total stressig», da ist ständig «die Hölle los», das letzte halbe Jahr «war an Urlaub aber so was von überhaupt nicht zu denken», alle müssen «das Doppelte an Pensum keulen, aber mit halb so viel Leuten», «jobmäßig voll die Härte gerade», wird einem mitgeteilt, Privatleben «gibt’s praktisch nicht mehr», und die kreativen Anteile am Job finden eh nicht statt, «keulen, keulen, keulen» ist angesagt. «Wochenende, wie mein Wochenende war? Samstag und Sonntag in der Agentur gesessen und die ganze Scheiße weggehauen, die die Woche über liegengeblieben ist, kannst dir vorstellen, wie ich mich jetzt fühle.» Schwierig, ganz schwierig, solchen Leuten zu sagen: «Ehrlich gesagt, ich komme im Job um vor Langeweile.»
Ich fühlte mich einsam in meiner Langeweile, als ich an einem Montagmorgen um Viertel vor elf (noch ein drei viertel Stunden bis zur Kantine) im Büro vom Giselher stand, der vor lauter Stress bereits verschiedene Bandscheibenvorfälle und eine unangenehme Schuppenflechte auf seinem psychosomatischen Konto zu verbuchen hatte.
«Na, Giselher, wie ist die Lage?», fragte ich launig, die Antwort kannte ich bereits («Verzweifelt, aber nicht aussichtslos»).
«Verzweifelt, aber nicht aussichtslos», sagte Giselher und präzisierte: «Ich frage mich manchmal, wie lange die uns hier noch melken wollen, irgendwann ist das Ende der Fahnenstange erreicht, dann sind wir alle kaputt, und die da oben (Giselher zeigte in Richtung Chefetage) können dann sehen, wie sie ihren Scheiß alleine hinkriegen.»
Giselher rieb sich die untere Rückenpartie, ich rieb mir die Augen und sah auf die Uhr. Noch eineinhalb Stunden bis zur Kantine. Da würde es immerhin Rindsroulade geben, die machen sie da wirklich sehr ordentlich. Überhaupt kann ich nur Gutes über diese Kantine berichten. Die schaffen es, dass man dort über Jahre hinweg jeden Tag essen kann, ohne dass es einem über wird. Was ich von meinem Job nicht behaupten konnte.
Als ich von meinem Plauder-Rundgang um 12Uhr 27 wieder auf meinem Arbeitsplatz aufschlug, meine Essenskarte und meine Zigaretten (damals gab es noch einen Raucherbereich in der Kantine) schnappen und mich meinen total gestressten Kollegen anschließen wollte, klingelte das Telefon. Ich ging nicht ran, ich sah noch nicht mal auf das Display. Kurz wog ich ab: Würde es eventuell noch ein irgendwie anregendes Gespräch geben, dem ich meine Kantinen-Verabredung opfern sollte? Ich entschied mich mit grausamer Klarheit für die Rindsroulade. Völlig klar: Wenn’s was Wichtiges gewesen wäre, würde der Betreffende sich schon wieder melden.
In der Kantine ist die Roulade mit bestürzender Geschwindigkeit verputzt, keine zehn Minuten dauert es, danach tritt Stille am Tisch ein. Gern würde man noch ein halbes Stündchen plaudern, allein: Alle Spitzen-Anekdoten sind in den vergangenen Jahren schon mehrfach zum Besten gegeben worden; wer den Laden trägt und voranbringt, wer nur auf seinem Pöstchen sitzt, ist auch klar. Am Nachbartisch wird laut gelacht, alle reißen die Köpfe herum, in der Hoffnung, einen neuen Schwank aufzuschnappen. Man geht wieder in sein Büro zurück.
Da wird es dann ganz hart. 13Uhr 20 ist die brutalste Uhrzeit in der Welt der Festangestellten überhaupt. Eine puppenlustige Kantinen-Runde würde frühestens um 14Uhr 30 wieder auf ihren Planstellen aufschlagen. Wer aber bereits um 13Uhr 20 wieder am Platz ist, hat es noch nicht einmal geschafft, eine Dreiviertelstunde Mittagspause konstruktiv zu überbrücken. Und muss sich nach einer guten Stunde Bleistiftdrehen und planlosem Internetsurfen anhören, wie sich die puppenlustige 14-Uhr-30-Runde kreischend in der Abteilung zurückmeldet. Trist.
Dann heißt es, der Vorgesetzte hat um 16Uhr 30 eine wichtige Konferenz einberufen. Das schürt Ängste, schafft aber auch Struktur. Immerhin, um 16Uhr 30 würde etwas Bedeutsames stattfinden. Die Zeit bis dahin wird lang, man kann sich auf das Gespräch nicht vorbereiten, weil man ja nicht weiß, worum es gehen wird. Ab 16Uhr macht man sich innerlich einsatzbereit, um 16Uhr 30 auf den Weg zum Konferenzraum. Dort kommen einem schon die anderen Konferenz-Teilnehmer entgegen, die erfahren haben, dass der Termin wegen dringender anderer Termine abgesagt und bis auf weiteres verschoben wurde. Bis auf weiteres warten wir auf unseren Zimmern, dann wird es 17, 18 oder 19Uhr, je nachdem, in welcher Abteilung man arbeitet, und dann geht man heim.
Und erzählt, wie hart der Tag war. Weil man ja schlecht erzählen kann, dass nichts war außer Rindsrouladen, ein wenig Gelächter am Nebentisch und einem geplatzten Termin. Stattdessen sagt man: «Mensch, das war wieder ein Tag heute, lange stehe ich das nicht mehr durch.»
An genau so einem Tag saß ich in meinem Büro mit dem Blick auf eine der besten Ecken der Stadt, sah auf das Display meines Telefons (11:12), blätterte lustlos in meinem Kalender (Dienstag) und sah nach draußen (knackblauer Himmel, 28Grad).
Normalerweise bin ich nicht abhängig von gutem Wetter, im Gegenteil, ich denke sogar, wie gut, dass ich jetzt in diesem verschissenen Büro sitze und mir keine Gedanken darüber machen muss, was ich an so einem großartigen Tag mit so einem tollen Wetter anfangen soll. Und normalerweise habe ich auch selten vor 18Uhr den dringenden Wunsch nach einem gutgekühlten Weißwein. Aber in dem Augenblick, als ich die Minuten bis zu einem trostlosen Kantinengang zählte (es gab noch nicht einmal Rindsroulade), als ich so sicher wie das Amen in der Kirche wusste, was am Nachmittag passieren würde (nichts) und an den nächsten Tagen bis zum Wochenende, überkamen mich eine große Traurigkeit und die Gewissheit: Du vergeudest dein Leben. Du sitzt hier rum und wartest aufs Christkind. Es wird aber nicht kommen, sondern nur der nächste Feierabend. Statt hier rumzusitzen, könntest du dein Kind vom Kindergarten abholen, was Tolles unternehmen, bei einem Glas Weißwein in der Sonne überlegen, was es am Abend zu essen gibt, einkaufen gehen, kochen, mit Frau und Kind gut essen und am Ende eines ausgeglichenen Tages mit ein paar super Ideen – die mir hier schon lange nicht mehr gekommen waren – an den Schreibtisch gehen.
Ich wollte nicht einfach nur weniger arbeiten, sondern ich wollte dann arbeiten, wenn mir danach ist, so ab zehn Uhr abends, wenn ich besser denken kann. Wollte nicht mehr für Anwesenheit und Verfügbarkeit bezahlt werden, sondern für großartige neue Ideen, auf die ich natürlich nur komme, wenn ich den Kopf freihabe. Klar müsste ich dann morgens lange schlafen. Auch nicht schlecht. Ich würde den späten Vormittag und frühen Nachmittag im klassischen Sinne verdaddeln, ganz bewusst nichts tun, im Bademantel und mit zerzaustem Haar auf dem Balkon stehen, Tee trinken und die Blumen ansehen. Und leider auch gießen müssen, aber gut. Dann nach Rezepten für ein ausgewogenes Abendessen suchen, in meinem Viertel einkaufen gehen, den Kontakt mit dem gehobenen Lebensmittel-Einzelhandel pflegen. Mit einem Rucksack voller Köstlichkeiten das Kind abholen und im Park eine ganz ruhige und coole Runde Fußball kicken. Nach einem ausgiebigen Abendessen hätten meine Frau und ich uns endlich wieder etwas zu erzählen, würden automatisch leidenschaftlichen Sex haben, und nachts würde ich wieder richtig arbeiten können und nicht auf Rindsrouladen und Feierabend warten. Wenn das keine Work-Life-Balance ist, dachte ich, und so nebenbei könnte ich ja auch noch vor den staunenden Augen meines Sohnes die überkommene Rollenverteilung der Geschlechter neu definieren, ohne den vertrottelten Hausmann zu geben. Stattdessen mit einer Flexibilität leben und arbeiten, die sich andere Paare teuer erkaufen müssen. Würde mein Sohn mit Fieber aufwachen, bräuchten wir nicht panikartig unser mühsam gepflegtes Betreuungs-Netzwerk zu aktivieren, er würde einfach zu Hause bleiben, bei mir. Vorbildlich, endlich ein visionärer Entwurf, den unsere stagnierende Gesellschaft so dringend benötigt: Eltern, die beide arbeiten und trotzdem für ihre Kinder da sind. Da müssen wir hinkommen, dachte ich, wenn es mit Deutschland wieder bergauf gehen soll.
Der Gedanke elektrisierte mich geradezu. Als die Kollegen mich an jenem Tag pünktlich um 12Uhr 27 zur Kantine abholen wollten, winkte ich ab: «Keine Zeit, ich muss nachdenken.» Klingt peinlich, ich weiß, aber ich war in diesem Augenblick wirklich erregt. Obwohl ich total anders bin als andere Männer, bin ich eben auch ein Mann. Wenn ich etwas in meinem Leben verändere, dann auch richtig. Ich wollte den großen Wurf. Ich wollte diesem ganzen unentschlossenen «Der-Mann-ist-in-der-Krise-verunsichert-und-auf-der-Suche-nach-einer-neuen-Identität-, Wer-sind-die-neuen-Väter-und-wie-fühlen-sie-sich?»-Gelaber einen selbstbewussten Gegenentwurf präsentieren. Ich wollte den im Prinzip lobenswerten, aber im Ton doch anmaßenden «Wir-müssen-jetzt-die-Männer-zum-Umdenken-motivieren-Schwätzern» mal zeigen, wie die Zukunft der Familie aussah. Ich würde mich trotz Familie und Job persönlich weiterentwickeln und ein eigenständiger Mensch bleiben. Meinem Sohn ein modernes Vorbild sein. Meiner Frau die Karriere ermöglichen, die sie schon lange verdient hat. Und selbst erfolgreich und zufriedenstellend arbeiten. Und mich dabei glücklich und entspannt fühlen.
Ich bin der super Mann, dachte ich mit einer ebenso felsenfesten wie völlig unbegründeten Überzeugung. Ich kann alles, dachte ich allen Ernstes, als die Kollegen aus der Kantine zurückkamen. Ich kann fliegen, dachte ich, stellte mich auf den Balkon und stützte mich auf der Brüstung ab.
Eine Hand legte sich von hinten auf meine Schulter und sagte: «Tu’s nicht. Die haben heute eine Forelle blau in der Kantine, dafür lässt du jede Rindsroulade stehen.»
Eine Stunde später hatte ich meine Unterschrift unter den Brief gesetzt, der mit den Worten «kündige ich meinen Vertrag fristgemäß bis zum…» endete, und fühlte mich super.
Selbst in einer modernen, gleichberechtigten Beziehung löst der Satz «Schatz, ich habe gekündigt» nicht unmittelbare Begeisterung aus. «Nicht, was du denkst», fügte ich schnell hinzu, als ich das nervöse Flackern in den Augen der richtigen Frau bemerkte, und erläuterte ihr mein ambitioniertes Vorhaben. Manchmal ist es gar nicht so einfach, in den Augen einer Frau zu lesen, was gerade in ihr vorgeht. In diesem Moment glaubte ich, irgendwas zwischen «Das kann ja heiter werden» und «Jetzt muss ich diesen Penner auch noch mit durchfüttern» zu erkennen. Das kränkte mich ein wenig, muss ich schon sagen. Ich tröstete mich aber schnell mit dem Gedanken, dass noch jeder bedeutende Visionär zwangsläufig auf Unverständnis gestoßen ist, eben weil er seiner Zeit weit voraus war.
«Dann kannst du dich ja gleich mal um das da kümmern», sagte die richtige Frau, während sie den Tisch abräumte, und deutete auf einen gigantischen Berg Wäsche, der aus der Waschmaschine quoll. «Die hat heute ihren Geist aufgegeben, am Samstag fahren wir nach Italien, falls du das während deiner Revolte vergessen haben solltest.»
Eine der ersten Amtshandlungen in meinem zweiten Leben als super Mann bestand also in der Anschaffung einer neuen Waschmaschine, die alte hatte sich mit einem Wasserschaden in eine andere Stratosphäre verabschiedet, wie ein technisch versierter Nachbar von uns schnell feststellte («Die is hin»). Durch und durch ärgerlich – ich meine nicht den Wasserschaden, sondern generell Anschaffungen dieser Art: Vorher hatte man ein einwandfrei funktionierendes Gerät, hinterher auch, nur dass man dazwischen ein paar hundert Euro durch den Schornstein gejagt hat. Kommt man mit einer neuen Gitarre, einem neuen Paar Herrensocken oder einer Stehlampe nach Hause, freut man sich: «Toll, wie meine neue Gitarre klingt.» «Super, meine neuen Herrensocken.» Glückserlebnisse dieser Art braucht man bei einer neuen Waschmaschine nicht zu erwarten. Im Grunde genommen handelt es sich ja auch gar nicht um eine Neuanschaffung. Etwas, was ausgedient hat oder kaputtgegangen ist, muss ersetzt werden. Ein freudloser Vorgang, den ich trotzdem beherzt und guter Dinge angehen wollte. Schließlich würde mich die Waschmaschine über weite Strecken meiner neuen Existenz begleiten, und da wollte ich natürlich genau wissen, mit wem ich es zu tun haben würde.
Mit dieser positiven Grundhaltung betrat ich die großzügig angelegte Fachabteilung für «weiße Ware» im vierten Stock eines Kaufhauses in der Innenstadt – in der Hosentasche ein dickes Bündel Bargeld. Ich pflege solche Anschaffungen in bar zu begleichen, denn ich mag es, die Scheine umständlich nachzählend auf dem Verkaufstresen auszubreiten.
Nachdem ich mir einige Modelle angesehen und diverse Trommeln geöffnet und wieder geschlossen hatte, wurde mir klar, dass ich ohne ein Beratungsgespräch nicht weiterkam.
«Entschuldigung, ob Sie mir freundlicherweise weiterhelfen könnten?», sprach ich einen jungen Mann in weißem Kittel an. «Augenblick, geht gleich los», sagte der, wandte sich an seinen Kollegen und sagte halblaut, sodass ich es aber gerade noch hören konnte: «Ich muss dringend pissen, danach habe ich Pause, machst du gerade mal den da?» Er zeigte in meine Richtung und verschwand dann im Backstage-Bereich der Abteilung.
Der Kollege, ein restlos desinteressierter, leicht übergewichtiger Mann Anfang zwanzig, der in seiner Jugend offenbar stark unter Akne gelitten hatte und diesen Job nach seiner Ausbildung, ohne darüber nachzudenken, einfach weitergemacht hatte, sah in meine Richtung und zog eine Fresse. Kein guter Auftakt für ein Beratungsgespräch, fand ich, aber ich war immer noch guter Dinge. Der Typ, der jetzt gelangweilt und sich am Bauch kratzend auf mich zuschob, sollte ja nicht mein neuer Freund fürs Leben werden, sondern mir nur eine Waschmaschine verkaufen.
«So, wo ist hier das Problem jetzt?», begann der junge Mann das Verkaufsgespräch, eine Eröffnung, die mich rhetorisch total überraschte.
Ich überlegte einen Augenblick und sagte dann wahrheitsgemäß: «Ich brauche eine neue Waschmaschine.»
«Da brauchen Sie nicht lange suchen», sagte der Verkäufer, zog die Hose über seinen mächtigen Hintern hoch, schnäuzte sich und deutete über die Auslage: «Wir haben so viele davon, dass wir versuchen, so viele wie möglich zu verkaufen.» Den kannte ich immerhin schon und dachte, das Eis sei jetzt gebrochen. Von wegen. Stattdessen: Schweigen. Als ich die Stille nicht mehr aushielt, sagte ich: «Welches Modell können Sie mir denn empfehlen?»
«Kommt drauf an, was Sie haben wollen», sagte der junge Mann und verschwand grußlos im Backstage-Bereich.
Ich blickte unentschlossen auf den Frontlader vor mir und spürte, wie das Geldbündel in meiner Hosentasche unangenehm gegen mein Skrotum zu drücken begann. Ich wechselte die Hosentasche. Nach einiger Zeit erschien der junge Mann erneut auf der Bildfläche. Er hielt ein Handy auf seine vor Zorn tiefrote Ohrmuschel und brüllte: «Und die Scheiße bei euch im Lager können wir dann hier oben wieder ausbaden, oder was?» Er knallte das Gerät auf den Frontlader, sah mir fest in die Augen und sagte: «So, haben Sie sich hier jetzt mal was ausgesucht, oder was?»
Sätze mit «oder was?» abzubinden gefiel mir plötzlich, und ich beschloss, mich zumindest vorläufig der Situation zu ergeben. Ich stellte mich vor zwei Modelle, deren Eckdaten– Umdrehungen pro Minute, Wasserverbrauch, Trommelinhalt etc. – mir weitgehend identisch erschienen, die sich aber deutlich im Preis unterschieden. Die eine kostete 399Euro, die andere 599, beides Markenfabrikate. Ich legte die linke Hand auf das Modell für 399
